Ostseeradler schwimmt im See
Zurück auf der Insel Gotland fuhr ich wieder an der schmalen Bucht hinauf. Da entdeckte ich direkt über der Straße die nächste Ladung Rauken, diesmal sogar mit einem malerischen Raukentor namens Lergravsporten. Der natürliche Durchgang sieht aus jeder Blickrichtung einfach toll aus. Die linke Seite war dick und massiv, die dünne Stütze rechts dagegen wirkte geradezu zerbrechlich. Diese seltsame Asymmetrie entspricht so gar dem typischen Bild der Felsentore, die in Filmen zu sehen sind.
Dann erreichte ich auch schon die unauffällige Stadt Fårösund, die weitgehend um die Straße zum Fähranleger herum aufgebaut ist. Hier legen die Schiffe nach Fårö und die Ausflugsfahrten zur Insel Gotska Sanddön ab. Neben dem Anleger versteckt sich ein weiteres Kastal in den Bäumen, diesmal mit einem opulenten Räucherschornstein oder so obendrauf (hinten rechts).
Nachdem ich Fårö umrundet hatte, ging es weiter auf einer schnurgeraden Landstraße gen Norden. Ich kam zuerst vorbei an einem Steinbruch, in dem vor 7000 Jahren die ersten Jäger und Fischer von Gotland lebten, schon damals stilrecht mit Reetdach. Vermutet man jedenfalls. Das Reet ist natürlich längst weggegammelt, nur die Essensreste und Werkzeuge wurden ausgebuddelt. Was hätten die Jäger und Fischer wohl gesagt, als später über ihren einstigen Häusern eine Eisenbahn gebaut wurde, um den Kalkstein zur Industrie nach Norrland abzutransportieren?
Als ich ein Foto von diesem Steinbruch machen wollte, war auf dem Bild absolut nichts zu erkennen außer Weiß. Ja, schon klar, da ist Gegenlicht, aber so schlimm? Ach, nein, Mist, was ist da denn passiert? Das Gewitter auf Fårö war in die Kamera eingedrungen und beschlug die Linse von innen mit feinen Tröpfchen. Deshalb sehen die nächsten Bilder leider aus wie durch Nebel fotografiert, sogar bei strahlendem Sonnenschein.
Langsam wurde es jedoch besser. Hier kann man zumindest schon mal die Ostsee erkennen, und das Ortsschild, das offenbar von kurz angebundenen Piraten verfasst wurde.
Heute habe ich nicht in der Ostsee gebadet, sondern in den Badeseen. Davon hat die Insel so einige, viele sind aus alten Kalksteinbrüchen entstanden. Der Reiseführer, der auf der Fähre auslag, listet sie alle in verschiedenen Kategorien auf. Die Texte klangen zwar verdächtig nach KI, dennoch wollte ich auch mal welche davon ausprobieren. Und jetzt fuhr ich endlich mal zwischen zwei davon durch.
Der Bästeträsk ist... also, ob er der wirklich der bäste See der Insel ist, bleibt wohl Geschmackssache, auf jeden Fall ist er der größte und richtig schön. Nadelbäume warfen ihren Schatten auf das steinige Ufer. Die spitzen Steine waren jetzt nicht gerade der angenehmste Barfußpfad aller Zeiten, aber das Wasser ist tipptopp - aus der Nähe kristallklar, aus der Ferne kristallblau. Irgendwo da draußen verbargen zwei Inselchen.
Noch blauer, außergewöhnlicher und fußfreundlicher ist aber die Blå Lagun auf der anderen Straßenseite, nur ein kurzes Stück den Feldweg runter. Während der Bästeträsk noch mehr oder weniger nach einem normalen Natursee aussieht, tendiert die Blaue Lagune in Richtung exotisch bis unwirklich. Das liegt sicherlich an dem Ufer, das nur aus kleinen felsigen Kanten, einzelnen Nadelhecken und nettem Kies besteht. Die Lague ist zwar ein paar Nummern Nummer kleiner, aber das macht ja nichts, wenn ich trotz des Wetters fast der einzige bin. Im Gegenteil, dann habe ich wenigstens eine Chance, bis ans andere Ufer zu schwimmen und dort auf die Felskante zu steigen.
Danke, wechselhaftes Wetter, dass du an diesem Punkt der Reise die Sonne bereitgestellt hast, das wäre sonst ein Jammer gewesen.
Saukalt war es natürlich trotzdem.
Als nächstes habe ich eine große, spitze Bucht umrundet. Die brachte viele Extrakilometer, aber auch viel Wasserblick. Auf dem steilen, steinigen Abhang zum Meer wuchsen die Bäume erst so weit unten, dass ich die Ostsee sehen konnte. Schatten gab es dafür auch nicht.
