Samstag, 15. August 2026

Öland: Von Marsjö nach Böda

WO DER SANDMANN ÜBERFLÜSSIG IST 

DIESE KURZE STRECKE ERFÜLLT EINE NORDDEUTSCHE SEELE MIT ZAUBER, VERTRAUTHEIT UND ETWAS NEID. VIERTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Lage, Lage, Lage: Sandburgen bei Böda

"Dort ist es sehr schön. Ich weiß den Namen gerade nicht mehr, aber ihr erkennt den Platz an diesem Kreuz." Sie zeichnet eine Art Taize-Kreuz auf ein herumliegendes braunes Stück Papier. "Aber keine Sorge, das ist kein strenggläubiges Bibeldorf oder so."
Die Göteborger Künstlerin steht in ihrer Scheune und erklärt, welche Campingplätze sie uns empfehlen würde. Und welche nicht.
"Aber geht bloß nicht nach Böda, dort ist es laut und alle machen Party. Es sei denn, ihr wollt so was." Wir sehen offenbar nicht so aus, als ob wir so was wollen. Aber das tut wohl kaum jemand, der in einer Yoga-Unterkunft eincheckt.

Wer ist die Zukunft? Tankstelle
und Windmühle in Löttorp
Wie der Titel dieses Beitrags verrät, war unser Tagesziel Böda. Allerdings nicht der Campingplatz oder dessen Nähe, sondern der dortige Shelterplatz. Vielleicht probieren wir Öland auch noch einen Zeltplatz aus, aber keinen, der dermaßen nah an unserer Unterkunft liegt. Diese Etappe ist auch so schon kurz genug, dass wir im Prinzip einen halben freien Strandtag haben. Und genau so war sie auch gedacht.

Bald im Wald: Dorfstraße
Die empfohlenen Campingplätze liegen nämlich schon bei der Ortschaft Löttorp. Dort umrundet der Ölandsleden ein paar Sportplätze, der einzig interessante Anblick ist jedoch der Kontrast zwischen Tankstelle und Windmühle an der Hauptstraße. Die Radroute hält sich jetzt näher an dieser Hauptstraße, manchmal leitet sie die Radler sogar direkt darauf.

Schließlich geht es aber wieder auf eine stille Dorfstraße, die Mauern sehen immer mehr nach Feldsteinen aus, die Bäume und Häuser verdichten sich zu einem idyllischen Kanal, welcher die Radler mitten in den Wald reinschiebt. Der nördliche Teil der Insel besteht nämlich größtenteils aus Nadelwald und sieht damit komplett anders aus als der Rest.

Farntastisch: Waldweg
Mein erster Gedanke, als ich mich als Norddeutscher in diesem Wald wiederfinde, lautet: Ah, das kenn ich. Wer jemals einen Waldspaziergang in Mecklenburg gemacht hat, dem wird das hier, sagen wir mal, nicht komplett exotisch vorkommen.

Straßenverneinender Radweg:
Waldweg bei Böda,
rechts wächst Heidekraut

Zwischen den schlanken Bäumen wächst wahlweise richtig viel Farn oder richtig viel dunkles Heidekraut. Und mittendurch windet sich ein stabiler Kiesweg. In der Nähe der Straßen täuscht er manchmal an, ein straßenbegleitender Radweg zu sein, knickt dann aber schnell wieder in Wildnis ab. Und je länger ich durch diese lichte Wunderwildnis fahre, umso mehr muss ich mir eingestehen: Verdammt. Ja, das ist wie in Mecklenburg. Aber besser. Also, natürlich gibt es bestimmte Gebiete wie die Buchenwälder Jasmund, der Gespensterwald oder die große Heidefläche der Rostocker Heide, die hier locker mithalten können, aber nicht der durchschnittliche Mecklenburger Wald. Der Tourist in mir ist zufrieden, der Lokalpatriot weniger. 

Haimelig: Geologiemuseum
Skäftefär

 "Je länger man durch Schweden fährt, umso mehr vermisst man die Tschechen."
- Mein teurer Begleiter -
  

Gehörnt: Rastplatz
(nicht zum Schlafen)
Die größte Attraktion in diesem Wald ist wohl Skäftefär, dort stehen nebeneinander ein Freilichtmuseum zur Bronzezeit und ein kleines Geologiemuseum. Weil das Wort Geologiemuseum für den durchschnittlichen Touristen eventuell nicht spannend genug klingt, besteht der Eingang aus einem Vorhang mit aufgedrucktem Haifischmaul, durch das die Besucher in die Hütte laufen. Aber Skäftefär hat die Saison bereits gestern beendet. Am 15. August. Hä? Ich weiß ja, dass es hier oben kühler ist, aber zumindest der restliche August ist auf Öland ja wohl spätestens seit der Klimakrise auch sommerlich, wie wir am eigenen verschwitzten Leibe erfahren haben.

Versandet: Herumirren
im schönen Dünenwald
Wir kommen vorbei am Supermarkt/Mini-Gewerbegebiet vom Badeort Böda, eine Ortschaft, die sich über mehrere Dörfchen in der Landschaft verteilt hat. Zielstrebig biegen wir ein ins Naturschutzgebiet Bödakustens östra und dann... tja. Dann müssen wir auf einen Wanderweg in die Dünen abbiegen. Der ist total schön und zugleich total nervig, jedenfalls mit dem Fahrrad. Zeitweise verlieren wir den Weg und navigieren nach dem Prinzip: Die App sagt, der Pfad muss irgendwo hier sein, also schieben wir jetzt über diesen Waldboden hier. Hinter der 10 Meter hohen Düne erstreckt sich eins der größten Flugsandfelder in Schweden, und der angeflogene Sand wurde noch nicht überall in den festen grünbraunen Moosboden integriert.
Übernachtung 1.0:
Das Dünenshelter von Böda
Trotzdem erreichen wir früh am Nachmittag das Shelter. Es ist besetzt.
Mindestens eine große Familie hat sich die Hütte gesichert, ein Zelt und mehrere Hängematten platziert. Wir sind nicht ganz sicher, wie weit das legale Zeltgebiet reicht, und wollten ihnen auch nicht zu sehr auf die Pelle rücken.

