NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Mittwoch, 29. April 2026

Von Oandu nach Voka

Heute ist Gutshof- und Klippentag! Außerdem gibt es wieder einige Hinweise auf die ursprüngliche Kultur der Esten zu entdecken.

Los geht es mit dem rosaroten Gutshof von Sagadi, der morgens still und ordentlich vor sich hinschlummerte.

Rund um den Hof führt ein Metsajuttude rada, also ein Waldmärchen-Weg. Hier gibt es also die heidnischen Geschichten der Indigesten zu lesen? Dann will ich doch zumindest mal bis zur ersten wandern. Zuerst ging es noch über eine glattgemähte Wiese mit Pavillon, aber schon bald an einem zugewachsenen Sumpfsee vorbei. Dort erzählte ein Schild, wie eine Tochter ihren betrunkenen Vater aus der Kneipe abholt, der unterwegs im Namen des Teufels flucht. Als sie nun endlich den heimischen Bauernhof sehen, steckt ein Schafbock den Kopf aus ihrem Haus und bäht sie an. Der Vater kriegt Panik. Ein Schafbock kann ja unmöglich in ihr Haus reingekommen sein, also muss das der Teufel sein. Außerdem laufen die beiden die ganze Zeit im Kreis, obwohl sie das Haus ja schon sehen können. Der Vater will schon aufgeben, als sich die Tochter an einen Lifehack ihrer Mutter erinnert: Einfach die Mütze umstülpen und andersrum aufsetzen, schon finden sie nach Hause. Ende.
Nicht alle Märchen sind so christlich, in manchen zieht auch ein eher animistischer Waldgeist Vögelchen auf oder beschützt seine Pflanzen.

In Vainupea stieß ich wieder auf die Ostsee. Die Kapelle aus Kalk (sieht mir eher nach einer kleineren Kirche als nach einer Kapelle aus) soll angeblich der dem Meer am nächsten gelegene Sakralbau sein, mit einem Abstand von 20 Metern. 20 Meter! Darüber können die halb ins Meer gestürzten Kirchen von Trzęsacz und Højerup nur lachen.

Danach konnte ich eine Weile eine Nebenstraße parallel zur Ostsee nutzen, unter der immer wieder größere Flüsse um Steinbrocken und in die Ostsee strömten.

Der nächste Abstecher führte mich zur Ordensburg von Toolse. Schon 1431 verkauften Küstenbewohner von dieser Stelle aus Salzhering an finnische Inselbewohner, im Gegenzug bekamen sie Getreide. Der Livländische Orden hat sich auf die Spitze des sehr kleinen Landzüngchens eine rechteckige Burg gebaut, um den Hafen vor Piraten zu schützen. Die Burg wurde später zum nördlichsten Außenposten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und schließlich im Russisch-Schwedischen Krieg zerstört.
Seitdem haben die Mauern große Lücken, Pflanzen wachsen in allen Ritzen, und nur fest verankerte Stahlseile halten die Reste vom Umkippen ab. Trotzdem sind noch viele Mauern, Türme und Fenster gut zu erkennen, und es hat sich auf jeden Fall gelohnt, zum Rauschen der Wellen und Möwengekreisch durch die verfallene Anlage zu streifen.

Sogar einige alte Kellerräume konnte ich noch betreten. Einer hatte ein augenförmiges Fenster, das auf die Ostsee blickt. Auf der anderen Seite begegnete ich jemandem mit Kamera und wartete mit dem Vorbeigehen, bis sein Foto fertig war. Das dauerte länger als gedacht, was hauptsächlich daran lag, dass er eigentlich ein Video machte. Der hauptberufliche Bahnmitarbeiter wollte eine Dokumentation über die Burg drehen, suchte aber noch nach dem Thema (vielleicht irgendwas mit Horror), und viel Freizeit für sein Projekt hatte er leider auch nicht.

In der Zementstadt Kunda soll alles mit Zementstaub bedeckt sein, es war die schmutzigste Stadt Estlands. Schmutzig fand ich es nicht, aber einladend auch nicht gerade. Die älteste Zementfabrik darf man nicht betreten, es wird vor unmarkierten Löchern und Verfall gewarnt.

Auf den Flüssen rauschen unterdessen große Stauwehre mit seltsamen Stangenkonstruktionen. 

Heute hielt ich mich lieber an die Wegweiser. Der Bikeline wies mich auf küstennahe Radwege, die aber auf der Karte exakt so aussahen wie der Sand- und Pfützenweg auf der Käsmu-Halbinsel gestern - nur deutlich länger, und das wäre mir dann doch zu anstrengend geworden. Die Hauptstraße im Hinterland war zwar relativ reizlos, aber immerhin echt schnell.

