Freitag, 14. August 2026

Öland: Von Skärlöv nach Marsjö

AUF DEM TROCKENEN 

IM OSTEN DER INSEL MACHEN WIR BEKANNTSCHAFT MIT DER DÜRRE UND EINER UNGEWÖHNLICHEN UNTERKUNFT. DRITTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Fix und pferdig: Gefallenes Ross

Kosten im Osten:
Strandzugang und Klo
bei Bjärby

Wir stehen am Ostseestrand und reiben uns den Schlaf aus den Augen. 

Lange Leitung: E-Zaun und
Mauer am Abzweig zur Ostsee

Erneut. Wir wollen baden, so wie gestern, aber vor allem brauchen wir Wasser. Im Idealfall ohne Salz drin. Beides gestaltet sich schwierig. Ganz besonders, wenn man keine Quallen im Wasser haben möchte.
Die Versorgungslage hat sich drastisch verschlechtert. Gestern gab es regelmäßig Geschäfte, heute haben die Dörfer nichts außer gelegentlich einem abzweigenden Weg über die Weiden bis zur fernen Ostsee, an dessen Ende ein Strand und Campingplatz wartet. Kaum nähern wir uns dem Gebäude, kommt ein hoffnungsvoller Schwede und fragt, was wir brauchen. So früh am Vormittag rechnet er bestimmt noch nicht mit Übernachtungsgästen, oder? Einen Strand und eine Toilette, antworte ich, und beides gibt es. Mein sehr optimistischer Begleiter fragt zudem nach Duschen, aber die können Nicht-Übernachtungsgäste natürlich nicht einfach nutzen, auch nicht gegen Gebühr.
Das Klo bucht 10 Kronen von der Karte ab. Im Inneren finden wir dann erst einmal ein langes Schild, dass uns in drei Sprachen erklärt, wie knapp das Trinkwasser auf Öland ist und dass wir doch bitte sparsam sein sollen. Die Campingplatzleitung muss zusätzlich zu dem, was aus der Campingplatzleitung kommt, auch Wassertanks dazukaufen, um den Bedarf eines normalen Campingplatzes zu decken. Hmm, diese Bitte verträgt sich nicht so richtig gut mit unserer Absicht, all unsere Trinkflaschen unter dieses Waschbecken zu quetschen und aufzufüllen, so weit es der Neigungswinkel der Flasche zulässt. Aber was sollen wir machen, wir haben Durst? Wir spenden noch weitere 10 Kronen, das sollte die Kosten hoffentlich decken.

Quallvoll: Ostseestrand
bei Bjärby

Anschließend gehen wir baden. Hinter einer niedrigen Düne, bewachsen mit hellen Bäumen und Sträuchern, wartet der Sandstrand an Ölands. An der Ostküste sind die Strände nicht dem schmalen Kalmarsund zugewandt, sondern der zentralen Ostsee. Heißt: Kein Land am Horizont, der Strand ist genauso schmal, aber es wurden mehr Algen angespült. Und mehr Quallen. Der erste Meter Ostsee enthält mehr Glibber als Wasser, und der letzte Meter Strand enthält mehr Glibber als Sand. Träge schwappen die Wellchen heran und liefern weitere Quallen dem Tod durch Sonne aus, aber unser Mitleid hält sich in Grenzen.

Verloren:
Qualle mit Ohren

Mist. Was ist das für eine Art, harmlose Ohrenquallen oder irgendwas Schmerzhaftes? Sie haben vier Bögen, die wie Ohren aussehen, aber eigentlich Geschlechtsorgane sind. Aber die leuchten in einem intensiven Rotviolett, deutlich farbenfroher als die Ohrenquellen, die ich aus Mecklenburg kenne. Das Internet sagt: Kein Ding, sind trotzdem Ohrenquallen. Unabhängig davon ist es natürlich nicht im engeren Sinne angenehm, beim Schwimmen gegen einen Glibberkörper zu stoßen oder jeden Moment damit zu rechnen.
Mein wissbegieriger Begleiter recherchiert die nächste Frage, denn er will wissen, ob diese Insel für den Hunde-Wohnmobilurlaub in Frage kommt. Daher fragt er die KI seines Vertrauens folgenden grandiosen Satz: Wie viele Ohrenquallen darf mein Labradoodle fressen, bevor es gesundheitlich bedenklich wird? Die Antwort ergibt überraschend viel Sinn: Das Nesselgift ist auch für Hunde harmlos, aber so eine Quallenzelle ist größtenteils mit Meerwasser gefüllt, und das sollte ein Hund natürlich nicht literweise fressen. Und bei Öland ist die Ostsee durchaus wieder salziger.

Überbrücken: Alte und neue
Flussquerung
"Na, dann ist ja gut. Hunde werden ja wohl auch einen Brechreiz haben, damit sie kein Salzwasser trinken."
"Njaa, du kennst unsere Hunde nicht. Die schlabbern auch gerne mal Ostseewasser in sich rein."

Nasswald und Asphalt:
Feuchtgebiet an der Straße

Zurück auf der geraden Straße rasen wir in Richtung Norden. Erste kleine Wälder säumen die Straße, davor ein sumpfiger See und eine sehr niedrige historische Kalksteinbrücke. Anderswo liegen kleine Heuhaufen über der Wiese verteilt wie Tupfen. Der Ölandsleden schlägt ein paar Schleifen über Feldwege vor, die wir aber nicht alle mitmachen, die Ostsee bekommt man auch dort nicht Gesicht.

 

Im Inselinneren:
Ölands Hinterhöfe
 

Als die Route dann aber generell ins Innere der Insel abbiegt, folgen wir  ihr. Jetzt wird es grüner, verwinkelter und zugewachsener, große und kleine Straßen ziehen sich zwischen den Gehöften hindurch. Manche haben Hofläden, von denen aber ungewöhnlich viele einfach Blumen verkaufen, womit sie sich erstaunlich schlecht an die Nachfrage hungriger Radler angepasst haben.

