Im 18. Jahrhundert fiel den Esten auf, dass jede Menge Kalkstein in ihrem Land wächst, und dass man daraus ja Brücken bauen könnte. Vor allem im Norden, wo der Kalkstein näher dran und die Flüsse breiter waren. Trotzdem wurde erst 1831 das Projekt in Angriff genommen, die Poststraße von Tallinn nach Narva komplett mit 26 vernünftigen Brücken auszustatten, davon 4 aus Stein.
Eine davon führt im Kalkdorf Valkla über den gleichnamigen Fluss und ist dermaßen niedrig, dass mir erst beim Zurückschauen und nachdem ich das dazugehörige Schild gesehen hatte aufgefallen ist, dass ich gerade über die Valkla-Brücke gefahren bin. Wann genau sie entstand, weiß man nicht, aber schon 1855 gibt es eine Beschwerde, dass der Fluss einen Pfeiler ausgehöhlt hatte. Der Mangel wurde aber nicht in Angriff genommen, das Zarenreich kümmerte sich nur so mittelgut um seine Kolonie. Erst für 1928 ist eine Reparatur belegt, auch wenn man nicht genau weiß, welche.
Die Bänke auf dieser Strecke sind gezackt und erinnern an Burgpalisaden.
Heute habe ich den Lahema-Nationalpark durchquert, den ersten in der Sowjetunion. Der Name bedeutet Buchtenland, und darum ist ist es keine Überraschung, dass die Halbinseln heute länger und zahlreicher werden, denn irgendwas muss ja auch zwischen diesen Buchten sein. Zwei Drittel des Parks bestehen aus Wasser und Sümpfen. Auf der ersten Halbinsel fuhr ich hinauf bis nach Leesi. Die Küste säumen kleine Gehöfte mit Feldsteinmauern - oder eher Feldsteinbegrenzungslinienhaufen -, erst danach kommt der Wald.
Es gab also jede Menge Schatten, aber auch genug Sonne, dass sich meine neue Sonnencremeflasche schon wieder rapide leerte. Trotzdem freute mich die Sonne sehr. Aus folgendem Grund: Auf der Anreise hatte ich mir sehr spontan eine Solar-Powerbank gekauft sowie ein neues Stück Naturseife. Die Idee: Wenn ich das Handy sparsam im Energiesparmodus nutze, mit der Sonne auflade und ich mich in Naturgewässern waschen kann, dann bin ich im Hochsommer tatsächlich komplett autark. Ich brauche natürlich noch alle paar Tage einen Supermarkt, aber theoretisch keinerlei Unterkünfte mehr. Optimistisch schnallte ich die Solarplatte auf die Sonnenseite meines Gepäckträgers.
Hat das funktioniert? Natürlich nicht. Ein Gerät, das hält, was es verspricht - machen Sie sich nicht lächerlich. Der Ladestand der Powerbank folgte keinerlei erkennbaren technologischen und meteorologischen Logik. Mal hatte die Sonne sie urplötzlich gefüllt, dann wieder schienen die Sonnenstrahlen ihr alle Energie herauszusaugen, die meiste Zeit aber schien die Sonne keinerlei Einfluss auf den Füllstand zu haben. Trotzdem hatte ich mit der Verfügbarkeit von Strom keinerlei Probleme, weil ich auf dieser Reise oft genug andere Verkehrsmittel mit Steckdosen nutzte.
Das heißt aber nicht, dass ich mit dem Aufladen keinerlei Probleme hatte. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied, der mir an jenem Tag auch noch nicht klar war.
Dass die Sowjets den Nationalpark gründeten, hielt sie nicht davon ab, die Spitzen der Halbinseln mit Militärbasen zu dekorieren. Zum Beispiel an der Spitze der Halbinsel von Leisi (hinten im Bild), dort bauten sie gleich zwei. Auf einer davon bestanden die Raketen aus Sperrholz und Blech - es handelte sich um eine komplette Attrappe, um die Westmächte von der echten Basis auf der Ostseite der Halbinsel abzulenken. Und in den Resten der Attrappe soll sich heute ein Naturlagerplatz zum Übernachten befinden. Ach, Mensch, verdammt schade, dass es noch viel zu früh ist, um das Lager aufzuschlagen.
