Sonntag, 5. Juli 2026

Rindö

Ich wollte zumindest eine der Stockholmer Schären befahren (neben den Innenstadt-Inseln). Nach kurzem Stöbern auf Mapy entschied ich mich für Rindö, denn die Insel war überschaubar groß und schien dabei ein Querschnitt von allem zu sein - ein bisschen Stadt, ein bisschen Natur, ein bisschen Geschichte, ein bisschen Hafen und ein bisschen Militär. Wobei sich so was natürlich nicht wirklich anhand einer Onlinekarte erkennen lässt, wahrscheinlich würde es vor Ort ganz anders aussehen.
Tat es nicht. Meine Einschätzung mit dem Querschnitt traf genau ins Schwarze.
Schwieriger war es da schon, die Internetseiten davon zu überzeugen, mir doch bitte die nächsten Schiffsabfahrten zur Insel anzuzeigen. Die Stockholmer Nahverkehrsseite kennt die Schiffslinien, zeigt die Verbindungen aber nur an, wenn man ausdrücklich als einziges erwünschtes Verkehrsmittel Schiffe auswählt.

An die Haltestelle Strömkajen brummte ein bequemes Schiffchen heran und klappte schon vor dem Anlegen seine Schnauze auf. Eine Rampe fuhr hervor, und zack, zack, zack, blitzschnell strömten die Fährgäste runter und rauf, ich sollte mein Rad im Außenbereich hinstellen, dann verschlossen die Mitarbeiter die Tür und los ging die Fahrt. Der ganze Ein- und Ausstieg ging, obwohl technisch komplizierter, gefühlt fixer als in einer beliebigen deutschen Straßenbahn.
Der Vergleich ist nicht abwegig, denn offensichtlich fuhren hier hauptsächlich Stockholmer von der Arbeit nach Hause. Und das taten sie verdammt gut gekleidet. Mann, warum musste meine Schwester nach ihrer eigenen Stockholmreise erzählen, wie gut anzogen die Schweden sind? Hätte sie meine Aufmerksamkeit nicht auf all die Hemden und Anzüge gelenkt, dann hätte ich mich auf der Fähre weniger komisch gefühlt. Weil es bequeme Sitze und Strom gab, konnte ich mich immerhin digital von der modischen Diskrepanz ablenken. Oder mich durch Erstellung von Memes noch mehr damit beschäftigen.

Ich checkte per Kreditkarte ein und bezahlte am Ende 3,1 Euro. Genau wie in Helsinki sind die öffentlichen Nahverkehrsfähren das mit Abstand Günstigste der ganzen Stadt.
Nach etwas über einer Stunde (wie viel genau, hängt von der Fährlinie ab) legen diese Schiffe an der Uferpromenade von Vaxholm an. Die Erfindung des Dampfschiffs machte Vaxholm zu einem gut angebundenen Ausflugsort mit Spielplätzen und oranger Bäderarchitektur, und ich fühlte mich plötzlich an Waren an der Müritz erinnert. Außer dass mitten in der Hafenzeile plötzlich ein Stapel weißer Containerwohnungen die ganze Architektur verwirrte.
Vaxholm liegt auf der Insel Vaxön, die sich für eine Fahrradumrundung nicht eignet: Die eine Hälfte ist Stadt, die andere ein Wald, in dem nur Wanderpfade verlaufen. Weiter geht es also noch zwei Stationen mit einem zweiten Linienschiff, und damit wäre ich angekommen an Rindö Västra, der westlichen Station auf der Insel, zu der ich wollte. Auch wenn ich mich bei dem Anblick erst mal fragte, warum eigentlich. Rund um das gläserne Haltestellengebäude sah ich erst einmal nur staubiges Gewerbegebiet, Asphalt und Bootsstege.

Rindö wird in alle Himmelsrichtungen von Nachbarinseln bedrängt. Der größte Blickfang ist wohl die Festung Vaxholms Kastell auf der Mini-Insel Vaxholmen, nicht zu verwechseln mit der Stadt Vaxholm auf Vaxön. (Die haben das doch mit Absicht so verwirrend genannt, damit die Leute an der falschen Stelle aus dem Boot aussteigen.)
An insgesamt vier Stellen legen Fähren auf Rindö an, aber nur die Bootshäuser der Narchbarinsel Skarpö im Norden sind über eine kurze Brücke angebunden. Warum nur Skarpö, die Abstände sind doch überall so kurz? Weil die Einfahrt nach Stockholm für die großen Schiff frei bleiben muss.

Ich radelte erst mal ein Stück nach Norden zur Brücke, auch wenn das eine Sackgasse war. Das lohnte sich. Zum einen hatte ich dort den besten Blick auf Vaxholms Kastel, zum anderen zeigte auch Rindö selbst direkt seine höchsten Felswände und schönsten Landschaften. Ich entdeckte diese herrliche Küste aus sanften Felsen mit Gras und verstreuten Nadelbäumen. Ach, das wäre der perfekte Biwakplatz! Es tat mir in der Seele weh, ihn zurückzulassen, aber leider, leider sagte der Wetterbericht stundenlangen Regen voraus. Und zum Zelten war die Stelle dann doch zu felsig, uneben und exponiert. 

Schweren Herzens fuhr ich noch etwas weiter in die Inselmitte, wo ein Radweg neben der Hauptstraße verlief. Große Kleingärten, Gewächshäuser und gelbe Kasernen säumten die Strecke. Ich musste jetzt möglichst bald eine Zeltstelle finden, denn Dämmerung, Regen und ein Militärgebiet nahten, zudem hatte die letzte Werkstatt mein Licht nicht reparieren können.

Naja, dachte ich, als ich auf eine Nebenstraße in den Wald abbog. Wenn diese kleine Insel trotz der Nähe zur Stadt den perfekten Biwakplatz hat, dann wird sie wohl nicht auch noch den perfekten Wildzeltplatz haben. Wie unwahrscheinlich wäre das denn?
Dann fand ich diese Stelle. Absolut blickdicht, bequem erreichbar über einen Waldpfad, mit einer großen flachen Freifläche auf trockenem Laub und auch optisch durchaus ansprechend. Perfekt, um auch mal bis morgens um neun liegen zu bleiben und dem Rauschen zu lauschen.

Als es das Rauschen verrauschte, packte ich zusammen und drehte einen Bogen um die Nordseite der Insel, vorbei an Pferdeweiden, eine davon mit Hindernissen. Die braunen Pferde waren in überaus unmodische Fliegendecken ausgestattet, die schwarzweißen mussten ohne zurechtkommen, ein weißes hatte ein Zeichen in den Allerwertesten eingebrannt. Ein kleines Pony namens Bumle durfte keinesfalls gefütterte werden, denn es bekommt bereits vier Mahlzeiten am Tag und wird von Gras, Früchten und hartem Brot todkrank. Das verwöhnte Tier stierte mich trotzdem missmutig an, als ich dem Schild gehorchte.

