NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Freitag, 3. Juli 2026

Ålternative: Von Hummelvik nach Österkalmare

Vårdö ist eine landwirtschaftliche Insel voller... Weingüter, so hoch im Norden? Ach nee, sind doch nur Obstbäumchen. Für derlei botanische Feinheiten war ich noch nicht wach genug. Die Straßen sind weiterhin sportplatzrot.

Am nächsten Damm liegen

Schäre Nr. 35: Gersholmsören

mit viel Wald und genau einem Haus sowie

Schäre Nr. 36: Gersholm

mit einem Parkplatz und zwei Häusern. Darauf folgt dann

Schäre Nr. 37: Töftö

Die Inselnamen konnte ich auf schiefen, bunten Bushaltestellenschildern ablesen.

Töftö verließ ich über die letzte der gelben Kabelfähren. Mich hat etwas gewundert, dass die Fähre laut Onlinefahrplan nach Mitternacht gar keine Betriebszeit mehr hat. Heißt das, die ganze große Fahrzeugkolonne, die letzte Nacht von der großen Fähre gerollt ist, war auf dem kleinen Inseln gefangen? Das muss ja frustrierend sein, wenn es eine so späte Verbindung gibt, sie aber trotzdem nicht die Hauptinsel erreichen wegen dieses kleinen Hindernisses auf dem Weg zur

Schäre Nr. 38: Prästö

Diese Insel des Todes steckt voller Geschichte. Als Russland nämlich Finnland besetzte, baute es auf Prästö ein paar niedrige und überraschend ästhetische Gebäude, die noch heute stehen. Wozu sie dienten, verraten bereits die Straßenschilder: Lasarettvägen, Apotekgränd und Telegrafgränd.
So ein Lazarett im 19. Jahrhundert hat leider die Eigenheit, dass nicht alle darin überleben. Dennoch überraschte es mich sehr, als ich auf den kleinen grünen Wegweiser zum Gravplats stieß. Denn darauf prangten ein Kreuz mit einem dritten, schiefen Querbalken, ein sechszackiger Stern und eine Mondsichel. Das sind definitiv mehr Religionen, als ich auf dieser kleinen Insel erwartet hätte.

Und mehr Friedhöfe. Prästö hat sechs davon: Den katholischen, lutherischen und neuen orthodoxen, sowie an einer anderen Stelle den alten orthodoxen, jüdoschen und islamischen.
Der alte orthodoxe liegt hinter einer Art Weidezaun, damit ihn die Tiere des Waldes nicht abfuttern. Deswegen ist er komplett mit Farnen und Gräsern zugewachsen und als Friedhof nicht erkennbar. Die orthodoxen Christen waren in der russischen Armee natürlich in der Mehrheit. Sie markierten ihre Gräber mit Holzkreuzen, von denen nichts übrig ist, nur Muster im Boden verraten die Gräber, aber unter der dichten Pflanzendecke nicht einmal das. Ein schmaler Pfad wurde freigemäht und mit roten Holzpfosten markiert. Und der brachte mich in eine Ecke, wo tatsächlich noch ein paar von Flechten bedeckte Grabsteine herumlagen. Einige gehörten höherrangigen Offizieren und ihren Frauen, die meisten aber ihren Kindern. Sie starben jung, überdauerten im Tod aber länger als die meisten Erwachsenen. Zwar konnte ich auf den Steinen keinerlei Text erkennen, doch eine Tafel aus Kunststoff bewahrt alle Namen, die noch entziffert werden konnten.

Ganz anders sehen der jüdische und muslimische Friedhof aus. Beide sind klar abgegrenzte Rechtecke aus Steinmauern und Moos, mit deutlich niedrigeren Pflanzen (wenn man die Bäume nicht mitzählt).
Mit der russischen Garnison kam eine jüdische Gemeine von 100 Menschen auf die Inseln. Es ist nicht klar, ob die sechs Grabsteine (im Vordergrund) die einzigen sind, die sie auf ihrem Friedhof bestattet haben. Fests steht, dass die zweisprachigen Steine in hebräischer und kyrillischer Schrift erzählen, wie freundlich die Verstorbenen waren und dass sie Moses Gebote befolgten. Obendrauf liegen wie üblich kleine Steine.
Über die Menschen auf dem muslimischen Friedhof (im Hintergrund) ist fast nichts bekannt. Russland lag damals oft im Krieg mit dem Osmanischen Reich und schlug Aufstände in den neuen kaukasischen Provinzen nieder. Vielleicht waren es Kriegsgefangene aus diesen Konflikten, die auf den fernen Åland-Inseln Bauarbeiten durchführen mussten. Es ist auch nicht klar, ob sie hölzerne Gräber hatten oder ob die kleinen Steine und Hügel ihre Grabstätten sind.
Jetzt ruhen sie alle fern der Heimat auf einer ebenso unwahrscheinlichen wie ungewöhnlichen Insel, Seite an Seite mit jenen Gläubigen, die mancherorts noch immer als ihre Erzfeinde gelten.

Was mussten sie denn eigentlich bauen, und wieso gab es hier überhaupt so eine große, multireligiöse Garnison? Die Antwort liegt nur eine weiße Stahlbrücke entfernt auf

Schäre Nr. 39: Fasta Åland ("Festland Åland")

Noch bevor ich die Bomarsundbrücke überquert hatte und die Hauptinsel Ålands betrat, sah ich die Antwort bereits.

Fasta Åland war der westlichste Vorposten im russischen Zarenreich, und deswegen bauten sie da eine dicke Festung hin - aus irgendeinem Grund aber an die Ostseite der Insel. Bomarsund ist im Prinzip ein oranger, aber sehr lückenhafter Kreis aus ordentlich aufgemauerten Steinen, manche davon sechseckig wie Bienenwaben. Die Hauptstraße geht mitten hindurch. Schweden war nicht begeistert, und der britische Außenminister protestierte vergeblich dagegen.

