NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Donnerstag, 30. April 2026

Von Voka nach Narva

1945 stand die Sowjetunion unter Druck. Sie hatte zwar schon ein Atomprogramm, aber bisher hatte Stalin am Erfolg gezweifelt und das nicht so wichtig genommen. Erst als die Amerikaner Hiroshima zerstörten, erkannte er die außenpolitischen Wirkungen und wollte dringend auch so eine Bombe. Wie sie theoretisch funktioniert, hatten ihnen ihre Spione bereits zugespielt, jetzt fehlte nur noch genug Uran, um die Waffen industriell herzustellen. Praktischerweise hatten sie in Estland einen kleinen Kurort erobert, unter dem jede Menge Ölschiefer lag, und darin versteckten sich Uranverbindungen. Ganz schnell wurden Wohnblocks hochgezogen und eine streng geheime Stadt errichtet: Sillamäe. Die Stadt war komplett abgeriegelt, auf keiner Karte verzeichnet, und statt Postadressen gab es Geheimcodes, die man auf die Umschläge schrieb.
Im Vergleich zu damals bin ich relativ gut in die Stadt reingekommen, musste mich nur ein bisschen durch große Straßenkreuzungen, Industriegleise und kleine Felswände schlängeln, dann war ich drin in einer der seltsamsten Ostseestädte überhaupt.
 
Bei einer geheimen Atomstadt im stalinistischen Stil würde man eines vermutlich nicht erwarten - nämlich das sie wirklich schön ist. Ist sie aber. Für die Arbeiterelite wurden breite Alleen mit Palmen und kunstvollen Blumenbeeten gepflanzt, und die Wohnblocks aufgewertet mit Pastellfarben oder ein paar dekorativen Linien aus weißen Steinen (meistens senkrecht). Hier wurden die qualifiziertesten russischen Arbeiter angesiedelt, und denen sollte es gutgehen. Sogar die Zwangsarbeiter, welche die Stadt hochzogen, hatten es besser als in anderen Gulags. Man durfte halt nur keine auswärtigen Besucher empfangen und nicht über die rätselhaften Todesfälle wegen "Tuberkulose" sprechen, oder die nach Moskau abtransportierten Kranken, die nie wieder auftauchten.
Im Prinzip sieht heute noch so alles aus wie damals, nur das an allen Ecken und Häusern demonstrativ estnische Flaggen wehen. 

Vor dem Rathaus steht ein Kulturzentrum, das ursprünglich ein Kino war, bis ein noch besseres Kino an anderer Stelle gebaut wurde. Als erster Film wurde Tarzan gezeigt.
 
Verschiedene Brücken führen auf die Halbinsel mit der Strandpromenade , darunter sogar diese Netz-Hängebrücke. Die ist aber nicht fahrradtauglich, selbst Michael Cramer leitet die Radfahrer da nicht drauf. Auf der anderen Seite warten Fontänen, Spiel- und Sportplätze, ein kleiner Sandstrand und ein Aussichtsturm. Vorherrschendes Gestaltungsmerkmal sind rostrote Metallzacken.
Dieser ganze Bereich sieht neuer aus, im Sozialismus konnte man vermutlich nicht so leicht ans Meer - aus gleich mehreren Gründen.
 

Das Uran wurde in Sillamäe auch gleich angereichert und dann in andere Geheimstädte tief in der Sowjetunion transportiert, wo daraus Atomraketen wurden. Im Ölschiefer steckte am Ende gar nicht so viel Uran drin, Anfang der 50er wurde es schon knapp. Aber weil hier nun mal schon die ganzen Anreicherungsanlagen standen, wurde Uran aus anderen Bergwerken im Ostblock nach Sillamäe importiert, vom tschechischen Jáchymov oder Zentralasien.
Aber was geschah mit dem Uranmüll, der von der Anreicherung zurückblieb? Die Führung hatte eine geniale Idee: Wir legen am Hafen, direkt neben der Ostsee, einen künstlichen See an, versenken das Zeug da drin und (ganz wichtig) denken nicht weiter darüber nach. Nach der Wende entdeckten Umweltschützer zu ihrem Entsetzen einen altersschwachen Damm, der allein dafür zuständig war, 6,5 Millionen Kubikmeter radioaktiven Schlamm von der Ostsee fernzuhalten. Der See des Todes musste wie der Reaktor von Tschernobyl komplett versiegelt werden, und heute ist daraus ein grüner Hügel des Todes (hinten im Bild) geworden.
Auch die Russen in Sillmäe waren nicht begeistert, als sich ihre schöne heile Welt einschließlich des sicheren Arbeitsplatzes, der zugewiesenen Wohnung und frühen Rente als noch instabiler erwiesen als der Damm. Die Stadt schrumpfte, ist aber immer noch die zehntgrößte in Estland. Noch heute sprechen 95 Prozent der Einwohner russisch, und nur 35 Prozent haben die passende Staatsbürgerschaft zur blau-schwarz-weißen Flagge, die überall hängt.


Hinter der Stadt macht die Route ein paar Kurven durchs Hinterland, um die Hauptstraße zu vermeiden. Dort stieß ich auf eine weitere graue und hohle Ruine mit Büschen drauf. Diesmal war es keine Ruine, sondern das Gemeindehaus von Vaivara. Der Ortsvorsteher Feldbach hatte die Idee, einen Aktienverein zu gründen, um mit Spenden ein Haus zu bauen, in dem sich alle zu Lese-, Gesangs- und Theaterabenden treffen können. In der Republik kamen dann sogar eine Bibliothek und schließlich ein Kino dazu. Das Haus überstand den Krieg, aber leider nicht seinen zweiten Brand. So viel zumindest hat mir die KI von dem rein estnischen Schild übersetzt. Wahrscheinlich war ein Wiederaufbau so nah an der Geheimstadt nicht mehr erwünscht.

Heute erfuhr die Hitzewelle eine nasse Unterbrechnung. Am Himmel ballten sich die Wolken zusammen und begannen, einander gründlich auszuquetschen. Ich floh in eine große Schutzhütte am Fuße eines Hügels, um mich umzuziehen.
Auch dieser Hügel war ein Hügel des Todes, aber anders. Obendrauf umschließt ein kleiner Graben einen Bereich mit gezackten Grabfelsen und einem Kreuz, dass an die Gefechte im Juli 1944 erinnert. Die Nazis hatten sich auf den Blauen Hügeln verschanzt, und die sowjetischen Panzer konnten zuerst durchbrechen, wurden dann aber doch zurückgeschlagen und mussten noch bis September hinter den Hügeln ausharren. Gerüchten zufolge brach beim Durchbruch ein sowjetischer Panzer aus der Formation aus und kam bis zum Gemeindehaus, auf das er schoss.

