NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Montag, 29. Juni 2026

Von Matilda nach Turku

Das ist der dritte Ostseearm, an dem auch Matilda liegt. Er ist etwas weniger sichtbar als der zweite und hat an dieser Stelle nirgendwo eine Brücke, weshalb er mich ein gutes Stück nach Norden zwang. Was aber nicht so schlimm war, denn mein nächstes Ziel liegt auch ungefähr auf dieser Höhe.

Ein Fasan flatterte durch das Gras und begleitete mich auf dem Kiesweg in die nächste Stadt.

Der Ostseearm verjüngte sich zu einem braunen Fluss namens Salonjoki, der eher nach einem Kanal aussieht. Rundherum liegen Rosenbüsche, Blumenbeete, Bänke, Boote und sehr niedrige Brücken, dahinter ältere Glashäuser und irgendwann wieder die finnischen Holzhäuser. Die Stelle ist dann auch das Schönste in der Stadt Salo.

Die Stadt schlief noch, nirgendwo in der Fußgängerzone gab es etwas Frisches zu trinken. Die Wandmalereien verraten, dass die örtlichen Handwerker der Furry-Szene angehören.

In Salo konnte ich endlich nach Westen abbiegen, und ich folgte einer Straße, die sich immerzu um die Bahngleise herumschlängelte. Das nächste Ziel war klar und stand jetzt überall dran.
Die Bushaltestellen sehen hier schon wieder komplett anders aus, die verändern sich auf jeden Fall schneller als die Landschaft.

In den Vororten rollte mir plötzlich ein kleiner Lieferroboter entgegen. Als ich anhielt, um ihn von hinten zu fotografieren, hielt er kurz inne. Aber eine Verletzung seines Rechts am eigenen Bild schien ihm dann doch nicht schwerwiegend genug, um deswegen den Roboteraufstand anzuzetteln.

So rollte ich schon recht früh nach Turku rein, das auf schwedisch den komplett anderen Namen Åbo trägt. Kurz vor der Altstadt führte die Straße noch durch einen Park, in dem ich eine finnische Miniaturstadt entdeckte, die mit einem Verkehrsgarten kombiniert wurde. Kleine Finnen rollten mit kleinen Gokarts durch das kleine Turku, meistens genau auf der Mittellinie. Wenn sie sich mal an Verkehrsregeln hielten, dann eher zufällig.

Dann wurde es so richtig brechend voll. Denn zwischen den niedrigen, barocken Häusern hatte eine Art Mittelaltermarkt aufgebaut. Zumindest war zwischen den Menschenmassen hier und da eine auf alt gemachte Bude zu erkennen, und mittendrin ein alter Brunnen. Auch eine komische Militär-Fressbude mit dekorativen Gasmasken gehörte dazu.
Die Stände mit Schmuck und Kram ließen mich kalt, meine Taschen waren eh zu voll. Dem frisch gebratenen Lachs unter einer Schicht Kräutergewürze war dagegen schwer zu widerstehen, denn mein Magen war nicht zu voll.

Während der schwedischen Herrschaft war Turku die größte und wichtigste Stadt Finnlands, und auch zu Beginn des autonomen Großfürstentums. Man sieht ihr die Geschichte durchaus an, aber wie schon in Ekenäs auf dem Marktplatz nicht gerade am stärksten. Dort drängen neuere Gebäude von fragwürdiger Schönheit ältere Kuppeln und Fassaden zur Seite.

Zurück zum Wasser, dort ist es meistens besser. Der Fluss Aurajoki verbindet die Innenstadt mit dem Hafen, ich radelte die Uferpromenade entlang durch kleine Grünanlagen, unförmige Statuen und öffentliche Toiletten für 1,27 Euro. In Richtung Hafen wurden die Bauwerke immer neuer, und schließlich mündet der Aurajoki in eine Ostseebucht, auch wenn sie dermaßen von Inseln abgeschirmt ist, dass sie nur geringfügig breiter ist als der Fluss. Zwischen der Mündung und der Burg von Turku legen die großen Fähren ab (ganz hinten mittig). Gibt es hier auch einen Badestrand? Jup, am anderen Ufer. Der nächste Regenguss spülte die Idee, da nochmal hinzufahren, aber kilometerweit davon. Die nächsten Stunden sollte es prasseln und pladdern, ich brauchte eine Aktivität im Trockenen. Praktischerweise stand direkt neben mir das Forum Marinum, perfekt. Galerien mit Ostseebezug sind ja schön und gut, aber es ist jetzt endlich mal wieder Zeit für ein richtiges Meeres- und Schifffahrtsmuseum.
Das Hauptgebäude (rechts) ist ein alter Getreidespeicher mit Aufzug und Trockner. Pferdewagen kippten das Getreide auf der einen Seite rein, und bis zu vier Jahre später rieselte es auf der anderen Seite raus in Bahnwaggons. Im Kombipreis für das Museum sind auch zig verschiedene Museumsschiffe enthalten, die an der Hafenkante im Wasser aufgereiht stehen. Die konnte ich bis 18 Uhr gar nicht alle anschauen.

Im Gebäude wurden die Räume von innen auch alle schiffig gestaltet. Erst einmal geht es um die unschöne und blutige Seite der Seefahrt. König Gustav Vasa machte Schweden zur Seemacht, indem er 1522 in Lübeck shoppen ging und eine große Flotte als Grundlage kaufte. 200 Jahre später begann sich das Blatt zu wenden. Russland unter Peter dem Großen machte ihnen den Platz streitig, und Schweden beging ein paar fatale Fehler: Anders als Russland hatten sie anfangs keine zwei separaten Flotten für das Schärenmeer und die offene Ostsee. Nachdem die Schweden schon ein Stück Finnland verloren hatten, erlangte die Fraktion der Hüte (die Gegner der sogenannten Mützen) die Mehrheit in Stockholm. Ihr politisches Programm bestand hauptsächlich darin, verlorene finnische Gebiete zurückzuerobern. Der Krieg der Hüte brachte das genaue Gegenteil, sie verloren noch mehr von Finnland. 1790 versuchte Schweden, St. Petersburg anzugreifen und wurden eingekreist. Die Schwedenschiffe konnten sich noch herauswinden, aber das Kräfteverhältnis in der Ostsee hatte sich eindeutig verschoben.

Wer für die Flotte rekrutiert wurde, bekam ein Kleingrundstück an der Küste mit einer Grundausstattung an Klamotten und Nahrungsmitteln. Die Zeit auf den Schiffen war härter, das Essen war mies und mit Schädlingen verseucht. Auf den geschlossenen Schiffen der Ostseeflotte starb man zusammengedrängt an Seuchen, auf den offenen Schiffen der Schärenflotte war man den Elementen ausgesetzt. Daran änderte sich auch erst mal wenig, als Russland ganz übernahm und die Marine und kleiner, professioneller und mit westwärts gerichteter Verteidigung umgestaltete.
Russland schaffte sich auch Nobel-Minen an (links im Bild), die der schwedische Architekt Immanuel Nobel erfunden hatte (der Vater von Alfred Nobel mit dem Dynamit und den Preisen). Aus diesen schwimmenden Trichtern ragt ein metallener Bolzen. Wenn ein Schiff ihn streift, schiebt es den Bolzen rein, der zerbricht eine Glasröhre mit Säure drin, die Säure fällt auf eine Mischung aus Kalium und Zucker, die fängt an zu brennen und entzündet das Schwarzpulver. Was dann passiert, erfuhr das britische Schiff HMS Merlin bei Kronstadt vor St. Petersburg auf die harte Tour. Es wurde zwar nur beschädigt, aber es war das erste erfolgreich geminte Schiff der Welt.

Nach der Unabhängigkeit musste die Marine moderner werden, schaffte sich U- und Torpedoboote an. Und noch mehr Minen. Finnland wurde Meister der Seeminen, ihr bestes Schiff versenkte allein 5000 im Zweiten Weltkrieg, und alle anderen Schiffe zusammen nochmal so viele. Die flache, zergliederte Küste eignete sich nun mal besonders gut dafür, mit Minen verteidigt zu werden. Es gab Kontaktminen wie bei Nobel, die das feindliche Schiff berühren muss, aber auch solche, die schon durch Geräusche, Druckwellen oder magnetische Impulse hochgingen.
Im Hafen liegt ein solches Minenschiff, so vollbepackt mit fetten grünen Todeskugeln, dass ich das Wasser gar nicht sehen konnte. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie einst zu ohrenbetäubendem Krach über die Gleise ratterten und in die Ostsee platschten. Ob die Vorstellung historisch korrekt ist, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall fiel sie leicht.