Dann wurde es kurz steil und ich drang ins Militärgebiet ein. Darauf weist die graue Linie in der App hin, für alle, denen Straßennamen wie Militärvägen und Grenadjärsvägen zu subtil sind. Es mag sein, dass das Gebiet (genau wie das sjutfält auf der Insel gegenüber) noch immer der Armee gehört. Für mich sah das aber alles lange verlassen aus, auch Warnschilder gab es keine.
Im nassen Wald versteckte sich ein niedriger Bunker namens Byviksfort. Der wurde 1800 nach einem ganz neuen Prinzip erbaut: Ein großes "Schussobjekt" in der Mitte und große Wallgräben, die es flankieren. Dann aber wurden die Kanonen versetzt und Byviksfort war bloß noch Munitionslager, und so sieht es auch aus. Ein verwirrendes Schild bewirbt ein Museum in Vaxholm, in dem es um Soldaten, Hexen, Hunde mit Schüsseln auf dem Kopf und sprechende Bomben geht.
Alternativ kann man auf Rindö auch eine Unique Swedish Experience buchen. Sprich: Ein Picknick auf der Insel mit Kaffee und Zimtschnecken. Für schlappe 1195 Kronen.

Schließlich kam ich am Badestrand von Rindö heraus. Der besteht zwar aus Kies und Gras, ist aber auch mit einem Badesteg und Rettungsring ausgestattet. Und die Aussicht über das Schärenmeer könnte schöner nicht sein.
Das große gelbe Schild auf dem Felsen verkündete, ankern, fischen und tauchen sei verboten, denn es handele sich noch immer um ein skyddsobjekt. Also wird hier doch noch geschossen?! Ach nee, Moment, ich darf nicht sjut mit skydd verwechseln, das ist nur ein Schutzobjekt, wichtiger Unterschied.
Besonders beeindruckend wird es, wenn eine große Fähre vorbeiwummert. Und zufälligerweise geschah gerade genau das. Es war sogar eine Viking Lines, mit der ich gestern erst hier vorbeigefahren war. Der Perspektivwechsel von oben nach unten hätte größer kaum sein können.

Überrascht stellte ich fest, dass ich auf diesem Kiesweg auch problemlos direkt an der Küste entlangfahren konnte. Ich musste nur zwei Spaziergängerinnen überholen, und dann nochmal überholen, weil ich ein Foto gemacht hatte, und schon lag der schönste Abschnitt der Inselrundfahrt direkt vor mir.


Hier beginnt die Meerenge Oxdjupet, einer der drei nördlichen Stockholm slussar, also Schlösser bzw. Zufahrten. Und wie das mit Zufahrten meistens so ist, soll da nicht jeder einfach so reinfahren können. Darum baute Stockholm gegenüber auf der großen Nachbarinsel Värmdö einen braunen Würfel und weiter oben ein rundes braunes Ding namens Fredriksborg. Zwischendurch schütteten sie die Wasserstraße auch zu, merkten dann aber, dass aus irgendeinem Grund weniger Handelsschiffe Stockholm erreichten. Sie öffneten die Oxdjupet wieder, schickten die veraltete Fredriksborg in Rente und bauten 1870 direkt gegenüber auf Rindö einen Ersatz namens Oskar-Fredriksborg. (Der damalige König hat einfach seinen Namen angehängt.)
In der Zwischenzeit war nämlich so einiges erfunden worden: Zement, 30 Zentimeter dicke Panzerplatten und Nitroglycerin. Dieses explosive Zeug ist schuld daran, dass die Oskar-Fredriksborg größtenteils gar nicht zu sehen ist. Das bisschen Zement, Feldsteinmauern (es gab wohl nicht genug Zement) und Gras ist nur die Spitze des Schießbergs.

Darunter zieht sich ein Tunnelnetzwerk unter der Insel durch. Das erklärt dann wohl auch die komischen verrammelten Tore, die ich immer wieder in den Felswänden gesehen habe.
Falls jemand von Land angreifen sollte, schützen Gräben die Festung. Die Oskar-Fredriksborg ging 1930 in Rente, das dazugehörige Dieselkraftwerk erst in den 50ern. Obwohl alles unter Schutz gestellt und restauriert ist, kann man die Tunnel nicht betreten. Nur die ältere Fredriksborg gegenüber ist für Besucher geöffnet.
Dass eine der beiden Anlagen je kriegsentscheidend war, wird nirgendwo erwähnt. Sie bleiben also einfach nur ein Zeugnis davon, wie sich eine Hauptstadt mit einem Vorgarten voller Inseln verteidigt.

Es folgt die einzige zusammenhängende Ortschaft auf Rindö, die nach der Festung ebenfalls Oskar-Fredriksborg heißt. Erst einmal verirrte ich mich in einem neuen Wohnblockviertel und nahm einen Schleichweg den Hang herunter zwischen dürren Büschen auf einer Fläche, die aussah, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis dort auch Wohnblocks stehen.
Aber Rindö hat auch viele schöne Gebäude. Die gelben Holzvillen erinnerten noch an Finnland, die gelben Steinbauten waren gehörten vermutlich auch dem Militär, und sogar die klassischen roten Holzhäuser sind auf Rindö besonders filigran mit weißen Balkons und Dekorationen gestaltet, zum Beispiel das alte Schulhaus.

Etwas schlichter und rechteckiger ist das Katzenheim. Offenbar existiert auf Rindö nur eine einzige Haustierart, sodass sich das örtliche Tierheim entsprechend spezialisiert hat.

 

Am Hafen hatte das Militärviertel sein Herz, mitsamt Kantine und Meetingraum. Auf den Wiesen ringsherum sprießen lauter komische Skulpturen aus dem Boden.
Sogar das Krankenhausgebäude beanspruchte die Marine für sich - nicht so schlimm, die Insel hatte noch zwei weitere Krankenhäuser. Ein Schwarzweißfoto zeigt, wie es damals aussah. Gar nicht so anders, nur der Wasserturm ist weg.


Ein Wegweiser kündigte an, dass ich an der Südseite von Rindö auf dem kustlinjen entlangfuhr. Dieser Radfernweg folgt einem Teil der schwedischen Ostseeküste, übers Festland und die Stockholmer Schären. Aber es ist keine richtige durchgehende Strecke, eher eine Ansammlung vereinzelter und verzweigter Routen, bei der unklar bleibt, wo ich überhaupt anfangen und aufhören soll.
Trotzdem war auf der kustlinjen eine Veränderung zu erkennen. Die leicht hügelige Straße im Süden hatte schmale, gestrichelte Fahrradstreifen. Durch die Nadelwälder schimmerten andere Nadelwälder auf der Insel Ramsö hindurch.

