Sonntag, 23. August 2026

Fårö

Fårö ist die größte, wichtigste und am besten angebundene Nebeninsel Gotlands und wird meistens einfach bei Gotland mitgemeint, deshalb gehört sie auch zum Radweg Gotlandsleden.

Trotzdem mache ich für dazu einen separaten Post, denn ein bisschen anders ist die Insel dann doch. Und die Meerenge dazwischen ist nun auch nicht ganz so vernachlässigbar wie bei Furillen.
Alle halbe bis ganze Stunde legt eine kostenlose gelbe Autofähre in der Stadt Fårösund auf Gotland ab.

Sechs Minuten später stand ich auch schon auf Fårö in ... wie heißt diese klägliche Ansammlung windumtoster Einfamilienhäuser? Mal reinzoomen in die Karte ... ah, Broa. Die Hauptstraße geht gleich aufwärts in Richtung Inselmitte, und über dem Hafen thront wieder eine restaurierte graue Windmühle.
 

Anders als auf Gotland konnte ich hier sogar noch ins erste Stockwerk auf einen Teil des Mahlwerks schauen, rein windmühlenmäßig liegt Fårö also schon mal vorne.

Ich strebte nicht so zielstrebig in die Inselmitte wie die Hauptstraße, erst einmal führte mich die Radroute nach Süden in eine Landschaft namens Ryssnäs. Wie so manche Naturschutzgebiete hat Ryssnäss eine militärische Karriere, die etwa 150 Jahre dauerte und im Jahr 2000 vorbei war. Zwischen den Nadelwäldern radelte ich kleine Hügelchen mit Alvar-Boden hinauf und gewährte ein paar selbstbewussten Schafen die Vorfahrt. Komischerweise wachsen hier Feigen.

Ganz hinten im rauen Küstenwald verbirgt sich dann noch ein Stück Geschichte: Der Engelska kyrkogården, also englische Friedhof. Im Krimkrieg benutzten Großbritannien und Frankreich den Fårösund als Basis und parkten hier hunderte Schiffe. Schweden duldete das offenbar, obwohl es eigentlich neutral war. 1854 brach an diesem Außenposten die Cholera aus, und die Briten bauten zwei "Krankenbaracken".
Soll diese Steinhütte mit Reetdach etwa eine davon sein? Das sieht eher aus wie ein Hühnerstall mit dickem Fell. Weder das Kellergeschoss noch das Obergeschoss waren hoch genug, um darin auch nur ansatzweise aufrecht zu stehen - nein, in so was kann man doch nicht gesund werden.
Es wurden auch nicht alles gesund. Die Briten kauften Schweden ein Stück Land ab, um ihre Toten zu bestatten, und wenigstens das ist eindeutig zu erkennen: Ein Zaun aus Findlingen, die eine schwere schwarze Eisenkette verbindet. Grabsteine gibt's nicht, nur einen Findling mit allgemeiner Inschrift: 1854 Englische Cholera-Gräber, fertig.

Zurück auf der Asphaltstraße fuhr ich durch die ersten Gehöfte und kam dann im Mittelpunkt der Insel raus, an dieser Kirche neben dem kyrkviken. Die Kirche heißt einfach nur Fårö kyrka. Ein Stück die Straße runter steht ein Museum namens Bergman Center.
Wie das Dorf drumherum eigentlich heißt, habe ich nicht herausgefunden, obwohl es den Hauptort auf der Insel bildet. Es gehört sowieso alles zur Gemeinde Fårö.

Als die Fåröer 1912 wieder einmal eine Steinmauer bauen wollten, entdeckten sie ein einen besonders toll verzierten Dolch in einem Grab aus der Bronzezeit. (Aus welchem Metall der Dolch bestand, dürfen Sie selber erraten.) Der entstand wohl so um 1200 vor Christi Geburt und lag damals auf Alnäsa backe, einem von vielen kleinen Inselchen, die erst noch zu Fårö zusammenwachsen mussten. An den Dolchfund erinnert ein entfernt dolchähnliches Dreieck aus Brettern auf dem Boden, das eigentlich mehr Ähnlichkeit mit einem Pfeil aufweist.

Fårö hat mehr Seen als Gotland, die von der Straße aus zu erkennen waren, sich aber im Hintergrund hielten. Der Wind blies über den grauen Himmel und die Hügel und brachte die Fahnen zum Flattern. Fahnenstoff scheint auf den Inseln Mangelware zu sein, denn die Fahnen sind alle total schmal. Für das schwedische Kreuz reicht der Platz nicht, nur für einen blauen und gelben Streifen.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig auf der Insel scheint der Handel mit Autoteilen zu sein, einer der Händler machte auf seine ganz eigene Weise darauf aufmerksam: Ein rostiges Fahrzeug steckte seelenruhig auf der Spitze seiner Stange, während die komische blaue Maschine unermüdlich auf und ab pumpte.

Als nächstes ist die Schleife um Avanäs an der Reihe, die Ostseite der Insel. Die ging auf ruhigeren Straßen durch einen Haufen Nadelwälder, in denen sich Heidekraut und zurückgezogene Privathäuser versteckten.

An der Nordseite kamen dann wieder die Sonne und die offene Ostsee raus. Von der Gotska Sanddön abgesehen ist diese Ostsee jetzt bis zu den Åland-Inseln inselfrei - sah aber trotzdem erstaunlich glatt und blau aus.
Die Halbinseln von Norsholmen und (ich denke mir das nicht aus) Langhammarshammaren ragen in der Ferne in die Ostsee rein. Sie sind die nördlichsten Punkte von Fårö, aber die Radroute führt nicht auf sie drauf, weil es da nur nur Wanderwege und kleine Dorf-Sackgassen gibt.

Stattdessen machte ich jetzt einen Schlenker ins Hinterland, und das Hinterland traktierte mich sofort mit grobem Kies und Nieselregen. Diese Holperei durch Wiesen, Wälder und Mauern machte weniger Spaß, auch wenn das Land schön anzusehen war.