Die Anlage ist schon beeindruckend, aber auch auf eine seltsame Art und Weise sauber und steril, sodass es mir schwerfiel zu glauben, dass die Ruine echt ist. Aber warum ist es überhaupt eine Ruine, noch dazu eine so niedrige, dass das Klettern-verboten-Schild eindeutig erforderlich ist? Ein Rundgang um die Wiese an den immergleichen rötlichen Ruinen brachte wenig Antworten, das Besucherzentrum war noch geschlossen. Am Wasser entdeckte ich eine ebenfalls rote Stele, die an gefallene britische Soldaten erinnert, und an den Earl of Wessex, der ihr Grab 2015 besuchte. Wo kommen denn jetzt die Briten her, und was ist hier passiert?
Der Krimkrieg ist passiert.
Eine Antwort, die vielleicht noch mehr Fragen aufwirft. Fragen wie: Ist die Krim nicht ein bisschen woanders? Ist sie, und Jerusalem, wo der Krieg ausgelöst wurde, ist sogar noch weiter entfernt. Aber als die Briten, Franzosen und Osmanen im brutalen Fleischwolf des ersten industriellen Kriegs die Ausdehnung des Russischen Reiches stoppen wollten, da griffen sie auch Russlands Häfen und Werften in Finnland an. 1854 war Bomarsund dran. Briten und Franzosen segelten nach Åland. Weil die russische Truppe unterlegen und die Festung erst halb fertig war, kapitulierten sie neun Tage später. Die Westmächte sprengten Bomarsund, einige Ziegel wurden für die orthodoxe Kathedrale in Helsinki wiederverwendet.

Das wäre geklärt, aber was sollte mit den Inseln passieren? Selber besetzen wollten die Briten sie offenbar nicht, Finnland existierte noch nicht, also boten sie Åland den Schweden an, wenn die dafür ihrem Militärbündnis beitraten. Der schwedischen Presse gefiel das Angebot gar nicht, sie verglich die geschenkten Inseln mit dem trojanischen Pferd. Schweden lehnte ab und blieb neutral, und Russland durfte die Inseln behalten, musste aber versprechen, nichts Militärisches mehr darauf zu installieren. Es blieb also bei den ganzen Russenruinen, die seit der Sprengung nicht mehr in die Höhe wuchsen.

Ein paar Kilometer weiter wurde es noch viel anschaulicher. Ich fuhr anscheinend gerade auf der ultimativen Museumsmeile von Åland. In Kastelholm folgten drei ganz liebevoll gemachte Museum hintereinander, die zusammen die Inselkultur in allen Facetten zeigen und in denen man viele Stunden verbringen kann. Und die kosten alle zusammen nur 10 Euro. Ein absolutes Schnäppchen im Vergleich zu den Museen auf dem Festland.
Das erste ist das Freilichtmuseum Jan Karlsgården. Dort wurden seit den 30ern 20 Häuser aus allen Ecken Ålands aufgestellt. Das große Wohnhaus gehörte einem Typen namens Jan Karl, und ihm zu Ehren heißt das Museum übersetzt Jan Karls Hof. Ein Holzzaun schließt die Häuser und Ställe in einem Rechteck ein. So grenzte man sich von seinen Nachbarn ab, wie an vielen anderen Orten der Welt auch, nur dass in Åland die Querbalken am Zaun ein klein wenig diagonal waren.
Der Eintritt ist kostenlos, Jan Karlsgården verdient sein Geld über jede Menge Darsteller, die nicht nur in Verkleidungen ein Handwerk vorführen, sondern vor allem auch die Ergebnisse verkaufen.
Rechts im Bild ist das rote Hauptwohnhaus, links stehen Ställe. Das wichtigste Zugtier auf Åland war der Ochse, erst im 20. Jahrhundert löste ihn das Pferd ab.

Das Bauernhaus hat im Prinzip zwei große Räume. Der eine ist hellblau, in dem wurde mehr oder weniger alles gemacht, und es haben auch alle drin gepennt. Außer im Sommer, da wichen die Mägde, Knechte und älteren Kinder auf den Heuboden der Scheune aus, damit es drinnen in den Stockbetten im Multifunktionsraum nicht ganz so drängelig wurde.

Der andere große Raum ist das Gegenteil: leer, größtenteils nutzlos und mit ganz tollen von Küstenlandschaften bemalt, die leider meistens niemand sehen durfte. Denn das hier war die gute Stube, die nur an wenigen Festtagen oder für wichtige Besucher geöffnet und beheizt wurde. Das Prinzip ist eigentlich haarsträubend absurde Platzverschwendung, war aber sogar noch im Deutschland der 50er verbreitet, Gudrun Pausewang hat es in einer Kurzgeschichte sehr schön auf die Schippe genommen.

Die Schmiede und die Sauna (im Bild) lagen außerhalb des Rechtecks aus Scheune, Ställen und Wohnhäusern, denn beide brauchten Feuer, und das ist ja immer ein bisschen heikel.
Der ganze Hof war viel größer, als er auf den ersten Blick aussah, es ging noch ein gutes Stück den Hang runter bis zum Wasser. Verstreut standen da ein pressboden (eine Holzpresse, um jedes damals denkbare Material zusammenzupressen), Schuppen für Boote, Fischerei und Robbenjagd und natürlich eine rote Windmühle.
Die Russen hatten in diesem Bereich ein Magazin für Lebensmittel gebaut, von dem noch die Grundsteine liegen. Die Soldaten in Bomarsund holten sich hier jeden Tag ihre Ration Mehl und mussten daraus selber Brot backen. Falls ihr Taschengeld schon aufgebraucht war, konnten sie nichts dazukaufen und aßen einfach zwei Kilo Brot pro Tag.

Das zweite Museum ist das kleinste, ein unauffälliges weißes Haus mit rotem Zaun. Es heißt Vita Björn. Warum es so heißt, ist so ziemlich die einzige Frage, die es nicht beantwortet. Der Name bezeichnet nicht den Lebenslauf des ehemaligen Hausbesitzers, sondern bedeutet "Weißer Bär". Auf meine Frage erklärte die Museumswächterin, das sei halt einfach irgendwie ein typischer Name gewesen für Gebäude dieser Art.
Gebäude dieser Art heißt: Gefängnisse. Vita Björn ist das älteste erhaltene Gefängnisgebäude in Finnland. Im Hof stand ein Peitschenpfosten, auf dem ungehorsame Gefangene bestraft wurden - und zwar so, dass die anderen es von drinnen sehen konnten.

