NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Samstag, 27. Juni 2026

Von Helsinki nach Ingå

Das nächste Land erreichte ich auf einer analogen Reise. Das kam so:
Mein Handy wollte nicht mehr laden, die Ladebuchse war kaputt oder verschmutzt, auch mit einer Pinzette konnte ich nicht allen Dreck entfernen. In Tallinn hatte ich noch die Abfahrtszeit im Kopf, den richtigen Fährhafen zu finden war dank der Schilder und eines hilfreichen Tallinners kein Problem. Die Fahrkarte konnte ich am Schalter kaufen und spätabends auf die gewaltige und sehr stilvolle Tallink-Fähre fahren, wo zwischen den zig Restaurants einfach mal ne Pferdestatue steht.
Mit meinem allerletzten Prozent Ladung buchte ich ein Hostel mit 24-Stunden-Rezeption, notierte mir die Adresse und schoss dieses Foto. Dann Schwärze. Ich war gefangen in der analogen Welt mit vielen Fragen, zum Beispiel: Wo zum Geier legen wir in Helsinki eigentlich an? Im Bikeline-Stadtplan gab es allein an der Innenstadt mehrere Stellen, die nach Hafen aussahen. Ich nahm den Plan und fragte herum. Weder ein finnischer Radler, der wegen einer Verletzung leider ein europäisches Radrennen abbrechen musste und die Fähre schon oft genutzt hatte, noch mehrere Mitarbeiter von Tallink konnten sicher sagen, wo wir eigentlich hinfahren, sehr beruhigend. Wozu muss man so was auch wissen, wenn doch das Navi den Weg weist?

Irgendwie konnte ich trotzdem den Hafen, an dem ich ankam, und die Straße mit der Unterkunft auf dem Stadtplan ausmachen und fiel irgendwann gegen halb zwei ins Bett. Einen Wecker hatte ich nicht, also musste ich mich überraschen lassen, wann ich wohl aufwachen würde.

Als ich erwachte, hatte ich keine Ahnung, wie spät es war. Gut, es war hell, aber das grenzt es in Finnland um diese Jahreszeit so gut wie gar nicht ein. Ein anderer Gast im Schlafsaal informierte mich auf Nachfrage, dass ich noch 40 Minuten hatte, um das gebuchte Frühstück zu nutzen.
Danach fragte ich an der Rezeption nach Handyshops und Fahrradwerkstätten und konnte beim zweiten Versuch sogar verständlich machen, warum ich das nicht einfach googelte. Stattdessen googelte die Frau bei Google Maps und markierte im etwas detaillierteren Hostelstadtplan beide Läden, einen davon sogar richtig. Dr. Mobile Fix fixte das Handy dann mit seinem speziellen Reinigungsequipment. Obwohl ich die Situation eigentlich souverän bewältigt hatte, hat der Absturz ins Analoge und die Abhängigkeit von anderen bei mir einen deutlichen Eindruck hinterlassen. Ob es sich so ähnlich anfühlt, mit einer Behinderung zu reisen?

Mir blieb noch ein Dreivierteltag, um die finnische Hauptstadt zu entdecken. Ihre Straßen sind breit, hoch, bunt, etwas grün und haben fast immer Radwege, aber auch fast immer rote Ampeln, was die Fortbewegung ausbremst. Wohlgefühlt habe ich mich trotzdem gleich.

Im hinteren Bereich haben die Straßen ein paar Anstiege, es sind weniger Hügel als eher breite Wellen, welche die Stadt in konzentrischen Kreisen umgeben. Zwischen den farbenfrohen klassizistischen Bauten ragen immer mal wieder solche massiven grauen Steinmonster empor, zum Beispiel die Kallio-Kirche. Angeblich ist der Stil eine Mischung aus Art Nouveau und Nationalromantik, für mich sieht es eher aus, als hätten Stalin und eine mittelalterliche Burg ein außerordentlich robustes Kind gezeugt.

Das Innere sieht demgegenüber überraschend hölzern und weißgrün aus. 1200 Perlen sind auf dem Bogen über dem Altar gemalt. Gerade fand ein Orgelkonzert eines Komponisten namens Cesar statt. Ich machte das genaue Gegenteil dessen, was ich jetzt eigentlich machen würde, also die Stadt im Schnelldurchlauf erkunden - ich setzte mich hin und lauschte den beruhigenden Klängen, bis ich runtergekommen war.

Im Linnanmäki dagegen kann man nur auf eine Art runterkommen, die mit Schwerkraft und hohen Geschwindigkeiten zu tun hat. In Skandinavien ist es üblich, Freizeitparks ganz nah dran an die großen Städte, auf engen Raum und auf einen Hügel zu bauen, und Finnland legt da gleich mit einem der besten los. Eng war es wirklich, teilweise musste ich rätseln, durch welchen engen Durchgang es nun eigentlich weitergeht. Es war einer der günstigeren Tage, an denen man 45 Euro für alle Fahrgeschäfte zahlt (Isohupi-Ticket), man kann auch für fünf Euro nur reingehen, ohne zu fahren.
Wie im Tivoli in Kopenhagen gibt es auch hier eine alte Holzachterbahn mit viel Auf und Ab (hinten), aber nicht so alt und schön gestaltet wie die dänische Rutschebahnen. Sie heißt Vuoristata und verbreitet an windigen Tagen einen verbrannten Geruch über die halbe Stadt, der die Finnen in Finndheitserinnerungen schwelgen lässt. Die Bahn schafft Arbeitsplätze, denn sie hat kein automatisches Bremssystem, stattdessen sitzt hinten in jedem Wagen ein eigener Bremser. Zeitungsausschnitte im Wartebereich dokumentieren, wie Präsidenten und Sportler auf dem Mountainbike die hölzernen Schienen runtergerattert sind.
Bei Namen wie Ukko fällt es etwas schwer, die Achterbahnen ernstzunehmen, was aber dringend anzuraten ist. Kurz, knackig und kurios ist die als Kreissäge gestaltete Bahn Kirnu (vorne), in der ich mich seitlich der Schienen hinsetzen musste und unkontrolliert drehte, was mal eine ganz andere Art von Überschlag verursacht.
Aber auch sonst hat der Park eine große Bandbreite verschiedener Bahnen, die sehr an den Europapark erinnert und sich durchaus mit ihm messen kann, darunter auch mein Lieblingstyp, die moderne blaue Katapult-Achterbahn ohne Schulterbügel und mit vielen Überschlägen, die hier Taiga heißt.

Die eigentliche Innenstadt beginnt am Hauptbahnhof, und gleich daneben steht ein auffälliges verbogenes Goldgebäude. Was mag das sein? Helsinki ist die einzige Stadt, wo einem als eine der ersten Sehenswürdigkeiten die Stadtbibliothek empfohlen wird, sogar von Deutschen.
(Im Glashaus ganz rechts im Bild sitzt übrigens ein Aufzughersteller, deshalb kann man da "aufgeschnittene" Aufzüge mit freiliegender Mechanik beim Fahren beobachten.)

Diese Bibliothek ist ein neueres Bauprojekt der Stadt (sieht man, glaube ich) und heißt Oodi, also Ode. Die Bücher sind in der Glashalle ganz oben, zusammen mit Lesetischen, Sofas und einem Kinderspielbereich. Es sind auch ein paar englischsprachige darunter, und sogar ein deutsches Regal mit Heinrich von Kleist und Volker Kutscher. Dieser Raum ist so ungefähr das Gegenteil von staubigen Regalen, knarzenden Böden und miesgelaunten Bibliothekaren, die alle Sprechenden böse anstarren. Ach, wie gern hätte ich mir so einen Raum in der Nähe eines Hauptbahnhofs gewünscht, wenn ich dort mit dem Zug gestrandet war.

