Sonntag, 16. August 2026

Öland: Von Böda nach Byxelkrok

DIE HIRSCHKÄFER-SPITZE 

HEUTE ERKUNDEN WIR BEIDE NORDSPITZEN DER INSEL UND ENTDECKEN EINE STEINWÜSTE. FÜNFTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Kiesküste: Radweg, Steinchen und Felsstrand im Nordwesten

Baumbögen:
Weitere Waldstrecke

Der Bahnhof Trollskogen hat nur ein Gleis, keinen echten Bahnsteig und nur selten Züge. Von einem deutschen Dorfbahnhof unterscheidet er sich dennoch, nämlich durch die großzügige abschließbare Wartehütte mit Grillplatz, außen ziert Vogelkot die Fensterbretter. Wenn ich hier bei Mistwetter gestrandet wäre, dann wäre ich bestimmt verdammt froh über das schützende Ding. Egal, ob mit oder ohne Grillkohle im Gepäck. (Angesichts der vielen Grillplätze haben wir tatsächlich überlegt, noch Grillsachen einzukaufen, die Idee dann aber doch verworfen.) Wir sind durch die ersten Schleifen auf herrlichen Waldwegen bis hierher gefahren und stehen nun überrascht an der Bahnstation herum, verwirrt und neugierig, was dieser Tag sonst noch bringen wird.

"Achtung, Sicherheitshinweis,
lassen Sie Ihr Gegrilltes
nicht unbeaufsichtigt!"
Grill im Bahnhof
Ich dachte, Öland hat gar keine Bahn mehr? Doch. 4,5 Kilometer einer Zweigstrecke hat ein Verein neu aufgebaut. Die ursprüngliche Böda Skoksjärnväg, also Waldbahn, entstand 1909, damit zwei zwei Dieselloks namens Großmutter mütterlicherseits und Großmutter väterlicherseits das Holz abtransportieren konnten. Und manchmal bringt sie noch heute Touristen vom Badestrand Fagerrörs zum Naturschutzgebiet Trollskogen. ("Wir fahren ganz langsam aber wir haben auch Haltestrecken.") Natürlich nicht heute, schließlich sind wir in der zweiten Augusthälfte und damit laut den Insulanern ja schon quasi im Winter. Trotz der hellen Sommersonne, die durch die Zweige bricht?

Vorsicht an der
nichtexistierenden
Bahnsteigkante:
Trollskogen Hbf

Was ist das für ein Ort, den man als einzigen auf Öland mit der Bahn erreichen kann? Neben dem Bahnhof liegt ein Parkplatz, das geschlossene Naturum und das offene Klo. Und dann ist da ein Gatter im Zaun, das in einen ganz besonderen Wald führt, der uns sehr empfohlen und nach dem der Bahnhof und das Naturum benannt wurden.


Wurde nicht gefragt:
Fotografierte Käferin Karla

 "Sei vorsichtig wenn Du hast helle Kleider an."
- Kryptischer Hinweis der Böda-Waldbahn -
 

Bio-Leichentuch:
Toter Baum mit
Schlingpflanzen
Auf der Bahnhofstoilette bittet uns ein Schild, alle ekoxar bei der zuständigen Datenbank zu melden. Gern, aber was zum Geier sind denn ekoxar? Anscheinend ein Wort, das sämtliche KIs überfordert. Der erste Online-Übersetzer spricht von Eichhörnchen, der zweite von Echo-Ochsen, nur pons.de findet das richtige Wort: Hirschkäfer. Das passt zumindest zu dem Bild auf dem Plakat. Bei der Meldung soll man bitte auch Ort, Zeit, Geschwindigkeit, Geschlecht, Anzahl und Größe angeben. Tatsächlich finden wir gegen Mittag eine Hirschkäferin (Hirschkuhkäfer? Hirschkäferkuh?). Das Geschlecht ist durch das fehlende Geweih leicht zu bestimmen. Allerdings befindet sie sich in keinem der drei auf dem Plakat genannten Zustände - fliegend, paarend, död - und chille einfach nur auf dem Radweg, hat also einen weniger aufregenden Lebenswandel, als das Plakat suggeriert. Wobei der Radweg natürlich grundsätzlich ein Ort ist, an dem man als Insekt leicht im dritten und letzten Zustand landen kann.

Teerdown: Alte Grube
zum Teerbrennen
Im Trollskogen:
Gewundener Pfad
und gewundene
Baumleiche

Tatsächlich erinnert die ganze Nordspitze Ölands an einen männlichen Hirschkäfer. Wie zwei Scheren strecken sich zwei Arme nach Norden, dazwischen liegt fast vollständig eingeschlossen eine Bucht. Die rechte Schere besteht aus dem Trollskogen. Ich hatte den Trollskogen ursprünglich nicht in die Route eingeplant, aber die Künstlerin von Marsjö hatte ihn uns sehr empfohlen, also öffnen wir das Tor am Ende des Parkplatzes und schauten mal rein.
Dieser Wald ist noch heller als die anderen Wälder Ölands, von Trollen keine Spur. Es stehen hauptsächlich dünne Birken und andere dünne Bäume herum. Wenn ein Baum mal doch etwas dicker wird, betreiben die Birken so viel Fatshaming, dass er stirbt. Diese toten Bäume hüllen sich entweder vor in Efeu oder winden sich vor lauter Scham in eine kuriose Korkenzieherform. Diese kuriosen leblosen Bäumchen sollen das Markenzeichen sein. An die tanzenden Bäume der baltischen Staaten kommen sie allerdings nicht heran, denn zum einen gibt es nun auch nicht so wahnsinnig viele von ihnen und zum anderen sind sie nicht besonders hoch, nach wenigen Metern brechen die Stämme immer ab.

