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Von Trelleborg nach Stora Hammar

Dienstag, 10. September 2019

Von Stubbekøbing nach Gedser

Am letzten Tag der Reise sind wir schnell aus Stubbekøbing aufgebrochen. Bei unserer langen Suche gestern hatten wir schon genug von der Stadt gesehen.
Wir wollten noch über die komplette Insel Falster fahren. Das sind 56 Kilometer. Zunächst einmal kurvten wir durch Hecken, Kleingärten und Schilf bis zur nordöstlichen Spitze der Insel.

An diesem Stein stand das Geburtshaus der Adligen Marie Grubbe, die mit ihrem Gärtner durchgebrannt ist. Mangels weiterer Angaben hoffen wir mal, dass ihre Liebesgeschichte gut ausgegangen ist.

Danach führt der Weg an der Ostküste der Insel nach unten.

In Næs steht Dänemarks älteste Landwirtschaftsschule.

In Hesnæs stehen alte Fischerkaten.

Die Nordhälfte der Insel ist sehr reizvoll. Wir sind lange durch Wälder gesaust, während neben uns das Meer an eine kleine Steilküste klatschte. Ein paar Steigungen gab es noch, aber im Vergleich zu den letzten Tagen war es ziemlich flach. In regelmäßigen Abständen passierten wir weiße Schranken, offene und geschlossene.

Bei Sønder Alslev zweigt ein Weg zu einem Schloss ab. Dem Schloss vorgelagert ist das Generalens Lysthus, wo der General seinen Jagdgelüsten nachging.

Dann gibt es keinen Weg mehr am Wasser. Wir mussten im Zickzack durch ein paar Felder und Windparks kreuzen. Laut Google gab es in einem der Dörfer ein Restaurant, doch dem war nicht so.
Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen zweigt hier nach Westen zur Inselhauptstadt Nykøbing ab. Wir sind näher an der Ostküste geblieben und haben uns ein paar Kilometer eingespart.

Schließlich erreichten wir ein Gebiet, dass in der Karte dicht besiedelt aussah. Und ich machte den selben Fehler wie in Hovmarken auf Møn: Oh, so viele Häuser am Strand, da ist bestimmt viel los!
Von wegen, wieder alles nur Ferienhäuser. Schade, wir hatten echt Hunger.
Ganz typisch dänisch sind diese Schilder mit einem Ball spielenden Mädchen und der Aufschrift "Pas på mig!" Oft heißt die dazugehörige Straße Ernasvej, Sonjasvej oder so ähnlich, dann erfährt man gleich, wie das Mädchen heißt, das man nicht überfahren soll. In einem Dorf gingen die Dänen noch einen Schritt weiter: Sie hängten ein Foto eines Jungen mit einer Wasserpistole auf. Darauf stand sein Name mitsamt der Bitte, ihn nicht zu überfahren.

Mithilfe glücklicher und trauriger Emojis wird Autofahrern erklärt, dass sie nicht auf den Fahrradstreifen fahren sollen.

Erst in Marielyst bekamen wir etwas zu essen.

Marielyst ist bekannt für seinen Strand. In Mecklenburg haben wir so etwas fast überall, aber auf Falster ist solch ein breiter Strand etwas Besonderes. Das war auch das einzige Mal auf dieser Tour, dass wir einen wirklich vollen Strand mit Rettungsschwimmer gesehen haben.

Zum Strand führt ein Holzweg, neben dem Spielplatz-Elemente stehen. Also, schön gestaltet ist Marielyst auf jeden Fall. Man bewegt sich wirklich fast ausschließlich auf Brettern fort, das ist schon ein eigenartiges Gefühl.

Nicht weit vom Strand befindet sich der Bereich, in dem sich die gesamte Auswahl an Restaurants auf engstem Raum zwischen Sand und Bretter drängelt. Selbst in den teuersten Restaurants ist es hier üblich, dass man an der Bar Schlange steht und dort bestellt. Das Essen wird dann an den Tisch gebracht. Geschmeckt hat es. Wie teuer das Essen tatsächlich ist, lässt sich nur schwer sagen. Die dänische Krone ist eine furchtbar unpraktische Währung, die sich fürs schnelle Kopfrechnen überhaupt nicht eignet. Etwa 7,5 Kronen sind ein Euro.
In Marielyst steht auch ein moderner Aussichtsturm (hinten links).