Fårö ist noch abgelegener und der Boden noch karger und steiniger als auf Gotland. Was auf Gotland gilt, gilt hier also gleich doppelt: Die Bauern waren immer zugleich auch Händler und isolierte Selbstversorger, bei denen alles Neue erst viel später ankam.

Mehrmals verpasste ich die Abbiegung und wäre fast auf einen dieser isolierten Höfe draufgefahren. Was öffentlicher Weg und was private Einfahrt ist, bleibt auf diesen Wiesen ein Dauerrätsel. Wer ganz sichergehen will, dass kein Besuch kommt, stellt am besten einen Bücherschrank mit möglichst spannenden Büchern in möglichst großer Entfernung zum eigenen Haus auf.
Ich hätte gern Mittagspause auf der Bank gemacht, aber es gab ja nirgendwo einen Unterstand gegen den Regen.

Zurück an der Küste war die Straße nass, aber die Luft wieder trocken. Auf zum Raukenfinale! Das Nervigste hatte ich offensichtlich hinter mir, jetzt konnte ich auf Asphalt durch das Naturschutzgebiet Digerhuvud zischen. Das ist sechs Kilometer lang, aber nur 100 bis 200 Meter breit - so was scheint auf Gotland eine typische Form für Naturschutzgebiete zu sein. Links duckte sich ein niedriger Nadelwald, und rund um den Weg lagen sogenannte klapperstenar - ein witziges Wort für Kieselsteine. Eine 60 Meter hohe Klippe gehört auch dazu, die versteckt sich aber komplett unter Wasser.
Sehr schön, und wo sind jetzt die Rauken? Hier soll Schwedens größtes Raukenfeld stehen. 

Ich umrundete Kieskurve um Kieskurve, aber die Rauken ließen sich noch nicht blicken. Erst ganz allmählich begannen sich größere Steinchen aus dem Wasser zu heben. Irgendwie sah das Ganze für mich nach einer Landschaft aus, in die Humboldtpinguine reingehören. Und tatsächlich saßen da schwarze Vögel, die höchstwahrscheinlich keine Pinguine waren, aber doch zumindest eine entfernte Ähnlichkeit mit besaßen. Mit etwas Fantasie.

Die Felsen wuchsen in die Höhe, und schließlich blickte ich über hunderte von Rauken hinweg. Kein Zweifel, von den Raukenfeldern auf den Inseln ist das hier sicherlich das Highlight. Ich konnte es aus Gründen aber nicht ganz so genießen wie bei Ljugarn.
Ein paar Auto- und Wohnmobilfahrer parkten ihre Fahrzeuge, besetzten die Tische und wanderten hinein ins steinerne Labyrinth. Ich hatte Hunger, fuhr aber weiter - hier sind so viele Tische, da müssen doch auch bald wieder unbesetzte kommen. Hätte ich gewusst, was mich erwartete, dann hätte ich das nicht getan, sondern in dem ca. 1 Quadratmeter großen Klohäuschen eine halbstündige Pause eingelegt.
Ein paar Kilometer weiter fand ich einen freien Tisch mitten in den Felssäulen und begann, das Kochzeug auszupacken.
Dann brach der Himmel.
Vom Himmel rauschte eine Sintflut runter, als würde das Wasser versuchen, sich sein Korallenriff zurückzuholen. Vorne in Richtung Gotland zuckte ein gezackter Blitz aus den Wolken. Oh Schiete, möglicherweise ist das hier wirklich gefährlich. Der Blitz sucht sich den höchsten Punkt - also, die Nadelbäume da hinten waren kleiner als ich, und selbst die Rauken waren nicht wirklich hoch. Es sei denn, ich gehe runter in den Bereich, wo mir schon die graue Ostsee über die Füße schwappt. Außerdem wäre ich gern im Idealfall nicht nur blitzsicher, sondern auch nicht bis auf die Knochen nass. Ein Zustand, der bei dieser Niederschlagsmenge in maximal zwei Minuten eintreten würde.
Natürlich hatte der Rastplatz kein Dach, sondern einen Grillplatz. Die Notlösung: Ich legte die Isomatte auf den Tisch und beschwerte sie mit ein paar Steinen gegen den Wind, so waren die Lücken zwischen den Brettern dicht. Dann holte ich nasse Snacks und ein nasses Buch aus der Tasche und kroch in entwürdigender Pose unter der Bank hindurch über weiße Klappersteine in die sehr relative Trockenheit unterm Tisch.
Das Buch war wirklich spannend.
15 Minuten später spürte ich ein seltsames Brennen auf der Hand. Es fühlte sich fast an wie ... Sonnenbrand?
Sonnenstrahlen fielen durch die Ritzen, der Himmel war blau. Blinzelnd kroch ich nach draußen und machte endlich Essen.

Allmählich gingen mir die ständigen Wetterwechsel und das Umziehen wirklich auf den Keks. Andere Gotlandreisende haben mir bestätigt, dass das nicht nur Ende August eine Eigenheit der Inseln ist.
Eine Eigenheit, an die anscheinend keiner gedacht hat, der die ganzen Rastplätze mit Grill aufgebaut hat. Was haben die auf den Inseln nur alle mit dem Grillen? Jeder verdammte Rastplatz auf Gotland & Fårö hat eine runde Feuerschale mit Grillgitter, aber nur ein einziger Gotländer Rastplatz (der bei Visby) hat ein Schutzdach vor Regen.
Und wie oft habe ich jemanden an diesen Plätzen grillen sehen? Null mal.
Liebe Gotländer, ist das euer Ernst? Was tritt eurer Ansicht nach häufiger ein: A) Ein Reisender kommt voll ausgestattet mit Grillzeug und Grillkohle an einem eurer Rastplätze vorbei oder B) Ein Reisender gerät auf eurer Insel, auf der das Wetter STÄNDIG umschwenkt, an einem eurer Rastplätze in den Regen? Denkt nochmal scharf nach.

So, diese Tirade musste jetzt mal raus. Genau wie das Gewitter.
Im strahlendsten Sommersonnenschein fuhr ich vorbei an den farblich verschiedensten Inselhäusern - von rostrot über grau und gläsern bis weiß - zurück zur Kirche im Zentrum. Die Radroute sagt, man soll die Schleife nach Süden auch auf den Rückweg fahren, aber der Abwechslung und Abkürzung halber wählte ich doch lieber die direkte Straße zum Fähranleger.