Oodi ist aber mehr als eine Bibliothek, sie enthält unter anderem einen Kinoraum, eine kleine EU-Ausstellung und vor allem Arbeitsräume für alle möglichen Kreativprojekte, die man größtenteils kostenlos buchen kann: Tonstudios, Nähmaschinen, Videospielräume, und sogar 3D-Drucker zippelten eifrig irgendwelche flachen Bäume aus Plastik zusammen.
Ich hatte tatsächlich auch Bedarf nach einem Buch, denn ich hatte versehentlich ein viel zu dünnes mitgenommen und es schon während der Anreise beinahe ausgelesen. Nur: Weil ich morgen weiterfahren würde, musste ich das nächste Buch kaufen. Wenn diese Bibliothek so vieles anbietet, dann vielleicht auch einen kleinen Bereich mit käuflichen Büchern? Nein, aber die Buchhandlungen der Innenstadt hatten sogar noch mehr englischsprachige Bücher (ich fand allerdings nichts, das aus dem Finnischen ins Englische übersetzt wurde).


Eine andere Empfehlung für Helsinki war die spendenbasierte Walking-Stadtführung. Für die muss man sich hier zwingend anmelden, was mir aber nach erfolgter Handyrettung noch rechtzeitig gelang. Auch diesmal war sie gelungen und gab gleich einen Überblick über die Geschichte des Staates insgesamt.
Finnland ist ein Außenseiter unter den Skandinaviern: Die einzige Republik, eine andere Sprachfamilie und vor dem 20. Jahrhundert hat es als Staat nicht mal existiert. In vielerlei Hinsicht steht es also eigentlich den baltischen Staaten näher. Zuerst eroberte und christianisierte das Königreich Schweden das Land, wobei es anfangs nur im Süden staatliche Strukturen schuf. Es hinterließ eine Minderheit schwedischer Adliger, deren Nachkommen bis heute im Land wohnen und schwedisch sprechen. Für die ist jedes Schild zweisprachig (ach deshalb stand vorhin auf dem Wegweiser Töölö und Tölö, das sind also nicht zwei verschiedene Orte), und Kinder lernen in der Schule die jeweils andere Sprache, mal mehr, mal weniger gut. Sehr praktisch, dann kann ich mit einem Lehrbuchschwedisch zumindest ein paar Schilder verstehen. Damit dürfte Estland den Rekord behalten als das Ostseeland, in dem ich am wenigsten verstanden habe. Auf Schwedisch heißt Helsinki übrigens Helsingfors.
Diese Adligen diskutierten ihre Angelegenheiten im Ständehaus, auf dem oben die Wappen der einzelnen Regionen prangen. (Man beachte den leicht bekleideten Mann für Lappland mit seiner großen Keule, und eine Hiebwaffe hat er auch noch dabei.) Heute wird es für Konferenzen genutzt, und gerade liefen irgendwelche Politiker rein, die aber nicht so wichtig waren, dass unser Stadtführer sie erkannte.

Um 1800 eroberte Russland Stück für Stück Finnland. Zar Alexander I. war anfangs sogar der nettere Kolonisator, deshalb steht seine Statue mitten im Bild. Er gönnte dem Großfürstentum Finnland weitreichende Autonomie, eine eigene Währung, finnisch als zweite Amtssprache und ließ die althergebrachten schwedischen Gesetze inklusive Verfassung in Kraft. Russische Wegweiser gibt es trotzdem nicht.
Erst die späteren Zaren wünschten sich mehr Zentralisierung. Deshalb wurde auch Helsinki zur Hauptstadt gemacht, dann hatte man es von St. Petersburg aus in Griffweite. (Wobei die Entfernungen in Finnland im Vergleich zu den Entfernungen innerhalb Russlands ja eigentlich eh alle lächerlich sind.) Aus dieser Zeit stammt der zentrale Senatsplatz, an dem der alte Senat steht (hinten rechts), in dem heute der Staatsrat drinsteckt.
Der schneeweiße Dom von Helsinki trägt seine Kuppel wie ein grünes Bommelmützchen. Beim Bau stellte sich heraus, dass der Boden das Gewicht der Kirchenglocken nicht tragen kann, darum bekamen sie ein weißes Extrahäuschen. Dadurch wirkte der Platz aber asymmetrisch, deshalb steht auf der anderen Seite ein identisches weißes Häuschen, das aber leer ist (hinten Mitte). Der Platz ist groß und durchaus eindrucksvoll, aber auch etwas leer. Die Tallinner Altstadt ist da schon schöner.
Das Ganze hat der deutsche Architekt Carl Ludwig Engel entworfen, derselbe wie in St. Petersburg, weshalb sich die Städte durchaus ähnlich sehen. Anders als in St. Petersburg oder auch in Estland ist die Regenbogenflagge überall präsent. Sogar die Skala an der Tür der Fahrradwerkstatt, die anzeigt, wie ausgelastet sie sind, hatte einen Regenbogenhintergrund.

Als in Russland die Februarrevolution ausbrach, erklärte Finnland seine Unabhängigkeit. Die Russen erkannten sie einfach an, sie hatten gerade genug eigene Probleme. Das Problem war: Die Finnen auch.
Die großen Standesunterschiede und der Einfluss der Revolution nebenan ließen sich nicht so schnell in einem neuen System kitten, und drei Monate lang brach ein Bürgerkrieg aus. Die Roten, also Sozialisten, teils auch Sozialdemokraten und einfach durch die Lebensmittelknappheit verzweifelte Arbeiter versuchten sich an ihrer eigenen Revolution, unterstützt von Russland. Gegen sie kämpften die Weißen, die konservativen Eliten des alten Großfürstentums, unterstützt von Deutschland. Ihre wichtigste Figur wurde er hier, Gustav Mannerheim, eigentlich ein loyaler General des Zarenreichs, der eher in die Rolle als militärischer Anführer der Weißen und späterer Präsident hineinstolperte. Ein bisschen klingt dieser Bürgerkrieg für mich so, als wären die Straßenschlachten der Weimarer Republik endgültig eskaliert.

Die Roten konnten zwar anfangs den Süden besetzen, aber die Weißen trainierten ihre Truppen schneller, sodass sie ganz Finnland zurückeroberten. Dabei kam es zu Gräueltaten auf beiden Seiten, die in keinen speziellen Zusammenhang zu diesem depressiven Brunnen stehen.
Was zum Geier, wie passt dieser Brunnen zum angeblich glücklichsten Land der Welt? Ganz einfach, der Brunnen soll gerade hinterfragen, dass Frauen und Kinder immer nur als hilflose Opfer dargestellt wurden.

In Finnland waren sie es jedenfalls nicht mehr, denn dieses massige Parlament namens Eduskunta/Riksdag durften Frauen von Anfang wählen und sich auch reinwählen lassen. Ein Grund dafür war, dass die Frauen den Ausbau des Schulwesens stark vorangetrieben hatten und deshalb schon 1900 fast alle Erwachsenen lesen, schreiben und mitdiskutieren konnten. Seit 1863 konnten steuerzahlende Frauen mit Grundbesitz in Lokalwahlen abstimmen. Finnland wollte das auf das passive Wahlrecht ausweiten, aber Russland blockierte das Gesetz, und so wurden die Themen Frauenwahlrecht, Demokratie und Unabhängigkeit in den Köpfen der Finnen stärker verbunden. Mit einem Generalstreik setzte das Großfürstentum Finnland gleichzeitig die Wiederherstellung der Autonomie und das allgemeine Wahlrecht durch, dadurch wurde es 1906 zum ersten Land Europas mit Frauenwahlrecht. Weltweit waren eine Handvoll Staaten und Territorien schneller, aber in Finnland errangen zum ersten Mal auf diesem Planeten Frauen auch tatsächlich Sitze im Parlament.
Die Wehrpflicht dagegen gilt bis heute nur für Männer.