Hatten sich die Arbeitsbedingen seit damals verbessert? Nun ja. Es gab jetzt richtige Betten, aber die standen dicht an dicht bis in die Spitze des Schiffes.
Für die 70 Mann an Bord gab es fünf Duschen, davon standen zwei den gewöhnlichen Soldaten zur Verfügung. Für diese fünf Duschen konnten 30 Tonnen Wasser gespeichert werden, die für fünf Tage Einsatz reichten. Aber auch nur, wenn alle Soldaten nur eine Seglerdusche machten: 10 Sekunden Wasser, einseifen, 30 Sekunden Wasser.
Dagegen ist sogar ein Hostelschlafsaal eine Suite.
Es war gar nicht so leicht, rechtzeitig vor der Schließung aus den labyrinthischen Eingeweiden des Kriegsschiffs herauszufinden. Auf welcher Etage befinde ich mich überhaupt nochmal, und wie viele Treppen muss ich jetzt wieder hoch?

 

Aber genug vom Militär, einige Museumsräume und -schiffe widmen sich auch der netteren Seite der Seefahrt - den Schiffen, die Geld verdienen statt Blut vergießen wollten. Das ganz alte Segelschiff Sigyn war leider nur mit Führung auf Finnisch zu besichtigen.
Aber auch das Segelschiff Laenec/Oldenburg/Suomen Jantsen hat schon viele Jahre auf dem Bug. Warte, Segelschiff? Das sieht hier doch alles relativ neu und stählern aus? 1902 war die Laennec Teil der letzten Generation an Hochsee-Segelschiffen, die in Frankreich gebaut wurden. Der französische Baustil ist daran zu erkennen, dass alles total lang, breit und groß ist. Jup, dieser Raum ist größer als alles, was ich hier drin erwartet hätte.
Im Mittelalter wagten sich die finnischen Händler meistens nur bis Dänemark, aber irgendwann zog es auch sie auf die Weltmeere. Dieser Kahn reiste hauptsächlich nach Amerika, aber hat alle Kontinente gesehen außer Asien, dass er aus irgendeinem Grund weiträumig mied. Gleich die erste Hochseereise war vom Pech verfolgt: Viele Teile waren von schlechterer Qualität als gedacht und mussten ausgetauscht werden, und ein Sturm rund um Großbritannien zwang die Mannschaft, die Motoren statt der Segel anzuschmeißen und so gleich wieder neues Öl einzukaufen. Die achte Reise stand 1938 schon im Schatten des aufziehenden Kriegs, aber die Seemänner feierten trotzdem fröhlich Karneval in Puerto Rico und spielten im Zeichen der Völkerverständigung Fußball gegen Franzosen in Marokko (Ergebnis 1:1).
Zu essen gab es nur Gepökeltes, Geräuchertes, Getrocknetes oder Lebendiges. Schweine und Hühner lebten an Bord, bis sie in einem Topf endeten, der bei Sturm ohne Befestigung vom Herd rutschte. Was da am Ende für Essen rauskam, hing extrem vom Talent des Kochs ab (der gleichzeitig auch der Schiffsbäcker war).

Gegen Ende ihrer Karriere wurde die Suomen Jantsen umbenannt und verkauft, nach Deutschland und schließlich nach Finnland, wo die Marine ein billiges Schulschiff für ihre Matrosen brauchte. Das Leben an Bord wurde jetzt deutlich komfortabler. Im schwimmenden Internat pennten die Schüler nicht mehr in Hängematten an Deck, sondern in Zweierzimmern mit eigenem Bücherregal, besser als auf Klassenfahrt. Die Suomen Jantsen bekam Klassenzimmer und eine Sauna, und so machte sie Übungsfahrten mit den Schülern.
Der Stahl ist in so gutem Zustand, dass sie auch heute noch fahren könnte. Aber man müsste an der Technik so vieles umrüsten, dass man damit der historische Wert zerstört würde. Als Museum im Hafen von Turku dümpelnd kann die Suomen Jantsen locker noch hundert Jahre überleben.

Oh, das Museum hat auch noch eine obere Etage? Wie soll ich hier bloß bis 18 Uhr fertigwerden?
Keine Sorge, die obere Etage bestand größtenteils einfach aus Holzstegen, auf denen man die untere Etage nochmal aus einem anderen Blickwinkel bewundern konnte.
Allerdings kann man von da aus auch "hinter die Kulissen" des Museums schauen. Das Forum Marinum hat einen Teil seiner Lagerräume zugänglich gemacht, also den Teil, der normalerweise nicht zugänglich ist, weil das Museum viel zu viel Zeug hat, um das alles museumsgerecht zu präsentieren. Mit anderen Worten: Da stand halt ohne nähere Erklärung eine groteske Menge an Modellbooten auf den Regalbrettern. Und an anderer Stelle eine noch groteskere Menge an Außenbordmotoren auf zwei Etagen. Mein Außenbordmotorbetrachtungsbedürfnis dürfte damit für den Rest meines Lebens gestillt sein.

So, das war... das erste Museumsgebäude, nun kommt das zweite. Hier geht es endlich mal um die einzigartige Natur rund um Turku, das Schärenmeer, in das ich morgen reinfahren will. Im Vergleich zum Militär wird dieses Thema aber auf eher stiefmütterliche und zudem relativ deprimierende Weise behandelt. Auf den Displays konnte ich zum Beispiel die Anzahl der Vögel in verschiedenen Jahren vergleichen und ihrem Gezwitscher lauschen, das mit jedem Zeitpunkt leiser wurde. Und mir dann die Gründe für die Stille durchlesen, warum das so ist.

Wesentlich mehr Raum bekommt ein Thema, in dem Turku besonders hervorstach: Schiffbau. Am Eingang der Ausstellung konnte ich zunächst mal auf Knopfdruck eine Schiffstaufe auslösen: Flasche und Schiffswand waren echt, der Sekt dagegen eine Projektion.
1539 notierte zum ersten Mal jemand auf einer Landkarte den fast mystischen Hinweis Hier werden Schiffe gebaut in der Nähe von Turku. Ansonsten liegen die Anfänge im Dunkeln, aber bald wurde die Stadt zum Werftzentrum Schwedens. Finske ("der finnische") Jakob war zum Beispiel einer der besten Schiffbauer im Reich und baute dessen Flaggschiff Elefanten. Okay, der Elefant ist zwar gesunken, aber nicht durch Konstruktionsfehler, sondern nach einer Seeschlacht bei Öland.
Damals stellte eine Werft alle Komponenten selber her. Nur das Holz konnte sie natürlich nicht alles im eigenen Garten anpflanzen. Besonders für die Masten war es schwierig, ausreichend kräftige und gerade Baumstämme zu finden, oft wurden sie weit aus dem inneren Finnland hergeschafft. Erst im 20. Jahrhundert begannen die Werfen damit, Aufgaben outzusourcen. Für kleine Schiffe und als Hilfsmotoren für Segelschiffe benutzten sie zum Beispiel die British Seagull. Dieser Motor veränderte sich ab 1931 für 65 Jahre lang fast gar nicht und sprang mir ins Auge, weil er mich an einen Fahrradlenker mit Klingel erinnerte.

Zu guter Letzt widmet sich aber auch ein Teil des Museums und ein Museumsschiff der Art von Schifffahrt, die ich auch schon oft genug ausprobiert habe: Schiffe, die für mehr oder weniger Geld einfach nur Otto Normalseefahrer von A nach B bringen. Im Hafen liegt ein Schiff, das 1959 die moderne Fährfahrt der Ostsee entscheidend beeinflusst hat. Bore ist nicht nur der Name des Schiffs, sondern auch des dazugehörigen Unternehmens (ein Vorläufer der Silja Line, zu der auch die Tallink-Fähren gehören).
Die Bore fuhr auf verschiedenen Strecken zwischen Finnland und Schweden, und zwar mit Dampf statt Diesel. Das erschien dem Unternehmer leiser und komfortabler für die Fahrgäste. Die Öfen liefen aber schon mit Öl, es mussten also keine Heizer mehr Kohlen schaufeln. Auch Autos durften schon mit in den Schiffsbauch, damals aber durch eine Seitenklappe.
In den 80ern waren zum ersten Mal die meisten Ostseeschiffe in der Personenschifffahrt tätig. Da war die Bore schon das letzte Dampfschiff der Ostsee, wurde mehrfach hin und herverkauft und diente zwischendurch als Hausboot in Algerien, bevor es zurück nach Finnland ging.

Von außen mag die Bore aus Stahl bestehen, aber innen ist vieles Holz. Zu viel für die neuen Brandschutzbestimmungen von 2010, welche der Karriere des Schiffs ein Ende machten. Die Bore ist heute ein Hotel, im vorderen Teil aber mit einem kleineren Museum drin. Dort sind die Brücke und die privaten Kabinen der Unternehmerfamilie von Rettig hergerichtet, dazu auch ein paar der bequemen Passagierkabinen, die auf heutigen Fähren längst nicht mehr so groß sind.

