Ostseeradler sieht sich die Villa Kunterbunt an
Geh an einem Sommerabend in Oskarshamn zum Kai an der Sjösättningsgatan hinunter und schau nach, dort eine große weiße Ostseefähre mit dem Namen "Drotten" liegt. Wenn es so ist, dann ist es das richtige Schiff, und man braucht nur am Schalter einzuchecken, eine Stunde auf der richtigen Spur zu warten und an Bord zu fahren. Punkt neun Uhr wird er zur Abfahrt und rückwärts von der Pier ablegen, denn jetzt geht er hinaus auf seine gewohnte Fahrt, die bei einer großen Insel weit draußen endet, dort, wo das Meer seine Mitte hat. Die "Drotten" ist ein zielstrebiges, aber seltsames Schiff. Die Fensterscheiben sind gräulich und verzogen, sodass du bei Dämmerung nicht hinaussehen kannst und dich wie eingesperrt fühlst. Du kannst die verschiedensten Kabinen und Sitze buchen. Es kommt ganz darauf an, ob du viel bezahlen willst oder nicht. Dabei dauert die Fahrt nur drei Stunden, und in Wahrheit interessiert es niemanden, ob du auf dem teuren oder billigen Stuhl sitzt.
Genau so eine Fähre von Sommergästen fuhr eines Tages im August auf der "Drotten" hinaus. Unter ihnen war ein Ostseerdler mit seinem Fahrrad. Es sei noch eine Stunde zur Ankunft, hatte sein Handy gesagt, und es gab auf dieser Fähre noch allerlei zu tun. Das meiste hatte er bereits erledigt. Er war alle Treppen hinauf- und hinuntergeklettert. Er hatte auf dem Achterdeck in die Finsternis gestarrt. Er hatte einen der verbotenen teuren Stühle mit Steckdosen benutzt und alle seine Geräte dort aufgeladen und war nicht weggejagt worden. Er hatte gelesen und ein einigermaßen gutes Curry gegessen. Jetzt sah er sich nach etwas Neuem um, da fiel ihm ein, dass er keine Ahnung hatte, wo er auf der Insel übernachten sollte. Ob es wohl Schutzhütten in der Nähe des Hafens gab?
Es ist nach Mitternacht, wenn die Fähre bei ihrer Anlegestelle ankommt, der auf Gotland, jener Insel, die der Reederei "Destination Gotland" ihren Namen gab. Weiter hinaus braucht sie nicht zu fahren. Hinter Gotland liegt nur eine Handvoll winziger Nebeninseln, und dann sehr lange offenes Meer und irgendwann Lettland. Neben der Drotten legen die Fähren aus Västervik, Nynäshamn bei Stockholm und die Kreuzfahrtschiffe an. Wer sein eigenes Boot mitbringt, hat im Hafen seine eigene Toilette for boat guests only. Der Radler hat Glück, dass die einzige Schutzhütte der Insel nicht weit entfernt steht. Dabei ist er doch ganz in der Nähe der Stadt.
Die Stadt heißt Visby, es ist die einzige echte Stadt auf der Insel. Aber dafür ist es auch eine besondere Inselhauptstadt. Vor dem Tor steht ein steinernes Schaf herum. Diese Schafe stehen überall in der Stadt. Auf dem Rest von Gotland dagegen stehen Schafe aus Fleisch und Blut.
Die großen Mauern sehen aus wie eine Verkörperung der Macht der Stadt, aber in Wirklichkeit trugen sie zum Untergang dieser Macht bei.
Geh in die Stadt hinein, und du wirst bald feststellen, wie die Gassen immer enger und älter werden. Es ist gar nicht so leicht zu sagen, was diese gelblichen Häuser derart alt und niedlich aussehen lässt, aber irgendetwas haben sie an sich. Deswegen werden auf dem Markt wahrscheinlich auch wieder Tische aufgebaut für das nächste Mittelalterfest. Vor 5500 Jahren wohnten auf dem Großen Markt schon Fischer und Robbenjäger, als das Meer nur einen Steinwurf entfernt war. Heute stehen hier Bänke und Blumentöpfe, und du kannst in den Geschäften alles kaufen: T-Shirts, Herrn Nilsson aus Plüsch, Pippi Langstrumpfs Pferd, Immobilien, Pizza, einfallsreiche Eissorten und magische Kristalle.
Das Besondere an dieser Stadt sind aber die Kirchen. Visby hat ein oder zwei Kirchen mit Dach und 14 Kirchen ohne Dach. An jeder Ecke, hinter jedem Marktplatz findest du eine Kirchenruine, die ihre nackten Bögen in den Himmel streckt. Im Mittelalter hatte keine andere Stadt in Schweden so viele Kirchen.
