NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Samstag, 27. Juni 2026

Von Helsinki nach Ingå

Das nächste Land erreichte ich auf einer analogen Reise. Das kam so:
Mein Handy wollte nicht mehr laden, die Ladebuchse war kaputt oder verschmutzt, auch mit einer Pinzette konnte ich nicht allen Dreck entfernen. In Tallinn hatte ich noch die Abfahrtszeit im Kopf, den richtigen Fährhafen zu finden war dank der Schilder und eines hilfreichen Tallinners kein Problem. Die Fahrkarte konnte ich am Schalter kaufen und spätabends auf die gewaltige und sehr stilvolle Tallink-Fähre fahren, wo zwischen den zig Restaurants einfach mal ne Pferdestatue steht.
Mit meinem allerletzten Prozent Ladung buchte ich ein Hostel mit 24-Stunden-Rezeption, notierte mir die Adresse und schoss dieses Foto. Dann Schwärze. Ich war gefangen in der analogen Welt mit vielen Fragen, zum Beispiel: Wo zum Geier legen wir in Helsinki eigentlich an? Im Bikeline-Stadtplan gab es allein an der Innenstadt mehrere Stellen, die nach Hafen aussahen. Ich nahm den Plan und fragte herum. Weder ein finnischer Radler, der wegen einer Verletzung leider ein europäisches Radrennen abbrechen musste und die Fähre schon oft genutzt hatte, noch mehrere Mitarbeiter von Tallink konnten sicher sagen, wo wir eigentlich hinfahren, sehr beruhigend. Wozu muss man so was auch wissen, wenn doch das Navi den Weg weist?

Irgendwie konnte ich trotzdem den Hafen, an dem ich ankam, und die Straße mit der Unterkunft auf dem Stadtplan ausmachen und fiel irgendwann gegen halb zwei ins Bett. Einen Wecker hatte ich nicht, also musste ich mich überraschen lassen, wann ich wohl aufwachen würde.

Als ich erwachte, hatte ich keine Ahnung, wie spät es war. Gut, es war hell, aber das grenzt es in Finnland um diese Jahreszeit so gut wie gar nicht ein. Ein anderer Gast im Schlafsaal informierte mich auf Nachfrage, dass ich noch 40 Minuten hatte, um das gebuchte Frühstück zu nutzen.
Danach fragte ich an der Rezeption nach Handyshops und Fahrradwerkstätten und konnte beim zweiten Versuch sogar verständlich machen, warum ich das nicht einfach googelte. Stattdessen googelte die Frau bei Google Maps und markierte im etwas detaillierteren Hostelstadtplan beide Läden, einen davon sogar richtig. Dr. Mobile Fix fixte das Handy dann mit seinem speziellen Reinigungsequipment. Obwohl ich die Situation eigentlich souverän bewältigt hatte, hat der Absturz ins Analoge und die Abhängigkeit von anderen bei mir einen deutlichen Eindruck hinterlassen. Ob es sich so ähnlich anfühlt, mit einer Behinderung zu reisen?

Mir blieb noch ein Dreivierteltag, um die finnische Hauptstadt zu entdecken. Ihre Straßen sind breit, hoch, bunt, etwas grün und haben fast immer Radwege, aber auch fast immer rote Ampeln, was die Fortbewegung ausbremst. Wohlgefühlt habe ich mich trotzdem gleich.

Im hinteren Bereich haben die Straßen ein paar Anstiege, es sind weniger Hügel als eher breite Wellen, welche die Stadt in konzentrischen Kreisen umgeben. Zwischen den farbenfrohen klassizistischen Bauten ragen immer mal wieder solche massiven grauen Steinmonster empor, zum Beispiel die Kallio-Kirche. Angeblich ist der Stil eine Mischung aus Art Nouveau und Nationalromantik, für mich sieht es eher aus, als hätten Stalin und eine mittelalterliche Burg ein außerordentlich robustes Kind gezeugt.