Nur eine Straße vom Senatsplatz entfernt liegt der Stadthafen, wo Essensstände die finnische Küche in schnelle, touristengerechte Imbisshappen zerlegen. Es gibt zum Beispiel Rentierfleisch in verschiedenen finnischen Broten, das recht ähnlich schmeckt wie Salami. In Pappschüsseln schwimmt das finnische Fischbrötchen eingeschenkt, das hierzulande in flüssiger Form serviert wird: Lohikeitto ist eine Lachssuppe mit Gemüse, einer norddeutschen Kartoffelsuppe nicht ganz unähnlich. Und wie diese ist es gut und sättigend, aber geschmacklich nicht besonders aufregend. Ein paar Tage später habe ich sie nochmal in einem Restaurant probiert, das gerade für seine Fischsuppe gelobt wurde, dort schmeckte sie immerhin etwas deftiger.
Gerade bei fester Nahrung auf die Hand empfiehlt es sich dringend, sie in einem der geschlossenen Zelte zu essen, denn die Helsinki-Möwen stehen den Rostockern in Sachen Verschmutzung von Statuen und dreistem Diebstahl in nichts nach. Laut Stadtführer hat jeder Einwohner sein persönliches Möwentrauma.

Im Stadthafen schwimmt eine Insel mit Holzhäusern und Schwimmbecken, ein weiteres Holzgebäude türmt sich dahinter auf. Das ist der Allas Pool (vorne rechts), der schwitzen mit Altstadtblick verspricht. Sauna ist das weltweit erfolgreichste finnische Wort. Natürlich haben viele Kulturen auf der Welt unabhängig voneinander schwitzhüttenartige Konzepte erfunden, aber die in Finnland sind so ziemlich die ältesten historisch belegten, sodass sich das Land als Erfinder der Sauna bezeichnen kann. Wie die Nudeln in Italien ist das Saunieren in Finnland keine Option, sondern Obsession. Saunas gibt's nicht nur in Fitnessstudios, Hotels und Thermen, sondern auch ganz normal in Mietshäusern und Studentenwohnheimen. Darin wird gefeiert, mit Sowjetführern verhandelt, und nur dort reden Männer über ihre Gefühle. Wer sich ganz wichtig machen will, kann die hölzerne Sauna-Gondel im Riesenrad (hinten links) mieten.


Als Saunafan wollte ich teilhaben an dieser Obsession, aber wo? Die Allas-Sauna war bei genauerem Hinsehen nicht allzu groß, und dafür 19 Euro? Es gibt eine Alternative, die mindestens ebenso einzigartig ist, aber etwas günstiger, nämlich 0 Euro.
Diese liegt auf einer Insel namens Mustikkamaa, die mit herrlichem Laubwald, Cafés und Wassersportvereinen bedeckt ist, aber an allen Enden mit kurzen Brücken an komplett zugebaute Stadtviertel angebunden. An einer Parkbank hing aus irgendeinem Grund ein laminierter Zettel mit einem Theaterdialog.
 
Auf dieser Insel nun schlossen sich einige Menschen zusammen, um eine Sauna zu bauen. So weit, so normal. Nur: Diese Sauna sollte kostenfrei und 24/7 jedem zur Verfügung stehen, der reinwollte, ob Einheimischer oder Tourist. Falls gerade niemand da ist, muss man selbst anheizen, bei einer Gratissauna in einer Großstadt ist das aber, wie man sich denken kann, selten der Fall. Wer will, kann dem Verein nach den eigenen Vermögensverhältnissen eine Spende rüberschicken oder vor Ort mit anpacken.
Anfangs war die Stadt gegen das Projekt, man könnte fast sagen, die Sompasauna ist das Christiania von Helsinki. Aber inzwischen umfasst die Anlage ganze drei Saunen mitsamt Duschen und einem ganz herrlichen Strandabschnitt, in dem ich auch gleich mein erstes Bad in der finnischen Ostsee nahm.
Sauna 1 sollte laut Warnschild die heißeste sein, war aber bisher nur auf eine milde Temperatur hochgeheizt und roch intensiv nach Räucherholz. Sauna 2 lief dagegen schon auf volle Pulle bei etwa 90 Grad, ebenso die überraschend große Sauna 3 mit tollem Ostseepanorama. Schon vormittags war hier ordentlich Betrieb, Finnen hackten Feuerholz mit einer Maschine und setzten sich dann zu dem jungen asiatischen Touristenpärchen in die Hitze, manche in Badesachen, manche ohne. Reden in der Sauna ist normal, für musikalische Einlagen liegen sogar eine akustische Gitarre und ein Klavier bereit (letzteres geht nur außerhalb der Sauna). Lediglich elektrische Musikboxen sind zum Glück verboten. Auch übergossen sich manche in der Sauna mit Wasser und legten kein Handtuch unter, aber naja, an diesem Standort kann man eh nicht dieselbe Hygiene wie in einer Therme erwarten, die Sandkörner kommen früher oder später überallhin.
Ich grüße mit einem, wie ich hoffte, netten "Hej", erhielt aber keine Antwort. Die Finnen reagierten nicht ablehnend, sondern einfach gar nicht. Sie unterhielten sich auf Finnisch und blieben unter sich. Die Erfahrung mit dem Grüßen machte ich auch an anderer Stelle. Zum Glück bestätigten mir diverse Reiseberichte und ein später entgegenkommender deutscher Reiseradler, dass das nicht an mir lag. Nun bin ich selbst nicht der Typ, der gleich von jedem die Lebensgeschichte erfahren und der beste Freund werden muss, und normalerweise passt die skandinavische Zurückhaltung ganz gut zu mir, aber Finnland war in dieser Hinsicht sogar mir ein bisschen zu krass. In einem Kontext wie der Sompasauna erschien mir zumindest ein Grußwort schon angemessen. Aber wer bin ich, über diese Kultur zu urteilen, vor allem wenn dieselbe Kultur überhaupt erst dazu geführt hat, dass so etwas Tolles wie die Sompasauna existiert?

Die Innenstadt von Helsinki liegt übrigens auf einer Halbinsel mit ausgestreckten Ärmchen, wie ein unförmiges Kleeblatt oder ein Seestern. Ein paar Stückchen der Stadt sind aber auch auf Inseln verstreut, zu denen entweder Brücken oder Fähren führen. Außerdem ist da noch ein innenstadtnaher See, der wahrscheinlich vor langer Zeit auch Teil der Ostsee war, ähnlich wie in Kiel.
Die kleinen Fähren sind Teil des städtischen Nahverkehrs, ihre Fahrkarten deshalb das mit Abstand günstigste, was man am Stadthafen kaufen kann. Die kleinsten Inseln von Helsinki sind manchmal nur Felskuppen, auf denen Möwen herumsitzen und ihre nächste Attacke planen. Andere sind bewachsen von grünen Bäumen und roten Häusern, und eine ist sogar Weltkulturerbe. Und die wollte ich noch ansteuern, immerhin braucht das Straßenbahnboot bloß 25 Minuten dahin. Ich schlängelte mich durch die Warteschlangen-Absperrungen und ließ mir dann auf dem Außendeck kurz das Haar vom Wind frisieren. Einen anderen Weg gibt es nicht, denn der alte Tunnel vom Festland zur Insel darf heute nur noch von Rettungsfahrzeugen genutzt werden.

Suomenlinna heißt die Festungsinsel, die Helsinki bewacht. Beide Eroberer Finnlands haben sie genutzt und ausgebaut, ebenso das unabhängige Finnland. Letzteres ist sogar verantwortlich für das unrühmlichste Kapitel der Inselgeschichte. Zahlreiche besiegte Rote wurden am Ende des Bürgerkriegs auf der Insel unter erbärmlichen Bedingungen eingekerkert und starben an Seuchen. 
Erst einmal sah das Ganze auch mehr oder weniger nach einer typischen Festung aus, Wälle, Bäume und ein rosarotes Eingangsgebäude aus russischer Zeit. Außenrum ziehen sich überall massive Steinmauern, dahinter gelb angemalte Baracken und natürlich ein paar herumstehende Kanonen. Hier verbirgt sich auch eins der ältesten Trockendocks der Welt, in dem übrigens noch heute Segelschiffe restauriert werden, und eine der wenigen Kirchen, die zugleich als Leuchtturm dienen.