Bucht, Bodden, Wiek, Fjord?
Auf jeden Fall ein Stück
fast eingeschlossene Ostsee,
was immer hier die korrekte
Bezeichnung dafür ist 

Am Ende des Trollskogen steht etwas unerwartet ein stinknormales weißes Wohnhaus mit geschlossenen Toren. Die Ostseebucht schimmert durch die Zweige, und direkt daneben wurde das Zeug gebrannt, mit dem man Holzschiffe imprägnieren musste, damit sie sicher aus dieser Bucht rausfahren konnten. Einfach das harzige Kernholz der Kiefern in die Grube schmeißen, Kohle, Reisug und Grassoden oben drauf, dann durch ein Loch anzünden. Von der Teergrube im Teerskogen sind noch ein paar Steine und eine hölzerne Klappe übrig, aus der unten das fertige Teer rauslief.

Gedenkschranke
Auf asphaltierten Straßen und Radwegen umrunden wir die stille Bucht, die nur einmal über eine gelbliche Wiese hinweg zu sehen war. Halbschranken blockieren den Radweg und sollen für mehr Sicherheit sorgen. In mindestens einem Fall haben sie anscheinend das Gegenteil bewirkt. Eine Schranke ist über und über mit Blumen dekoriert, und ein Foto erinnert an eine Elisabeth, die irgendwie an dieser Schranke ums Leben gekommen ist.

Kahler Kies:
Steinstrand im Nordwesten

Damit sind wir im Nordwesten der Insel, und hier wird es wieder rauer. Der Kalmarsund ist viel breiter, das Festland ein ferner Streifen. Der Radweg folgt hier oft einer Straße direkt am Wasser, auf der einen Seite ein zusammengekauerter Wald, auf der anderen schlagen die Wellen gegen schartige Felsplatten. Nicht diese gerundeten Dinger, die man sonst an den skandinavischen Schärenküsten findet. Die Felsplattenstrände auf Öland sind eckig wie die in der Toskana, nur eben nicht in warmen Brauntönen, sondern in kalten Grautönen. Daneben liegt ein breiter Streifen Kies fast ohne Pflanzen.

Dieses Bauprojekt wurde
gut begründet:
Brücke zu Stora Grundet

Als wir an einer Wendeschleife ankommen, ist es wieder ein bisschen bewachsener, sogar ein Baum spendet Schatten für den Rastplatz. Damit sind wir am Norra Udde, dem Nordende der Insel angekommen. Eine kurze Holzbrücke führt allerdings noch rüber auf die Insel Stora Grundet, die mit anderen Inseln die Einfahrt in die Bucht blockiert. Auch wenn davon nicht viel zu sehen war: In Richtung Norden zersplittert die Ostküste Ölands auch ein bisschen in eine kleine, bescheidene Schärenlandschaft.

Sandland: Das östliche Ende
von Stora Grundet

Stora Grundet jedenfalls besteht aus einem Haufen sandiger Wege mit niedrigen, windgebeutelten Gräsern und Bäumchen. In der Mitte steht der Långe Erik, das weitgehend identische Gegenstück zum Lången Jan im Süden. Bis 1976 lebten auf der Insel der Leuchtturmwärter, der Chefleuchtturmwärter und der Leuchtturmwärterassistent, alle jeweils mit ihren Familien - sie hatten sogar eine Schule für die Kinder. Nach der Automatisierung gab es hier nur noch einen Meteorologen. Die früheren Häuser dienen heute als Eisladen, eines enthält noch immer ein Signalhorn für neblige Tage.

Jenga für Vollprofis:
Steintürme auf Stora Grundet

Als wir ein paar Schritte nach Norden machten, standen wir urplötzlich vor einem kompletten Wald aus Steintürmen. Damit meine ich diese kleinen Dinger, die manchmal Wanderer als eine Mischung aus Wegweiser, Ich-war-hier und Pausenbeschäftigung aufstapeln. Ich habe aber noch nie so viele auf einem Ort gesehen, und schon gar nicht im Flachland, und manche davon echt hoch. Der Steinstrand ist komplett blockiert, denn aus Respekt vor diese Stapelleistung wagt es kein einziger Tourist, sich da durchzuschlängeln und im Meer zu schwimmen. Yumi und der Nightmare-Painter könnten hier ihren Traumurlaub verbringen.

Wüste-Beleidigung: Die
Promenade von Byxelkrok
ist potthässlich. 

Dann sind wir auch schon in Byxelkrok, dem kleinen Zentrum Nordölands. Es ist ein wirklich sehr kleines Zentrum, und auch noch ein ziemlich komisches. Am Hafen ist da eine Hälfte roter Häuser mit Geschäften, die zum Beispiel Kinderkleidchen mit Pippi-Langstrumpf-Motiv verkaufen, und Restaurants mit einem extra Hundemenü: 2 Köttbullar für 20 Kronen, eine rohe Wurst für 15 Kronen, ein rohes Ei für 10 Kronen. Die Hälfte hat außerdem einen öffentlichen Trinkwasserhahn und ist somit ganz in Ordnung.
Die andere Hälfte dagegen ist eine Art Steinwüste, in deren Mitte eine Fontäne auf algenbewachsene Steine prasselt und vergeblich versucht, der Wüste etwas Frische einzuhauchen. Dahinter parken Wohnmobile die Wüste zu. Es war heiß, richtig heiß. Aber es gibtnimmerhin eine Ladestation für E-Bikes, an der ich frischen Strom zum Mithalten tanke.