Das Innere sieht demgegenüber überraschend hölzern und weißgrün aus. 1200 Perlen sind auf dem Bogen über dem Altar gemalt. Gerade fand ein Orgelkonzert eines Komponisten namens Cesar statt. Ich machte das genaue Gegenteil dessen, was ich jetzt eigentlich machen würde, also die Stadt im Schnelldurchlauf erkunden - ich setzte mich hin und lauschte den beruhigenden Klängen, bis ich runtergekommen war.

Im Linnanmäki dagegen kann man nur auf eine Art runterkommen, die mit Schwerkraft und hohen Geschwindigkeiten zu tun hat. In Skandinavien ist es üblich, Freizeitparks ganz nah dran an die großen Städte, auf engen Raum und auf einen Hügel zu bauen, und Finnland legt da gleich mit einem der besten los. Eng war es wirklich, teilweise musste ich rätseln, durch welchen engen Durchgang es nun eigentlich weitergeht. Es war einer der günstigeren Tage, an denen man 45 Euro für alle Fahrgeschäfte zahlt (Isohupi-Ticket), man kann auch für fünf Euro nur reingehen, ohne zu fahren.
Wie im Tivoli in Kopenhagen gibt es auch hier eine alte Holzachterbahn mit viel Auf und Ab (hinten), aber nicht so alt und schön gestaltet wie die dänische Rutschebahnen. Sie heißt Vuoristata und verbreitet an windigen Tagen einen verbrannten Geruch über die halbe Stadt, der die Finnen in Finndheitserinnerungen schwelgen lässt. Die Bahn schafft Arbeitsplätze, denn sie hat kein automatisches Bremssystem, stattdessen sitzt hinten in jedem Wagen ein eigener Bremser. Zeitungsausschnitte im Wartebereich dokumentieren, wie Präsidenten und Sportler auf dem Mountainbike die hölzernen Schienen runtergerattert sind.
Bei Namen wie Ukko fällt es etwas schwer, die Achterbahnen ernstzunehmen, was aber dringend anzuraten ist. Kurz, knackig und kurios ist die als Kreissäge gestaltete Bahn Kirnu (vorne), in der ich mich seitlich der Schienen hinsetzen musste und unkontrolliert drehte, was mal eine ganz andere Art von Überschlag verursacht.
Aber auch sonst hat der Park eine große Bandbreite verschiedener Bahnen, die sehr an den Europapark erinnert und sich durchaus mit ihm messen kann, darunter auch mein Lieblingstyp, die moderne blaue Katapult-Achterbahn ohne Schulterbügel und mit vielen Überschlägen, die hier Taiga heißt.

Die eigentliche Innenstadt beginnt am Hauptbahnhof, und gleich daneben steht ein auffälliges verbogenes Goldgebäude. Was mag das sein? Helsinki ist die einzige Stadt, wo einem als eine der ersten Sehenswürdigkeiten die Stadtbibliothek empfohlen wird, sogar von Deutschen.
(Im Glashaus ganz rechts im Bild sitzt übrigens ein Aufzughersteller, deshalb kann man da "aufgeschnittene" Aufzüge mit freiliegender Mechanik beim Fahren beobachten.)

Diese Bibliothek ist ein neueres Bauprojekt der Stadt (sieht man, glaube ich) und heißt Oodi, also Ode. Die Bücher sind in der Glashalle ganz oben, zusammen mit Lesetischen, Sofas und einem Kinderspielbereich. Es sind auch ein paar englischsprachige darunter, und sogar ein deutsches Regal mit Heinrich von Kleist und Volker Kutscher. Dieser Raum ist so ungefähr das Gegenteil von staubigen Regalen, knarzenden Böden und miesgelaunten Bibliothekaren, die alle Sprechenden böse anstarren. Ach, wie gern hätte ich mir so einen Raum in der Nähe eines Hauptbahnhofs gewünscht, wenn ich dort mit dem Zug gestrandet war.