Als ich aber tiefer reinging, veränderte sich das Bild. Diese zartblauen und gelben Holzhäuser hatten absolut nichts von einer Militärstadt, sie ähnelten eher den kleineren finnischen Städten und Dörfern, durch die ich während der nächsten Tage radeln sollte. Entsprechend war die gewaltvolle Geschichte gar nicht zu spüren, im Gegenteil, nichts als fröhliche Spaziergänger in sonnigen Cafés.

Eigentlich besteht Suomenlinna aus mehreren felsigen Inseln, die mit Brücken zu einer Kette verbunden sind. Die Übergänge bieten meistens die eindrucksvollsten Aussichten. Zumindest sofern man die gelegentlichen Baustellen, ignoriert. Alles habe ich nicht geschafft anzusehen, auch die Indoormuseen machten bereits dicht, trotzdem ein lohnenswerter Spaziergang.

Und natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, eine Runde durch die grob gemauerten Katakomben zu drehen. Sie sind eigentlich weder besonders dunkel noch besonders groß, größtenteils auf Erdgeschossniveau, und über die Geschichte gibt es dort auch nichts zu lernen, aber zumindest schöne Fotomotive.

Raus aus Helsinki geht es über verschiedene Inseln durch neue Glashausviertel der Stadt Espoo, die noch zum selben Ballungsraum gehört. Wer den direkten Radweg nimmt, sieht die Ostsee nur auf den Brücken, von denen gibt es immerhin nicht wenige.

Ich wollte nun einer Route folgen, die ich auf touren-wegweiser.de entdeckt hatte, und mich auch ungefähr an ihren Tagesetappen von 60 bis 110 Kilometern zu orientieren. Diese Seite schickt die Radler auf feste Kieswege näher ans Wasser, im Zickzack an an den Felsen und Bäumen entlang. Anfangs sieht die Landschaft noch eher nach Park aus, allmählich werden daraus echte Wälder. In den Parks standen rote Holzbehälter mit der Aufschrift Freiwilligenplattform, denen man Mülltüten entnehmen konnte, die für Hundekot zu groß waren.
Diese Strecke war Fluch und Segen zugleich. Einerseits war sie sehr verwinkelt, weil ich eben doch immer mal auf kleine Straßen und durch Parks ohne Küste fahren musste, um Halbinseln ohne Uferwege abzukürzen. Die EuroVelo-Schilder waren hier eher hinderlich, sie wollten mich immer weg von der Ostsee zur Hauptstraße leiten. Darum bin ich ständig falsch abgebogen und habe einen Haufen Zeit verloren. Gleichzeitig ist die Strecke aber eigentlich gar nicht so viel länger, toll anzusehen und vielleicht die einzige Möglichkeit, in Finnland derart lange der Ostseeküste zu folgen.

Bebaut ist die Strecke mit immergleichen Einfamilienhäusern in Weiß, wobei das Weiß in manchen Fällen etwas vergilbt ist.
Auf Mapy.cz waren zwei Sehenswürdigkeiten für diese Strecke eingetragen, aber die waren auch eher nichts, das echte Highlight ist die Landschaft. Das Museum Alvarin Sauna entpuppte sich als verschlossenes rotes Haus am Wasser, an dem zwar der Name dranstand, aber keine Informationen, was genau hier wann zu sehen ist. Auf dem Sunds Kasaberget sollte es irgendwelche Ausgrabungen geben. Ich stieg einfach mal hoch auf den Berg. Hier hatten sich Teile der Felsplatten in Geröllhaufen aus etwa melonengroßen Steinen aufgelöst, aber irgendetwas Historisches war nicht zu erkennen. Immerhin hatte ich jetzt meinen ersten finnischen Berg bestiegen, und der Blick über die Bucht war auch nicht zu verachten. (Wobei später sogar der Uferweg selbst auf einem schmalen Pfad über einen ganz ähnlichen Berg mit noch besserer Aussicht führte.)
Erst jetzt, wo ich das schreibe, bin ich online auf des Rätsels Lösung gestoßen: Die Geröllhaufen waren die Ausgrabungen, da drin sind wichtige Leute aus der Bronzezeit begraben. Leute im Erdboden zu verbuddeln, kam erst mit dem Christentum in Mode. Die Heiden glaubten auch, dass irgendwelche kleinen Zwergenwesen in diesen Geröllhaufen lebten - also in denen ohne menschliche Leichen drin, schätze ich mal.

Endlich überquerte ich die allerletzte Brücke neben der Autobahn und war aus der Großstadt raus. An dieser zugewachsenen Stelle zweigt die Straße zur Halbinsel Porkala ab, und dort steht ein rostroter, eckiger Bogen, nach Eisernem Vorhang aussieht. Zu recht, denn der verlief auch hier, also quasi.
Als die Sowjetunion Finnland 1944 in die Knie gezwungen hatte, diktierte sie als eine der Friedensbedingungen, dass die Sowjets für 50 Jahre eine Militärbasis an der schmalsten Stelle des Finnischen Meerbusens errichten durften. Alle Bewohner wurden evakuiert, die Grenze streng bewacht, und es entstand eine abgeriegelte sowjetische Stadt mit 30 000 Einwohnern. Der Zug nach Turku musste entweder den Umweg außenrum fahren oder streng versiegelt und von Sowjetsoldaten begleitet werden.
Aber die strategische Bedeutung der Basis nahm ab und die Beziehungen der Nachbarländer verbesserten sich, sodass die Sowjets mit sich verhandeln ließen und aus den 50 Jahren letztendlich nur 12 wurden.

Auf den ersten Metern folgte ich noch den Schallschutzwänden der Autobahn. Jemand hat dort die Bushaltestellen mit Kreuzen und dem Verweis auf den Bibelvers Johannes 14,16 zugesprüht. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit. Jup, einen Tröster konnte ich jetzt gebrauchen, denn ich hatte in Helsinki und bei der Stadtausfahrt so viel Zeit verloren, dass es schon nach 17 Uhr war. Und was soll ich sagen, der Tröster kam tatsächlich, ein entgegenkommender deutscher Radler, mit dem ich mich toll austauschen konnte. Aber da war dann natürlich noch mehr Zeit futsch.

Ich folgte zunächst brav der Straße ein Stück nördlich der Autobahn, die an ein paar Ortschaften vorbeifuhr, welche mir vorwiegend die kantigen Außenseiten ihrer Supermärkte zuwandten und deshalb ein Foto nicht wert waren. Später umrundete ich die Südspitze eines Sees, von dem nichts zu sehen war.
Um heute doch noch wie geplant in die Nähe von Ingå zu kommen, beschloss ich irgendwann, radikal an der Hauptstraße abzukürzen. Die war jetzt keine Autobahn mehr, sondern eine Art Bundesstraße durch eine Felslandschaft mit ausreichendem Seitenstreifen für ein bepacktes Rad. Verunsichert hat mich nur ein neu gemachter Abschnitt, an dem die Markierungen noch nicht aufgetragen waren und der Seitenstreifen ausschließlich am andersfarbigen Asphalt erkennbar war.