Die Franziskaner haben die St.-Karin-Kirche am Markt gebaut. Karin ist der schwedische Name für die Heilige Katharina von Alexandria. In der Kirche kannst du sehen und hören, wie eine jiddische Band für ihren Auftritt heute Abend probt. Aus einer anderen Ruine kommt vielleicht gerade eine Hochzeitsgesellschaft. An jeder einzelnen Ruine steht geschrieben, dass du diese Ruine für deine eigene Veranstaltung buchen sollst. Und direkt darüber, dass du darin auf deine eigene Sicherheit achtgeben sollst. Wie gefährlich sind sie denn nun wirklich?
Dem Radler war es egal. Er schaute überall hinein, ging sogar durch das Hotel St. Clemens in die Clemenskirche, denn das ist der einzige Zugang. In dieser Kirche wohnen 100 000 Honigbienen. Der Radler entdeckte versteckte Treppen kletterte sie alle hinauf und hinunter und wurde nicht fortgejagt. Schließlich waren die Stufen nicht gesperrt. Sie endeten in Sackgassen, Fenstern mit Schlingpflanzen oder Bullaugen mit Blick über die Stadt.
Egal, ob Franziskaner oder deutsche Einwanderer - jede Gruppe in dieser Stadt wollte ihre eigene Kirche haben. Die Händler bezahlten den Mönchen ihre Kirchen, damit jeder sah, wie reich sie waren. In der Mitte der Ostsee kontrollierten sie den Handel. Die Dänen, die Russen aus Nowgorod und später auch die Deutschen kamen hierher, um alles zu kaufen, denn weiter auf die Ostsee hinaus trauten sich die "Gotlandfahrer" noch nicht. Bei Visby hatten sie alle einen perfekten Platz für ihre Schiffe mit steilen Uferterrassen und süßen Wasserquellen.
Visby nennt sich immer gern selbst eine Hansestadt. Das ist zwar nicht falsch. Aber gleichzeitig war Visby auch in gewisser Weise der Feind der Hanse. Die Hansestädte schlossen sich ja gerade zusammen, um gemeinsam zu verhandeln und die einsame Macht von Visby zu brechen. Geld, gute Schiffe und Erfahrung hatten sie inzwischen. Was ihnen noch fehlte, waren gute Kontakte nach Nowgorod. Um an die heranzukommen, heirateten die Deutschen auch gern gotländische Töchter.
Visby hat auch große, prächtige Parks. Sogar im botanischen Garten sehen die Torbögen aus wie in einer Kirchenruine.
Im Streit mit den Deutschen gab es ein paar Mal Gewalt. Um die Deutschen draußen zu halten, baute Visby eine Seemauer. Direkt dahinter schwappen Wellen gegen den Strand. Schließlich machten sie daraus eine massige Mauer um die ganze Stadt mit vielen, vielen Türmen und flatternden Flaggen. Das war aber keine so gute Idee: Die Bauern auf dem Land fühlten sich ausgesperrt und konnten ihre Waren nicht mehr einfach so in der Stadt verkaufen, sie begannen einen Bürgerkrieg. Dann kam auch noch der dänische König Valdemar Atterdag und eroberte Gotland für ein paar Jahrhunderte. Angeblich hat die Tochter von Nils Gudmed die Stadt an Valdemar verraten. Zur Strafe wurde sie in den Jungfrauenturm der Stadtmauer eingemauert. In Wirklichkeit war in Visby eine Jungfrau einfach eine Maßeinheit, nämlich 8,2 Zentiliter, deswegen heißt der Turm so.
Die Stadtmauer ist trotzdem noch fast vollständig. Nur manchmal klaffen große halbrunde Lücken darin, als hätte ein gewaltiges Ungeheuer von oben hineingebissen.
Die Lübecker griffen die Stadt noch einmal an, angeblich nur wegen der Piraten, die sich in der Stadt verschanzt hatten. Aber warum mussten sie zur Vertreibung der Piraten alle Kirchen zerstören bis auf die deutsche?
Nach der Reformation gab es auch keine Klöster mehr, darum waren die meisten Kirchen sowieso überflüssig. Die Leute bedienten sich bei den Bausteinen der Ruinen. Aber niemand machte sich die Mühe, die Kirchen ganz abzureißen und an ihrer Stelle Neues zu bauen. Wozu denn? Der Platz war ja nicht knapp, in der früher so großen reichen Stadt lebten jetzt nur noch wenige Menschen.
