Ich wollte zumindest eine der Stockholmer Schären befahren (neben den Innenstadt-Inseln). Nach kurzem Stöbern auf Mapy entschied ich mich für Rindö, denn die Insel war überschaubar groß und schien dabei ein Querschnitt von allem zu sein - ein bisschen Stadt, ein bisschen Natur, ein bisschen Geschichte, ein bisschen Hafen und ein bisschen Militär. Wobei sich so was natürlich nicht wirklich anhand einer Onlinekarte erkennen lässt, wahrscheinlich würde es vor Ort ganz anders aussehen.
Tat es nicht. Meine Einschätzung mit dem Querschnitt traf genau ins Schwarze.
Schwieriger war es da schon, die Internetseiten davon zu überzeugen, mir doch bitte die nächsten Schiffsabfahrten zur Insel anzuzeigen. Die Stockholmer Nahverkehrsseite kennt die Schiffslinien, zeigt die Verbindungen aber nur an, wenn man ausdrücklich als einziges erwünschtes Verkehrsmittel Schiffe auswählt.
An die Haltestelle Strömkajen brummte ein bequemes Schiffchen heran und klappte schon vor dem Anlegen seine Schnauze auf. Eine Rampe fuhr hervor, und zack, zack, zack, blitzschnell strömten die Fährgäste runter und rauf, ich sollte mein Rad im Außenbereich hinstellen, dann verschlossen die Mitarbeiter die Tür und los ging die Fahrt. Der ganze Ein- und Ausstieg ging, obwohl technisch komplizierter, gefühlt fixer als in einer beliebigen deutschen Straßenbahn.
Der Vergleich ist nicht abwegig, denn offensichtlich fuhren hier hauptsächlich Stockholmer von der Arbeit nach Hause. Und das taten sie verdammt gut gekleidet. Mann, warum musste meine Schwester nach ihrer eigenen Stockholmreise erzählen, wie gut anzogen die Schweden sind? Hätte sie meine Aufmerksamkeit nicht auf all die Hemden und Anzüge gelenkt, dann hätte ich mich auf der Fähre weniger komisch gefühlt. Weil es bequeme Sitze und Strom gab, konnte ich mich immerhin digital von der modischen Diskrepanz ablenken. Oder mich durch Erstellung von Memes noch mehr damit beschäftigen.
Ich checkte per Kreditkarte ein und bezahlte am Ende 3,1 Euro. Genau wie in Helsinki sind die öffentlichen Nahverkehrsfähren das mit Abstand Günstigste der ganzen Stadt.
Nach etwas über einer Stunde (wie viel genau, hängt von der Fährlinie ab) legen diese Schiffe an der Uferpromenade von Vaxholm an. Die Erfindung des Dampfschiffs machte Vaxholm zu einem gut angebundenen Ausflugsort mit Spielplätzen und oranger Bäderarchitektur, und ich fühlte mich plötzlich an Waren an der Müritz erinnert. Außer dass mitten in der Hafenzeile plötzlich ein Stapel weißer Containerwohnungen die ganze Architektur verwirrte.
Vaxholm liegt auf der Insel Vaxön, die sich für eine Fahrradumrundung nicht eignet: Die eine Hälfte ist Stadt, die andere ein Wald, in dem nur Wanderpfade verlaufen. Weiter geht es also noch zwei Stationen mit einem zweiten Linienschiff, und damit wäre ich angekommen an Rindö Västra, der westlichen Station auf der Insel, zu der ich wollte. Auch wenn ich mich bei dem Anblick erst mal fragte, warum eigentlich. Rund um das gläserne Haltestellengebäude sah ich erst einmal nur staubiges Gewerbegebiet, Asphalt und Bootsstege.
Rindö wird in alle Himmelsrichtungen von Nachbarinseln bedrängt. Der größte Blickfang ist wohl die Festung Vaxholms Kastell auf der Mini-Insel Vaxholmen, nicht zu verwechseln mit der Stadt Vaxholm auf Vaxön. (Die haben das doch mit Absicht so verwirrend genannt, damit die Leute an der falschen Stelle aus dem Boot aussteigen.)
An insgesamt vier Stellen legen Fähren auf Rindö an, aber nur die Bootshäuser der Narchbarinsel Skarpö im Norden sind über eine kurze Brücke angebunden. Warum nur Skarpö, die Abstände sind doch überall so kurz? Weil die Einfahrt nach Stockholm für die großen Schiff frei bleiben muss.