Erst nach vielen Kilometern bog ich ab auf die verschlungene Dorfstraße. Der angesagte Regen hatte begonnen und würde noch weiter zunehmen. Als ich also die große Freifläche mit Feldern hinter mir gelassen hatte und der nächste Wald begann, da sagte ich mir, jetzt bin ich nah genug dran am Zielort, das zählt. Der Himmel war tiefgrau und nass, auch die Bäume boten nicht hinreichend Schutz, also war ich tatsächlich das erste Mal seit Schönberg in Schleswig-Holstein gezwungen, außerhalb eines Campingplatzes mein Zelt aufzustellen. Trotzdem ging es mir recht schnell von der Hand, und zumindest war der Wind schwach, sodass ich mir wenig Sorgen machen musste, ob es hielt. Es fühlte sich komisch an, so exponiert wildzucampen, denn die Stelle war von der Straße aus eindeutig zu sehen. Aber in Finnland ist das hier eindeutig legal, dementsprechend wurde ich von den vorbeirauschenden Autos eindeutig ignoriert.
Als ich fast eingeschlafen war, hörte ich plötzlich jemanden zu Fuß durch den Regen laufen und telefonieren. Als er gerade am Zelt vorbei war, stieß er plötzlich ein völlig entnervtes "Ooaargh!" aus. Daraufhin entfernte sich die Stimme in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Kein schönes Wetter, um umzukehren, weil man irgendwas vergessen hat.

Inko/Ingå selbst ist übrigens ein putziges kleines Fischerdörfchen, in dem am Hafen gerade irgendein Floh- oder Fischmarkt aufgebaut wurde. Die Bewohner waren sogar zum Bootsbesitz verpflichtet: Im Mittelalter mussten die finnischen Küstenbauern immer ein Boot bereithalten, falls die Männer des Königs gerade in der Nähe waren und eins brauchten.

Vor der besonders breiten und weißen Feldsteinkirche dagegen wurden gerade Blumenstände errichtet. Rund um die Kirche wurde bei Ausgrabungen jede Menge Zeug entdeckt, darunter eine von nur zwei prähistorischen Gabeln in Finnland. Sie steht angeblich ungewöhnlich nah dran am Wasser, aber naja, über diese "Nähe" lacht ja sogar die Kirche von Vainupea.



Donnerstag, 30. April 2026

Von Voka nach Narva

1945 stand die Sowjetunion unter Druck. Sie hatte zwar schon ein Atomprogramm, aber bisher hatte Stalin am Erfolg gezweifelt und das nicht so wichtig genommen. Erst als die Amerikaner Hiroshima zerstörten, erkannte er die außenpolitischen Wirkungen und wollte dringend auch so eine Bombe. Wie sie theoretisch funktioniert, hatten ihnen ihre Spione bereits zugespielt, jetzt fehlte nur noch genug Uran, um die Waffen industriell herzustellen. Praktischerweise hatten sie in Estland einen kleinen Kurort erobert, unter dem jede Menge Ölschiefer lag, und darin versteckten sich Uranverbindungen. Ganz schnell wurden Wohnblocks hochgezogen und eine streng geheime Stadt errichtet: Sillamäe. Die Stadt war komplett abgeriegelt, auf keiner Karte verzeichnet, und statt Postadressen gab es Geheimcodes, die man auf die Umschläge schrieb.
Im Vergleich zu damals bin ich relativ gut in die Stadt reingekommen, musste mich nur ein bisschen durch große Straßenkreuzungen, Industriegleise und kleine Felswände schlängeln, dann war ich drin in einer der seltsamsten Ostseestädte überhaupt.
 
Bei einer geheimen Atomstadt im stalinistischen Stil würde man eines vermutlich nicht erwarten - nämlich das sie wirklich schön ist. Ist sie aber. Für die Arbeiterelite wurden breite Alleen mit Palmen und kunstvollen Blumenbeeten gepflanzt, und die Wohnblocks aufgewertet mit Pastellfarben oder ein paar dekorativen Linien aus weißen Steinen (meistens senkrecht). Hier wurden die qualifiziertesten russischen Arbeiter angesiedelt, und denen sollte es gutgehen. Sogar die Zwangsarbeiter, welche die Stadt hochzogen, hatten es besser als in anderen Gulags. Man durfte halt nur keine auswärtigen Besucher empfangen und nicht über die rätselhaften Todesfälle wegen "Tuberkulose" sprechen, oder die nach Moskau abtransportierten Kranken, die nie wieder auftauchten.
Im Prinzip sieht heute noch so alles aus wie damals, nur das an allen Ecken und Häusern demonstrativ estnische Flaggen wehen. 

Vor dem Rathaus steht ein Kulturzentrum, das ursprünglich ein Kino war, bis ein noch besseres Kino an anderer Stelle gebaut wurde. Als erster Film wurde Tarzan gezeigt.
 
Verschiedene Brücken führen auf die Halbinsel mit der Strandpromenade , darunter sogar diese Netz-Hängebrücke. Die ist aber nicht fahrradtauglich, selbst Michael Cramer leitet die Radfahrer da nicht drauf. Auf der anderen Seite warten Fontänen, Spiel- und Sportplätze, ein kleiner Sandstrand und ein Aussichtsturm. Vorherrschendes Gestaltungsmerkmal sind rostrote Metallzacken.
Dieser ganze Bereich sieht neuer aus, im Sozialismus konnte man vermutlich nicht so leicht ans Meer - aus gleich mehreren Gründen.
 

Das Uran wurde in Sillamäe auch gleich angereichert und dann in andere Geheimstädte tief in der Sowjetunion transportiert, wo daraus Atomraketen wurden. Im Ölschiefer steckte am Ende gar nicht so viel Uran drin, Anfang der 50er wurde es schon knapp. Aber weil hier nun mal schon die ganzen Anreicherungsanlagen standen, wurde Uran aus anderen Bergwerken im Ostblock nach Sillamäe importiert, vom tschechischen Jáchymov oder Zentralasien.
Aber was geschah mit dem Uranmüll, der von der Anreicherung zurückblieb? Die Führung hatte eine geniale Idee: Wir legen am Hafen, direkt neben der Ostsee, einen künstlichen See an, versenken das Zeug da drin und (ganz wichtig) denken nicht weiter darüber nach. Nach der Wende entdeckten Umweltschützer zu ihrem Entsetzen einen altersschwachen Damm, der allein dafür zuständig war, 6,5 Millionen Kubikmeter radioaktiven Schlamm von der Ostsee fernzuhalten. Der See des Todes musste wie der Reaktor von Tschernobyl komplett versiegelt werden, und heute ist daraus ein grüner Hügel des Todes (hinten im Bild) geworden.
Auch die Russen in Sillmäe waren nicht begeistert, als sich ihre schöne heile Welt einschließlich des sicheren Arbeitsplatzes, der zugewiesenen Wohnung und frühen Rente als noch instabiler erwiesen als der Damm. Die Stadt schrumpfte, ist aber immer noch die zehntgrößte in Estland. Noch heute sprechen 95 Prozent der Einwohner russisch, und nur 35 Prozent haben die passende Staatsbürgerschaft zur blau-schwarz-weißen Flagge, die überall hängt.


Hinter der Stadt macht die Route ein paar Kurven durchs Hinterland, um die Hauptstraße zu vermeiden. Dort stieß ich auf eine weitere graue und hohle Ruine mit Büschen drauf. Diesmal war es keine Ruine, sondern das Gemeindehaus von Vaivara. Der Ortsvorsteher Feldbach hatte die Idee, einen Aktienverein zu gründen, um mit Spenden ein Haus zu bauen, in dem sich alle zu Lese-, Gesangs- und Theaterabenden treffen können. In der Republik kamen dann sogar eine Bibliothek und schließlich ein Kino dazu. Das Haus überstand den Krieg, aber leider nicht seinen zweiten Brand. So viel zumindest hat mir die KI von dem rein estnischen Schild übersetzt. Wahrscheinlich war ein Wiederaufbau so nah an der Geheimstadt nicht mehr erwünscht.