Der Strafvollzug auf den Inseln war eine recht überschaubare Sache. Die eine Hälfte des Hauses umfasst die Wohnung des Wächters, der mit Kind und Kegel im Gefängnis lebte. Sie ist noch so eingerichtet wie im 19. Jahrhundert. Die andere Hälfte besteht aus vier Zellen, die heute vier Epochen des Gefängnisses präsentieren. Fangen wir mal mit der dunkelsten an.
Die Zelle von 1800 bot eine Luxusausstattung bestehend aus einem Kübel für Fäkalien, einem Spucknapf, einen Rohrofen und einem Bett mit Strohmatratze für zwei. Von trauter Zweisamkeit war man hier trotzdem weit entfernt, bis zu sechs Leute wurden in die Zelle gestopft. Wer so doof war, seine Straftat zu spät zu begehen, musste halt auf den Fußboden. Einmal pro Jahr kam der Zimmerservice und räucherte die Zelle mit Wacholderzweigen aus, um die Bettwanzen und den Gestank zu vertreiben. Das war die einzige im weitesten Sinne hygienische Maßnahme. Im Überfluss vorhanden waren nur die Hand- und Fußfesseln, welche die schweren Jungs 24/7 tragen mussten. Und die schweren Mädels, denn es wurde nicht nach Geschlechtern getrennt. Auf diese Idee kam man erst 1850. Da lebten dann auch Mütter mit Kindern in solchen Zellen.

Auch 1900 waren Dauerfesseln und Auspeitschen noch in, dafür gab es Stockbetten und Bibeln. Die hygienischen Bedingungen waren immer noch erbärmlich, aber die Gefangenen durften mehrmals im Monat die Sauna benutzen. Tut mir leid, aber nach diesem Satz kann mich niemand mehr überzeugen, dass die Åland-Inseln nicht zu Finnland gehören.

Erträglich klingt nur die letzte Periode von 1950 bis 1975, aus der dieses kleine, feine Doppelzimmer stammt. Hier hatte der Aufseher Boris Berglund das Sagen, der auf der Insel ein hohes Ansehen genoss und die Gefangenen zur Heuernte und zum Fischen mitnahm. Vita Björn war damals nur noch eine sogenannte Haftanstalt. Die wirklich schweren Jungs kamen aufs Festland, beim Boris saß man nur für leichte Vergehen ein paar Wochen oder Monate. Sogar der Umbau zum Gefängnismuseum in den 80ern erledigten Strafgefangene in einer Arbeitskolonie, die es noch bis 1997 im Dorf gab.

Krönender Abschluss der Trilogie ist das einzige Schloss auf den Inseln. Schloss Kastelholm steht an einer Brücke über einen Meeresarm. Der weiße Putz ist größtenteils abgewaschen, die Mauern sichtlich alt, aber überraschend lückenlos. Erstaunlich, immerhin ist es mehrfach abgebrannt und fiel einem Bürgerkrieg zum Opfer. Auf der Wiese übten ein paar Kinder Bogenschießen, falls bald der nächste ausbrechen sollte.
Die Fahrradrouten auf Fasta Åland sind übrigens aus irgendeinem Grund laut Beschilderung (unten rechts) nur für Tandems erlaubt, ich bin also die ganze Zeit illegal auf meinem Einpersonenrad gefahren.

So ein Schloss hat natürlich auch einen Kerker, und das bedeutet, Kastelholm hat insgesamt eine wirklich, wirklich lange Gefängnistradition. Der Kerker gibt sich alle Mühe, die 1800er-Zelle von vorhin zu toppen, er hat nämlich nicht mal Heizung, Türen oder Fenster. Der Gefangene wurde von der Decke gelassen und saß dann im Dunkeln auf einem nassen Stein. Wenn die Klappe oben zu war, konnte praktischerweise auch niemand mehr seine Beschwerden über die Unterbringung hören.
Dieses Konzept wurde dann auch auf ein normales Gefängnis übertragen, den Vorläufer vom Vita Björn, der auf der anderen Seite des Meeresarms stand - eine sogenannte vankikirstu (Gefängniskiste).
Die Gefangenen im Schloss waren allerdings prominenter. Einer davon war Erik XIV. von Schweden. Was hat dieser König angestellt? Er wurde so geisteskrank und paranoid, dass er Adlige schon wegen eines ungünstigen Horoskops hinrichten ließ. Der Unterschied zwischen Haftstrafe und Sicherungsverwahrung war damals noch nicht bekannt, weshalb ihn sein Halbbruder Johann ganz undifferenziert in den Kerker warf, wobei der Ort des Kerkers noch ein paarmal wechselte. In seinem Tagebuch beschreibt der kranke König Wahnvorstellungen und, wie sehr er seine Frau vermisst. Ach krass, der hat eine Bürgerliche geheiratet, immerhin das ist sympathi... ah, nee, vergiss es, als sie seine Geliebte wurde, war sie 15 und er 34.
Die zweitprominenteste Gefangene war Karin von Emkarby, die erste Hexe, die in Schweden verurteilt wurde. Wie alle Åländer "Hexen" verbrachte sie ihre letzte Nacht in diesem Loch. Der neue Richter Nils Psilander hatte im estnischen Tartu gelernt, wie man Teufelspakte aufspürt. Karin gestand, vom Teufel verführt worden zu sein, und beschuldigte gleich 13 andere Frauen - die allerdings stritten die Anklage heftig ab. Die Åländer hatten Zweifel an den Beschuldigungen, aber der neue Richter und der Priester mit ihren schlauen deutschen und lateinischen Büchern waren so einschüchternd, dass sie sich überzeugen ließen, der übliche Aberglaube auf der Insel müsse wohl Hexerei sein. Fünf der 13 Frauen verbrannten. Karin von Emkarby wurde als Belohnung für ihre Petzerei erst dann verbrannt, als sich ihr Kopf nicht mehr auf dem Körper befand.