Übernachtung 2.0:
 Waldzelten hinter Böda

So entfernen wir uns wieder ein Stück vom Meer, raus aus dem Naturschutzgebiet. Auf dem Parkplatz haben mehrere Wohnmobile ihren eigenen Wildcampingplatz gefunden. Und wir finden unseren ein Stück dahinter, wie in der ersten Nacht zwischen zwei Naturschutzgebieten. Diesmal ist es keine Wiese, sondern ein echter Wald, trotzdem ist die Stelle für ein Zelt fast optimal, wenn man von der einen oder anderen Mücke absieht.Als alles aufgestellt ist, fahren wir zum Strand zurück. Hier im Norden ist das ein richtiger, breiter Sandstrand wie in Mecklenburg (diesmal aber nicht besser). Die Kinder vom Shelter spielen Fußball und bauen kreative Sandburgen, ab und zu schaut ein Spaziergänger vorbei, aber insgesamt ist es erstaunlich ruhig, dafür dass die Ortschaft nur eine Biegung entfernt liegt. Auch die Quallendichte hat erfreulich abgenommen, und wir können endlich richtig schwimmen.
Und dann hatte mein Freund eine Idee.
"Warum schlafen wir nicht einfach am Strand?"
Übernachtung 3.0:
Der Strand von Böda
Prompt hat er online ein Forum gefunden, in dem sogar ein schwedischer Staatsanwalt der Meinung ist, dass ein Zeltverbot im Naturschutzgebiet noch lange nicht als generelles Übernachtungsverbot ausgelegt werden kann, das müsse man schon so schreiben.
Angesichts der kristallklaren Wetterprognose muss ich nicht lange überzeugt werden. Wir holen alles nötige, lassen das Zelt aber versteckt im Wald stehen für den Fall, dass man uns doch wegschickt oder sich das Wetter drehen sollte.
Und, wie war die Nacht? Das kommt darauf an, wen man fragt.
Ich finde sie großartig, der Sand ist optimal hart-weich, und als ich nachts erwache, leuchtet die Milchstraße am Himmel. Der Sonnenuntergang passiert auf der anderen Inselseite, dafür werden wir morgens Zeugen eines schnellen, farbintensiven Sonnenaufgangs. Insgesamt schlafe ich besser als im Bett der letzten Unterkunft (wenn auch nur, weil mich dort gegen 2 Uhr ein doofes Stück Technik aus dem Schlaf gerissen hatte, das nicht aufhören wollte zu piepsen).
Mein Begleiter aber friert. Er hat sich nämlich einen Sommerschlafsack gekauft. So weit, so logisch, schließlich ist das hier eindeutig Sommer, wenn man nicht gerade das Museum von Skäftefär fragt. Bloß heißt Sommerschlafsack laut Hersteller, dass der nur bis 15 Grad wärmt. Was an Betrug grenzt, denn natürlich fallen die nächtlichen Temperaturen auch im Sommer schon mal unter diese Zahl, gerade in klaren Nächten.

Freitag, 14. August 2026

Öland: Von Skärlöv nach Marsjö

AUF DEM TROCKENEN 

IM OSTEN DER INSEL MACHEN WIR BEKANNTSCHAFT MIT DER DÜRRE UND EINER UNGEWÖHNLICHEN UNTERKUNFT. DRITTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Fix und pferdig: Gefallenes Ross

Kosten im Osten:
Strandzugang und Klo
bei Bjärby

Wir stehen am Ostseestrand und reiben uns den Schlaf aus den Augen. 

Lange Leitung: E-Zaun und
Mauer am Abzweig zur Ostsee

Erneut. Wir wollen baden, so wie gestern, aber vor allem brauchen wir Wasser. Im Idealfall ohne Salz drin. Beides gestaltet sich schwierig. Ganz besonders, wenn man keine Quallen im Wasser haben möchte.
Die Versorgungslage hat sich drastisch verschlechtert. Gestern gab es regelmäßig Geschäfte, heute haben die Dörfer nichts außer gelegentlich einem abzweigenden Weg über die Weiden bis zur fernen Ostsee, an dessen Ende ein Strand und Campingplatz wartet. Kaum nähern wir uns dem Gebäude, kommt ein hoffnungsvoller Schwede und fragt, was wir brauchen. So früh am Vormittag rechnet er bestimmt noch nicht mit Übernachtungsgästen, oder? Einen Strand und eine Toilette, antworte ich, und beides gibt es. Mein sehr optimistischer Begleiter fragt zudem nach Duschen, aber die können Nicht-Übernachtungsgäste natürlich nicht einfach nutzen, auch nicht gegen Gebühr.
Das Klo bucht 10 Kronen von der Karte ab. Im Inneren finden wir dann erst einmal ein langes Schild, dass uns in drei Sprachen erklärt, wie knapp das Trinkwasser auf Öland ist und dass wir doch bitte sparsam sein sollen. Die Campingplatzleitung muss zusätzlich zu dem, was aus der Campingplatzleitung kommt, auch Wassertanks dazukaufen, um den Bedarf eines normalen Campingplatzes zu decken. Hmm, diese Bitte verträgt sich nicht so richtig gut mit unserer Absicht, all unsere Trinkflaschen unter dieses Waschbecken zu quetschen und aufzufüllen, so weit es der Neigungswinkel der Flasche zulässt. Aber was sollen wir machen, wir haben Durst? Wir spenden noch weitere 10 Kronen, das sollte die Kosten hoffentlich decken.