Mit KfZ und Kegel: Fähre
Byxelkrok-Oskarshamn

Und schließlich legt hier auch die zweite Öland-Fähre ab. Die kleine Fähre fährt noch bis zum 28. August zweimal täglich in jede Richtung, wann genau, sollte man vorher bei der Buchung nachschauen, denn es kann immer mal um eine halbe Stunde vom allgemeinen Fahrplan abweichen. Eine halbe Stunde vorher stehen die Autofahrer in der prallen Sonne Schlange, daneben am Rand die Radler und Fußgänger. Schließlich legt der olle Stahlkahn an, die Spitze fährt mit der Durchschnittsgeschwindigkeit einer fußlahmen Schnecke nach oben, und ein Matrose entfernt den Kegel, der bislang ganz allein sämtliche illegalen Fahrten auf die Rampe verhindert hat. Das olle Schiff schwankt ziemlich stark in den Wellen des Kalmarsunds, ein Matrose wickelt deshalb nochmal extra ein Seil um alle Fahrräder. Die Fahrt geht nach Oskarshamn auf dem Festland fährt, von wo aus auch Anschluss nach Gotland besteht, beide Inseln lassen sich also gut zu einer zweiwöchigen Tour verbinden. Für die Überfahrt braucht es zwei Stunden. Zum Vergleich: Die Gotlandfähre nebenan fährt etwa dreimal so weit, braucht dafür aber nur eine Stunde länger. Etwa Hälfte der Fahrzeit läuft ein Video mit Sicherheitshinweisen auf dem Bildschirm. Aber es gibt immerhin ein sonniges Außendeck und einen schattigen Imbissraum mit ausreichend Sitzplätzen im Inneren, also ist das allem Gemecker zum Trotz schon okay.

Sternzeichen unbekannt:
Die Blaue Jungfrau

Und die Aussicht ist nicht schlecht. Denn wir ziehen ziemlich dicht vorbei an einer ganz speziellen Insel, die schon auf Öland alle Blicke auf sich gezogen hat. Eine einsame Kuppe brauner Felswände mit Wald drauf ragt aus dem Kalmarsund, ungewöhnlich hoch und erstaunlich regelmäßig. So ähnlich habe ich mir die Vogelinseln aus Isles of the Emberdark vorgestellt. Ausflugsschiffe von Byxelkrok und Oskarshamn fahren dorthin. Es ist kein Wunder, dass dieses unwirkliche Eiland die Fantasie der Menschen beflügelt hat - aber leider nicht immer zum Guten. Die magische Insel heißt Blåkulla oder Blå Jungfrun und ist angeblich eine Schildkröte. Auf dem Panzer der Blauen Jungfrau treffen sich angeblich die Hexen für ihre magischen Rituale, sie ist also im Prinzip der schwedische Brocken, wenn der Brocken in der Ostsee liegen würde und Mittelpunkt einer irrwitzigen Verschwörungstheorie gewesen wäre. Eine Info, die bei heutigen Menschen wahlweise ein Okay, sollen sie doch oder ein Kann ich mitmachen? hervorruft, aber zur Hochzeit der Hexenverfolgung natürlich todernst genommen wurde.

Badesand: Strand
von Byxelkrok
Es begann damit, dass ein Mädchen in einem Heim behauptete, sie sei für irgendwelche obskuren Teufelsrituale auf die Insel entführt worden. Die Erwachsenen nahmen die Sache ernst, und nach intensiven Befragungen begannen sich plötzlich immer mehr Menschen an ihre angebliche Zeit als Kind auf der Insel zu erinnern. Das Ergebnis war eine lawinenartige Denk-doch-einer-mal-an-die-Kinder-Hysterie, die selbst QAnon neidisch erblassen lassen würde. Mahnende Stimmen in Kirche und Staat, die das alles ein bisschen übertrieben fanden, gingen unter. Erst nach vielen Prozessen und Todesurteilen gestand das ursprüngliche Mädchen irgendwann kleinlaut ein, sie sei nie auf der Insel gewesen und habe sich das nur ausgedacht, um sich wichtig zu machen. Peinlich berührt kehrte ganz Schweden die Affäre unter den Teppich.

Vom Grauen ins Grüne:
Radweg aus Byxelkrok

Gut, aber jetzt zurück auf Öland. Schauen wir noch kurz nach, was hinter Byxelkrok noch kommt. Die Antwort: Schönere Dinge als Byxelkrok. Die kahlen Steinfelder sind vorerst vorbei, jetzt wird es grüner. Zuerst ein netter Strand mit einer kleinen Seebrücke, einem Beachvolleyballfeld und einer Sauna in einem Fass. Die kann nur nutzen, wer Vereinsmitglied ist. Das funktioniert so: Mitglieder kriegen einen Türcode, sie können die Sauna aber nicht reservieren. Wenn man kommt und es ist noch jemand drin, dürfen die Leute im Fass noch maximal 45 Minuten fertigsaunieren.


Ein Lichtlein klein: Das
Byxelkroker Leuchttürmchen
Der Radweg folgt der Straße hinter dem Strand, und ganz hinten folgt eine ausgesprochen hübsche Dünenspitze mit einem ausgesprochen kleinen, quadratischen Leuchtturm drauf. Im Prinzip ist es eher ein weißer Leuchtwürfel. Die Treppe kann man einfach so hochsteigen, ohne Eintritt oder irgendwas. Obendrauf steht noch eine weiße Metallröhre mit Spitzhut, unter der es hervorleuchtet.