Am Ende kam ich zurück auf die Hauptstraße mit dem Radweg, denn auf einem Teil der Inselrundfahrt lässt es sich nicht vermeiden, denselben Hin- und Rückweg zu nehmen. Dann rollte ich auch schon auf den Hafen zu, vorbei an einer Autoschlange, die auf ihre Fähre wartete.
Das nächste Linienschiff sollte erst in einer Stunde abfahren. Aber Moment - auf das Schiff von gestern passen doch gar keine Autos drauf, wie kommen die dann von der Insel runter?
Sie nehmen eine der gelben Gratisfähren, denn die verkehren ebenfalls nach Vaxholm. Perfekt, und wo fahre ich da jetzt drauf? Ich hielt mich an eine schwedische Radlerin, die ebenfalls am Stau vorbeigezogen war, das Fahrradverbotsschild gekonnt ignorierte und ihr Rad über den Fußgängerstreifen auf das Schiff schob.

Samstag, 4. Juli 2026

Ålternative: Von Österkalmare nach Stockholm

Die Hauptstadt und einzige Stadt der Åland-Inseln heißt Mariehamn. Das städtische Bad von Mariehamn heißt Mariebad. In der schlichten, schönen Schwimmhalle wärmte ich mich etwas auf und entdeckte zwei Kuriositäten. Zum einen gibt es in den Damen- und Herrenduschen jeweils eine Tür, die in ein und dasselbe Dampfbad führt (die Saunen sind dagegen getrennt). Zum anderen hat das Bad auch einen direkten Zugang in die Ostsee, das erste Mal seit der Ostseetherme Scharbeutz. Aber anders als in Scharbeutz gibt es hier kein Drehkreuz. Ein langer Steg windet sich um das Gebäude bis zu Rückseite, wo eine steile Holztreppe einfach ins kühle Wasser reingeht. Wer davon weiß, kann also einfach vom benachbarten Badestrand (rechts im Bild) zur versteckten Treppe schwimmen und 100 Prozent Rabatt in Anspruch nehmen. Theoretisch. Aber ich schätze mal, in einem solch überschaubaren Bad ist es den Bademeistern gut möglich, den Überblick zu behalten, wer reingehört und wer nicht.

Danach folgt der alte Stadthafen Sjökvarteret mit vielen roten Häusern und historischen Segelschiffen, auch hier verbirgt sich wieder ein maritimes Museum. In der Werft werden noch heute Schiffe nach historischen Plänen restauriert und gebaut. Die Mariehamner kauften gebraucht mehrere der P-Liner-Schiffe aus Travemünde, die Pommern liegt bis heute in ihrem Hafen.
Aufgefallen ist mir die rote Pyramide am Wasser (hinten rechts), auf deren Spitze eine Stange steckt, die ein... kleines Holzfass aufspießt? Was ist das?
Ein Leuchtfeuer von der Insel Kobba Klintar, das in den 60ern abgerissen werden sollte, so viel konnte ich auf Schwedisch lesen. Wie hat das bitte geleuchtet, und warum das Fass? Diese Fragen blieben offen, stattdessen erfuhr ich nur, wie der Ruderclub es hier neu aufgebaut hat.

Noch weiter südlich liegt die Halbinsel Lilla Holmen, ein Park, in dem ich mein Fahrrad schieben musste. Ich entdeckte ein Café, ein Vogelgehege mit leicht zerrupften Pfauen, eine Musikbühne, vor der eifrig Paare tanzten, ein weiteres Jungfrauentanz-Steinmuster und schließlich einen zweiten Badestrand. Der ist sogar mit Rettungsschwimmer, Outdoor-Dusche und einer Seebrücke ausgestattet. Kein Wunder, dass sich hier alle Gäste tummelten. Und wie sieht eine finnische Seebrücke aus? Kurz, hölzern, mit Umkleidenischen zum Aufhängen von Klamotten und mit einer langen parallelen Rollstuhlrampe im Wasser. Aber ob es überhaupt die typische finnische Seebrücke gibt, ist zweifelhaft. Ich habe ja bisher keine andere gesehen.

Die Innenstadt hat auch ein paar der gelben Holzhäuser, ist zum Teil aber auch eckig und schlicht geraten. Mehr als ein Drittel der Åländer leben hier, plus jede Menge Reisende, es gibt Buch- und Burgerläden, öffentliches WLAN, das ganze Programm. In der Fußgänger standen überall hölzerne Kombinationen aus Blumenkasten und Bank. Die normale Bank war nämlich schon besetzt, darauf sitzt das Kunstwerk Reverse Selfie. Die Statue trägt einen Spiegel im Gesicht, der nicht nur ihren eigenen Holzkopf in ihrer Hand zeigt, sondern je nach Blickwinkel auch den Holzkopf eines Touristen.

Diese gute Frau mit dem übergroßen Kleid heißt Maria Alexandrowna und ist die Marie im Namen von Mariehamn. Der Alexander in ihrem Namen wiederum ist Zar Alexander II. Nach dem Krimkrieg durfte er ja kein Militär auf Åland haben, also musste er irgendwas anderes Sinnvolles mit den Inseln anstellen, zum Beispiel eine Planstadt, Schiffe und möglichst einschüchternde Gebäude wie ein übergroßes Postamt bauen. Deshalb hat Mariehamn auch so rechtwinklige Straßen. 1861 gründete er Mariehamn, und nur vier Jahre später überquerte erstmals ein Schiff aus den Mariehamner Werften, die Preciosa, den Atlantik.
Das große graue Stadshus stammt aus dieser Zeit und steht etwas separat auf einem bunt bepflanzten Parkhügel.

 

Im Prinzip waren die Åland-Inseln genau so lange Teil von Schweden und Russland wie der Rest Finnlands. Okay, es gab da im Chaos des finnischen Bürgerkriegs einen kurzen Versuch der Schweden, die Inseln zu übernehmen. Sie segelten herbei, vertrieben russische, rote finnische und weiße finnische Truppen und erklärten, sie seien nur hier nur zum Schutz der Menschen gegen unkontrollierte übergriffige Soldaten, angeblich mit Einverständnis der finnischen Regierung. Auf Bitte der finnischen Weißen kamen die Deutschen und vertrieben die Schweden schnell wieder.
Warum dann die Autonomie? Einfach dadurch, dass die Hauptinsel näher an Schweden liegt, hier schon immer schwedisch gesprochen wurde und man mit den finnischen Ureinwohnern auf dem Festland nie viel zu tun hatte. Eine Petition für den Anschluss an Schweden unterschrieben im Unabhängigkeitschaos 7000 Menschen, was viel war, wenn man bedenkt, dass auch heute nur 30 500 Leute auf den Inseln leben. Sie beriefen sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Åländer, was clever war, denn genauso argumentierte Finnland in seinen territorialen Konflikten an der Ostgrenze mit den Sowjets. Finnland wollte die Inseln aber nicht einfach weggeben und legte die Frage dem Völkerbund vor. Der entschied: Die Inseln bleiben bei Finnland, müssen aber komplett demilitarisiert werden und weitreichende Rechte zum Schutz ihrer eigenen Kultur bekommen.
Und, welch Wunder, alle sagten: Okay, klingt fair. Und dabei ist es bis heute geblieben. Der Völkerbund dachte sich wahrscheinlich: Wenn doch nur alles andere auch so einfach wäre.
Das Åland-Selbstbestimmungsgesetz ist gleichrangig mit der finnischen Verfassung, und die Åländer haben zusätzlich eine Quasi-Staatsbürgerschaft namens Heimatrecht. Andere Finnen dürfen auf den Inseln nur wählen, Land kaufen oder ein Unternehmen gründen, wenn sie fünf Jahre ununterbrochen auf den Inseln leben, Schwedisch können und dadurch ihr eigenes Heimatrecht erwerben. Helsinki entscheidet weiterhin über Außenpolitik, Zölle, Steuern, Gerichte und einen Großteil des Zivil- und Strafrechts, den Rest macht Mariehamn, insbesondere auch den Sozialstaat. Anders als auf Grönland bin ich weiterhin auf EU- und seit Kurzem auf NATO-Gebiet, wobei letzteres durch die Demilitarisierung wahrscheinlich weniger relevant ist.