Samstag, 22. August 2026

Gotland: Von Hall nach Visby

Ostseeradler folgt den Höhlenkindern

Nicht mehr viele Kilometer übrig, was mache ich dann heute noch so?
Ich buchte mir eine Führung und frühstückte dann in einer hölzernen Haltestelle, die vollgestellt war mit hölzernen Wegweisern zu allen möglichen Verkaufsständen und gastronomischen Angeboten. Alles schon im Winterschlaf? Ich fühlte mich, als würde die Insel hinter mir abgebaut und zugesperrt - wird wohl Zeit, dass ich hier runterkomme.
Aber dann kam doch noch jemand und klemmte sich seinen Wegweiser unter den Arm, um ihm aufzuhängen. Okay, für manche Schilder ist es wohl nur der Nachtschlaf und nicht der Winterschlaf.
Ich fuhr dann lange auf derselben schnurgeraden Straße und kam viel zu früh am anvisierten Abzweig an.

Dort musste ich erst einmal steil runter. Weil noch so viel Zeit war, wollte ich nachschauen, wie die Ostsee hier aussieht. Aber neben der Mündung des Lummelunds å blockierten blaue Holzhäuser und ihre Gärten den Meerblick.

Immerhin konnte ich auf dem Weg dorthin endlich mal zwei der Gotländer Kaninchen vor die Linse bekommen, die schon seit fünf Tagen vor meiner Kamera davonwuseln. Das musste mir natürlich ausgerechnet dann gelingen, als besagte Linse von innen immer noch ziemlich beschlagen war. So typisch die wilden Kaninchen für die Insel auch sind, sie wurden erst im 20. Jahrhundert auf Gotland ausgesetzt und vermehren sich seitdem wie die Karnickel.

Und dann hieß es wieder aufwärts strampeln zum Eingangsgebäude. Gotland ist hier besonders hügelig. Diese Landschaft ist... ja, Kalkstein, schon klar, da wären Sie jetzt bestimmt auch von alleine drauf gekommen. Aber es ist nicht irgendein Kalkstein, sondern eine Karstlandschaft. Schuld daran ist ein Moor, dass es nicht mehr gibt. Martebo Myr war eins der größten Feuchtgebiete auf Gotland, bevor es trockengelegt wurde. Aus diesem Moor kam der Fluss Lummelunds å und brachte Humin- und Kohlensäure mit. Er floss durch Bärlauchwiesen und dann über Viehweiden, weshalb die Milch und Butter von dort immer eine leichte Knoblauchnote hatten (kein Scherz). Schließlich kam er an den Kalkfelsen der Küste an. Und wie sich herausstellte, gilt im hochkomplexen Schere-Stein-Papier-Spiel der Chemie: Huminsäure schlägt Kalkstein. Der Kalk wurde chemisch erodiert, also rissig und karstig, der Fluss verschwand unter der Erde und kam irgendwann wieder raus.

Nun braucht es nicht gerade Raketenwissenschaft, um zu schlussfolgern, dass der Fluss dazwischen eine Art Höhle durchquert. Das war den Menschen seit Jahrhunderten klar, aber keiner schaffte es tiefer rein als 40 Meter. Linné hat die Höhle als erster erwähnt, war aber auch nicht richtig drin und schaute sich dann doch lieber die Wassermühlen am Fluss an.
Das änderte sich erst 1948. Und zwar durch eine wahre Geschichte, die (von den fehlenden weiblichen Hauptfiguren einmal abgesehen) so auch von Astrid Lindgren hätte stammen können:

Es war ein herrlicher Sommernachmittag. Lars, Örjan und Percy saßen im Garten des Gutshofs und malten. Sie waren beste Freunde und zeichneten gern gemeinsam die Natur. Aber es war sehr heiß, und in der Hitze wird man nun einmal schnell durstig.
"Ich brauche etwas zu trinken. Gehen wir die Limonade holen!", rief Örjan und rannte zum Fluss.
Die drei Freunde hatten vorgesorgt und ihr Proviant an einem kühlen Ort verstaut. Dort, wo sich der Fels wie ein Maul auftat und den Fluss an die Oberfläche spuckte, standen ihre Wurst und Limonade im Schatten. Auch die Männer vom Gutshof kannten die Stelle und nutzten sie als Speisekammer. Doch sie hatten nichts dagegen, wenn auch die drei Jungen ihr Proviant dort abstellten.
Percy betrachtete das plätschernde Flüsschen. "Ich frage mich, wo das Wasser wohl herkommt", meinte er auf einmal.
"Dann lass uns doch nachsehen!", rief Lars, und gemeinsam traten die Jungen tiefer in das Loch.
Schon bald reichte das Wasser bis zur niedrigen Tunneldecke, und es ging nicht weiter. Doch die drei gaben nicht auf. Sie durchsuchten alle Risse und Spalten, ob es nicht doch irgendwo einen Weg gab, und schließlich fanden sie einen Tunnel.
Aber ach, war das ein enger Tunnel! Selbst die Kinder konnten sich kaum hineinzwängen. Wo mochte er wohl hinführen?
Die Jungen waren vielleicht neugierig und abenteuerlustig, aber sie waren nicht dumm.
"Vielleicht sollte einer von uns draußen warten, falls es gefährlich wird", schlug Lars vor.
"Ich bleibe hier", schlug Örjan vor. "Wenn ihr nach einer halben Stunde nicht zurück seid, hole ich Hilfe."
Das schien allen eine vernünftige Lösung zu sein. Lars und Percy verschwanden im Inneren der Erde, und Örjan wartete. Nach einer halben Stunde wurde er unruhig. Wo blieben die beiden nur? Eigentlich sollte er jetzt Erwachsene rufen, doch ihre Eltern wären sicher böse, wenn sie von der Sache erfuhren. Vielleicht brauchten die beiden nur seine Hilfe. Oder sie hatten einfach die Zeit vergessen. So etwas konnte ja passieren.
Kurz entschlossen zwängte sich auch Örjan in den Tunnel. Mühsam kroch er vorwärts. An einer Stelle war es so eng, dass er nur hindurchkam, wenn er ganz tief ausatmete!
Dann endlich weitete sich der Gang. Er stand, auch wenn das natürlich noch nicht wusste, in der womöglich größten Höhle von Schweden.

