DIE HIRSCHKÄFER-SPITZE
HEUTE ERKUNDEN WIR BEIDE NORDSPITZEN DER INSEL UND ENTDECKEN DORT STEINWÜSTEN UNTERSCHIEDLICHER ART. FÜNFTER TAG UNSERER
TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN
![]() |
| Kiesküste: Radweg, Steinchen und Felsstrand im Nordwesten |
![]() |
| Baumbögen: Weitere Waldstrecke |
![]() |
| "Achtung, Sicherheitshinweis, lassen Sie Ihr Gegrilltes nicht unbeaufsichtigt!" Grill im Bahnhof |
![]() |
Vorsicht an der |
![]() |
| Wurde nicht gefragt: Fotografierte Käferin Karla |
"Sei vorsichtig wenn Du hast helle Kleider an."
- Kryptischer Hinweis der Böda-Waldbahn -
![]() |
| Bio-Leichentuch: Toter Baum mit Schlingpflanzen |
![]() |
| Teerdown: Alte Grube zum Teerbrennen |
![]() |
| Im Trollskogen: Gewundener Pfad und gewundene Baumleiche |
Tatsächlich erinnert die ganze Nordspitze Ölands an einen männlichen Hirschkäfer. Wie zwei Scheren strecken sich zwei Arme nach Norden, dazwischen liegt fast vollständig eingeschlossen eine Bucht. Die rechte Schere besteht aus dem Trollskogen. Ich hatte den Trollskogen ursprünglich nicht in die Route eingeplant, aber die Künstlerin von Marsjö hatte ihn uns sehr empfohlen, also öffnen wir das Tor am Ende des Parkplatzes und schauten mal rein.
Dieser Wald ist noch heller als die anderen Wälder Ölands, von Trollen keine Spur. Es stehen hauptsächlich dünne Birken und andere dünne Bäume herum. Wenn ein Baum mal doch etwas dicker wird, betreiben die Birken so viel Fatshaming, dass er stirbt. Diese toten Bäume hüllen sich entweder in Efeu oder winden sich vor lauter Scham in eine kuriose Korkenzieherform. Diese leblosen Bäumchen sollen das Markenzeichen des Waldes sein. An die tanzenden Bäume der baltischen Staaten kommen sie allerdings nicht heran, denn zum einen gibt es nun auch nicht so wahnsinnig viele von ihnen und zum anderen sind sie nicht besonders hoch, nach wenigen Metern brechen die Stämme immer ab.
![]() |
Bucht, Bodden, Wiek, Fjord? |
![]() |
| Gedenkschranke |
![]() |
| Kahler Kies: Steinstrand im Nordwesten |
Damit sind wir im Nordwesten der Insel, und hier wird es wieder rauer. Der Kalmarsund ist viel breiter, das Festland ein ferner Streifen. Der Radweg folgt hier oft einer Straße direkt am Wasser, auf der einen Seite ein zusammengekauerter Wald, auf der anderen schlagen die Wellen gegen schartige Felsplatten. Nicht diese gerundeten Dinger, die man sonst an den skandinavischen Schärenküsten findet. Die Felsplattenstrände auf Öland sind eckig wie die in der Toskana, nur eben nicht in warmen Brauntönen, sondern in kalten Grautönen. Daneben liegt ein breiter Streifen Kies fast ohne Pflanzen.
![]() |
| Dieses Bauprojekt wurde gut begründet: Brücke zu Stora Grundet |
Als wir an einer Wendeschleife ankommen, ist es wieder ein bisschen bewachsener, sogar ein Baum spendet Schatten für den Rastplatz. Damit sind wir am Norra Udde, dem Nordende der Insel angekommen. Eine kurze Holzbrücke führt allerdings noch rüber auf die Insel Stora Grundet, die mit anderen Inseln die Einfahrt in die Bucht blockiert. Auch wenn davon nicht viel zu sehen war: In Richtung Norden zersplittert die Ostküste Ölands auch ein bisschen in eine kleine, bescheidene Schärenlandschaft.
![]() |
| Sandland: Das östliche Ende von Stora Grundet |
Stora Grundet jedenfalls besteht aus einem Haufen sandiger Wege mit niedrigen, windgebeutelten Gräsern und Bäumchen. In der Mitte steht der Långe Erik, das weitgehend identische Gegenstück zum Lången Jan im Süden. Bis 1976 lebten auf der Insel der Leuchtturmwärter, der Chefleuchtturmwärter und der Leuchtturmwärterassistent, alle jeweils mit ihren Familien - sie hatten sogar eine Schule für die Kinder. Nach der Automatisierung gab es hier nur noch einen Meteorologen. Die früheren Häuser dienen heute als Eisladen, eines enthält noch immer ein Signalhorn für neblige Tage.