Die Fahrradstreifen sind angenehm breit und befinden sich hinter den parkenden Autos.

Die Insel Faster wird nun viel schmaler. Zuerst mussten wir eine Weile nach Westen fahren, dann sind wir der Straße nach Süden gefolgt. Leider ist die südliche Hälfte der Insel viel trister und weniger abwechslungsreich als die schönen Wälder im Norden - zumal wir jetzt auch nicht mehr am Meer fahren, sondern in der Mitte der Insel.

Später führt der Weg auf einige Nebenstraßen. Ein Bahngleis begleitet unseren Weg. Einst fuhren hier Züge nach Warnemünde, später nur noch nach Gedser und heute sind hier allenfalls Güterzüge unterwegs. Die Dorfbewohner müssen sich mit Bussen begnügen, von denen immerhin recht viele an uns vorbeibrausten.
Eine Parallelklasse aus meiner Schule war hier mal auf Wandertag. Für einen Tag in ein fremdes Land, das klingt ziemlich aufregend, doch tatsächlich verbrachten sie den Großteil ihrer Zeit damit, in diesem Bus in die einzige ernstzunehmende Stadt (Nykøbing) der Insel zu fahren. Einige Leute drückten auf den Haltewunschknopf, stiegen aber nicht aus. Irgendwann rastete der Busfahrer dann aus, sobald irgendjemand es wagte zu drücken.

Schließlich kehrt der Radweg dann zur großen Straße zurück und wir erreichen Gedser. Die Hauptstraße führt schnurgerade zum Fährhafen und große blaue Schilder weisen sinngemäß auf Folgendes hin: Ey, da vorne geht's nur noch zur Fähre, also wenn du da nicht bezahlen willst, dann fahr mal schleunigst runter hier! Allerdings gibt's hier sonst auch nicht viel, also weiß ich nicht, wieso du dann überhaupt hier hergefahren bist.

Gedser hat einen gelben Wasserturm, dessen Aussichtsplattform leider geschlossen war. So ganz haben die Dänen hier immer noch nicht verstanden, welches Potential sie haben. Sie liegen genau gegenüber von Rostock. Innerhalb von zwei Stunden können Fußgänger für ein paar Euro in ein fremdes Land reisen und hier Geld lassen - doch warum sollten sie? Die Dänen haben auf der anderen Seite gleich die Großstadt Rostock, doch die Deutschen haben hier... naja, Gedser.

Wenn die Deutschen doch mal hinüberfahren, dann setzen sie die Reise meistens gleich mit dem Auto nach Kopenhagen fort.
Oder, och, warum nicht gleich zum Nordkap? Das sind ja nur noch 3204 Kilometer.

Eine ultrapatriotische Straße mit vielen dänischen Fahnen führt am Kirchturm vorbei.

Doch so ganz, ganz langsam scheint in Gedser ein Umdenken eingesetzt zu haben. Vor einigen Jahren soll es hier kein einziges Cafe und gar nichts gegeben haben. Mittlerweile gibt es eins, es war nur geschlossen. Die einzige Bar schloss auch gerade. Das Eisenbahnmuseum namens Gedser Remise liegt im alten Bahnhof und war schon seit 16 Uhr geschlossen. Ich habe den Eindruck, man sollte Gedser eher mittags besuchen, dann könnte es sogar sein, dass hier einige Dinge geöffnet haben.
Auf dem Gelände des Eisenbahnmuseums steht auch der gelbe Stellwerkturm namens Gule Palæ (Gelber Palast). Er spielt eine wichtige Rolle im 7. Teil der Olsenbanden-Filme. Eigentlich sollte er abgerissen werden. Deutsche und dänische Olsenbandenfans sammelten Geld, um das Gebäude zu retten. 2016 ließen sie es restaurieren und nach Gedser transportieren, wo es nun als Symbol der deutsch-dänischen Fandom-Freundschaft neben dem Fährhafen nach Deutschland steht.