Die Parteien in dem nüchternen, aber gut bewachten Marmorwürfel (rechts) namens Lagting (Landtag) haben mit den normalen finnischen Parteien nichts zu tun. Die Partei für die Abspaltung Ålands als eigener Staat bekam bei der letzten Wahl aber nur noch 2,87 Prozent, die Rechtspopulisten gar nichts.
Der Lagting und die Landskapsregering in dem flachen Gebäude dahinter haben also durchaus weitreichende Kompetenzen. Auch wenn Landschaftsregierung für mich irgendwie mehr nach Nationalparkverwaltung klingt.

Der Marktplatz vor dem Parlament ist mit verschiedenen Brettspielen bemalt. Auf dem Riesenschachbrett stehen sogar schon die Figuren, auf den anderen Feldern müssen dann wohl Menschen als Figuren herhalten. Sehr praktisch - je nachdem, wie schnell die Spielzüge gehen, kann man so das in den Foodtrucks angefressene Fett gleich wieder abbauen. Nur das Rausschmeißen bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist hoffentlich nicht zu brutal. Die Kinder zogen es ohnehin vor, auf der leeren Freilichtbühne herumzutanzen.


Die komplette Stadt liegt auf einer Halbinsel, an deren Südspitze die Straße noch eine weitere Inselkette anbindet. Das heißt, auf beiden Seiten ist eine schnurgerade Kante mit Wasser. Und dahinter noch eine Halbinsel. Nirgendwo offenes Meer, obwohl ich in einer Küstenstadt auf einer Ostseeinsel stehe, für mich sehr ungewohnt. Aber eigentlich optimal, dadurch hat die Stadt gleich zwei geschützte Häfen. Der östliche ist der historische, im Westen legen heute noch die großen Fähren ab. Dort wollte ich die Schärentour mit der Überfahrt nach Stockholm abschließen.
Leichter gesagt als getan.
 
 
Der eindeutig günstigste Anbieter auf der Strecke ist Viking Lines mit 27 Euro. Dieser Anbieter hatte aber so seine Tücken. Zunächst die Tatsache, dass die Fahrradplätze auf diesem Mega-Fahrzeugdeck ernsthaft manchmal ausgebucht sind. Dabei ist es nicht so, als gäbe es da irgendwelche speziellen Fahrradhalter. Man lehnt sie irgendwie neben die Autos an die Wand und befestigt sie mit Gurten, wie überall sonst.
Als ich zum Check-In-Schalter fuhr, hieß es: Das Ticket wurde storniert, weil es nicht bezahlt wurde. Ein Beleg auf dem Handy, der zeigt, dass das Geld geflossen ist, reichte nicht aus, ich musste zweimal zahlen, bekam das Geld aber immerhin Wochen später erstattet, nachdem ich den Kundenservice mit allen denkbaren Überweisungsbelegen bombardiert hatte. Die Wartezeit nach dem Einchecken musste ich an einer unangenehmen Stelle an einer Betonwand in der prallen Sonne verbringen. Damit kein Fahrzeug in der falschen Fähre landet, erhält jeder einen Papieranhänger mit einem Buchstaben, der die Zielstadt anzeigt. An den Rückspiegel kann man sich den problemlos hängen, am Fahrradlenker fällt er bei jedem stärkeren Windstoß fast runter.
Endlich tuckerte das rote Schiff an den Anleger heran. Noch nie konnte ich so gut beobachten, wie nicht nur eine, sondern gleich zwei Rampen zum Fahrzeugdeck aufklappten.

Alles an diesem Schiff ist extrabreit und irgendwie anstrengend. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nicht doch aus Versehen auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet war. Ich glaube, Viking Lines bieten sogar Minikreuzfahrten an. Was eine Menge erklärt.
Es spricht natürlich absolut nichts dagegen, wenn die Kinder während der Fahrt eine Runde Schwarzlicht-Minigolf spielen können. Oder wenn die Teenager ihren eigenen Rückzugsraum haben, in dem Erwachsene laut Aufschrift verboten sind. Schon eher spricht etwas dagegen, wenn man nach einer Woche in der Natur überall mit schnulziger Musik beschallt wird, zum Teil auch live, und nirgendwo einen Ort der Ruhe findet.
Die Restaurants an Bord öffnen und schließen mehrmals pro Fahrt und haben auch noch doppelte Öffnungszeiten, einmal in der finnischen und einmal in der schwedischen Zeitzone.

Die Fähre wummerte aus ihrer Bucht heraus durch die letzten Åland-Inseln. Die letzten sind nur noch raue Flachfelsen, auf einem davon stand aber trotzdem ein Haus und schon wieder so ein Pyramiden-Leuchtfeuer, diesmal aus Metall. Ah, das ist also Kobba Klintar, ein beliebtes Ausflugsziel, von dem ich damals im polnischen Niechorze zum ersten Mal gehört habe, als mich dieses Megahorn von Kobba Klintar umgetutet hat. Wobei Kobba Klintar genaugenommen der Name der ehemaligen Lotsenstation (sprich: aller drei Gebäude) ist, die Insel selbst heißt Storlandet. (Buh, den Namen hatten wir schon!)
Die Blechpyramide zog vorüber, und dann, tatsächlich, ein fast vergessener Anblick: Offenes Meer. Nichts als Blau.
Für eine Weile.

Nur zwei der sechs Stunden fährt die Fähre durch die offene Ostsee. Dann tauchen neue Inseln auf, zunächst wieder kleine Flachfelsen, aber gleich deutlich mehr und mit einem dichteren Fell aus Bäumen. Sie sehen so klein aus von hier oben. Nicht zu fassen, dass ich die letzten Tage solche Minidinger mitgezählt habe. Willkommen auf den Stockholmer Schären, der größten Herausforderung für Kapitäne in der ganzen Ostsee! Die Einfahrt in die Hauptstadt blockiert eine komplett unübersichtliche Insellandschaft, die immer enger und enger wird.