![]() |
| Jenga für Vollprofis: Steintürme auf Stora Grundet |
Als wir ein paar Schritte nach Norden machen, stehen wir urplötzlich vor einem kompletten Wald aus Steintürmen. Damit meine ich diese kleinen Dinger, die manchmal Wanderer als eine Mischung aus Wegweiser, Ich-war-hier und Pausenbeschäftigung aufstapeln. Ich habe aber noch nie so viele auf einem Ort gesehen, schon gar nicht im Flachland, und manche davon echt hoch. Der Steinstrand ist komplett blockiert, denn aus Respekt vor diese Stapelleistung wagt es kein einziger Tourist, sich da durchzuschlängeln und im Meer zu schwimmen. Yumi und der Nightmare-Painter könnten hier ihren Traumurlaub verbringen.
![]() |
Wüste-Beleidigung: Die |
Dann sind wir auch schon in Byxelkrok, dem kleinen Zentrum Nordölands. Es ist ein wirklich sehr kleines Zentrum, und auch noch ein ziemlich komisches. Rechts von der Hafenstraße steht ein Haufen roter Häuser mit Geschäften, die zum Beispiel Kinderkleidchen mit Pippi-Langstrumpf-Motiv verkaufen, und Restaurants mit einem extra Hundemenü: 2 Köttbullar für 20 Kronen, eine rohe Wurst für 15 Kronen, ein rohes Ei für 10 Kronen. Diese Hälfte hat außerdem einen öffentlichen Trinkwasserhahn und ist somit ganz in Ordnung.
Die andere Hälfte dagegen ist eine Art Steinwüste mit großen Brocken, in deren Mitte eine Fontäne auf algenbewachsene Steine prasselt und vergeblich versucht, der Wüste etwas Frische einzuhauchen. Dahinter parken Wohnmobile die Wüste zu. Es ist heiß, richtig heiß. Aber es gibt immerhin eine Ladestation für E-Bikes, an der ich frischen Strom zum Mithalten tanke.
![]() |
| Mit KfZ und Kegel: Fähre Byxelkrok - Oskarshamn |
In der Mitte von alldem legt die zweite Öland-Fähre ab. "Schwedens gemütlichste Fähre" fährt noch bis zum 28. August zweimal täglich in jede Richtung, wann genau, sollte man vorher bei der Buchung nachschauen, denn es kann immer mal um eine halbe Stunde vom allgemeinen Fahrplan abweichen. Eine halbe Stunde vorher stehen die Autofahrer in der prallen Sonne Schlange, daneben am Rand die Radler und Fußgänger. Schließlich legt der olle Stahlkahn an, die Spitze fährt mit der Durchschnittsgeschwindigkeit einer fußlahmen Schnecke nach oben, und ein Matrose entfernt den Kegel, der bislang ganz allein sämtliche illegalen Fahrten auf die Rampe verhindert hat. Das olle Schiff schwankt ziemlich stark in den Wellen des Kalmarsunds, ein Matrose wickelt deshalb nochmal extra ein Seil um alle Fahrräder. Die Fahrt geht nach Oskarshamn auf dem Festland, von wo aus auch Anschluss nach Gotland besteht, beide Inseln lassen sich also gut zu einer zweiwöchigen Tour verbinden. Für die Überfahrt braucht es zwei Stunden. Zum Vergleich: Die Gotlandfähre nebenan fährt etwa dreimal so weit, braucht dafür aber nur eine Stunde länger. Die Hälfte der Fahrzeit läuft ein Video mit Sicherheitshinweisen auf dem Bildschirm. Aber es gibt immerhin ein sonniges Außendeck und einen schattigen Imbissraum mit ausreichend Sitzplätzen im Inneren, also ist das allem Gemecker zum Trotz schon in Ordnung.
![]() |
Sternzeichen unbekannt: |
Und die Aussicht ist nicht schlecht. Denn wir ziehen ziemlich dicht vorbei an einer ganz speziellen Insel, die schon auf Öland alle Blicke auf sich gezogen hat. Eine einsame Kuppe brauner Felswände mit Wald drauf ragt aus dem Kalmarsund, ungewöhnlich hoch und erstaunlich regelmäßig. So ähnlich habe ich mir die Vogelinseln aus Isles of the Emberdark vorgestellt. Ausflugsschiffe von Byxelkrok und Oskarshamn fahren dorthin. Es ist kein Wunder, dass dieses unwirkliche Eiland die Fantasie der Menschen beflügelt hat - aber leider nicht immer zum Guten. Die magische Insel heißt Blåkulla oder Blå Jungfrun und ist angeblich eine Schildkröte. Auf dem Panzer der Blauen Jungfrau treffen sich Schwedens Hexen für ihre magischen Rituale. Eine Info, die bei heutigen Menschen wahlweise ein Okay, sollen sie doch oder ein Kann ich mitmachen? hervorruft, aber zur Hochzeit der Hexenverfolgung natürlich todernst genommen wurde. Die Insel ist im Prinzip der schwedische Brocken, wenn der Brocken in der Ostsee liegen würde und Mittelpunkt einer irrwitzigen Verschwörungstheorie gewesen wäre.