Westlich von Gedser gibt es einen Strand und sogar eine Steilküste mit einem kleinen Bunker im Meer.

So sehen Backsteine aus, die zu lange im Meer gelegen haben. Mit denen kann man immer noch bauen, doch das sieht dann ein bisschen wacklig aus.

Östlich der Stadt sieht die Landschaft ein wenig trister aus und es gibt keinen Strand. Dafür befinden sich dort Dünen, ein Leuchtturm und auch ein bisschen Steilküste.

Außerdem liegt dort hinten am Sydstenen (Südstein) der südlichste Punkt Dänemarks.

Ein paar Deutsche hatten mal die Idee, von hier aus eine Brücke wahlweise nach Ahrenshoop, Graal-Müritz oder Warnemünde zu bauen. Das sei besser als die Idee der Fehmarnbeltquerung, die noch aus der Zeit des geteilten Europa stammt, weil Ostdeutschland und Osteuropa besser an Skandinavien angebunden werden. Deutschland war eher für diese Brücke, weil die Auto- und Eisenbahnanbindung nach Rostock nicht so stark ausgebaut werden müsste wie auf Fehmarn. Aber auf der dänischen Seite ist es genau umgekehrt, deshalb wollte Dänemark lieber die Fehmarnbeltquerung, und Dänemark bezahlt halt den größten Teil.
Am Hafen von Gedser fährt nur eine einzige Fähre, nämlich die nach Rostock. Das Hafengebäude ist unheimlich still. Außer uns befand sich dort keine Menschenseele. Gerade war die 17-Uhr-Fähre abgefahren, sodass wir zwei Stunden auf die nächste warten mussten. Die Fahrradkarten lassen sich nicht im Internet buchen, wir holten sie uns an einem Automaten.

Fußgänger haben es hier bequemer als auf der Fahrt nach Schweden. Sie müssen nicht mit einem blöden Shuttlebus vom Autodeck gefahren werden, sondern können die Fähre über diesen Tunnel selbstständig betreten und verlassen. Wie bei einem Flugzeug dockt er an die Wand der Fähre an.

Fahrräder hingegen werden von den Fahrbahnmarkierungen zu einer unauffälligen Tür im Zaun geleitet. Dort sollen sie dann den Anweisungen der Mitarbeiter gehorchen, die gleichzeitig auch noch die LKWs navigieren. Falls ein Radfahrer (also nicht ich, ähm) versehentlich glaubt, die Anweisungen an einen LKW-Fahrer seien an ihn gerichtet, wird das Boarding zum besonderen Nervenkitzel.

Zwei Stunden später legten wir in Rostock an. Damit wäre die Rostocker-Fähren-Tour abgeschlossen. Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft weitere Teile des Ostseeradwegs fahren werden und dass die nächsten dänischen Inseln wieder ein bisschen lebendiger sind.

Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen geht ungefähr so weiter:

Von Liselund nach Stubbekøbing

Eigentlich führt der Radweg auch noch hinauf zum Geocenter auf den höchsten Kreidefelsen. Das geht natürlich nicht ohne schwere Steigungen, die schwersten auf der ganzen Strecke.
Wir sind da ja schon gestern hingewandert. Deshalb haben wir uns das Stück abgekürzt. Wir sind auf die Hauptstraße in der Inselmitte gefahren. Irgendwann wollten wir dann aber doch zum Meer und bogen ab auf eine kleinere Straße, wo auch der Radfernweg wieder verlief. Dort ist die Südküste zumindest schon mal zu sehen.

Doch damit nicht genug: Im Süden Møns führt der Weg teilweise direkt am Meer entlang. Dafür muss man aber auch über einen abenteuerlichen Pfad radeln.