Ein unübersichtlicher Rundweg leitete mich durch ein verschachteltes System aus Innenhöfen, Mauern, Kellern und Wehrgängen, komplett rauf und wieder ganz weit runter, bis ich alles gesehen hatte. In den tiefsten Innenhöfen verbirgt sich nur noch rechteckige Leere, in die man nicht runtersteigen kann. (Warum auch?) Einige Dächer und Stützen bestehen noch aus Holz und erinnern an altertümliche Baugerüste, oder eine Kulisse aus Das Leben des Brian.
Kastelholm gehörte anfangs den Åländer Ådligen, aber seinen Höhepunkt erreichte es unter Gustav Vasa. Der machte daraus ein königliches Jagdschloss und hielt ein Ritterduell ab, das irgendwie Teil seines Machtkampfes mit Christian II. aus Dänemark war. Der Bergfried ganz hinten wurde von den Russen als Getreidelager genutzt, als der Rest schon eine Ruine war.

In diesem Bergfried, vermutlich in den königlichen Gemächern aus der Zeit Gustav Vasas, werden die Räume geschlossener, geräumiger und verspielter. Hier können sich die Kinder in mittelalterliche Gewänder kleiden oder ihr eigenes Wappen entwerfen. Und ich muss sagen: Was die Kinder da an Wappen an die Wand geheftet hatten, war absolut großartig. Die sorgsam dargestellten Regeln der Heraldik ignorierten sie größtenteils und zeichneten einen gekrönten Krebs mit Dreizack, einen brennenden Fliegenpilz oder eine Kellerassel mit zwei gekreuzten Speeren, Kreuz und zwei Gänseblümchen. Dagegen kommt auch das Flussradlerwappen nicht an, und die immergleichen Löwen im Mittelalter schon gar nicht.


Es wird hügeliger, und der nächste Garten greift diesen Umstand mit lustigen Schildern auf. Aber hallo, greifen die das auf!
Trötta fötter? fragt eine Bank, also: Müde Füße? Sitz hier gerne eine Stunde. Und kurz vor dem Ende des Anstiegs feuern Anfeuerungsrufe in fünf Sprachen die Radler an, im Deutschen wählte man Zieh! Zieh!

Die Straße überquert immer wieder Meeresarme. Hinter dem Fjärsund durchbricht sie den Fels in einen kurzen Tunnel. Radfahrer sind dort verboten, ich musst einen Umweg über nehmen, der sich aber als leichter herausstellte als erwartet. Auf dem Berg steht noch ein hoher Aussichtsturm - ach ja, stimmt, Aussichtstürme haben die heutigen Inseln auch, aber davon habe ich die letzten Tage ja schon genug gesehen.
Nachdem die Weißen in der letzten Schlacht des finnischen Bürgerkriegs auf Åland gewonnen hatten, fand man einen Tag später fünf tote Rotgardisten unter dem Eis des Fjärdsunds und vier weitere an Land, anscheinend spontan hingerichtet. Åländische Arbeiter stellten einen Gedenkstein für sie am Radweg auf.

Danach steigerte sich die Besiedelung und Wegesituation rasant. Ich musste nicht mehr der größten Straße folgen, es gab parallele Dorfstraßen, und sogar die hatten Radwege. Obwohl Åland Schweden viel näher stehen soll als Finnland, haben mich diese Vororte farblich noch sehr an die schönen finnischen Städtchen erinnert.

Mitten durch Fasta Åland geht eine geologische Falte. Die näherte sich nun der Straße, getrennt nur noch durch eine abgeholzte Brache. Ich konnte sie schlecht übersehen, denn die Ingby-Wand war die mit Abstand größte Felswand, die ich bisher in Finnland zu Gesicht bekommen hatte. Ein bisschen erinnerte mich dieses schartige Gebilde an die Steinwand in der Rhön. Davor lag noch ein Geröllfeld, das mal ein Strand war und entstand, als Gletscher, Wellen und die Landhebung miteinander ausdiskutierten, wie Fasta Åland in Zukunft aussehen sollte.
In der Ingby-Wand verbirgt sich eine Höhle namens Trollkyrkan, oder wie das langweilige Hinweisschild es formuliert, eine "höhlenähnliche Spalte".

Die schiefe Spalte ist 11 Meter tief und endet dann an einem Haufen verkeilter Riesensteine, die das meiste Licht abschneiden, aber doch als latente Sorge auf dem Haupt des Höhlenbesuchers lasten, weil sie ja im Prinzip lose sind und nur durch ihr eigenes Gewicht so liegen. Was, wenn sie nach einem kleinen Stoß beschließen, dass sie doch nicht mehr auf genau diese Art und Weise verkeilt sein wollen?
Eine kleine Öffnung gibt es noch in eine helle Verlängerung der Höhle, in der ein goldener Lichtstrahl von der Decke fällt. Aber dort hindurchzukriechen war mir dann doch zu abenteuerlich.
Der Sage nach lebten in der Trollkyrkan keine Trolle, sondern Räuber und eine alte Frau, die sich im Großen Nordischen Krieg vor den marodierenden Russen mit ihrer Kuh hier drin versteckte. Das schwedische Schild stellt die wirklich wichtigen Fragen dazu: Feierte sie hier auch Weihnachten?

Es ist nicht mehr weit bis zur Hauptstadt von Åland. Wenn ich jetzt durchfahre bis zur Nachmittagsfähre, dann kann ich noch heute in Stockholm stehen!
Nun, daraus wurde nichts. Ich sollte Åland genau 24 Stunden später als geplant verlassen. 12 Stunden davon waren im Prinzip freiwillig, weil die Erkundung der Hauptstadt dann doch länger dauerte. Weitere 12 Stunden waren unfreiwillig, weil die Fahrradplätze auf der Morgenfähre ausgebucht waren. Wie bitte, auf einer großen Autofähre? Das hatte ich vorher noch nie erlebt.
Ich nächtigte also noch einmal nordöstlich der Hauptstadt in einem Wald bei Österkalmare. Dort bot sich die bemerkenswerte Möglichkeit, auf einer skandinavischen Felsplatte zu schlafen. Durch das ganze trockene Moos war sie weich genug.



Donnerstag, 2. Juli 2026

Ålternative: Von Mossala nach Hummelvik

Die nächste Fähre ist komisch. Anscheinend wurde an der Seite ein Container mit Snack- und Getränkeautomaten angeschraubt. Dieser Verpflegungsraum hat keinerlei Sitzgelegenheiten. An der Seite hat die Fähre einen kurzen, schmalen Raum mit Bank, in dem ich kaum die Beine ausstrecken konnte. Und dann ist da noch dieser sehr vertrauenerweckende Kellerschacht in die Passenger Lounge.