An der Kirche von Viru-Nigula entdeckte ich einen alten, löchrigen Stein, an dem ansonsten aber nichts bemerkenswert war. Trotzdem steht ein Schild daneben und erzählt die Geschichte von Kongla Ann, der Dorfheilerin. 1640 sollte sie das Kind ihres Lehnsherrn retten und schaffte es nicht. Daraufhin ließ man sie verhaften und foltern, und spontan erinnerte sich Kongla Ann, dass sie ja nicht nur das Kind ermordet, sondern auch mit dem Teufel probiert hatte, andere Kinder zu machen, als Wirbelwind herumgeflogen und ein Werwolf war. Was genau danach mit ihr geschah, ist nicht überliefert, aber sagen wir, ein Freispruch ist eher unwahrscheinlich. 218 Hexenprozesse gab es in Estland, 65 davon endeten mit einer Hinrichtung, aber wer Verkehr mit dem Teufel einräumte, bei dem war der Scheiterhaufen üblich. In Viru-Nigula geschah das auf dem Hügel hinter der Kirche.
In den 90ern stellte man den Stein für sie und alle anderen Nonkonformisten im Laufe der Jahrhunderte auf, die altes Wissen und Traditionen aufbewahrten. Und zwar durchaus erfolgreich, denn laut Schild suchen manche bis Esten bis heute Rat bei Hexen.

Auf einer kleinen Straße vorbei an Wind- und Solarkraftwerken gelangte ich wieder zum Meer zurück. Im Schatten jeder Solarplatte hatte sich ein kleiner Sumpftümpel gebildet, aus dem Frösche quakten.

Wieder Hauptstraße, diesmal aber direkt über der Ostsee! Denn ab jetzt besteht der Rest des Tages fast nur aus hohen Klippenkilometern. Hinter der Leitplanke stand ein graues Wegkreuz, von dem ein Arm abgebrochen war (rechts).

Im modernen Küstenörtchen Tulivee wurde das Restaurant offenbar gerade erst geöffnet, hatte aber an der Seite dankenswerterweise frei zugängliche Sanitätsräume, an denen ich Wasser nachfüllen konnte.
Ich stieg einen besonders hohen und gut gebauten Aussichtsturm hinauf, der aus demselben dunklen Holz bestand wie die Gebäude. Das Flusswasser hatte eine weinrote Färbung, ganz anders als das blaugrau der Ostsee. Es ist klar zu erkennen, dass die Küste gleich steil weitergehen wird, von Finn- oder Russland ist aber noch nichts zu sehen.

Danach schob ich das Rad auf dem Steg bis auf die schönen Bänke in den Dünen. Herrlich, hier esse ich Mittag!
Der Wind war da anderer Meinung und pustete plötzlich noch stärker drauflos. So verhinderte mit gnadenloser Effizienz, dass ich den Kocher überhaupt erst anzünden konnte. Schön blöd, weil ich natürlich schon voreilig die Sachen im Topf ins Wasser gehauen hatte.

Provisorisch transportierte ich ich den vollen Topf ein paar Kilometer weiter, die Route auf Feldwegen in der Nähe der Küste herumkreuzte. Bei solchen Wegen ist jetzt nicht gerade mit einem Rastplatz an der nächsten Ecke zu rechnen, notgedrungen kochte ich also auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Getreide und Kies, umgeben von neugierigen Insekten, die sich wahrscheinlich ebenso wunderten wie die Autofahrer, die gelegentlich vorbeiknirschten.

Bei Purtse kam ich am Hügel Hieemägi vorbei, der eine heilige Stätte der Esten gewesen sein soll. Heute steht da ein Park zum Andenken an die Opfer der Grausamkeit, der an die Deportierungen nach Sibirien erinnern soll. Ich habe aber überhaupt keinen Zugang in den zugewachsenen Wald gefunden und dementsprechend auch keinen Park.

Macht nichts, es gab sowieso noch viel mehr zu sehen. Bald darauf begann aber eine absolute Traumstrecke über das Baltische Kliff hinweg, das sich hier 23 Kilometer lang und bis zu 56 Meter hoch über die Küste zieht, schon seit 1935 geschützt durch das Ontika-Naturschutzgebiet. Ob es mit der Silurischen Küste auf Saaremaa im Zusammenhang steht, konnte ich nicht herausfinden.
Wo ist es denn jetzt überhaupt? Ich stand irritiert vor dem Tor eines Hotelgeländes, fand aber schnell raus, dass da jedermann rein und sich alles anschauen darf. Die weitläufige Wiese endete hinten sehr abrupt, und da hatte ich eine Ahnung, wo das liegen mochte.
Das Kliff ist zwar hoch, aber auch sehr zugewachsen und versteckt. Auf der kleinen Gitterplattform mit präsentierte sich mir ein chaotisches Gewühle lebender und toter Bäume sowie zahlreicher Farne, aus dem nur hier und da bräunliche Kalkfelsen rausschauten. Der Anblick ließ mich trotzdem kurz stocken, weil ich eben noch auf der unauffälligen Straße gestanden und gar nicht richtig auf dem Schirm hatte, wie hoch ich mich eigentlich befand.