Auch heute noch ist Turku im Schiffbau tätig: Die Meyer-Werften aus Papenburg haben hier einen relativ autonomen Standort, dem es besser geht als dem Hauptsitz in Deutschland. Meyer Turku ist das größte Unternehmen in Südwestfinnland. Unter einem blauen Riesenkran, der mich sehr an Warnemünde erinnert hat, puzzelten sie gerade ein halbfertiges Kreuzfahrtschiff zusammen. Die Hülle war noch nicht glatt und verschlossen, überall klafften rechteckige Lücken, fehlende Paneele oder ganze Zimmer. Das wurde im Museum etwas anders dargestellt, da wuchs das Kreuzfahrtschiff auf dem Display von unten nach oben, Etage für Etage.
In gewisser Weise war der Anblick ein größerer Blickfang als sämtliche Museumsschiffe. Und wer weiß, eines Tages wird womöglich auch dieser schwimmende Luxusinsel dem Forum Marinum als Ausstellungsstück hinzugefügt. Die Frage ist, ob dann auch so schmeichelhafte Dinge darunter stehen werden wie bei den alten Segelschiffen.


Sonntag, 28. Juni 2026

Von Ingå nach Matilda

Die heutige Strecke sah im Prinzip so aus wie gestern Abend, hat aber deutlich mehr Spaß gemacht. Erstens gab es weniger Zeitdruck, zweitens besseres Wetter, und drittens waren heute tatsächlich auch die ersten Seen zu sehen, welche das ganze Land blau besprenkeln. (Wobei die ganz große Finnische Seenplatte woanders ist, die umgeht der Ostseeradweg großräumig.) Zugänge zum Baden habe ich nicht entdeckt, nur klares blaues Gefunkel hinter Baumstämmen. Es dominieren noch immer die Nadelbäume.
Auch meine Sorge vor den finnischen Hügeln löste sich bald auf. Überall wird vor ihnen gewarnt, sie seien zwar kein Gebirge, würden aber durch die vielen aufsummierten Höhenmeter ganz ähnlich schlauchen. Natürlich ist das hier anstrengender als Flachland, keine Frage, aber nachdem ich gerade erst im Kein-Gebirge-aber-auch-sehr-hügeligen Mittelböhmischen Hügelland gefahren war, konnte mich das hier ganz bestimmt nicht schrecken. Zumal es ja die nächsten Tage tendenziell sogar flacher werden soll.

In vorbildlicher Weise hat Finnland erst kürzlich neue EuroVelo-Schilder aufgestellt, die mit kurzen, knackigen Pfeilen die Richtung weisen, und heute werde ich denen auch folgen. Radwege gibt es meistens nur noch in der Nähe der Städte, was aber nur auf wenigen großen Straßen ein Problem ist.
Nicht alle finnischen Straßen sind asphaltiert. Aber anders als in Lettland ist die Alternative keine gottlosen Schotterpiste, sondern extrem feste, hellbraune Erde. Sogar nach einem Regenguss unterscheidet sich das Fahrgefühl nur minimal von Asphalt.

Die Briefkästen am Straßenrand haben diese metallenen Fähnchen wie in den USA, die man hochheben kann als Signal für den Postboten, dass er das Paket darin mitnehmen soll. Die Wohnhäuser dahinter sind sehr versteckt. Präsenter sind da die Silos mehrstufigen Gebäude in schwedischem Rot, an deren Ende stets ein Silo dranhängt.
Aus den Straßennamen wurde ich nicht ganz schlau.

Auf halber Strecke liegt Ekenäs, das auf Finnisch Tammisari heißt. Der schwedische Name wird (wie auch in Ingå) zuerst genannt, es muss hier also viele schwedischsprachige Finnen geben. Dafür spricht auch, dass Ekenäs eine der ältesten Städte in Finnland ist und aus schattigen Alleen mit historischen Holzhäusern besteht, ein- bis zweistöckig und in allen Farben, hauptsächlich aber gelb.

Den nur teilweise historischen Markt- und Parkplatz fand ich im Vergleich dazu gar nicht mal so schön.

Eines der gelben Holzhäuser am Straßenrand sah irgendwie verlassen und heruntergekommen aus, und deshalb überraschte es mich, als da plötzlich das Wort Museo dranstand. Ob ich schon in Ekenäs ein finnisches kleines Dorfmuseum besuche? Aber wo kommt man da rein?
Moment, gleich dahinter stand ein neues anthrazitfarbenes Gebilde, in dem sich eine Kunstgalerie namens chappe befand. Ziel war hier gerade, eine Galerie mit Ostseebezug nah an der Ostsee zu bauen. Der Iron Curtain Trail ist vorbei, nach all den deprimierenden grauen Grenzmuseen ist es Zeit für ein auch graues, aber weniger deprimierendes Kunstmuseum. Wenn es einen Ostseebezug hat, umso besser, schließlich fahre ich jetzt ausschließlich auf dem Ostseeradweg.
Der erste Raum heißt Immortal und ist fast leer. Ein Künstler namens Christopher B. Jackson hat ihn mit seinem Lieblingsmotiv gefüllt: Sich selbst. Seine DNA hängt in Form von Punktkolonnen und schillernden Regenbogenfarben (etwa auf dem Tisch unten rechts) herum. In einer Petrischale schwimmen Jacksons Zellen, wo sie angeblich ewig in ihrer Nährlösung weiterleben können. Zumindest zeigte der Bildschirm an der Wand, wie sie putzmunter herumwuselten. Ob man auf diese Weise aber wirklich unsterblich wird, ist zweifelhaft. Die Ausstellung besteht nämlich nur noch bis zum 6. September 2026.

Im Obergeschoss wird es bodenständigen und maritimer. Erika Adamsson hat die Wände mit Bildern zugehängt, dermaßen viele, das ihr nicht für jedes einzelne ein Titel eingefallen ist. Diese Bildergruppe heißt Eine Woche auf der Insel. Bei der Insel handelt es sich um Klovharun im Schärengarten von Porvoo östlich von Helsinki, den ich selbst nicht gesehen habe, trotzdem gaben sie mir einen Vorgeschmack auf die Landschaft, die mich die nächsten Tage erwartet. Der Künstler Tove Jansson hat sein Sommerhäuschen auf der Insel gespendet und zur Künstlerresidenz gemacht.
Erika Adamsson war eine von denen, die sich dort mehrfach eingemietet haben. Sie fing Gräser und violette Blüten ein, die sich an den Fels klammern und ihn mit Leben füllen. Aber anders als ihre Kollegen richtete sie den Blick nicht nur auf die Natur, sondern auch das Zusammenspiel mit dem menschlichen Leben in der Hütte: Gummistiefel, Schaukelstühle, Regenjacken, Omas mit Bommelmützen und eine Inneneinrichtung aus den 60ern, alles sieht robust aus, ist aber sehr zart gemalt. Und natürlich immer wieder Wasser. Deshalb bestehen die Bilder natürlich auch aus Wasserfarben. Und zwar ausschließlich aus Farben von Inseln: Umbra von Zypern, Eisenoxid von den Hebriden, der Rest von den Åland-Inseln, wo sie lebt und wo ich auch noch hinwill. Für ein Bild hat sie sich sogar von zwei Meeresbiologinnen unterschiedlich alte Sedimente vom Meeresgrund ausbuddeln lassen, ein Zentimeter entspricht etwa einem Jahr.

Im Keller sind barocke Goldkelche und verstörende, aber interessante Nahaufnahmen von Mikroorganismen zu sehen. Mein Gespür war nicht falsch, diesem Ausflug in die moderne Kunst konnte ich schon etwas abgewinnen, zumindest manchen Teilen. Auch wenn das Zentrum der Internationalen Lichtkunst in Unna in der Hinsicht unübertroffen bleibt.

Sogar die Klos sind Kunst. In die Spülkästen ist ein Bilderzyklus namens Memento eingraviert. Auf dem Herren-WC hat jemand einen Apfel gegessen und scheidet den Kern wieder aus (WC ÄPPEL), aus diesem wächst auf den übrigen Toiletten ein Baum, der wiederum neue Äpfel trägt. Wer den gesamten Zyklus sehen will, kann auf besondere Anfrage auch das Mitarbeiter-WC besichtigen.