Aber es ist doch so: Wenn es mit einer Stadt erst steil bergauf und dann steil bergab geht, dann heißt das, heute gibt es umso mehr schöne Dinge zu sehen.
Der Radler hatte sie alle gesehen und fuhr jetzt raus aus der Stadt. Da kam er an den Klippen vom Södra hällarnas naturreservat heraus. Bis in die Ferne erstreckten sich herrlich hervorstehende Rundungen aus Kalkstein. Darauf wuchsen Gras und kleine Bäume, eine Schutzhütte und ein Bipark - das heißt Bienenpark - mit Insektenhotels. Über die Kieswege kam der Radler überall bequem hin und sah sich alles an.
Eigentlich sollten bei Visby doch auch ein paar Wasserfälle sein? Aber als er endlich unter den Pflanzen einen Wasserfall aufgespürt hatte, war der ganz trocken.
Am Rand der kleinen Stadt lag eine alte verwahrloste Wiese. Auf der Wiese standen mal Häuser und in den Häusern wohnten die Armee und Pippi Langstrumpf. Auf der Wiese stehen außerdem Kanonen, und in den Kanonen steht der Oscarsstenen und erinnert an die Geschichte der Wiese. Aber nur an den langweiligen Teil der Geschichte, wo verschiedene Könige der Armee Fahnen übergeben und ihren Namen in den Stein gemeißelt haben.
Der interessante Teil passierte hinten am Waldrand, und an den erinnert hier rein gar nichts.
Die interessante Teil beginnt 1941. Damals saß in Stockholm eine Stenographin am Bett ihrer siebenjährigen Tochter Karin. Die war krank und wollte eine Geschichte hören: "Erzähl mir von Pippi Långstrump!" Die Mutter versuchte, sich zu diesem komischen Namen ein passendes Mädchen auszudenken. Das war das merkwürdigste Mädchen, das die Kinderliteratur je gesehen hatte. Sie war so furchtbar stark, dass es auf der ganzen Welt keinen Gymbro gab, der so stark war wie sie. Manche nennen sie die erste Punkerin, obwohl die Neunjährige mit Superkräften ganz allein in einem Eigenheim wohnte und viel Geld von ihrem Vater bekommen hatte. Wahrscheinlich war sie auch das Vorbild für Lift aus den Sturmlicht-Chroniken (eine Art Pippi of Colour).
Drei Jahre später rutschte Astrid Lindgren aus, verstauchte sich den Knöchel und musste im Bett liegen. Sie vertrieb sich die Zeit damit, die Geschichten von Pippi Landstrumpf aufzuschreiben. Sie hatte eigentlich nicht vor, damit zur erfolgreichsten Kinderbuchautorin auf der Welt zu werden.
Und zur meistverfilmten Autorin in Schweden. Darum war auch irgendwann Pippi Langstrumpf an der Reihe. Die Filme sollten wie die Bücher zeitlos aussehen, etwa wie zur Zeit der Jahrhundertwende. Dafür war die Insel Gotland genau richtig. Dort gab es alte Häuser, schöne Landschaft und noch keine modernen Verkehrsschilder. Die Stadt in den Filmen ist also Visby. Die Szenen in Innenräumen haben sie im Filmstudio gefilmt. Es fehlte nur noch die Villa Kunterbunt für die Szenen von außen. Der Regisseur Ole Hellbom schaltete eine Anzeige in der Zeitung: "Haus, Pferd, Tommy und Affe können sich bei Nordart, Fack, Stockholm 1 bewerben."
An einem schönen Sommerabend einen Monat vor Drehbeginn fuhr der Regisseur zufällig an dem Militärgelände vorbei. Als er gerade überlegte, ob er heute die Villa Kunterbunt finden würde oder ob er das Haus doch selbst bauen musste, da sah er eine Jahrhundertwendevilla und wusste: Das ist sie. Hei hopp, was wird das für ein Film!
Die Armee hatte dieses altes alte Verwalterhaus vor vielen, vielen Jahren gebaut. Sie hatten darin Munition und Unterwäsche gelagert, und auch ein Zahnarzt und ein Musikdirektor hatten darin gewohnt. Aber das Haus gehörte noch immer der Armee. Soldaten waren das beste, was Ole kannte - gleich nach Rhabarbercreme. Aber ob der Herr General wohl einverstanden wäre, dass sie einen Kinderfilm zwischen seinen Schießplätzen drehen? Ja, das war er tatsächlich, sobald sie General Hjukström 10 000 Kronen anboten. Jetzt mussten sie Villa nur noch ein bisschen kunterbunter anmalen und Schornsteine schiefer machen, damit sie aussahen wie in den Bildern im Buch.