Auch hier pendeln kleine gelbe Kabelfähren hin und her, denn jetzt wohnen Leute auf den Inseln, sogar richtige Orte tauchen auf. In dieser Inselgruppe gibt es ganz klar mehr als nur eine Stadt!

Und auch außerhalb der Städte stehen nun immer häufiger weiße Vorstadtvillen am Wasser. Gleichzeitig haben die großen Inseln aber immer noch riesige Wälder und Naturräume, denn der Platz geht ihnen hier nicht so schnell aus.
Ich genoss den Blick durch breite Panoramascheiben, das Buch in meinem Schoß war größtenteils vergessen. Auf der einen Seite hatte es definitiv seinen Reiz, aus dieser Höhe durch die Schärenlandschaft zu gleiten. Andererseits hatte die Gegensätzlichkeit auch etwas geradezu Obszönes, als hinter mir die Band dröhnte und um mich herum Glücksspielautomaten um mein Geld wimmerten. Nein danke, ich brauche keinen Roulette-Tisch und kein Escaperoom-Spiel an Bord, auch keine vier Restaurants, die in Wahrheit alle ein Restaurant sind. Ich will einfach nur hier sitzen.

Immer größer wurden die Inseln, dazwischen lagen verstreut aber immer wieder kleine Inselchen und Segelschiffchen. Die Zwischenräume sahen immer noch so breit aus, dass ich mir instinktiv keine Sorgen machte, ob wir da durchpassen. Aber wenn man dann bedenkt, wie extrabreit das Schiff und wie flach die Ostsee im Durchschnitt ist, dann glaube ich gern, dass das Steuern hier eine knifflige Angelegenheit darstellt. Hoffentlich hat wenigstens der Steuermann seine Ruhe.

Schließlich hatten sich die Inselortschaften zu einer zusammenhängenden Hauptstadt verdichtet, und hinter der nächsten Biegung gerieten schon einige ihrer Sehenswürdigkeiten in Sicht. Die Fähre legte dann ganz in der Nähe der Innenstadt an.

Natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn ich schon durch zwei Inselgruppen gehoppt bin und jetzt noch eine dritte folgt, warum nicht dann auch über diese Inseln radeln? Tja, dafür gibt es leider keinen ausgewiesenen Radweg und keine Beschreibung touren-wegweiser.de, die Seite schlägt auch die direkte Fähre vor, vermutlich aus gutem Grund. Es existiert keine Fähre von Åland, die auf einer Stockholmer Schäre anlegt. Ich hätte alternativ nach Kapellskär in Schweden fahren können, aber da hätte ich lange übers Festland fahren müssen, bevor ich wieder auf eine Insel hätte wechseln können, und auch danach scheint sich keine wirklich durchgehende Inselroute anzubieten.
Aber zumindest eine der Stockholmer Schären wollte ich mir zum Abschluss der Schärentour noch genauer ansehen. Ihr Name war Rindö, und sie war vielleicht die ideale Repräsentantin des dritten Schärengartens.

Freitag, 3. Juli 2026

Ålternative: Von Hummelvik nach Österkalmare

Vårdö ist eine landwirtschaftliche Insel voller... Weingüter, so hoch im Norden? Ach nee, sind doch nur Obstbäumchen. Für derlei botanische Feinheiten war ich noch nicht wach genug.
Die Straßen sind weiterhin sportplatzrot.

Am nächsten Damm liegen

Schäre Nr. 35: Gersholmsören

mit viel Wald und genau einem Haus sowie

Schäre Nr. 36: Gersholm

mit einem Parkplatz und zwei Häusern. Darauf folgt dann

Schäre Nr. 37: Töftö

Die Inselnamen konnte ich auf schiefen, bunten Bushaltestellenschildern ablesen.

Töftö verließ ich über die letzte der gelben Kabelfähren. Mich hat etwas gewundert, dass die Fähre laut Onlinefahrplan nach Mitternacht gar keine Betriebszeit mehr hat. Heißt das, die ganze große Fahrzeugkolonne, die letzte Nacht von der großen Fähre gerollt ist, war auf den kleinen Inseln gefangen? Das muss ja frustrierend sein, wenn es eine so späte Verbindung gibt, sie aber trotzdem nicht die Hauptinsel erreichen wegen dieses kleinen Hindernisses auf dem Weg zur

Schäre Nr. 38: Prästö

Diese Insel des Todes steckt voller Geschichte. Als Russland nämlich Finnland besetzte, baute es auf Prästö ein paar niedrige und überraschend ästhetische Gebäude, die noch heute stehen. Wozu sie dienten, verraten bereits die Straßenschilder: Lasarettvägen, Apotekgränd und Telegrafgränd.
So ein Lazarett im 19. Jahrhundert hat leider die Eigenheit, dass nicht alle darin überleben. Dennoch überraschte es mich sehr, als ich auf den kleinen grünen Wegweiser zum Gravplats stieß. Denn darauf prangten ein Kreuz mit einem dritten, schiefen Querbalken, ein sechszackiger Stern und eine Mondsichel. Das sind definitiv mehr Religionen, als ich auf dieser kleinen Insel erwartet hätte.

Und mehr Friedhöfe. Prästö hat sechs davon: Den katholischen, lutherischen und neuen orthodoxen, sowie an einer anderen Stelle den alten orthodoxen, jüdoschen und islamischen.
Der alte orthodoxe liegt hinter einer Art Weidezaun, damit ihn die Tiere des Waldes nicht abfuttern. Deswegen ist er komplett mit Farnen und Gräsern zugewachsen und als Friedhof nicht erkennbar. Die orthodoxen Christen waren in der russischen Armee natürlich in der Mehrheit. Sie markierten ihre Gräber mit Holzkreuzen, von denen nichts übrig ist, nur Muster im Boden verraten die Gräber, aber unter der dichten Pflanzendecke nicht einmal das. Ein schmaler Pfad wurde freigemäht und mit roten Holzpfosten markiert. Und der brachte mich in eine Ecke, wo tatsächlich noch ein paar von Flechten bedeckte Grabsteine herumlagen. Einige gehörten höherrangigen Offizieren und ihren Frauen, die meisten aber ihren Kindern. Sie starben jung, überdauerten im Tod aber länger als die meisten Erwachsenen. Zwar konnte ich auf den Steinen keinerlei Text erkennen, doch eine Tafel aus Kunststoff bewahrt alle Namen, die noch entziffert werden konnten.