Heute erfuhr die Hitzewelle eine nasse Unterbrechnung. Am Himmel ballten sich die Wolken zusammen und begannen, einander gründlich auszuquetschen. Ich floh in eine große Schutzhütte am Fuße eines Hügels, um mich umzuziehen.
Auch dieser Hügel war ein Hügel des Todes, aber anders. Obendrauf umschließt ein kleiner Graben einen Bereich mit gezackten Grabfelsen und einem Kreuz, dass an die Gefechte im Juli 1944 erinnert. Die Nazis hatten sich auf den Blauen Hügeln verschanzt, und die sowjetischen Panzer konnten zuerst durchbrechen, wurden dann aber doch zurückgeschlagen und mussten noch bis September hinter den Hügeln ausharren. Gerüchten zufolge brach beim Durchbruch ein sowjetischer Panzer aus der Formation aus und kam bis zum Gemeindehaus, auf das er schoss.

Anschließend konnte ich auf einer weniger stark frequentierten Straße die ganze Zeit an der Küste langfahren. Von der Ostsee war nichts zu sehen, nur von einem alten Baum, in dem ein girlandenartiges weißes Band hing, als wolle sich jemand daran aufhängen.

Bald lichteten sich die Bäume genug, um den Blick freizugeben auf die Villen und Kurhotels von Narva-Jõesuu ("Narvamünde"). Ursprünglich war das ein Fischerdorf. Der Livländische Orden verbot nämlich das Fischen im Fluss Narva und verlegte die Fischerei damit zur Mündung, also hierher, nach Hungerburg. Was ist das denn für ein komischer Name? Zu seiner Entstehung gibt es zwei Geschichten: Entweder erlitten deutsche Kaufleute an der Küste Schiffbruch und fanden nichts zu essen, oder Zar Peter I. inspizierte hier den Bau einer Festung und fragte die Einheimischen nach was zu futtern, aber sie waren zu arm, um etwas abzugeben.
Als die Mündung immer mehr versandete, konnten die Jõesuuer nur noch vom Tourismus leben. Auch wenn Hungerburg dafür einen denkbar ungünstigen Namen hatte, wurde es ein traditionsreicher Badeort, beliebt wegen seines milden Klimas (Im Schnitt nur -7 Grad im Winter!), der direkten Fähren nach Narva und St. Petersburg und der Hotels, welche dieselben Bedingungen wie in "fremden Ländern" boten, also fließendes Wasser, elektrische Klingeln und französische Betten. 

Wer etwas auf sich hielt, bezahlte nicht nur für seine Unterkunft, sondern auch für einen Badekarren. Das war eine Art kleine Kutsche für 5 Leute, die von Pferden ins Meer gezogen wurde. Sie stiegen hintenrum über eine Treppe ins Wasser, damit bloß niemand vom anderen Geschlecht zusah. Das Prinzip wurde ursprünglich von englischen Stränden übernommen und war auch in Deutschland verbreitet, aber nur in Narva (und der Nordseeinsel Borkum) steht noch immer so ein Karren im Park herum und wird als Werbefläche genutzt. Als der Strandkorb in Warnemünde erfunden wurde, waren die Badekarren endgültig aus der Mode.

Jõesuu ist ein sehr langgestrecktes Seebad, darum dauert es noch etwas, bis ich im Ortskern ankam. Aber dann stand ich plötzlich am Ufer der Narva, Estlands wasserreichstem Fluss. Und da war es, das nächste Ostseeland. Auch wenn ich es vorerst nicht durchquere, will ich doch zumindest alle neun Ostseeländer gesehen haben, und dafür eignet sich kein Ort besser als Narva.
Auf dem estnischen Ufer liegen kleine Boote im Hafen, Flaggen hängen im Regen senkrecht nach unten, und hinter einen großen Kiesfläche blockiert eine Baustelle die Straße. Weiter stromaufwärts säumen militärische Ruinen das estnische Ufer.
Und auf der Seite der Russischen Föderation ist... Wald. Im Nieselregen verschwammen die Bäume zu einer einzigen moosgrünen Masse, unterbrochen nur durch einen russischen Nebenfluss, der kurz vor dem Meer in die Narva mündet. Ein paar Boote dümpelten in der Flussmitte herum, ein Angler stand am Ufer. Und, Moment, da ist ja ein Turm. Grün angestrichen und extrem gut getarnt steht in den Bäumen ein Grenzturm am Iron Curtain Trail, der vielleicht wirklich immer noch als solcher genutzt wird.

Eigentlich wollte ich die Burg von Narva besichtigen, musste aber dann spontan feststellen, dass sie ausgerechnet an diesen Tagen wegen Renovierung geschlossen war. Dadurch hatte ich jede Menge Zeit, wärmte mich in der Therme ein bisschen auf und folgte dann spontan dem Wegweiser zum östlichsten Leuchtturm in Estland. Der stand in einer Ecke zwischen Strand und Großbaustelle, umgeben von Betonmauern und ein paar komischen Baracken. Und zwischen zwei Bäumen hing aus irgendeinem Grund eine Hängematte. Ich schritt auf den Eingang zu, da kam ein junger Mann aus einer gläsernen Kabine, in der sich die Kasse verbarg, und verlangte fünf Euro.
Der Turm sollte hauptsächlich den Schiffen voller Holz, die den Fluss runterkamen, einen sicheren Ankerplatz in der Flussmündung zeigen. Der heutige Turm ist von 1957, zusätzlich stehen jetzt auch kleine Lichtsignale am Flussufer. Offenbar ist die Schifffahrt in der Narva wieder in einem gewissen Umfang möglich.



Ich stieg ein dunkles Betontreppenhaus hinauf und rechnete fest damit, gleich in einem Parkhaus rauszukommen. Stattdessen wurde die Treppe schmaler und endete schließlich unter einer Holzdecke. Nanu, soll das so? Mit etwas Mühe drückte ich dagegen und öffnete eine Falltür (unten links). Ich fand mich in einem sehr engen Raum wieder, und direkt neben mir glitzerte die Lampe 35 Meter über dem Meeresspiegel. Bisher wurden die Touristen in den Leuchttürmen immer auf Abstand zu diesen Dingern gehalten, damit nichts kaputtgeht. Aber dieser Leuchtturm nimmt die Dinge etwas lockerer. Der 360-Grad-Blick wird durch Gitter gestört, ob man wohl auch auf die Plattform rundherum gehen kann? Kann man. Sofern man die gut getarnte halbe Holztür entdeckt (unten rechts), aufstößt und hindurchkriecht - anders kann ich diesen Vorgang beim besten Willen nicht nennen. Wieder zeigte mein innerer Deutscher eine Errormeldung. Soll das wirklich so? Darf ich das? Das kann doch so nicht gedacht sein.

Obwohl der Himmel nass blieb, wollte ich auch nochmal zum Strand schauen. Der allerdings wurde gerade umgebaut, ein Großteil war mit Bauzäunen blockiert. Hier hatten allerdings Wind und Wetter ihr Veto eingelegt und fanden, man dürfe den Touristen den Zugang nicht verwehren. Obwohl schon eine beträchtliche Sandverwehung den Zaun bedeckte, hatte ihn niemand wieder aufgestellt.
Bis zur Mündung ging ich trotzdem nicht, dort fuhren Bagger durch den Sand und machten irgendwas an der steinernen Mole. Der Leuchtturm war somit tatsächlich die einzige Möglichkeit, einen Blick auf den russischen Ostseestrand zu erhaschen. Der gelbe Streifen war deutlich schmaler als auf estnischer Seite.


Narva-Jõesuu hat keine Brücke oder Fähre nach drüben, und deshalb folgt der Ostseeradweg jetzt die Narva runter zur nächsten Stadt. Der Radweg und die Straße sind eigentlich sehr nah dran am grüngrauen breiten Wasserband, trotzdem geriet es nur selten ins Blickfeld.

Was dagegen ständig im Blickfeld war: Friedhöfe. Russische Friedhöfe, auf die neben die kyrillischen Buchstaben große Schwarzweißbilder der Gesichter der Verstorbenen eingraviert waren. Soldatenfriedhöfe aller Art, manche als großes Kreuz auf einem Hügel, manche mit vereinzelten, ordentlichen Dreiergrüppchen aus Kreuzen wie in Toila, manche hoffnungslos zugewuchert und manche völlig chaotisch und zerstört, als hätte jemand absichtlich die Spitzen der Stein- und Metallkreuze abgebrochen.