Dasselbe in Grün:
Straßen in der Inselmitte

Auf einem Grundstück steht ein Rasttisch, allerdings hinter einer Kalksteinmauer, also sind wir nicht ganz sicher, ob wir da rasten dürfen. Die Bänke vorhin haben wir links liegen gelassen, denn es war noch nicht mal 12. Aber jetzt grummelt mein Magen, und natürlich will kein Rastplatz auftauchen. Ich kann nicht mehr, wir biegen ab auf einen wilden Waldweg und suchen uns einen Stein mit einer möglichst geraden Oberseite, um den Kocher darauf abzustellen.

Holz und Hitze:
Kocher im Wald

Satt geht es jetzt weiter in Richtung Norden. Viele Scheunen und Häuser haben eine spezielle Farbkombination: Das skandinavische Ferienhausrot in etwas dunkler, aber einige Balken, Fensterrahmen und Tore sind bestrichen mit pechschwarzem Pech. Danke, jetzt muss ich an die Große Koalition denken.

Kein hölzernes Lächeln:
Skulptur und
schwarz-rote Scheune
Vor einer Scheune steht die gesichtslose Skulptur eines Reiters oder einer Reiterin mit langem Schwertstock (also vielleicht doch eher ein Reiter). Sie scheint aus groben Holzresten zusammengepuzzelt zu sein, die Skulptur eines Großelternpaares gestern war auf jeden Fall sehr viel liebevoller geschnitzt. Aber die Figur erinnert mich daran, dass Öland ja auch eine Pferdeinsel sein soll.
Und ja, immer immer ziehen Pferdeweiden vorbei. Auf einer davon liegt das Pferd im Gras. Oh Schiete, was ist da los, soll ich den Besitzer verständigen? Die liegen doch normalerweise nicht, oder? Mein Gott, ich habe echt keine Ahnung von Pferden. Abermals muss das Internet herhalten, und die Antwort ist beruhigend: Die legen sich durchaus manchmal zur Entspannung hin. Solange es keine hektischen Bewegungen, Krämpfe oder vergebliche Aufstehversuche gibt, ist wahrscheinlich alles gut. Aber das Pferd hebt nur ab und zu den Kopf oder den Schweif, um Fliegen zu verscheuchen, und sieht dabei eigentlich recht gechillt aus.

Recht eckig:
Öländische Kalksteinmauern

Nun sind wir auf der nördlichen Hälfte der Insel angekommen. Das Land wird wieder offener, die Mauern noch rechteckiger, und die Insel insgesamt schmaler. Die Ost- und Westroute des Ölandsleden rücken auf wenige Kilometer aneinander heran, berühren sich bei Borgholm sogar fast. Wir halten uns nicht immer genau an die Route und springen zwischen der Ost- und Westseite hin und her. Um den Text hier aber nicht zu verwirrend zu gestalten, trenne ich in dieser Beschreibung sauber zwischen Ost- und Westroute. Auch wenn das heißt, dass in diesem Beitrag nicht allzu viel passiert und die besten Landschaften erst drei Posts später kommen.

Fast ganz in Weiß: Dorfkirche

Die Dorfkirchen bestehen zweifellos auch aus Kalkstein, sind aber wie die Leuchttürme weiß angemalt. Die rechteckigen Kirchtürme sind seltsam: Sie enden abrupt, als hätte sie jemand abgeschnitten. Obendrauf sitzt dann noch ein weißer, kleiner Würfel für die Glocken. In einem Fall ist der Würfel gelb und sieht damit aus wie ein göttlicher Briefkasten, in den sich nur unter großem Aufwand Gebete einwerfen lassen.

Yogarten: Hof in Marsjö

Daher wende ich mich wieder weltlicheren Dingen zu, zum Beispiel dem Akku des E-Bikes. Und muss mit Schrecken feststellen: Da sind nur noch zwei Striche. Es kostet wirklich viel Energie, mit meinem Freund mitzuhalten. Vielleicht ist es Zeit, ein wenig Wasser, Strom und Komfort zu tanken. Ob es bei Booking wohl Unterkünfte in der Nähe gibt?
Gibt es. Die eine ist teuer, die andere ungewöhnlich. Es handelt sich nämlich um ein Bo & Yoga Vandrarhem, also eine Wohn & Yoga Jugendherberge.
Warum nicht? Das ist eine Art von Übernachtung, die ich eindeutig noch nicht hatte.

Farbenfreuden:
Galerie in der Scheune
 "Nur weil sie Yoga mögen, müssen sie ja nicht wahnsinnig sein."
- Mein pointierter Begleiter -
 

Knirschen statt pirschen:
Kiesweg bei Marsjö

Wir knirschen über Kiesstraßen, die ausnahmsweise mal Zäune statt Mauern haben, und biegen schließlich in einen alten und malerisch bewachsenen Hof ein. Das Gras rutscht farblich immer wieder ins Gelbliche ab und erinnert uns an die Dürre. Wir stellen die Räder ab und traten zwischen die dicken weißen Mauern, und sofort umfängt uns eine himmlische Kühle.
In der Scheune malt eine Künstlerin Bilder von Sonnen und Silhouetten in allen möglichen Farben. Sie mietet sich hier öfter mal ein und hilft in der Unterkunft, denn auf Öland hat sie mehr Ruhe als auf ihrer sehr touristischen Schäreninsel bei Göteborg.