Ganz anders sehen der jüdische und muslimische Friedhof aus. Beide sind klar abgegrenzte Rechtecke aus Steinmauern und Moos, mit deutlich niedrigeren Pflanzen (wenn man die Bäume nicht mitzählt).
Mit der russischen Garnison kam eine jüdische Gemeine von 100 Menschen auf die Inseln. Es ist nicht klar, ob die sechs Grabsteine (im Vordergrund) die einzigen jüdischen Gräber sind. Fests steht, dass die zweisprachigen Steine in hebräischer und kyrillischer Schrift erzählen, wie freundlich die Verstorbenen waren und dass sie Moses Gebote befolgten. Obendrauf liegen wie üblich kleine Steine.
Über die Menschen auf dem muslimischen Friedhof (im Hintergrund) ist fast nichts bekannt. Russland lag damals oft im Krieg mit dem Osmanischen Reich und schlug Aufstände in den neuen kaukasischen Provinzen nieder. Vielleicht waren es Kriegsgefangene aus diesen Konflikten, die auf den fernen Åland-Inseln Bauarbeiten durchführen mussten. Es ist auch nicht klar, ob sie hölzerne Gräber hatten oder ob die kleinen Steine und Hügel ihre Grabstätten sind.
Jetzt ruhen sie alle fern der Heimat auf einer ebenso unwahrscheinlichen wie ungewöhnlichen Insel, Seite an Seite mit jenen Gläubigen, die mancherorts noch immer als ihre Erzfeinde gelten.

Was mussten sie denn eigentlich bauen, und wieso gab es hier überhaupt so eine große, multireligiöse Garnison? Die Antwort liegt nur eine weiße Stahlbrücke entfernt auf

Schäre Nr. 39: Fasta Åland ("Festland Åland")

Noch bevor ich die Bomarsundbrücke überquerte und die Hauptinsel Ålands betrat, konnte ich die Antwort schon sehen.

Fasta Åland war der westlichste Vorposten im russischen Zarenreich, und deswegen bauten sie da eine dicke Festung hin - aus irgendeinem Grund aber an die Ostseite der Insel. Schweden war nicht begeistert, und der britische Außenminister protestierte vergeblich dagegen. Bomarsund ist im Prinzip ein oranger, aber sehr lückenhafter Kreis aus ordentlich aufgemauerten Steinen, manche davon sechseckig wie Bienenwaben. Die Hauptstraße geht mitten hindurch.

Die Anlage ist schon beeindruckend, aber auch auf eine seltsame Art und Weise sauber und steril, sodass es mir schwerfiel zu glauben, dass die Ruine echt ist. Aber warum ist es überhaupt eine Ruine, noch dazu eine so niedrige, dass das Klettern-verboten-Schild eindeutig erforderlich ist? Ein Rundgang um die Wiese an den immergleichen rötlichen Ruinen brachte wenig Antworten, das Besucherzentrum war noch geschlossen. Am Wasser entdeckte ich eine ebenfalls rote Stele, die an gefallene britische Soldaten erinnert, und an den Earl of Wessex, der ihr Grab 2015 besuchte. Wo kommt der denn jetzt her, und was ist hier passiert?
Der Krimkrieg ist passiert.
Eine Antwort, die vielleicht noch mehr Fragen aufwirft. Fragen wie: Ist die Krim nicht ein bisschen woanders? Ist sie, und Jerusalem, wo der Krieg ausgelöst wurde, ist sogar noch weiter entfernt. Aber als die Briten, Franzosen und Osmanen im brutalen Fleischwolf des ersten industriellen Kriegs die Ausdehnung des Russischen Reiches stoppen wollten, da griffen sie auch Russlands Häfen und Werften in Finnland an. 1854 war Bomarsund dran. Weil die russische Truppe unterlegen und die Festung erst halb fertig war, kapitulierte sie neun Tage später. Die anglo-französischen Truppen sprengten Bomarsund, einige Ziegel wurden für die orthodoxe Kathedrale in Helsinki wiederverwendet.

Das wäre geklärt, aber was sollte mit den Inseln passieren? Selber besetzen wollten die Briten sie offenbar nicht, Finnland existierte noch nicht, also boten sie Åland den Schweden an, wenn die dafür ihrem Militärbündnis beitraten. Der schwedischen Presse gefiel das Angebot gar nicht, sie verglich die geschenkten Inseln mit dem trojanischen Pferd. Schweden lehnte ab und blieb neutral, und Russland durfte die Inseln behalten, musste aber versprechen, nichts Militärisches mehr darauf zu installieren. Es blieb also bei den ganzen Russenruinen, die seit der Sprengung nicht mehr in die Höhe wuchsen.

Ein paar Kilometer weiter wurde es noch viel anschaulicher. Ich fuhr anscheinend gerade auf der ultimativen Museumsmeile von Åland. In Kastelholm folgten drei ganz liebevoll gemachte Museum hintereinander, die zusammen die Inselkultur in allen Facetten zeigen und in denen man viele Stunden verbringen kann. Und die kosten alle zusammen nur 10 Euro. Ein absolutes Schnäppchen im Vergleich zu den Museen auf dem Festland.
Das erste ist das Freilichtmuseum Jan Karlsgården. Dort wurden seit den 30ern 20 Häuser aus allen Ecken Ålands aufgestellt. Das große Wohnhaus gehörte einem Typen namens Jan Karl, und ihm zu Ehren heißt das Museum übersetzt Jan Karls Hof. Ein Holzzaun schließt die Häuser und Ställe in einem Rechteck ein. So grenzte man sich von seinen Nachbarn ab, wie an vielen anderen Orten der Welt auch, nur dass in Åland die Querbalken am Zaun ein klein wenig diagonal waren.
Der Eintritt ist kostenlos, Jan Karlsgården verdient sein Geld über jede Menge Darsteller, die nicht nur in Verkleidungen ein Handwerk vorführen, sondern vor allem auch die Ergebnisse verkaufen.
Rechts im Bild ist das rote Hauptwohnhaus, links stehen Ställe. Das wichtigste Zugtier auf Åland war der Ochse, erst im 20. Jahrhundert löste ihn das Pferd ab.

Das Bauernhaus hat im Prinzip zwei große Räume. Der eine ist hellblau, in dem wurde mehr oder weniger alles gemacht, und es haben auch alle drin gepennt. Außer im Sommer, da wichen die Mägde, Knechte und älteren Kinder auf den Heuboden der Scheune aus, damit es drinnen in den Stockbetten im Multifunktionsraum nicht ganz so drängelig wurde.

Der andere große Raum ist das Gegenteil: leer, größtenteils nutzlos und mit ganz tollen von Küstenlandschaften bemalt, die leider meistens niemand sehen durfte. Denn das hier war die gute Stube, die nur an wenigen Festtagen oder für wichtige Besucher geöffnet und beheizt wurde. Das Prinzip ist eigentlich haarsträubend absurde Platzverschwendung, war aber sogar noch im Deutschland der 50er verbreitet, Gudrun Pausewang hat es in einer Kurzgeschichte sehr schön auf die Schippe genommen.