Oodi ist aber mehr als eine Bibliothek, sie enthält unter anderem einen Kinoraum, eine kleine EU-Ausstellung und vor allem Arbeitsräume für alle möglichen Kreativprojekte, die man größtenteils kostenlos buchen kann: Tonstudios, Nähmaschinen, Videospielräume, und sogar 3D-Drucker zippelten eifrig irgendwelche flachen Bäume aus Plastik zusammen.
Ich hatte tatsächlich auch Bedarf nach einem Buch, denn ich hatte versehentlich ein viel zu dünnes mitgenommen und es schon während der Anreise beinahe ausgelesen. Nur: Weil ich morgen weiterfahren würde, musste ich das nächste Buch kaufen. Wenn diese Bibliothek so vieles anbietet, dann vielleicht auch einen kleinen Bereich mit käuflichen Büchern? Nein, aber die Buchhandlungen der Innenstadt hatten sogar noch mehr englischsprachige Bücher (ich fand allerdings nichts, das aus dem Finnischen ins Englische übersetzt wurde).


Eine andere Empfehlung für Helsinki war die spendenbasierte Walking-Stadtführung. Für die muss man sich hier zwingend anmelden, was mir aber nach erfolgter Handyrettung noch rechtzeitig gelang. Auch diesmal war sie gelungen und gab gleich einen Überblick über die Geschichte des Staates insgesamt.
Finnland ist ein Außenseiter unter den Skandinaviern: Die einzige Republik, eine andere Sprachfamilie und vor dem 20. Jahrhundert hat es als Staat nicht mal existiert. In vielerlei Hinsicht steht es also eigentlich den baltischen Staaten näher. Zuerst eroberte und christianisierte das Königreich Schweden das Land, wobei es anfangs nur im Süden staatliche Strukturen schuf. Es hinterließ eine Minderheit schwedischer Adliger, deren Nachkommen bis heute im Land wohnen und schwedisch sprechen. Für die ist jedes Schild zweisprachig (ach deshalb stand vorhin auf dem Wegweiser Töölö und Tölö, das sind also nicht zwei verschiedene Orte), und Kinder lernen in der Schule die jeweils andere Sprache, mal mehr, mal weniger gut. Sehr praktisch, dann kann ich mit einem Lehrbuchschwedisch zumindest ein paar Schilder verstehen. Damit dürfte Estland den Rekord behalten als das Ostseeland, in dem ich am wenigsten verstanden habe. Auf Schwedisch heißt Helsinki übrigens Helsingfors.
Diese Adligen diskutierten ihre Angelegenheiten im Ständehaus, auf dem oben die Wappen der einzelnen Regionen prangen. (Man beachte den leicht bekleideten Mann für Lappland mit seiner großen Keule, und eine Hiebwaffe hat er auch noch dabei.) Heute wird es für Konferenzen genutzt, und gerade liefen irgendwelche Politiker rein, die aber nicht so wichtig waren, dass unser Stadtführer sie erkannte.

Um 1800 eroberte Russland Stück für Stück Finnland. Zar Alexander I. war anfangs sogar der nettere Kolonisator, deshalb steht seine Statue mitten im Bild. Er gönnte dem Großfürstentum Finnland weitreichende Autonomie, eine eigene Währung, finnisch als zweite Amtssprache und ließ die althergebrachten schwedischen Gesetze inklusive Verfassung in Kraft. Russische Wegweiser gibt es trotzdem nicht.
Erst die späteren Zaren wünschten sich mehr Zentralisierung. Deshalb wurde auch Helsinki zur Hauptstadt gemacht, dann hatte man es von St. Petersburg aus in Griffweite. (Wobei die Entfernungen in Finnland im Vergleich zu den Entfernungen innerhalb Russlands ja eigentlich eh alle lächerlich sind.) Aus dieser Zeit stammt der zentrale Senatsplatz, an dem der alte Senat steht (hinten rechts), in dem heute der Staatsrat drinsteckt.
Der schneeweiße Dom von Helsinki trägt seine Kuppel wie ein grünes Bommelmützchen. Beim Bau stellte sich heraus, dass der Boden das Gewicht der Kirchenglocken nicht tragen kann, darum bekamen sie ein weißes Extrahäuschen. Dadurch wirkte der Platz aber asymmetrisch, deshalb steht auf der anderen Seite ein identisches weißes Häuschen, das aber leer ist (hinten Mitte). Der Platz ist groß und durchaus eindrucksvoll, aber auch etwas leer. Die Tallinner Altstadt ist da schon schöner.
Das Ganze hat der deutsche Architekt Carl Ludwig Engel entworfen, derselbe wie in St. Petersburg, weshalb sich die Städte durchaus ähnlich sehen. Anders als in St. Petersburg oder auch in Estland ist die Regenbogenflagge überall präsent. Sogar die Skala an der Tür der Fahrradwerkstatt, die anzeigt, wie ausgelastet sie sind, hatte einen Regenbogenhintergrund.