Nun fahren wir an der Hjelm Bugt entlang. Das namensgebende Hjelm ist nur ein winziges Dorf, wie eigentlich alle Orte entlang der restlichen 40 Kilometer auf Møn.
Als ich auf die Karte sah, dachte ich: Ah, da in Hovmarken sind viele Häuser, Badestellen, ein Strand und der Radweg direkt am Wasser - das ist bestimmt so ein Badeort mit Eis und kleinen Geschäften.
Von wegen. Na gut, ein schmaler Strand war da wirklich. Aber die Häuser waren einfach alle nur hölzerne Ferienhäuser.

Es dauerte noch einige Kilometer, bis wir einen Ort fanden, wo wir uns stärken konnten. Auf einem Biobauernhof wird das köstliche Møn Is (Eis) hergestellt. Es gibt die normalen Sorten, aber auch ein paar ungewöhnliche wie zum Beispiel Rumkugeln, und natürlich das in Skandinavien obligatorische Lakritzeis. Ich holte mir gleich drei Kugeln. Zumindest irgendjemand traut sich, hier etwas zu verkaufen - das muss ich doch unterstützen! Außerdem hatte ich Lust auf Eis.

Ein anderer Hof hat sein eigenes Windrad.

Der Weg führt ein Stück nach Norden, am Steger Haff entlang. Am anderen Ufer war wieder Stege zu sehen. Die Insel ist eben ziemlich schmal.

In einem Wald namens Fanefjord Skov sind noch einige Steigungen zu überwinden. Im Wald gibt es einen Waldpavillion, der wohl so eine Art Restaurant oder ist. Dort fand aber irgendeine Feier statt - geschlossene Gesellschaft.

Dieses Hügelgrab stammt aus der Bronzezeit. Rundherum liegen kleinere Hügelgräber mit Asche, weil die Feuerbestattung im Laufe der Bronzezeit hip wurde. Ansonsten, so erklärt das Hinweisschild, wurden die Hügelgräber bislang nicht archäologisch untersucht. Vielleicht hatten die Archäologen Angst zu verhungern.

Wir wollten uns wirklich gern in ein Restaurant oder Cafe setzen, doch es gab nichts. In einem Ort schien das Cafe gerade zu für immer zu schließen: Es wurde irgendwas umgeräumt, und als wir fragten, ob geöffnet sei, schüttelte die alte Frau nur traurig den Kopf. Im öden Hårbølle Havn hingegen verkündete das Schild am Cafe fröhlich: "Geschlossen. Folgen Sie uns auf Facebook und Instragram."
Ich dachte, Møn sei das Rügen Dänemarks, dabei ist der allergrößte Teil der Insel jenseits der Kreidefelsen überhaupt nicht auf Touristen eingestellt, toter als die Uckermark und doofer als Mělník. Die meisten Radreisenden überspringen diese Insel wohl, anders kann ich mir das nicht erklären.

Wir fuhren dann noch um den Fanefjord herum.

An seinem Ufer steht die schneeweiße Fanefjord Kirke.

Als nächstes zwang uns der Weg auf eine lange, stark befahrene Hauptstraße. Einen Radweg gibt's leider nicht, sodass wir mal wieder einige LKWs näher kennenlernten, als uns lieb war. Doch ein Gutes hat diese Straße auf jeden Fall: Sie bringt uns runter von Møn. So fantastisch die Kreidefelsen gestern auch waren, mittlerweile konnten wir es doch nicht erwarten, diese Insel hinter uns zu lassen.
Die Straße führt auf einem Damm über das Meer. Nur ein winziger Teil ist tatsächlich als Brücke ausgeführt, sodass das Wasser unten durchfließen kann.
Mitten auf dem Damm konnten wir fast alle Inseln dieser Tour (außer Peberholm und Amager) auf einmal sehen: hinten Møn, vorne Bogø, rechts Sjælland, links Falster und unter unseren Füßen Barholm. Auf ein Foto passen die aber nicht drauf - höchstens auf so ein Panoramafoto, aber ich weiß nicht, wie man das macht...