Astrid Lindgren war an der Serie beteiligt und steuerte auch das berühmte Titellied bei. Die Serie erfand wichtige Dinge, die in den Büchern gar nicht vorkommen, zum Beispiel den Namen des Pferds Kleiner Onkel. Den hat die Schauspielerin von Pippi beim Filmen einfach so erfunden. Man kann also schon sagen, dass Pippi Langstrumpf kanonisch auf Gotland spielt - auch wenn Astrid Lindgren beim Schreiben an ihre Kindheit in Vimmerby auf dem Festland gedacht hat.
Gleich hinter dem Park beginnen ja wieder die Kalksteinwände. Hier haben sie ihren höchsten Punkt, der Högklint heißt. Darunter bilden sie eine kleine Höhle, die heißt Getsvältan. Im Prinzip ist das auch nur ein großer Felsvorsprung mit einem schiefen Torbogen. Aber was für einer!
Vor Regen schützt sie wahrscheinlich nicht besonders. Jedenfalls nicht, wenn der Wind vom Meer her pustet.
Unten schwappt die Ostsee gegen die Klippen. Ein Pfad führt noch weiter unter dem Högklint entlang. Als er aber um die Ecke biegt, ist sind da plötzlich keine Pflanzen mehr. Da ist nur noch der Felsen, der Pfad und zehn Meter Abgrund. Mindestens. Und der Pfad geht steil abwärts.
Nein, danke.
Bei diesem Anblick fühle ich mich nicht so mutig wie Pippi Langstrumpf, sondern so absturzgefährdet wie der Laptop, auf dem ich diese Worte tippe.
Dann doch lieber der Gotlandsleden. Natürlich hat auch die zweitgrößte Insel in der Ostsee ihren eigenen Radweg. Der ist zwar in gutem Zustand, er geht aber wie auf Bornholm meistens nicht direkt an den tollen Landschaften am Meer entlang, sondern ein paar Meter weiter an der Straße. In der Nähe von Visby hat die Straße noch einen Radweg, und das ist auch der einzige Bereich, wo er unbedingt gebraucht wird.
Von der Küste ist erst mal gar nichts zu sehen, denn dort wohnt die Armee heute. Das Ecovillage auf der anderen Straßenseite ist damit nicht einverstanden und schreibt auf sein Plakat: Make gardens not war.
Oben auf den Kalksteinplateau von Gotland ist alles flach. Aus der Erde wachsen Mischwälder, gelbliches Gras, grünliches Gras, rötliches Gras, Getreide und Leitpfosten. Das einzige, das wirklich in die Höhe ragt, sind die Kirchen. Von denen gibt es richtig viele. Gotland hat die größte dichte mittelalterlicher Kirchen auf der Welt. Die in der Stadt sind Ruinen, aber die auf dem Land sind tipptopp in Schuss - verkehrte Welt. Sie sehen sich alle sehr ähnlich: Weiß, spitz, mit schwarzem Dach und scheinbar aus drei unterschiedlich großen Bauklötzen zusammengesetzt: Turm, Langhaus und Chor.
Dann will ich mir mal zumindest eine davon mal anschauen. Da drüben steht zum Beispiel die Kirche von Tofta. Die Seitentür war offen, ich schlüpfte zwischen die dicken Mauern. Dort sah es ziemlich genau so aus wie draußen: weiß, spitz und hell. Erstaunlich hell, wenn man bedenkt, dass der Hauptraum eigentlich nur zwei richtige Fenster hat. An einer Stelle gucken graue Wandmalereien aus der weißen Wand. Aber wer genau die heiligenbeschienenen Personen darauf sind, ist schwer zu sagen. Außer bei dem Kerl am Kreuz, da habe ich so einen Verdacht.
In der Vitrine liegt ein Kopf mit einer Ringbrynja. Das ist eine Kettenhemd-Kapuze, die alles bis zu den Schultern schützt. Obendrauf kam ein Lederhelm mit metallenem Nasenschutz. Das Teil war zur Völkerwanderung und danach der letzte Schrei. Gefunden hat man so ein vollständiges Ding aber nur in Edinburgh - und 300 Meter von der Tofta-Kirche entfernt in einer ausgegrabenen Festungsruine.
Jetzt dürfen Straße und Radweg kurz ran an die graue Ostsee, denn das Militär ist weg. Also fast. Ein Bunker steht noch grimmig im festen, farbenfrohen Dünengras.
Auf der sandigen Halbinsel Svältholmen wehte ein Sturm von Nordwesten und deckte eine alte Kaikante auf. Der nächste Sturm kam von Nordwesten und deckte einiges wieder zu und andere Ruinen auf. Anscheinend war da ab 1700 ein Freihafen für alle, die ihre Waren nicht in Visby abladen wollten.