Vielleicht ist von unten mehr zu sehen? Ich stieg eine nagelneue Treppe aus Stahl, Holz und rosarotem Geländer runter. Auch hier hielt sich das Kliff eher bedeckt, aber der Abstieg durch den grünen Dschungel hatte auf jeden Fall was. Die lange Treppe war dabei sogar der größte Blickfang, mit ihren zahlreichen runden Plattformen erinnerte sie mich an die Treppe am Stuibenfall im österreichischen Ötztal. Unten am Strand sah es aus, als hätte sich das pflanzliche Gewühle über einen Teil des Strandes gestürzt und ihn verschlungen.

Oder vielleicht sehe ich mehr, wenn ich noch höher steige? Ein Seminargebäude aus Wellblech und weißen Ziegeln stand auf dem Kliff. An der Außenseite führte eine komplett zugewachsene Wendeltreppe rauf, und an der Oberseite dann eine Aussichtsplattform in mehreren Stufen wieder runter. Aber am Baltischen Kliff bedeutet höher nicht automatisch mehr zu sehen, ganz im Gegenteil, hier waren überhaupt keine Klippen zu erkennen. Dafür umso mehr vom Meer, und darauf kam es den Grenzsoldaten hier oben schließlich an, dafür hatten sie sich immerhin den Scheinwerfer mit 10-Kilometer-Reichweite angeschafft. Als Flüchtling konnte man vielleicht unerkannt in dem Grün an der Steilküste herumstromern, aber auf dem Meer wäre man wieder ins Blickfeld geraten. Und 10 Kilometer sind so lang, da hätte sogar Peter Döbler nicht unter dem Scheinwerferlicht hindurchtauchen können.

Dann ist da noch ein rostiges Fenster mit Vögeln drin, zu seinen Füßen das rostige Wort UMSIEDLUNG. Auf Deutsch, wohlgemerkt. Denn es erinnert an die Deutschbalten, die aus der Zeit der Deutschen Kolonisierung im Land geblieben waren. Sie bereicherten die Kultur, und viele unterstützten die Gründung der ersten und zweiten Republik Estland - es ist selten, dass eine Infotafel im Ausland so voll des Lobes für irgendwelche Deutschen ist.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verließen viele Deutschbalten das Land, weil sie einen Angriff der Roten Armee fürchteten. Als diese dann wirklich einrückte, ließ sie die übrigen Deutschbalten gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt ins Deutsche Reich abschieben. Das war sicher nicht einfach für sie, aber immer noch besser als das Schicksal der Esten, die zeitgleich in die entgegensetzte Himmelsrichtung nach Sibirien gekarrt wurden.


Aber ich war noch nicht fertig mit dem Kliff. Ein paar Kilometer weiter entdeckte ich diesen total versteckten Wanderweg, für den sich das Kliff extra verbiegt und einen Hohlweg bildet. Links eine Felswand, rechts eine Felswand, dazwischen ein halbvergrabenes, dickes blaues Rohr und ein Bach. Der breitete sich immer weiter aus und nahm irgendwann den kompletten Waldweg ein. Das machte das Wandern etwas schwieriger, aber nicht unmöglich.
Unten am Wasser endet der kleine Strand an einer rätselhaften Betonkante. Ein netter Abstecher, den ich gern gemacht habe, aber ganz bestimmt kein Muss.

 
Ganz anders sieht es in Valaste aus, der Abstecher ist ein Muss, und liegt auch fast direkt an der Straße. In dieses Dörfchen bauten die Nazis massive Batterien und Radaranlagen gegen Flugzeuge und Schiffe, die mit 70 Kilometern Reichweite einen Großteil des Finnischen Meerbusens abdecken konnten. Davon sind aber nur noch Fundamente übrig, und heute steht dort ein Parkplatz mit Imbiss und Dixiklos, um die jemand außenrum extra eine hölzerne Hütte gezimmert hat, damit sie weniger nach Dixiklo aussehen.
Also dann, zum dritten Mal Fahrrad anschließen und die Treppe runtersteigen. Ich lief über den Fluss Valaste, der hinter einer scharfen Kante verschwand. Besonders tief schien es dort aber nicht runterzugehen, denn es war kaum ein Rauschen zu hören. Dann gingen die Stufen wieder nach oben, und mehr Interessantes schien nicht zu kommen. Hm, ich glaube, die zweite Treppe am Parkplatz ist doch die Spannendere. 