Quallvoll: Ostseestrand
bei Bjärby

Anschließend gehen wir baden. Hinter einer niedrigen Düne, bewachsen mit hellen Bäumen und Sträuchern, wartet der Sandstrand an Ölands. An der Ostküste sind die Strände nicht dem schmalen Kalmarsund zugewandt, sondern der zentralen Ostsee. Heißt: Kein Land am Horizont, der Strand ist genauso schmal, aber es wurden mehr Algen angespült. Und mehr Quallen. Der erste Meter Ostsee enthält mehr Glibber als Wasser, und der letzte Meter Strand enthält mehr Glibber als Sand. Träge schwappen die Wellchen heran und liefern weitere Quallen dem Tod durch Sonne aus, aber unser Mitleid hält sich in Grenzen.

Verloren:
Qualle mit Ohren

Mist. Was ist das für eine Art, harmlose Ohrenquallen oder irgendwas Schmerzhaftes? Sie haben vier Bögen, die wie Ohren aussehen, aber eigentlich Geschlechtsorgane sind. Aber die leuchten in einem intensiven Rotviolett, deutlich farbenfroher als die Ohrenquellen, die ich aus Mecklenburg kenne. Das Internet sagt: Kein Ding, sind trotzdem Ohrenquallen. Unabhängig davon ist es natürlich nicht im engeren Sinne angenehm, beim Schwimmen gegen einen Glibberkörper zu stoßen oder jeden Moment damit zu rechnen.
Mein wissbegieriger Begleiter recherchiert die nächste Frage, denn er will wissen, ob diese Insel für den Hunde-Wohnmobilurlaub in Frage kommt. Daher fragt er die KI seines Vertrauens folgenden grandiosen Satz: Wie viele Ohrenquallen darf mein Labradoodle fressen, bevor es gesundheitlich bedenklich wird? Die Antwort ergibt überraschend viel Sinn: Das Nesselgift ist auch für Hunde harmlos, aber so eine Quallenzelle ist größtenteils mit Meerwasser gefüllt, und das sollte ein Hund natürlich nicht literweise fressen. Und bei Öland ist die Ostsee durchaus wieder salziger.

Überbrücken: Alte und neue
Flussquerung
"Na, dann ist ja gut. Hunde werden ja wohl auch einen Brechreiz haben, damit sie kein Salzwasser trinken."
"Njaa, du kennst unsere Hunde nicht. Die schlabbern auch gerne mal Ostseewasser in sich rein."

Nasswald und Asphalt:
Feuchtgebiet an der Straße

Zurück auf der geraden Straße rasen wir in Richtung Norden. Erste kleine Wälder säumen die Straße, davor ein sumpfiger See und eine sehr niedrige historische Kalksteinbrücke. Anderswo liegen kleine Heuhaufen über der Wiese verteilt wie Tupfen. Der Ölandsleden schlägt ein paar Schleifen über Feldwege vor, die wir aber nicht alle mitmachen, die Ostsee bekommt man auch dort nicht Gesicht.

 

Im Inselinneren:
Ölands Hinterhöfe
 

Als die Route dann aber generell ins Innere der Insel abbiegt, folgen wir  ihr. Jetzt wird es grüner, verwinkelter und zugewachsener, große und kleine Straßen ziehen sich zwischen den Gehöften hindurch. Manche haben Hofläden, von denen aber ungewöhnlich viele einfach Blumen verkaufen, womit sie sich erstaunlich schlecht an die Nachfrage hungriger Radler angepasst haben.

Dasselbe in Grün:
Straßen in der Inselmitte

Auf einem Grundstück steht ein Rasttisch, allerdings hinter einer Kalksteinmauer, also sind wir nicht ganz sicher, ob wir da rasten dürfen. Die Bänke vorhin haben wir links liegen gelassen, denn es war noch nicht mal 12. Aber jetzt grummelt mein Magen, und natürlich will kein Rastplatz auftauchen. Ich kann nicht mehr, wir biegen ab auf einen wilden Waldweg und suchen uns einen Stein mit einer möglichst geraden Oberseite, um den Kocher darauf abzustellen.

Holz und Hitze:
Kocher im Wald

Satt geht es jetzt weiter in Richtung Norden. Viele Scheunen und Häuser haben eine spezielle Farbkombination: Das skandinavische Ferienhausrot in etwas dunkler, aber einige Balken, Fensterrahmen und Tore sind bestrichen mit pechschwarzem Pech. Danke, jetzt muss ich an die Große Koalition denken.

Kein hölzernes Lächeln:
Skulptur und
schwarz-rote Scheune
Vor einer Scheune steht die gesichtslose Skulptur eines Reiters oder einer Reiterin mit langem Schwertstock (also vielleicht doch eher ein Reiter). Sie scheint aus groben Holzresten zusammengepuzzelt zu sein, die Skulptur eines Großelternpaares gestern war auf jeden Fall sehr viel liebevoller geschnitzt. Aber die Figur erinnert mich daran, dass Öland ja auch eine Pferdeinsel sein soll.
Und ja, immer immer ziehen Pferdeweiden vorbei. Auf einer davon liegt das Pferd im Gras. Oh Schiete, was ist da los, soll ich den Besitzer verständigen? Die liegen doch normalerweise nicht, oder? Mein Gott, ich habe echt keine Ahnung von Pferden. Abermals muss das Internet herhalten, und die Antwort ist beruhigend: Die legen sich durchaus manchmal zur Entspannung hin. Solange es keine hektischen Bewegungen, Krämpfe oder vergebliche Aufstehversuche gibt, ist wahrscheinlich alles gut. Aber das Pferd hebt nur ab und zu den Kopf oder den Schweif, um Fliegen zu verscheuchen, und sieht dabei eigentlich recht gechillt aus.

Recht eckig:
Öländische Kalksteinmauern

Nun sind wir auf der nördlichen Hälfte der Insel angekommen. Das Land wird wieder offener, die Mauern noch rechteckiger, und die Insel insgesamt schmaler. Die Ost- und Westroute des Ölandsleden rücken auf wenige Kilometer aneinander heran, berühren sich bei Borgholm sogar fast. Wir halten uns nicht immer genau an die Route und springen zwischen der Ost- und Westseite hin und her. Um den Text hier aber nicht zu verwirrend zu gestalten, trenne ich in dieser Beschreibung sauber zwischen Ost- und Westroute. Auch wenn das heißt, dass in diesem Beitrag nicht allzu viel passiert und die besten Landschaften erst drei Posts später kommen.