Dort gab es dann wirklich mehr Bänke, das Ambiente zwischen dicken Stahlrohren ohne Tageslicht hatte ungefähr so viel mit einer Lounge gemeinsam wie meine Fahrradtasche mit einer Markenhandtasche. Mit 12 Euro pro Radfahrer war es die teuerste Fähre zwischen den Schären, zusammen mit der Fähre Hanka-Nauvo, die genau dasselbe kostet.
Auf der Fähre sprach mich ein sportlicher Wochenendradler aus Turku an, ob ich auch die nächste Abfahrt der nächsten Fähre schaffen wollte. Ja, das wollte ich. Kaum waren wir runter vom Schiff runter, hatte er mich überholt.

Schäre Nr. 13: Iniö/Hinnskär

ist wieder etwas mehr besiedelt, zumindest war das Örtchen Iniö größer als alles auf den letzten Kilometern. Der historische Kaufmannsladen Lanthandel von 1921 war noch geschlossen. Aufgefallen ist mir einer dieser dreifache Maibaum, mit dem wahrscheinlich die Mittsommernacht gefeiert wurde. Um die Spitze kreisen kleine Segelschiffe.

Die Briefkästen sind mit Gurten festgezurrt gegen die gefürchteten Zustellungsstürme.

Die nächste Kabelfähre transportierte mich auf die flache

Schäre Nr. 14: Jumo

Hier wachsen die ganze Zeit Wilderdbeeren am Straßenrand. Die Pflanze ist auch typisch für das restliche Schärenmeer und das angrenzende Festland. Die Dinger sind in der Natur fast so winzig wie Johannisbeeren und erinnern die Vorbeifahrenden auf unbequeme Weise daran, wie geisteskrank hochgezüchtet ihre Verwandten im Supermarkt sind.

"You made it!", rief der Turku-Radler für meinen Geschmack etwas zu überrascht, als ich die nächste Fähre planmäßig erreichte. Ich hatte sogar noch ordentlich Puffer.
"Willst du auch nach Turku?"
"Nein, nach Åland!", rief ich über den Schiffslärm hinweg und zeigte mit der Hand nach links in die grobe Richtung.
"Ah, dann kommen aber noch viele weitere Fähren."
"Jup."

Unsere Wege trennten sich somit auf

Schäre Nr. 15: Kivimaa/Hinnskär

Hier geht der Schärenrundweg wieder nach rechts in Richtung Turku. Markiert ist er übrigens mit diesem braunen Schild und einem Sonnenuntergang. Auch ich hatte jetzt fast eine komplette Inselrunde gedreht und könnte die Reise auf dem Festland fortsetzen. Aber diese Reise muss für ein andermal warten.

Ich bog nach links ab, folgte roten Zäunen und ließ mich von Plüschhasen und Puppen beobachten. Was für ein kurioser Vorgarten, eine Kombination aus Fahr- und Spinnrad habe ich auch noch nie gesehen. (Vielleicht sollte mal jemand wirklich beides verbinden, mit Dynamo anstelle der Spindel. Klingt zwar bescheuert, aber andererseits hatte der Saugbläser Heinzelmann ja auch ein reales Vorbild.)

Die Inselhauptstadt Kustavi/Gustavs zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der finnische und der schwedische Name ausnahmsweise mal eine erkennbare Ähnlichkeit aufweisen. Die Stadt ist einsprachig finnisch, wurde aber trotzdem nach dem schwedischen König Gustav III. benannt, weil sie dem ihre Kirche verdankt. Am Radweg stehen Eisstände und Blumentöpfe.

Das wahre Markenzeichen der Schärentour sind nicht irgendwelche Wegweiser oder Sonnenuntergangs-Piktogramme, sondern dieses Schild. Und das Wort Lossi gehört auch immer dazu. Dabei handelt es sich entweder um das finnische Wort für Fähre oder um eine Gebrauchsanweisung für die Handbremse in der im Piktogramm dargestellten Situation. ("Lossi lieber angezogen!")

Diese Kabelfähre ist wiederum weiß und besonders groß, mit vier besonders breiten Fahrspuren. Wie so oft zeigen Ampeln am Land und am Schiff an, auf welche Spuren man gerade rauffahren soll und auf welche nicht. Sorgsam dirigiert der ferne Fährmann in seinem Turm mit ihrer Hilfe den Verkehr, damit sein Schiff nicht umkippt: Zuerst werden Spur 1 und 4 an den Außenseiten gefüllt, dann Spur 2 und 3 in der Mitte. Bei diesen Automassen hatte ich anfangs Zweifel, ob wirklich alle raufpassen, denn es strömten immer noch neue die Straße runter. Aber es passte, auf den mittleren Spuren blieb sogar noch etwas Platz.

Von der Autokolonne trennte ich mich gleich wieder, denn

Schäre Nr. 16: Vartsala/Pieskeri

bietet wieder eine separate Radroute. Diesmal handelt es sich um ein asphaltiertes Sträßchen, das einen Bogen um die Hügelchen im Süden Vartsalas schlägt. Die Häuser stehen hier sogar etwas dichter beisammen als in den Inselstädtchen. Diesmal achtete ich sorgfältig darauf, nicht in irgendeine Bauernhof-Sackgasse abzubiegen, mit Erfolg. 

Das letzte Mal bin ich solch eine Schleife auf Storlandet gefahren und habe eine rote Minimühle gefunden, diesmal entdeckte ich sie in voller Größe. Die finnischen Mühlen ähneln den Windmühlen Estlands, haben aber ausnahmslos noch alle vier Flügel und sind in der Farbe eines schwedischen Ferienhauses angestrichen. Damit veranschaulichen sie perfekt den Übergang zwischen Baltikum und Skandinavien, zwischen Ost und West.

Die nächste Fähre heißt Onsäs - Åva und wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wo zum Geier ist Onsäs? Diesen Ort fand ich weder auf der Karte noch in der Realität.
Eine andere Frage: Warum müssen wir die Räder hinlegen? Aus demselben Grund, aus dem das Fahrzeugdeck hier komplett überdacht ist: Diese Fähre ist etwas länger und tuckert eine Stunde lang, naja, nicht direkt über die Hochsee, aber doch über ein etwas größeres Wassergebiet.

Der Seegang war trotzdem nicht stark und die Überfahrt eine sehr komfortable Sache. Für 5,6 Euro kann man da wirklich nicht meckern - und da ist sogar die nächste Fähre schon inkludiert! An Bord entdeckte ich eine kostenlose Karte der nächsten Inselgruppe.
Zum Glück.
Denn als ich die Karte studierte, fiel mir etwas auf. Eine entscheidende Information, ohne die ich mich heute Abend sehr geärgert hätte. 

Aber der Reihe nach. Ich verließ die bequeme Fähre auf dem breiten, aber leeren Fähranleger auf

Schäre Nr. 17: Bolmö

und betrat damit zum ersten Mal in meinem Leben ein autonomes Territorium. Die Åland-Inseln schienen mir dafür ein besserer Einstieg zu sein als Tschetschenien, Palästina oder (seufz) Grönland.
Es gibt natürlich viele Formen von Autonomie, und die der Åland-Inseln scheint auf den ersten Blick eher zur bescheidenen Sorte zu gehören. Zumindest hatte ich nicht das Gefühl, dass mir hier das Gefühl gegeben werden sollte, fast einen anderen Staat zu betreten. Sehr real ist aber folgender Unterschied: Ab hier ist Schwedisch die einzige Amtssprache, mit meinem Lehrbuchschwedisch komme ich genau so weit wie in Schweden.
Eine Menge Radfahrer sprintete vom Anleger weg. Wollen die etwa alle die nächste Fähre schaffen? Die geht schon in einer Stunde, für Autofahrer kein Problem, für Radler aber mehr als sportlich. Laut touren-wegweiser.de soll ich es ihnen auf keinen Fall nachmachen und durch den schönsten Abschnitt der Tour hetzen. Keine Sorge, 25 Kilometer in einer Stunde schaffe ich nicht.

Die 25 Kilometer lange Inselstraße heißt Brändövägen und wird geziert vom Wappen der Gemeinde Brändö, einem Vogel und einem Fisch. Ganz am Anfang hat die Straße einen kleinen Hügel mit Felswänden. Es ist der einzige auf den nächsten 25 Kilometern. Aber Bolmö ist ganz sicher nicht die einzige Insel auf den nächsten 25 Kilometern, sogleich folgt

Schäre Nr. 18: Åva/Nottholm

Wieder habe ich einen Insel-Übergang übersehen, laut Karte bestand er nur aus einem winzigen Graben und Sumpf. Zählt das wirklich als eigene Insel?

Die nächsten zählen eindeutig als eigene Inseln, auch wenn sie winzig klein sind. Ah, welch lieblicher Anblick, endlich gibt es mal wieder richtige Brücken! Seit Schäre Nr. 6 hatte ich keine mehr. Dabei sind die Abstände gar nicht größer als die schmalen Sunde, die seit Schäre Nr. 6 mit Kabelfähren überbrückt werden. Die Bewohner dieser einsamen Inselkette sind wohl besonders baufreudig. Oder es bedurfte hier nur besonders kurzer Brückenstücke, weil so viele Inselchen und Halbinseln in den Zwischenräumen liegen, zum Beispiel

Schäre Nr. 19: Hästklubben
Schäre Nr. 20: Söderholmen

Schäre Nr. 21: Rönnskärsgrundet

Diese Mini-Inseln werden gewerblich genutzt zum Erdbeerverkauf (Himmelsgåva - A taste of heaven from Ålandoder zur Fischerei, sind dementsprechend mit kleinen Schuppen und Häfen bebaut. Endlich konnte ich mir auch diese komischen Reusen oder Fischteich anschauen, die ich schon ein paarmal auf den Fähren in der Fährne gesehen habe. Jap, das sind eindeutig Netzringe, und eindeutig dazu da, um die Fische in ihrer Mitte drinnen zu halten. Die Frage ist nur, ob die Fische da drin gezüchtet werden oder ob sie irgendwo reinschwimmen und nicht wieder rauskommen.

Mir war heiß. Zu heiß, um auf den nächsten Badestrand zu warten. Diese Osteeküste hier mag nicht die idyllischste sein, aber das blaue Wasser war herrlich, und auch an Land entdeckte ich einen schönen Felsenplatz. Das KABEL-Schild irritierte mich kurz, weil hier doch ausnahmsweise mal keine Kabelfähre fuhr. Aber natürlich kann es auch andere Kabel in der Ostsee geben, denn die Bewohner der Brändö-Inseln (so nenne ich sie in Gedanken) möchten natürlich auch gern Strom haben und nicht, dass ein unvorsichtiges Schiff sie völlig von der Welt abschneidet. Bei unvorsichtigen Schwimmern besteht da weniger Grund zur Besorgnis, die finden das Kabel sowieso nicht.

Schäre Nr. 22: Björnholma

lässt die Felswände allmählich gezackter und unregelmäßiger werden.

Anschließend führt ein Damm hinüber zur

Schäre Nr. 23: Nötö

und beweist unterwegs, dass eine Meerenge der Ostsee manchmal auch einfach aus zwei dicken schwarzen Plastikröhren bestehen kann (Bildmitte, links von der Straße).

Von

Schäre Nr. 24: Djurholm

führt die vorerst letzte Brücke dann zu einer einladenden Küstenstraße auf 

Schäre Nr. 25: Brändö

und ins Zentrum der Inselkette. Vor der Grundschule, Sporthalle (hinten) und Bibliothek steht die Värmecentral von Brändö (rechts) und liefert unter anderem den erwähnten Gebäuden Wärme, indem sie pellets und flis (Hackschnitzel) verbrennt. Finanziert hat das unauffällige rote Holztürmchen zu 60 % die Kommune und zu 40 % die Landschaftsregierung der Åland-Inseln. Ja, sorry, es war das einzige Gebäude im Ortszentrum, an dem irgendwelche Informationen dranstanden!

Das einzige? Warte mal, der Wegweiser dort zeigt nach Brändö k:a, was entweder ein Eingeständnis sein könnte, dass dieser Teil von Brändö noch immer unerforscht ist, oder eine mir bis dahin unbekannte Abkürzung für kyrka. Ich bog einfach mal dorthin ab und kam vorbei an der sehr geschlossen aussehenden Andelsbanken för Åland und einem löchrigen Gewächshaus.
Früher ging an dieser Stelle die Poststraße entlang. Die Post ignorierte die heutigen Fährlinien und Straßen, sie hatte ihre eigene, ganz spezielle Route. Größtenteils führte sie übers Wasser, aber in Brändö mussten alle Reisenden und alles Postgut aussteigen und die Insel überqueren. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, beim Transport mitzuhelfen.