Die zweite Treppe ist wieder so eine modern-verschlungene Aussichtstreppe, und sie gibt schon bald den Blick frei auf den schönsten Teil des Baltischen Kliffs. In diesem verborgenen Kessel ist der Kalkstein gestreift in Blau, Orange, Braun und Hellgrau, Überreste aus hunderten Millionen Jahren, aufgeschnitten und auf einem Blick präsentiert wie ein Papageienkuchen.
Und dort kommt die Valaste heraus - oh doch, hier geht es tief runter! Wie tief genau, ist gar nicht so leicht zu sagen. Die offizielle Angabe sind 30 Meter, aber laut Schild wurde dieser Wert nur einmal während einer Flut 1998 gemessen, alle Messungen danach ergaben 26 bis 28 Meter. So oder so ist das der höchste Wasserfall im Baltikum. Platz 2 und 3 liegen nur wenige Kilometer entfernt am selben Kliff, an viel weniger zugänglichen Stellen, kommen aber bei Weitem nicht ran.
Was für ein Ort! Ich glaube, damit sind die Klippen von Panga Pank dann doch übertroffen. In einer sehr zielstrebigen Linie fällt der Wasserstrahl runter und vermeidet jede Berührung mit der Felswand, als hätte er Angst, die Farben abzuwaschen. Erst kurz vor dem Ende lässt es sich nicht ganz vermeiden, dass sich ein Teil des Wassers am Stein bricht und von Neuem zu fallen beginnt. Auch im Sommer ist jede Menge Wasser vorhanden, verwirrt hat mich nur, wie leise der Fall trotzdem war. 

Die Valaste rauscht danach durch ein Chaos an kleineren Steinbrocken und kreuz und quer umgekippten Bäumchen. Kurz vor ihrem Ende überquert die Wandertreppe den Fluss, dann ergießt sie sich über den Steinstrand in die Ostsee. An einem Stock baumelt dekorativ eine Unterhose im Wind.


Ach ja, und so sieht übrigens die Straße aus, die die ganze Zeit über das Baltische Kliff hinwegführt. Ich zeige sie erst jetzt, weil sich im hinteren Bereich endlich die Bäume lichten und den Blick freigeben auf die eigentlich ganz nahe Ostsee.

Erst der Erholungsort Toila unterbricht die Klippe dann wieder. Der Ort empfing mich erst einmal mit einem Restaurant mit einem Hörsturz, als von einem Restaurant mit Bühne aus lautstarke Musik die Gäste und sämtliche Verkehrsteilnehmer andröhnte. Erholung stelle ich mir anders vor.
Auf einem Radweg schlängelte ich mich in Serpentinen die auslaufende grüne Steilküste runter, über eine Flussmündung und landete in einem Park.

Dort sprang mir erst einmal ein Friedhof ins Auge. Er bestand größtenteils aus einer sehr ordentlichen Wiese, nur hier und da standen kleine Gruppen von Steinkreuzen. Die Namen der Toten finden sich auf ein paar zentralen Stelen. Das Gebiet war 1944 hart umkämpft, und in Toila stand ein Lazarett, in dem viele deutsche Soldaten an ihren Verletzungen starben. 1995 schloss die Bundesrepublik mit Estland ein Kriegsgräberabkommen, sodass der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sie richtig bestatten konnte.

In Toila ließ sich der Petersburger Geschäftsmann Gregorij Jelissejew einen dreistöckigen Palast, den ihm estnische Industrielle abkauften und Präsident Konstantin Päts schenkten. Der Palast fiel dem Krieg zum Opfer, aber der Park steht noch. Er wurde 1899 angelegt, also haarscharf noch im 19. Jahrhundert. Das hatte wichtige Auswirkungen und sein Aussehen, denn der wichtigste Gartentrend im 19. Jahrhundert waren Rosen. Davon standen also jede Menge im Garten, neben exotischen Pflanzen wie Palmen und Pfirsichen. Die Statue der Three Graces wurde nach dem Abzug der Sowjets in einem Militärlager entdeckt und steht seitdem auch wieder im Rosengarten.
Wer auch den Palast sehen will, kann Toila 1938 in Virtual Reality erkunden, das kleine Häuschen dafür war allerdings schon geschlossen.

Außerdem ist da noch ein Erneuerbare-Energien-Pfad. Ganz überraschend entdeckte ich dann noch eine Sandsteinformation, die mich sehr an die lettische Gutmannshöhle in Sigulda erinnert hat, komplett mit Teich und eingekratzten Botschaften. Nur ist sie hier von farblich passendem Mauerwerk umgeben und geht nicht so tief in den Berg rein, es ist eher eine versteckte Schlucht als eine Höhle.

Erst dahinter kam ich in die eigentliche Stadt Toila, deren Wohnblocks durch die Parkanlagen ästhetisch zusammengehalten werden. Ich bin jetzt eindeutig im russischsprachigen Osten Estlands, was auch deutlich zu hören ist. Aber auch nur zu hören. Würde man die Szene stummschalten, wäre die Szene von Westestland nicht zu unterscheiden: Die Menschen schoben Kinderwägen, fuhren auf Inlineskates durch die Gegend oder telefonierten über ihre drahtlosen Kopfhörer.
Ein paar Kilometer weiter lag noch das Dorf Voka, in dem sich ein ähnliches Bild bot. Im angestauten Flüssschen badeten Kinder. Und genau da fiel mir dann doch ein Unterschied auf: Ein Junge ballerte mit einem Spielzeug-Maschinengewehr durch die Gegend, das täuschend echte Geräusch von sich gab.