Anschließend konnte ich auf einer weniger stark frequentierten Straße die ganze Zeit an der Küste langfahren. Von der Ostsee war nichts zu sehen, nur von einem alten Baum, in dem ein girlandenartiges weißes Band hing, als wolle sich jemand daran aufhängen.

Bald lichteten sich die Bäume genug, um den Blick freizugeben auf die Villen und Kurhotels von Narva-Jõesuu ("Narvamünde"). Ursprünglich war das ein Fischerdorf. Der Livländische Orden verbot nämlich das Fischen im Fluss Narva und verlegte die Fischerei damit zur Mündung, also hierher, nach Hungerburg. Was ist das denn für ein komischer Name? Zu seiner Entstehung gibt es zwei Geschichten: Entweder erlitten deutsche Kaufleute an der Küste Schiffbruch und fanden nichts zu essen, oder Zar Peter I. inspizierte hier den Bau einer Festung und fragte die Einheimischen nach was zu futtern, aber sie waren zu arm, um etwas abzugeben.
Als die Mündung immer mehr versandete, konnten die Jõesuuer nur noch vom Tourismus leben. Auch wenn Hungerburg dafür einen denkbar ungünstigen Namen hatte, wurde es ein traditionsreicher Badeort, beliebt wegen seines milden Klimas (Im Schnitt nur -7 Grad im Winter!), der direkten Fähren nach Narva und St. Petersburg und der Hotels, welche dieselben Bedingungen wie in "fremden Ländern" boten, also fließendes Wasser, elektrische Klingeln und französische Betten. 

Wer etwas auf sich hielt, bezahlte nicht nur für seine Unterkunft, sondern auch für einen Badekarren. Das war eine Art kleine Kutsche für 5 Leute, die von Pferden ins Meer gezogen wurde. Sie stiegen hintenrum über eine Treppe ins Wasser, damit bloß niemand vom anderen Geschlecht zusah. Das Prinzip wurde ursprünglich von englischen Stränden übernommen und war auch in Deutschland verbreitet, aber nur in Narva (und der Nordseeinsel Borkum) steht noch immer so ein Karren im Park herum und wird als Werbefläche genutzt. Als der Strandkorb in Warnemünde erfunden wurde, waren die Badekarren endgültig aus der Mode.

Jõesuu ist ein sehr langgestrecktes Seebad, darum dauert es noch etwas, bis ich im Ortskern ankam. Aber dann stand ich plötzlich am Ufer der Narva, Estlands wasserreichstem Fluss. Und da war es, das nächste Ostseeland. Auch wenn ich es vorerst nicht durchquere, will ich doch zumindest alle neun Ostseeländer gesehen haben, und dafür eignet sich kein Ort besser als Narva.
Auf dem estnischen Ufer liegen kleine Boote im Hafen, Flaggen hängen im Regen senkrecht nach unten, und hinter einen großen Kiesfläche blockiert eine Baustelle die Straße. Weiter stromaufwärts säumen militärische Ruinen das estnische Ufer.
Und auf der Seite der Russischen Föderation ist... Wald. Im Nieselregen verschwammen die Bäume zu einer einzigen moosgrünen Masse, unterbrochen nur durch einen russischen Nebenfluss, der kurz vor dem Meer in die Narva mündet. Ein paar Boote dümpelten in der Flussmitte herum, ein Angler stand am Ufer. Und, Moment, da ist ja ein Turm. Grün angestrichen und extrem gut getarnt steht in den Bäumen ein Grenzturm am Iron Curtain Trail, der vielleicht wirklich immer noch als solcher genutzt wird.

Eigentlich wollte ich die Burg von Narva besichtigen, musste aber dann spontan feststellen, dass sie ausgerechnet an diesen Tagen wegen Renovierung geschlossen war. Dadurch hatte ich jede Menge Zeit, wärmte mich in der Therme ein bisschen auf und folgte dann spontan dem Wegweiser zum östlichsten Leuchtturm in Estland. Der stand in einer Ecke zwischen Strand und Großbaustelle, umgeben von Betonmauern und ein paar komischen Baracken. Und zwischen zwei Bäumen hing aus irgendeinem Grund eine Hängematte. Ich schritt auf den Eingang zu, da kam ein junger Mann aus einer gläsernen Kabine, in der sich die Kasse verbarg, und verlangte fünf Euro.
Der Turm sollte hauptsächlich den Schiffen voller Holz, die den Fluss runterkamen, einen sicheren Ankerplatz in der Flussmündung zeigen. Der heutige Turm ist von 1957, zusätzlich stehen jetzt auch kleine Lichtsignale am Flussufer. Offenbar ist die Schifffahrt in der Narva wieder in einem gewissen Umfang möglich.



Ich stieg ein dunkles Betontreppenhaus hinauf und rechnete fest damit, gleich in einem Parkhaus rauszukommen. Stattdessen wurde die Treppe schmaler und endete schließlich unter einer Holzdecke. Nanu, soll das so? Mit etwas Mühe drückte ich dagegen und öffnete eine Falltür (unten links). Ich fand mich in einem sehr engen Raum wieder, und direkt neben mir glitzerte die Lampe 35 Meter über dem Meeresspiegel. Bisher wurden die Touristen in den Leuchttürmen immer auf Abstand zu diesen Dingern gehalten, damit nichts kaputtgeht. Aber dieser Leuchtturm nimmt die Dinge etwas lockerer. Der 360-Grad-Blick wird durch Gitter gestört, ob man wohl auch auf die Plattform rundherum gehen kann? Kann man. Sofern man die gut getarnte halbe Holztür entdeckt (unten rechts), aufstößt und hindurchkriecht - anders kann ich diesen Vorgang beim besten Willen nicht nennen. Wieder zeigte mein innerer Deutscher eine Errormeldung. Soll das wirklich so? Darf ich das? Das kann doch so nicht gedacht sein.