Da eine solche Kriecherei nicht den Komfortansprüchen des modernen Tourismus entspricht, wurde nur 11 Jahre später ein nagelneuer, gerader Tunnel in den Fels gebohrt, in dem man problemlos aufrecht gehen kann. Vor diesem Eingang steht ein Informationszentrum mit einer kleinen Ausstellung und einem Kinoraum, in dem Lars Olsson, Örjan Håkansson und Percy Nilsson als alte Männer von ihren Abenteuern erzählen.
An der Kasse war es kein Problem, mich in eine frühere Führung zu schieben und mir einen Audioguide in der Fremdsprache meiner Wahl zu geben. Dann wartete ich in der Gruppe vor dem Eingang zur Lummelundagrottan, neben mir das große Fossil einer Schnecke.

Bald standen wir im ersten von vielen langgezogenen Sälen, schiefe Felsen ragten in alle Richtungen, unter manchen mussten wir uns hinwegducken. Ich konnte mir problemlos vorstellen, wie sich der kleine Zugangstunnel über Jahrhunderte unbemerkt in dieser gezackten Düsternis verstecken konnte. Der Höhlenführer deutete in die Richtung, aus der die Jungen damals herangekrochen waren, aber die Stelle unterschied sich kaum von einer anderen beliebigen Felsspalte.
Der klar Bach plätscherte durch eine Rinne. Manchmal schwimmen darin bleiche Fische, so ziemlich die einzigen Lebewesen, die sich hier hinein verirren. Die grünen Pflänzchen unter den Lampen wachsen dort natürlich erst, seit die künstlichen Lichtquellen angeschraubt wurden.
Für alle Fremdsprachler verkündete der Höhlenführer die aktuelle Nummer des Audioguides und begrüßte dann die Schweden. Ich hörte mir den deutschen Text an, und anschließend war der schwedische Live-Vortrag noch lange nicht beendet. Ich versuchte dann noch, dem Schwedisch zu folgen und zu verstehen, über welchen Witz jetzt wieder alle gelacht hatten, aber dafür sprach der gut gelaunte Mann dann doch meistens zu schnell. Nur bei einem Wort war die Bedeutung absolut klar: Pojkarna. Die Jungen (Utrum Plural mit unbestimmtem Artikel) - die Entdecker der Höhle, deren Geschichte er in jedem Saal fortsetzte.

Während der nächsten Jahre führten Örjan, Percy und Lars ein Doppelleben. Für alle anderen waren sie artige Schüler, die gern draußen unterwegs waren, im Geheimen aber waren sie echte Höhlenforscher. Nach zwei Jahren lösten sie versehentlich einen großen Steinbrocken von der Decke. Zum Glück starb niemand, vielmehr war es ein echter Glücksfall, weil der weitere Weg nun frei wurde. Dann gelangten sie an einen Punkt, wo sie ohne ein Boot nicht weiterkamen. Der Vater von Percys Freundin hatte ein Schlauchboot. Es verschwand wenig später auf geheimnisvolle Weise.

Die drei staunten über die Wunder, die sich vor ihnen auftaten - weiße Tropfsteine, die im Laufe von Jahrtausenden herangewachsen waren und die noch nie zuvor ein menschliches Auge - oder vielleicht sogar irgendein Auge - erblickt hatte.
Aber die drei staunten nicht nur, sie handelten wie echte Wissenschaftler. Sie zeichneten genaue Karten, die den Höhlenforschern später noch von großem Nutzen sein sollten. Sie berührten die Tropfsteine nicht - das Fett an ihrer Hand hätte die Steine nämlich sofort getötet und Jahrtausende des langsamen Wachsens beendet. Und wie echte Höhlenforscher gaben sie den Tropfsteinen Namen. Nicht irgendwelche Namen natürlich, sondern die Namen von Dingen, die den Tropfsteinen ähnlich sahen. In der Grotte von Lummelunda waren die Tropfsteine oft keine langen Säulen und Spitzen, sondern gerippte Flächen, die sich weiß und weit unter der Decke erstreckten.
"Ganz klarer Fall: Das sind Flügel!", rief Lars.
"Und diese lange Linie dort an der Wand: Das ist die Große Chinesische Mauer!", rief Örjan.
"Und seht ihr dort den Altar?", meinte Percy. "Über der Orgel sind Josef, Maria und das Jesuskind aus Tropfsteinen gewachsen." (im Bild links)
Schließlich hatten sie alles ausgiebig erkundet und kartographiert, und da beschlossen sie, dass es Zeit war, an die Öffentlichkeit zu gehen. Schon bald kam ein Höhlenforscher namens Leander Tell vom Festland und ließ sich von den Jungen in den engen Eingangstunnel führen. Doch, oh weh! Leander Tell blieb stecken und bekam eine Panikattacke. Es ging nicht vor und nicht zurück, und vor ihm waren zwei der Jungen in der Höhle. Sie mussten ihm gut zureden, bis der arme Forscher den Rückweg fand.
Zurück auf dem Festland machte Professor Tell drei Monate lang eine strenge Diät. Dann versuchte er es erneut, kam endlich unten an und wurde damit zum Gründer der schwedischen Speläologie, das heißt Höhlenforschung. Er schrieb insgesamt 19 Bücher über Höhlen und eins über Cognac.