Die nächste Halbinsel beginnt in Loksa, der größten Stadt im Nationalpark. Alte Mauern und Schornsteinen erzählen noch von den Schiffen und Backsteinen, die hier hergestellt wurden. Die Innenstadt sieht aber ganz und gar nicht backsteinig aus, sie besteht aus Bäumen, zurückgezogenen Villen und einem Haufen weißer Bänke ohne Lehne.Auf der Halbinsel Pärispea springt wieder mal die schöne Aufmachung der Bushaltestellen ins Auge, zum Beispiel als komplett grünes Wohnzimmer.
Auch die Strichelstraßen im Nationalpark (links) sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Dort hat jemand nämlich mit einem dünnen Pinsel kreideähnliche Linien vorgezeichnet, die erst später durch normale dicke Strichellinien ersetzt wurden. Weil sich nun aber die neuen und alten Linien nicht exakt überschneiden, ergibt sich beim Schnellen Durchfahren eine Art Trickfilmeffekt: Es sieht aus, als würde die dünne Linie immer wieder durch die dicken Linien hindurchschlüpfen und auf der anderen Seite herausschießen, auf dem Weg zur nächsten Linie. Ist das Kunst oder nur ein Weg?
Wenigstens eine der Halbinseln wollte ich auch komplett bis zur Spitze hochfahren. Schweren Herzens entschied ich mich für Pärispea und gegen die Leisi-Halbinsel mit der Attrappe. Auf Pärispea stehen sogar noch mehr alte Militärgebäude in den Brennnesseln, manche nur noch als hohle Häusermauer, andere als kompletter Block. In der Radarstation überwachten die Sowjets den ganzen Schiffsverkehr im Finnischen Meerbusen, nebenan entmagnetisierten sie ihre U-Boote.
Die Zugänge sind allesamt mit Brettern vernagelt. Okay, diese Bretter sind inzwischen in einem Zustand, in dem sie vermutlich nicht mal ein Kleinkind aufhalten könnten. Aber gerade das sollte vermutlich eine deutliche Warnung davor sein, das Haus zu betreten, dessen Zustand dann ja vermutlich nicht besser sein wird.
Am Strand entdeckte ich dann noch einen ganz eigenartigen militärischen Überrest. Ich stieg einen zugewachsenen Beton-Fahrweg hinauf auf einen kleinen Hügel. Die Oberseite war mit besonders hässlichen Betonplatten drin belegt, in denen ovale Steine wie riesige Reiskörner eingeschlossen waren. Rundherum aber dufteten die schönsten Rosenbüsche. Warum genau haben sich die Soldaten die Mühe gemacht, eine Straße auf diesen Hügel zu bauen, für Parkplätze ist doch auch unten genug Platz?
Wahrscheinlich war das ihr geheimer Parkplatz für romantische Verabredungen.
Auch auf der Spitze von Pärispea befindet sich ein Naturlagerplatz mit Grill, Plumpsklos und weiteren Rosenbüschen, und jede Menge Esten hatten das warme Wochenende genutzt, um hier mit ihren Zelten oder Wohnmobilen hochzufahren.
Nope, Schlafenszeit ist immer noch nicht, aber zumindest Mittagszeit.
Und dahinter ist schon der eigentliche Grund zu sehen, warum ich nach Pärispea wollte. Denn ich bin immer noch nicht an der Spitze.
Diese Spitze stellt die Purekkari-Landzunge dar. Die besteht hauptsächlich aus sehr vielen Steinen von sehr unterschiedlicher Größe. Das gebogene Gebilde erinnerte mich an die chaotische Mole von Ainaži, ist aber komplett natürlichen Usprungs. Trotzdem ist es sogar ein wenig leichter zu begehen als Ainažis Mole, auch wenn oft kaum zu erkennen ist, wo der Pfad als nächstes langführt. Hier und da biegt sich auch überraschend hohes und normales Gras im Wind, weiter hinten sogar einzelne Bäume und noch mehr Rosenbüsche, dann sogar Sümpfe, über deren schwarzen Schlamm jemand Bretter gelegt hat.
Aber so weit war ich noch nicht. Erstmal musste ich durch den steinigen Teil, und dabei war mir das Meer im Weg. Das hier ist eine der wenigen Stellen der Ostsee, wo die Gezeiten für Fußgänger wirklich einen Unterschied machen: Ob man nämlich durchs Wasser waten oder nur mit großen Schritten über ein paar nassere Steine kraxeln muss, das hängt vom aktuellen Stand des Mondes ab. Und damit auch die Frage, ob der hintere Teil von Purekkari eine Insel darstellt - und ob der nördlichste Festlandpunkt Estlands auf diesem Foto hier liegt oder erst auf dem übernächsten.