Fast ganz in Weiß: Dorfkirche

Die Dorfkirchen bestehen zweifellos auch aus Kalkstein, sind aber wie die Leuchttürme weiß angemalt. Die rechteckigen Kirchtürme sind seltsam: Sie enden abrupt, als hätte sie jemand abgeschnitten. Obendrauf sitzt dann noch ein weißer, kleiner Würfel für die Glocken. In einem Fall ist der Würfel gelb und sieht damit aus wie ein göttlicher Briefkasten, in den sich nur unter großem Aufwand Gebete einwerfen lassen.

Yogarten: Hof in Marsjö

Daher wende ich mich wieder weltlicheren Dingen zu, zum Beispiel dem Akku des E-Bikes. Und muss mit Schrecken feststellen: Da sind nur noch zwei Striche. Es kostet wirklich viel Energie, mit meinem Freund mitzuhalten. Vielleicht ist es Zeit, ein wenig Wasser, Strom und Komfort zu tanken. Ob es bei Booking wohl Unterkünfte in der Nähe gibt?
Gibt es. Die eine ist teuer, die andere ungewöhnlich. Es handelt sich nämlich um ein Bo & Yoga Vandrarhem, also eine Wohn & Yoga Jugendherberge.
Warum nicht? Das ist eine Art von Übernachtung, die ich eindeutig noch nicht hatte.

Farbenfreuden:
Galerie in der Scheune
 "Nur weil sie Yoga mögen, müssen sie ja nicht wahnsinnig sein."
- Mein pointierter Begleiter -
 

Knirschen statt pirschen:
Kiesweg bei Marsjö

Wir knirschen über Kiesstraßen, die ausnahmsweise mal Zäune statt Mauern haben, und biegen schließlich in einen alten und malerisch bewachsenen Hof ein. Das Gras rutscht farblich immer wieder ins Gelbliche ab und erinnert uns an die Dürre. Wir stellen die Räder ab und traten zwischen die dicken weißen Mauern, und sofort umfängt uns eine himmlische Kühle.
In der Scheune malt eine Künstlerin Bilder von Sonnen und Silhouetten in allen möglichen Farben. Sie mietet sich hier öfter mal ein und hilft in der Unterkunft, denn auf Öland hat sie mehr Ruhe als auf ihrer sehr touristischen Schäreninsel bei Göteborg.

Veganicht so schlecht:
Frühstück in Marsjö

Den ganzen trocken-idyllischen Bauernhof kauften sich vor einigen Jahren eine Business-Beraterin/Yogalehrerin und ihr Mann, ein Armeeoffizier im Ruhestand. Sie wollten darin ein Hostel aufbauen, das ganz der Yogo-Philosophie folgt. Und der freundliche Herr an der Rezeption sieht ziemlich genau so aus, wie man sich jemanden in einer solchen Unterkunft vorstellen würde. Wir erhalten einen Zimmerschlüssel, der keine Nummer hat, sondern den Namen Blomsteränget (Blumenwiese). Der Spiegel im Zimmer zeigt unsere Gesichter inmitten der Worte Du bist wertvoll. Fernsehen und WLAN gibt es nicht, aber wer sich beschäftigen möchte, findet im Gemeinschaftsraum Brettspiele, Ausmalbücher und Stifte. Das vegane Frühstück kostet extra, die Klangschalensitzung am Abend und das Yoga am Morgen sind im Preis inbegriffen. Aber nur, wenn sich rechtzeitig mindestens drei Leute auf dem Whiteboard eintragen. Die Klangschalen seien sehr gut zum Einschlafen, das Yoga zum Wachwerden, warb der Rezeptionist. Dann ist es ja gut, dass beide Programmpunkte zur korrekten Tageszeit platziert wurden.
Am nächsten Morgen sind wir wirklich noch nicht ganz wach und lassen uns darauf ein. Wir betreten einen Raum mit mehreren Gongs, von denen kein einziger benutzt werden wird, und nehmen Platz auf einer Matte mit einem Haufen ordentlich platzierter Kissen, von denen kein einziges gebraucht wird und die mir im Gegenteil ständig im Weg sein werden. Wie erwartet und angekündigt geht es hier weniger darum, gleich hochkomplexe Verrenkungen wie den Herablassenden Hund durchzuführen. Stattdessen soll man sich erst mal ordentlich strecken und schütteln, und zwar mit geschlossenen Augen, damit es nicht peinlich ist, wie doof man dabei aussieht (das funktioniert besser als gedacht). Gegen Ende kamen dann ein paar ganz minimale Verrenkungen dazu, an denen sogar ich nur teilweise scheiterte. Extra für uns erklärte die Lehrerin auch alles auf Englisch, aber mindestens so wichtig wie die Sprache ist es, auch hinzugucken, was genau uns da gerade vorgemacht wird. Was dann zum Problem wird, wenn man nicht rafft, dass man die Augen inzwischen wieder öffnen darf.

Am Ende des Gonges: Yogaraum

War ich hinterher wacher? Eindeutig.
Hätte ich diese Wachheit auch durch zehn Minuten radeln erlangen können? Ich bin nicht sicher.
Aber war diese Unterkunft genau das Richtige für diesen Punkt der Reise? Ich glaube schon.