 
Damit wäre ich angekommen in Estlands drittgrößter und östlichster Stadt, die denselben Namen trägt wie der Grenzfluss. Die Grenzflusslage machte sie zum Zentrum für Handel, Textilindustrie, aber auch immer wieder für Krieg. Bei der Schlacht von Narva erlitt Zar Peter I. eine fiese Niederlage, die in komplettem Gegensatz zum Endergebnis stand, bei dem Peter das Baltikum ja doch noch bekam. Im Zweiten Weltkrieg evakuierten die Nazis alle bis auf die systemrelevanten Arbeiter, nach dem Bombardement der Roten Armee blieben der Stadt drei Einwohner und drei historische Gebäude. Eins davon ist das rot-schwarze Rathaus, hinter dem jetzt Fontänen sprudeln. Ich fuhr herum um neue Schulen und immer wieder diesen bunten Granulat-Kunststoff, aus dem Sportplätze bestehen.
90 Prozent der Einwohner sprechen russisch, aber, anders als mir vorher zugetragen wurde, konnten zumindest die in Berufen mit Kundenkontakt auch solides Englisch.
 

Aus ideologischen und praktischen Gründen wurde die Altstadt von Narva nicht wieder aufgebaut und ihre Überreste für den Straßenbau verwurstet. Darum stehen hier logischerweise sowjetische Wohnblocks. Aber Wohnblock ist nicht gleich Wohnblick: Nach dem Krieg kamen die stalinistischen Blocks schon aus der Mode zugunsten eines neuen Typs namens Krushchevka, der sich noch einfacher, schneller und günstiger bauen ließ. Der Architekt Mart Port entwickelte eine spezielle estnische Version der Krushchevka mit Elementen des skandinavischen Modernismus. Dennoch: Dull and monotous lautet auch das harsche Urteil der Texttafeln vor der Burg.
Aufgefallen ist mir die ungewöhnliche Mischung an Baumaterial. Hier zum Beispiel: Zuerst einer aus normalen weißen Ziegeln, dann einer aus Sandstein (?), danach aus rotem Backstein. Nach dem Krieg wurde alles verbaut, was herumlag und nicht bei drei auf dem Bäumen war.
 
 
So viel zur Innenstadt, nun aber zurück zum Fluss. Gar nicht so einfach, denn da hat sich nicht nur ein ordentlicher Höhenunterschied aufgebaut, sondern auch eine massive Befestigungsanlage. Die stammt von Ingenieur Erik Dahlberg, den wir ja schon aus den Tallinner Katakomben kennen, nur dass er in Narva mit seinem Projekt offenbar etwas weiter gekommen ist. Ich fuhr ein Stück zurück, bis ich einen Pfad fand, auf dem ich mit dem Rad die massigen Mauern runterkam. Zum Teil war die Mauer mit weißen Zeug bedeckt, Kalkablagerungen oder Vogelkot, optisch irgendwas dazwischen.
Das hier ist die EU-Außengrenze, noch dazu einer ihrer brisantesten Teile. Darum hat sich die Union natürlich nicht lumpen lassen und eine schöne neue Uferpromenade bezahlt. (Hat sie in Sillamäe aber auch, obwohl die dort weniger exponiert ist.) Dort unten verläuft ein breiter, getrennter Fuß- und Radweg, dekoriert mit Grünanlagen und weißen Statuen einer Löwenfamilie. Weiter hinten legt ein Ausflugsschiff nach Narva-Jõesuu ab, das vermutlich nur auf einer Hälfte des Flusses fährt. Nur die ollen grauen Fassaden der ersten Häuserreihe, die wurden nicht erneuert. Aber die sieht man durch die Bäume hindurch ja auch nicht von der anderen Seite.

Apropos andere Seite, dort ist auch eine Stadt: Iwangorod, gegründet und benannt nach Iwan III. (also dem Großen, nicht dem Schrecklichen). Die Schweden eroberten die russische Stadt, regierten sie zuerst extra und machten sie dann zum Teil Narvas, weshalb die Russen nach der ersten Unabhängigkeitserklärung auch akzeptierten, dass Estland Iwangorod behielt. Erst mit mit der Okkupation 1940 wurde Iwangorod wieder der Russischen Sowjetrepublik zugeschlagen. Und tatsächlich hat Estland 2019 noch Anspruch auf die Stadt erhoben, und deswegen gibt es bis heute keinen endgültigen Grenzvertrag zwischen den Staaten. Auch sonst gab es in den letzten Jahren manchmal Streit, etwa darum, wohin die Grenzbojen im Fluss verschwunden sind.
Auf jeden Fall dürfte Iwangorod inzwischen wieder russisch genug sein, um zu fragen: Wie sieht sie denn nun aus, eine russische Stadt?
Auf den ersten Blick wie ein ganz schönes Kuddelmuddel. Auch Russland hat sich nicht lumpen lassen und für seine sichtbare Außenseite einen schönen neuen Uferweg angelegt, direkt dahinter wird gerade irgendwas Großes gebaut. Auf den Hügeln stehen vereinzelte schöne Wohnhäuser mit Holzverkleidung, Wohnblocks, Ruinen und Baustellen. Sogar die Wohnblocks sehen zum Teil aus, als wären sie aus Stücken ganz unterschiedlicher Mietskasernen zusammengesteckt (hinten Bildmitte). Die Stadt ist auch heute Teil eines Grenzgebiets, das außer zum Transit nur mit Genehmigung zugänglich ist.

Keine Sorge, das Panorama wird noch besser. Denn jetzt führt die Freundschaftsbrücke über den Fluss, und direkt dahinter steht an jedem Ufer eine mittelalterliche Burg. 1822 war die Brücke das erste Betonbauwerk in Estland. Auf den Namen Freundschaftsbrücke wäre ich bei einem derart vergitterten und verstacheldrahteten Ding nicht gekommen.
Wow, eine bessere Kalter-Kriegs-Kulisse hätte man sich nicht ausdenken können.
Der Eiserne Vorhang ist wieder da.
Er wurde nur verschoben.

Der Ostseeradweg folgt gar nicht der Uferpromenade, sondern biegt schon in der Innenstadt zum Kreisverkehr am Peetri plats. Was danach kommt, ist mindestens so gut gesichert wie die Pforte des Heiligen Petrus. Durch das moderne estnische Grenzabfertigungsgebäude führen jede Menge verwaister Fahrspuren, auf denen gähnende Leere herrscht. Danach bildet die Straße eine Schneise zwischen der Burg und den schwedischen Festungsmauern, die alle auf dem Weg zur Burg zu großen Umwegen zwingt. Deutschland hat schon Glück, dass es sich mangels EU-Außengrenze den Aufwand sparen kann, so was in seine Städte reinzubauen.

Estland-, EU- und Nato-Flagge flattern an der Brücke herum, und von den Burgmauern hängen extrabreit die EU, Estland und die Ukraine. Etwas verloren steht ein estnischer Grenzpfosten am Brückenrand herum.
Der Grenzübergang ist für Fahrzeuge nicht mehr geöffnet, deshalb blockieren auf der Brücke kleine Betonpyramiden die Fahrbahn. Aber im seitlichen Gittertunnel für die Fußgänger liefen tatsächlich Menschen. Und zwar jede Menge.