Auch die letzten Kilometer liefen nochmal übers Kliff, diesmal aber auf staubigen Feldwegen durch die Getreidefelder. Ich bin gut vorangekommen, für morgen bleiben nur noch etwa 40 Kilometer. Sehr schön, denn für morgen will ich mir Zeit nehmen.

Das Meer war nie weit entfernt, die Klippen auch nicht. Ich überlegte, das Nachtlager hier aufzuschlagen, traute mich dann aber doch nicht - auf der einen Seite der Abgrund, auf der anderen möglicherweise abendliche Spaziergänger.
Auf der anderen Seite der Ostsee verlief ein Streifen Land. Könnte das Finnland sein? Nein, der Meerbusen ist hier noch immer so breit wie die ganze Zeit schon. Also ist es wohl... ja, das kommt hin, die Küste knickt hinter der Grenze steil nach Norden ab. Dort hinten ist Russland. 


Dienstag, 28. April 2026

Von Neeme nach Oandu

Im 18. Jahrhundert fiel den Esten auf, dass jede Menge Kalkstein in ihrem Land wächst, und dass man daraus ja Brücken bauen könnte. Vor allem im Norden, wo der Kalkstein näher dran und die Flüsse breiter waren. Trotzdem wurde erst 1831 das Projekt in Angriff genommen, die Poststraße von Tallinn nach Narva komplett mit 26 vernünftigen Brücken auszustatten, davon 4 aus Stein.
Eine davon führt im Kalkdorf Valkla über den gleichnamigen Fluss und ist dermaßen niedrig, dass mir erst beim Zurückschauen und nachdem ich das dazugehörige Schild gesehen hatte aufgefallen ist, dass ich gerade über die Valkla-Brücke gefahren bin. Wann genau sie entstand, weiß man nicht, aber schon 1855 gibt es eine Beschwerde, dass der Fluss einen Pfeiler ausgehöhlt hatte. Der Mangel wurde aber nicht in Angriff genommen, das Zarenreich kümmerte sich nur so mittelgut um seine Kolonie. Erst für 1928 ist eine Reparatur belegt, auch wenn man nicht genau weiß, welche.

Die Bänke auf dieser Strecke sind gezackt und erinnern an Burgpalisaden.

Heute habe ich den Lahema-Nationalpark durchquert, den ersten in der Sowjetunion. Der Name bedeutet Buchtenland, und darum ist ist es keine Überraschung, dass die Halbinseln heute länger und zahlreicher werden, denn irgendwas muss ja auch zwischen diesen Buchten sein. Zwei Drittel des Parks bestehen aus Wasser und Sümpfen. Auf der ersten Halbinsel fuhr ich hinauf bis nach Leesi. Die Küste säumen kleine Gehöfte mit Feldsteinmauern - oder eher Feldsteinbegrenzungslinienhaufen -, erst danach kommt der Wald. 

Es gab also jede Menge Schatten, aber auch genug Sonne, dass sich meine neue Sonnencremeflasche schon wieder rapide leerte. Trotzdem freute mich die Sonne sehr. Aus folgendem Grund: Auf der Anreise hatte ich mir sehr spontan eine Solar-Powerbank gekauft sowie ein neues Stück Naturseife. Die Idee: Wenn ich das Handy sparsam im Energiesparmodus nutze, mit der Sonne auflade und ich mich in Naturgewässern waschen kann, dann bin ich im Hochsommer tatsächlich komplett autark. Ich brauche natürlich noch alle paar Tage einen Supermarkt, aber theoretisch keinerlei Unterkünfte mehr. Optimistisch schnallte ich die Solarplatte auf die Sonnenseite meines Gepäckträgers.
Hat das funktioniert? Natürlich nicht. Ein Gerät, das hält, was es verspricht - machen Sie sich nicht lächerlich. Der Ladestand der Powerbank folgte keinerlei erkennbaren technologischen und meteorologischen Logik. Mal hatte die Sonne sie urplötzlich gefüllt, dann wieder schienen die Sonnenstrahlen ihr alle Energie herauszusaugen, die meiste Zeit aber schien die Sonne keinerlei Einfluss auf den Füllstand zu haben. Trotzdem hatte ich mit der Verfügbarkeit von Strom keinerlei Probleme, weil ich auf dieser Reise oft genug andere Verkehrsmittel mit Steckdosen nutzte.
Das heißt aber nicht, dass ich mit dem Aufladen keinerlei Probleme hatte. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied, der mir an jenem Tag auch noch nicht klar war.