Donnerstag, 13. August 2026

Öland: Von Vickleby nach Skärlöv

VOGELURLAUB MACHT MAN ÖLAND

DER SÜDEN DER INSEL ÖLAND IST FLACH UND KOMPLETT ZUGEMAUERT. WER HÄTTE GEDACHT, DASS DAS FÜR EIN WELTKULTURERBE REICHT? ZWEITER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Der nutzlose Hadrianswall von Öland: König Karl X Gustavs Mauer

Behaglich: Strand in Haga Park
mit Dusche (hinten rechts) 

Wir stehen am Ostseestrand und reiben uns den Schlaf aus den Augen. Über uns zartblauer Himmel mit kleinen Wolken, hinter uns eine idyllische Heckenlandschaft mit Fitnessgeräten, Spaziergängern und Umkleidewänden. Und vor uns die Ostsee, in der wir jetzt das erste Bad der Reise nehmen werden. Es gibt nur noch zwei Hindernisse, die uns davon abhalten:
Unsere eigene Überwindung.
Und ein Bagger.
Seit Stunden brummt das Fahrzeug über den schmalen Sandstrand von Haga Park hin und her, um ihn zu verschönern. Sofern man der Meinung ist, eine dicke Reifenspur, ungefähr so breit wie der Sandstreifen selbst, verschönert den Strand. Denn das ist der einzige sichtbare Effekt, den der Bagger hervorruft.
Nun, wir brauchen das Bad, nicht nur des Vergnügens wegen, sondern auch für unsere Hygiene. Ich habe meinen teuren Begleiter überzeugt, das mit dem Duschen sei kein Problem mit der Ostsee am Wegesrand und etwas Naturseife im Gepäck sei das mit dem Duschen beim Wildcamping kein Problem. Jetzt muss ich liefern.
Und Haga Strand liefert. Eine Dusche. Sie steht direkt am Badestrand, darunter ein hölzernes Rechteck aus weichem Gras - viel besser geht es nicht. Natürlich wagen wir uns auch noch kurz in die Wellen, als der Bagger gerade am anderen Ende ist. Der Badestrand hat einen Schwimmsteg und erstreckt sich trichterförmig zwischen der Windsurfing Zone und der Kiteboarding Zone. Wassersportler lieben den Kalmarsund, und Schilder trennen sie klar von dem Schwimmern, damit auch niemand übersurft wird.

Leicht beschrankt:
Einfahrt nach Mörbylånga 

Maistens asphaltiert: Radweg
Ölandsleden mit Wegweiser

Also dann, wir sind sauber, dann nichts wie auf zur schwitzigen Inselrundfahrt! Wir kurven durch Wälder, Campingplätze und Maisfelder, und sobald wir wieder auf der offiziellen Route sind, weisen uns quadratische gelbe Schilder den Weg. Ein Radweg bringt uns schnurgerade rein in die Außenbezirke von Mörbylånga, also schauen wir uns erst einmal eine schwedische Öland-Stadt bei Tag an. Zunächst sehen wir nur weiße Supermärkte und eine mit fantasievollen Bildern besprühte Autowaschanlage.

Da wird der Hund in der Kiste
verrückt: Hundeparkplatz am
Supermarkt Mörbylånga 

Mein Begleiter kauft sich sein Proteinbrot, und ich entdecke geräuchertes Rentier aus der Tube. Beides zusammen schmeckt weitaus besser als erwartet. Vor dem Supermarkt stehen nicht nur Fahrradständer, sonder auch zwei Boxen, in die kein Fahrrad reinpasst. Es soll auch etwas anderes rein: Hundparkering steht außen drauf. Wahrscheinlich ein durchaus sinnvolles Konzept, das den Tieren mehr Überlebenschancen als im geschlossenen Auto einräumen soll, und doch ist der Anblick etwas befremdlich, und für notorisch vermenschlichende Hundefreunde wahrscheinlich sogar mehr als das.

H2Oh-no: Brunnenhaus auf
dem Marktplatz Mörbylånga 


Je weiter wir uns auf der Hauptstraße in Richtung Meer und bewegen, umso mehr kleiner und hölzerner wird die Innenstadt. Mein teurer Begleiter

Garantiert ohne bayrische
Foodinfluencer: Café
Söderbönur in Mörbylånga

ist überrascht, dass in Schweden wirklich so viele Häuser rot angemalt sind, wie das Klischee besagt. Ich dagegen sehe gar nicht so viel rot, sondern viel blasses Gelb und Weiß.
In diesem Stil ist auch das kleine Brunnenhaus angemalt, das von der Größe her eher einem Brunnen als einem Haus entspricht. 1842 bohrten die Öländer darin ein Loch, aber so nah an der Ostsee war das Wasser absolut untrinkbar. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Die Mörbylånger mussten einen Kilometer nach Osten, bis 1892 endlich Stück weiter südlich ein trinkbares Grundwasser innerhalb der Stadtgrenzen aufgebohrt wurde. Wasserprobleme hat die Insel allerdings bis heute. Und die hängen indirekt mit dem Objekt auf der anderen Seite des Marktplatzes zusammen: Raucher sollen ihre Kippen in einen Glaskasten werfen und dabei abstimmen, ob es sich am besten per Auto oder Fahrrad reist. Wenig überraschend bevorzugt die Mehrheit der Menschen, die persönlich gern Abgase ausstoßen, diese Eigenschaft auch bei ihrem Fahrzeug.
Wir holen uns Tee und Möhrenkuchen im Café Söderbonur, wo alles familiär eingerichtet ist, Bücher herumliegen und die Kunden an der Theke Schlange stehen.

Grün sind noch die Wälder,
gelb die Stoppelfelder:
Straße durch Südöland 

Dann geht es etwas geradliniger weiter durch die Felder des Südens. Die Straßen werden kleiner, die Radwege hören auf, gelb und hellgrün dominieren die Landschaft.

Im Rauschzustand:
Küstennaher Radweg 

Zweimal gibt es allerdings auch malerische Abschnitte direkt an der Küste, zwischen malerisch schiefen Bäumen und Gräsern, nur wenige Meter über dem Klatschen der Wellen.Die ersten Grundstücke sind noch von Holzbalken und Holzstatuen begrenzt, aber Öland hatte schon immer Wald. Und so taucht jetzt das Baumaterial auf, über das die Insel massenhaft verfügt, weil sie hauptsächlich daraus besteht: Kalk.