Veganicht so schlecht:
Frühstück in Marsjö

Den ganzen trocken-idyllischen Bauernhof kauften sich vor einigen Jahren eine Business-Beraterin/Yogalehrerin und ihr Mann, ein Armeeoffizier im Ruhestand. Sie wollten darin ein Hostel aufbauen, das ganz der Yogo-Philosophie folgt. Und der freundliche Herr an der Rezeption sieht ziemlich genau so aus, wie man sich jemanden in einer solchen Unterkunft vorstellen würde. Wir erhalten einen Zimmerschlüssel, der keine Nummer hat, sondern den Namen Blomsteränget (Blumenwiese). Der Spiegel im Zimmer zeigt unsere Gesichter inmitten der Worte Du bist wertvoll. Fernsehen und WLAN gibt es nicht, aber wer sich beschäftigen möchte, findet im Gemeinschaftsraum Brettspiele, Ausmalbücher und Stifte. Das vegane Frühstück kostet extra, die Klangschalensitzung am Abend und das Yoga am Morgen sind im Preis inbegriffen. Aber nur, wenn sich rechtzeitig mindestens drei Leute auf dem Whiteboard eintragen. Die Klangschalen seien sehr gut zum Einschlafen, das Yoga zum Wachwerden, warb der Rezeptionist. Dann ist es ja gut, dass beide Programmpunkte zur korrekten Tageszeit platziert wurden.
Am nächsten Morgen sind wir wirklich noch nicht ganz wach und lassen uns darauf ein. Wir betreten einen Raum mit mehreren Gongs, von denen kein einziger benutzt werden wird, und nehmen Platz auf einer Matte mit einem Haufen ordentlich platzierter Kissen, von denen kein einziges gebraucht wird und die mir im Gegenteil ständig im Weg sein werden. Wie erwartet und angekündigt geht es hier weniger darum, gleich hochkomplexe Verrenkungen wie den Herablassenden Hund durchzuführen. Stattdessen soll man sich erst mal ordentlich strecken und schütteln, und zwar mit geschlossenen Augen, damit es nicht peinlich ist, wie doof man dabei aussieht (das funktioniert besser als gedacht). Gegen Ende kamen dann ein paar ganz minimale Verrenkungen dazu, an denen sogar ich nur teilweise scheiterte. Extra für uns erklärte die Lehrerin auch alles auf Englisch, aber mindestens so wichtig wie die Sprache ist es, auch hinzugucken, was genau uns da gerade vorgemacht wird. Was dann zum Problem wird, wenn man nicht rafft, dass man die Augen inzwischen wieder öffnen darf.

Am Ende des Gonges: Yogaraum

War ich hinterher wacher? Eindeutig.
Hätte ich diese Wachheit auch durch zehn Minuten radeln erlangen können? Ich bin nicht sicher.
Aber war diese Unterkunft genau das Richtige für diesen Punkt der Reise? Ich glaube schon.

Donnerstag, 13. August 2026

Öland: Von Vickleby nach Skärlöv

VOGELURLAUB MACHT MAN ÖLAND

DER SÜDEN DER INSEL ÖLAND IST FLACH UND KOMPLETT ZUGEMAUERT. WER HÄTTE GEDACHT, DASS DAS FÜR EIN WELTKULTURERBE REICHT? ZWEITER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Der nutzlose Hadrianswall von Öland: König Karl X Gustavs Mauer

Behaglich: Strand in Haga Park
mit Dusche (hinten rechts) 

Wir stehen am Ostseestrand und reiben uns den Schlaf aus den Augen. Über uns zartblauer Himmel mit kleinen Wolken, hinter uns eine idyllische Heckenlandschaft mit Fitnessgeräten, Spaziergängern und Umkleidewänden. Und vor uns die Ostsee, in der wir jetzt das erste Bad der Reise nehmen werden. Es gibt nur noch zwei Hindernisse, die uns davon abhalten:
Unsere eigene Überwindung.
Und ein Bagger.
Seit Stunden brummt das Fahrzeug über den schmalen Sandstrand von Haga Park hin und her, um ihn zu verschönern. Sofern man der Meinung ist, eine dicke Reifenspur, ungefähr so breit wie der Sandstreifen selbst, verschönert den Strand. Denn das ist der einzige sichtbare Effekt, den der Bagger hervorruft.
Nun, wir brauchen das Bad, nicht nur des Vergnügens wegen, sondern auch für unsere Hygiene. Ich habe meinen teuren Begleiter überzeugt, das mit dem Duschen sei kein Problem mit der Ostsee am Wegesrand und etwas Naturseife im Gepäck sei das mit dem Duschen beim Wildcamping kein Problem. Jetzt muss ich liefern.
Und Haga Strand liefert. Eine Dusche. Sie steht direkt am Badestrand, darunter ein hölzernes Rechteck aus weichem Gras - viel besser geht es nicht. Natürlich wagen wir uns auch noch kurz in die Wellen, als der Bagger gerade am anderen Ende ist. Der Badestrand hat einen Schwimmsteg und erstreckt sich trichterförmig zwischen der Windsurfing Zone und der Kiteboarding Zone. Wassersportler lieben den Kalmarsund, und Schilder trennen sie klar von dem Schwimmern, damit auch niemand übersurft wird.

Leicht beschrankt:
Einfahrt nach Mörbylånga 

Maistens asphaltiert: Radweg
Ölandsleden mit Wegweiser

Also dann, wir sind sauber, dann nichts wie auf zur schwitzigen Inselrundfahrt! Wir kurven durch Wälder, Campingplätze und Maisfelder, und sobald wir wieder auf der offiziellen Route sind, weisen uns quadratische gelbe Schilder den Weg. Ein Radweg bringt uns schnurgerade rein in die Außenbezirke von Mörbylånga, also schauen wir uns erst einmal eine schwedische Öland-Stadt bei Tag an. Zunächst sehen wir nur weiße Supermärkte und eine mit fantasievollen Bildern besprühte Autowaschanlage.

Da wird der Hund in der Kiste
verrückt: Hundeparkplatz am
Supermarkt Mörbylånga 

Mein Begleiter kauft sich sein Proteinbrot, und ich entdecke geräuchertes Rentier aus der Tube. Beides zusammen schmeckt weitaus besser als erwartet. Vor dem Supermarkt stehen nicht nur Fahrradständer, sonder auch zwei Boxen, in die kein Fahrrad reinpasst. Es soll auch etwas anderes rein: Hundparkering steht außen drauf. Wahrscheinlich ein durchaus sinnvolles Konzept, das den Tieren mehr Überlebenschancen als im geschlossenen Auto einräumen soll, und doch ist der Anblick etwas befremdlich, und für notorisch vermenschlichende Hundefreunde wahrscheinlich sogar mehr als das.