Obwohl der Himmel nass blieb, wollte ich auch nochmal zum Strand schauen. Der allerdings wurde gerade umgebaut, ein Großteil war mit Bauzäunen blockiert. Hier hatten allerdings Wind und Wetter ihr Veto eingelegt und fanden, man dürfe den Touristen den Zugang nicht verwehren. Obwohl schon eine beträchtliche Sandverwehung den Zaun bedeckte, hatte ihn niemand wieder aufgestellt.
Bis zur Mündung ging ich trotzdem nicht, dort fuhren Bagger durch den Sand und machten irgendwas an der steinernen Mole. Der Leuchtturm war somit tatsächlich die einzige Möglichkeit, einen Blick auf den russischen Ostseestrand zu erhaschen. Der gelbe Streifen war deutlich schmaler als auf estnischer Seite.


Narva-Jõesuu hat keine Brücke oder Fähre nach drüben, und deshalb folgt der Ostseeradweg jetzt die Narva runter zur nächsten Stadt. Der Radweg und die Straße sind eigentlich sehr nah dran am grüngrauen breiten Wasserband, trotzdem geriet es nur selten ins Blickfeld.

Was dagegen ständig im Blickfeld war: Friedhöfe. Russische Friedhöfe, auf die neben die kyrillischen Buchstaben große Schwarzweißbilder der Gesichter der Verstorbenen eingraviert waren. Soldatenfriedhöfe aller Art, manche als großes Kreuz auf einem Hügel, manche mit vereinzelten, ordentlichen Dreiergrüppchen aus Kreuzen wie in Toila, manche hoffnungslos zugewuchert und manche völlig chaotisch und zerstört, als hätte jemand absichtlich die Spitzen der Stein- und Metallkreuze abgebrochen.

 
Damit wäre ich angekommen in Estlands drittgrößter und östlichster Stadt, die denselben Namen trägt wie der Grenzfluss. Die Grenzflusslage machte sie zum Zentrum für Handel, Textilindustrie, aber auch immer wieder für Krieg. Bei der Schlacht von Narva erlitt Zar Peter I. eine fiese Niederlage, die in komplettem Gegensatz zum Endergebnis stand, bei dem Peter das Baltikum ja doch noch bekam. Im Zweiten Weltkrieg evakuierten die Nazis alle bis auf die systemrelevanten Arbeiter, nach dem Bombardement der Roten Armee blieben der Stadt drei Einwohner und drei historische Gebäude. Eins davon ist das rot-schwarze Rathaus, hinter dem jetzt Fontänen sprudeln. Ich fuhr herum um neue Schulen und immer wieder diesen bunten Granulat-Kunststoff, aus dem Sportplätze bestehen.
90 Prozent der Einwohner sprechen russisch, aber, anders als mir vorher zugetragen wurde, konnten zumindest die in Berufen mit Kundenkontakt auch solides Englisch.
 

Aus ideologischen und praktischen Gründen wurde die Altstadt von Narva nicht wieder aufgebaut und ihre Überreste für den Straßenbau verwurstet. Darum stehen hier logischerweise sowjetische Wohnblocks. Aber Wohnblock ist nicht gleich Wohnblick: Nach dem Krieg kamen die stalinistischen Blocks schon aus der Mode zugunsten eines neuen Typs namens Krushchevka, der sich noch einfacher, schneller und günstiger bauen ließ. Der Architekt Mart Port entwickelte eine spezielle estnische Version der Krushchevka mit Elementen des skandinavischen Modernismus. Dennoch: Dull and monotous lautet auch das harsche Urteil der Texttafeln vor der Burg.
Aufgefallen ist mir die ungewöhnliche Mischung an Baumaterial. Hier zum Beispiel: Zuerst einer aus normalen weißen Ziegeln, dann einer aus Sandstein (?), danach aus rotem Backstein. Nach dem Krieg wurde alles verbaut, was herumlag und nicht bei drei auf dem Bäumen war.
 
 
So viel zur Innenstadt, nun aber zurück zum Fluss. Gar nicht so einfach, denn da hat sich nicht nur ein ordentlicher Höhenunterschied aufgebaut, sondern auch eine massive Befestigungsanlage. Die stammt von Ingenieur Erik Dahlberg, den wir ja schon aus den Tallinner Katakomben kennen, nur dass er in Narva mit seinem Projekt offenbar etwas weiter gekommen ist. Ich fuhr ein Stück zurück, bis ich einen Pfad fand, auf dem ich mit dem Rad die massigen Mauern runterkam. Zum Teil war die Mauer mit weißen Zeug bedeckt, Kalkablagerungen oder Vogelkot, optisch irgendwas dazwischen.
Das hier ist die EU-Außengrenze, noch dazu einer ihrer brisantesten Teile. Darum hat sich die Union natürlich nicht lumpen lassen und eine schöne neue Uferpromenade bezahlt. (Hat sie in Sillamäe aber auch, obwohl die dort weniger exponiert ist.) Dort unten verläuft ein breiter, getrennter Fuß- und Radweg, dekoriert mit Grünanlagen und weißen Statuen einer Löwenfamilie. Weiter hinten legt ein Ausflugsschiff nach Narva-Jõesuu ab, das vermutlich nur auf einer Hälfte des Flusses fährt. Nur die ollen grauen Fassaden der ersten Häuserreihe, die wurden nicht erneuert. Aber die sieht man durch die Bäume hindurch ja auch nicht von der anderen Seite.

Apropos andere Seite, dort ist auch eine Stadt: Iwangorod, gegründet und benannt nach Iwan III. (also dem Großen, nicht dem Schrecklichen). Die Schweden eroberten die russische Stadt, regierten sie zuerst extra und machten sie dann zum Teil Narvas, weshalb die Russen nach der ersten Unabhängigkeitserklärung auch akzeptierten, dass Estland Iwangorod behielt. Erst mit mit der Okkupation 1940 wurde Iwangorod wieder der Russischen Sowjetrepublik zugeschlagen. Und tatsächlich hat Estland 2019 noch Anspruch auf die Stadt erhoben, und deswegen gibt es bis heute keinen endgültigen Grenzvertrag zwischen den Staaten. Auch sonst gab es in den letzten Jahren manchmal Streit, etwa darum, wohin die Grenzbojen im Fluss verschwunden sind.
Auf jeden Fall dürfte Iwangorod inzwischen wieder russisch genug sein, um zu fragen: Wie sieht sie denn nun aus, eine russische Stadt?
Auf den ersten Blick wie ein ganz schönes Kuddelmuddel. Auch Russland hat sich nicht lumpen lassen und für seine sichtbare Außenseite einen schönen neuen Uferweg angelegt, direkt dahinter wird gerade irgendwas Großes gebaut. Auf den Hügeln stehen vereinzelte schöne Wohnhäuser mit Holzverkleidung, Wohnblocks, Ruinen und Baustellen. Sogar die Wohnblocks sehen zum Teil aus, als wären sie aus Stücken ganz unterschiedlicher Mietskasernen zusammengesteckt (hinten Bildmitte). Die Stadt ist auch heute Teil eines Grenzgebiets, das außer zum Transit nur mit Genehmigung zugänglich ist.