Die Schmiede und die Sauna (im Bild) lagen außerhalb des Rechtecks aus Scheune, Ställen und Wohnhäusern, denn beide brauchten Feuer, und das ist ja immer ein bisschen heikel.
Der ganze Hof war viel größer, als er auf den ersten Blick aussah, es ging noch ein gutes Stück den Hang runter bis zum Wasser. Verstreut standen da ein pressboden (eine Holzpresse, um jedes damals denkbare Material zusammenzupressen), Schuppen für Boote, Fischerei und Robbenjagd und natürlich eine rote Windmühle.
Die Russen hatten in diesem Bereich ein Magazin für Lebensmittel gebaut, von dem noch die Grundsteine liegen. Die Soldaten in Bomarsund holten sich hier jeden Tag ihre Ration Mehl und mussten daraus selber Brot backen. Falls ihr Taschengeld schon aufgebraucht war, konnten sie nichts dazukaufen und aßen einfach zwei Kilo Brot pro Tag.

Das zweite Museum ist das kleinste, ein unauffälliges weißes Haus mit rotem Zaun. Es heißt Vita Björn. Warum es so heißt, ist so ziemlich die einzige Frage, die es nicht beantwortet. Der Name bezeichnet nicht den Lebenslauf des ehemaligen Hausbesitzers, sondern bedeutet "Weißer Bär". Auf meine Frage erklärte die Museumswächterin, das sei halt einfach irgendwie ein typischer Name gewesen für Gebäude dieser Art.
Gebäude dieser Art heißt: Gefängnisse. Vita Björn ist das älteste erhaltene Gefängnisgebäude in Finnland. Im Hof stand ein Peitschenpfosten, auf dem ungehorsame Gefangene bestraft wurden - und zwar so, dass die anderen es von drinnen sehen konnten.

Der Strafvollzug auf den Inseln war eine recht überschaubare Sache. Die eine Hälfte des Hauses umfasst die Wohnung des Wächters, der mit Kind und Kegel im Gefängnis lebte. Sie ist noch so eingerichtet wie im 19. Jahrhundert. Die andere Hälfte besteht aus vier Zellen, die heute vier Epochen des Gefängnisses präsentieren. Fangen wir mal mit der dunkelsten an.
Die Zelle von 1800 bot eine Luxusausstattung bestehend aus einem Kübel für Fäkalien, einem Spucknapf, einen Rohrofen und einem Bett mit Strohmatratze für zwei. Von trauter Zweisamkeit war man hier trotzdem weit entfernt, bis zu sechs Leute wurden in die Zelle gestopft. Wer so doof war, seine Straftat zu spät zu begehen, musste halt auf den Fußboden. Einmal pro Jahr kam der Zimmerservice und räucherte die Zelle mit Wacholderzweigen aus, um die Bettwanzen und den Gestank zu vertreiben. Das war die einzige im weitesten Sinne hygienische Maßnahme. Im Überfluss vorhanden waren nur die Hand- und Fußfesseln, welche die schweren Jungs 24/7 tragen mussten. Und die schweren Mädels, denn es wurde nicht nach Geschlechtern getrennt. Auf diese Idee kam man erst 1850. Da lebten dann auch Mütter mit Kindern in solchen Zellen.

Auch 1900 waren Dauerfesseln und Auspeitschen noch in, dafür gab es Stockbetten und Bibeln. Die hygienischen Bedingungen waren immer noch erbärmlich, aber die Gefangenen durften mehrmals im Monat die Sauna benutzen. Tut mir leid, aber nach diesem Satz kann mich niemand mehr überzeugen, dass die Åland-Inseln nicht zu Finnland gehören.

Erträglich klingt nur die letzte Periode von 1950 bis 1975, aus der dieses kleine, feine Doppelzimmer stammt. Hier hatte der Aufseher Boris Berglund das Sagen, der auf der Insel ein hohes Ansehen genoss und die Gefangenen zur Heuernte und zum Fischen mitnahm. Vita Björn war damals nur noch eine sogenannte Haftanstalt. Die wirklich schweren Jungs kamen aufs Festland, beim Boris saß man nur für leichte Vergehen ein paar Wochen oder Monate. Sogar der Umbau zum Gefängnismuseum in den 80ern erledigten Strafgefangene in einer Arbeitskolonie, die es noch bis 1997 im Dorf gab.

Krönender Abschluss der Trilogie ist das einzige Schloss auf den Inseln. Schloss Kastelholm steht an einer Brücke über einen Meeresarm. Der weiße Putz ist größtenteils abgewaschen, die Mauern sichtlich alt, aber überraschend lückenlos. Erstaunlich, immerhin ist es mehrfach abgebrannt und fiel einem Bürgerkrieg zum Opfer. Auf der Wiese übten ein paar Kinder Bogenschießen, falls bald der nächste ausbrechen sollte.
Die Fahrradrouten auf Fasta Åland sind übrigens aus irgendeinem Grund laut Beschilderung (unten rechts) nur für Tandems erlaubt, ich bin also die ganze Zeit illegal auf meinem Einpersonenrad gefahren.

So ein Schloss hat natürlich auch einen Kerker, und das bedeutet, Kastelholm hat insgesamt eine wirklich, wirklich lange Gefängnistradition. Der Kerker gibt sich alle Mühe, die 1800er-Zelle von vorhin zu toppen, er hat nämlich nicht mal Heizung, Türen oder Fenster. Der Gefangene wurde von der Decke gelassen und saß dann im Dunkeln auf einem nassen Stein. Wenn die Klappe oben zu war, konnte praktischerweise auch niemand mehr seine Beschwerden über die Unterbringung hören.
Dieses Konzept wurde dann auch auf ein normales Gefängnis übertragen, den Vorläufer vom Vita Björn, der auf der anderen Seite des Meeresarms stand - eine sogenannte vankikirstu (Gefängniskiste).
Die Gefangenen im Schloss waren allerdings prominenter. Einer davon war Erik XIV. von Schweden. Was hat dieser König angestellt? Er wurde so geisteskrank und paranoid, dass er Adlige schon wegen eines ungünstigen Horoskops hinrichten ließ. Der Unterschied zwischen Haftstrafe und Sicherungsverwahrung war damals noch nicht bekannt, weshalb ihn sein Halbbruder Johann ganz undifferenziert in den Kerker warf, wobei der Ort des Kerkers noch ein paarmal wechselte. In seinem Tagebuch beschreibt der kranke König Wahnvorstellungen und, wie sehr er seine Frau vermisst. Ach krass, der hat eine Bürgerliche geheiratet, immerhin das ist sympathi... ah, nee, vergiss es, als sie seine Geliebte wurde, war sie 15 und er 34.
Die zweitprominenteste Gefangene war Karin von Emkarby, die erste Hexe, die in Schweden verurteilt wurde. Wie alle Åländer "Hexen" verbrachte sie ihre letzte Nacht in diesem Loch. Der neue Richter Nils Psilander hatte im estnischen Tartu gelernt, wie man Teufelspakte aufspürt. Karin gestand, vom Teufel verführt worden zu sein, und beschuldigte gleich 13 andere Frauen - die allerdings stritten die Anklage heftig ab. Die Åländer hatten Zweifel an den Beschuldigungen, aber der neue Richter und der Priester mit ihren schlauen deutschen und lateinischen Büchern waren so einschüchternd, dass sie sich überzeugen ließen, der übliche Aberglaube auf der Insel müsse wohl Hexerei sein. Fünf der 13 Frauen verbrannten. Karin von Emkarby wurde als Belohnung für ihre Petzerei erst dann verbrannt, als sich ihr Kopf nicht mehr auf dem Körper befand.