H2Oh-no: Brunnenhaus auf
dem Marktplatz Mörbylånga 


Je weiter wir uns auf der Hauptstraße in Richtung Meer und bewegen, umso mehr kleiner und hölzerner wird die Innenstadt. Mein teurer Begleiter

Garantiert ohne bayrische
Foodinfluencer: Café
Söderbönur in Mörbylånga

ist überrascht, dass in Schweden wirklich so viele Häuser rot angemalt sind, wie das Klischee besagt. Ich dagegen sehe gar nicht so viel rot, sondern viel blasses Gelb und Weiß.
In diesem Stil ist auch das kleine Brunnenhaus angemalt, das von der Größe her eher einem Brunnen als einem Haus entspricht. 1842 bohrten die Öländer darin ein Loch, aber so nah an der Ostsee war das Wasser absolut untrinkbar. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Die Mörbylånger mussten einen Kilometer nach Osten, bis 1892 endlich Stück weiter südlich ein trinkbares Grundwasser innerhalb der Stadtgrenzen aufgebohrt wurde. Wasserprobleme hat die Insel allerdings bis heute. Und die hängen indirekt mit dem Objekt auf der anderen Seite des Marktplatzes zusammen: Raucher sollen ihre Kippen in einen Glaskasten werfen und dabei abstimmen, ob es sich am besten per Auto oder Fahrrad reist. Wenig überraschend bevorzugt die Mehrheit der Menschen, die persönlich gern Abgase ausstoßen, diese Eigenschaft auch bei ihrem Fahrzeug.
Wir holen uns Tee und Möhrenkuchen im Café Söderbonur, wo alles familiär eingerichtet ist, Bücher herumliegen und die Kunden an der Theke Schlange stehen.

Grün sind noch die Wälder,
gelb die Stoppelfelder:
Straße durch Südöland 

Dann geht es etwas geradliniger weiter durch die Felder des Südens. Die Straßen werden kleiner, die Radwege hören auf, gelb und hellgrün dominieren die Landschaft.

Im Rauschzustand:
Küstennaher Radweg 

Zweimal gibt es allerdings auch malerische Abschnitte direkt an der Küste, zwischen malerisch schiefen Bäumen und Gräsern, nur wenige Meter über dem Klatschen der Wellen.Die ersten Grundstücke sind noch von Holzbalken und Holzstatuen begrenzt, aber Öland hatte schon immer Wald. Und so taucht jetzt das Baumaterial auf, über das die Insel massenhaft verfügt, weil sie hauptsächlich daraus besteht: Kalk.

Alt und verkalkt:
Kalksteinmauer

Den sehen wir erst einmal nur in zurechtgehauener und verbauter Form, wie er die ganze Insel kreuz und quer mit einem Gitternetz aus Mauern überzieht. Die mittelalterlichen sind krumm mit runden Steinen, sie erinnern eher an norddeutsche Feldsteinmauern. Die aus dem 19. Jahrhundert sind gerader, und der Kalk hat die Form gut stapelbarer Quader angenommen.

Schwedische Gardinen mal
anders: Viehsperrgitter, Mauer
Elektrozaun und Ostsee

So oder so sind die Mauern aber ganz schön niedrig, nicht selten werden sie überragt von Grashalmen oder Elektrozäunen. Wie genau sie die Tiere ohne den Strom in ihrem Rechteck gehalten haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht waren die Schafe früher kleiner. Oder gehorsamer.
An einer Mauer hingen ein Gedicht und Lederschuhe. Letzteres blieb ein Rätsel, ersteres handelt davon, wie das lyrische Ich ihrem Pferd versichert, es werde nicht nach Polen verkauft, weil da Krieg ist.

"Lilla hästen min, i kriget skall du aldrig ut, till Polen blir du aldrig såld."
- Anna Rydstedt, Genom nålsögat, 1989 -
 

Home Alaun:
 Ruine des Alaunwerks

In einer versteckten Ecke bilden die Kalksteine plötzlich mehr als eine Mauer. Viel mehr. Die verfallenen Tore erinnerten an eine Burg, aber was ist das bitte für ein hoher Turm aus immer kleineren Rechtecken? Auf jeden Fall etwas anderes, als ich gedacht habe: Ein Alaunwerk. Zwischen dem Kalk versteckt sich nämlich Alaunschiefer, und in dem zufällig ein Zeug, für das die Gerber, Textil- und Papierfabriken gut bezahlten, oder naja, zumindest bezahlten. Dazu mussten nur Männer den Schiefer im Steinbruch abbauen, Frauen und Kinder zerschlugen ihn mit Hacken und schoben die Karren ins Werk, wo das Zeug noch mehrmals geröstet, gekocht und gereinigt werden musste. Es arbeiteten genauso viele Männer wie Frauen im Werk, ein Drittel davon waren allerdings Kinder unter 12. 1806 startete das Werk, ein Jahr später war es schon führend in Skandinavien und exportierte bis nach Russland. Wie viel von den Einnahmen wohl bei den Kindern unter 12 ankam?

Rest in Wies: Gräberfeld 

 

Mahlmal: Kaputte
Windmühle 

Viel einfacher lässt sich die Anwesenheit der Windmühlen erklären. Die Erklärung pustete mir geradezu frontal ins Gesicht und bremste mein Tempo, damit ich mir die Mühlen auch ja genau ansah. Jeder Hof hatte ein bis zwei Mühlen, und gefühlt stehen die alle noch. Manche sind klapprige Holzruinen ohne Flügel, andere aus Kalkstein gemauert, so fest, dass auch heute noch ein Restaurant darin Platz findet.
Und was gibt es sonst noch? Ach ja, Gräberfelder. Nicht wenige der Rechtecke enthalten einen Kreis runder Kalksteine, in dem die ersten Öländer ihre Verstorbenen begruben. Die Tiere durften natürlich weiterhin rundherum grasen, so spart man sich gleich die Kosten für die Grabpflege.

Mauer ohne Power:
Kung Karl X Gustavs mur

Während ich all das bewundere, ist mir mein teurer Begleiter längst davongezogen. Und bei dem Gegenwind kannich ihn auch unmöglich einholen. Erst nach Stunden kündigt sich allmählich das Südende der Insel an. Und zwar (Wie sonst?) mit einer Mauer, aber diesmal einer größeren.