Keine Sorge, das Panorama wird noch besser. Denn jetzt führt die Freundschaftsbrücke über den Fluss, und direkt dahinter steht an jedem Ufer eine mittelalterliche Burg. 1822 war die Brücke das erste Betonbauwerk in Estland. Auf den Namen Freundschaftsbrücke wäre ich bei einem derart vergitterten und verstacheldrahteten Ding nicht gekommen.
Wow, eine bessere Kalter-Kriegs-Kulisse hätte man sich nicht ausdenken können.
Der Eiserne Vorhang ist wieder da.
Er wurde nur verschoben.

Der Ostseeradweg folgt gar nicht der Uferpromenade, sondern biegt schon in der Innenstadt zum Kreisverkehr am Peetri plats. Was danach kommt, ist mindestens so gut gesichert wie die Pforte des Heiligen Petrus. Durch das moderne estnische Grenzabfertigungsgebäude führen jede Menge verwaister Fahrspuren, auf denen gähnende Leere herrscht. Danach bildet die Straße eine Schneise zwischen der Burg und den schwedischen Festungsmauern, die alle auf dem Weg zur Burg zu großen Umwegen zwingt. Deutschland hat schon Glück, dass es sich mangels EU-Außengrenze den Aufwand sparen kann, so was in seine Städte reinzubauen.

Estland-, EU- und Nato-Flagge flattern an der Brücke herum, und von den Burgmauern hängen extrabreit die EU, Estland und die Ukraine. Etwas verloren steht ein estnischer Grenzpfosten am Brückenrand herum.
Der Grenzübergang ist für Fahrzeuge nicht mehr geöffnet, deshalb blockieren auf der Brücke kleine Betonpyramiden die Fahrbahn. Aber im seitlichen Gittertunnel für die Fußgänger liefen tatsächlich Menschen. Und zwar jede Menge.


Auch von diesem Kompass an der Promenade, kurz bevor der Radweg unter der Brücke durchschlüpft, waren die Grenzgänger durch das Gitter als schattenhafte Umrisse zu sehen. Sie kamen von den russischen Grenzbaracken, trugen große Rucksäcke oder, häufiger noch, schwere Rollkoffer, und schritten gelassen durch den Gittertunnel, blickten gelangweilt auf ihr Smartphone, als sei der Grenzgang für sie schnöder Alltag. Vor dem Regen schützte sie ein Glasdach. Haben die Verwandte besucht, verlassen die ihr Land, oder befinden sich in den Taschen womöglich Waren, die auf der anderen Seite mehr wert sind? Falls letzteres zutrifft, kann es sich bei der intensiven Doppelkontrolle eigentlich nur um legalen Schmuggel handeln.
Niemand wurde erschossen. Nein, womöglich ist das hier doch nicht der einstige Eiserne Vorhang. Ob sich beim Kleinen Grenzverkehr der DDR jemals so ein banaler Anblick geboten hat? Jedenfalls spielen Menschen, die unbedingt raus wollen, in diesem neuen Kalten Krieg keine so große Rolle wie im letzten.
Nun, das war's dann wohl, jetzt muss ich meine Reise unterbrechen.
Ich weiß nicht, was wirklich auf der anderen Seite wartet.
Aber ich weiß, in welche Richtung die meisten Menschen auf der Brücke gegangen sind.

Der ausführlichste Ostseeradfahrer-Bericht zu Russland, den ich finden konnte, ist der hier zum Kaliningrader und der hier zum hier beginnenden St. Petersburger Abschnitt. Der stammt von 2019, dem letzten normalen Jahr. Ärgere ich mich, dass ich die russischen Abschnitte damals nicht einfach als erstes erledigt habe? Nicht wirklich. Fakt ist, damals hatte ich einfach noch nicht die Erfahrung für eine solch spezielle Radtour. Interessant ist auch dieser Beitrag, der zeigt, was passiert, wenn man in die küstennahen Grenzsperrgebiete reinradelt. Es ist nicht ganz klar, wo diese Gebiete wirklich sind, der Bikeline scheint jedenfalls durch Gebiete zu führen, die laut der sehr ungenauen, beim Auswärtigen Amt verlinkten Karte eigentlich verboten sind. Die vielleicht letzte Radlerin, die 2022 noch die russische Ostseeküste absolviert hat, ist Rebecca Salentin, aber in ihrem Buch Iron Woman erklärt sie, warum auch sie aufgrund bürokratischer Hürden und geschlossener Grenzübergänge nicht die volle Strecke geradelt ist und Teile mit Bus und Bahn übersprungen hat, für mich als notorischer Vollständigkeitsfanatiker keine Option.

Danach schloss ich das Rad an und stieg die metallene Wendeltreppe zur Hermannsfeste/Hermaani Lin rauf. Die stammt noch aus deutscher Zeit, aber alle Besatzer hatten ihre örtlichen Gouverneure in der Burg geparkt. Die Schweden haben zum Beispiel den Eingang S-förmig umgebaut, damit keiner mit den neuen Kanonen direkt aufs Tor feuern kann. Die Burg enthielt auch eine Garnisoni Saun, die bis in die 1930er von estnischen Soldaten genutzt wurde. Die heutigen Burgen sind Rekonstruktionen: Die Hermannsfeste hatte alle Bombennächte überstanden, aber einen Tag, bevor die Rote Armee die Stadt einnahm, wurde sie dann doch heftig getroffen.
Das Museum im Bergfried wurde heute wie gesagt umgebaut, aber ich konnte wenigstens über die weiten Außenanlagen schlendern. Ganz am Ende des grün-weißen Innenhofs liegt das eigentliche weiße Eingangsgebäude. Auf den Mauern war ich sogar zeitweise regengeschützt und konnte Fotos ohne Wassertropfen auf der Linse machen, toll.

Das Zwei-Burgen-Panorama ist von hier aus nochmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Die russische Festung Iwangorod ist einen Tacken kleiner, scheint aber aus demselben Material und Baustil zu bestehen. Auch darin befindet sich ein kleines Innenmuseum mit großen Außenanlagen. Theoretisch könnte man von den Grenzkontrollgebäuden direkt reinspazieren, aber das geht natürlich nicht, der echte Eingang soll legendär schwierig zu finden sein.
Vor der Burg stand ein Angler im Wasser. Wie ist der denn da hingekommen? Das ist dann wohl der endgültige Beweis, dass das keine normalen Angler sind, denn die Stelle ist nur von der Grenzkontrollstelle aus erreichbar.
Nun teilt sich die Narva in mehrere Arme auf, auf estnischer Seite entsteht eine geschwungene Freizeit-Halbinsel, dahinter hohe Hügel mit Industrie und einer Sicherheitsfirma drauf. Im Mittelalter war da ein Kalksteinbruch, aus dem die Stadt aufgebaut wurde.

Der Fluss ist also nur noch sporadisch zu sehen, etwa hier von einer Felsplatte aus. Russland hat einen eigenen Flussarm mit einem großen Wasserkraftwerk versehen, dahinter führt die Eisenbahnbrücke über die Grenze. Das Tal ist seit 8000 Jahren besiedelt und heißt Jaorg, also Tal der Wasserfälle. Hinter dem Brückenpfeiler (links) stürzt ein russischer Bach unter dem Namen Narvskiy Vodopad die Felsen runter, das war aber auch der einzige Wasserfall, den ich sehen konnte.

Am Südrand der Stadt schließlich werden aus den Hügeln Deiche, aus den Gewerbegebäuden flache Garagen und aus der Narva ein See namens Narva veehoidla. Es ist der erste von mehreren großen Seen, welche die estnische Ostgrenze bildet. Über den Waldinseln im grauen Wasser spannen sich Stromleitungen, aber bei besserem Wetter wäre es hier wahrscheinlich durchaus schön.

Brr, jetzt reicht's aber. Ich kehrte zur Bahnstrecke zurück und fuhr auf den Bahnhof Narva zu. Auch hier überall Stille und Stacheldraht ringsherum, der einzige Zugang war die Tür zur roten Bahnhofshalle. Noch immer hatte ich über eine Stunde Zeit (daher auch die ausgiebige Stadtrundfahrt). Immerhin fünfmal am Tag fährt hier ein Zug nach Tallinn, trotzdem ziemlich wenig für die Verbindung zwischen der größten und drittgrößten Stadt des Landes. Aber ich hatte Strom, Internet, ein Bücherregal mit zwei Fremdsprachen, eine Toilette und vor allem konnte ich im Trockenen sitzen. Genaugenommen musste ich das sogar, denn die Tür zu den Bahnsteigen war noch geschlossen. Nanu, bin ich hier in Laatzen oder Biedenkopf gelandet?
Die Antwort war direkt vor meiner Nase: In einem überraschend kleinen Nebenraum fanden die Grenzkontrollen statt, als noch Züge nach St. Petersburg fuhren. Von da aus ging eine Tür direkt zu den Bahnsteigen. Und weil es keinen abgetrennten Fernverkehrsbahnsteig oder so gab, durften sich nach der mühsamen Kontrolle die internationalen Reisenden natürlich keinesfalls wieder mit den lokalen Bummelzugreisenden vermischen.
Ich konnte online eine Fahrkarte kaufen, aber aus irgendeinem Grund wollte mein fast leeres Handy nicht an der Steckdose laden. Auch nicht mit dem anderen Kabel, und auch nicht mit der Powerbank.

Etwa 20 Minuten, bevor der orange Regionalzug abfuhr, ging die Bahnhofstür auf. Ich sollte mein Rad senkrecht aufhängen, diese Plätze werden allerdings nicht reserviert. Die Bahn hat viele Zwischenstopps, aber nur ein einziger davon (Vaivara bei Sillamäe) gehört mehr oder weniger zu den Ostsee-Orten, die ich während der letzten vier Tage durchquert habe. Die größeren Orte halten Abstand zur Küste, was aufgrund der Grenzsperrgebiete, der Nationalparks und nicht zuletzt der Geschichte Sillamäes auch Sinn ergibt.


Mittwoch, 29. April 2026

Von Oandu nach Voka

Heute ist Gutshof- und Klippentag! Außerdem gibt es wieder einige Hinweise auf die ursprüngliche Kultur der Esten zu entdecken.

Los geht es mit dem rosaroten Gutshof von Sagadi, der morgens still und ordentlich vor sich hinschlummerte.

Rund um den Hof führt ein Metsajuttude rada, also ein Waldmärchen-Weg. Hier gibt es also die heidnischen Geschichten der Indigesten zu lesen? Dann will ich doch zumindest mal bis zur ersten wandern. Zuerst ging es noch über eine glattgemähte Wiese mit Pavillon, aber schon bald an einem zugewachsenen Sumpfsee vorbei. Dort erzählte ein Schild, wie eine Tochter ihren betrunkenen Vater aus der Kneipe abholt, der unterwegs im Namen des Teufels flucht. Als sie nun endlich den heimischen Bauernhof sehen, steckt ein Schafbock den Kopf aus ihrem Haus und bäht sie an. Der Vater kriegt Panik. Ein Schafbock kann ja unmöglich in ihr Haus reingekommen sein, also muss das der Teufel sein. Außerdem laufen die beiden die ganze Zeit im Kreis, obwohl sie das Haus ja schon sehen können. Der Vater will schon aufgeben, als sich die Tochter an einen Lifehack ihrer Mutter erinnert: Einfach die Mütze umstülpen und andersrum aufsetzen, schon finden sie nach Hause. Ende.
Nicht alle Märchen sind so christlich, in manchen zieht auch ein eher animistischer Waldgeist Vögelchen auf oder beschützt seine Pflanzen.

In Vainupea stieß ich wieder auf die Ostsee. Die Kapelle aus Kalk (sieht mir eher nach einer kleineren Kirche als nach einer Kapelle aus) soll angeblich der dem Meer am nächsten gelegene Sakralbau sein, mit einem Abstand von 20 Metern. 20 Meter! Darüber können die halb ins Meer gestürzten Kirchen von Trzęsacz und Højerup nur lachen.

Danach konnte ich eine Weile eine Nebenstraße parallel zur Ostsee nutzen, unter der immer wieder größere Flüsse um Steinbrocken und in die Ostsee strömten.

Der nächste Abstecher führte mich zur Ordensburg von Toolse. Schon 1431 verkauften Küstenbewohner von dieser Stelle aus Salzhering an finnische Inselbewohner, im Gegenzug bekamen sie Getreide. Der Livländische Orden hat sich auf die Spitze des sehr kleinen Landzüngchens eine rechteckige Burg gebaut, um den Hafen vor Piraten zu schützen. Die Burg wurde später zum nördlichsten Außenposten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und schließlich im Russisch-Schwedischen Krieg zerstört.
Seitdem haben die Mauern große Lücken, Pflanzen wachsen in allen Ritzen, und nur fest verankerte Stahlseile halten die Reste vom Umkippen ab. Trotzdem sind noch viele Mauern, Türme und Fenster gut zu erkennen, und es hat sich auf jeden Fall gelohnt, zum Rauschen der Wellen und Möwengekreisch durch die verfallene Anlage zu streifen.

Sogar einige alte Kellerräume konnte ich noch betreten. Einer hatte ein augenförmiges Fenster, das auf die Ostsee blickt. Auf der anderen Seite begegnete ich jemandem mit Kamera und wartete mit dem Vorbeigehen, bis sein Foto fertig war. Das dauerte länger als gedacht, was hauptsächlich daran lag, dass er eigentlich ein Video machte. Der hauptberufliche Bahnmitarbeiter wollte eine Dokumentation über die Burg drehen, suchte aber noch nach dem Thema (vielleicht irgendwas mit Horror), und viel Freizeit für sein Projekt hatte er leider auch nicht.

In der Zementstadt Kunda soll alles mit Zementstaub bedeckt sein, es war die schmutzigste Stadt Estlands. Schmutzig fand ich es nicht, aber einladend auch nicht gerade. Die älteste Zementfabrik darf man nicht betreten, es wird vor unmarkierten Löchern und Verfall gewarnt.

Auf den Flüssen rauschen unterdessen große Stauwehre mit seltsamen Stangenkonstruktionen. 

Heute hielt ich mich lieber an die Wegweiser. Der Bikeline wies mich auf küstennahe Radwege, die aber auf der Karte exakt so aussahen wie der Sand- und Pfützenweg auf der Käsmu-Halbinsel gestern - nur deutlich länger, und das wäre mir dann doch zu anstrengend geworden. Die Hauptstraße im Hinterland war zwar relativ reizlos, aber immerhin echt schnell.

An der Kirche von Viru-Nigula entdeckte ich einen alten, löchrigen Stein, an dem ansonsten aber nichts bemerkenswert war. Trotzdem steht ein Schild daneben und erzählt die Geschichte von Kongla Ann, der Dorfheilerin. 1640 sollte sie das Kind ihres Lehnsherrn retten und schaffte es nicht. Daraufhin ließ man sie verhaften und foltern, und spontan erinnerte sich Kongla Ann, dass sie ja nicht nur das Kind ermordet, sondern auch mit dem Teufel probiert hatte, andere Kinder zu machen, als Wirbelwind herumgeflogen und ein Werwolf war. Was genau danach mit ihr geschah, ist nicht überliefert, aber sagen wir, ein Freispruch ist eher unwahrscheinlich. 218 Hexenprozesse gab es in Estland, 65 davon endeten mit einer Hinrichtung, aber wer Verkehr mit dem Teufel einräumte, bei dem war der Scheiterhaufen üblich. In Viru-Nigula geschah das auf dem Hügel hinter der Kirche.
In den 90ern stellte man den Stein für sie und alle anderen Nonkonformisten im Laufe der Jahrhunderte auf, die altes Wissen und Traditionen aufbewahrten. Und zwar durchaus erfolgreich, denn laut Schild suchen manche bis Esten bis heute Rat bei Hexen.

Auf einer kleinen Straße vorbei an Wind- und Solarkraftwerken gelangte ich wieder zum Meer zurück. Im Schatten jeder Solarplatte hatte sich ein kleiner Sumpftümpel gebildet, aus dem Frösche quakten.

Wieder Hauptstraße, diesmal aber direkt über der Ostsee! Denn ab jetzt besteht der Rest des Tages fast nur aus hohen Klippenkilometern. Hinter der Leitplanke stand ein graues Wegkreuz, von dem ein Arm abgebrochen war (rechts).

Im modernen Küstenörtchen Tulivee wurde das Restaurant offenbar gerade erst geöffnet, hatte aber an der Seite dankenswerterweise frei zugängliche Sanitätsräume, an denen ich Wasser nachfüllen konnte.
Ich stieg einen besonders hohen und gut gebauten Aussichtsturm hinauf, der aus demselben dunklen Holz bestand wie die Gebäude. Das Flusswasser hatte eine weinrote Färbung, ganz anders als das blaugrau der Ostsee. Es ist klar zu erkennen, dass die Küste gleich steil weitergehen wird, von Finn- oder Russland ist aber noch nichts zu sehen.

Danach schob ich das Rad auf dem Steg bis auf die schönen Bänke in den Dünen. Herrlich, hier esse ich Mittag!
Der Wind war da anderer Meinung und pustete plötzlich noch stärker drauflos. So verhinderte mit gnadenloser Effizienz, dass ich den Kocher überhaupt erst anzünden konnte. Schön blöd, weil ich natürlich schon voreilig die Sachen im Topf ins Wasser gehauen hatte.

Provisorisch transportierte ich ich den vollen Topf ein paar Kilometer weiter, die Route auf Feldwegen in der Nähe der Küste herumkreuzte. Bei solchen Wegen ist jetzt nicht gerade mit einem Rastplatz an der nächsten Ecke zu rechnen, notgedrungen kochte ich also auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Getreide und Kies, umgeben von neugierigen Insekten, die sich wahrscheinlich ebenso wunderten wie die Autofahrer, die gelegentlich vorbeiknirschten.

Bei Purtse kam ich am Hügel Hieemägi vorbei, der eine heilige Stätte der Esten gewesen sein soll. Heute steht da ein Park zum Andenken an die Opfer der Grausamkeit, der an die Deportierungen nach Sibirien erinnern soll. Ich habe aber überhaupt keinen Zugang in den zugewachsenen Wald gefunden und dementsprechend auch keinen Park.

Macht nichts, es gab sowieso noch viel mehr zu sehen. Bald darauf begann aber eine absolute Traumstrecke über das Baltische Kliff hinweg, das sich hier 23 Kilometer lang und bis zu 56 Meter hoch über die Küste zieht, schon seit 1935 geschützt durch das Ontika-Naturschutzgebiet. Ob es mit der Silurischen Küste auf Saaremaa im Zusammenhang steht, konnte ich nicht herausfinden.
Wo ist es denn jetzt überhaupt? Ich stand irritiert vor dem Tor eines Hotelgeländes, fand aber schnell raus, dass da jedermann rein und sich alles anschauen darf. Die weitläufige Wiese endete hinten sehr abrupt, und da hatte ich eine Ahnung, wo das liegen mochte.
Das Kliff ist zwar hoch, aber auch sehr zugewachsen und versteckt. Auf der kleinen Gitterplattform mit präsentierte sich mir ein chaotisches Gewühle lebender und toter Bäume sowie zahlreicher Farne, aus dem nur hier und da bräunliche Kalkfelsen rausschauten. Der Anblick ließ mich trotzdem kurz stocken, weil ich eben noch auf der unauffälligen Straße gestanden und gar nicht richtig auf dem Schirm hatte, wie hoch ich mich eigentlich befand.

Vielleicht ist von unten mehr zu sehen? Ich stieg eine nagelneue Treppe aus Stahl, Holz und rosarotem Geländer runter. Auch hier hielt sich das Kliff eher bedeckt, aber der Abstieg durch den grünen Dschungel hatte auf jeden Fall was. Die lange Treppe war dabei sogar der größte Blickfang, mit ihren zahlreichen runden Plattformen erinnerte sie mich an die Treppe am Stuibenfall im österreichischen Ötztal. Unten am Strand sah es aus, als hätte sich das pflanzliche Gewühle über einen Teil des Strandes gestürzt und ihn verschlungen.

Oder vielleicht sehe ich mehr, wenn ich noch höher steige? Ein Seminargebäude aus Wellblech und weißen Ziegeln stand auf dem Kliff. An der Außenseite führte eine komplett zugewachsene Wendeltreppe rauf, und an der Oberseite dann eine Aussichtsplattform in mehreren Stufen wieder runter. Aber am Baltischen Kliff bedeutet höher nicht automatisch mehr zu sehen, ganz im Gegenteil, hier waren überhaupt keine Klippen zu erkennen. Dafür umso mehr vom Meer, und darauf kam es den Grenzsoldaten hier oben schließlich an, dafür hatten sie sich immerhin den Scheinwerfer mit 10-Kilometer-Reichweite angeschafft. Als Flüchtling konnte man vielleicht unerkannt in dem Grün an der Steilküste herumstromern, aber auf dem Meer wäre man wieder ins Blickfeld geraten. Und 10 Kilometer sind so lang, da hätte sogar Peter Döbler nicht unter dem Scheinwerferlicht hindurchtauchen können.

Dann ist da noch ein rostiges Fenster mit Vögeln drin, zu seinen Füßen das rostige Wort UMSIEDLUNG. Auf Deutsch, wohlgemerkt. Denn es erinnert an die Deutschbalten, die aus der Zeit der Deutschen Kolonisierung im Land geblieben waren. Sie bereicherten die Kultur, und viele unterstützten die Gründung der ersten und zweiten Republik Estland - es ist selten, dass eine Infotafel im Ausland so voll des Lobes für irgendwelche Deutschen ist.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verließen viele Deutschbalten das Land, weil sie einen Angriff der Roten Armee fürchteten. Als diese dann wirklich einrückte, ließ sie die übrigen Deutschbalten gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt ins Deutsche Reich abschieben. Das war sicher nicht einfach für sie, aber immer noch besser als das Schicksal der Esten, die zeitgleich in die entgegensetzte Himmelsrichtung nach Sibirien gekarrt wurden.


Aber ich war noch nicht fertig mit dem Kliff. Ein paar Kilometer weiter entdeckte ich diesen total versteckten Wanderweg, für den sich das Kliff extra verbiegt und einen Hohlweg bildet. Links eine Felswand, rechts eine Felswand, dazwischen ein halbvergrabenes, dickes blaues Rohr und ein Bach. Der breitete sich immer weiter aus und nahm irgendwann den kompletten Waldweg ein. Das machte das Wandern etwas schwieriger, aber nicht unmöglich.
Unten am Wasser endet der kleine Strand an einer rätselhaften Betonkante. Ein netter Abstecher, den ich gern gemacht habe, aber ganz bestimmt kein Muss.

 
Ganz anders sieht es in Valaste aus, der Abstecher ist ein Muss, und liegt auch fast direkt an der Straße. In dieses Dörfchen bauten die Nazis massive Batterien und Radaranlagen gegen Flugzeuge und Schiffe, die mit 70 Kilometern Reichweite einen Großteil des Finnischen Meerbusens abdecken konnten. Davon sind aber nur noch Fundamente übrig, und heute steht dort ein Parkplatz mit Imbiss und Dixiklos, um die jemand außenrum extra eine hölzerne Hütte gezimmert hat, damit sie weniger nach Dixiklo aussehen.
Also dann, zum dritten Mal Fahrrad anschließen und die Treppe runtersteigen. Ich lief über den Fluss Valaste, der hinter einer scharfen Kante verschwand. Besonders tief schien es dort aber nicht runterzugehen, denn es war kaum ein Rauschen zu hören. Dann gingen die Stufen wieder nach oben, und mehr Interessantes schien nicht zu kommen. Hm, ich glaube, die zweite Treppe am Parkplatz ist doch die Spannendere. 

Die zweite Treppe ist wieder so eine modern-verschlungene Aussichtstreppe, und sie gibt schon bald den Blick frei auf den schönsten Teil des Baltischen Kliffs. In diesem verborgenen Kessel ist der Kalkstein gestreift in Blau, Orange, Braun und Hellgrau, Überreste aus hunderten Millionen Jahren, aufgeschnitten und auf einem Blick präsentiert wie ein Papageienkuchen.
Und dort kommt die Valaste heraus - oh doch, hier geht es tief runter! Wie tief genau, ist gar nicht so leicht zu sagen. Die offizielle Angabe sind 30 Meter, aber laut Schild wurde dieser Wert nur einmal während einer Flut 1998 gemessen, alle Messungen danach ergaben 26 bis 28 Meter. So oder so ist das der höchste Wasserfall im Baltikum. Platz 2 und 3 liegen nur wenige Kilometer entfernt am selben Kliff, an viel weniger zugänglichen Stellen, kommen aber bei Weitem nicht ran.
Was für ein Ort! Ich glaube, damit sind die Klippen von Panga Pank dann doch übertroffen. In einer sehr zielstrebigen Linie fällt der Wasserstrahl runter und vermeidet jede Berührung mit der Felswand, als hätte er Angst, die Farben abzuwaschen. Erst kurz vor dem Ende lässt es sich nicht ganz vermeiden, dass sich ein Teil des Wassers am Stein bricht und von Neuem zu fallen beginnt. Auch im Sommer ist jede Menge Wasser vorhanden, verwirrt hat mich nur, wie leise der Fall trotzdem war. 

Die Valaste rauscht danach durch ein Chaos an kleineren Steinbrocken und kreuz und quer umgekippten Bäumchen. Kurz vor ihrem Ende überquert die Wandertreppe den Fluss, dann ergießt sie sich über den Steinstrand in die Ostsee. An einem Stock baumelt dekorativ eine Unterhose im Wind.


Ach ja, und so sieht übrigens die Straße aus, die die ganze Zeit über das Baltische Kliff hinwegführt. Ich zeige sie erst jetzt, weil sich im hinteren Bereich endlich die Bäume lichten und den Blick freigeben auf die eigentlich ganz nahe Ostsee.

Erst der Erholungsort Toila unterbricht die Klippe dann wieder. Der Ort empfing mich erst einmal mit einem Restaurant mit einem Hörsturz, als von einem Restaurant mit Bühne aus lautstarke Musik die Gäste und sämtliche Verkehrsteilnehmer andröhnte. Erholung stelle ich mir anders vor.
Auf einem Radweg schlängelte ich mich in Serpentinen die auslaufende grüne Steilküste runter, über eine Flussmündung und landete in einem Park.

Dort sprang mir erst einmal ein Friedhof ins Auge. Er bestand größtenteils aus einer sehr ordentlichen Wiese, nur hier und da standen kleine Gruppen von Steinkreuzen. Die Namen der Toten finden sich auf ein paar zentralen Stelen. Das Gebiet war 1944 hart umkämpft, und in Toila stand ein Lazarett, in dem viele deutsche Soldaten an ihren Verletzungen starben. 1995 schloss die Bundesrepublik mit Estland ein Kriegsgräberabkommen, sodass der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sie richtig bestatten konnte.

In Toila ließ sich der Petersburger Geschäftsmann Gregorij Jelissejew einen dreistöckigen Palast, den ihm estnische Industrielle abkauften und Präsident Konstantin Päts schenkten. Der Palast fiel dem Krieg zum Opfer, aber der Park steht noch. Er wurde 1899 angelegt, also haarscharf noch im 19. Jahrhundert. Das hatte wichtige Auswirkungen und sein Aussehen, denn der wichtigste Gartentrend im 19. Jahrhundert waren Rosen. Davon standen also jede Menge im Garten, neben exotischen Pflanzen wie Palmen und Pfirsichen. Die Statue der Three Graces wurde nach dem Abzug der Sowjets in einem Militärlager entdeckt und steht seitdem auch wieder im Rosengarten.
Wer auch den Palast sehen will, kann Toila 1938 in Virtual Reality erkunden, das kleine Häuschen dafür war allerdings schon geschlossen.

Außerdem ist da noch ein Erneuerbare-Energien-Pfad. Ganz überraschend entdeckte ich dann noch eine Sandsteinformation, die mich sehr an die lettische Gutmannshöhle in Sigulda erinnert hat, komplett mit Teich und eingekratzten Botschaften. Nur ist sie hier von farblich passendem Mauerwerk umgeben und geht nicht so tief in den Berg rein, es ist eher eine versteckte Schlucht als eine Höhle.

Erst dahinter kam ich in die eigentliche Stadt Toila, deren Wohnblocks durch die Parkanlagen ästhetisch zusammengehalten werden. Ich bin jetzt eindeutig im russischsprachigen Osten Estlands, was auch deutlich zu hören ist. Aber auch nur zu hören. Würde man die Szene stummschalten, wäre die Szene von Westestland nicht zu unterscheiden: Die Menschen schoben Kinderwägen, fuhren auf Inlineskates durch die Gegend oder telefonierten über ihre drahtlosen Kopfhörer.
Ein paar Kilometer weiter lag noch das Dorf Voka, in dem sich ein ähnliches Bild bot. Im angestauten Flüssschen badeten Kinder. Und genau da fiel mir dann doch ein Unterschied auf: Ein Junge ballerte mit einem Spielzeug-Maschinengewehr durch die Gegend, das täuschend echte Geräusch von sich gab.

Auch die letzten Kilometer liefen nochmal übers Kliff, diesmal aber auf staubigen Feldwegen durch die Getreidefelder. Ich bin gut vorangekommen, für morgen bleiben nur noch etwa 40 Kilometer. Sehr schön, denn für morgen will ich mir Zeit nehmen.

Das Meer war nie weit entfernt, die Klippen auch nicht. Ich überlegte, das Nachtlager hier aufzuschlagen, traute mich dann aber doch nicht - auf der einen Seite der Abgrund, auf der anderen möglicherweise abendliche Spaziergänger.
Auf der anderen Seite der Ostsee verlief ein Streifen Land. Könnte das Finnland sein? Nein, der Meerbusen ist hier noch immer so breit wie die ganze Zeit schon. Also ist es wohl... ja, das kommt hin, die Küste knickt hinter der Grenze steil nach Norden ab. Dort hinten ist Russland.