Ein unübersichtlicher Rundweg leitete mich durch ein verschachteltes System aus Innenhöfen, Mauern, Kellern und Wehrgängen, komplett rauf und wieder ganz weit runter, bis ich alles gesehen hatte. In den tiefsten Innenhöfen verbirgt sich nur noch rechteckige Leere, in die man nicht runtersteigen kann. (Warum auch?) Einige Dächer und Stützen bestehen noch aus Holz und erinnern an altertümliche Baugerüste, oder eine Kulisse aus Das Leben des Brian.
Kastelholm gehörte anfangs den Åländer Ådligen, aber seinen Höhepunkt erreichte es unter Gustav Vasa. Der machte daraus ein königliches Jagdschloss und hielt ein Ritterduell ab, das irgendwie Teil seines Machtkampfes mit Christian II. aus Dänemark war. Der Bergfried ganz hinten wurde von den Russen als Getreidelager genutzt, als der Rest schon eine Ruine war.

In diesem Bergfried, vermutlich in den königlichen Gemächern aus der Zeit Gustav Vasas, werden die Räume geschlossener, geräumiger und verspielter. Hier können sich die Kinder in mittelalterliche Gewänder kleiden oder ihr eigenes Wappen entwerfen. Und ich muss sagen: Was die Kinder da an Wappen an die Wand geheftet hatten, war absolut großartig. Die sorgsam dargestellten Regeln der Heraldik ignorierten sie größtenteils und zeichneten einen gekrönten Krebs mit Dreizack, einen brennenden Fliegenpilz oder eine Kellerassel mit zwei gekreuzten Speeren, Kreuz und zwei Gänseblümchen. Dagegen kommt auch das Flussradlerwappen nicht an, und die immergleichen Löwen im Mittelalter schon gar nicht.

Es wird hügeliger, und der nächste Garten greift diesen Umstand mit lustigen Schildern auf. Aber hallo, greifen die das auf!
Trötta fötter? fragt eine Bank, also: Müde Füße? Sitz hier gerne eine Stunde. Und kurz vor dem Ende des Anstiegs unterstützen Anfeuerungsrufe in fünf Sprachen die Radler, im Deutschen wählte man Zieh! Zieh!

Die Straße überquert immer wieder Meeresarme. Hinter dem Fjärsund durchbricht sie den Fels in einen kurzen Tunnel. Radfahrer sind dort verboten, ich musst einen Umweg über nehmen, der sich aber als leichter herausstellte als erwartet. Auf dem Berg steht noch ein hoher Aussichtsturm - ach ja, stimmt, Aussichtstürme haben die heutigen Inseln auch, aber davon habe ich die letzten Tage ja schon genug gesehen.
Nachdem die Weißen in der letzten Schlacht des finnischen Bürgerkriegs auf Åland gewonnen hatten, fand man einen Tag später fünf tote Rotgardisten unter dem Eis des Fjärdsunds und vier weitere an Land, anscheinend spontan hingerichtet. Åländische Arbeiter stellten einen Gedenkstein für sie am Radweg auf.

Danach steigerte sich die Besiedelung und Wegesituation rasant. Ich musste nicht mehr der größten Straße folgen, es gab parallele Dorfstraßen, und sogar die hatten Radwege. Obwohl Åland Schweden viel näher stehen soll als Finnland, haben mich diese Vororte farblich noch sehr an die schönen finnischen Städtchen erinnert.

Mitten durch Fasta Åland geht eine geologische Falte. Die näherte sich nun der Straße, getrennt nur noch durch eine abgeholzte Brache. Ich konnte sie schlecht übersehen, denn die Ingby-Wand war die mit Abstand größte Felswand, die ich bisher in Finnland zu Gesicht bekommen hatte. Ein bisschen erinnerte mich dieses schartige Gebilde an die Steinwand in der Rhön. Davor lag noch ein Geröllfeld, das mal ein Strand war und entstand, als Gletscher, Wellen und die Landhebung miteinander ausdiskutierten, wie Fasta Åland in Zukunft aussehen sollte.
In der Ingby-Wand verbirgt sich eine Höhle namens Trollkyrkan, oder wie das langweilige Hinweisschild es formuliert, eine "höhlenähnliche Spalte".

Die schiefe Spalte ist 11 Meter tief und endet dann an einem Haufen verkeilter Riesensteine, die das meiste Licht abschneiden, aber doch als latente Sorge auf dem Haupt des Höhlenbesuchers lasten, weil sie ja im Prinzip lose sind und nur durch ihr eigenes Gewicht so liegen. Was, wenn sie nach einem kleinen Stoß beschließen, dass sie doch nicht mehr auf genau diese Art und Weise verkeilt sein wollen?
Eine kleine Öffnung gibt es noch in eine helle Verlängerung der Höhle, in der ein goldener Lichtstrahl von der Decke fällt. Aber dort hindurchzukriechen war mir dann doch zu abenteuerlich.
Der Sage nach lebten in der Trollkyrkan keine Trolle, sondern Räuber und eine alte Frau, die sich im Großen Nordischen Krieg vor den marodierenden Russen mit ihrer Kuh hier drin versteckte. Das schwedische Schild stellt die wirklich wichtigen Fragen dazu: Feierte sie hier auch Weihnachten?

Es ist nicht mehr weit bis zur Hauptstadt von Åland. Wenn ich jetzt durchfahre bis zur Nachmittagsfähre, dann kann ich noch heute in Stockholm stehen!
Nun, daraus wurde nichts. Ich sollte Åland genau 24 Stunden später als geplant verlassen. 12 Stunden davon waren im Prinzip freiwillig, weil die Erkundung der Hauptstadt dann doch länger dauerte. Weitere 12 Stunden waren unfreiwillig, weil die Fahrradplätze auf der Morgenfähre ausgebucht waren. Wie bitte, auf einer großen Autofähre? Das hatte ich vorher noch nie erlebt.
Ich nächtigte also noch einmal nordöstlich der Hauptstadt in einem Wald bei Österkalmare. Dort bot sich die bemerkenswerte Möglichkeit, auf einer skandinavischen Felsplatte zu schlafen. Durch das ganze trockene Moos war sie weich genug.