 

Dass die Sowjets den Nationalpark gründeten, hielt sie nicht davon ab, die Spitzen der Halbinseln mit Militärbasen zu dekorieren. Zum Beispiel an der Spitze der Halbinsel von Leisi (hinten im Bild), dort bauten sie gleich zwei. Auf einer davon bestanden die Raketen aus Sperrholz und Blech - es handelte sich um eine komplette Attrappe, um die Westmächte von der echten Basis auf der Ostseite der Halbinsel abzulenken. Und in den Resten der Attrappe soll sich heute ein Naturlagerplatz zum Übernachten befinden. Ach, Mensch, verdammt schade, dass es noch viel zu früh ist, um das Lager aufzuschlagen.

Die nächste Halbinsel beginnt in Loksa, der größten Stadt im Nationalpark. Alte Mauern und Schornsteinen erzählen noch von den Schiffen und Backsteinen, die hier hergestellt wurden. Die Innenstadt sieht aber ganz und gar nicht backsteinig aus, sie besteht aus Bäumen, zurückgezogenen Villen und einem Haufen weißer Bänke ohne Lehne.

Auf der Halbinsel Pärispea springt wieder mal die schöne Aufmachung der Bushaltestellen ins Auge, zum Beispiel als komplett grünes Wohnzimmer.
Auch die Strichelstraßen im Nationalpark (links) sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Dort hat jemand nämlich mit einem dünnen Pinsel kreideähnliche Linien vorgezeichnet, die erst später durch normale dicke Strichellinien ersetzt wurden. Weil sich nun aber die neuen und alten Linien nicht exakt überschneiden, ergibt sich beim Schnellen Durchfahren eine Art Trickfilmeffekt: Es sieht aus, als würde die dünne Linie immer wieder durch die dicken Linien hindurchschlüpfen und auf der anderen Seite herausschießen, auf dem Weg zur nächsten Linie. Ist das Kunst oder nur ein Weg?

Wenigstens eine der Halbinseln wollte ich auch komplett bis zur Spitze hochfahren. Schweren Herzens entschied ich mich für Pärispea und gegen die Leisi-Halbinsel mit der Attrappe. Auf Pärispea stehen sogar noch mehr alte Militärgebäude in den Brennnesseln, manche nur noch als hohle Häusermauer, andere als kompletter Block. In der Radarstation überwachten die Sowjets den ganzen Schiffsverkehr im Finnischen Meerbusen, nebenan entmagnetisierten sie ihre U-Boote.

Die Zugänge sind allesamt mit Brettern vernagelt. Okay, diese Bretter sind inzwischen in einem Zustand, in dem sie vermutlich nicht mal ein Kleinkind aufhalten könnten. Aber gerade das sollte vermutlich eine deutliche Warnung davor sein, das Haus zu betreten, dessen Zustand dann ja vermutlich nicht besser sein wird.

Am Strand entdeckte ich dann noch einen ganz eigenartigen militärischen Überrest. Ich stieg einen zugewachsenen Beton-Fahrweg hinauf auf einen kleinen Hügel. Die Oberseite war mit besonders hässlichen Betonplatten drin belegt, in denen ovale Steine wie riesige Reiskörner eingeschlossen waren. Rundherum aber dufteten die schönsten Rosenbüsche. Warum genau haben sich die Soldaten die Mühe gemacht, eine Straße auf diesen Hügel zu bauen, für Parkplätze ist doch auch unten genug Platz?
Wahrscheinlich war das ihr geheimer Parkplatz für romantische Verabredungen.

Auch auf der Spitze von Pärispea befindet sich ein Naturlagerplatz mit Grill, Plumpsklos und weiteren Rosenbüschen, und jede Menge Esten hatten das warme Wochenende genutzt, um hier mit ihren Zelten oder Wohnmobilen hochzufahren.
Nope, Schlafenszeit ist immer noch nicht, aber zumindest Mittagszeit.
Und dahinter ist schon der eigentliche Grund zu sehen, warum ich nach Pärispea wollte. Denn ich bin immer noch nicht an der Spitze.

 

Diese Spitze stellt die Purekkari-Landzunge dar. Die besteht hauptsächlich aus sehr vielen Steinen von sehr unterschiedlicher Größe. Das gebogene Gebilde erinnerte mich an die chaotische Mole von Ainaži, ist aber komplett natürlichen Usprungs. Trotzdem ist es sogar ein wenig leichter zu begehen als Ainažis Mole, auch wenn oft kaum zu erkennen ist, wo der Pfad als nächstes langführt. Hier und da biegt sich auch überraschend hohes und normales Gras im Wind, weiter hinten sogar einzelne Bäume und noch mehr Rosenbüsche, dann sogar Sümpfe, über deren schwarzen Schlamm jemand Bretter gelegt hat.
Aber so weit war ich noch nicht. Erstmal musste ich durch den steinigen Teil, und dabei war mir das Meer im Weg. Das hier ist eine der wenigen Stellen der Ostsee, wo die Gezeiten für Fußgänger wirklich einen Unterschied machen: Ob man nämlich durchs Wasser waten oder nur mit großen Schritten über ein paar nassere Steine kraxeln muss, das hängt vom aktuellen Stand des Mondes ab. Und damit auch die Frage, ob der hintere Teil von Purekkari eine Insel darstellt - und ob der nördlichste Festlandpunkt Estlands auf diesem Foto hier liegt oder erst auf dem übernächsten.
Bei mir lagen die kritischen Steine noch nicht so richtig im Wasser, und ich konnte sehr vorsichtig drübersteigen. Das heißt dann wohl, bis zum nördlichsten Punkt ist es noch ein Stückchen.