Bei mir lagen die kritischen Steine noch nicht so richtig im Wasser, und ich konnte sehr vorsichtig drübersteigen. Das heißt dann wohl, bis zum nördlichsten Punkt ist es noch ein Stückchen.
Wenn ich Steine von sehr unterschiedlicher Größe sage, dann meine ich das auch so. Purekkari hat 65 Findlinge, die über 2 M hoch und über 12 Meter im Durchmesser sind, manche knacken sogar fast den Durchmesser von 30. Oft liegen diese Riesenbrocken eher in pflanzlicher als in steiniger Gesellschaft, wahrscheinlich, weil sich ihrem Windschatten besonders viel Erde ansammeln konnte.
Damit die kleinen Steine hier optisch mithalten können, haben Spaziergänger sie zu hohen Türmen aufgestapelt, der Rekordhalter ist hinten im Bild zu sehen.
So, und das ist jetzt wirklich das Ende der Landzunge, weiter geht es nicht. Hmm, ob ich da drüben schon Finnland erspähen kann? Nope, keine Chance.
Seine ganz eigene Tierliebe zelebriert dieser Grundbesitzer mit Schweineköpfen im schmiedeeisernen Tor und Pantherstatuen daneben.
Bis hierhin war ich sehr froh, dem Bikeline und nicht den Schildern oder der App gefolgt zu sein. Auf der Halbinsel von Käsmu war ich es nicht mehr. Zwar funkelte zwischen den Bäumen ein blauer See, allerdings funkelten auch auf den Wegen schwarze Pfützen. Und wo nicht, war der Weg stark versandet. (Es war nicht so schlimm wie der Grenzweg bei Nida, aber der sollte auch wirklich kein Maßstab für irgendwas sein.)
In Käsmu bog ich zum belebten Hafen ab, wo einige Menschen zum Restaurant spazierten. Mich interessierte aber etwas anderes. Hinter der Statue eines weißen Rehs auf einem weiteren Riesenstein stand ein alter sowjetischer Wachturm. Er war komplett grün angestrichen und wieder hergerichtet, und jeder konnte ihn besteigen, was am Eisernen Vorhang bekanntlich eine Seltenheit ist und den in baltischen Staaten bisher noch gar nicht vorkam. Noch dazu gibt es keinen Eintritt, nicht mal eine Spendenbox oder irgendwelche Warnhinweise. Die einzige Texttafel war auf Russisch und anscheinend noch von damals.
Die sowjetischen Türme sind noch dürrer und skelettartiger als die polnischen. Die grünen Stangen verschwimmen mit der grünen Umgebung rundherum, dazwischen halten nur ein paar Brette die eigenen Füße. Etwas mulmig fühlt sich das schon an, so inmitten von leerer Luft zu kraxeln. Das Teil schwankte leicht, aber insgesamt wirkte es trotz allem vertrauenswürdig. Und der Blick über das weiße Küstendörfchen und die nächste Bucht ist es eindeutig wert.
Im Dorf der Kapitäne ließen sich Seemänner ausbilden und ihre Schiffe überwintern. Als daraus ein Sperrgebiet wurde, flohen ein Dritten der 500 Einwohner nach drüben. Mit Seefahrt kannten sie sich ja aus, also gingen sie dabei mutmaßlich etwas professioneller vor als die DDR-Bürger auf ihren Surfbrettern und Schlauchbooten.
In das Ende der nächsten Bucht schmiegt sich die bekannte Kurstadt Võsu. Puh, Zeit für ein Ostseebad! Die Bucht war verdammt flach und ich musste weit nach draußen waten, bis ich richtig schwimmen konnte - und dann kam direkt wieder eine Sandbank. Sogar in der zentralen Rinne zur Strandmitte hin war das nur geringfügig besser. Dafür war das Wasser aber besonders sauber und klar.
Nach Võsu kamen per Zug oder Schiff deutsche und russische Adlige, um zu entspannen. Die Villen haben zum Teil eine wilde Geschichte: Wo einst deutsche Unternehmer ihre Schweine hielten, inhaftierte die Sowjetarmee Esten vor ihrer langen Abschiebung nach Sibirien, danach rissen sie alles ab und bauten eine Kantine für ihr Zeltlager, die in den 90ern zum Nachtclub wurde und inzwischen auch nicht mehr steht.