Als in Russland die Februarrevolution ausbrach, erklärte Finnland seine Unabhängigkeit. Die Russen erkannten sie einfach an, sie hatten gerade genug eigene Probleme. Das Problem war: Die Finnen auch.
Die großen Standesunterschiede und der Einfluss der Revolution nebenan ließen sich nicht so schnell in einem neuen System kitten, und drei Monate lang brach ein Bürgerkrieg aus. Die Roten, also Sozialisten, teils auch Sozialdemokraten und einfach durch die Lebensmittelknappheit verzweifelte Arbeiter versuchten sich an ihrer eigenen Revolution, unterstützt von Russland. Gegen sie kämpften die Weißen, die konservativen Eliten des alten Großfürstentums, unterstützt von Deutschland. Ihre wichtigste Figur wurde er hier, Gustav Mannerheim, eigentlich ein loyaler General des Zarenreichs, der eher in die Rolle als militärischer Anführer der Weißen und späterer Präsident hineinstolperte. Ein bisschen klingt dieser Bürgerkrieg für mich so, als wären die Straßenschlachten der Weimarer Republik endgültig eskaliert.

Die Roten konnten zwar anfangs den Süden besetzen, aber die Weißen trainierten ihre Truppen schneller, sodass sie ganz Finnland zurückeroberten. Dabei kam es zu Gräueltaten auf beiden Seiten, die in keinen speziellen Zusammenhang zu diesem depressiven Brunnen stehen.
Was zum Geier, wie passt dieser Brunnen zum angeblich glücklichsten Land der Welt? Ganz einfach, der Brunnen soll gerade hinterfragen, dass Frauen und Kinder immer nur als hilflose Opfer dargestellt wurden.

In Finnland waren sie es jedenfalls nicht mehr, denn dieses massige Parlament namens Eduskunta/Riksdag durften Frauen von Anfang wählen und sich auch reinwählen lassen. Ein Grund dafür war, dass die Frauen den Ausbau des Schulwesens stark vorangetrieben hatten und deshalb schon 1900 fast alle Erwachsenen lesen, schreiben und mitdiskutieren konnten. Seit 1863 konnten steuerzahlende Frauen mit Grundbesitz in Lokalwahlen abstimmen. Finnland wollte das auf das passive Wahlrecht ausweiten, aber Russland blockierte das Gesetz, und so wurden die Themen Frauenwahlrecht, Demokratie und Unabhängigkeit in den Köpfen der Finnen stärker verbunden. Mit einem Generalstreik setzte das Großfürstentum Finnland gleichzeitig die Wiederherstellung der Autonomie und das allgemeine Wahlrecht durch, dadurch wurde es 1906 zum ersten Land Europas mit Frauenwahlrecht. Weltweit waren eine Handvoll Staaten und Territorien schneller, aber in Finnland errangen zum ersten Mal auf diesem Planeten Frauen auch tatsächlich Sitze im Parlament.
Die Wehrpflicht dagegen gilt bis heute nur für Männer.