Meine Tür steht immer offen,
bleibt bitte trotzdem draußen:
Königliche Einfahrt Ottenby

Die Kung Karl X Gustavs mur spannt sich über die Wiese, so weit das Auge reicht, und schneidet die Südspitze Ölands ab. Ein paar Rinder grasen in ihrem nichtvorhandenen Schatten. Das Land dahinter war und ist bis heute königliches Jagdland. Damit er überhaupt was zu jagen hatte, importierte Karl der König Dammhirsche aus England und ließ sie frei. Die Bauern waren not amused, denn das Jagdwild fraßen ihnen das ganze Saatgut weg. Der König hatte Verständnis für diese Sorgen und fasste deshalb die Absicht, eine Mauer zu errichten. Nur war der antihirschistische Schutzwall komplett sinnlos, weil ein Dammhirsch problemlos darüber hinwegspringen konnte. Tja, hätte Karl Gustav mal dazu auch gleich eine Nachtwache eingerichtet.
Kurz dahinter steht am Ende einer Allee das königliche Gut Ottenby, aus dem die königliche Familie ihre eigenen Milchprodukte, Holz und Wolle bezog. Die Tore stehen offen, das Ganze wirkt erstaunlich einladend, nur ein sehr kleines Schildchen weist darauf hin, dass alles privat sei - obwohl es laut Texttafel allen Schweden zusammen gehören soll. Hm.

Hasse mal ne Möhre?
Schafsblockade bei Ottenby 

Jetzt führt bloß noch eine einzige Straße durch das Naturreservat Ottenby bis zur Südspitze. Wohnmobile ignorierten das Wohnmobilverbotsschild und polterten über die Viehsperre im Boden.
Steinalt: Kungens Stenar
Gewöhnliche Autofahrer dürfen noch weiter, haben es aber nicht leicht: Immer wieder blockieren stoische Schafe den Weg und blöken den Eindringling an. Sobald er bremst, treten sie ans Fenster, als wollten sie betteln. Als Radfahrer dagegen kann ich die Wollblockaden problemlos umkurven.
Schon von Weitem sind die Kungens Stenar zu sehen: Zwei eckige Klötze, oben breiter als unten, als hätte jemand einen spitzen Steinkeil in die Erde gerammt. (Vielleicht hat man das auch, ich habe nicht nachgegraben.) Anders als die Königsmauer stammen die Dinger vielleicht gar nicht von einem König, das ist einfach nur ein besonders großes Grab aus der Eisenzeit.

Kapellenstelle: Reste von
St. Johannis

Schwerer zu erkennen sind die Reste der St.-Johannis-Kapelle, ein paar verstreute Steine auf einer leicht erhöhten Fläche, dazu ein kleines Modell der Kirche. Sie gehörte Händlern, was erklärt, warum zwischen den Gottesdiensten Waren darin gelagert wurden.

Da haben wir's
Schwarz auf Weiß:
Leuchtturm Långe Jan 

Aber nicht, warum das Lager- und Gotteshaus nicht mehr steht. Die Ostsee hat es jedenfalls nicht weggespült, die ist noch 100 Meter entfernt. Weggespült hat sie vielmehr die Reformation weggespült, weil extra Kirchgemeinden für Handelsgilden danach weggekürzt wurden.
Und in der Ferne sehe ich bereits, was stattdessen aus den Steinen entstand: Eine weiße Säule mit einem einzigen schwarzen Streifen. Eigentlich sieht er nur durchschnittlich hoch aus, trotzdem ist der Långe Jan Schwedens höchster Leuchtturm. Die Insulaner waren über seinen Bau nicht sehr glücklich, denn das Plündern von Wracks stellte für sie eine wichtige Einnahmequelle dar.
An seinem Fuß wartet mein geduldiger Begleiter.

Auf dem Lången Jan:
Plattform und Plattland 

Im Lången Jan:
Treppenhaus mit
Durchblick 

Wer nicht über das nationale Bezahlsystem Swish verfügt, muss seine Karte im kleinen Gratis-Naturreservatsmuseum kaufen. Das tun wir brav und steigen ein komisches Treppenhaus hinauf. Durch die Balken können wir bis zur höchsten Etage schauen, erst allmählich schraubt sich die Treppe ins Innere des Turms, und die Decke kommt uns immer weiter entgegen. Wir treten auf einen Balkon, hinter uns funkelt das Sonnenlicht auf der Fresnel-Linse, die wie immer in einzelne Segmente aufgespalten ist, das spart Material. Nur die Abbildungsqualität wird schlechter, aber das ist bei Leuchttürmen ja nicht so wichtig. Im 19. Jahrhundert wurde jede Menge Leuchtturmzeug erfunden und eingebaut, Spiegel wurden zu Linsen und dann zu Fresnel-Linsen, Lampenöl zu Paraffin und dann zu Strom, ein Uhrwerk drehte das Licht und wurde später nochmal beschleunigt.
Um uns herum erstreckt sich die grüne Landspitze, und alles ist dermaßen flach, dass es aussieht wie ein Satellitenbild aus noch größerer Höhe - fast glaube ich, die Erdkrümmung zu sehen. Hinter dem rostigen Geländer lässt sich ein brauner Vogel nieder und blieb entspannt sitzen, er weiß ja, dass ihn dort niemand erreicht.

Mutter, Futter!
Schwalbenküken in Ottenby

Ach ja, die Vögel. Die sind hier überall.
Die meisten Vögel brüten auf den Seeweiden der Ostseite, weil Öland dort sanft abfällt. Enten, Möwen und Schwalben mögen ihre Wiesen nah am Meer, offen, groß, und kurz, wobei für die Kürze idealerweise andere Tiere verantwortlich sein sollten und keine Mähroboter. In einer Rasthütte hängen mehrere Schwalbennester, manche klassisch von oben, andere andersrum von unten gebaut. In dem einen ziepen die dicken Küken nach Essen und sperren ihre gelben Schnäbel auf, in dem anderen ist ein alleinerziehendes Elternteil offenbar froh, dass die Kinder aus dem Haus sind. Er wendet uns seine Rückseite zu und lässt etwas Weißes auf eine weiße Ecke der Bank fallen, auf die sich garantiert niemand mehr setzen wird. Hier werden wir das Mittagessen auf jeden Fall nicht kochen.