Rückwärtsgewandt:
Blick vom Leuchtturm auf die
Bucht von Byxelkrok
Es folgen noch ein paar Kilometer absolut schöner Küstenradweg, der noch zum Gebiet von Byxelkrok gehört. In den schiefen Kiefernwald hat sich ein weißes Pferd verlaufen, das in dieser Umgebung aus der Ferne wie ein Einhorn anmutet.
Kann das Seinhorn?
Pferd im Küstenwald

Dazwischen immer wieder offene Bereiche mit einem seltsamen Fruchtbarkeits-Kontrastprogramm: Rechts zwängt sich das Gras mit Mühe aus dem steinigen Alvar-Boden, links dagegen beginnen gleich hinter der Mauer dichtbewachsene Gärten, in denen die Obstbäume voller Obst hängen.
Anschließend folgen noch ein paar Kilometer Kieswege durch den Wald, so wie wir sie gestern schon hatten.

Links üppig, rechts gestrüppig:
Gärten und Küstenweg
bei Byxelkrok

 Und dort geht noch einmal ein Abzweig ab zum letzten, schönsten und küstennächsten Shelter auf dem Ölandsleden. Es ist zwar ein kleiner Abstecher in diesen Küstenwald, aber dafür wird der Radfahrer reich belohnt. Diese Hütte hat zwar kein Plumpsklo, aber hat sogar jemand im Inneren sogar Kissen und Kuscheldecke zurückgelassen, für den Fall, dass es kälter werden sollte als geplant. Unhygienisch ist das nicht zwingend, schließlich lassen sich die Dinger auch von außen auf oder unter den eigenen Schlafsack legen.

Decken statt Zecken:
Shelter im Nordwesten
Das wahre Highlight ist aber die Lage im schönsten Nadelwald, das Wasser im Blick, nur ein paar Meter von steinigen Strand entfernt. Ein laminierter Zettel zeigt zwei Luftaufnahmen dieses Waldes: In den 1940ern war wohl alles kahl, 2017 dann zugewachsen. Aha, und da steht auf Schwedisch, der Mensch hat irgendwie mitgeholfen? Das ist ja nett, dass der Mensch alles wieder angepflanzt hat, was er abgeholzt hat.
Diese voreilige Schlussfolgerung ist absoluter Käse. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Seit den 1940ern ist alles von Natur aus immer mehr mit Kiefern zugewachsen, und jetzt schafft er Mensch wieder künstliche Lichtungen. Der Wald ist jetzt nämlich so dicht, dass einige der ältesten Bäume durch die junge Konkurrenz abzusterben, und auch andere Arten, die auf Licht angewiesen sind, finden keinen Lebensraum mehr. Der Zettel bittet um Entschuldigung für das wüste Aussehen, aber das würde langfristig die natürliche Vielfalt erhöhen. Da ich in meiner Umgebung nichts ausmachen kann, das wüst aussieht, fällt mir die Entschuldigung leicht. Die Frage ist nur: Wieso war es hier 1940 überhaupt so kahl, also wieso sind die Kiefern nicht schon früher gewachsen? Vielleicht hatte das doch etwas mit dem homo sapiens und ein paar bitterkalten, mangelhaften Kriegswintern zu tun.
Bringen keine Abwrackprämie:
Kaputte Boote

Ob die kaputten Holzboote am Strand wohl auch aus dieser Zeit stammen? Sie liegen mit dem Kiel nach oben, es fehlen einige Balken. Das verrostete Gerät mit dem großen Zahnrad war vermutlich eine Vorrichtung, um sie zu Wasser zu lassen. Solche Boote liegen an mehreren Stellen an den Badestränden von Ölands Westküste, aber genau wie das Shelter sind sie nirgendwo so malerisch wie hier.

Samstag, 15. August 2026

Öland: Von Marsjö nach Böda

WO DER SANDMANN ÜBERFLÜSSIG IST 

DIESE KURZE STRECKE ERFÜLLT EINE NORDDEUTSCHE SEELE MIT ZAUBER, VERTRAUTHEIT UND ETWAS NEID. VIERTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Lage, Lage, Lage: Sandburgen bei Böda

"Dort ist es sehr schön. Ich weiß den Namen gerade nicht mehr, aber ihr erkennt den Platz an diesem Kreuz." Sie zeichnet eine Art Taize-Kreuz auf ein herumliegendes braunes Stück Papier. "Aber keine Sorge, das ist kein strenggläubiges Bibeldorf oder so."
Die Göteborger Künstlerin steht in ihrer Scheune und erklärt, welche Campingplätze sie uns empfehlen würde. Und welche nicht.
"Aber geht bloß nicht nach Böda, dort ist es laut und alle machen Party. Es sei denn, ihr wollt so was." Wir sehen offenbar nicht so aus, als ob wir so was wollen. Aber das tut wohl kaum jemand, der in einer Yoga-Unterkunft eincheckt.

Wer ist die Zukunft? Tankstelle
und Windmühle in Löttorp
Wie der Titel dieses Beitrags verrät, war unser Tagesziel Böda. Allerdings nicht der Campingplatz oder dessen Nähe, sondern der dortige Shelterplatz. Vielleicht probieren wir Öland auch noch einen Zeltplatz aus, aber keinen, der dermaßen nah an unserer Unterkunft liegt. Diese Etappe ist auch so schon kurz genug, dass wir im Prinzip einen halben freien Strandtag haben. Und genau so war sie auch gedacht.