Nur eine Straße vom Senatsplatz entfernt liegt der Stadthafen, wo Essensstände die finnische Küche in schnelle, touristengerechte Imbisshappen zerlegen. Es gibt zum Beispiel Rentierfleisch in verschiedenen finnischen Broten, das recht ähnlich schmeckt wie Salami. Und in Pappschüsseln wird das finnische Fischbrötchen eingeschenkt, das hierzulande in flüssiger Form gereicht wird: Lohikeitto ist eine Lachssuppe mit Gemüse, die einer norddeutschen Kartoffelsuppe nicht ganz unähnlich ist. Und wie diese ist es gut und sättigend, aber geschmacklich nicht besonders aufregend. Ein paar Tage später habe ich sie nochmal in einem Restaurant probiert, das gerade für seine Fischsuppe gelobt wurde, dort schmeckte sie immerhin etwas deftiger.
Gerade bei fester Nahrung auf die Hand empfiehlt es sich dringend, sie in einem der geschlossenen Zelte zu essen, denn die Helsinki-Möwen stehen den Rostockern in Sachen Verschmutzung von Statuen und dreistem Diebstahl in nichts nach. Laut Stadtführer hat jeder Stadtbewohner sein persönliches Möwentrauma.

Im Stadthafen schwimmt eine Insel mit Holzhäusern und Schwimmbecken, ein weiteres Holzgebäude türmt sich dahinter auf. Das ist der Allas Pool (vorne rechts), der schwitzen mit Altstadtblick verspricht. Sauna ist das weltweit erfolgreichste finnische Wort. Natürlich haben viele Kulturen auf der Welt schwitzhüttenartige Konzepte erfunden, aber die in Finnland sind mit die ältesten historisch belegten, sodass sich das Land als Erfinder der Sauna bezeichnen kann. Wie die Nudeln in Italien ist das Saunieren in Finnland keine Möglichkeit, sondern selbstverständliche Obsession. Saunas gibt's nicht nur in Fitnessstudios, Hotels und Thermen, sondern auch ganz normal in Mietshäusern und Studentenwohnheimen. Darin wird gefeiert, mit Sowjetführern verhandelt, und nur dort reden Männer über ihre Gefühle. Wer sich ganz wichtig machen will, kann die hölzerne Sauna-Gondel im Riesenrad (hinten links) mieten.


Als Saunafan wollte ich teilhaben an dieser Obsession, aber wo? Die Allas-Sauna war bei genauerem Hinsehen nicht so riesig, und dafür 19 Euro? Es gibt eine Alternative, die mindestens ebenso einzigartig ist, aber etwas günstiger, nämlich 0 Euro.
Diese liegt auf einer Insel namens Mustikkamaa, die mit herrlichem Laubwald, Cafés und Wassersportvereinen bedeckt ist, aber an allen Enden mit kurzen Brücken an komplett zugebaute Stadtviertel angebunden. An einer Parkbank hing aus irgendeinem Grund ein laminierter Zettel mit einem Theaterdialog.
 