![]() |
| Badesand: Strand von Byxelkrok |
![]() |
| Vom Grauen ins Grüne: Radweg aus Byxelkrok |
Gut, aber jetzt zurück auf Öland. Schauen wir noch kurz nach, was hinter Byxelkrok kommt. Die Antwort: Schönere Dinge als Byxelkrok. Die kahlen Steinfelder sind vorerst vorbei, jetzt wird es grüner. Zuerst kommt ein netter Strand mit einer kleinen Seebrücke, einem Beachvolleyballfeld und einer Sauna in einem Fass. Die kann nur nutzen, wer Vereinsmitglied ist. Das funktioniert so: Mitglieder kriegen einen Türcode, sie können die Sauna aber nicht reservieren. Wenn man kommt und es ist noch jemand drin, dürfen die Leute im Fass noch maximal 45 Minuten fertigsaunieren.
![]() |
| Ein Lichtlein klein: Das Byxelkroker Leuchttürmchen |
![]() |
| Rückwärtsgewandt: Blick vom Leuchtturm auf die Bucht von Byxelkrok |
![]() |
| Kann das Seinhorn? Pferd im Küstenwald |
Dazwischen immer wieder offene Bereiche mit einem
seltsamen Fruchtbarkeits-Kontrastprogramm: Rechts zwängt sich das Gras
mit Mühe aus dem steinigen Alvar-Boden, links dagegen beginnen gleich
hinter der Mauer dichtbewachsene Gärten, in denen die Obstbäume voller
Obst hängen.
Anschließend folgen noch ein paar Kilometer Kieswege durch den Wald, so wie wir sie gestern schon hatten.
![]() |
| Links üppig, rechts gestrüppig: Gärten und Küstenweg bei Byxelkrok |
Und dort geht noch einmal ein Abzweig ab zum letzten, schönsten und küstennächsten Shelter auf dem Ölandsleden. Es ist zwar ein kleiner Umweg in diesen Küstenwald, aber dafür wird der Radfahrer reich belohnt. Diese Hütte hat kein Plumpsklo, dafür hat jemand im Inneren sogar Kissen und Kuscheldecke zurückgelassen, für den Fall, dass es kälter werden sollte als geplant. Unhygienisch ist das nicht zwingend, schließlich lassen sich die Dinger auch von außen auf oder unter den eigenen Schlafsack legen.
![]() |
| Decken statt Zecken: Shelter im Nordwesten |
Diese voreilige Schlussfolgerung ist absoluter Käse. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Seit den 1940ern ist alles von Natur aus immer mehr mit Kiefern zugewachsen, und jetzt schafft er Mensch wieder künstliche Lichtungen. Der Wald ist jetzt nämlich so dicht, dass einige der ältesten Bäume durch die junge Konkurrenz abzusterben, und auch andere Arten, die auf Licht angewiesen sind, finden keinen Lebensraum mehr. Der Zettel bittet um Entschuldigung für das wüste Aussehen, aber das würde langfristig die natürliche Vielfalt erhöhen. Anders als in Byxelkrok kann ich nichts erkennen, das wüst aussieht, somit fällt mir die Entschuldigung leicht. Die Frage ist nur: Wieso war es in den 1940ern überhaupt so kahl, also wieso sind die Kiefern nicht schon früher gewachsen? Vielleicht hatte das doch etwas mit dem homo sapiens und ein paar bitterkalten, mangelhaften Kriegswintern zu tun.
![]() |
| Bringen keine Abwrackprämie: Kaputte Boote |
Ob die kaputten Holzboote am Strand wohl auch aus dieser Zeit stammen? Sie liegen mit dem Kiel nach oben, es fehlen einige Balken. Das verrostete Gerät mit dem großen Zahnrad war vermutlich eine Vorrichtung, um sie an Land zu ziehen. Solche Boote liegen an mehreren Stellen an den Badestränden von Ölands Westküste, aber genau wie das Shelter sind sie nirgendwo so malerisch wie hier.

























Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen