NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Dienstag, 30. Juni 2026

Von Turku nach Meripirtti

Raisonlahti ist eine schilfige Bucht der Ostsee und ein Naturschutzgebiet. Ein Steg führt durch das Schilf zu einem Aussichtsturm, damit ich mich davon überzeugen konnte, dass dort hinten wirklich noch Wasser kommt. Aber zählt das überhaupt noch als Bucht oder schon als See? Die Verbindung zum Meer unter der großen Brücke ist schließlich kaum breiter als ein Bach.

Rund um Turku ist alles noch mit Radwegen und felsigen Schnellstraßen verbunden. In diesen Wäldern war es ein wenig kniffliger, einen Schlafplatz ohne Naturschutzgebiet oder Haus zu finden, aber nicht unmöglich.

Sehr schnell gelangte ich in die kleine und unauffällige Universitätsstadt Naantali. Es war noch alles still, nicht mal Studenten auf dem Heimweg von der Kneipe waren zu sehen.

Und dann verlässt der Ostseeradweg das Festland. Zwei Bänke bieten ein felsiges Panorama auf zwei Inseln und eine farblich passende Betonbogenbrücke, die sie verbindet.

Schäre Nr. 1: Raumakari

ist ein entfernt reptilienförmiger Felsen mit einem größeren Baum an der Seite, der die Brücke von unten stützt. Aber immerhin gibt es einen Durchgang, um den Gehweg auf der Brücke zu verlassen, falls man auf dem Reptil herumkraxeln oder ins Wasser springen möchte.

Schäre Nr. 2: Luonnonmaa

folgt dann gleich hinter der Brücke. 

Auch auf den Inseln gibt es Radwegweiser. Manchmal sind sogar die nationalen finnischen Radwege darauf angegeben, meistens eine Nummer im weißen Kästchen, hier dagegen ein Sonnenaufgang. Während der EuroVelo10 wirklich gut beschildert ist, sollte man sich bei den nationalen Routen aber nicht auf Vollständigkeit verlassen.

Man merkt Lounnonmaa die Nähe zur Großstadt noch an. Wo ich an einer größeren Straße fahren musste, gab es einen separaten Radweg. Gelbe Linienbusse kreuzen über die Straßen, ordentlich Blümchen blühen auf den Verkehrsinseln, und die Felder sind unterteilt in Streifen aus Grün und Gelb. Falls doch mal ein Wald mit moosigen Felsblöcken auftaucht, wirkt sogar der eher wie ein Teil einer Parklandschaft.

Hauptsächlich scheint es sich um eine Wohn- und Vergnügungsinsel der Oberschicht von Turku zu handeln. Die modernen Villenkästen sehen teuer aus, kleine Seen wurden zu Hindernissen auf dem Golfplatz umfunktioniert, die kleinen Buchten zum Segenhafen.

 
Die nächste Brücke ist etwas hölzerner und führt über
 
Schäre Nr. 3: Särkka
 

Das zugewachsene Inselchen gibt seine Geheimnisse nur ungern preis. Es verfügt über eine Wendeschleife, einen Grillimbiss und ein Naturschutzgebiet (eine seltsame Kombi), ein Großteil von Särkka ist aber unzugänglich.

Es folgt die nicht-kanadische

Schäre Nr. 4: Otava 

wo die Felsen so weit angewachsen sind, dass manche Häuser auf ihnen draufstehen. Und hier trennen sich die Wege. In Meripirrti biegt der Ostseeradweg rechts ab und zurück aufs Festland.
Aber Moment. Laut dem Museum gestern beginnt hier das größte Archipel der Welt. Davon würde ich gern mehr sehen als einen Golfplatz. Mal ganz davon abgesehen, dass ich auf diesen Inseln wahrscheinlich mehr von der finnischen Ostsee mitkriegen werde als auf dem eigentlichen Ostseeradweg. Bevor ich also auf dem Festland weiterfahre, will ich die Inseln entdecken. Wenn ich jeden Tag eine Insel besuchen möchte, bräuchte ich dafür 110 Jahre. Mein Urlaubsantrag in entsprechender Länge wurde aber aus irgendeinem Grund abgelehnt. Stattdessen habe ich auf touren-wegweiser.de eine Radroute durch das Inselmeer gefunden, die sich auch super als Abkürzung eignet für Radfahrer, denen die komplette Strecke um den Bottnischen Meerbusen zu viel ist. Auf zu einem Inselhopping, wie ich es noch nie gemacht habe!


Die "Ålternative" über die Turku-Schären und Åland-Inseln ist hier nachzulesen.
Die Hauptroute auf dem Festland geht hier weiter.

Montag, 29. Juni 2026

Von Matilda nach Turku

Das ist der dritte Ostseearm, an dem auch Matilda liegt. Er ist etwas weniger sichtbar als der zweite und hat an dieser Stelle nirgendwo eine Brücke, weshalb er mich ein gutes Stück nach Norden zwang. Was aber nicht so schlimm war, denn mein nächstes Ziel liegt auch ungefähr auf dieser Höhe.

Ein Fasan flatterte durch das Gras und begleitete mich auf dem Kiesweg in die nächste Stadt.

Der Ostseearm verjüngte sich zu einem braunen Fluss namens Salonjoki, der eher nach einem Kanal aussieht. Rundherum liegen Rosenbüsche, Blumenbeete, Bänke, Boote und sehr niedrige Brücken, dahinter ältere Glashäuser und irgendwann wieder die finnischen Holzhäuser. Die Stelle ist dann auch das Schönste in der Stadt Salo.

Die Stadt schlief noch, nirgendwo in der Fußgängerzone gab es etwas Frisches zu trinken. Die Wandmalereien verraten, dass die örtlichen Handwerker der Furry-Szene angehören.

In Salo konnte ich endlich nach Westen abbiegen, und ich folgte einer Straße, die sich immerzu um die Bahngleise herumschlängelte. Das nächste Ziel war klar und stand jetzt überall dran.
Die Bushaltestellen sehen hier schon wieder komplett anders aus, die verändern sich auf jeden Fall schneller als die Landschaft.

In den Vororten rollte mir plötzlich ein kleiner Lieferroboter entgegen. Als ich anhielt, um ihn von hinten zu fotografieren, hielt er kurz inne. Aber eine Verletzung seines Rechts am eigenen Bild schien ihm dann doch nicht schwerwiegend genug, um deswegen den Roboteraufstand anzuzetteln.

So rollte ich schon recht früh nach Turku rein, das auf schwedisch den komplett anderen Namen Åbo trägt. Kurz vor der Altstadt führte die Straße noch durch einen Park, in dem ich eine finnische Miniaturstadt entdeckte, die mit einem Verkehrsgarten kombiniert wurde. Kleine Finnen rollten mit kleinen Gokarts durch das kleine Turku, meistens genau auf der Mittellinie. Wenn sie sich mal an Verkehrsregeln hielten, dann eher zufällig.

Dann wurde es so richtig brechend voll. Denn zwischen den niedrigen, barocken Häusern hatte eine Art Mittelaltermarkt aufgebaut. Zumindest war zwischen den Menschenmassen hier und da eine auf alt gemachte Bude zu erkennen, und mittendrin ein alter Brunnen. Auch eine komische Militär-Fressbude mit dekorativen Gasmasken gehörte dazu.
Die Stände mit Schmuck und Kram ließen mich kalt, meine Taschen waren eh zu voll. Dem frisch gebratenen Lachs unter einer Schicht Kräutergewürze war dagegen schwer zu widerstehen, denn mein Magen war nicht zu voll.

Während der schwedischen Herrschaft war Turku die größte und wichtigste Stadt Finnlands, und auch zu Beginn des autonomen Großfürstentums. Man sieht ihr die Geschichte durchaus an, aber wie schon in Ekenäs auf dem Marktplatz nicht gerade am stärksten. Dort drängen neuere Gebäude von fragwürdiger Schönheit ältere Kuppeln und Fassaden zur Seite.

Zurück zum Wasser, dort ist es meistens besser. Der Fluss Aurajoki verbindet die Innenstadt mit dem Hafen, ich radelte die Uferpromenade entlang durch kleine Grünanlagen, unförmige Statuen und öffentliche Toiletten für 1,27 Euro. In Richtung Hafen wurden die Bauwerke immer neuer, und schließlich mündet der Aurajoki in eine Ostseebucht, auch wenn sie dermaßen von Inseln abgeschirmt ist, dass sie nur geringfügig breiter ist als der Fluss. Zwischen der Mündung und der Burg von Turku legen die großen Fähren ab (ganz hinten mittig). Gibt es hier auch einen Badestrand? Jup, am anderen Ufer. Der nächste Regenguss spülte die Idee, da nochmal hinzufahren, aber kilometerweit davon. Die nächsten Stunden sollte es prasseln und pladdern, ich brauchte eine Aktivität im Trockenen. Praktischerweise stand direkt neben mir das Forum Marinum, perfekt. Galerien mit Ostseebezug sind ja schön und gut, aber es ist jetzt endlich mal wieder Zeit für ein richtiges Meeres- und Schifffahrtsmuseum.
Das Hauptgebäude (rechts) ist ein alter Getreidespeicher mit Aufzug und Trockner. Pferdewagen kippten das Getreide auf der einen Seite rein, und bis zu vier Jahre später rieselte es auf der anderen Seite raus in Bahnwaggons. Im Kombipreis für das Museum sind auch zig verschiedene Museumsschiffe enthalten, die an der Hafenkante im Wasser aufgereiht stehen. Die konnte ich bis 18 Uhr gar nicht alle anschauen.

Im Gebäude wurden die Räume von innen auch alle schiffig gestaltet. Erst einmal geht es um die unschöne und blutige Seite der Seefahrt. König Gustav Vasa machte Schweden zur Seemacht, indem er 1522 in Lübeck shoppen ging und eine große Flotte als Grundlage kaufte. 200 Jahre später begann sich das Blatt zu wenden. Russland unter Peter dem Großen machte ihnen den Platz streitig, und Schweden beging ein paar fatale Fehler: Anders als Russland hatten sie anfangs keine zwei separaten Flotten für das Schärenmeer und die offene Ostsee. Nachdem die Schweden schon ein Stück Finnland verloren hatten, erlangte die Fraktion der Hüte (die Gegner der sogenannten Mützen) die Mehrheit in Stockholm. Ihr politisches Programm bestand hauptsächlich darin, verlorene finnische Gebiete zurückzuerobern. Der Krieg der Hüte brachte das genaue Gegenteil, sie verloren noch mehr von Finnland. 1790 versuchte Schweden, St. Petersburg anzugreifen und wurden eingekreist. Die Schwedenschiffe konnten sich noch herauswinden, aber das Kräfteverhältnis in der Ostsee hatte sich eindeutig verschoben.

Wer für die Flotte rekrutiert wurde, bekam ein Kleingrundstück an der Küste mit einer Grundausstattung an Klamotten und Nahrungsmitteln. Die Zeit auf den Schiffen war härter, das Essen war mies und mit Schädlingen verseucht. Auf den geschlossenen Schiffen der Ostseeflotte starb man zusammengedrängt an Seuchen, auf den offenen Schiffen der Schärenflotte war man den Elementen ausgesetzt. Daran änderte sich auch erst mal wenig, als Russland ganz übernahm und die Marine und kleiner, professioneller und mit westwärts gerichteter Verteidigung umgestaltete.
Russland schaffte sich auch Nobel-Minen an (links im Bild), die der schwedische Architekt Immanuel Nobel erfunden hatte (der Vater von Alfred Nobel mit dem Dynamit und den Preisen). Aus diesen schwimmenden Trichtern ragt ein metallener Bolzen. Wenn ein Schiff ihn streift, schiebt es den Bolzen rein, der zerbricht eine Glasröhre mit Säure drin, die Säure fällt auf eine Mischung aus Kalium und Zucker, die fängt an zu brennen und entzündet das Schwarzpulver. Was dann passiert, erfuhr das britische Schiff HMS Merlin bei Kronstadt vor St. Petersburg auf die harte Tour. Es wurde zwar nur beschädigt, aber es war das erste erfolgreich geminte Schiff der Welt.

Nach der Unabhängigkeit musste die Marine moderner werden, schaffte sich U- und Torpedoboote an. Und noch mehr Minen. Finnland wurde Meister der Seeminen, ihr bestes Schiff versenkte allein 5000 im Zweiten Weltkrieg, und alle anderen Schiffe zusammen nochmal so viele. Die flache, zergliederte Küste eignete sich nun mal besonders gut dafür, mit Minen verteidigt zu werden. Es gab Kontaktminen wie bei Nobel, die das feindliche Schiff berühren muss, aber auch solche, die schon durch Geräusche, Druckwellen oder magnetische Impulse hochgingen.
Im Hafen liegt ein solches Minenschiff, so vollbepackt mit fetten grünen Todeskugeln, dass ich das Wasser gar nicht sehen konnte. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie einst zu ohrenbetäubendem Krach über die Gleise ratterten und in die Ostsee platschten. Ob die Vorstellung historisch korrekt ist, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall fiel sie leicht.

Hatten sich die Arbeitsbedingen seit damals verbessert? Nun ja. Es gab jetzt richtige Betten, aber die standen dicht an dicht bis in die Spitze des Schiffes.
Für die 70 Mann an Bord gab es fünf Duschen, davon standen zwei den gewöhnlichen Soldaten zur Verfügung. Für diese fünf Duschen konnten 30 Tonnen Wasser gespeichert werden, die für fünf Tage Einsatz reichten. Aber auch nur, wenn alle Soldaten nur eine Seglerdusche machten: 10 Sekunden Wasser, einseifen, 30 Sekunden Wasser.
Dagegen ist sogar ein Hostelschlafsaal eine Suite.
Es war gar nicht so leicht, rechtzeitig vor der Schließung aus den labyrinthischen Eingeweiden des Kriegsschiffs herauszufinden. Auf welcher Etage befinde ich mich überhaupt nochmal, und wie viele Treppen muss ich jetzt wieder hoch?

 

Aber genug vom Militär, einige Museumsräume und -schiffe widmen sich auch der netteren Seite der Seefahrt - den Schiffen, die Geld verdienen statt Blut vergießen wollten. Das ganz alte Segelschiff Sigyn war leider nur mit Führung auf Finnisch zu besichtigen.
Aber auch das Segelschiff Laenec/Oldenburg/Suomen Jantsen hat schon viele Jahre auf dem Bug. Warte, Segelschiff? Das sieht hier doch alles relativ neu und stählern aus? 1902 war die Laennec Teil der letzten Generation an Hochsee-Segelschiffen, die in Frankreich gebaut wurden. Der französische Baustil ist daran zu erkennen, dass alles total lang, breit und groß ist. Jup, dieser Raum ist größer als alles, was ich hier drin erwartet hätte.
Im Mittelalter wagten sich die finnischen Händler meistens nur bis Dänemark, aber irgendwann zog es auch sie auf die Weltmeere. Dieser Kahn reiste hauptsächlich nach Amerika, aber hat alle Kontinente gesehen außer Asien, dass er aus irgendeinem Grund weiträumig mied. Gleich die erste Hochseereise war vom Pech verfolgt: Viele Teile waren von schlechterer Qualität als gedacht und mussten ausgetauscht werden, und ein Sturm rund um Großbritannien zwang die Mannschaft, die Motoren statt der Segel anzuschmeißen und so gleich wieder neues Öl einzukaufen. Die achte Reise stand 1938 schon im Schatten des aufziehenden Kriegs, aber die Seemänner feierten trotzdem fröhlich Karneval in Puerto Rico und spielten im Zeichen der Völkerverständigung Fußball gegen Franzosen in Marokko (Ergebnis 1:1).
Zu essen gab es nur Gepökeltes, Geräuchertes, Getrocknetes oder Lebendiges. Schweine und Hühner lebten an Bord, bis sie in einem Topf endeten, der bei Sturm ohne Befestigung vom Herd rutschte. Was da am Ende für Essen rauskam, hing extrem vom Talent des Kochs ab (der gleichzeitig auch der Schiffsbäcker war).

Gegen Ende ihrer Karriere wurde die Suomen Jantsen umbenannt und verkauft, nach Deutschland und schließlich nach Finnland, wo die Marine ein billiges Schulschiff für ihre Matrosen brauchte. Das Leben an Bord wurde jetzt deutlich komfortabler. Im schwimmenden Internat pennten die Schüler nicht mehr in Hängematten an Deck, sondern in Zweierzimmern mit eigenem Bücherregal, besser als auf Klassenfahrt. Die Suomen Jantsen bekam Klassenzimmer und eine Sauna, und so machte sie Übungsfahrten mit den Schülern.
Der Stahl ist in so gutem Zustand, dass sie auch heute noch fahren könnte. Aber man müsste an der Technik so vieles umrüsten, dass man damit der historische Wert zerstört würde. Als Museum im Hafen von Turku dümpelnd kann die Suomen Jantsen locker noch hundert Jahre überleben.

Oh, das Museum hat auch noch eine obere Etage? Wie soll ich hier bloß bis 18 Uhr fertigwerden?
Keine Sorge, die obere Etage bestand größtenteils einfach aus Holzstegen, auf denen man die untere Etage nochmal aus einem anderen Blickwinkel bewundern konnte.
Allerdings kann man von da aus auch "hinter die Kulissen" des Museums schauen. Das Forum Marinum hat einen Teil seiner Lagerräume zugänglich gemacht, also den Teil, der normalerweise nicht zugänglich ist, weil das Museum viel zu viel Zeug hat, um das alles museumsgerecht zu präsentieren. Mit anderen Worten: Da stand halt ohne nähere Erklärung eine groteske Menge an Modellbooten auf den Regalbrettern. Und an anderer Stelle eine noch groteskere Menge an Außenbordmotoren auf zwei Etagen. Mein Außenbordmotorbetrachtungsbedürfnis dürfte damit für den Rest meines Lebens gestillt sein.

So, das war... das erste Museumsgebäude, nun kommt das zweite. Hier geht es endlich mal um die einzigartige Natur rund um Turku, das Schärenmeer, in das ich morgen reinfahren will. Im Vergleich zum Militär wird dieses Thema aber auf eher stiefmütterliche und zudem relativ deprimierende Weise behandelt. Auf den Displays konnte ich zum Beispiel die Anzahl der Vögel in verschiedenen Jahren vergleichen und ihrem Gezwitscher lauschen, das mit jedem Zeitpunkt leiser wurde. Und mir dann die Gründe für die Stille durchlesen, warum das so ist.

Wesentlich mehr Raum bekommt ein Thema, in dem Turku besonders hervorstach: Schiffbau. Am Eingang der Ausstellung konnte ich zunächst mal auf Knopfdruck eine Schiffstaufe auslösen: Flasche und Schiffswand waren echt, der Sekt dagegen eine Projektion.
1539 notierte zum ersten Mal jemand auf einer Landkarte den fast mystischen Hinweis Hier werden Schiffe gebaut in der Nähe von Turku. Ansonsten liegen die Anfänge im Dunkeln, aber bald wurde die Stadt zum Werftzentrum Schwedens. Finske ("der finnische") Jakob war zum Beispiel einer der besten Schiffbauer im Reich und baute dessen Flaggschiff Elefanten. Okay, der Elefant ist zwar gesunken, aber nicht durch Konstruktionsfehler, sondern nach einer Seeschlacht bei Öland.
Damals stellte eine Werft alle Komponenten selber her. Nur das Holz konnte sie natürlich nicht alles im eigenen Garten anpflanzen. Besonders für die Masten war es schwierig, ausreichend kräftige und gerade Baumstämme zu finden, oft wurden sie weit aus dem inneren Finnland hergeschafft. Erst im 20. Jahrhundert begannen die Werfen damit, Aufgaben outzusourcen. Für kleine Schiffe und als Hilfsmotoren für Segelschiffe benutzten sie zum Beispiel die British Seagull. Dieser Motor veränderte sich ab 1931 für 65 Jahre lang fast gar nicht und sprang mir ins Auge, weil er mich an einen Fahrradlenker mit Klingel erinnerte.

Zu guter Letzt widmet sich aber auch ein Teil des Museums und ein Museumsschiff der Art von Schifffahrt, die ich auch schon oft genug ausprobiert habe: Schiffe, die für mehr oder weniger Geld einfach nur Otto Normalseefahrer von A nach B bringen. Im Hafen liegt ein Schiff, das 1959 die moderne Fährfahrt der Ostsee entscheidend beeinflusst hat. Bore ist nicht nur der Name des Schiffs, sondern auch des dazugehörigen Unternehmens (ein Vorläufer der Silja Line, zu der auch die Tallink-Fähren gehören).
Die Bore fuhr auf verschiedenen Strecken zwischen Finnland und Schweden, und zwar mit Dampf statt Diesel. Das erschien dem Unternehmer leiser und komfortabler für die Fahrgäste. Die Öfen liefen aber schon mit Öl, es mussten also keine Heizer mehr Kohlen schaufeln. Auch Autos durften schon mit in den Schiffsbauch, damals aber durch eine Seitenklappe.
In den 80ern waren zum ersten Mal die meisten Ostseeschiffe in der Personenschifffahrt tätig. Da war die Bore schon das letzte Dampfschiff der Ostsee, wurde mehrfach hin und herverkauft und diente zwischendurch als Hausboot in Algerien, bevor es zurück nach Finnland ging.

Von außen mag die Bore aus Stahl bestehen, aber innen ist vieles Holz. Zu viel für die neuen Brandschutzbestimmungen von 2010, welche der Karriere des Schiffs ein Ende machten. Die Bore ist heute ein Hotel, im vorderen Teil aber mit einem kleineren Museum drin. Dort sind die Brücke und die privaten Kabinen der Unternehmerfamilie von Rettig hergerichtet, dazu auch ein paar der bequemen Passagierkabinen, die auf heutigen Fähren längst nicht mehr so groß sind.

Auch heute noch ist Turku im Schiffbau tätig: Die Meyer-Werften aus Papenburg haben hier einen relativ autonomen Standort, dem es besser geht als dem Hauptsitz in Deutschland. Meyer Turku ist das größte Unternehmen in Südwestfinnland. Unter einem blauen Riesenkran, der mich sehr an Warnemünde erinnert hat, puzzelten sie gerade ein halbfertiges Kreuzfahrtschiff zusammen. Die Hülle war noch nicht glatt und verschlossen, überall klafften rechteckige Lücken, fehlende Paneele oder ganze Zimmer. Das wurde im Museum etwas anders dargestellt, da wuchs das Kreuzfahrtschiff auf dem Display von unten nach oben, Etage für Etage.
In gewisser Weise war der Anblick ein größerer Blickfang als sämtliche Museumsschiffe. Und wer weiß, eines Tages wird womöglich auch dieser schwimmende Luxusinsel dem Forum Marinum als Ausstellungsstück hinzugefügt. Die Frage ist, ob dann auch so schmeichelhafte Dinge darunter stehen werden wie bei den alten Segelschiffen.


Sonntag, 28. Juni 2026

Von Ingå nach Matilda

Die heutige Strecke sah im Prinzip so aus wie gestern Abend, hat aber deutlich mehr Spaß gemacht. Erstens gab es weniger Zeitdruck, zweitens besseres Wetter, und drittens waren heute tatsächlich auch die ersten Seen zu sehen, welche das ganze Land blau besprenkeln. (Wobei die ganz große Finnische Seenplatte woanders ist, die umgeht der Ostseeradweg großräumig.) Zugänge zum Baden habe ich nicht entdeckt, nur klares blaues Gefunkel hinter Baumstämmen. Es dominieren noch immer die Nadelbäume.
Auch meine Sorge vor den finnischen Hügeln löste sich bald auf. Überall wird vor ihnen gewarnt, sie seien zwar kein Gebirge, würden aber durch die vielen aufsummierten Höhenmeter ganz ähnlich schlauchen. Natürlich ist das hier anstrengender als Flachland, keine Frage, aber nachdem ich gerade erst im Kein-Gebirge-aber-auch-sehr-hügeligen Mittelböhmischen Hügelland gefahren war, konnte mich das hier ganz bestimmt nicht schrecken. Zumal es ja die nächsten Tage tendenziell sogar flacher werden soll.

In vorbildlicher Weise hat Finnland erst kürzlich neue EuroVelo-Schilder aufgestellt, die mit kurzen, knackigen Pfeilen die Richtung weisen, und heute werde ich denen auch folgen. Radwege gibt es meistens nur noch in der Nähe der Städte, was aber nur auf wenigen großen Straßen ein Problem ist.
Nicht alle finnischen Straßen sind asphaltiert. Aber anders als in Lettland ist die Alternative keine gottlosen Schotterpiste, sondern extrem feste, hellbraune Erde. Sogar nach einem Regenguss unterscheidet sich das Fahrgefühl nur minimal von Asphalt.

Die Briefkästen am Straßenrand haben diese metallenen Fähnchen wie in den USA, die man hochheben kann als Signal für den Postboten, dass er das Paket darin mitnehmen soll. Die Wohnhäuser dahinter sind sehr versteckt. Präsenter sind da die Silos mehrstufigen Gebäude in schwedischem Rot, an deren Ende stets ein Silo dranhängt.
Aus den Straßennamen wurde ich nicht ganz schlau.

Auf halber Strecke liegt Ekenäs, das auf Finnisch Tammisari heißt. Der schwedische Name wird (wie auch in Ingå) zuerst genannt, es muss hier also viele schwedischsprachige Finnen geben. Dafür spricht auch, dass Ekenäs eine der ältesten Städte in Finnland ist und aus schattigen Alleen mit historischen Holzhäusern besteht, ein- bis zweistöckig und in allen Farben, hauptsächlich aber gelb.

Den nur teilweise historischen Markt- und Parkplatz fand ich im Vergleich dazu gar nicht mal so schön.

Eines der gelben Holzhäuser am Straßenrand sah irgendwie verlassen und heruntergekommen aus, und deshalb überraschte es mich, als da plötzlich das Wort Museo dranstand. Ob ich schon in Ekenäs ein finnisches kleines Dorfmuseum besuche? Aber wo kommt man da rein?
Moment, gleich dahinter stand ein neues anthrazitfarbenes Gebilde, in dem sich eine Kunstgalerie namens chappe befand. Ziel war hier gerade, eine Galerie mit Ostseebezug nah an der Ostsee zu bauen. Der Iron Curtain Trail ist vorbei, nach all den deprimierenden grauen Grenzmuseen ist es Zeit für ein auch graues, aber weniger deprimierendes Kunstmuseum. Wenn es einen Ostseebezug hat, umso besser, schließlich fahre ich jetzt ausschließlich auf dem Ostseeradweg.
Der erste Raum heißt Immortal und ist fast leer. Ein Künstler namens Christopher B. Jackson hat ihn mit seinem Lieblingsmotiv gefüllt: Sich selbst. Seine DNA hängt in Form von Punktkolonnen und schillernden Regenbogenfarben (etwa auf dem Tisch unten rechts) herum. In einer Petrischale schwimmen Jacksons Zellen, wo sie angeblich ewig in ihrer Nährlösung weiterleben können. Zumindest zeigte der Bildschirm an der Wand, wie sie putzmunter herumwuselten. Ob man auf diese Weise aber wirklich unsterblich wird, ist zweifelhaft. Die Ausstellung besteht nämlich nur noch bis zum 6. September 2026.

Im Obergeschoss wird es bodenständigen und maritimer. Erika Adamsson hat die Wände mit Bildern zugehängt, dermaßen viele, das ihr nicht für jedes einzelne ein Titel eingefallen ist. Diese Bildergruppe heißt Eine Woche auf der Insel. Bei der Insel handelt es sich um Klovharun im Schärengarten von Porvoo östlich von Helsinki, den ich selbst nicht gesehen habe, trotzdem gaben sie mir einen Vorgeschmack auf die Landschaft, die mich die nächsten Tage erwartet. Der Künstler Tove Jansson hat sein Sommerhäuschen auf der Insel gespendet und zur Künstlerresidenz gemacht.
Erika Adamsson war eine von denen, die sich dort mehrfach eingemietet haben. Sie fing Gräser und violette Blüten ein, die sich an den Fels klammern und ihn mit Leben füllen. Aber anders als ihre Kollegen richtete sie den Blick nicht nur auf die Natur, sondern auch das Zusammenspiel mit dem menschlichen Leben in der Hütte: Gummistiefel, Schaukelstühle, Regenjacken, Omas mit Bommelmützen und eine Inneneinrichtung aus den 60ern, alles sieht robust aus, ist aber sehr zart gemalt. Und natürlich immer wieder Wasser. Deshalb bestehen die Bilder natürlich auch aus Wasserfarben. Und zwar ausschließlich aus Farben von Inseln: Umbra von Zypern, Eisenoxid von den Hebriden, der Rest von den Åland-Inseln, wo sie lebt und wo ich auch noch hinwill. Für ein Bild hat sie sich sogar von zwei Meeresbiologinnen unterschiedlich alte Sedimente vom Meeresgrund ausbuddeln lassen, ein Zentimeter entspricht etwa einem Jahr.

Im Keller sind barocke Goldkelche und verstörende, aber interessante Nahaufnahmen von Mikroorganismen zu sehen. Mein Gespür war nicht falsch, diesem Ausflug in die moderne Kunst konnte ich schon etwas abgewinnen, zumindest manchen Teilen. Auch wenn das Zentrum der Internationalen Lichtkunst in Unna in der Hinsicht unübertroffen bleibt.

Sogar die Klos sind Kunst. In die Spülkästen ist ein Bilderzyklus namens Memento eingraviert. Auf dem Herren-WC hat jemand einen Apfel gegessen und scheidet den Kern wieder aus (WC ÄPPEL), aus diesem wächst auf den übrigen Toiletten ein Baum, der wiederum neue Äpfel trägt. Wer den gesamten Zyklus sehen will, kann auf besondere Anfrage auch das Mitarbeiter-WC besichtigen.


Das ist nicht alles, über einen Kellergang ist die Galerie Chappe auch mit dem Raseborgs Museum verbunden. Das enthält Modell der nahen Burg Raseborg, und eine Ausstellung mit Fotoleinwänden und Gegenständen des 20. Jahrhunderts. Ein Tüftler hat einen hängenden Sessel mit Lautsprechern im Polster entworfen, in dem man angeblich nicht hören kann, aus welcher Richtung der Klang kommt (doch, kann man). Die Museumsbesucher versinken darin und hören... ein Video darüber, wie der Sessel gebaut wurde. Eine Gratisausstellung im Hinterhaus zeigt Gemälde nackter Menschen in Swimmingpools und ein Riesenbild mit absurd vielen Vogelarten namens Go away bird.
Ach guck, sogar in der ollen Scheune da ist irgendwas, nachgestellte Räume voll mit falschen Tieren und echten Schaufeln, Leitern und Heuhaufen. Hier wurden Tiere, Verbrauchsgüter und manchmal andere Familien als Mieter gelagert. Perfekt, ich habe also doch versehentlich ein kleines finnisches Heimatmuseum mitbezahlt.
Sogar das alte gelbe Häuschen vom Anfang, das mich überhaupt erst auf das Museum aufmerksam gemacht hat, hat doch noch einen Eingang. Darin sind alte Räume nachgestellt, zum Beispiel die Köket/Keittiö/Küche, die angeblich von 1790 bis 1900 so aussah. Ein ganz schön langer Zeitraum, in dem die Ekenäser nicht nur auf Strom, Herd und eine Alexa verzichten und stattdessen auf einen extrabreiten Ofen zurückgreifen mussten, sondern auch ihren Inneneinrichtungsstil offenbar nicht groß veränderten.

Auf der zweiten Hälfte des Tages tauchte die Ostsee wieder auf. Mehr oder weniger. Auf jeden Fall nicht so, wie sie aus Deutschland kennt.
Finnland ist hügelig und seenreich, das sollte bekannt sein. Dass in Finnland ein richtiges Gebirge entstand, ist schon eine Milliarde Jahre her. Die Gletscher vor zehntausend Jahren haben alles abgeschmirgelt, und so blieben von den Bergen nur die flachen Felsplatten, die heute so skandinavisch sind wie sonst was. Das ist dann wahrscheinlich auch der Grund, warum wir in Norddeutschland keine solchen Platten haben, obwohl da dieselben Gletscher aktiv waren - bei uns zu Hause stand nicht mal vor einer Milliarde Jahren ein Gebirge, das die Gletscher hätten abschleifen können. (Die deutsche Küste sah damals auch komplett anders aus und lag viel weiter im Norden.) Nur die Moränen, also die zusammengeschobenen Sandhügel, sind natürlich generell überall, wo Gletscher im Spiel waren.
Diese geologische Geschichte hat mehr mit heute zu tun, als man denkt. Zum einen habe ich mehrmals in diesen Gletschern gebadet, also quasi. Als die Gletscher langsam abschmolzen, entstand daraus der Ancylussee, ein Vorläufer der Ostsee. Ein paar Wasserpfützen blieben aber auch ohne Verbindung zum Meer liegen und bildeten die finnischen Seen. Gleichzeitig drückte aber auch weniger Gletschergewicht das finnische Land runter. Darum begann sich 7500 v. Chr. die ganze abgeschmirgelte Felsplatten-und-Moränen-Masse, auch bekannt als Baltischer Schild, langsam zu heben. So langsam, dass sie damit bis heute nicht fertig ist. Die finnische Küste wächst um bis zu acht Millimeter pro Jahr in die Höhe. Das ist kein Funfact, sondern ein echtes Problem. In den vergangenen Jahrhunderten mussten die Häfen ständig nach Westen verlegt werden, weil sie verlandeten. Die Flüsse haben inzwischen im Küstengebiet kaum noch Gefälle, die Folge sind starke Hochwasser. Aber dafür können Geologen anhand der Bewegung berechnen, wie elastisch die Erdkruste eigentlich ist. Leider kann man für dieses Problem niemandem die Schuld geben, nicht mal der Menschheit. Ich vermute mal, die Finnen wünschen sich die Gletscher ja nun auch nicht zurück.

Die Küste des Baltischen Schilds ist eine Schärenküste, und das heißt, sie ist hoffnungslos zersplittert in ein heilloses, unübersichtliches Chaos aus winzigen und riesigen Inseln, Halbinseln, Sackgassen, Brücken, Buchten und Festland mit Seen drin. Ein Versuch, hier dem Festland immer haargenau am Wasser lang zu folgen, wäre ungefähr so erfolgversprechend, wie Milch mit einem Kehrblech aufzufegen. Der Ostseeradweg versucht das nicht, sondern leitet die Radler weit ins Hinterland.
Aber sogar da ist plötzlich die Ostsee im Weg: Lange Meeresarme strecken sich tief ins Land rein. Den ersten konnte ich gleich auf einer Brücke überqueren, die aus kleinen Holzbrettchen zusammengepuzzelt war. Auch der zweite hatte eine Brücke, ich sollte aber noch ein Weilchen weiter nach Norden folgen. Das klare Blau funkelte deutlich sichtbar hinter den Getreidefeldern, somit war das tatsächlich ein Radweg an der Ostseeküste im weitesten Sinne. Auch wenn dieses schmale Wasserband ebenso gut ein finnischer Fluss oder See hätte sein können.

Einmal hatte ich meine liebe Not, mich durch eine Straße zu schlängeln, in der gerade ein Flohmarkt aufgebaut wurde.
Mittagessen musste ich auch noch kochen, was nicht einfach war, denn die einzigen Rastbänke hinter Ekenäs gehörten zu einem Imbiss. Getrieben von Hunger musste ich mir im Wald schließlich den moosbedeckten Felsbrocken mit den wenigsten Ameisen drauf aussuchen.
Die minimalistischen Bushaltestellen taugten auch nichts, sie warfen ihren Schatten nach hinten in den Straßengraben, wo ihn keiner gebrauchen kann.

 

Ich verließ die Hauptstadtregion namens Uusimaa und fuhr... jetzt erst rein ins Eigentliche Finnland? Ah ja. Optisch änderte sich trotzdem nicht viel.

86 Prozent von Finnland sind Wald. Das ist sogar 1 Prozent mehr als in Schweden, und damit ist es das waldreichste Land Europas. Hier und da mussten die wenigen Menschen aber trotzdem mal den Wald roden, um sich irgendwas zu essen anzupflanzen. Ich radelte gerade über eine besonders große Landwirtschaftslichtung in der prallen Sonne, die schon so tief stand, dass ihre Strahlen sich am Sonnenschutz des Fahrradhelms vorbeimogelten. Und dann machte die Gangschaltung auch noch plötzlich komische Dinge (die bald darauf wieder aufhörten, aber das wusste ich ja nicht).
Auf einmal verspürte ich ein schmerzhaftes Ziepen im Kopf. Kacke. Ein Sonnenstich? Nein, so schlimm war es nicht, aber eindeutig ein Warnzeichen. Wo ist hier in der Nähe irgendwas, also irgendwas anderes als heiße Felder? Im nächsten Dorf stand die finnische Version eines Melkhus. Die rote Hütte warf immerhin einen deutlichen Schatten, wenn auch leider nicht auf die weiße Rastbank. Hinter der Tür waren in Kühlregalen die Produkte der Landwirtschaftslichtung ausgestellt, die per Kartenzahlung an einer Art Selbstbedienungskasse erworben werden konnte. Die Kasse sprach sogar Englisch, aber nur im allgemeinen Menü, bei den langen Produktnamen musste ich selber gucken, was auf der Verpackung stand, und es auswählen. Ich wartete ab, bis die Kunden vor mir fertig waren, und kaufte gezwungenermaßen zwei teure Apfellimonaden und ein Lakritzeis am Stiel, dann ging es wieder besser.


Der nächste Abzweig brachte mich in den Nationalpark Teijon kansallispuisto, dessen Felsen und Farne sich aber von übrigen Fauna nicht wesentlich unterschieden. Im Herzen des Nationalparks liegt am dritten Ostseearm das beschauliche Matilda.

Es wird bewohnt von mehreren Alpakas namens Romeo Jr, Pom Pom, Mauritz, Wilmer und Sukka-Jukka.

Ich schob das Rad die Alpakawiesen runter und entdeckte eine putzige kleine Wassermühle, deren Rad sich noch drehte. Tatsächlich war ich auch auf der Suche nach Wasser, aber eigentlich eher in Hähnen als in Mühlrädern. Das war gar nicht so einfach, denn die eine Hälfte von Matilda war für ein Cider-Festival gesperrt, die andere für eine Hochzeit. In der Scheune wurde fröhlich getafelt, im Hotel daneben nächtigten die Gäste, aber das Klohäuschen dazwischen war in der Karte als öffentlich eingetragen, und mit etwas gutem Willen konnte man argumentieren, dass es vom Geltungsbereich des Geschlossene-Gesellschaft-Schildes nicht erfasst war. Jedoch hatte sich davor eine lange Schlange gebildet, und über die Schultern der Gäste erhaschte ich den Blick auf ein Kein-Trinkwasser-Schild, von dessen Geltungsbereich eindeutig das gesamte Toilettengebäude umfasst war.

Dann muss ich bis morgen durchhalten. Ich fuhr aus Matilda raus, bis ich den Nationalpark verlassen hatte, und ließ mich im nächsten Wald nieder. Der Himmel war wieder völlig klar, die Luft warm, heute Nacht brauchte ich eindeutig kein Zelt.
Leider hat es terminlich nicht gepasst, diese Tour auf die Mittsommernacht zu legen und die Mitternachtssonne zu sehen. Ich bei Helsinki mit mehreren Deutschen gesprochen, die gerade erst diese magische Nacht in Finnland verbracht hatten. Ihre Reaktionen waren recht unterschiedlich. Den einen gefiel es, andere konnten mit der dazugehörigen Zelebrierung, Saufen und stumpfes Gröhlen in der Sauna, nur wenig anfangen.
Die Nächte waren aber auch Ende Juni ganz erstaunlich, vor allem, wenn keine Regenwolken den Himmel zuhängten. Als ich in Helsinki wegen kaputter Scheinwerfer in der Fahrradwerkstatt erschien, wirkte der Typ überrascht und winkte ab, solange ich nicht gegen zwei Uhr nachts fahren wollte, sei das eigentlich kein Problem.
So sah der Himmel um diese Zeit aus, und dunkler wurde es nicht.