Ich radelte erst mal ein Stück nach Norden zur Brücke, auch wenn das eine Sackgasse war. Das lohnte sich. Zum einen hatte ich dort den besten Blick auf Vaxholms Kastel, zum anderen zeigte auch Rindö selbst direkt seine höchsten Felswände und schönsten Landschaften. Ich entdeckte diese herrliche Küste aus sanften Felsen mit Gras und verstreuten Nadelbäumen. Ach, das wäre der perfekte Biwakplatz! Es tat mir in der Seele weh, ihn zurückzulassen, aber leider, leider sagte der Wetterbericht stundenlangen Regen voraus. Und zum Zelten war die Stelle dann doch zu felsig, uneben und exponiert.
Schweren Herzens fuhr ich noch etwas weiter in die Inselmitte, wo ein Radweg neben der Hauptstraße verlief. Große Kleingärten, Gewächshäuser und gelbe Kasernen säumten die Strecke. Ich musste jetzt möglichst bald eine Zeltstelle finden, denn Dämmerung, Regen und ein Militärgebiet nahten, zudem hatte die letzte Werkstatt mein Licht nicht reparieren können.
Naja, dachte ich, als ich auf eine Nebenstraße in den Wald abbog. Wenn diese kleine Insel trotz der Nähe zur Stadt den perfekten Biwakplatz hat, dann wird sie wohl nicht auch noch den perfekten Wildzeltplatz haben. Wie unwahrscheinlich wäre das denn?
Dann fand ich diese Stelle. Absolut blickdicht, bequem erreichbar über einen Waldpfad, mit einer großen flachen Freifläche auf trockenem Laub und auch optisch durchaus ansprechend. Perfekt, um auch mal bis morgens um neun liegen zu bleiben und dem Rauschen zu lauschen.
Als es das Rauschen verrauschte, packte ich zusammen und drehte einen Bogen um die Nordseite der Insel, vorbei an Pferdeweiden, eine davon mit Hindernissen. Die braunen Pferde waren in überaus unmodische Fliegendecken ausgestattet, die schwarzweißen mussten ohne zurechtkommen, ein weißes hatte ein Zeichen in den Allerwertesten eingebrannt. Ein kleines Pony namens Bumle durfte keinesfalls gefütterte werden, denn es bekommt bereits vier Mahlzeiten am Tag und wird von Gras, Früchten und hartem Brot todkrank. Das verwöhnte Tier stierte mich trotzdem missmutig an, als ich dem Schild gehorchte.
Dann wurde es kurz steil und ich drang ins Militärgebiet ein. Darauf weist die graue Linie in der App hin, für alle, denen Straßennamen wie Militärvägen und Grenadjärsvägen zu subtil sind. Es mag sein, dass das Gebiet (genau wie das sjutfält auf der Insel gegenüber) noch immer der Armee gehört. Für mich sah das aber alles lange verlassen aus, auch Warnschilder gab es keine.
Im nassen Wald versteckte sich ein niedriger Bunker namens Byviksfort.
Der wurde 1800 nach einem ganz neuen Prinzip erbaut: Ein großes
"Schussobjekt" in der Mitte und große Wallgräben, die es flankieren.
Dann aber wurden die Kanonen versetzt und Byviksfort war bloß noch
Munitionslager, und so sieht es auch aus. Ein verwirrendes Schild bewirbt ein Museum in Vaxholm, in dem es um Soldaten, Hexen, Hunde mit
Schüsseln auf dem Kopf und sprechende Bomben geht.
Alternativ kann
man auf Rindö auch eine Unique Swedish Experience buchen. Sprich: Ein
Picknick auf der Insel mit Kaffee und Zimtschnecken. Für schlappe 1195
Kronen.
Schließlich kam ich am Badestrand von Rindö heraus. Der besteht zwar aus Kies und Gras, ist aber auch mit einem Badesteg und Rettungsring ausgestattet. Und die Aussicht über das Schärenmeer könnte schöner nicht sein.
Das große gelbe Schild auf dem Felsen verkündete, ankern, fischen und tauchen sei verboten, denn es handele sich noch immer um ein skyddsobjekt. Also wird hier doch noch geschossen?! Ach nee, Moment, ich darf nicht sjut mit skydd verwechseln, das ist nur ein Schutzobjekt, wichtiger Unterschied.
Besonders beeindruckend wird es, wenn eine große Fähre vorbeiwummert. Und zufälligerweise geschah gerade genau das. Es war sogar eine Viking Lines, mit der ich gestern erst hier vorbeigefahren war. Der Perspektivwechsel von oben nach unten hätte größer kaum sein können.
Überrascht stellte ich fest, dass ich auf diesem Kiesweg auch problemlos direkt an der Küste entlangfahren konnte. Ich musste nur zwei Spaziergängerinnen überholen, und dann nochmal überholen, weil ich ein Foto gemacht hatte, und schon lag der schönste Abschnitt der Inselrundfahrt direkt vor mir.