Die Straße überquert

Insel Nr. 5: Barholm

Das ist einfach nur ein flaches Stück vorgelagerte Wiese, die als Weideland genutzt wird. Dann folgt auch schon

Insel Nr. 6: Bogø

Diese Insel ist mit weiteren Weideflächen und Wäldern bedeckt. Die Hauptstadt und einzige Stadt klingt wie das Geräusch, wenn die Waschmaschine fertig ist oder das Telefon eine Nummer anwählt: Bogø By. Diese Ortschaft setzt sich zusammen aus den Stadtteilen Gammelby und Nyby, und das wars auch schon mit der Gliederung der Insel.
In Bogø By kommt auch nicht direkt urbanes Flair auf, doch zumindest gibt es hier eine Apotheke und andere Geschäfte des täglichen Bedarfs. So etwas haben wir auf der letzten Insel entlang einer Strecke vermisst, die deutlich größer war als Bogø. Auf Møn denken wohl alle: Och, dann fahren wir halt mit dem Auto nach Stege. Auf Bogø hingegen haben sie den Ehrgeiz, alles selbst dazuhaben und nicht von der Nachbarinsel abhängig zu sein, obwohl die über eine Straße schnell zu erreichen ist (außer bei Sturmflut oder so).

Die Insel Bogø ist so klein, dass wir auf ihr nur ein einziges Mal abbiegen mussten. Rechts geht es in die Stadt, links zum Fähranleger. Da wollten wir hin. Während wir auf die Fähre warteten, stärkten wir uns in einem geöffneten Cafe. Ja, so etwas Unglaubliches hat Bogø! Es gibt dort selbstgemachte Wildschweinpizza und das Møn Is.

Die kleine Fähre namens Ida überquert stündlich den Grønsund. Sie legt an auf der

Insel Nr. 7: Falser

Der erste Ort auf Falster heißt Stubbekøbing und ist vermutlich die älteste Stadt der Insel. Hier waren mal Kriegsschiffe stationiert. Stubbekøbing hat ein paar Industriegebäude und irgendwie eine düstere Atmosphäre.

Am Ufer des Grønsunds liegen schöne Strände, Parks und Spielplätze. In der Ferne ist eine große Autobahnbrücke zu sehen, die über die Insel Farø und über eine Autobahnausfahrt auch nach Bogø führt. Deswegen ist die Fähre Ida nicht ganz so wichtig und fährt nur zur Hauptsaison und in den dänischen Herbstferien. Seit dem Bau der Brücke geht es im Hafen deutlich ruhiger zu.
Noch weiter hinten liegt eine kleinere Brücke mit Radweg. Die verbindet die Inseln Falster und Seeland direkt. Falls die Ida nicht fährt, müssen Radfahrer auf diesem Weg via Vordingborg die Inseln Møn und Bogø überspringen.

Nach der letzten Nacht hatten wir das Bedürfnis nach einem richtigen Bett, zumal unsere Luftmatratze ein Leck hatte. Also machten wir uns in Stubbekøbing auf die Suche nach einigen nicht existierenden Bed and Breakfasts. Google und einige Anwohner schickten uns eine gute Stunde lang durch die Straßen hin und her, ohne dass wir ein Bett fanden. Eine alte Frau warb leidenschaftlich für die kostenlosen Shelter-Hütten am Strand, aber mit kaputter Luftmatratze wäre der Holzboden ziemlich hart gewesen.

Doch auf eines konnten wir uns verlassen: Stubbekøbing hat einen Campingplatz. Jeder Ort in Dänemark hat einen Campingplatz, das ist ungeschriebenes Gesetz. Und auch für die Benennung eines Campingplatzes gelten strenge Regeln, der Name muss immer folgendermaßen lauten: [Hier Ortsname einfügen] Camping. Andere Namen sind unzulässig.
Der Zeltplatz in Stubbekøbing hatte auch eine Hütte frei, und so kamen wir sogar zu richtigen Betten. Geht doch.