Die Höhlenforscher konnten einen Wall aus dickem Schlamm abtragen und fanden so noch einen weiteren Tropfsteinsaal. Dahinter endet nach 130 Metern die halbstündige Standardführung, und durch eine Betonwand führt ein zweiter künstlicher Gang ans Tageslicht. Wer mehr sehen will, kann aber an ausgewählten Tagen während der Abenteuerführung in ein Plastikboot steigen und zwischen schartigen grauen Dreiecken und brackigem braunen Wasser weitere 500 Meter entdecken. Aber auch dann hat man noch längst nicht alles gesehen.
Wie lang ist die Höhle wirklich? Etwa vier Kilometer sind nachgewiesen. Damit ist sie zur Zeit leider nur noch zweitlängste Höhle Schwedens, denn die Korallgrottan in Jämtland hat ihr die Spitzenposition abgejagt. Aber: Beide Höhlen werden weiter erforscht. Jedes Jahr zu Mittsommer treffen sich Schwedens Speläologen für eine Woche auf Gotland und dringen weiter vor, das Rennen ist also noch nicht entschieden. Sie schätzen, dass die Lummelundagrottan gut und gerne acht Kilometer lang sein könnte.

Für mich war die Grotte von Lummelunda meine erste Höhle außerhalb von Deutschland & Tschechien. Und auch wenn ich in diesen Ländern größere Höhlen gesehen habe, hatte sie zusammen mit der kuriosen Entdeckungsgeschichte einen ganz eigenen Zauber, den ihr keiner so schnell nachmacht. Vor allem nicht die verdammte Korallgrottan.

Oh, die Straße hat wieder einen Radweg. Dann kann es nicht mehr weit bis Visby sein.
In den Vororten ging die Radroute dann doch nochmal ein Stück den Hang runter und durch Wohngebiete.

Es war erst Mittag, ich hatte keinen Zeitdruck, und so fuhr ich jede Schleife mit. In einem kleinen weißen Schuppen standen Bilder zum Verkauf, und bunte Postkarten hingen an der Wäscheleine von der Decke. Darauf blühten weit mehr Blumen als in der echten Natur.
An einem geschlossenen Strandkiosk ging dann noch ein Betonradweg direkt zwischen dem Sandstrand und einer Felswand entlang und kam an der Strandpromenade von Visby raus.
Und das war sie auch schon, meine größte Inselumrundung bisher, einmal um die zweitgrößte Insel der Ostsee und die kleinste von Schwedens 21 Provinzen. Ging doch echt schnell.

Zum Abschluss ein Zitat, das man perfekt bei der Zufahrt zum Fähranleger aufstellen könnte für alle, die Gotland verlassen:

"Jetzt geht nach Hause", sagte Pippi, "damit ihr morgen wiederkommen könnt. Wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr ja auch nicht wiederkommen. Und das wäre doch schade."

Freitag, 21. August 2026

Gotland: Von Furillen nach Hall

Ostseeradler schwimmt im See

Zurück auf der Insel Gotland fuhr ich wieder an der schmalen Bucht hinauf. Da entdeckte ich direkt über der Straße die nächste Ladung Rauken, diesmal sogar mit einem malerischen Raukentor namens Lergravsporten. Der natürliche Durchgang sieht aus jeder Blickrichtung einfach toll aus. Die linke Seite war dick und massiv, die dünne Stütze rechts dagegen wirkte geradezu zerbrechlich. Diese seltsame Asymmetrie entspricht so gar dem typischen Bild der Felsentore, die in Filmen zu sehen sind.

Nach ein paar Laubwäldern erreichte ich auch schon die unauffällige Stadt Fårösund, die weitgehend um die Straße zum Fähranleger herum aufgebaut ist. Hier legen die Schiffe nach Fårö und die Ausflugsfahrten zur Insel Gotska Sanddön ab. Neben dem Hafen versteckt sich ein weiteres Kastal in den Bäumen, diesmal mit einem opulenten Räucherschornstein oder so obendrauf (hinten rechts).

Nachdem ich Fårö umrundet hatte, ging es weiter auf einer schnurgeraden Landstraße gen Norden. Ich kam zuerst vorbei an einem kleinen Steinbruch, in dem vor 7000 Jahren die ersten Jäger und Fischer von Gotland lebten, schon damals stilrecht mit Reetdach. Vermutet man jedenfalls. Das Reet ist natürlich längst weggegammelt, nur die Essensreste und Werkzeuge wurden ausgebuddelt. Was hätten die Jäger und Fischer wohl gesagt, als später über ihren einstigen Häusern eine Eisenbahn gebaut wurde, um den Kalkstein zur Industrie nach Norrland abzutransportieren?
Als ich ein Foto von diesem Steinbruch machen wollte, war auf dem Bild absolut nichts zu erkennen außer Weiß. Ja, schon klar, da ist Gegenlicht, aber so schlimm? Ach, nein, Mist, was ist da denn passiert? Das Gewitter auf Fårö war in die Kamera eingedrungen und beschlug die Linse von innen mit feinen Tröpfchen. Deshalb sehen die nächsten Bilder leider aus wie durch Nebel fotografiert, sogar bei strahlendem Sonnenschein.
Langsam wurde es jedoch besser. Hier kann man zumindest schon mal die Ostsee erkennen, und das Ortsschild, das offenbar von einem kurz angebundenen Piraten verfasst wurde.

Heute habe ich nicht in der Ostsee gebadet, sondern in den Badeseen. Davon hat die Insel so einige, viele sind aus alten Kalksteinbrüchen entstanden. Der Reiseführer, der auf der Fähre auslag, listet sie alle in verschiedenen Kategorien auf. Die Texte klangen zwar verdächtig nach KI, dennoch wollte ich auch mal welche davon ausprobieren. Und jetzt fuhr ich endlich mal zwischen zwei davon durch.
Der Bästeträsk ist... also, ob er der wirklich der bäste See der Insel ist, bleibt wohl Geschmackssache, auf jeden Fall ist er der größte und richtig schön. Nadelbäume warfen ihren Schatten auf das steinige Ufer. Die spitzen Steine waren jetzt nicht gerade der angenehmste Barfußpfad aller Zeiten, aber das Wasser ist tipptopp - aus der Nähe kristallklar, aus der Ferne kristallblau. Irgendwo da draußen verbergen sich zwei Inselchen.