Dann geriet tatsächlich eine kyrka in Sicht. Sie sah zwar aus wie die Tapete in einer unerwartet günstigen Ferienwohnung, doch der Turm verriet die wahre Funktion des Gotteshauses.

Eigentlich sollte die Kirche schon geschlossen sein, doch ich konnte mich trotzdem kurz reinsetzen, weil jemand noch in der Nähe der Kirche arbeitete. Die niedrige Empore und grünblaue Farbe erinnerte mich an die Inselkirchen der Nordsee. Dann mal rein da, ah, gleich wird es herrlich...
...warm.
In dieser Kirche stand die Luft wie in einer nicht klimatisierten Kassler Straßenbahn. Die dünnen Holzwände konnten gegen die Sommerhitze rein gar nichts ausrichten, im Gegenteil, sie schienen sie bloß noch zu verstärken. Hm. Ist das klug, wenn sich die Kirche ihrer letzten Funktion beraubt, überhitzten Touristen Abkühlung zu bieten? Aber vielleicht ist ja gerade das der Sinn dahinter: Es sollen nur wahre Gläubige in ihr sitzen und keine Ungläubigen, die nur hinter ihren nackten, kalten Steinwänden her sind. Oder es ist ganz einfach eine finnische Saunakirche.

Die wahre Sehenswürdigkeit der Insel bleiben wieder einmal die Landschaften. Die Felsplatten am Wegesrand sind jetzt von bunten Gräsern und Moosen bewachsen.

Es geht weiter auf

Schäre Nr. 26: Nötö

Auf dem Bild sieht es nur aus, als würden da erneut mehrere Miniinseln auf dem Weg liegen, aber diesmal sind das alles nur Dämme und Halbinseln.

In diesem Übergang befindet sich eine der wenigen Badestellen der Brändö-Inseln. Der Korsklobbsrevets Simstrand ist voll ausgestattet mit einem Klohäuschen, einem schmalen Sandstrand und sogar zwei Sprungbrettern von einer kleinen Klippe. Nur Rettungsschwimmer gibt es nicht warnt das Schild, aber immerhin einen Rettungsring.
Naja, ich schätze, die meisten Einwohner und Gäste auf den Inseln haben sowieso ihre eigenen Zugänge zur Ostsee bei ihrem Haus bzw. Ferienhaus. Das ist wahrscheinlich die übliche Form, hier Urlaub zu machen. Oder man rast eben in einer Stunde durch zur nächsten Fähre. Dazwischen ist Stille, und ich.

Schäre Nr. 27: Baggholma

ist laut der Wikipedia-Definition keine eigene Insel, denn von Nötö trennt sie an einer Stelle nur ein kleiner Graben, der eindeutig zu gerade ist, um natürlichen Ursprungs zu sein.
Ebenso unnatürlich, aber viel dekorativer sind die vielen Steinstapel, welche nun auf den Felsplatten der Schwerkraft trotzen.

Und nochmal eine Handvoll Mini-Brücken-Inseln:

Schäre Nr. 28: Oggholm

Ich habe das Gefühl, langsam gehen ihnen die Namen aus.

Schäre Nr. 29: Gäddören

ist eine kleine Felsmütze mit Bäumen drauf, während

Schäre Nr. 30: Killingholm 

wieder etwas größer ist, mich aber kurz darauf auch schon übergibt an

Schäre Nr. 31: Torsholma/Kyrkholm

womit ich auf der letzten großen Insel der Brändö-Kette wäre.

Der Brändövägen ist aus irgendeinem Grund sportplatzrot und wird immer noch röter und röter. Da muss irgendein rotes Mineral im Boden Ålands sein, aber eins, gegen das die Granitfelsen absolut resistent sind, denn die verfärben sich überhaupt nicht. 

Nicht mehr weit bis zur Fähre, allerdings fuhr die nächste erst um neun. Ich hatte noch massig Zeit und wollte etwas anderes auf Torsholma besichtigen. Und was bauen alle Inseln, die irgendeine schnell zu errichtende Sehenswürdigkeit für alle Zielgruppen bauen wollen? Richtig, einen Aussichtsturm.
Und wo ist der Turm von Torsholma? Hä, in die eine Richtung ist der Turm, in die andere die Informationen zum Turm?

Ich folgte einfach mal dem Info-Wegweiser, weil der mit meiner App übereinstimmte. Der Weg wurde dann sehr schnell abenteuerlich. Am Rande dieses Heufelds kam ich noch gut vorbei. Nur der Hochsitz Tiefsitz war dermaßen altersschwach, das ich den Versuch, da hochzusteigen, gleich wieder aufgab - ich hätte ihn garantiert umgeworfen.

Irgendwo auf einem Felsplateau waren dann aber kaum Pfade zu erkennen, beziehungsweise die Pfade bestanden einfach aus den Stellen, an denen keine Hecken die Felsen bedecken. Von diesen Felspfaden gab es dann aber doch mehr als einen, und natürlich geriet ich auf den falschen und irgendwie in einen schwarz verschlammten Sumpf in einer Schlucht zwischen zwei Felsplateaus. Als sich der Pfad in einen Bach verwandelte, prüfte ich meinen Standort und kehrte um. Was würde ich nur machen ohne das elektronische Rechteck in der Hosentasche, das sämtliches Wissen der Welt enthält?
Versinken. Wahrscheinlich immer noch versinken.
Oder trotzdem klarkommen wie in Helsinki, man weiß es nicht.

Auf dem korrekten Weg und dem korrekten Felsplateau geriet dann auch bald das hölzerne Türmchen in Sicht, das erfreulicherweise etwas stabiler und einladender aussah als der Hochsitz vorhin. Und die Aussicht über die felsigen Buchten gewinnt Platz 1 der Aussichtstürme der finnischen Schärenküste. Das ist nur fair, schließlich ist es auch der mit Abstand am schwersten erreichbare Turm.