Hier beginnt die Meerenge Oxdjupet, einer der drei nördlichen Stockholm slussar,
also Schlösser bzw. Zufahrten. Und wie das mit Zufahrten meistens so ist, soll da
nicht jeder einfach so reinfahren können. Darum baute Stockholm gegenüber auf der großen Nachbarinsel Värmdö einen braunen Würfel und weiter oben ein rundes braunes
Ding namens Fredriksborg. Zwischendurch schütteten sie die Wasserstraße
auch zu, merkten dann aber, dass aus irgendeinem Grund weniger
Handelsschiffe Stockholm erreichten. Sie öffneten die Oxdjupet wieder,
schickten die veraltete Fredriksborg in Rente und bauten 1870 direkt
gegenüber auf Rindö einen Ersatz namens Oskar-Fredriksborg. (Der damalige König hat einfach seinen Namen angehängt.)
In der
Zwischenzeit war nämlich so einiges erfunden worden: Zement, 30
Zentimeter dicke Panzerplatten und Nitroglycerin. Dieses explosive Zeug
ist schuld daran, dass die Oskar-Fredriksborg größtenteils gar nicht zu
sehen ist. Das bisschen Zement, Feldsteinmauern (es gab wohl nicht genug
Zement) und Gras ist nur die Spitze des Schießbergs.
Darunter zieht sich ein Tunnelnetzwerk unter der Insel durch. Das
erklärt dann wohl auch die komischen verrammelten Tore, die ich immer
wieder in den Felswänden gesehen habe.
Falls jemand von Land
angreifen sollte, schützen Gräben die Festung. Die Oskar-Fredriksborg
ging 1930 in Rente, das dazugehörige Dieselkraftwerk erst in den 50ern.
Obwohl alles unter Schutz gestellt und restauriert ist, kann man die
Tunnel nicht betreten. Nur die ältere Fredriksborg gegenüber ist für
Besucher geöffnet.
Dass eine der beiden Anlagen je kriegsentscheidend
war, wird nirgendwo erwähnt. Sie bleiben also einfach nur ein Zeugnis
davon, wie sich eine Hauptstadt mit einem Vorgarten voller Inseln verteidigt.
Es folgt die einzige zusammenhängende Ortschaft auf Rindö, die nach der Festung ebenfalls Oskar-Fredriksborg heißt. Erst einmal verirrte ich mich in einem neuen Wohnblockviertel und nahm einen Schleichweg den Hang herunter zwischen dürren Büschen auf einer Fläche, die aussah, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis dort auch Wohnblocks stehen.
Aber Rindö hat auch viele schöne Gebäude. Die gelben Holzvillen erinnerten noch an Finnland, die gelben Steinbauten waren gehörten vermutlich auch dem Militär, und sogar die klassischen roten Holzhäuser sind auf Rindö besonders filigran mit weißen Balkons und Dekorationen gestaltet, zum Beispiel das alte Schulhaus.
Etwas schlichter und rechteckiger ist das Katzenheim. Offenbar existiert auf Rindö nur eine einzige Haustierart, sodass sich das örtliche Tierheim entsprechend spezialisiert hat.
Am Hafen hatte das
Militärviertel sein Herz, mitsamt Kantine und Meetingraum. Auf den Wiesen ringsherum sprießen lauter komische Skulpturen aus dem Boden.
Sogar das
Krankenhausgebäude beanspruchte die Marine für sich - nicht so schlimm,
die Insel hatte noch zwei weitere Krankenhäuser. Ein Schwarzweißfoto
zeigt, wie es damals aussah. Gar nicht so anders, nur der Wasserturm ist
weg.
Trotzdem war auf der kustlinjen eine Veränderung zu erkennen. Die leicht hügelige Straße im Süden hatte schmale, gestrichelte Fahrradstreifen. Durch die Nadelwälder schimmerten andere Nadelwälder auf der Insel Ramsö hindurch.
Am Ende kam ich zurück auf die Hauptstraße mit dem Radweg, denn auf einem Teil der Inselrundfahrt lässt es sich nicht vermeiden, denselben Hin- und Rückweg zu nehmen. Dann rollte ich auch schon auf den Hafen zu, vorbei an einer Autoschlange, die auf ihre Fähre wartete.
Das nächste Linienschiff sollte erst in einer Stunde abfahren. Aber Moment - auf das Schiff von gestern passen doch gar keine Autos drauf, wie kommen die dann von der Insel runter?
Sie nehmen eine der gelben Gratisfähren, denn die verkehren ebenfalls nach Vaxholm. Perfekt, und wo fahre ich da jetzt drauf? Ich hielt mich an eine schwedische Radlerin, die ebenfalls am Stau vorbeigezogen war, das Fahrradverbotsschild gekonnt ignorierte und ihr Rad über den Fußgängerstreifen auf das Schiff schob.

























