Bald im Wald: Dorfstraße
Die empfohlenen Campingplätze liegen nämlich schon bei der Ortschaft Löttorp. Dort umrundet der Ölandsleden ein paar Sportplätze, der einzig interessante Anblick ist jedoch der Kontrast zwischen Tankstelle und Windmühle an der Hauptstraße. Die Radroute hält sich jetzt näher an dieser Hauptstraße, manchmal leitet sie die Radler sogar direkt darauf.

Schließlich geht es aber wieder auf eine stille Dorfstraße, die Mauern sehen immer mehr nach Feldsteinen aus, die Bäume und Häuser verdichten sich zu einem idyllischen Kanal, welcher die Radler mitten in den Wald reinschiebt. Der nördliche Teil der Insel besteht nämlich größtenteils aus Nadelwald und sieht damit komplett anders aus als der Rest.

Farntastisch: Waldweg
Mein erster Gedanke, als ich mich als Norddeutscher in diesem Wald wiederfinde, lautet: Ah, das kenn ich. Wer jemals einen Waldspaziergang in Mecklenburg gemacht hat, dem wird das hier, sagen wir mal, nicht komplett exotisch vorkommen.

Straßenverneinender Radweg:
Waldweg bei Böda,
rechts wächst Heidekraut

Zwischen den schlanken Bäumen wächst wahlweise richtig viel Farn oder richtig viel dunkles Heidekraut. Und mittendurch windet sich ein stabiler Kiesweg. In der Nähe der Straßen täuscht er manchmal an, ein straßenbegleitender Radweg zu sein, knickt dann aber schnell wieder in Wildnis ab. Und je länger ich durch diese lichte Wunderwildnis fahre, umso mehr muss ich mir eingestehen: Verdammt. Ja, das ist wie in Mecklenburg. Aber besser. Also, natürlich gibt es bestimmte Gebiete wie die Buchenwälder Jasmund, der Gespensterwald oder die große Heidefläche der Rostocker Heide, die hier locker mithalten können, aber nicht der durchschnittliche Mecklenburger Wald. Der Tourist in mir ist zufrieden, der Lokalpatriot weniger. 

Haimelig: Geologiemuseum
Skäftefär

 "Je länger man durch Schweden fährt, umso mehr vermisst man die Tschechen."
- Mein teurer Begleiter -
  

Gehörnt: Rastplatz
(nicht zum Schlafen)
Die größte Attraktion in diesem Wald ist wohl Skäftefär, dort stehen nebeneinander ein Freilichtmuseum zur Bronzezeit und ein kleines Geologiemuseum. Weil das Wort Geologiemuseum für den durchschnittlichen Touristen eventuell nicht spannend genug klingt, besteht der Eingang aus einem Vorhang mit aufgedrucktem Haifischmaul, durch das die Besucher in die Hütte laufen. Aber Skäftefär hat die Saison bereits gestern beendet. Am 15. August. Hä? Ich weiß ja, dass es hier oben kühler ist, aber zumindest der restliche August ist auf Öland ja wohl spätestens seit der Klimakrise auch sommerlich, wie wir am eigenen verschwitzten Leibe erfahren haben.

Versandet: Herumirren
im schönen Dünenwald
Wir kommen vorbei am Supermarkt/Mini-Gewerbegebiet vom Badeort Böda, eine Ortschaft, die sich über mehrere Dörfchen in der Landschaft verteilt hat. Zielstrebig biegen wir ein ins Naturschutzgebiet Bödakustens östra und dann... tja. Dann müssen wir auf einen Wanderweg in die Dünen abbiegen. Der ist total schön und zugleich total nervig, jedenfalls mit dem Fahrrad. Zeitweise verlieren wir den Weg und navigieren nach dem Prinzip: Die App sagt, der Pfad muss irgendwo hier sein, also schieben wir jetzt über diesen Waldboden hier. Hinter der 10 Meter hohen Düne erstreckt sich eins der größten Flugsandfelder in Schweden, und der angeflogene Sand wurde noch nicht überall in den festen grünbraunen Moosboden integriert.
Übernachtung 1.0:
Das Dünenshelter von Böda
Trotzdem erreichen wir früh am Nachmittag das Shelter. Es ist besetzt.
Mindestens eine große Familie hat sich die Hütte gesichert, ein Zelt und mehrere Hängematten platziert. Wir sind nicht ganz sicher, wie weit das legale Zeltgebiet reicht, und wollten ihnen auch nicht zu sehr auf die Pelle rücken.

Übernachtung 2.0:
 Waldzelten hinter Böda

So entfernen wir uns wieder ein Stück vom Meer, raus aus dem Naturschutzgebiet. Auf dem Parkplatz haben mehrere Wohnmobile ihren eigenen Wildcampingplatz gefunden. Und wir finden unseren ein Stück dahinter, wie in der ersten Nacht zwischen zwei Naturschutzgebieten. Diesmal ist es keine Wiese, sondern ein echter Wald, trotzdem ist die Stelle für ein Zelt fast optimal, wenn man von der einen oder anderen Mücke absieht.Als alles aufgestellt ist, fahren wir zum Strand zurück. Hier im Norden ist das ein richtiger, breiter Sandstrand wie in Mecklenburg (diesmal aber nicht besser). Die Kinder vom Shelter spielen Fußball und bauen kreative Sandburgen, ab und zu schaut ein Spaziergänger vorbei, aber insgesamt ist es erstaunlich ruhig, dafür dass die Ortschaft nur eine Biegung entfernt liegt. Auch die Quallendichte hat erfreulich abgenommen, und wir können endlich richtig schwimmen.
Und dann hatte mein Freund eine Idee.
"Warum schlafen wir nicht einfach am Strand?"
Übernachtung 3.0:
Der Strand von Böda
Prompt hat er online ein Forum gefunden, in dem sogar ein schwedischer Staatsanwalt der Meinung ist, dass ein Zeltverbot im Naturschutzgebiet noch lange nicht als generelles Übernachtungsverbot ausgelegt werden kann, das müsse man schon so schreiben.
Angesichts der kristallklaren Wetterprognose muss ich nicht lange überzeugt werden. Wir holen alles nötige, lassen das Zelt aber versteckt im Wald stehen für den Fall, dass man uns doch wegschickt oder sich das Wetter drehen sollte.
Und, wie war die Nacht? Das kommt darauf an, wen man fragt.
Ich finde sie großartig, der Sand ist optimal hart-weich, und als ich nachts erwache, leuchtet die Milchstraße am Himmel. Der Sonnenuntergang passiert auf der anderen Inselseite, dafür werden wir morgens Zeugen eines schnellen, farbintensiven Sonnenaufgangs. Insgesamt schlafe ich besser als im Bett der letzten Unterkunft (wenn auch nur, weil mich dort gegen 2 Uhr ein doofes Stück Technik aus dem Schlaf gerissen hatte, das nicht aufhören wollte zu piepsen).
Mein Begleiter aber friert. Er hat sich nämlich einen Sommerschlafsack gekauft. So weit, so logisch, schließlich ist das hier eindeutig Sommer, wenn man nicht gerade das Museum von Skäftefär fragt. Bloß heißt Sommerschlafsack laut Hersteller, dass der nur bis 15 Grad wärmt. Was an Betrug grenzt, denn natürlich fallen die nächtlichen Temperaturen auch im Sommer schon mal unter diese Zahl, gerade in klaren Nächten.

Freitag, 14. August 2026

Öland: Von Skärlöv nach Marsjö

AUF DEM TROCKENEN 

IM OSTEN DER INSEL MACHEN WIR BEKANNTSCHAFT MIT DER DÜRRE UND EINER UNGEWÖHNLICHEN UNTERKUNFT. DRITTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Fix und pferdig: Gefallenes Ross

Kosten im Osten:
Strandzugang und Klo
bei Bjärby

Wir stehen am Ostseestrand und reiben uns den Schlaf aus den Augen. 

Lange Leitung: E-Zaun und
Mauer am Abzweig zur Ostsee

Erneut. Wir wollen baden, so wie gestern, aber vor allem brauchen wir Wasser. Im Idealfall ohne Salz drin. Beides gestaltet sich schwierig. Ganz besonders, wenn man keine Quallen im Wasser haben möchte.
Die Versorgungslage hat sich drastisch verschlechtert. Gestern gab es regelmäßig Geschäfte, heute haben die Dörfer nichts außer gelegentlich einem abzweigenden Weg über die Weiden bis zur fernen Ostsee, an dessen Ende ein Strand und Campingplatz wartet. Kaum nähern wir uns dem Gebäude, kommt ein hoffnungsvoller Schwede und fragt, was wir brauchen. So früh am Vormittag rechnet er bestimmt noch nicht mit Übernachtungsgästen, oder? Einen Strand und eine Toilette, antworte ich, und beides gibt es. Mein sehr optimistischer Begleiter fragt zudem nach Duschen, aber die können Nicht-Übernachtungsgäste natürlich nicht einfach nutzen, auch nicht gegen Gebühr.
Das Klo bucht 10 Kronen von der Karte ab. Im Inneren finden wir dann erst einmal ein langes Schild, dass uns in drei Sprachen erklärt, wie knapp das Trinkwasser auf Öland ist und dass wir doch bitte sparsam sein sollen. Die Campingplatzleitung muss zusätzlich zu dem, was aus der Campingplatzleitung kommt, auch Wassertanks dazukaufen, um den Bedarf eines normalen Campingplatzes zu decken. Hmm, diese Bitte verträgt sich nicht so richtig gut mit unserer Absicht, all unsere Trinkflaschen unter dieses Waschbecken zu quetschen und aufzufüllen, so weit es der Neigungswinkel der Flasche zulässt. Aber was sollen wir machen, wir haben Durst? Wir spenden noch weitere 10 Kronen, das sollte die Kosten hoffentlich decken.

Quallvoll: Ostseestrand
bei Bjärby

Anschließend gehen wir baden. Hinter einer niedrigen Düne, bewachsen mit hellen Bäumen und Sträuchern, wartet der Sandstrand an Ölands. An der Ostküste sind die Strände nicht dem schmalen Kalmarsund zugewandt, sondern der zentralen Ostsee. Heißt: Kein Land am Horizont, der Strand ist genauso schmal, aber es wurden mehr Algen angespült. Und mehr Quallen. Der erste Meter Ostsee enthält mehr Glibber als Wasser, und der letzte Meter Strand enthält mehr Glibber als Sand. Träge schwappen die Wellchen heran und liefern weitere Quallen dem Tod durch Sonne aus, aber unser Mitleid hält sich in Grenzen.

Verloren:
Qualle mit Ohren

Mist. Was ist das für eine Art, harmlose Ohrenquallen oder irgendwas Schmerzhaftes? Sie haben vier Bögen, die wie Ohren aussehen, aber eigentlich Geschlechtsorgane sind. Aber die leuchten in einem intensiven Rotviolett, deutlich farbenfroher als die Ohrenquellen, die ich aus Mecklenburg kenne. Das Internet sagt: Kein Ding, sind trotzdem Ohrenquallen. Unabhängig davon ist es natürlich nicht im engeren Sinne angenehm, beim Schwimmen gegen einen Glibberkörper zu stoßen oder jeden Moment damit zu rechnen.
Mein wissbegieriger Begleiter recherchiert die nächste Frage, denn er will wissen, ob diese Insel für den Hunde-Wohnmobilurlaub in Frage kommt. Daher fragt er die KI seines Vertrauens folgenden grandiosen Satz: Wie viele Ohrenquallen darf mein Labradoodle fressen, bevor es gesundheitlich bedenklich wird? Die Antwort ergibt überraschend viel Sinn: Das Nesselgift ist auch für Hunde harmlos, aber so eine Quallenzelle ist größtenteils mit Meerwasser gefüllt, und das sollte ein Hund natürlich nicht literweise fressen. Und bei Öland ist die Ostsee durchaus wieder salziger.

Überbrücken: Alte und neue
Flussquerung
"Na, dann ist ja gut. Hunde werden ja wohl auch einen Brechreiz haben, damit sie kein Salzwasser trinken."
"Njaa, du kennst unsere Hunde nicht. Die schlabbern auch gerne mal Ostseewasser in sich rein."

Nasswald und Asphalt:
Feuchtgebiet an der Straße

Zurück auf der geraden Straße rasen wir in Richtung Norden. Erste kleine Wälder säumen die Straße, davor ein sumpfiger See und eine sehr niedrige historische Kalksteinbrücke. Anderswo liegen kleine Heuhaufen über der Wiese verteilt wie Tupfen. Der Ölandsleden schlägt ein paar Schleifen über Feldwege vor, die wir aber nicht alle mitmachen, die Ostsee bekommt man auch dort nicht Gesicht.

 

Im Inselinneren:
Ölands Hinterhöfe
 

Als die Route dann aber generell ins Innere der Insel abbiegt, folgen wir  ihr. Jetzt wird es grüner, verwinkelter und zugewachsener, große und kleine Straßen ziehen sich zwischen den Gehöften hindurch. Manche haben Hofläden, von denen aber ungewöhnlich viele einfach Blumen verkaufen, womit sie sich erstaunlich schlecht an die Nachfrage hungriger Radler angepasst haben.

Dasselbe in Grün:
Straßen in der Inselmitte

Auf einem Grundstück steht ein Rasttisch, allerdings hinter einer Kalksteinmauer, also sind wir nicht ganz sicher, ob wir da rasten dürfen. Die Bänke vorhin haben wir links liegen gelassen, denn es war noch nicht mal 12. Aber jetzt grummelt mein Magen, und natürlich will kein Rastplatz auftauchen. Ich kann nicht mehr, wir biegen ab auf einen wilden Waldweg und suchen uns einen Stein mit einer möglichst geraden Oberseite, um den Kocher darauf abzustellen.

Holz und Hitze:
Kocher im Wald

Satt geht es jetzt weiter in Richtung Norden. Viele Scheunen und Häuser haben eine spezielle Farbkombination: Das skandinavische Ferienhausrot in etwas dunkler, aber einige Balken, Fensterrahmen und Tore sind bestrichen mit pechschwarzem Pech. Danke, jetzt muss ich an die Große Koalition denken.

Kein hölzernes Lächeln:
Skulptur und
schwarz-rote Scheune
Vor einer Scheune steht die gesichtslose Skulptur eines Reiters oder einer Reiterin mit langem Schwertstock (also vielleicht doch eher ein Reiter). Sie scheint aus groben Holzresten zusammengepuzzelt zu sein, die Skulptur eines Großelternpaares gestern war auf jeden Fall sehr viel liebevoller geschnitzt. Aber die Figur erinnert mich daran, dass Öland ja auch eine Pferdeinsel sein soll.
Und ja, immer immer ziehen Pferdeweiden vorbei. Auf einer davon liegt das Pferd im Gras. Oh Schiete, was ist da los, soll ich den Besitzer verständigen? Die liegen doch normalerweise nicht, oder? Mein Gott, ich habe echt keine Ahnung von Pferden. Abermals muss das Internet herhalten, und die Antwort ist beruhigend: Die legen sich durchaus manchmal zur Entspannung hin. Solange es keine hektischen Bewegungen, Krämpfe oder vergebliche Aufstehversuche gibt, ist wahrscheinlich alles gut. Aber das Pferd hebt nur ab und zu den Kopf oder den Schweif, um Fliegen zu verscheuchen, und sieht dabei eigentlich recht gechillt aus.

Recht eckig:
Öländische Kalksteinmauern

Nun sind wir auf der nördlichen Hälfte der Insel angekommen. Das Land wird wieder offener, die Mauern noch rechteckiger, und die Insel insgesamt schmaler. Die Ost- und Westroute des Ölandsleden rücken auf wenige Kilometer aneinander heran, berühren sich bei Borgholm sogar fast. Wir halten uns nicht immer genau an die Route und springen zwischen der Ost- und Westseite hin und her. Um den Text hier aber nicht zu verwirrend zu gestalten, trenne ich in dieser Beschreibung sauber zwischen Ost- und Westroute. Auch wenn das heißt, dass in diesem Beitrag nicht allzu viel passiert und die besten Landschaften erst drei Posts später kommen.

Fast ganz in Weiß: Dorfkirche

Die Dorfkirchen bestehen zweifellos auch aus Kalkstein, sind aber wie die Leuchttürme weiß angemalt. Die rechteckigen Kirchtürme sind seltsam: Sie enden abrupt, als hätte sie jemand abgeschnitten. Obendrauf sitzt dann noch ein weißer, kleiner Würfel für die Glocken. In einem Fall ist der Würfel gelb und sieht damit aus wie ein göttlicher Briefkasten, in den sich nur unter großem Aufwand Gebete einwerfen lassen.

Yogarten: Hof in Marsjö

Daher wende ich mich wieder weltlicheren Dingen zu, zum Beispiel dem Akku des E-Bikes. Und muss mit Schrecken feststellen: Da sind nur noch zwei Striche. Es kostet wirklich viel Energie, mit meinem Freund mitzuhalten. Vielleicht ist es Zeit, ein wenig Wasser, Strom und Komfort zu tanken. Ob es bei Booking wohl Unterkünfte in der Nähe gibt?
Gibt es. Die eine ist teuer, die andere ungewöhnlich. Es handelt sich nämlich um ein Bo & Yoga Vandrarhem, also eine Wohn & Yoga Jugendherberge.
Warum nicht? Das ist eine Art von Übernachtung, die ich eindeutig noch nicht hatte.

Farbenfreuden:
Galerie in der Scheune
 "Nur weil sie Yoga mögen, müssen sie ja nicht wahnsinnig sein."
- Mein pointierter Begleiter -
 

Knirschen statt pirschen:
Kiesweg bei Marsjö

Wir knirschen über Kiesstraßen, die ausnahmsweise mal Zäune statt Mauern haben, und biegen schließlich in einen alten und malerisch bewachsenen Hof ein. Das Gras rutscht farblich immer wieder ins Gelbliche ab und erinnert uns an die Dürre. Wir stellen die Räder ab und traten zwischen die dicken weißen Mauern, und sofort umfängt uns eine himmlische Kühle.
In der Scheune malt eine Künstlerin Bilder von Sonnen und Silhouetten in allen möglichen Farben. Sie mietet sich hier öfter mal ein und hilft in der Unterkunft, denn auf Öland hat sie mehr Ruhe als auf ihrer sehr touristischen Schäreninsel bei Göteborg.

Veganicht so schlecht:
Frühstück in Marsjö

Den ganzen trocken-idyllischen Bauernhof kauften sich vor einigen Jahren eine Business-Beraterin/Yogalehrerin und ihr Mann, ein Armeeoffizier im Ruhestand. Sie wollten darin ein Hostel aufbauen, das ganz der Yogo-Philosophie folgt. Und der freundliche Herr an der Rezeption sieht ziemlich genau so aus, wie man sich jemanden in einer solchen Unterkunft vorstellen würde. Wir erhalten einen Zimmerschlüssel, der keine Nummer hat, sondern den Namen Blomsteränget (Blumenwiese). Der Spiegel im Zimmer zeigt unsere Gesichter inmitten der Worte Du bist wertvoll. Fernsehen und WLAN gibt es nicht, aber wer sich beschäftigen möchte, findet im Gemeinschaftsraum Brettspiele, Ausmalbücher und Stifte. Das vegane Frühstück kostet extra, die Klangschalensitzung am Abend und das Yoga am Morgen sind im Preis inbegriffen. Aber nur, wenn sich rechtzeitig mindestens drei Leute auf dem Whiteboard eintragen. Die Klangschalen seien sehr gut zum Einschlafen, das Yoga zum Wachwerden, warb der Rezeptionist. Dann ist es ja gut, dass beide Programmpunkte zur korrekten Tageszeit platziert wurden.
Am nächsten Morgen sind wir wirklich noch nicht ganz wach und lassen uns darauf ein. Wir betreten einen Raum mit mehreren Gongs, von denen kein einziger benutzt werden wird, und nehmen Platz auf einer Matte mit einem Haufen ordentlich platzierter Kissen, von denen kein einziges gebraucht wird und die mir im Gegenteil ständig im Weg sein werden. Wie erwartet und angekündigt geht es hier weniger darum, gleich hochkomplexe Verrenkungen wie den Herablassenden Hund durchzuführen. Stattdessen soll man sich erst mal ordentlich strecken und schütteln, und zwar mit geschlossenen Augen, damit es nicht peinlich ist, wie doof man dabei aussieht (das funktioniert besser als gedacht). Gegen Ende kamen dann ein paar ganz minimale Verrenkungen dazu, an denen sogar ich nur teilweise scheiterte. Extra für uns erklärte die Lehrerin auch alles auf Englisch, aber mindestens so wichtig wie die Sprache ist es, auch hinzugucken, was genau uns da gerade vorgemacht wird. Was dann zum Problem wird, wenn man nicht rafft, dass man die Augen inzwischen wieder öffnen darf.

Am Ende des Gonges: Yogaraum

War ich hinterher wacher? Eindeutig.
Hätte ich diese Wachheit auch durch zehn Minuten radeln erlangen können? Ich bin nicht sicher.
Aber war diese Unterkunft genau das Richtige für diesen Punkt der Reise? Ich glaube schon.