Dieses weiße Häuschen am Straßenrand ist keine Bushaltestelle, sondern ein Geschmackloses Museum. Das erkennt man daran, dass im Schaufenster eine Akustikgitarre, dicke Weihnachtsmannstiefel und eine Trommel stehen. Thematisch geht es um schwedische Rockbands, und das Innere soll ferner noch einen Haarknoten und einen getrockneten Kraken enthalten. Immerhin ist knapp die Hälfte der Ausstellungsstücke auch zu sehen, wenn die Hütte abgeschlossen ist.
In Klintehamn fuhr ich ein Stück durch den Ort. Die Häuser standen ähnlich breit, niedrig und auseinander wie in den Dörfern. Es hat seinen Grund, warum ich geschrieben habe, Visby sei die einzige richtige Stadt.
Dieser Stil sagt auf Architektonisch: Bitte lasst mir meinen Freiraum. Dafür ist es natürlich von Vorteil, wenn die beigen Häuser nicht zu pittoresk aussehen, sonst würden sie viel zu viele Touristen mit Kameras anziehen und nicht nur notorisch auf Vollständigkeit bedachte Blogger.
Dass Klintehamn doch mehr als ein Dorf ist, erkannte ich hauptsächlich an den Industrieanlagen am Ortsausgang, wo Unmengen nasser Baumstämme übereinanderlagen und darauf warteten, verwurstet zu werden.
Die Touristen fahren lieber woanders hin, zum Beispiel zu diesen Dingern hier. Von denen hat Gotland mindestens 350 Stück. Sie heißen Gannarve und sind aus der späten Bronzezeit, so 1100 bis 400 Jahre, bevor weit entfernt der in der Kirche von Tofta dargestellte Mann an ein Kreuz genagelt wurde. Damals lief auf Gotland eine sensationelle Verkehrswende: Es wurden Kutschen erfunden und bessere Schiffe, noch nie konnten so schnell Nachrichten verschickt werden.
Vielleicht spiegelte sich diese Veränderung auch in den Bestattungen wieder. Die waren damals ziemlich kompliziert: Man verbrenne zuerst den Toten, zermahle dann seine Knochen, säubere sorgfältig den Knochenstaub, packe alles in eine Urne, verscharre die dort in der Erde, wo man vorher Findlinge in einer langgezogenen Schiffsform aufgestellt hat. Ursprünglich standen auf dieser Weide zwei Steinschiffe, die Bauern haben sie aber rücksichtslos zerpflügt. (Was waren das bitte für krasse Pflüge?) Immerhin bei einem konnten Archäologen die fehlenden Steine finden und wieder einsetzen.
Majestätisch erstreckt sich das Langschiff hoch über dem Meer. Am Horizont sind die hohen Felsplateaus der Inseln Stora und Lilla Karlsön zu sehen, zu denen Ausflugsschiffe von Klintehamn ablegen. Sie haben etwas Ähnlichkeit mit Blåkulla, sehen aber sogar noch mystischer aus. Gotland hat zwar keinen kompletten Schärengarten, aber stellenweise doch eine schärenhaft zersplitterte Küste mit ein paar Inselchen, viele sind nur mit geliehenen Paddelbooten erreichbar. Ach, es gäbe noch so viel zu erkunden in der Ostsee.
Das Wetter spielte auch wieder mit, also entschied ich mich, hier etwas zu essen und den Blick zu genießen.
Während ich das tat, kam ein Auto angerast, ein Ehepaar stieg aus, unterhielt sich auf Deutsch, stieg auf der Treppe über den Zaun, betrachtete das Schiff, machte ein Foto und fuhr weiter.
Kurz darauf kam ein Wohnmobil angerast, ein Ehepaar stieg aus, unterhielt sich auf Deutsch, stieg auf der Treppe über den Zaun, betrachtete das Schiff, machte ein Foto und fuhr weiter.
Das wiederholte sich mindestens drei Mal. Dabei hatte ich nicht mal Mittagspause gemacht.
Die hatten wohl alle wie ich die Eintragung auf der Onlinekarte gesehen und gedacht, da schauen wir kurz hin, und dann ab zur nächsten Eintragung. Bin ich wirklich anders als die, oder mache ich nicht im Prinzip dasselbe, nur langsamer?
Keine Ahnung. Und es ist ja auch egal, solange mich das hier glücklich macht.