Montag, 9. September 2019

Von Stege nach Liselund

Møn ist eine wellige Insel. Die Steigungen sind noch ein bisschen steiler als gestern, ansonsten ist die Strecke relativ ähnlich. Ans Nordufer der Insel führt der Weg überhaupt nicht. Alle Straßen, die zum Wasser führen, sind wieder einmal Sackgassen.
Diesmal sind wir nur 25 Kilometer geradelt, denn am Ziel wollten wir viel Zeit verbringen. Der Weg führt im Zickzack auf das östliche Ende der Insel zu, wo die Berge immer höher werden.

Oh, ein Rehbock!

Die Dörfer auf der Strecke waren ziemlich ausgestorben. Das Dorf Borre war noch das größte. Es hat sogar einen Lebensmittelladen. Zum Glück waren wir so klug und haben uns dort noch einmal mit Proviant eingedeckt.
Ansonsten haben die Dörfer keine richtigen Geschäfte. Nur eins haben sie alle: Galerien. Wer braucht schon etwas zu essen, wenn er bergeweise Kunst und Antiquitäten erwerben kann? Viele Häuser sind auch "til salg" (zu verkaufen).

Schließlich ging es noch einmal so richtig steil nach oben bis nach Liselund. Dort steht ein Schloss, das zum Hotel umfunktioniert wurde.

Einige Kilometer dahinter befindet sich ein Naturlagerplatz, gekennzeichnet wie üblich mit der Krone des dänischen Umweltministeriums. Das ist das erste Mal, dass ich auf einer Radtour eine Viehsperre überqueren musste, um an meine Übernachtungsmöglichkeit zu kommen.
Der Weg über die Wiese wurde auch von vielen anderen Ausflüglern genutzt, die zur Küste wollten.

Direkt neben diesem Weg wollten wir nicht zelten. Also schoben wir die Räder ein Stück weiter bis zu einigen merkwürdigen Kletterbäumen. Dort suchten wir uns ein Rasenstück, das (noch) nicht mit Kuhfladen bedeckt war. Der Naturlagerplatz lag nämlich auf einer Weide, wo Kühe und Ziegen unterwegs waren. Abends kamen die auch vorbei, weil die Brennnesseln nam Hügel hinter unserem Zelt wohl ein besonders gutes Abendessen abgaben.
"Muuh!"- "Muuuh!" - "Muh!", kommunizierten die Kühe, als würden sie sagen: "Ich trau mich nicht an den Menschen vorbei." - "Mir ist nichts passiert, die sind wahrscheinlich harmlos, mach jetzt." - "Ich trau mich nicht, Mama!"

Ziegen und Kühe schickten erst einmal jemanden vor, der ausprobieren sollte, ob man an uns gut vorbeikam. Eine besonders vorwitzige Ziege kletterte auf einen Baum und traute sich dann nicht mehr runter. Wir halfen ihr, also quasi - wir gingen zu ihr, sie bekam Angst und traute sich auf einmal doch.
Dann beobachteten wir noch einen Kampf zweier Rinder vor dem Zelt, Kopf knallte an Kopf. Später wurden die Kühe mutiger und wollten uns aus ihrem Revier vertreiben. Eine setzte einen Fladen direkt vor unser Zelt und muhte uns so lange an, bis wir uns ins Zelt verzogen. Dann glaubte sie wohl, sie hätte gewonnen.

Vorher gingen wir aber noch wandern. Ich dachte, unser Standort sei nicht weit vom Meer entfernt, und wollte querfeldein dorthin marschieren. Das war aber nicht so schlau, denn es gab keine Pfade in dieser Richtung. Wir schlugen uns eine Weile durch wilde Wiesen.

Dann fanden wir den breiten Weg von vorhin wieder und gelangten an die Küste. Ganz in der Nähe führt eine sehr, sehr lange Holztreppe abwärts. Es ist unmöglich, diese Holztreppe auf einem Bild einzufangen. Sie windet sich in der Waldschlucht lange hin und her. Jemand hat mit Kreide alle 50 Stufen eine Notiz hinterlassen, wie viele Stufen noch zu bewältigen sind.
Ein Schild warnt: Das Betreten erfolgt auf eigene Gefahr. Im Winter und Frühling ist es besonders gefährlich. Es war Sommer, also hielten wir das Risiko für vertretbar.