Das ist nicht alles, über einen Kellergang ist die Galerie Chappe auch mit dem Raseborgs Museum verbunden. Das enthält Modell der nahen Burg Raseborg, und eine Ausstellung mit Fotoleinwänden und Gegenständen des 20. Jahrhunderts. Ein Tüftler hat einen hängenden Sessel mit Lautsprechern im Polster entworfen, in dem man angeblich nicht hören kann, aus welcher Richtung der Klang kommt (doch, kann man). Die Museumsbesucher versinken darin und hören... ein Video darüber, wie der Sessel gebaut wurde. Eine Gratisausstellung im Hinterhaus zeigt Gemälde nackter Menschen in Swimmingpools und ein Riesenbild mit absurd vielen Vogelarten namens Go away bird.
Ach guck, sogar in der ollen Scheune da ist irgendwas, nachgestellte Räume voll mit falschen Tieren und echten Schaufeln, Leitern und Heuhaufen. Hier wurden Tiere, Verbrauchsgüter und manchmal andere Familien als Mieter gelagert. Perfekt, ich habe also doch versehentlich ein kleines finnisches Heimatmuseum mitbezahlt.
Sogar das alte gelbe Häuschen vom Anfang, das mich überhaupt erst auf das Museum aufmerksam gemacht hat, hat doch noch einen Eingang. Darin sind alte Räume nachgestellt, zum Beispiel die Köket/Keittiö/Küche, die angeblich von 1790 bis 1900 so aussah. Ein ganz schön langer Zeitraum, in dem die Ekenäser nicht nur auf Strom, Herd und eine Alexa verzichten und stattdessen auf einen extrabreiten Ofen zurückgreifen mussten, sondern auch ihren Inneneinrichtungsstil offenbar nicht groß veränderten.

Auf der zweiten Hälfte des Tages tauchte die Ostsee wieder auf. Mehr oder weniger. Auf jeden Fall nicht so, wie sie aus Deutschland kennt.
Finnland ist hügelig und seenreich, das sollte bekannt sein. Dass in Finnland ein richtiges Gebirge entstand, ist schon eine Milliarde Jahre her. Die Gletscher vor zehntausend Jahren haben alles abgeschmirgelt, und so blieben von den Bergen nur die flachen Felsplatten, die heute so skandinavisch sind wie sonst was. Das ist dann wahrscheinlich auch der Grund, warum wir in Norddeutschland keine solchen Platten haben, obwohl da dieselben Gletscher aktiv waren - bei uns zu Hause stand nicht mal vor einer Milliarde Jahren ein Gebirge, das die Gletscher hätten abschleifen können. (Die deutsche Küste sah damals auch komplett anders aus und lag viel weiter im Norden.) Nur die Moränen, also die zusammengeschobenen Sandhügel, sind natürlich generell überall, wo Gletscher im Spiel waren.
Diese geologische Geschichte hat mehr mit heute zu tun, als man denkt. Zum einen habe ich mehrmals in diesen Gletschern gebadet, also quasi. Als die Gletscher langsam abschmolzen, entstand daraus der Ancylussee, ein Vorläufer der Ostsee. Ein paar Wasserpfützen blieben aber auch ohne Verbindung zum Meer liegen und bildeten die finnischen Seen. Gleichzeitig drückte aber auch weniger Gletschergewicht das finnische Land runter. Darum begann sich 7500 v. Chr. die ganze abgeschmirgelte Felsplatten-und-Moränen-Masse, auch bekannt als Baltischer Schild, langsam zu heben. So langsam, dass sie damit bis heute nicht fertig ist. Die finnische Küste wächst um bis zu acht Millimeter pro Jahr in die Höhe. Das ist kein Funfact, sondern ein echtes Problem. In den vergangenen Jahrhunderten mussten die Häfen ständig nach Westen verlegt werden, weil sie verlandeten. Die Flüsse haben inzwischen im Küstengebiet kaum noch Gefälle, die Folge sind starke Hochwasser. Aber dafür können Geologen anhand der Bewegung berechnen, wie elastisch die Erdkruste eigentlich ist. Leider kann man für dieses Problem niemandem die Schuld geben, nicht mal der Menschheit. Ich vermute mal, die Finnen wünschen sich die Gletscher ja nun auch nicht zurück.

Die Küste des Baltischen Schilds ist eine Schärenküste, und das heißt, sie ist hoffnungslos zersplittert in ein heilloses, unübersichtliches Chaos aus winzigen und riesigen Inseln, Halbinseln, Sackgassen, Brücken, Buchten und Festland mit Seen drin. Ein Versuch, hier dem Festland immer haargenau am Wasser lang zu folgen, wäre ungefähr so erfolgversprechend, wie Milch mit einem Kehrblech aufzufegen. Der Ostseeradweg versucht das nicht, sondern leitet die Radler weit ins Hinterland.
Aber sogar da ist plötzlich die Ostsee im Weg: Lange Meeresarme strecken sich tief ins Land rein. Den ersten konnte ich gleich auf einer Brücke überqueren, die aus kleinen Holzbrettchen zusammengepuzzelt war. Auch der zweite hatte eine Brücke, ich sollte aber noch ein Weilchen weiter nach Norden folgen. Das klare Blau funkelte deutlich sichtbar hinter den Getreidefeldern, somit war das tatsächlich ein Radweg an der Ostseeküste im weitesten Sinne. Auch wenn dieses schmale Wasserband ebenso gut ein finnischer Fluss oder See hätte sein können.

Einmal hatte ich meine liebe Not, mich durch eine Straße zu schlängeln, in der gerade ein Flohmarkt aufgebaut wurde.
Mittagessen musste ich auch noch kochen, was nicht einfach war, denn die einzigen Rastbänke hinter Ekenäs gehörten zu einem Imbiss. Getrieben von Hunger musste ich mir im Wald schließlich den moosbedeckten Felsbrocken mit den wenigsten Ameisen drauf aussuchen.
Die minimalistischen Bushaltestellen taugten auch nichts, sie warfen ihren Schatten nach hinten in den Straßengraben, wo ihn keiner gebrauchen kann.

 

Ich verließ die Hauptstadtregion namens Uusimaa und fuhr... jetzt erst rein ins Eigentliche Finnland? Ah ja. Optisch änderte sich trotzdem nicht viel.

86 Prozent von Finnland sind Wald. Das ist sogar 1 Prozent mehr als in Schweden, und damit ist es das waldreichste Land Europas. Hier und da mussten die wenigen Menschen aber trotzdem mal den Wald roden, um sich irgendwas zu essen anzupflanzen. Ich radelte gerade über eine besonders große Landwirtschaftslichtung in der prallen Sonne, die schon so tief stand, dass ihre Strahlen sich am Sonnenschutz des Fahrradhelms vorbeimogelten. Und dann machte die Gangschaltung auch noch plötzlich komische Dinge (die bald darauf wieder aufhörten, aber das wusste ich ja nicht).
Auf einmal verspürte ich ein schmerzhaftes Ziepen im Kopf. Kacke. Ein Sonnenstich? Nein, so schlimm war es nicht, aber eindeutig ein Warnzeichen. Wo ist hier in der Nähe irgendwas, also irgendwas anderes als heiße Felder? Im nächsten Dorf stand die finnische Version eines Melkhus. Die rote Hütte warf immerhin einen deutlichen Schatten, wenn auch leider nicht auf die weiße Rastbank. Hinter der Tür waren in Kühlregalen die Produkte der Landwirtschaftslichtung ausgestellt, die per Kartenzahlung an einer Art Selbstbedienungskasse erworben werden konnte. Die Kasse sprach sogar Englisch, aber nur im allgemeinen Menü, bei den langen Produktnamen musste ich selber gucken, was auf der Verpackung stand, und es auswählen. Ich wartete ab, bis die Kunden vor mir fertig waren, und kaufte gezwungenermaßen zwei teure Apfellimonaden und ein Lakritzeis am Stiel, dann ging es wieder besser.


Der nächste Abzweig brachte mich in den Nationalpark Teijon kansallispuisto, dessen Felsen und Farne sich aber von übrigen Fauna nicht wesentlich unterschieden. Im Herzen des Nationalparks liegt am dritten Ostseearm das beschauliche Matilda.

Es wird bewohnt von mehreren Alpakas namens Romeo Jr, Pom Pom, Mauritz, Wilmer und Sukka-Jukka.

Ich schob das Rad die Alpakawiesen runter und entdeckte eine putzige kleine Wassermühle, deren Rad sich noch drehte. Tatsächlich war ich auch auf der Suche nach Wasser, aber eigentlich eher in Hähnen als in Mühlrädern. Das war gar nicht so einfach, denn die eine Hälfte von Matilda war für ein Cider-Festival gesperrt, die andere für eine Hochzeit. In der Scheune wurde fröhlich getafelt, im Hotel daneben nächtigten die Gäste, aber das Klohäuschen dazwischen war in der Karte als öffentlich eingetragen, und mit etwas gutem Willen konnte man argumentieren, dass es vom Geltungsbereich des Geschlossene-Gesellschaft-Schildes nicht erfasst war. Jedoch hatte sich davor eine lange Schlange gebildet, und über die Schultern der Gäste erhaschte ich den Blick auf ein Kein-Trinkwasser-Schild, von dessen Geltungsbereich eindeutig das gesamte Toilettengebäude umfasst war.