Schiffs- und Steingräber sind typisch für Gotland. Aber eine Sache ist noch viel typischer: Alte Häuser. Und mit alt meine ich nicht historisch, aber bewohnt, sondern wie aus einem Freilichtmuseum. Ständig steht irgendein Holzhaus am Wegesrand und hinterlässt jede Menge Fragezeichen: Von wann ist das? Kann ich da rein? Kostet es was? Ist das Teil eines Freilichtmuseums, und wenn nicht, wovon dann, oder wofür wird es genutzt? Ganz im Ernst, ich habe auch keine Ahnung, geschweige denn einen Überblick. Ich habe einfach bei einigen Häusern reingeschaut, wo die Tür aufging. Zum Beispiel am Erdgeschoss dieser alten Windmühle. Es enthielt einen Holzboden, Holztisch und Holzbänke.
In dem Wald direkt dahinter war eine Fischerbastion, in der angeblich der dänische König Valdemar Atterdag bei seiner Eroberung als erstes an Land ging. Im Ersten Weltkrieg war dort eine Signalstation.
Hinter der nächsten Biegung stand gleich ein ganzer Haufen Holzhäuser, die meisten pechschwarz bestrichen. Der wirtschaftliche Niedergang in Visby war auch auf dem Land zu spüren: Vorher hatten alle Bauern ganz selbstverständlich Steinhäuser gehabt, danach wurde auf Holz umgesattelt. Erst als im 18. Jahrhundert die Bäume knapp wurden, gewährte die Regierungen allen Steuererleichterungen für alle, die mit Stein bauten. Die neuen Steinhäuser waren aber längst nicht so fein gemauert wie die aus der Blütezeit im Mittelalter.
Eins der Holzhäuser heißt Kronvallsboden und war geöffnet. Es gehörte einem gewissen Jacob Jacobsson. Der musste 1880 aus unbekannten Gründen sein Haus hierher versetzen, er bewahrte darin sein Fischereizeug auf.
Und heute? Kann man einfach rein, an dem langen Tisch essen und sich im Gästebuch verewigen. Nur bitte kein Essen zubereiten, nicht rauchen und grillen nur draußen auf dem Grillplatz. So ähnlich wie die Mühle vorhin, aber deutlich heller und uriger. Manchmal halten Reisebusse an, die hier Kaffeetrinken veranstalten. Ein Gedicht erzählt vom Radfahren im Herbst an der Ekstaküste.
Diese Häuser stehen alle am Naturschutzgebiet Ekstakusten, wo der Radweg wieder ein paar Kilometer direkt dem Wasser folgt. Dieser raue Küstenstreifen ist entstanden, als sich die Ostsee ein paar Meter zurückzog. Sie ließ nur ein paar Kalk-Kieselsteine zurück. Darauf wachsen nur Gräser und ein paar sehr geduckte Bäume. Aber was ist das? Sind das Augen unter den Bäumen?
Unter den geduckten Bäumen duckte sich eine Herde noch geduckterer Schafe. Ich wusste, dass Schafe das Symboltier der Insel sind, aber nicht, dass es sich um die bestgetarnten Schafe Europas handelt.
Außerdem habe ich an der Ekstakusten folgendes gelernt: Carl von Linné ist der Goethe von Gotland ist. Also quasi. Der schwedische Naturforscher, der sich die Systematik der ganzen lateinischen Artennamen ausgedacht hat, ist ausführlich über die Insel gereist, und Schilder informieren in zwei Sprachen über jede seiner Stationen. Als er an der Ekstakusten ankam, war Linnés Reisegruppe schon drei Wochen unterwegs. Sie mussten erst mal einen kompletten Tag Pause machen, um ihre Klamotten zu flicken. Danach konnte Linné mit dem örtlichen Richter raus auf die Inseln paddeln und dort den Ruten-Lattich (Lactuca viminea) entdecken.
Die Landkarte unterscheidet zwischen gelben Haupt-, weißen Neben- und Landstraßen, in der Realität unterscheiden sich die Asphaltstreifen aber oft so gut wie gar nicht. Visby ist schon weit entfernt, der Verkehr hat abgenommen, die Radwege sind verschwunden.
Wenn der Gotlandsleden die Hauptstraße verlässt und eine Schleife in Richtung Meer macht, bin ich der natürlich immer gefolgt. Aber was, wenn er eine Schleife ins Hinterland macht? Dann bin ich der nur manchmal gefolgt. Zum Beispiel hier. Und bin zu dem Ergebnis gekommen: Ja, diese Felder sehen schon ganz nett aus, aber so viel schöner oder ruhiger als an der Hauptstraße ist das nun auch nicht. Jedenfalls nicht so sehr, dass ich deswegen die Länge dieses Streckenabschnitts unbedingt verdoppeln muss. Der Asphalt war schmaler, ich musste oft im spitzen Winkel abbiegen und ich habe ein paar mehr Häuser mit Pferdeweiden gesehen, der Rest war gar nicht so anders.