Alt und verkalkt:
Kalksteinmauer

Den sehen wir erst einmal nur in zurechtgehauener und verbauter Form, wie er die ganze Insel kreuz und quer mit einem Gitternetz aus Mauern überzieht. Die mittelalterlichen sind krumm mit runden Steinen, sie erinnern eher an norddeutsche Feldsteinmauern. Die aus dem 19. Jahrhundert sind gerader, und der Kalk hat die Form gut stapelbarer Quader angenommen.

Schwedische Gardinen mal
anders: Viehsperrgitter, Mauer
Elektrozaun und Ostsee

So oder so sind die Mauern aber ganz schön niedrig, nicht selten werden sie überragt von Grashalmen oder Elektrozäunen. Wie genau sie die Tiere ohne den Strom in ihrem Rechteck gehalten haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht waren die Schafe früher kleiner. Oder gehorsamer.
An einer Mauer hingen ein Gedicht und Lederschuhe. Letzteres blieb ein Rätsel, ersteres handelt davon, wie das lyrische Ich ihrem Pferd versichert, es werde nicht nach Polen verkauft, weil da Krieg ist.

"Lilla hästen min, i kriget skall du aldrig ut, till Polen blir du aldrig såld."
- Anna Rydstedt, Genom nålsögat, 1989 -
 

Home Alaun:
 Ruine des Alaunwerks

In einer versteckten Ecke bilden die Kalksteine plötzlich mehr als eine Mauer. Viel mehr. Die verfallenen Tore erinnerten an eine Burg, aber was ist das bitte für ein hoher Turm aus immer kleineren Rechtecken? Auf jeden Fall etwas anderes, als ich gedacht habe: Ein Alaunwerk. Zwischen dem Kalk versteckt sich nämlich Alaunschiefer, und in dem zufällig ein Zeug, für das die Gerber, Textil- und Papierfabriken gut bezahlten, oder naja, zumindest bezahlten. Dazu mussten nur Männer den Schiefer im Steinbruch abbauen, Frauen und Kinder zerschlugen ihn mit Hacken und schoben die Karren ins Werk, wo das Zeug noch mehrmals geröstet, gekocht und gereinigt werden musste. Es arbeiteten genauso viele Männer wie Frauen im Werk, ein Drittel davon waren allerdings Kinder unter 12. 1806 startete das Werk, ein Jahr später war es schon führend in Skandinavien und exportierte bis nach Russland. Wie viel von den Einnahmen wohl bei den Kindern unter 12 ankam?

Rest in Wies: Gräberfeld 

 

Mahlmal: Kaputte
Windmühle 

Viel einfacher lässt sich die Anwesenheit der Windmühlen erklären. Die Erklärung pustete mir geradezu frontal ins Gesicht und bremste mein Tempo, damit ich mir die Mühlen auch ja genau ansah. Jeder Hof hatte ein bis zwei Mühlen, und gefühlt stehen die alle noch. Manche sind klapprige Holzruinen ohne Flügel, andere aus Kalkstein gemauert, so fest, dass auch heute noch ein Restaurant darin Platz findet.
Und was gibt es sonst noch? Ach ja, Gräberfelder. Nicht wenige der Rechtecke enthalten einen Kreis runder Kalksteine, in dem die ersten Öländer ihre Verstorbenen begruben. Die Tiere durften natürlich weiterhin rundherum grasen, so spart man sich gleich die Kosten für die Grabpflege.

Mauer ohne Power:
Kung Karl X Gustavs mur

Während ich all das bewundere, ist mir mein teurer Begleiter längst davongezogen. Und bei dem Gegenwind kannich ihn auch unmöglich einholen. Erst nach Stunden kündigt sich allmählich das Südende der Insel an. Und zwar (Wie sonst?) mit einer Mauer, aber diesmal einer größeren.

Meine Tür steht immer offen,
bleibt bitte trotzdem draußen:
Königliche Einfahrt Ottenby

Die Kung Karl X Gustavs mur spannt sich über die Wiese, so weit das Auge reicht, und schneidet die Südspitze Ölands ab. Ein paar Rinder grasen in ihrem nichtvorhandenen Schatten. Das Land dahinter war und ist bis heute königliches Jagdland. Damit er überhaupt was zu jagen hatte, importierte Karl der König Dammhirsche aus England und ließ sie frei. Die Bauern waren not amused, denn das Jagdwild fraßen ihnen das ganze Saatgut weg. Der König hatte Verständnis für diese Sorgen und fasste deshalb die Absicht, eine Mauer zu errichten. Nur war der antihirschistische Schutzwall komplett sinnlos, weil ein Dammhirsch problemlos darüber hinwegspringen konnte. Tja, hätte Karl Gustav mal dazu auch gleich eine Nachtwache eingerichtet.
Kurz dahinter steht am Ende einer Allee das königliche Gut Ottenby, aus dem die königliche Familie ihre eigenen Milchprodukte, Holz und Wolle bezog. Die Tore stehen offen, das Ganze wirkt erstaunlich einladend, nur ein sehr kleines Schildchen weist darauf hin, dass alles privat sei - obwohl es laut Texttafel allen Schweden zusammen gehören soll. Hm.

Hasse mal ne Möhre?
Schafsblockade bei Ottenby 

Jetzt führt bloß noch eine einzige Straße durch das Naturreservat Ottenby bis zur Südspitze. Wohnmobile ignorierten das Wohnmobilverbotsschild und polterten über die Viehsperre im Boden.
Steinalt: Kungens Stenar
Gewöhnliche Autofahrer dürfen noch weiter, haben es aber nicht leicht: Immer wieder blockieren stoische Schafe den Weg und blöken den Eindringling an. Sobald er bremst, treten sie ans Fenster, als wollten sie betteln. Als Radfahrer dagegen kann ich die Wollblockaden problemlos umkurven.
Schon von Weitem sind die Kungens Stenar zu sehen: Zwei eckige Klötze, oben breiter als unten, als hätte jemand einen spitzen Steinkeil in die Erde gerammt. (Vielleicht hat man das auch, ich habe nicht nachgegraben.) Anders als die Königsmauer stammen die Dinger vielleicht gar nicht von einem König, das ist einfach nur ein besonders großes Grab aus der Eisenzeit.