Dann muss ich bis morgen durchhalten. Ich fuhr aus Matilda raus, bis ich den Nationalpark verlassen hatte, und ließ mich im nächsten Wald nieder. Der Himmel war wieder völlig klar, die Luft warm, heute Nacht brauchte ich eindeutig kein Zelt.
Leider hat es terminlich nicht gepasst, diese Tour auf die Mittsommernacht zu legen und die Mitternachtssonne zu sehen. Ich bei Helsinki mit mehreren Deutschen gesprochen, die gerade erst diese magische Nacht in Finnland verbracht hatten. Ihre Reaktionen waren recht unterschiedlich. Den einen gefiel es, andere konnten mit der dazugehörigen Zelebrierung, Saufen und stumpfes Gröhlen in der Sauna, nur wenig anfangen.
Die Nächte waren aber auch Ende Juni ganz erstaunlich, vor allem, wenn keine Regenwolken den Himmel zuhängten. Als ich in Helsinki wegen kaputter Scheinwerfer in der Fahrradwerkstatt erschien, wirkte der Typ überrascht und winkte ab, solange ich nicht gegen zwei Uhr nachts fahren wollte, sei das eigentlich kein Problem.
So sah der Himmel um diese Zeit aus, und dunkler wurde es nicht.



Samstag, 27. Juni 2026

Von Helsinki nach Ingå

Das nächste Land erreichte ich auf einer analogen Reise. Das kam so:
Mein Handy wollte nicht mehr laden, die Ladebuchse war kaputt oder verschmutzt, auch mit einer Pinzette konnte ich nicht allen Dreck entfernen. In Tallinn hatte ich noch die Abfahrtszeit im Kopf, den richtigen Fährhafen zu finden war dank der Schilder und eines hilfreichen Tallinners kein Problem. Die Fahrkarte konnte ich am Schalter kaufen und spätabends auf die gewaltige und sehr stilvolle Tallink-Fähre fahren, wo zwischen den zig Restaurants einfach mal ne Pferdestatue steht.
Mit meinem allerletzten Prozent Ladung buchte ich ein Hostel mit 24-Stunden-Rezeption, notierte mir die Adresse und schoss dieses Foto. Dann Schwärze. Ich war gefangen in der analogen Welt mit vielen Fragen, zum Beispiel: Wo zum Geier legen wir in Helsinki eigentlich an? Im Bikeline-Stadtplan gab es allein an der Innenstadt mehrere Stellen, die nach Hafen aussahen. Ich nahm den Plan und fragte herum. Weder ein finnischer Radler, der wegen einer Verletzung leider ein europäisches Radrennen abbrechen musste und die Fähre schon oft genutzt hatte, noch mehrere Mitarbeiter von Tallink konnten sicher sagen, wo wir eigentlich hinfahren, sehr beruhigend. Wozu muss man so was auch wissen, wenn doch das Navi den Weg weist?

Irgendwie konnte ich trotzdem den Hafen, an dem ich ankam, und die Straße mit der Unterkunft auf dem Stadtplan ausmachen und fiel irgendwann gegen halb zwei ins Bett. Einen Wecker hatte ich nicht, also musste ich mich überraschen lassen, wann ich wohl aufwachen würde.

Als ich erwachte, hatte ich keine Ahnung, wie spät es war. Gut, es war hell, aber das grenzt es in Finnland um diese Jahreszeit so gut wie gar nicht ein. Ein anderer Gast im Schlafsaal informierte mich auf Nachfrage, dass ich noch 40 Minuten hatte, um das gebuchte Frühstück zu nutzen.
Danach fragte ich an der Rezeption nach Handyshops und Fahrradwerkstätten und konnte beim zweiten Versuch sogar verständlich machen, warum ich das nicht einfach googelte. Stattdessen googelte die Frau bei Google Maps und markierte im etwas detaillierteren Hostelstadtplan beide Läden, einen davon sogar richtig. Dr. Mobile Fix fixte das Handy dann mit seinem speziellen Reinigungsequipment. Obwohl ich die Situation eigentlich souverän bewältigt hatte, hat der Absturz ins Analoge und die Abhängigkeit von anderen bei mir einen deutlichen Eindruck hinterlassen. Ob es sich so ähnlich anfühlt, mit einer Behinderung zu reisen?

Mir blieb noch ein Dreivierteltag, um die finnische Hauptstadt zu entdecken. Ihre Straßen sind breit, hoch, bunt, etwas grün und haben fast immer Radwege, aber auch fast immer rote Ampeln, was die Fortbewegung ausbremst. Wohlgefühlt habe ich mich trotzdem gleich.

Im hinteren Bereich haben die Straßen ein paar Anstiege, es sind weniger Hügel als eher breite Wellen, welche die Stadt in konzentrischen Kreisen umgeben. Zwischen den farbenfrohen klassizistischen Bauten ragen immer mal wieder solche massiven grauen Steinmonster empor, zum Beispiel die Kallio-Kirche. Angeblich ist der Stil eine Mischung aus Art Nouveau und Nationalromantik, für mich sieht es eher aus, als hätten Stalin und eine mittelalterliche Burg ein außerordentlich robustes Kind gezeugt.

Das Innere sieht demgegenüber überraschend hölzern und weißgrün aus. 1200 Perlen sind auf dem Bogen über dem Altar gemalt. Gerade fand ein Orgelkonzert eines Komponisten namens Cesar statt. Ich machte das genaue Gegenteil dessen, was ich jetzt eigentlich machen würde, also die Stadt im Schnelldurchlauf erkunden - ich setzte mich hin und lauschte den beruhigenden Klängen, bis ich runtergekommen war.

Im Linnanmäki dagegen kann man nur auf eine Art runterkommen, die mit Schwerkraft und hohen Geschwindigkeiten zu tun hat. In Skandinavien ist es üblich, Freizeitparks ganz nah dran an die großen Städte, auf engen Raum und auf einen Hügel zu bauen, und Finnland legt da gleich mit einem der besten los. Eng war es wirklich, teilweise musste ich rätseln, durch welchen engen Durchgang es nun eigentlich weitergeht. Es war einer der günstigeren Tage, an denen man 45 Euro für alle Fahrgeschäfte zahlt (Isohupi-Ticket), man kann auch für fünf Euro nur reingehen, ohne zu fahren.
Wie im Tivoli in Kopenhagen gibt es auch hier eine alte Holzachterbahn mit viel Auf und Ab (hinten), aber nicht so alt und schön gestaltet wie die dänische Rutschebahnen. Sie heißt Vuoristata und verbreitet an windigen Tagen einen verbrannten Geruch über die halbe Stadt, der die Finnen in Finndheitserinnerungen schwelgen lässt. Die Bahn schafft Arbeitsplätze, denn sie hat kein automatisches Bremssystem, stattdessen sitzt hinten in jedem Wagen ein eigener Bremser. Zeitungsausschnitte im Wartebereich dokumentieren, wie Präsidenten und Sportler auf dem Mountainbike die hölzernen Schienen runtergerattert sind.
Bei Namen wie Ukko fällt es etwas schwer, die Achterbahnen ernstzunehmen, was aber dringend anzuraten ist. Kurz, knackig und kurios ist die als Kreissäge gestaltete Bahn Kirnu (vorne), in der ich mich seitlich der Schienen hinsetzen musste und unkontrolliert drehte, was mal eine ganz andere Art von Überschlag verursacht.
Aber auch sonst hat der Park eine große Bandbreite verschiedener Bahnen, die sehr an den Europapark erinnert und sich durchaus mit ihm messen kann, darunter auch mein Lieblingstyp, die moderne blaue Katapult-Achterbahn ohne Schulterbügel und mit vielen Überschlägen, die hier Taiga heißt.

Die eigentliche Innenstadt beginnt am Hauptbahnhof, und gleich daneben steht ein auffälliges verbogenes Goldgebäude. Was mag das sein? Helsinki ist die einzige Stadt, wo einem als eine der ersten Sehenswürdigkeiten die Stadtbibliothek empfohlen wird, sogar von Deutschen.
(Im Glashaus ganz rechts im Bild sitzt übrigens ein Aufzughersteller, deshalb kann man da "aufgeschnittene" Aufzüge mit freiliegender Mechanik beim Fahren beobachten.)