Wir sind Elektrozaungäste:
Ölands Südende 

An der endgültigen Südsitze sind die letzten paar Meter Gras mit Stromzäunen abgesperrt. Weitaus mehr Vögel sitzen aber ein Stück weiter westlich, und dort ist nichts abgesperrt. Mein Freund wundert sich, dass die Touristen dort mitten reinlaufen könnten in diesen Ort, der an eine Pinguinkolonie erinnert. Aber niemand läuft dort rein.
Ansonsten gibt es in der Südspitze noch einen Ausstellungsraum mit Fotoalbumseiten, die eine Kindheit am Leuchtturm Ende der 1940er dokumentieren. Schwarzweiße Menschen schleppen Kartoffeln und Fisch, und die Kinder bewundern das Auto von Onkel Mattson, dem einzigen Autobesitzer der Familie. Und in dem Bild unten rechts in der Ecke ist dann plötzlich der König zu Besuch. Ich hatte Hunger, und da es keine geeignete Kochstelle gab, holte ich mir noch etwas in der Touri-Kantine. Mein Begleiter kam zu dem Schluss, dass dieses Essen aussah und so klang, als käme es aus der Dose, dann aber doch etwas besser schmeckte, sodass er gerade so nicht aus der Dose kam.

Zeilenmeilen: Fahrt
durch Ölander
Zeilendorf 

Gestärkt und mit Rückenwind ging es weiter, trotzdem war klar: Unser Tempo ist einfach zu unterschiedlich. Ich bin zwar erfahrener, aber auch langsamer. Wenn wir jedes Mal die halbe Tagesetappe auseinanderfallen, kann ja gleich ebenso gut jeder die Reise allein machen. Wir tauschten notgedrungen die Räder, und mit gelegentlichem Aktivieren des Elektroantriebs konnte ich locker Schritt halten.

Alwahnsinn: An der großen
Alvar-Landschaft vorbei 


Der Rest der Strecke ist schnell beschrieben. An der Ostküste folgten wir immer derselben Straße in Richtung Norden, das Meer war außer Sichtweite und die ewigen Felder wurden eintöniger. Dafür wurden aber die Dörfer älter und schöner, rotweiß reihen sich die Bauernhöfe an der Straße auf, natürlich immer mit Kalkmauer. Mittelalterliche Zeilendörfer wie diese bestehen aus genau zwei Zeilen, an jeder Straßenseite eine, dahinter kommen auch schon die Äcker. Nur Handwerker, Fischer, Landarbeiter und Windmühlen mussten außerhalb davon wohnen, denn sie hatten keinen eigenen Hof, sie waren höchstens Teil von einem.

Bank statt Bahn: Ruine
des Bahnwärterhauses 

Eine Insel mit null
Gleisen: Ex-Bahntrasse 

Das Dorf Slagerstad durchquerten wir so schnell wie möglich, erst in Skärlöv bogen wir ab. Mir wurde dieses Jahr die App Vildnis empfohlen, auf der international alle möglichen Schutzhütten und Zeltstellen verzeichnet sind - sogar in Schweden. Trotz Jedermannsrecht hat man auch hier gelegentlich Shelter zum Übernachten wie in Dänemark gebaut, und eins davon folgt jetzt.
Dazu fahren wir auf einem Kiesweg und überqueren auf einer kleinen Brücke eine Ansammlung von Kalksteinplatten, bei der ich mir nicht ganz sicher bin, ob das nun ein ausgetrockneter Fluss ist oder ein sehr schlecht instandgehaltener Weg. Die Kalklandschaft tut komische Dinge. Der Weg ist geradlinig wie eine Bahntrasse, was dran liegt, dass er mal eine war - bis 1961 hatte die Insel auch ein kleines Bahnnetz. Davon profitieren wir auch jetzt noch. Wo eine Bahn fährt, muss auch ein Bahnwärter her, jedenfalls im Jahre 1910. Der Wärter in Skärlöv lebte mit seiner Familie direkt an der Bahn in einem kleinen Häuschen. Ein Teil davon ist von dornigen Pflanzen bewachsen, von einem anderen sind nur noch graue Grundmauern übrig, sorgsam freigelegt und geputzt wie eine Ruine aus dem römischen Reich.

Einfacher Luxus: Shelter
von Skärlöv

Und auf seinem Grundstück werden wir übernachten. Aber nicht im Haus, sondern in einem Shelter aus dunklen, runden Holzbalken. Manche der schwedischen Shelter dieser Bauart sind laut Onlinebewertungen "pretty leaky", dieses aber nicht. Der Komfort wird komplettiert durch eine Feuerstelle mit Grillgitter und ein Plumpsklo, auf dem sogar in einer ZIP-Tüte eine Damenbinde for anyone in need liegt.
Mein Begleiter ist begeistert. Mission Wildcamping-Überzeugung läuft super.

"Kennst du schon diese Funktion bei Mapy?", fragte er abends.
Nein, die kannte ich nicht. Unter anderem, weil sie auf meinem alten Handy noch nicht funktionierte.
Man kann dort das Land scannen und sich die Namen der Berggipfel auf dem Bildschirm anzeigen lassen (allerdings nur viermal kostenlos). Tapfer durchsuchte die App Öland und wurde sogar fündig, auch wenn sie dafür die Definition eines Berges ein wenig herabsenken musste.