Blauer, außergewöhnlicher und fußfreundlicher ist aber die Blå Lagun gegenüber auf der anderen Straßenseite, nur ein kurzes Stück den Feldweg runter. Während der Bästeträsk noch mehr oder weniger nach einem normalen Natursee aussieht, tendiert die Blaue Lagune in Richtung exotisch bis unwirklich. Das liegt sicherlich an dem Ufer, das nur aus kleinen felsigen Kanten, einzelnen Nadelhecken und nettem Kies besteht. Die Lague ist zwar ein paar Nummern Nummer kleiner, aber weil ich trotz des Wetters fast allein dort war, störte die übersichtliche Größe überhaupt nicht. Im Gegenteil, so hatte ich wenigstens eine Chance, bis zum anderen Ufer zu schwimmen und dort die Felskante zu besteigen.
Danke, wechselhaftes Wetter, dass du an diesem Punkt der Reise die Sonne bereitgestellt hast, das wäre sonst ein Jammer gewesen.
Saukalt war es natürlich trotzdem.

Als nächstes habe ich eine große, spitze Bucht umrundet. Die brachte viele Extrakilometer, aber auch viel Wasserblick. Auf dem steilen, steinigen Abhang zum Meer wuchsen die Bäume erst so weit unten, dass ich die Ostsee sehen konnte. Dafür gab es aber auch keinen Schatten.

An der Spitze der Bucht steht die Steinindustrie im Meer und am Meer. Linné beobachtete damals fasziniert, wie der Kalkstein im Ofen gebrannt wurde. Nach zwei Tagen Feuer waren die oberen Steinschichten transparent und blaue Flämmchen tänzelten darauf. Dann konnte man ihn abkühlen und nach Deutschland und Dänemark verschiffen. Plötzlich verschwand die Sonne und Linné war in dichten Seenebel gehüllt, fast wie Rauch - das wechselhafte Wetter machte also auch ihm zu schaffen.
Die dazugehörige Stadt Kappelshamn liegt auf der Westseite der Bucht. Auch hier gab es keinen Rast- oder Schattenplatz zwischen den roten Häuschen. Also lieber gleich weiter in den schattigen Wald.

So, noch ein Stück die Straße hoch, hier geht's ordentlich bergauf. Gleich zweigt der Waldweg ab, da mache ich dann Pause.
Dann zweigte der Waldweg ab. Ich hielt an, um Pause zu machen. Und fuhr sofort wieder weiter. Mit mir fuhren als blinde Passagiere etwa 17 Mücken, die sich während der einminütigen Pause sofort auf mir niedergelassen hatten.
Das Naturschutzgebiet Hall-Hangvar besteht aus mehr Arten von Landschaft, als eigentlich reinpassen sollten. Hauptsächlich wachsen Kiefern und Weiden, andere Bäume wurden selektiv abgeholzt. Gleichzeitig sind da auch ganz dünner Boden und magere Felsflächen, trotzdem schafft es irgendwie genug Grundwasser durch, um auch Kaltwassermoore zu bilden. Eine hiesige Blume heißt Gotland-Sonnenwende.
Immer tiefer schimmerte das Meer unter mir. Schließlich öffnete sich der Wald und ich konnte sehen, wie hoch ich mich wirklich befand. Direkt neben mir fielen im Abendlicht Klippen aus Kalk 30 Meter abwärts. Kein Geländer oder trennte sie vom Weg, nur ein paar Warnschilder baten, doch bitte nicht komplett ranzugehen. Ein bisschen bröckelig sah das ganze schon aus. Hervorragend, hier mache ich die Pause, diesmal wirklich.
Das hier ist das Ende der Bucht und die nördlichste Ecke Gotlands. Allerdings ist es keine so markante Spitze wie im Süden. Vorhin bei den Badeseen, auf der anderen Seite der Bucht, war ich fast genauso weit im Norden.

Schlafenszeit! Wo übernachte ich heute?
Eigentlich ganz einfach, denn hier im Nordwesten bei Hall soll es das einzige klassische Shelter auf Gotland geben (also eine hölzerne Übernachtungshütte wie die, mit denen Öland übersät war). Die Sonne berührte schon den Horizont, aber ich war zuversichtlich, es noch bei halbwegs akzeptablen Lichtverhältnissen zu schaffen. Womöglich hätte ich das auch, wenn denn die Wege zu diesem Shelter tatsächlich existiert hätten. Bei einem Bauernhof mit Windrädern bog ich ab und machte einen kräftigen Umweg. So, jetzt hinter diesem Stall muss ich hier auf diesen Waldweg - hm, nee, der existiert nicht, komplett zugewachsen. Dann eben der nächste - ah, nope, da ist ein Gattertor davor, und anders als die zahllosen Gattertore auf Europas Radwegen war dieses hier nicht zu öffnen, dafür sorgte eine Kette mit Vorhängeschloss.
Vielleicht kann man als Wanderer dieses Shelter erreichen, wenn man auf dem Pfad direkt am Meer wandert (sofern der denn existiert), Radfahrer können diese Hütte aber komplett vergessen.
Mist, dann mal lieber zurück zur Straße.
Natürlich musste an besagter Straße ausgerechnet jetzt eine Kette von Dörfchen und Gehöften kommen, ohne richtige Natur dazwischen. In der Dunkelheit fand ich hinter dem letzten Dorf eine Alvar-Fläche mit rosaroten Gräsern. Zum Liegen war es bequem genug, nur das Zelt hätte ich in diese Steine ungern reingehämmert.
Dem Himmel sei Dank war für diese Nacht kein Regen angesagt. Auf Gotland muss man das wirklich dringend am Abend vorher prüfen, bevor man sich aufs Geratewohl unter den launenhaften Himmel legt. 


Donnerstag, 20. August 2026

Gotland: Von Ljugarn nach Furillen

Ostseeradler strandet auf einer einsamen Insel

Für Radfahrer sind die Ljugarner Rauken eine Sackgasse, darum bin ich diesmal an den Wikingerhäusern links abgebogen. Danach ging es hoch hinaus. Die Straße war relativ gerade, zumindest in zweidimensionaler Hinsicht. In der dritten Dimension war sie deutlich kurviger und ging manchmal so hoch, dass auf den Hügelkuppen kein Wald mehr wuchs, sondern nur rotgrüner Alvarboden mit Hecken.