Diese Bibliothek ist ein neueres Bauprojekt der Stadt (sieht man, glaube ich) und heißt Oodi, also Ode. Die Bücher sind in der Glashalle ganz oben, zusammen mit Lesetischen, Sofas und einem Kinderspielbereich. Es sind auch ein paar englischsprachige darunter, und sogar ein deutsches Regal mit Heinrich von Kleist und Volker Kutscher. Dieser Raum ist so ungefähr das Gegenteil von staubigen Regalen, knarzenden Böden und miesgelaunten Bibliothekaren, die alle Sprechenden böse anstarren. Ach, wie gern hätte ich mir so einen Raum in der Nähe eines Hauptbahnhofs gewünscht, wenn ich dort mit dem Zug gestrandet war.

Oodi ist aber mehr als eine Bibliothek, sie enthält unter anderem einen Kinoraum, eine kleine EU-Ausstellung und vor allem Arbeitsräume für alle möglichen Kreativprojekte, die man größtenteils kostenlos buchen kann: Tonstudios, Nähmaschinen, Videospielräume, und sogar 3D-Drucker zippelten eifrig irgendwelche flachen Bäume aus Plastik zusammen.
Ich hatte tatsächlich auch Bedarf nach einem Buch, denn ich hatte versehentlich ein viel zu dünnes mitgenommen und es schon während der Anreise beinahe ausgelesen. Nur: Weil ich morgen weiterfahren würde, musste ich das nächste Buch kaufen. Wenn diese Bibliothek so vieles anbietet, dann vielleicht auch einen kleinen Bereich mit käuflichen Büchern? Nein, aber die Buchhandlungen der Innenstadt hatten sogar noch mehr englischsprachige Bücher (ich fand allerdings nichts, das aus dem Finnischen ins Englische übersetzt wurde).


Eine andere Empfehlung für Helsinki war die spendenbasierte Walking-Stadtführung. Für die muss man sich hier zwingend anmelden, was mir aber nach erfolgter Handyrettung noch rechtzeitig gelang. Auch diesmal war sie gelungen und gab gleich einen Überblick über die Geschichte des Staates insgesamt.
Finnland ist ein Außenseiter unter den Skandinaviern: Die einzige Republik, eine andere Sprachfamilie und vor dem 20. Jahrhundert hat es als Staat nicht mal existiert. In vielerlei Hinsicht steht es also eigentlich den baltischen Staaten näher. Zuerst eroberte und christianisierte das Königreich Schweden das Land, wobei es anfangs nur im Süden staatliche Strukturen schuf. Es hinterließ eine Minderheit schwedischer Adliger, deren Nachkommen bis heute im Land wohnen und schwedisch sprechen. Für die ist jedes Schild zweisprachig (ach deshalb stand vorhin auf dem Wegweiser Töölö und Tölö, das sind also nicht zwei verschiedene Orte), und Kinder lernen in der Schule die jeweils andere Sprache, mal mehr, mal weniger gut. Sehr praktisch, dann kann ich mit einem Lehrbuchschwedisch zumindest ein paar Schilder verstehen. Damit dürfte Estland den Rekord behalten als das Ostseeland, in dem ich am wenigsten verstanden habe. Auf Schwedisch heißt Helsinki übrigens Helsingfors.
Diese Adligen diskutierten ihre Angelegenheiten im Ständehaus, auf dem oben die Wappen der einzelnen Regionen prangen. (Man beachte den leicht bekleideten Mann für Lappland mit seiner großen Keule, und eine Hiebwaffe hat er auch noch dabei.) Heute wird es für Konferenzen genutzt, und gerade liefen irgendwelche Politiker rein, die aber nicht so wichtig waren, dass unser Stadtführer sie erkannte.

Um 1800 eroberte Russland Stück für Stück Finnland. Zar Alexander I. war anfangs sogar der nettere Kolonisator, deshalb steht seine Statue mitten im Bild. Er gönnte dem Großfürstentum Finnland weitreichende Autonomie, eine eigene Währung, finnisch als zweite Amtssprache und ließ die althergebrachten schwedischen Gesetze inklusive Verfassung in Kraft. Russische Wegweiser gibt es trotzdem nicht.
Erst die späteren Zaren wünschten sich mehr Zentralisierung. Deshalb wurde auch Helsinki zur Hauptstadt gemacht, dann hatte man es von St. Petersburg aus in Griffweite. (Wobei die Entfernungen in Finnland im Vergleich zu den Entfernungen innerhalb Russlands ja eigentlich eh alle lächerlich sind.) Aus dieser Zeit stammt der zentrale Senatsplatz, an dem der alte Senat steht (hinten rechts), in dem heute der Staatsrat drinsteckt.
Der schneeweiße Dom von Helsinki trägt seine Kuppel wie ein grünes Bommelmützchen. Beim Bau stellte sich heraus, dass der Boden das Gewicht der Kirchenglocken nicht tragen kann, darum bekamen sie ein weißes Extrahäuschen. Dadurch wirkte der Platz aber asymmetrisch, deshalb steht auf der anderen Seite ein identisches weißes Häuschen, das aber leer ist (hinten Mitte). Der Platz ist groß und durchaus eindrucksvoll, aber auch etwas leer. Die Tallinner Altstadt ist da schon schöner.
Das Ganze hat der deutsche Architekt Carl Ludwig Engel entworfen, derselbe wie in St. Petersburg, weshalb sich die Städte durchaus ähnlich sehen. Anders als in St. Petersburg oder auch in Estland ist die Regenbogenflagge überall präsent. Sogar die Skala an der Tür der Fahrradwerkstatt, die anzeigt, wie ausgelastet sie sind, hatte einen Regenbogenhintergrund.

Als in Russland die Februarrevolution ausbrach, erklärte Finnland seine Unabhängigkeit. Die Russen erkannten sie einfach an, sie hatten gerade genug eigene Probleme. Das Problem war: Die Finnen auch.
Die großen Standesunterschiede und der Einfluss der Revolution nebenan ließen sich nicht so schnell in einem neuen System kitten, und drei Monate lang brach ein Bürgerkrieg aus. Die Roten, also Sozialisten, teils auch Sozialdemokraten und einfach durch die Lebensmittelknappheit verzweifelte Arbeiter versuchten sich an ihrer eigenen Revolution, unterstützt von Russland. Gegen sie kämpften die Weißen, die konservativen Eliten des alten Großfürstentums, unterstützt von Deutschland. Ihre wichtigste Figur wurde er hier, Gustav Mannerheim, eigentlich ein loyaler General des Zarenreichs, der eher in die Rolle als militärischer Anführer der Weißen und späterer Präsident hineinstolperte. Ein bisschen klingt dieser Bürgerkrieg für mich so, als wären die Straßenschlachten der Weimarer Republik endgültig eskaliert.

Die Roten konnten zwar anfangs den Süden besetzen, aber die Weißen trainierten ihre Truppen schneller, sodass sie ganz Finnland zurückeroberten. Dabei kam es zu Gräueltaten auf beiden Seiten, die in keinen speziellen Zusammenhang zu diesem depressiven Brunnen stehen.
Was zum Geier, wie passt dieser Brunnen zum angeblich glücklichsten Land der Welt? Ganz einfach, der Brunnen soll gerade hinterfragen, dass Frauen und Kinder immer nur als hilflose Opfer dargestellt wurden.

In Finnland waren sie es jedenfalls nicht mehr, denn dieses massige Parlament namens Eduskunta/Riksdag durften Frauen von Anfang wählen und sich auch reinwählen lassen. Ein Grund dafür war, dass die Frauen den Ausbau des Schulwesens stark vorangetrieben hatten und deshalb schon 1900 fast alle Erwachsenen lesen, schreiben und mitdiskutieren konnten. Seit 1863 konnten steuerzahlende Frauen mit Grundbesitz in Lokalwahlen abstimmen. Finnland wollte das auf das passive Wahlrecht ausweiten, aber Russland blockierte das Gesetz, und so wurden die Themen Frauenwahlrecht, Demokratie und Unabhängigkeit in den Köpfen der Finnen stärker verbunden. Mit einem Generalstreik setzte das Großfürstentum Finnland gleichzeitig die Wiederherstellung der Autonomie und das allgemeine Wahlrecht durch, dadurch wurde es 1906 zum ersten Land Europas mit Frauenwahlrecht. Weltweit waren eine Handvoll Staaten und Territorien schneller, aber in Finnland errangen zum ersten Mal auf diesem Planeten Frauen auch tatsächlich Sitze im Parlament.
Die Wehrpflicht dagegen gilt bis heute nur für Männer.