 

Wie der Lotta-Turm auf Aaslaluoto hat auch dieser hier einen Vorläufer aus dem Zweiten Weltkrieg, diesmal war der aber eine Nummer größer. Insgesamt hatten die Brändö-Inseln vier Unteroffiziere und neuen Soldaten zu ihrer Verteidigung, davon 1 Unteroffizier und vier Zivile auf diesem Wachturm, der damals getarnt war. Die zivilen Helfer gehörten nicht zu den Lottas, sondern zur sogenannten Heimwehr. Wenn sie die russichen Bomber sahen, riefen sie ihre Kollegen in der Grundschule an, die dann wiederum die Küstenbewohner warnten. Sicher keine leichte Aufgabe, wenn alle so verteilt wohnen.

Das Zimmer in diesem Turm ist oben statt unten, und auf der Pritsche liegt sogar eine Isomatte, anscheinend ist das ausdrücklich auch als Notübernachtungsplatz vorgesehen. Und auf dem Tisch wartet ein Gästebuch darauf, beschrieben zu werden. Mal sehen, wer denn hier schon alles war... gut, Deutsche, das war eh klar. Aber auch Tschechen und Mecklenburger? Mit einem Mal kam ich mir doch nicht so abgelegen vor.

Damit habe ich die Brändö-Kette im Prinzip abgeschlossen, jetzt kommen nur noch zwei raue Steinhaufen an der Ostseite von Torsholma.

Schäre Nr. 32: Namenlos/Teil von Lilla Hummelholm

Schäre Nr. 33: Lilla Hummelholm 

Die Insel Lilla Hummelholm sieht auf der Karte aus, als würde es einzig und allein als Anlegestelle der Fähre dienen, weil Torsholma dafür zu flach ist. Dem ist aber nicht so. Vielmehr scheint Lilla Hummelholm einen nicht unbeträchtlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts der Brändö-Inseln zu erwirtschaften, schließlich drehte sich dort ein Windrad, ein Kiosk öffnete eine Weile vor Abfahrt der Fähre, und ein LKW wurde gerade mit Kies beladen, der hier anscheinend auch abgebaut wird - dann passt aber auf, dass noch genug von der Insel übrig bleibt, ohne Lilla Hummelholm könnte die Inselwirtschaft in eine gefährliche Schieflage geraten!
Wind- und wettergeschützt ist die Insel nicht wirklich. Es gibt zwar ein hölzernes Wartehäuschen, in das konnte ich mich aber erst verziehen, als ich trotz aller widrigen Winde mein Essen fertiggekocht hatte.

Nach langer Zeit legte die letzte Fähre des Tages an. Sie hat ein extra Krankenbett für Notfalltransporte auf die Hauptinsel.

Wieder diese Seezeichen, aber diesmal zeigten sie nicht die österreichische Flagge - sie hatten das Weiß durch Gelb ersetzt. Das gehört wohl zu den autonomen Vorrechten von Åland.

Und wohin jetzt? Ist eigentlich egal, mich hat niemand kontrolliert. Aber diese Fährlinie hat viele Zwischenstopps, da wäre es schon gut, wenn ich wüsste, wo ich aussteigen muss.
Laut touren-wegweiser.de soll ich auf der Insel Kumlinge (im Bild) aussteigen und von dort über Snäckö nach Överö weiterfahren. Als ich aber auf der letzten Fähre in die Inselkarte sah, war die Fährlinie Snäckö - Överö gar nicht eingezeichnet! Es dauerte überraschend lange, bis meine Internetrecherche mir bestätigte, dass diese Linie tatsächlich nicht mehr existiert. Ich verstehe ja, dass es euch peinlich ist, aber wenn ihr es verschweigt, irritiert ihr die Reisenden doch noch mehr! Zuerst stieß ich auf eine wütende englischsprachige Seite, laut der die sozialistische Landschaftsregierung von Åland die Fähre eingestellt hat mit dem Ziel, die Inselbewohner systematisch ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Das klang mir auch nicht so seriös, und endlich fand ich einen normalen Zeitungsartikel, den mir KI übersetzte. Ja, die sogenannte Querlinie wurde im Januar 2026 eingestellt. Ålands Fähren fahren zwar alle unter dem Label von Ålandstrafiken, haben aber verschiedene private Betreiber. Und für die Ausschreibung der Querlinie hat sich einfach niemand gemeldet. Joa, klingt wirklich sehr sozialistisch.

Damit ist bis auf Weiteres jede der Wegvarianten, die touren-wegweiser.de beschreibt, unmöglich. Es gibt nur noch die Nordlinie (die beiden Fähren, mit denen ich heute ab Vartsala gefahren bin) und die Südlinie (so weit im Süden, da bin ich gar nicht langgekommen). Wäre ich ahnungslos auf Kumlinge ausgestiegen, hätte ich wahrscheinlich eine angenehme Nacht auf der Insel verbracht und mich dann morgen Vormittag an der Südspitze Snäckös tierisch geärgert. Ich könnte zwar Kumlinge umrunden und dann wieder in dieselbe Fähre steigen, aber wenn ich das bei allen Sackgassen-Inseln machen würde, wo die Fähre anhält, dann finde ich ja gar kein Ende.

Ich mache keine Inselrundfahrten, sondern Inselhopping - also nur über die Inseln, die ich überqueren und auf anderem Wege wieder verlassen kann. Eine sehr sinnvolle Eingrenzung bei einer derart unendlichen Inselgruppe. Die einzige Möglichkeit, weiterzukommen, bestand also darin, drei Stunden bis Mitternacht zur Endstation der Fähre durchzufahren, nämlich Hummelvik auf

Schäre Nr. 34: Vårdö

und dort in aller Eile einen Schlafplatz zu suchen. Damit werde ich die Hauptinsel morgen sehr viel früher und an einer komplett anderen Stelle erreichen.
Aber ich war einfach froh, dass ich die Streichung der Fähre noch rechtzeitig mitbekommen hatte. Die neue Strecke war mir ebenso recht, denn erstens kam ich dadurch an einigen der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Hauptinsel vorbei, zweitens hatte ich auf Kumlinge & Co. sowieso nichts Bestimmtes vor und drittens... guckt euch das Foto doch mal an! Hier ist es überall schön.