Wenig erhebend: Einige Gipfel von Öland laut mapy.cz

Was ist das nur für eine Landschaft? Flachland bin ich aus meiner Heimat gewohnt, aber irgendwas ist seltsam an dieser Steppe aus Stein und wogendem gelblichen Gras. Warum wachsen hier so wenig Bäume und Sträucher?
Es ist ein Alvar-Boden. Öland hat mehrere davon, aber Stora Alvaret im Süden ist mit Abstand der größte, er macht ein Fünftel der Insel und den Großteil des Weltkulturerbes Agrarlandschaft Südölands aus. Was an diesem Flachland so besonders ist, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick: Die Erdkruste ist besonders dünn. In der dünnen Schicht Erde können Bäume keine Wurzeln schlagen, manchmal liegen die Kalksteinplatten sogar nackt da und die Tiere können nur das abfuttern, was zwischen den Ritzen wächst.
Orchideen, Insekten und Schmetterlingen gefällt es trotzdem. Und kaum hatte sich das Eiszeiteis aus dem Staub gemacht, kamen auch die Steinzeitmenschen und trieben ihre Kühe und Schafe, um den Alvar-Boden abzufuttern. Es war so warm, dass die Viecher das ganze Jahr über draußen stehen konnten, und falls die Alvar abgegrast waren, gab es immer noch die saftigeren Seeweiden an der Ostsee. Seit fünftausend Jahren grast das Vieh auf denselben Plätzen, was der Hauptgrund ist, warum die Unesco das mit dem Weltkulturerbe anerkannt hat.
Mit dem Ackerbau war es nicht so leicht, die meiste Zeit holten die Bauern nur das notwendigste Getreide und Tierfutter aus den wenigen geeigneten Flächen. Erst im 20. Jahrhundert probierten sie auch mal mit anderen Pflanzen herum. Heute wächst im Osten das Tierfutter gleich neben den Tieren, während zum Beispiel Braune Bohnen voll auf den Kalkboden im Westen abfahren. Natürlich hatte jeder Bauernhof seine eigenen Fluren, aber der Großteil vom Stora Alvaret war gemeinsames Weideland. Und anders als im Rest von Schweden blieb das auch bei den Privatisierungs-Bodenreformen im 19. Jahrhundert so. Die dünne Erdkruste war für Waldwirtschaft nutzlos, sodass sich die Mühe nicht lohnte, sie aufzuteilen.

Das beantwortet doch schon mal ein paar Fragen. Und eine weitere kann ich auch schon beantworten.
Ist ja alles ganz schön, aber ist das wirklich die spannendste Landschaft, die Öland zu bieten hat?
Nein, eindeutig nicht. Da kommt noch mehr.

Mittwoch, 12. August 2026

Öland: Von Färjestaden nach Vickleby

IM SCHUTZGEBIET DER NACHT

WIR ERREICHEN AUF ABENTEUERLICHE UND WILDROMANTISCHE WEISE DIE INSEL ÖLAND.  ERSTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN
 

Alle Vögel sund schon da: Beijerhamns naturreservat (Öland) am Kalmarsund,
im Hintergrund die Stadt Kalmar (Festland)

 

Es radelt in der Kiste:
Bikeboxen im Öresundzug
"Nästa: Kalmar Central."
Zischend kommt der Zug an der Endstation zum Stehen, und mehrere Männer greifen nach ihren Koffern. Wobei das Wort Koffer diesem Monstergepäckstücken nicht mal ansatzweise gerecht wird. Nur weil die Riesenkisten senkrecht aufgestellt wurden, kommt überhaupt noch jemand durch den Gang zwischen den Klappsitzen durch. Was da drin ist, daraus machen die Plastikkisten keinen Hehl. Bikebox steht außen drauf, auch die Form deutet vageauf zwei Räder im Inneren hin. Eine kurze Online-Recherche meines Begleiters ergibt, dass die Dinger ab 400 Euro und deutlich aufwärts zu haben sind, wenn man das eigene Rad im Flugzeug sicher transportieren will. Ergibt Sinn, immerhin sind die alle im Flughafen Kopenhagen zugestiegen. Ich dachte, diese Radprofis würden von einer Fernreise in 
Dessieht nach einer Fähre aus:
Cykelfärjan Dessi im Hafen Kalmar
ihre jeweilige Heimatstadt zurückkehren. Doch sie sind alle bis zur Endstation dringeblieben. Wohnen die etwa alle in Kalmar?
Auch am Innenstadthafen von Kalmar haben sich so einige Radler und Fußgänger versammelt, diesmal mit vergleichsweise nackten Rädern, alle wie magisch angezogen von dem großen blauen Fußgänger- und dem ebenso großen blauen Fahrradschild. Die Schilder verweisen aber nicht auf einen Weg, sondern auf die Cykelfärjan Dessi. Um 21:30 soll die letzte Fähre abfahren, die wir mit diesem Zug noch schaffen. Kaum haben wir gehorsam ein Onlineticket gebucht, da tuckert auch schon ein kleines türkises Schiff an die Kaikante heran und klappt langsam seine Seite auf. Brav warten wir oberhalb der hölzernen Rampe, damit auch zuerst alle rollenden Fährgäste aussteigen können - bis uns klar wird, dass 100 Prozent der Aussteigenden in der Lage sind, die Treppe zu nutzen.
Duch Fallstudien nachgewiesen:
Fahrräder kippen auf der
Fähre Dessi leicht um
"Fahren Sie auch zum Ironnman, zum Radrennen?", fragt uns ein schwedischer Junge mit Angelrute in der Hand. Ich muss kleinlaut einräumen, dass wir gewöhnliche Radtouristen sind und eigentlich nicht vorhatten, Tony Stark zu besuchen. Gut, denn sonst seien wir auf der Fähre falsch: Die Radrennprofis dürfen morgen ausnahmsweise über die Autobahnbrücke zur Insel radeln, wo sie dann unter anderem noch rennen und in der Ostsee schwimmen. Auch während der nächsten Tage werden wir immer mal große rote Schilder sehen, wonach in ein paar Tagen diese Straße von 8:30 bis 13 Uhr gesperrt sei. Durch puren Zufall kommen wir dem Rennen aber nie ins Gehege. Das Rätsel der Bibeboxen hat der Junge auf jeden Fall gelöst. Er selbst wohne auf der Insel, sie seien nur zum Angeln aufs Festland rübergefahren. Das machen die Kinder offenbar öfter, denn einer seiner Angelfrende plauderte sehr vertraut mit der Verkäuferin an der Snackbar. Heute sei die Ausbeute mager, aber einmal habe er einen soo großen Hering... Ich nicke beeindruckt. So jung, und spricht schon fließend Englisch und Anglerlatein. Das schwedische Bildungssystem hat sich wieder einmal bewährt.