Kapellenstelle: Reste von
St. Johannis

Schwerer zu erkennen sind die Reste der St.-Johannis-Kapelle, ein paar verstreute Steine auf einer leicht erhöhten Fläche, dazu ein kleines Modell der Kirche. Sie gehörte Händlern, was erklärt, warum zwischen den Gottesdiensten Waren darin gelagert wurden.

Da haben wir's
Schwarz auf Weiß:
Leuchtturm Långe Jan 

Aber nicht, warum das Lager- und Gotteshaus nicht mehr steht. Die Ostsee hat es jedenfalls nicht weggespült, die ist noch 100 Meter entfernt. Weggespült hat sie vielmehr die Reformation weggespült, weil extra Kirchgemeinden für Handelsgilden danach weggekürzt wurden.
Und in der Ferne sehe ich bereits, was stattdessen aus den Steinen entstand: Eine weiße Säule mit einem einzigen schwarzen Streifen. Eigentlich sieht er nur durchschnittlich hoch aus, trotzdem ist der Långe Jan Schwedens höchster Leuchtturm. Die Insulaner waren über seinen Bau nicht sehr glücklich, denn das Plündern von Wracks stellte für sie eine wichtige Einnahmequelle dar.
An seinem Fuß wartet mein geduldiger Begleiter.

Auf dem Lången Jan:
Plattform und Plattland 

Im Lången Jan:
Treppenhaus mit
Durchblick 

Wer nicht über das nationale Bezahlsystem Swish verfügt, muss seine Karte im kleinen Gratis-Naturreservatsmuseum kaufen. Das tun wir brav und steigen ein komisches Treppenhaus hinauf. Durch die Balken können wir bis zur höchsten Etage schauen, erst allmählich schraubt sich die Treppe ins Innere des Turms, und die Decke kommt uns immer weiter entgegen. Wir treten auf einen Balkon, hinter uns funkelt das Sonnenlicht auf der Fresnel-Linse, die wie immer in einzelne Segmente aufgespalten ist, das spart Material. Nur die Abbildungsqualität wird schlechter, aber das ist bei Leuchttürmen ja nicht so wichtig. Im 19. Jahrhundert wurde jede Menge Leuchtturmzeug erfunden und eingebaut, Spiegel wurden zu Linsen und dann zu Fresnel-Linsen, Lampenöl zu Paraffin und dann zu Strom, ein Uhrwerk drehte das Licht und wurde später nochmal beschleunigt.
Um uns herum erstreckt sich die grüne Landspitze, und alles ist dermaßen flach, dass es aussieht wie ein Satellitenbild aus noch größerer Höhe - fast glaube ich, die Erdkrümmung zu sehen. Hinter dem rostigen Geländer lässt sich ein brauner Vogel nieder und blieb entspannt sitzen, er weiß ja, dass ihn dort niemand erreicht.

Mutter, Futter!
Schwalbenküken in Ottenby

Ach ja, die Vögel. Die sind hier überall.
Die meisten Vögel brüten auf den Seeweiden der Ostseite, weil Öland dort sanft abfällt. Enten, Möwen und Schwalben mögen ihre Wiesen nah am Meer, offen, groß, und kurz, wobei für die Kürze idealerweise andere Tiere verantwortlich sein sollten und keine Mähroboter. In einer Rasthütte hängen mehrere Schwalbennester, manche klassisch von oben, andere andersrum von unten gebaut. In dem einen ziepen die dicken Küken nach Essen und sperren ihre gelben Schnäbel auf, in dem anderen ist ein alleinerziehendes Elternteil offenbar froh, dass die Kinder aus dem Haus sind. Er wendet uns seine Rückseite zu und lässt etwas Weißes auf eine weiße Ecke der Bank fallen, auf die sich garantiert niemand mehr setzen wird. Hier werden wir das Mittagessen auf jeden Fall nicht kochen.

Wir sind Elektrozaungäste:
Ölands Südende 

An der endgültigen Südsitze sind die letzten paar Meter Gras mit Stromzäunen abgesperrt. Weitaus mehr Vögel sitzen aber ein Stück weiter westlich, und dort ist nichts abgesperrt. Mein Freund wundert sich, dass die Touristen dort mitten reinlaufen könnten in diesen Ort, der an eine Pinguinkolonie erinnert. Aber niemand läuft dort rein.
Ansonsten gibt es in der Südspitze noch einen Ausstellungsraum mit Fotoalbumseiten, die eine Kindheit am Leuchtturm Ende der 1940er dokumentieren. Schwarzweiße Menschen schleppen Kartoffeln und Fisch, und die Kinder bewundern das Auto von Onkel Mattson, dem einzigen Autobesitzer der Familie. Und in dem Bild unten rechts in der Ecke ist dann plötzlich der König zu Besuch. Ich hatte Hunger, und da es keine geeignete Kochstelle gab, holte ich mir noch etwas in der Touri-Kantine. Mein Begleiter kam zu dem Schluss, dass dieses Essen aussah und so klang, als käme es aus der Dose, dann aber doch etwas besser schmeckte, sodass er gerade so nicht aus der Dose kam.

Zeilenmeilen: Fahrt
durch Ölander
Zeilendorf 

Gestärkt und mit Rückenwind ging es weiter, trotzdem war klar: Unser Tempo ist einfach zu unterschiedlich. Ich bin zwar erfahrener, aber auch langsamer. Wenn wir jedes Mal die halbe Tagesetappe auseinanderfallen, kann ja gleich ebenso gut jeder die Reise allein machen. Wir tauschten notgedrungen die Räder, und mit gelegentlichem Aktivieren des Elektroantriebs konnte ich locker Schritt halten.