Der Gotlandsleden macht einen Ausflug über die Halbinsel Östergarn, die aussieht wie eine große Schäreninsel. Über die Felskuppen hinweg konnte ich den Hafen der Stadt Katthammarsvik erkennen.

Auf einem holprigen Weg umrundete ich einen Großteil der Halbinsel. Hinter so mancher Kurve tauchte unerwartet ein plötzlicher Anstieg auf lockerem Kies. Eine schöne Bucht nach der nächsten tat sich auf, trotzdem war ich irgendwann doch froh, als dieser Abschnitt vorbei war und ich wieder auf Asphalt wechselte. 

Gotland hatte seit der Bronzezeit fast 100 Festungen, die unterschiedlich aussahen und unterschiedlichen Zwecken dienten, von Rechtsprechung bis Ritualwirkung. Ihr gemeinsamer Nenner war, dass sie alle an irgendeiner Art von Wasser standen.
Hier stand ein Fort namens Grogarnsberget, das in allen Richtungen von steilen Rampen aus Erde und Kalkstein geschützt war. Falls jemand von Osten angriff (bis heute die wahrscheinlichste Himmelsrichtung), warnten sie die Insulaner über eine Kette aus Warnbaken.

Hä? Das hier soll der Startpunkt vom Gotlandsleden sein? In irgendeinem wahllos ausgewählten, nicht besonders gut erreichbaren Dorf mittendrin? Also das erklär mir mal, Wegweiser.

Anschließend folgte ich noch eine Weile den Windungen eines flachen Birkenwaldwegs. Irgendwann war mein Hunger zu groß und ich musste im Nieselregen kochen. Es tauchte sogar ein improvisierter Tisch aus einer alten Spule (oder einem Rad?) auf, aber natürlich hatte es den ganzen Tag noch keinen Rastplatz mit Regendach gegeben.

Immerhin war der Regen nicht stark genug, um den Kocher zu löschen oder die Holzbrücken über die Bäche endgültig zu durchnässen. (Die bestanden aus längs verlegten, schmutzig-abgenutzten Balken, im glitschigen Zustand wären die ein Albtraum gewesen.)

So, das war vorerst genug an Windungen, den Rest bis Slite kürze ich auf der Hauptstraße ab. Prompt trieben die Wolken auseinander und ließen wieder Sonnenstrahlen durch.

Zwischen den dichten Laubbäumen und ein gutes Stück unter der Straße strömen die klaren Flüsse Gotlands in Richtung Ostsee. Einige der 100 alten Festungen standen an den Ufern dieser Flüsse.

Ein einsamer Raukenmann wacht am Straßenrand über die korrekte Einhaltung der Verkehrsregeln (links im Bild). Ich musste zweimal hinsehen, bis ich Gewissheit hatte, dass das wirklich eine natürliche Felsformation war und keine aufgestellte Figur.
Bald darauf lichtete sich der Wald, und auf einem Hügel über der Straße ragte das nächste Raukenfeld auf. Dort standen noch dünnere, höhere Rauken, auch sie mit einem "Kopf".

Dann fuhr ich rein nach Slite, die wahrscheinlich unattraktivste Stadt von Gotland. Ein PKWegweiser am Ortseingang zeigte die Richtung zu zwei Restaurants an, aber das Messer-und-Gabel-Symbol war bei beiden mit rotem Klebestreifen übergeklebt.
Slite hat zwar einen erkennbaren Marktplatz mit Supermarkt und Döner, aber die Farben sind blass, alles wirkt irgendwie staubig, grau und oll.

Das mag an den Schornsteinen, Silos und Förderbändern liegen, welche die Stadt in mehreren Richtungen einrahmen. Slite ist anscheinend in der Kalkstein-Industrie tätig und produziert auch den fossilen Strom für Gotland.
Ich sollte fairerweise erwähnen, dass mich die Fahrradwegweiser ausdrücklich nicht in die schwarzen Schatten dieser Industriestraße geschickt haben. Ich bin trotzdem reingefahren, weil ich den Uferweg dahinter befahren wollte. Es war dann auch nicht weiter schlimm, der LKW-Verkehr hielt sich in Grenzen.
Direkt hinter dem Industriegebiet stehen ein paar besonders kantige, kopflastige Rauken. Insgesamt ist Slite also die Stadt der Rauchsäulen und Rauksäulen.

Schön sind allerdings die flachen Buchten und schilfgesäumten Seen um Slite herum. Eine Weile folgte ich einem Kiesweg am Flachwasser entlang und warf einen Blick auf eine lange Halbinsel, die ich komplett abkürzen würde.

Am Wegesrand stehen ab und zu Gotlands Meilensteine. Sie sehen aus wie ein steinernes Häuschen, das Reisenden den Mittelfinger zeigt. Die meisten Steine sind von 1700 und verraten, auf wessen Hof man steht, welcher Gouverneur den Stein aufgestellt hat und wie viele Meilen es zum Marktplatz von Visby sind, denn der war der Ausgangspunkt aller Wege. Eine skandinavische Meile (10 km) war damals noch 700 Meter länger, wahrscheinlich wegen Inflation oder Schikane gegenüber Matheschülern.