Wenn ich Steine von sehr unterschiedlicher Größe sage, dann meine ich das auch so. Purekkari hat 65 Findlinge, die über 2 M hoch und über 12 Meter im Durchmesser sind, manche knacken sogar fast den Durchmesser von 30. Oft liegen diese Riesenbrocken eher in pflanzlicher als in steiniger Gesellschaft, wahrscheinlich, weil sich ihrem Windschatten besonders viel Erde ansammeln konnte.
Damit die kleinen Steine hier optisch mithalten können, haben Spaziergänger sie zu hohen Türmen aufgestapelt, der Rekordhalter ist hinten im Bild zu sehen. 

So, und das ist jetzt wirklich das Ende der Landzunge, weiter geht es nicht. Hmm, ob ich da drüben schon Finnland erspähen kann? Nope, keine Chance.


Purekkari ist auch ein wichtiger Rast- und Nistplatz für Zugvögel. In der nächsten Bucht stand ein hölzerner Turm im Schilf, auf dem die einzelnen Vogelarten mit runden Aufklebern erklärt sind. Um tatsächlich Vögel zu identifizieren, waren die paar anwesenden aber doch zu weit weg. Mir blieb nur, über die estnischen Vogelnamen zu schmunzeln: Tuttputt, Piilpart, Kalakajakas - nur der Kormoran klingt vertraut.

Seine ganz eigene Tierliebe zelebriert dieser Grundbesitzer mit Schweineköpfen im schmiedeeisernen Tor und Pantherstatuen daneben.

Bis hierhin war ich sehr froh, dem Bikeline und nicht den Schildern oder der App gefolgt zu sein. Auf der Halbinsel von Käsmu war ich es nicht mehr. Zwar funkelte zwischen den Bäumen ein blauer See, allerdings funkelten auch auf den Wegen schwarze Pfützen. Und wo nicht, war der Weg stark versandet. (Es war nicht so schlimm wie der Grenzweg bei Nida, aber der sollte auch wirklich kein Maßstab für irgendwas sein.)

In Käsmu bog ich zum belebten Hafen ab, wo einige Menschen zum Restaurant spazierten. Mich interessierte aber etwas anderes. Hinter der Statue eines weißen Rehs auf einem weiteren Riesenstein stand ein alter sowjetischer Wachturm. Er war komplett grün angestrichen und wieder hergerichtet, und jeder konnte ihn besteigen, was am Eisernen Vorhang bekanntlich eine Seltenheit ist und den in baltischen Staaten bisher noch gar nicht vorkam. Noch dazu gibt es keinen Eintritt, nicht mal eine Spendenbox oder irgendwelche Warnhinweise. Die einzige Texttafel war auf Russisch und anscheinend noch von damals.

Die sowjetischen Türme sind noch dürrer und skelettartiger als die polnischen. Die grünen Stangen verschwimmen mit der grünen Umgebung rundherum, dazwischen halten nur ein paar Brette die eigenen Füße. Etwas mulmig fühlt sich das schon an, so inmitten von leerer Luft zu kraxeln. Das Teil schwankte leicht, aber insgesamt wirkte es trotz allem vertrauenswürdig. Und der Blick über das weiße Küstendörfchen und die nächste Bucht ist es eindeutig wert.
Im Dorf der Kapitäne ließen sich Seemänner ausbilden und ihre Schiffe überwintern. Als daraus ein Sperrgebiet wurde, flohen ein Dritten der 500 Einwohner nach drüben. Mit Seefahrt kannten sie sich ja aus, also gingen sie dabei mutmaßlich etwas professioneller vor als die DDR-Bürger auf ihren Surfbrettern und Schlauchbooten.

In das Ende der nächsten Bucht schmiegt sich die bekannte Kurstadt Võsu. Puh, Zeit für ein Ostseebad! Die Bucht war verdammt flach und ich musste weit nach draußen waten, bis ich richtig schwimmen konnte - und dann kam direkt wieder eine Sandbank. Sogar in der zentralen Rinne zur Strandmitte hin war das nur geringfügig besser. Dafür war das Wasser aber besonders sauber und klar.