Aber vergessen wir mal all die Kolonisatoren. Rund um Võsu findet sich auch eine kulturelle Spur der estnischen Ureinwohner, und zwar ihre sogenannte Swinging tradition, also das Schaukeln. (Was dachten Sie denn?) Gerade in Nordestland sind Schaukeln mehr als nur Kinderkram, sondern ein magisches Ritual, das den Lauf der Sonne nachahmt und dadurch Fruchtbarkeit und Fortschritt bringt. Deswegen stehen rund um Võsu seit dem 18. Jahrhundert mehrere Schaukeln mit einem großen hölzernen Rahmen. Die wurden gerade auch rege von Familien genutzt, weshalb ich sie selbst leider nicht ausprobieren konnte.
Gebaut wurden die Dinger notfalls auch mit Holz, das heimlich aus dem Wald der Adligen entnommen wurde. Die Metallteile lieferte der Dorfschmied, der dann zur Belohnung auch als erster schaukeln durfte. Auch Geschlechterrollen waren beim Schaukeln von großer Bedeutung: Junge Frauen schaukelten, sangen dabei und zeigten ihren freischwingenden Schmuck, und wer die Schaukel als erste im Jahr einweihte, würde noch im selben Jahr heiraten. Die jungen Männer dagegen zimmerten die Schaukeln zusammen, schubsten die Frauen an oder überboten sich gegenseitig in überaus maskulinen Wettkämpfen darin, wer am höchsten schwingen kann oder sogar den berüchtigten Überschlag schafft. (So gesehen waren wir alle in unserer Kindergartenzeit für eine Weile Esten.) Wer sich tatsächlich erfolgreich überschlagen hatte, wurde der begehrteste Junggeselle im Dorf.
During the swing spring holidays, young people were looking for a partner to swing with in order to show their affection for each other. Ähm, ja.
Der Lahemaa-Nationalpark ist einer der Orte, in denen sich wieder lauter große estnische Naturlagerplätze angesammelt haben. Einen davon wollte ich schon noch benutzen, bevor ich den Nationalpark verlassen würde.
Ich bog also nach Oandu ab, kam vorbei an diversen Naturwanderwegen, die Tipps zur Bärenbeobachtung geben (Die höchste Bärenpopulation in Nordestland! Wir im Wald sogar spezielle Hütten zum Fotografieren eingerichtet, mit Mikrofon!) und einem alten russischen Verst-Stein (eine russische Längeneinheit von 1,0668 km) und erreichte nach einer Tagestappe von ca. 121,4 Verst einen Naturlagerplatz am Rande eines total zugewachsenen Sees. Rund um die Hütten und Grillplätze tobten und kreischten bereits Kinder mit Eltern. Aber es war ja genug Platz, ich schlug also mein Lager einfach auf der Wiese kurz hinter dem Zaun zum Parkplatz auf, mit ausreichend höflichem Abstand.
Dachte ich.
Auf einmal kam eine Frau auf mich zu und bat darum, mich woanders zu platzieren. Nanu, hatte ich etwas falsch verstanden, war das hier doch ein Privatgrundstück? Nein, aber sie hatten hier eine Familienfeier und wollten da auf dem (wohlgemerkt öffentlichen) Naturlagerplatz bitte für sich bleiben. Sie könne mir aber gern zeigen, wo ich stattdessen mein Zelt aufstellen könne.
Nämlich hier.
In der hintersten Ecke des Lagerplatzes, umgeben von Sumpfgewächsen, standen noch ein Grill und eine abgelegene Schutzhütte. Wo genau da ein Zelt hinpassen soll, das größer ist als eine Pfadfinder-Schildkröte, ist mir schleierhaft. War aber auch egal, es gab ja die Hütte, da sparte ich mir sogar das Aufbauen.
Kurz darauf kam die gute Frau dann doch zurück, offenbar geplagt von schlechtem Gewissen, oder zurechtgewiesen von einem der anderen Eltern. Sie bot mir an, mit dem Rad zu helfen, nachdem ich es bereits die kleine steile Böschung heruntergeschafft hatte, und schlug dann auf einmal vor, ich könne doch auch oben in einem ihrer Zelte schlafen, das sie jetzt doch nicht mehr brauchen würden.
Jetzt war ich erst recht irritiert, hatte mich aber schon in der Hütte und der ruhigen Ecke eingerichtet und war damit sehr zufrieden, weshalb ich dankend ablehnte.




















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