Nur eine Straße vom Senatsplatz entfernt liegt der Stadthafen, wo Essensstände die finnische Küche in schnelle, touristengerechte Imbisshappen zerlegen. Es gibt zum Beispiel Rentierfleisch in verschiedenen finnischen Broten, das recht ähnlich schmeckt wie Salami. In Pappschüsseln schwimmt das finnische Fischbrötchen eingeschenkt, das hierzulande in flüssiger Form serviert wird: Lohikeitto ist eine Lachssuppe mit Gemüse, einer norddeutschen Kartoffelsuppe nicht ganz unähnlich. Und wie diese ist es gut und sättigend, aber geschmacklich nicht besonders aufregend. Ein paar Tage später habe ich sie nochmal in einem Restaurant probiert, das gerade für seine Fischsuppe gelobt wurde, dort schmeckte sie immerhin etwas deftiger.
Gerade bei fester Nahrung auf die Hand empfiehlt es sich dringend, sie in einem der geschlossenen Zelte zu essen, denn die Helsinki-Möwen stehen den Rostockern in Sachen Verschmutzung von Statuen und dreistem Diebstahl in nichts nach. Laut Stadtführer hat jeder Einwohner sein persönliches Möwentrauma.

Im Stadthafen schwimmt eine Insel mit Holzhäusern und Schwimmbecken, ein weiteres Holzgebäude türmt sich dahinter auf. Das ist der Allas Pool (vorne rechts), der schwitzen mit Altstadtblick verspricht. Sauna ist das weltweit erfolgreichste finnische Wort. Natürlich haben viele Kulturen auf der Welt unabhängig voneinander schwitzhüttenartige Konzepte erfunden, aber die in Finnland sind so ziemlich die ältesten historisch belegten, sodass sich das Land als Erfinder der Sauna bezeichnen kann. Wie die Nudeln in Italien ist das Saunieren in Finnland keine Option, sondern Obsession. Saunas gibt's nicht nur in Fitnessstudios, Hotels und Thermen, sondern auch ganz normal in Mietshäusern und Studentenwohnheimen. Darin wird gefeiert, mit Sowjetführern verhandelt, und nur dort reden Männer über ihre Gefühle. Wer sich ganz wichtig machen will, kann die hölzerne Sauna-Gondel im Riesenrad (hinten links) mieten.


Als Saunafan wollte ich teilhaben an dieser Obsession, aber wo? Die Allas-Sauna war bei genauerem Hinsehen nicht allzu groß, und dafür 19 Euro? Es gibt eine Alternative, die mindestens ebenso einzigartig ist, aber etwas günstiger, nämlich 0 Euro.
Diese liegt auf einer Insel namens Mustikkamaa, die mit herrlichem Laubwald, Cafés und Wassersportvereinen bedeckt ist, aber an allen Enden mit kurzen Brücken an komplett zugebaute Stadtviertel angebunden. An einer Parkbank hing aus irgendeinem Grund ein laminierter Zettel mit einem Theaterdialog.
 
Auf dieser Insel nun schlossen sich einige Menschen zusammen, um eine Sauna zu bauen. So weit, so normal. Nur: Diese Sauna sollte kostenfrei und 24/7 jedem zur Verfügung stehen, der reinwollte, ob Einheimischer oder Tourist. Falls gerade niemand da ist, muss man selbst anheizen, bei einer Gratissauna in einer Großstadt ist das aber, wie man sich denken kann, selten der Fall. Wer will, kann dem Verein nach den eigenen Vermögensverhältnissen eine Spende rüberschicken oder vor Ort mit anpacken.
Anfangs war die Stadt gegen das Projekt, man könnte fast sagen, die Sompasauna ist das Christiania von Helsinki. Aber inzwischen umfasst die Anlage ganze drei Saunen mitsamt Duschen und einem ganz herrlichen Strandabschnitt, in dem ich auch gleich mein erstes Bad in der finnischen Ostsee nahm.
Sauna 1 sollte laut Warnschild die heißeste sein, war aber bisher nur auf eine milde Temperatur hochgeheizt und roch intensiv nach Räucherholz. Sauna 2 lief dagegen schon auf volle Pulle bei etwa 90 Grad, ebenso die überraschend große Sauna 3 mit tollem Ostseepanorama. Schon vormittags war hier ordentlich Betrieb, Finnen hackten Feuerholz mit einer Maschine und setzten sich dann zu dem jungen asiatischen Touristenpärchen in die Hitze, manche in Badesachen, manche ohne. Reden in der Sauna ist normal, für musikalische Einlagen liegen sogar eine akustische Gitarre und ein Klavier bereit (letzteres geht nur außerhalb der Sauna). Lediglich elektrische Musikboxen sind zum Glück verboten. Auch übergossen sich manche in der Sauna mit Wasser und legten kein Handtuch unter, aber naja, an diesem Standort kann man eh nicht dieselbe Hygiene wie in einer Therme erwarten, die Sandkörner kommen früher oder später überallhin.
Ich grüße mit einem, wie ich hoffte, netten "Hej", erhielt aber keine Antwort. Die Finnen reagierten nicht ablehnend, sondern einfach gar nicht. Sie unterhielten sich auf Finnisch und blieben unter sich. Die Erfahrung mit dem Grüßen machte ich auch an anderer Stelle. Zum Glück bestätigten mir diverse Reiseberichte und ein später entgegenkommender deutscher Reiseradler, dass das nicht an mir lag. Nun bin ich selbst nicht der Typ, der gleich von jedem die Lebensgeschichte erfahren und der beste Freund werden muss, und normalerweise passt die skandinavische Zurückhaltung ganz gut zu mir, aber Finnland war in dieser Hinsicht sogar mir ein bisschen zu krass. In einem Kontext wie der Sompasauna erschien mir zumindest ein Grußwort schon angemessen. Aber wer bin ich, über diese Kultur zu urteilen, vor allem wenn dieselbe Kultur überhaupt erst dazu geführt hat, dass so etwas Tolles wie die Sompasauna existiert?

Die Innenstadt von Helsinki liegt übrigens auf einer Halbinsel mit ausgestreckten Ärmchen, wie ein unförmiges Kleeblatt oder ein Seestern. Ein paar Stückchen der Stadt sind aber auch auf Inseln verstreut, zu denen entweder Brücken oder Fähren führen. Außerdem ist da noch ein innenstadtnaher See, der wahrscheinlich vor langer Zeit auch Teil der Ostsee war, ähnlich wie in Kiel.
Die kleinen Fähren sind Teil des städtischen Nahverkehrs, ihre Fahrkarten deshalb das mit Abstand günstigste, was man am Stadthafen kaufen kann. Die kleinsten Inseln von Helsinki sind manchmal nur Felskuppen, auf denen Möwen herumsitzen und ihre nächste Attacke planen. Andere sind bewachsen von grünen Bäumen und roten Häusern, und eine ist sogar Weltkulturerbe. Und die wollte ich noch ansteuern, immerhin braucht das Straßenbahnboot bloß 25 Minuten dahin. Ich schlängelte mich durch die Warteschlangen-Absperrungen und ließ mir dann auf dem Außendeck kurz das Haar vom Wind frisieren. Einen anderen Weg gibt es nicht, denn der alte Tunnel vom Festland zur Insel darf heute nur noch von Rettungsfahrzeugen genutzt werden.

Suomenlinna heißt die Festungsinsel, die Helsinki bewacht. Schweden baute die Verteidigungsanlage, nachdem sie in den 1740ern im Krieg der Hüte schon große Teile Finnlands an Russland verloren hatten. Beide Eroberer Finnlands haben Suomenlinna genutzt und ausgebaut, ebenso das unabhängige Finnland. Letzteres ist sogar verantwortlich für das unrühmlichste Kapitel der Inselgeschichte. Zahlreiche besiegte Rote wurden am Ende des Bürgerkriegs auf der Insel unter erbärmlichen Bedingungen eingekerkert und starben an Seuchen. 
Erst einmal sah das Ganze auch mehr oder weniger nach einer typischen Festung aus, Wälle, Bäume und ein rosarotes Eingangsgebäude aus russischer Zeit. Außenrum ziehen sich überall massive Steinmauern, dahinter gelb angemalte Baracken und natürlich ein paar herumstehende Kanonen. Hier verbirgt sich auch eins der ältesten Trockendocks der Welt, in dem übrigens noch heute Segelschiffe restauriert werden, und eine der wenigen Kirchen, die zugleich als Leuchtturm dienen.

Als ich aber tiefer reinging, veränderte sich das Bild. Diese zartblauen und gelben Holzhäuser hatten absolut nichts von einer Militärstadt, sie ähnelten eher den kleineren finnischen Städten und Dörfern, durch die ich während der nächsten Tage radeln sollte. Entsprechend war die gewaltvolle Geschichte gar nicht zu spüren, im Gegenteil, nichts als fröhliche Spaziergänger in sonnigen Cafés.