Nun sollte einer der großen Badeseen Gotlands kommen, der Fardumeträsk. Ich entfernte mich also vielleicht einen Kilometer von der Route und bog ab zu der Stelle, die Wegweiser und App eindeutig als einzigen Zugang zum See markiert hatten. Die letzten Meter ging ich zu Fuß durch den Wald, bis ich zwischen den Hecken auf einer Anhöhe rauskam. Und ziemlich enttäuscht war.
Der Fardumeträsk ist eine verzweigte, fjordartige Fläche in einer mindestens genauso großen Masse an Schilf. Und viel mehr kann ich persönlich dazu auch gar nicht sagen, denn näher durfte ich nicht ran. Der Weg endete fast einen halben Kilometer vor dem eigentlichen See. Die Strände bestehen statt Sand aus Sumpf und einer langen Liste mehr oder weniger seltener Pflanzenarten.
Kalk ist auch im See drin, aber nur zerrieben im Schlamm, der im Sommer bei Niedrigwasser oft an die Oberfläche tritt. Die Insel Storholmen ist sehr ungewöhnlich, denn die Pflanzen darauf sind zwar von Wasser umgeben, ernähren sich aber trotzdem nur von Niederschlag.
Singvögel nisten gern im Schilf, während Seevögel nur für eine schnelle Mahlzeit von der Küste rüberkommen. Es ist ja schön, dass die dort ihre Ruhe haben, und ja, der See war in der Kategorie "für Naturliebhaber" aufgelistet - aber trotzdem eindeutig in einer Liste von Badestellen. Mal abgesehen davon, dass die Naturliebhaber am späten Nachmittag bei blendendem Gegenlicht und so viel Abstand auch nicht sonderlich viel beobachten können, die wenigen sichtbaren Vögel sind bestenfalls ferne Schemen.

Jetzt gab es keine Hauptstraße mehr an der Küste. Im Gegenteil: Wenn ich jetzt abkürzen wollte, dann musste ich auf einen Zickzackkurs aus kleinen, wilden Dorfstraßen abbiegen. Ob ich da im Endeffekt im Vergleich zur Hauptroute auf den normalen Straßen so viel Zeit gespart habe, bleibt unklar. Jedenfalls war ich froh als ich wieder eine schnurgerade Asphaltstraße durch dichten Nadelwald mit Ferienhäusern entlangrasen konnte. Irgendwo da unten sollte eigentlich das Meer sein, leider konnte ich noch nicht viel sehen. Schade, denn irgendwo dort müsste mein nächstes Ziel liegen.

So, wo verbringe ich die nächste Nacht? Das hatte ich schon längst entschieden. Bei einem Blick auf die App Vildnis entdeckte ich nämlich etwas ganz und gar ungewöhnliches: Übernachten in einem verlassenen Fischerdorf. Kann das stimmen? Ich beschloss, das Risiko einzugehen und sechs Kilometer Umweg in Kauf zu nehmen, und zwar bis... hm, genau genommen liegt das Dorf nicht einmal auf Gotland, sondern auf der Nebeninsel Furillen. Die ist allerdings nur durch eine etwa bachbreite Meerenge in einer Unmenge Schilf von Gotland abgetrennt. Zählt das dann überhaupt als eigene Insel?

Ein hölzerner Aussichtsturm begrüßt die Besucher im fast gleichnamigen Naturschutzgebiet Furilden.

Das ist ein Wald entlang der Nordseite der Insel. Besonders aufregend wirkt das Naturreservat aber nicht, dort stehen hauptsächlich dünne, große, alte Eichen einsam im Sonnenschein, was Insekten super finden.

Die Insel hat einen Haufen komisch verzweigter und weitgehend paralleler Kieswege. Ich folgte dem nördlichsten davon am Rand vom Furilden entlang, und das war eine gute Wahl, denn da standen weitere Raukchen und herrliche kleine Felswände.

Trotzdem wollte ich auch einen Blick in die Inselmitte werfen. Dort wurde es kahler und kurioser. Die Inselmitte ist nämlich ein großer Steinbruch. Die Menschen haben eine tiefe Grube reingebuddelt, die meistens von senkrechten Felswänden begrenzt ist, manchmal führen die Kieswege aber auch einfach so als Rampe rein. Zack, schon war ich in der seltsamen Landschaft eine Etage tiefer, irgendwo links und rechts von mir begann eine Wand. Wie eine Zerbrochene Ebene mit mehr Abstand.

In dieser Grube versteckt sich laut Karte ein Dreieck aus drei Seen, von denen einer tatsächlich existierte. Vor der Felswand sah er absolut toll aus, aber zum Baden dann doch ein bisschen zu tief und rätselhaft.

Nun aber zurück zur Küste. Hier stehen jetzt ein paar moderne Ferienhäuser im Wald. Furillen ist keineswegs unbewohnt, weiter drinnen gibt es auch ein paar Gehöfte. Allerdings nicht genug, dass auf der Karte ein eigenständiger Ortsname für erscheint.
So gang wollte ich jedenfalls nicht glauben, dass da gleich ein verlassenes Fischerdorf auftauchen soll. Tat es aber. Plötzlich zweigte eine kleine Rastplatzschleife von der Straße ab, und vor öffnete sich dieses Panorama.
Das Fischerdorf besteht größtenteils aus verfallenen kniehohen Mauern (hinten links), die einst aus lockeren Steinen aufgestapelt wurden (wundert mich nicht, dass die nicht mehr stehen). Aber ein Haus steht noch komplett. Die Mauern sind mit Kalk bedeckt. Gespannt zog ich die Tür auf.

Ich fand sechs Holzpritschen und einen einfachen Kamin mit Schornstein, in dem ein bisschen Müll lag. Eine Pritsche war sogar mit einer dünnen Matratze ausgestattet, eine andere mit einer schwedischen Kunstzeitschrift ("Gammel Dansk: Nikolaj Stokholm serviert Komik, die nach Vergangenheit schmeckt, hat aber ein gegenwärtiges Gebot"). Mit anderen Worten: Ich war begeistert. Ich konnte sogar die Tür von innen verriegeln.

Wie sollte ich nicht begeistert sein, wenn ich hier Abendessen kann? Terrassen aus Kies und Gras zogen sich herunter bis zum Steinstrand, eingerahmt von Kalksteinklippen - ja, zur Abwechslung mal keine Rauken, sondern richtige Steilufer, von waagerechten Linien zerfurcht und hervorstehend, als wollten sie die Badegäste in ihrem Schatten beschützen.
Wobei: Welche Badegäste? Ich musste dieses traumhafte Fleckchen mit einer einzigen Wohnmobilfamilie teilen, die sich bald zurückzog. Furillen ist wirklich noch ein Geheimtipp. Gut, andererseits scheint ganz Gotland in der zweiten Augusthälfte schon ein halber Geheimtipp zu sein.