Soo, nach zwei Jahren bin ich zurück in Estland, und weil's da so schön war, hänge ich jetzt doch noch vier Estlandtage an. Um den Hafen von Tallinn legen sich Glashäuser, breite Radwege und eine Klappbrücke, die so lange zum Rauf- und Runterklappen braucht, dass ich schneller auf der anderen Seite war, indem ich das entsprechende Hafenbecken umrundete. Bei den großen Ostseefähren setzt Estland neuerdings auf eine von Papierschiffen bekannte Bauweise, nur eben im größeren Maßstab.
Und da ist sie auch schon, die Ostsee. Hinter der Betonkante plantschten die Menschen an einem kleinen Sandstrand. Hier also gehen Tallinner schwimmen, seit ihnen das Meer im Zuges des Mau(me)erfalls zur Verfügung steht. Die kleinen blauen Wellen sahen unserer Mecklenburger Ostsee daheim erstaunlich ähnlich, und sie rochen sogar exakt gleich - dieselbe Mischung aus frischem Salzwasser und ganz leichtem Verwesungsgeruch der angespülten Algen. All die Unterschiede, die sich während der letzten Ostseetouren aufgedrängt hatten, waren plötzlich wie vergessen. Trotz der kleinen Bunkerklötze im Wasser, und sogar, als der Sandstrand aufhörte und nur die Betonkante blieb.
Hinter einem Wall verschanzt sich das estnische Museum der Geschichte wie eine Festung, und daneben das sowjetische Ehrenmal für die Opfer der Nazis und die Verteidiger Tallinns. Zu sehen ist davon eine Steinsäule und... eine Art riesige bröckelnde Betonwanne? Das sieht aber nicht so gut in Schuss aus wie das Berliner Ehrenmal im Treptower Park, die Russen haben da offenbar nach der Wende keinen so für sie günstigen Vertrag über Kriegsgräberfürsorge geschlossen wie mit Deutschland. Das Ganze wurde ausgerechnet auf einen plattgemachten deutschen Soldatenfriedhof gebaut, aber an die Deutschen erinnert inzwischen auch wieder ein Steinkreuz.
Der Bikeline von Michael Cramer schlägt eine Route vor, die alle Finger bzw. Halbinseln der estnischen Küste umrundet, soweit das halt geht, ohne in eine Sackgasse oder auf unbefahrbare Wege zu gelangen. Warum nicht? Wenn ich schon weiter durch Estland fahre, dann auch richtig. Der erste Finger mit dem Ort Rohuneeme gehört noch zum Stadtgebiet und ist voll von Hauptstraßen und Gleisen, dahinter versteckt sich die erstaunlich hohe, aber hohle Klosterruine von Pirita.
Da ist aber auch ein ganz traumhafter Radweg durch den welligen Dünenwald, mit dauerhaftem Strandblick und vielen Fitnessgeräten und Spielplätzen am Wegesrand, diesmal völlig ohne Beton. Dieser Weg ist noch in keiner Karte als Osteeradweg markiert, und ja, natürlich musste ich auf Spaziergänger, Kinderwagen und Inlinerfahrer aufpassen, und ja, er hat mich ordentlich ausgebremst, trotzdem würde ich ihn jederzeit wieder fahren. Wenn ich schon an der Ostsee fahren, dann richtig. Und richtiger als hier wird es heute nicht mehr.
Zurück an der Straße hupte es plötzlich. Und dann nochmal. Nanu? Außer mir und dem weißen Auto war kein anderer Verkehrsteilnehmer zugegen, und ich fuhr doch ganz normal auf dem Radweg.
HUUP!
Der Autofahrer stieg aus und begann zu klatschen. Und erst da erkannte ich, dass doch noch ein dritter Verkehrsteilnehmer anwesend war: Eine Möwe saß auf der Straße und ließ sich erst dazu bewegen, sich zu bewegen (Bildmitte), als der Autofahrer sie fast erreicht hatte.
Der Weg ist noch ganz gut beschildert. Am ältesten sind offensichtlich die Aufkleber der estnischen Radwege, gefolgt vom EuroVelo 10 (Ostsee) und 11 (Osteuropa), und der 13 (Eiserner Vorhang) wurde offenbar erst kürzlich ergänzt.
Vorbei an aktiven und stillgelegten Industriegebäuden wechselte ich die Richtung auf die östliche Hälfte der Halbinsel. Hier ging es schon sehr viel ruhiger zu, die Nebenstraße zickzackte zwischen weißen Häusern hindurch, dennoch war die Route leicht zu finden. Puh, ich glaube, ich bin aus der Hauptstadt raus.
Oder? Hinter der Halbinsel kommen noch die Rohre und der Güterhafen von Maardu, Estlands siebtgrößter und überwiegend russischsprachiger Stadt. War aber kein Problem, weil der Radweg da geradewegs dran vorbeidurchführte.
Danach lag am Straßenrand eine komplett zugewachsene Felswand. 1921 wurde sie trotz des Bewuchses entdeckt und bis 1938 Phosphor abgebaut. Wahrscheinlich gehörte auch diese malerisch von Schlingpflanzen verschlungene Ruine irgendwie zur Mine.
In der Felswand blieben solche engen Spalten übrig, in die ein Mensch nur mit Mühe reinkriechen könnte, wenn er es denn dürfte. Was er nicht darf. Ein grüner Gitterzaun und eine noch grünere Pflanzenwand verhindern effektiv jedes Eindringen, sogar von neugierigen Blicken.