Dann eben zurück zurück zur Hauptstraße und direkt nach unten. Jetzt sollte es über einen schmalen Streifen Land nach Süden gehen. Ob ich davon auch etwas sehe? Ja, das hier muss die Burgsvik sein.
Auf einem Parkplatz genoss ich den Blick auf eine Herde Windräder und dieses schilfige Gewässer. Die Burgsvik hat sich in Gotland reingegraben und macht aus der Südspitze der Insel eine Halbinsel, außerdem hat sie eine Schicht Sandstein auf den Kalkstein draufgespült, aus dem die Schlösser in Stockholm gebaut wurden.
Carl von Linné beobachtete hier extrem fasziniert einen Igel, der einen Vogel komplett auffraß und nur die Federn übrigließ, um dann ein Bad in der Ostsee zu nehmen. Also der Igel, nicht Linné.
An der Hauptstraße lag dann noch der Ort Burgsvik mit einer Strumpffabrik und dem letzten Supermarkt für eine ganze Weile.
Und auf den Landstraßen danach: Das nächste historische Haus, diesmal aus Stein und mit einem wirklich fetten, opulenten Reetdach.
Es heißt Lambgiften på Hundlausar und ist von 1700. Ein Lambgift ist ein gotländischer Schafstall, wobei das Wort lamb auf der Insel auf für volljährige Schafe genutzt wird. Unten fanden die neugeborenen Lämmer Schutz in der Dunkelheit, der Boden ist heute mit Kies gestreut. Über die Leiter konnte ich auf den hölzernen Heuboden klettern, wo das zwei Meter hohe Gras von draußen im getrockeneten Zustand darauf wartete, von hungrigen Lämmern weggespachtelt zu werden.
Und heute? 2018 war der Stall noch eine Ruine, erst anlässlich eines Jubiläums haben die Leute ihn renoviert, damit sie darin, äh, stehen können und sagen können: Jo, das war also ein Schafstall. Einen Tisch zum Essen gibt's diesmal nicht. Oder ob man darin wohl übernachten darf? Nein, das riskiere ich lieber nicht. Aber ich mag die renovierungsfreudige Einstellung dieser Insel zu ihren historischen Häusern, auch wenn sie mich immer wieder verwirrt. Nicht zuletzt gibt es dadurch wenigstens ein paar mögliche Unterstände bei Regen, die sind auf Gotland sonst Mangelware. (Wenn es bei mir geregnet hat, war natürlich nie eines dieser Häuser in der Nähe, aber egal.)
Ein Dorf weiter stand dann übrigens auch noch ein richtiges, geschlossenes Freilichtmuseum mit Eintritt, wie man es aus Deutschland kennt.
Jetzt aber nichts wie ab zum Wasser und zum krönenenden Abschluss des Tages, dem dritten Wegstück direkt an der Ostsee. Husrygg heißt dieser Küstenstreifen, und in der Abenddämmerung ist er ein echter Blickfang: Links die grünen Hügel, rechts die Wiese zum Wasser, beides rau, kahl und steinig, aber doch grün - ein bisschen wie die Hügelkette nördlich vom Harz. Vor dem Steinmuseum stehen noch ein paar kleine Gerätschaften, mit denen der Kalkstein abgebaut wurde. Und vor allem wimmelte es von Kaninchen.
Kein Wunder, dass hier haufenweise Wohnmobile geparkt waren.
Ich werde hier noch nicht einparken. Erstens ist das ein Naturschutzgebiet und zweitens wird es gleich noch besser.
Ein einsames Restaurant, ein Parkplatz und dahinter: Hoburg. Das ist der Name eines nahen Dorfes und Leuchtturms, vor allem aber dieser Felsformation hier. Schon Linné schaute und staunte an dieser Stelle, dass die Natur, in der doch eigentlich alles einem Zweck dient, eine derart schöne und sinnlose Zitadelle aus Felsen geschaffen hat, noch dazu an einer strategisch so guten Position. Besonders weit traute er sich allerdings nicht den Strand entlang, er hatte Angst vor fallenden Felsen.
Mal sehen, ob ich mich etwas weiter traue. Überall, wo Infotafeln und Wanderer herumstehen, sollte es ja sicher sein. Zumindest suggerieren das besagte Infotafeln: Keep walking. This is a somewhat adventurous part, it might be difficult to pass dry-shod.