Lichterlinie:
Färjestaden bei Nacht

Dessi, das Monster vom Kalmarsund, brummt immer weiter in den Sund hinein und schaukelt immer stärker. Ich schwanke mit ihr und muss mich auf einen schwankenden Stuhl setzen. Ob mein Rad noch steht? Naja, die Tür zum Außendeck ist geöffnet, ich werde es ja wohl hören, wenn es umfällt, dachte ich. Irrtum: Natürlich liegt es schon längst am Boden. Die Dunkelheit ist angebrochen, und Färjestaden kommt näher. Gut, denn so langsam schlägt mir Dessi auf den Magen, so familiär und putzig die Fähre auch sein mag. Noch ist Färjestaden nur eine wankelmütige Linie orangefarbener Lichter in der Schwärze: Der Mittelpunkt bleibt an Ort und Stelle, aber das linke und rechte Ende schwingen wie wild auf und ab - der Horizont dreht durch.
Taghell: Färjestaden am Tag
Nach 30 Minuten wilder Fahrt ist es so weit, wir betreten dankbar öländischen Boden, und mein Eindruck der Stadt verändert sich. Zumindest ein wenig. Denn jetzt schwankt die Lichterkette immerhin nicht mehr. Und ich kann erkennen, dass die Häuser an der Hafenkante eigentlich weiß und nicht orange sind.

Unge-Fähre Angabe: Die rostige
Autofähre im Hafen Färjestaden
ging in den 70ern außer Dienst,
weiter links die heutige Anlegestelle

Das Zentrum besteht aus einem Coop, einer Bushaltestelle und unffälligen farbigen Reihenhäuser in drei Stockwerken. Es fällt mir schwer zu glauben, dass das hier und nicht Borgholm die größte Stadt der Insel 

Rücklichtsvoll: Ausfahrt aus
Färjestaden bei Nacht

sein soll. Eine rostige Autofähre liegt noch immer im Hafen, abgesperrt als Privatgrundstück. Vermutlich ist es nicht die Dessi, sondern dieses Relikt, dass Färjestaden seinen Namen gab - damals, vor dem Brückenbau in den 70ern.
Hurtig spurten wir auf straßenbegleitenden Radwegen aus der Stadt, ignorieren die recht schicken Hotels und Wohnhäuser. Ich will meinem teuren Begleiter auf dieser Reise die gar edle, wilde und vor allem kostengünstige Kunst des Wildcampings vermitteln, und zwar indem ich gleich in der ersten Nacht gegen einen der wichtigsten Grundsätze verstoße: Suche den Lagerplatz noch im Hellen. Neun dunkle Kilometer sind noch zu absolvieren bis zu der Stelle, die ich ausgesucht habe. Hohe Gräser schälen sich aus dem Scheinwerferlicht, und schließlich taucht ein Laubwald auf, den ich als freundlich und mein Begleiter als unheimlich einstufen. Auf den großen schwedischen Inseln sind die Naturschutzgebiete oft nur kleine Waldrechtecke oder schmale Streifen entlang der Küste, was es deutlich leichter macht, schöne legale Zeltstellen zu finden.
Der grüne Mittelweg:
Waldpfad zwischen den
Naturschutzgebieten
 
"1. Årta (Anas querquedula) hona (female Garganey) 2. Snatterand (Annas strepera) hane (male Gadwall)..." - Vogel-Bestimmungstafel im Beijershamn naturreservat -
 
Wir biegen auf einen radelbaren Kiespfad ein. Dieser Streifen mit großen windschiefen Hecken hat schon einen Hauch von Dünenlandschaft, auch wenn er zwischen zwei Wäldern bzw. dem Beijerhamns naturreservat und dem Naturreservat Vickleby

Nur wortwörtlich auf dem
Holzweg: Steg ins
Beijerhamns naturreservat

 ädellövskogs naturreservat liegt. Letzteres ist einfach ein kleines rechteckigen Waldstück, aber ersteres haben wir uns am nächsten Morgen noch genauer angeschaut. Im Prinzip das klassische Programm: Hölzerne Aussichtstürme, eine flache Gras- und Algenküste und natürlich ein langer Holzsteg über dir Salzwiesen und Seen. Die vorhandenen Vögel standen zu weit entfernt im Schlamm, um die 
Wogende Wiesen: Naturreservat
Beijershamn am Kalmarsund
Skräntärna von der Småtärna und der Silvertärna zu unterscheiden. Dennoch könnten wir sie aus nächster Nähe bewundern. Die üblichen Vogelbestimmungstafeln zeigten das Vogelvieh nämlich in ungewöhnlich küstlerischen Wasserfarbenzeichnungen. (Glaube ich. Es sei denn, das ist alle KI-generiert, das kann natürlich auch sein.) Ungewöhnlich auf derartigen Holtürmen ist sicher auch der Großstadt- und Großbrückenblick auf Kalmar. Und der kleine gelbe Stein mit Abba-Logo. So ganz natürlich ist das Beijershamn-Gebiet eigentlich nicht, es wurde gezielt angelegt und angepflanzt, um gegen Erosion und den steigenden Wasserspiegel zu schützen und den "missglückten" Hafenbau auszugleichen.
Mücken-Mauer:
Innenzelt zwischen den
Naturschutzgebieten
In diesem Haufen Natur sollte es auch eine Schutzhütte geben. Doch als wir am Zaun ankamen, erlangen Gelächter und Gespräche vieler Personen - besetzt!
Also schlugen wir unser Zelt auf dem mageren Rasen auf. Und zwar nur das Innenzelt. Denn die Regenwahrscheinlichkeit beträgt 10%, die Mückenwahrscheinlichkeit hingegen 100%.
 
 
 
 
Ach ja, und irgendwie haben wir heute eine Sonnenfinsternis komplett übersehen.