Nur durch diese Spalte kann man einmal komplett durchgucken. Ein kleiner Bach nimmt den direkten Weg durch die Wand, denn ihn können weder Zäune noch Pflanzen stoppen. Macht nichts, der darf da rein, denn die Bewohner der Höhle mögen Wasser.
Sechs Fledermausarten überwintern in den Höhlen, darunter auch Teichfledermäuse. Die sind das ganze Jahr über in der Nähe von Wasser, und im Winter hängen sie am liebsten in menschlichen militärischen Resten ab. Man sollte meinen, von beidem gäbe es in Estland mehr als genug, trotzdem sinkt die Zahl der Teichfledermäuse in Estland. Denn die Menschen wollen die ganzen Ruinen auch im Winter besichtigen und schrecken so die tierischen Hausbesetzer aus dem Schlaf.
Noch vor der zweiten Halbinsel trennen sich die Routen von Bikeline, App und Wegweisern. Letztere wollten mich von der Küste weglocken, ich wollte noch bleiben. Ohne Schilder musste ich natürlich genauer hinsehen, wo ich denn jetzt abbieg... hä, wieso bin ich denn jetzt wieder hier?!
Oh. Ich hätte da vorhin auf den großen Golfplatz und Country Club abbiegen sollen, vorbei an der geschlossenen Schranke. Das ging auch, kein Golfspieler hat sich beschwert. Wenn jetzt noch die kleine Brücke am Ende des Geländes existiert, dann hatte Bikeline Recht und... ah ja, sie existiert.
Ich schob das Rad seitlich unter den Stahlseilen durch auf die schwankenden Bretter, und sofort hing die Hängebrücke ein Stück tiefer. Ich schob durch die Pflanzen aufs Wasser hinaus bis zur Flussmitte. Dort hing die Brücke so tief, dass meine Schuhe und Reifen mindestens einen Zentimeter ins Wasser eintauchten. Eine Mutter mit Kindern wollte die Brücke überqueren, überlegte es sich beim Anblick meines vollbepackten Gefährts auf dem schmalen Bretterweg aber nochmal anders und ließ mich erst vorbei.
Crazy Cramer hat wieder zugeschlagen! Aber das ist mal ein Crazy-Cramer-Weg, der witzig ist und nicht ätzend. Trotzdem kann ich auch verstehen, dass die Aufsteller der Wegweiser die Mehrheit der Radler lieber woanders entlangleiten wollten...
Schwierig ist es immer, bei Reisen in die Wildnis Gelegenheit zum Duschen zu finden. Heute fand ich die wahrscheinlich großartigste Gelegenheit des Ostseeradwegs. Ich machte abends noch den Abstecher von wenigen Kilometern zum Wasserfall Jägala Joa, der einfach mal alle Wasserfälle auf meinem Wasserfall-Tag westlich von Tallinn toppt. Wie der Wasserfall von Keila Joa ergießt er sich von einer Felskante, aber nicht in einem sorgsam zurechtgeschnippelten Park, sondern in echter Wildnis. Die Kante bildet einen ganz malerischen Kessel, und die letzten Sonnenstrahlen fielen perfekt auf das goldene Wasser.
Warte, baden da welche?
Ich stapfte die Anhöhe runter, zog mir Badesachen an und watete durch das steinige Wasser. Sorgsam beobachtete ich, wie nahe die Einheimischen rangehen. Ziemlich nah. Aber nicht nah genug, dass das Rauschen ihr Kreischen übertönt hätte. Die älteren Damen ließen sich immer wieder in die tieferen Wasserbecken unter dem Fall fallen, und schließlich war auch ich angekommen und wagte mich hinein in meine neue Lieblingsdusche. Unter die seitlichen Wasserstrahlen kann man sich durchaus stellen. Die mittleren sind dafür wahrscheinlich zu stark, aber an die kann man eh nicht ranschwimmen, da legen die Strömung und das aufgewühlte Wasser ihr Veto ein und stoßen die Badegäste aus Sicherheitsgründen zurück. Mir fällt kein anderer Wasserfall ein, der derart groß ist, in dem man aber noch recht gefahrlos baden kann (höchstens die Elsafälle in der Toskana). Falls die Wild-Swimming-Buchreihe jemals einen Teil zum Baltikum veröffentlichen sollte, gehört das hier auf die Nr. 1!
Die zweite Halbinsel heißt Neeme und ist eine kleine, tropfenförmige Spitze mit einem sehr engen "Hals" an der Verbindung zum Festland. Beweis: Der Radweg auf die Insel rauf (links) und von der Insel runter (rechts) berühren sich fast.
Auch auf Neeme dominieren schlanke Nadelwälder, in denen sich der äußerste Speckgürtel Tallinns verbirgt. Neeme ich jedenfalls an. Manche Häuser sind mit blassblauem Holz verkleidet, andere einfach weiß.
Kurz darauf entdeckte ich einen kleinen Bunker am Wegesrand, und dahinter einen idealen Schlafplatz. Das Innere war leider stark zugemüllt, und deshalb war ich sehr erleichtert, dass die Wettervorhersage eine klare Nacht vorhersagte. Auch wenn damit eine klare Fortsetzung der Hitzewelle einherging.