Wer genau hinschaut, erkennt in den ersten Felsformationen ein Gesicht. Kleiner Tipp: Am leichtesten zu erkennen ist die Nase. Der alte Mann mit dem Riesenzinken heißt Hoburgsgubben und starrt auf die Ostsee hinaus, von hier aus konnte er vermutlich die Invasionsflotte der Dänen und sogar die Ankunft der ersten Jäger und Sammler erkennen, als die Ostsee noch Ancylussee hieß, deutlich höher Stand und mehrere Höhlen in das (ein paar Millionen Jahre ältere) Felsmassiv spülte.
8000 Jahre später existiert die Nase immer noch, aber sie ist alkohollikerrot. Die Gotländer besprühen sie regelmäßig mit Grafitti, damit man sie leichter findet. Das funktioniert super, ob der Felsen dadurch schöner aussieht, steht auf einem anderen Blatt.
Die Höhle direkt daneben ist das "Schlafzimmer" des Hoburgsgubben, dort soll sich der Riese regelmäßig zur Ruhe legen. Die Sonne ging unter, aber noch machte er keine Anstalten, ins Bett zu gehen. Ich auch nicht, es gab noch mehr zu erkunden.
Im Osten fällt die Hoburg flacher ab, eine kleine Straße schlängelt sich am Rand entlang, und zwischen den Felsen gibt es Flecken aus Erde. Von dort aus konnte ich bequem in zwei Minuten bis zur Felskante marschieren, sogar direkt neben die rote Nase.
Das wirklich Verrückte ist aber: Nichts davon ist ein Schutzgebiet. Die Nacht soll klar werden, ich konnte mich also einfach auf die Hoburg drauflegen und pennen. Sofern ich ein Stück Erde ohne Kaninchenloch finde, denn ich möchte ungern nachts aufwachen, weil ein Kaninchen von unten gegen die Isomatte klopft und nach draußen will.
Hier endet der allgemeine Weg, verkündet schließlich ein Schild am Parkplatz. Daneben steht die Ruine eines Gebäudes, das zum Steinbruch gehörte und sogar mal vom Kronprinzen besucht wurde. Auf ihr wächst Gotlands offizielle Inselblume: Efeu. Hinter den Zäunen beginnt dann ein Militärgelände. Oben auf dem Felsplateau stehen Radartürme, daneben ein paar weiße Baracken. Hier geht es offensichtlich nicht weiter.
Oder? Auf einem steilen Pfad konnte ich runter zum Strand kraxeln, und der war weiterhin allen Wanderern zugänglich. Der Fels wurde immer poröser und ausgehöhlter, und schließlich blockierte ein Haufen Felsbrocken und Erde den ganzen Strand. Hier klettere ich dann doch nicht weiter, schon gar nicht, wenn es gleich dunkel wird.
Es soll hier auch einen besonderen rötlichen Kalkstein geben, den sogenannten Hoburg-Marmor, allerdings sahen im Sonnenuntergang alle Steine ein bisschen rötlich aus.
Der Strand ist ziemlich ungewöhnlich, er bleibt erst mal noch eine ganze Weile flach, weil sich dicht unter der Oberfläche felsige Becken erstrecken. Erst nach circa 20 Metern sind richtige Wellen zu sehen. Zum sicheren Baden ist das wahrscheinlich nicht schlecht, für Schiffe aber gefährlich. Viele sind an der Hoburg gesunken und schossen verzweifelt mit Gewehren in die Luft, damit jemand zur Hilfe kam.
Die Legenden erzählen von fiesen Einwohnern mit Äxten, die dann gleich anrückten, um die Wracks auszuplündern. Die Wahrheit sieht etwas anders aus. 1935 sank zum Beispiel die Mila und teilte damit die Gotländer Zeitrechnung in eine Zeit vor Mila und nach Mila. Das Schiff hatte 58 000 Liter 96-prozentigen Alkohol, Brandy und Rotwein dabei. Wenn so viele Flaschen wie durch ein Wunder nach und nach am Strand auftauchten, dann sagten die Gotländer natürlich nicht nein. Aber die Besatzung retteten sie trotzdem.
Die Hoburg ist übrigens - enttäuschend, ich weiß - nicht der südlichste Punkt von Gotland. Um den südlichsten Punkt zu sehen, musste ich mich über das Hier endet der allgemeine Weg hinwegsetzen und durch das Gatter über den holprigen Feldweg bis zu einem kleinen Funkturm über eine vergleichsweise unscheinbare Schafweide fahren. Da siehst du es, Linné, so perfekt plant der Zufall der Natur dann doch nicht.





























