Auch von diesem Kompass an der Promenade, kurz bevor der Radweg unter der Brücke durchschlüpft, waren die Grenzgänger durch das Gitter als schattenhafte Umrisse zu sehen. Sie kamen von den russischen Grenzbaracken, trugen große Rucksäcke oder, häufiger noch, schwere Rollkoffer, und schritten gelassen durch den Gittertunnel, blickten gelangweilt auf ihr Smartphone, als sei der Grenzgang für sie schnöder Alltag. Vor dem Regen schützte sie ein Glasdach. Haben die Verwandte besucht, verlassen die ihr Land, oder befinden sich in den Taschen womöglich Waren, die auf der anderen Seite mehr wert sind? Falls letzteres zutrifft, kann es sich bei der intensiven Doppelkontrolle eigentlich nur um legalen Schmuggel handeln.
Niemand wurde erschossen. Nein, womöglich ist das hier doch nicht der einstige Eiserne Vorhang. Ob sich beim Kleinen Grenzverkehr der DDR jemals so ein banaler Anblick geboten hat? Jedenfalls spielen Menschen, die unbedingt raus wollen, in diesem neuen Kalten Krieg keine so große Rolle wie im letzten.
Nun, das war's dann wohl, jetzt muss ich meine Reise unterbrechen.
Ich weiß nicht, was wirklich auf der anderen Seite wartet.
Aber ich weiß, in welche Richtung die meisten Menschen auf der Brücke gegangen sind.

Der ausführlichste Ostseeradfahrer-Bericht zu Russland, den ich finden konnte, ist der hier zum Kaliningrader und der hier zum hier beginnenden St. Petersburger Abschnitt. Der stammt von 2019, dem letzten normalen Jahr. Ärgere ich mich, dass ich die russischen Abschnitte damals nicht einfach als erstes erledigt habe? Nicht wirklich. Fakt ist, damals hatte ich einfach noch nicht die Erfahrung für eine solch spezielle Radtour. Interessant ist auch dieser Beitrag, der zeigt, was passiert, wenn man in die küstennahen Militärsperrgebiete reinradelt. Es ist nicht ganz klar, wo diese Gebiete wirklich sind, der Bikeline scheint jedenfalls durch Gebiete zu führen, die laut der sehr ungenauen, beim Auswärtigen Amt verlinkten Karte eigentlich verboten sind. Die vielleicht letzte Radlerin, die 2022 noch die russische Ostseeküste absolviert hat, ist Rebecca Salentin. Aber in ihrem Buch Iron Woman erklärt sie, warum auch sie aufgrund bürokratischer Hürden und geschlossener Grenzübergänge nicht die volle Strecke geradelt ist und Teile mit Bus und Bahn übersprungen hat, für mich als notorischer Vollständigkeitsfanatiker keine Option.

Danach schloss ich das Rad an und stieg die metallene Wendeltreppe zur Hermannsfeste/Hermaani Lin rauf. Die stammt noch aus deutscher Zeit, aber alle Besatzer hatten ihre örtlichen Gouverneure in der Burg geparkt. Die Schweden haben zum Beispiel den Eingang S-förmig umgebaut, damit keiner mit den neuen Kanonen direkt aufs Tor feuern kann. Die Burg enthielt auch eine Garnisoni Saun, die bis in die 1930er von estnischen Soldaten genutzt wurde. Die heutigen Burgen sind Rekonstruktionen: Die Hermannsfeste hatte alle Bombennächte überstanden, aber einen Tag, bevor die Rote Armee die Stadt einnahm, wurde sie dann doch noch heftig getroffen.
Das Museum im Bergfried wurde heute wie gesagt umgebaut, aber ich konnte wenigstens über die weiten Außenanlagen schlendern. Ganz am Ende des grün-weißen Innenhofs liegt das eigentliche weiße Eingangsgebäude. Auf den Mauern war ich sogar zeitweise regengeschützt und konnte Fotos ohne Wassertropfen auf der Linse machen, toll.

Das Zwei-Burgen-Panorama ist von hier aus nochmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Die russische Festung Iwangorod ist einen Tacken kleiner, scheint aber aus demselben Material und Baustil zu bestehen. Auch darin befindet sich ein kleines Innenmuseum mit großen Außenanlagen. Theoretisch könnte man von den Grenzkontrollgebäuden direkt reinspazieren, aber das geht natürlich nicht, der echte Eingang soll legendär schwierig zu finden sein.
Vor der Burg stand ein Angler im Wasser. Wie ist der denn da hingekommen? Das ist dann wohl der endgültige Beweis, dass das keine normalen Angler sind, denn die Stelle ist nur von der Grenzkontrollstelle aus erreichbar.
Nun teilt sich die Narva in mehrere Arme auf, auf estnischer Seite entsteht eine geschwungene Freizeit-Halbinsel, dahinter hohe Hügel mit Industrie und einer Sicherheitsfirma drauf. Im Mittelalter war da ein Kalksteinbruch, aus dem die Stadt aufgebaut wurde.

Der Fluss ist also nur noch sporadisch zu sehen, etwa hier von einer Felsplatte aus. Russland hat einen eigenen Flussarm mit einem großen Wasserkraftwerk versehen, dahinter führt die Eisenbahnbrücke über die Grenze. Das Tal ist seit 8000 Jahren besiedelt und heißt Jaorg, also Tal der Wasserfälle. Hinter dem Brückenpfeiler (links) stürzt ein russischer Bach unter dem Namen Narvskiy Vodopad die Felsen runter, das war aber auch der einzige Wasserfall, den ich sehen konnte.

Am Südrand der Stadt schließlich werden aus den Hügeln Deiche, aus den Gewerbegebäuden flache Garagen und aus der Narva ein See namens Narva veehoidla. Es ist der erste von mehreren großen Seen, welche die estnische Ostgrenze bildet. Über den Waldinseln im grauen Wasser spannen sich Stromleitungen. Bei besserem Wetter wäre es hier wahrscheinlich durchaus schön.

Brr, jetzt reicht's aber. Ich kehrte zur Bahnstrecke zurück und fuhr auf den Bahnhof Narva zu. Auch hier überall Stille und Stacheldraht ringsherum, der einzige Zugang war die Tür zur roten Bahnhofshalle. Noch immer hatte ich über eine Stunde Zeit (daher auch die ausgiebige Stadtrundfahrt). Immerhin fünfmal am Tag fährt hier ein Zug nach Tallinn, trotzdem ziemlich wenig für die Verbindung zwischen der größten und drittgrößten Stadt des Landes. Aber ich hatte Strom, Internet, ein Bücherregal mit zwei Fremdsprachen, eine Toilette und vor allem konnte ich im Trockenen sitzen. Genaugenommen musste ich das sogar, denn die Tür zu den Bahnsteigen war noch geschlossen. Nanu, bin ich hier in Laatzen oder Biedenkopf gelandet?
Die Antwort war direkt vor meiner Nase: In einem überraschend kleinen Nebenraum fanden die Grenzkontrollen statt, als noch Züge nach St. Petersburg fuhren. Von da aus ging eine Tür direkt zu den Bahnsteigen. Und weil es keinen abgetrennten Fernverkehrsbahnsteig oder so gab, durften sich nach der mühsamen Kontrolle die internationalen Reisenden natürlich keinesfalls wieder mit den lokalen Bummelzugreisenden vermischen.
Ich konnte online eine Fahrkarte kaufen, aber aus irgendeinem Grund wollte mein fast leeres Handy nicht an der Steckdose laden. Auch nicht mit dem anderen Kabel, und auch nicht mit der Powerbank.

Etwa 20 Minuten, bevor der orange Regionalzug abfuhr, ging die Bahnhofstür auf. Ich sollte mein Rad senkrecht aufhängen, diese Plätze werden allerdings nicht reserviert. Die Bahn hat viele Zwischenstopps, aber nur ein einziger davon (Vaivara bei Sillamäe) gehört mehr oder weniger zu den Ostsee-Orten, die ich während der letzten vier Tage durchquert habe. Die größeren Orte halten Abstand zur Küste, was aufgrund der Grenzsperrgebiete, der Nationalparks und nicht zuletzt der Geschichte Sillamäes auch Sinn ergibt.