Schließlich erreicht die Treppe neben einem kleinen Wasserfall einen Strand aus Kies. Und hier erheben die Kreidefelsen der Insel Møn. Links ist zunächst der Lilleklint (Kleine Klippe) zu sehen. Ja, richtig gelesen, klein. Der Lilleklint ist zwar viel größer als der Stevns Klint, aber es geht noch größer, wie wir gleich sehen werden.

Bis zu den größten Felsen ist es aber noch ein Stück zu laufen. Die meiste Zeit konnten wir einfach über den Steinstrand schlendern. Auf einem Abschnitt jedoch hatten wir die Wahl: klettern oder waten. Die Ausläufer der Felsen reichten bis ans Wasser heran. Leider entschieden wir uns fürs Klettern. Dabei kamen wir immer weiter nach oben und der Pfad verlor sich zusehends, bis wir endlich einen Weg zurück nach unten fanden.
Meine Begleiterin hatte die letzten Tage eine weiße Hose getragen, die auf der Tour sehr schmutzig geworden war. Heute wollte deshalb eine schwarze anziehen in der Hoffnung, dass man die Spuren der Reise darauf weniger sieht. Dafür waren die Kreidefelsen aber nicht der ideale Ort. Abends war diese Hose weiß.

Zwischendurch ist die Steinküste auf einmal ganz klein, sogar kleiner als die Wilhelmshöhe bei Rostock.

Doch kurz darauf werden die Kreidefelsen wieder richtig, richtig hoch. Nach zwei Stunden erreichten wir das touristische Herz der Landschaft. Am höchsten ist der Dronningestolen (Königinnenstuhl) mit 128 Metern. Selbst der Königsstuhl auf Rügen, der so ungefähr gegenüber auf der anderen Seite des Meeres liegt, ist 10 Meter niedriger (wie beim Schach, die Königin überragt den König).
In der grauweißen Kreide sind dicke Adern aus Feuerstein eingeschlossen.
Wir sind lange dort unten entlanggewandert, aber ich bin nicht ganz sicher, welcher Felsen nun wirklich der Königinnenstuhl war. Die Kreide war nicht beschriftet.

Aber beeindruckend waren sie alle. Einer sah aus, als würde ihn ein Riese als Kloschüssel benutzen.

Der Sage nach lebt hier ein Klippenkönig in einer Höhle mit einem weißen Pferd. Falls man einen alten Mann mit Hut und Bart sieht, soll man freundlich zu ihm sein, dann erfüllt er Wünsche oder so. Wir sahen aber keinen - auf diesem Naturlagerplatz lebte kein Obdachloser.

Irgendwo oberhalb des Königinnenstuhls befindet sich noch ein modernes Geocenter mit Gletscherkino und Kletterwald. Das klingt zwar auch ganz cool, aber ich denke, wir haben unsere Zeit in unsere lange kostenlose Strandwanderung ebenso gut investiert.
Schließlich sind wir auf einer anderen Holztreppe wieder hinaufgestiegen und haben die Klippen noch von oben bewundert. Von unten sieht man mehr, weil dort kein Baum den Blick verdeckt, aber auch von oben gibt es schöne Ausblicke. Einige Bäume wurzeln im 45-Grad-Winkel in der Kreide.

Den Rückweg haben wir dann oben zurückgelegt. Dort gibt es nicht immer ein Geländer. Nach einer Weile war kaum noch etwas von der Klippe zu sehen. Je weiter wir uns vom touristischen Zentrum entfernten, desto größer wurde der Abstand zwischen Waldweg und Klippe. Direkt am Abgrund führten nur noch Trampelpfade entlang, die mir etwas zu riskant erschienen.
Auf dem Weg zurück zum Zelt durchquerten wir noch eine Baumschule und wahrscheinlich die eigentliche Zeltstelle des Naturlagerplatzes inklusive Feuerstelle. Mit Fahrrädern ist die komplett unzugänglich.