Alwahnsinn: An der großen
Alvar-Landschaft vorbei 


Der Rest der Strecke ist schnell beschrieben. An der Ostküste folgten wir immer derselben Straße in Richtung Norden, das Meer war außer Sichtweite und die ewigen Felder wurden eintöniger. Dafür wurden aber die Dörfer älter und schöner, rotweiß reihen sich die Bauernhöfe an der Straße auf, natürlich immer mit Kalkmauer. Mittelalterliche Zeilendörfer wie diese bestehen aus genau zwei Zeilen, an jeder Straßenseite eine, dahinter kommen auch schon die Äcker. Nur Handwerker, Fischer, Landarbeiter und Windmühlen mussten außerhalb davon wohnen, denn sie hatten keinen eigenen Hof, sie waren höchstens Teil von einem.

Bank statt Bahn: Ruine
des Bahnwärterhauses 

Eine Insel mit null
Gleisen: Ex-Bahntrasse 

Das Dorf Slagerstad durchquerten wir so schnell wie möglich, erst in Skärlöv bogen wir ab. Mir wurde dieses Jahr die App Vildnis empfohlen, auf der international alle möglichen Schutzhütten und Zeltstellen verzeichnet sind - sogar in Schweden. Trotz Jedermannsrecht hat man auch hier gelegentlich Shelter zum Übernachten wie in Dänemark gebaut, und eins davon folgt jetzt.
Dazu fahren wir auf einem Kiesweg und überqueren auf einer kleinen Brücke eine Ansammlung von Kalksteinplatten, bei der ich mir nicht ganz sicher bin, ob das nun ein ausgetrockneter Fluss ist oder ein sehr schlecht instandgehaltener Weg. Die Kalklandschaft tut komische Dinge. Der Weg ist geradlinig wie eine Bahntrasse, was dran liegt, dass er mal eine war - bis 1961 hatte die Insel auch ein kleines Bahnnetz. Davon profitieren wir auch jetzt noch. Wo eine Bahn fährt, muss auch ein Bahnwärter her, jedenfalls im Jahre 1910. Der Wärter in Skärlöv lebte mit seiner Familie direkt an der Bahn in einem kleinen Häuschen. Ein Teil davon ist von dornigen Pflanzen bewachsen, von einem anderen sind nur noch graue Grundmauern übrig, sorgsam freigelegt und geputzt wie eine Ruine aus dem römischen Reich.

Einfacher Luxus: Shelter
von Skärlöv

Und auf seinem Grundstück werden wir übernachten. Aber nicht im Haus, sondern in einem Shelter aus dunklen, runden Holzbalken. Manche der schwedischen Shelter dieser Bauart sind laut Onlinebewertungen "pretty leaky", dieses aber nicht. Der Komfort wird komplettiert durch eine Feuerstelle mit Grillgitter und ein Plumpsklo, auf dem sogar in einer ZIP-Tüte eine Damenbinde for anyone in need liegt.
Mein Begleiter ist begeistert. Mission Wildcamping-Überzeugung läuft super.

"Kennst du schon diese Funktion bei Mapy?", fragte er abends.
Nein, die kannte ich nicht. Unter anderem, weil sie auf meinem alten Handy noch nicht funktionierte.
Man kann dort das Land scannen und sich die Namen der Berggipfel auf dem Bildschirm anzeigen lassen (allerdings nur viermal kostenlos). Tapfer durchsuchte die App Öland und wurde sogar fündig, auch wenn sie dafür die Definition eines Berges ein wenig herabsenken musste.




Wenig erhebend: Einige Gipfel von Öland laut mapy.cz

Was ist das nur für eine Landschaft? Flachland bin ich aus meiner Heimat gewohnt, aber irgendwas ist seltsam an dieser Steppe aus Stein und wogendem gelblichen Gras. Warum wachsen hier so wenig Bäume und Sträucher?
Es ist ein Alvar-Boden. Öland hat mehrere davon, aber Stora Alvaret im Süden ist mit Abstand der größte, er macht ein Fünftel der Insel und den Großteil des Weltkulturerbes Agrarlandschaft Südölands aus. Was an diesem Flachland so besonders ist, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick: Die Erdkruste ist besonders dünn. In der dünnen Schicht Erde können Bäume keine Wurzeln schlagen, manchmal liegen die Kalksteinplatten sogar nackt da und die Tiere können nur das abfuttern, was zwischen den Ritzen wächst.
Orchideen, Insekten und Schmetterlingen gefällt es trotzdem. Und kaum hatte sich das Eiszeiteis aus dem Staub gemacht, kamen auch die Steinzeitmenschen und trieben ihre Kühe und Schafe, um den Alvar-Boden abzufuttern. Es war so warm, dass die Viecher das ganze Jahr über draußen stehen konnten, und falls die Alvar abgegrast waren, gab es immer noch die saftigeren Seeweiden an der Ostsee. Seit fünftausend Jahren grast das Vieh auf denselben Plätzen, was der Hauptgrund ist, warum die Unesco das mit dem Weltkulturerbe anerkannt hat.
Mit dem Ackerbau war es nicht so leicht, die meiste Zeit holten die Bauern nur das notwendigste Getreide und Tierfutter aus den wenigen geeigneten Flächen. Erst im 20. Jahrhundert probierten sie auch mal mit anderen Pflanzen herum. Heute wächst im Osten das Tierfutter gleich neben den Tieren, während zum Beispiel Braune Bohnen voll auf den Kalkboden im Westen abfahren. Natürlich hatte jeder Bauernhof seine eigenen Fluren, aber der Großteil vom Stora Alvaret war gemeinsames Weideland. Und anders als im Rest von Schweden blieb das auch bei den Privatisierungs-Bodenreformen im 19. Jahrhundert so. Die dünne Erdkruste war für Waldwirtschaft nutzlos, sodass sich die Mühe nicht lohnte, sie aufzuteilen.

Das beantwortet doch schon mal ein paar Fragen. Und eine weitere kann ich auch schon beantworten.
Ist ja alles ganz schön, aber ist das wirklich die spannendste Landschaft, die Öland zu bieten hat?
Nein, eindeutig nicht. Da kommt noch mehr.