Nach Võsu kamen per Zug oder Schiff deutsche und russische Adlige, um zu entspannen. Die Villen haben zum Teil eine wilde Geschichte: Wo einst deutsche Unternehmer ihre Schweine hielten, inhaftierte die Sowjetarmee Esten vor ihrer langen Abschiebung nach Sibirien, danach rissen sie alles ab und bauten eine Kantine für ihr Zeltlager, die in den 90ern zum Nachtclub wurde und inzwischen auch nicht mehr steht.

Aber vergessen wir mal all die Kolonisatoren. Rund um Võsu findet sich auch eine kulturelle Spur der estnischen Ureinwohner, und zwar ihre sogenannte Swinging tradition, also das Schaukeln. (Was dachten Sie denn?) Gerade in Nordestland sind Schaukeln mehr als nur Kinderkram, sondern ein magisches Ritual, das den Lauf der Sonne nachahmt und dadurch Fruchtbarkeit und Fortschritt bringt. Deswegen stehen rund um Võsu seit dem 18. Jahrhundert mehrere Schaukeln mit einem großen hölzernen Rahmen. Die wurden gerade auch rege von Familien genutzt, weshalb ich sie selbst leider nicht ausprobieren konnte.
Gebaut wurden die Dinger notfalls auch mit Holz, das heimlich aus dem Wald der Adligen entnommen wurde. Die Metallteile lieferte der Dorfschmied, der dann zur Belohnung auch als erster schaukeln durfte. Auch Geschlechterrollen waren beim Schaukeln von großer Bedeutung: Junge Frauen schaukelten, sangen dabei und zeigten ihren freischwingenden Schmuck, und wer die Schaukel als erste im Jahr einweihte, würde noch im selben Jahr heiraten. Die jungen Männer dagegen zimmerten die Schaukeln zusammen, schubsten die Frauen an oder überboten sich gegenseitig in überaus maskulinen Wettkämpfen darin, wer am höchsten schwingen kann oder sogar den berüchtigten Überschlag schafft. (So gesehen waren wir alle in unserer Kindergartenzeit für eine Weile Esten.) Wer sich tatsächlich erfolgreich überschlagen hatte, wurde der begehrteste Junggeselle im Dorf.
During the swing spring holidays, young people were looking for a partner to swing with in order to show their affection for each other. Ähm, ja. 

Der Lahemaa-Nationalpark ist einer der Orte, in denen sich wieder lauter große estnische Naturlagerplätze angesammelt haben. Einen davon wollte ich schon noch benutzen, bevor ich den Nationalpark verlassen würde.
Ich bog also nach Oandu ab, kam vorbei an diversen Naturwanderwegen, die Tipps zur Bärenbeobachtung geben (Die höchste Bärenpopulation in Nordestland! Wir im Wald sogar spezielle Hütten zum Fotografieren eingerichtet, mit Mikrofon!) und einem alten russischen Verst-Stein (eine russische Längeneinheit von 1,0668 km) und erreichte nach einer Tagestappe von ca. 121,4 Verst einen Naturlagerplatz am Rande eines total zugewachsenen Sees. Rund um die Hütten und Grillplätze tobten und kreischten bereits Kinder mit Eltern. Aber es war ja genug Platz, ich schlug also mein Lager einfach auf der Wiese kurz hinter dem Zaun zum Parkplatz auf, mit ausreichend höflichem Abstand.
Dachte ich.
Auf einmal kam eine Frau auf mich zu und bat darum, mich woanders zu platzieren. Nanu, hatte ich etwas falsch verstanden, war das hier doch ein Privatgrundstück? Nein, aber sie hatten hier eine Familienfeier und wollten da auf dem (wohlgemerkt öffentlichen) Naturlagerplatz bitte für sich bleiben. Sie könne mir aber gern zeigen, wo ich stattdessen mein Zelt aufstellen könne.
Nämlich hier.

In der hintersten Ecke des Lagerplatzes, umgeben von Sumpfgewächsen, standen noch ein Grill und eine abgelegene Schutzhütte. Wo genau da ein Zelt hinpassen soll, das größer ist als eine Pfadfinder-Schildkröte, ist mir schleierhaft. War aber auch egal, es gab ja die Hütte, da sparte ich mir sogar das Aufbauen.
Kurz darauf kam die gute Frau dann doch zurück, offenbar geplagt von schlechtem Gewissen, oder zurechtgewiesen von einem der anderen Eltern. Sie bot mir an, mit dem Rad zu helfen, nachdem ich es bereits die kleine steile Böschung heruntergeschafft hatte, und schlug dann auf einmal vor, ich könne doch auch oben in einem ihrer Zelte schlafen, das sie jetzt doch nicht mehr brauchen würden.
Jetzt war ich erst recht irritiert, hatte mich aber schon in der Hütte und der ruhigen Ecke eingerichtet und war damit sehr zufrieden, weshalb ich dankend ablehnte.