Eigentlich besteht Suomenlinna aus mehreren felsigen Inseln, die mit Brücken zu einer Kette verbunden sind. Die Übergänge bieten meistens die eindrucksvollsten Aussichten. Zumindest sofern man die gelegentlichen Baustellen, ignoriert. Alles habe ich nicht geschafft anzusehen, auch die Indoormuseen machten bereits dicht, trotzdem ein lohnenswerter Spaziergang.

Und natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, eine Runde durch die grob gemauerten Katakomben zu drehen. Sie sind eigentlich weder besonders dunkel noch besonders groß, größtenteils auf Erdgeschossniveau, und über die Geschichte gibt es dort auch nichts zu lernen, aber zumindest schöne Fotomotive.

Raus aus Helsinki geht es über verschiedene Inseln durch neue Glashausviertel der Stadt Espoo, die noch zum selben Ballungsraum gehört. Wer den direkten Radweg nimmt, sieht die Ostsee nur auf den Brücken, von denen gibt es immerhin nicht wenige.

Ich wollte nun einer Route folgen, die ich auf touren-wegweiser.de entdeckt hatte, und mich auch ungefähr an ihren Tagesetappen von 60 bis 110 Kilometern zu orientieren. Diese Seite schickt die Radler auf feste Kieswege näher ans Wasser, im Zickzack an an den Felsen und Bäumen entlang. Anfangs sieht die Landschaft noch eher nach Park aus, allmählich werden daraus echte Wälder. In den Parks standen rote Holzbehälter mit der Aufschrift Freiwilligenplattform, denen man Mülltüten entnehmen konnte, die für Hundekot zu groß waren.
Diese Strecke war Fluch und Segen zugleich. Einerseits war sie sehr verwinkelt, weil ich eben doch immer mal auf kleine Straßen und durch Parks ohne Küste fahren musste, um Halbinseln ohne Uferwege abzukürzen. Die EuroVelo-Schilder waren hier eher hinderlich, sie wollten mich immer weg von der Ostsee zur Hauptstraße leiten. Darum bin ich ständig falsch abgebogen und habe einen Haufen Zeit verloren. Gleichzeitig ist die Strecke aber eigentlich gar nicht so viel länger, toll anzusehen und vielleicht die einzige Möglichkeit, in Finnland derart lange der Ostseeküste zu folgen.

Bebaut ist die Strecke mit immergleichen Einfamilienhäusern in Weiß, wobei das Weiß in manchen Fällen etwas vergilbt ist.
Auf Mapy.cz waren zwei Sehenswürdigkeiten für diese Strecke eingetragen, aber die waren auch eher nichts, das echte Highlight ist die Landschaft. Das Museum Alvarin Sauna entpuppte sich als verschlossenes rotes Haus am Wasser, an dem zwar der Name dranstand, aber keine Informationen, was genau hier wann zu sehen ist. Auf dem Sunds Kasaberget sollte es irgendwelche Ausgrabungen geben. Ich stieg einfach mal hoch auf den Berg. Hier hatten sich Teile der Felsplatten in Geröllhaufen aus etwa melonengroßen Steinen aufgelöst, aber irgendetwas Historisches war nicht zu erkennen. Immerhin hatte ich jetzt meinen ersten finnischen Berg bestiegen, und der Blick über die Bucht war auch nicht zu verachten. (Wobei später sogar der Uferweg selbst auf einem schmalen Pfad über einen ganz ähnlichen Berg mit noch besserer Aussicht führte.)
Erst jetzt, wo ich das schreibe, bin ich online auf des Rätsels Lösung gestoßen: Die Geröllhaufen waren die Ausgrabungen, da drin sind wichtige Leute aus der Bronzezeit begraben. Leute im Erdboden zu verbuddeln, kam erst mit dem Christentum in Mode. Die Heiden glaubten auch, dass irgendwelche kleinen Zwergenwesen in diesen Geröllhaufen lebten - also in denen ohne menschliche Leichen drin, schätze ich mal.

Endlich überquerte ich die allerletzte Brücke neben der Autobahn und war aus der Großstadt raus. An dieser zugewachsenen Stelle zweigt die Straße zur Halbinsel Porkala ab, und dort steht ein rostroter, eckiger Bogen, nach Eisernem Vorhang aussieht. Zu recht, denn der verlief auch hier, also quasi.
Als die Sowjetunion Finnland 1944 in die Knie gezwungen hatte, diktierte sie als eine der Friedensbedingungen, dass die Sowjets für 50 Jahre eine Militärbasis an der schmalsten Stelle des Finnischen Meerbusens errichten durften. Alle Bewohner wurden evakuiert, die Grenze streng bewacht, und es entstand eine abgeriegelte sowjetische Stadt mit 30 000 Einwohnern. Der Zug nach Turku musste entweder den Umweg außenrum fahren oder streng versiegelt und von Sowjetsoldaten begleitet werden.
Aber die strategische Bedeutung der Basis nahm ab und die Beziehungen der Nachbarländer verbesserten sich, sodass die Sowjets mit sich verhandeln ließen und aus den 50 Jahren letztendlich nur 12 wurden.

Auf den ersten Metern folgte ich noch den Schallschutzwänden der Autobahn. Jemand hat dort die Bushaltestellen mit Kreuzen und dem Verweis auf den Bibelvers Johannes 14,16 zugesprüht. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit. Jup, einen Tröster konnte ich jetzt gebrauchen, denn ich hatte in Helsinki und bei der Stadtausfahrt so viel Zeit verloren, dass es schon nach 17 Uhr war. Und was soll ich sagen, der Tröster kam tatsächlich, ein entgegenkommender deutscher Radler, mit dem ich mich toll austauschen konnte. Aber da war dann natürlich noch mehr Zeit futsch.

Ich folgte zunächst brav der Straße ein Stück nördlich der Autobahn, die an ein paar Ortschaften vorbeifuhr, welche mir vorwiegend die kantigen Außenseiten ihrer Supermärkte zuwandten und deshalb ein Foto nicht wert waren. Später umrundete ich die Südspitze eines Sees, von dem nichts zu sehen war.
Um heute doch noch wie geplant in die Nähe von Ingå zu kommen, beschloss ich irgendwann, radikal an der Hauptstraße abzukürzen. Die war jetzt keine Autobahn mehr, sondern eine Art Bundesstraße durch eine Felslandschaft mit ausreichendem Seitenstreifen für ein bepacktes Rad. Verunsichert hat mich nur ein neu gemachter Abschnitt, an dem die Markierungen noch nicht aufgetragen waren und der Seitenstreifen ausschließlich am andersfarbigen Asphalt erkennbar war.

Erst nach vielen Kilometern bog ich ab auf die verschlungene Dorfstraße. Der angesagte Regen hatte begonnen und würde noch weiter zunehmen. Als ich also die große Freifläche mit Feldern hinter mir gelassen hatte und der nächste Wald begann, da sagte ich mir, jetzt bin ich nah genug dran am Zielort, das zählt. Der Himmel war tiefgrau und nass, auch die Bäume boten nicht hinreichend Schutz, also war ich tatsächlich das erste Mal seit Schönberg in Schleswig-Holstein gezwungen, außerhalb eines Campingplatzes mein Zelt aufzustellen. Trotzdem ging es mir recht schnell von der Hand, und zumindest war der Wind schwach, sodass ich mir wenig Sorgen machen musste, ob es hielt. Es fühlte sich komisch an, so exponiert wildzucampen, denn die Stelle war von der Straße aus eindeutig zu sehen. Aber in Finnland ist das hier eindeutig legal, dementsprechend wurde ich von den vorbeirauschenden Autos eindeutig ignoriert.
Als ich fast eingeschlafen war, hörte ich plötzlich jemanden zu Fuß durch den Regen laufen und telefonieren. Als er gerade am Zelt vorbei war, stieß er plötzlich ein völlig entnervtes "Ooaargh!" aus. Daraufhin entfernte sich die Stimme in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Kein schönes Wetter, um umzukehren, weil man irgendwas vergessen hat.

Inko/Ingå selbst ist übrigens ein putziges kleines Fischerdörfchen, in dem am Hafen gerade irgendein Floh- oder Fischmarkt aufgebaut wurde. Die Bewohner waren sogar zum Bootsbesitz verpflichtet: Im Mittelalter mussten die finnischen Küstenbauern immer ein Boot bereithalten, falls die Männer des Königs gerade in der Nähe waren und eins brauchten.

Vor der besonders breiten und weißen Feldsteinkirche dagegen wurden gerade Blumenstände errichtet. Rund um die Kirche wurde bei Ausgrabungen jede Menge Zeug entdeckt, darunter eine von nur zwei prähistorischen Gabeln in Finnland. Sie steht angeblich ungewöhnlich nah dran am Wasser, aber naja, über diese "Nähe" lacht ja sogar die Kirche von Vainupea.