An der Spitze der Bucht steht die Steinindustrie im Meer und am Meer. Linné beobachtete damals fasziniert, wie der Kalkstein im Ofen gebrannt wurde. Nach zwei Tagen Feuer waren die oberen Steinschichten transparent und blaue Flämmchen tänzelten darauf. Dann konnte man ihn abkühlen und nach Deutschland und Dänemark verschiffen. Plötzlich verschwand die Sonne und Linné war in dichten Seenebel gehüllt, fast wie Rauch - das wechselhafte Wetter machte also auch ihm zu schaffen.
Die dazugehörige Stadt Kappelshamn liegt auf der Westseite der Bucht. Auch hier gab es keinen Rast- oder Schattenplatz zwischen den roten Häuschen. Also lieber gleich weiter in den schattigen Wald.
So, noch ein Stück die Straße hoch, hier geht's ordentlich bergauf. Gleich zweigt der Waldweg ab, da mache ich dann Pause.
Dann zweigte der Waldweg ab. Ich hielt an, um Pause zu machen. Und fuhr sofort wieder weiter. Mit mir fuhren als blinde Passagiere etwa 17 Mücken, die sich während der einminütigen Pause sofort auf mir niedergelassen hatten.
Das Naturschutzgebiet Hall-Hangvar besteht aus... ziemlich viel. Hauptsächlich Kiefern und Weiden, andere Bäume wurden selektiv abgeholzt. Gleichzeitig sind da aber auch viel dünner Boden und magere Felsflächen, trotzdem schafft es da irgendwie genug Grundwasser durch, um auch Kaltwassermoore zu bilden. Eine hiesige Blume heißt Gotland-Sonnenwende.
Immer tiefer schimmerte das Meer unter mir. Schließlich öffnete sich der Wald und ich konnte sehen, wie hoch ich mich wirklich befand. Direkt neben mir fielen im Abendlicht Klippen aus Kalk 30 Meter abwärts. Kein Geländer oder trennte sie vom Weg, nur ein paar Warnschilder bauten, doch bitte nicht komplett ranzugehen. Ein bisschen bröckelig sah das ganze schon aus. Hervorragend, hier mache ich die Pause, diesmal wirklich.
Das hier ist das Ende der Bucht und die nördlichste Ecke Gotlands. Allerdings ist es keine so markante Spitze wie im Süden. Vorhin bei den Badeseen, auf der anderen Seite der Bucht, war ich ja fast genauso weit im Norden.
Schlafenszeit! Wo übernachte ich heute?
Eigentlich ganz einfach, denn hier im Nordwesten bei Hall soll es das einzige klassische Shelter auf Gotland geben (also eine hölzerne Übernachtungshütte wie die, mit denen Öland übersät war). Die Sonne berührte schon den Horizont, aber ich war zuversichtlich, es noch bei halbwegs akzeptablen Lichtverhältnissen zu schaffen. Womöglich hätte ich das auch, wenn denn die Wege zu diesem Shelter tatsächlich existiert hätten. Bei einem Bauernhof mit Windrädern bog ich ab und machte einen kräftigen Umweg. So, jetzt hinter diesem Stall muss ich hier auf diesen Waldweg - hm, nee, der existiert nicht, komplett zugewachsen. Dann eben der nächste - ah, nope, da ist ein Gattertor davor, und anders als die zahllosen Gattertore auf Europas Radwegen war dieses hier nicht zu öffnen, dafür sorgte eine Kette mit Vorhängeschloss.
Vielleicht kann man als Wanderer dieses Shelter erreichen, wenn man auf dem Pfad direkt am Meer wandert (sofern der denn existiert), Radfahrer können diese Hütte aber komplett vergessen.
Mist, dann mal lieber zurück zur Straße.
Natürlich musste an besagter Straße ausgerechnet jetzt eine Kette von Dörfchen und Gehöften kommen, ohne richtige Natur dazwischen. In der Dunkelheit fand ich hinter dem letzten Dorf eine Alvar-Fläche mit rosaroten Gräsern. Zum Liegen war es bequem genug, nur das Zelt hätte ich in diese Steine ungern reingehämmert.
Dem Himmel sei Dank war für diese Nacht kein Regen angesagt. Auf Gotland muss man das wirklich dringend am Abend vorher prüfen, bevor man sich aufs Geratewohl unter den launenhaften Himmel legt.

















