Auf dieser Insel nun schlossen sich einige Menschen zusammen, um eine Sauna zu bauen. So weit, so normal. Nur: Diese Sauna sollte kostenfrei und 24/7 jedem zur Verfügung stehen, der reinwollte, ob Einheimischer oder Tourist. Falls gerade niemand da ist, muss man selbst anheizen, bei einer Gratissauna in einer Großstadt ist das aber, wie man sich denken kann, selten der Fall. Wer will, kann dem Verein nach den eigenen Vermögensverhältnissen eine Spende rüberschicken oder vor Ort mit anpacken.
Anfangs war die Stadt gegen das Projekt, man könnte fast sagen, die Sompasauna ist das Christiania von Helsinki. Aber inzwischen umfasst die Anlage ganze drei Saunen mitsamt Duschen und einem ganz herrlichen Strandabschnitt, in dem ich auch gleich mein erstes Bad in der finnischen Ostsee nahm.
Sauna 1 sollte laut Warnschild die heißeste sein, war aber bisher nur auf eine milde Temperatur hochgeheizt und roch intensiv nach Räucherholz. Sauna 2 lief dagegen schon auf volle Pulle bei etwa 90 Grad, ebenso die überraschend große Sauna 3 mit tollem Ostseepanorama. Schon vormittags war hier ordentlich Betrieb, Finnen hackten Feuerholz mit einer Maschine und setzten sich dann zu dem jungen asiatischen Touristenpärchen in die Hitze, manche in Badesachen, manche ohne. Reden in der Sauna ist normal, für musikalische Einlagen liegen sogar eine akustische Gitarre und ein Klavier bereit (letzteres geht nur außerhalb der Sauna). Lediglich elektrische Musikboxen sind zum Glück verboten. Auch übergossen sich manche in der Sauna mit Wasser und legten kein Handtuch unter, aber naja, an diesem Standort kann man eh nicht dieselbe Hygiene wie in einer Therme erwarten, die Sandkörner kommen früher oder später überallhin.
Ich grüße mit einem, wie ich hoffte, netten "Hej", erhielt aber keine Antwort. Die Finnen reagierten nicht ablehnend, sondern einfach gar nicht. Sie unterhielten sich auf Finnisch und blieben unter sich. Die Erfahrung mit dem Grüßen machte ich auch an anderer Stelle. Zum Glück bestätigten mir diverse Reiseberichte und ein später entgegenkommender deutscher Reiseradler, dass das nicht an mir lag. Nun bin ich selbst nicht der Typ, der gleich von jedem die Lebensgeschichte erfahren und der beste Freund werden muss, und normalerweise passt die skandinavische Zurückhaltung ganz gut zu mir, aber Finnland war in dieser Hinsicht sogar mir ein bisschen zu krass. In einem Kontext wie der Sompasauna erschien mir zumindest ein Grußwort schon angemessen. Aber wer bin ich, über diese Kultur zu urteilen, vor allem wenn dieselbe Kultur überhaupt erst dazu geführt hat, dass so etwas Tolles wie die Sompasauna existiert?

Die Innenstadt von Helsinki liegt übrigens auf einer Halbinsel mit ausgestreckten Ärmchen, wie ein unförmiges Kleeblatt oder ein Seestern. Ein paar Stückchen der Stadt sind aber auch auf Inseln verstreut, zu denen entweder Brücken oder Fähren führen. Außerdem ist da noch ein innenstadtnaher See, der wahrscheinlich vor langer Zeit auch Teil der Ostsee war, ähnlich wie in Kiel.
Die kleinen Fähren sind Teil des städtischen Nahverkehrs, ihre Fahrkarten deshalb das mit Abstand günstigste, was man am Stadthafen kaufen kann. Die kleinsten Inseln von Helsinki sind manchmal nur Felskuppen, auf denen Möwen herumsitzen und ihre nächste Attacke planen. Andere sind bewachsen von grünen Bäumen und roten Häusern, und eine ist sogar Weltkulturerbe. Und die wollte ich noch ansteuern, immerhin braucht das Straßenbahnboot bloß 25 Minuten dahin. Ich schlängelte mich durch die Warteschlangen-Absperrungen und ließ mir dann auf dem Außendeck kurz das Haar vom Wind frisieren. Einen anderen Weg gibt es nicht, denn der alte Tunnel vom Festland zur Insel darf heute nur noch von Rettungsfahrzeugen genutzt werden.

Suomenlinna heißt die Festungsinsel, die Helsinki bewacht. Beide Eroberer Finnlands haben sie genutzt und ausgebaut, ebenso das unabhängige Finnland. Letzteres ist sogar verantwortlich für das unrühmlichste Kapitel der Inselgeschichte. Zahlreiche besiegte Rote wurden am Ende des Bürgerkriegs auf der Insel unter erbärmlichen Bedingungen eingekerkert und starben an Seuchen. 
Erst einmal sah das Ganze auch mehr oder weniger nach einer typischen Festung aus, Wälle, Bäume und ein rosarotes Eingangsgebäude aus russischer Zeit. Außenrum ziehen sich überall massive Steinmauern, dahinter gelb angemalte Baracken und natürlich ein paar herumstehende Kanonen. Hier verbirgt sich auch eins der ältesten Trockendocks der Welt, in dem übrigens noch heute Segelschiffe restauriert werden, und eine der wenigen Kirchen, die zugleich als Leuchtturm dienen.

Als ich aber tiefer reinging, veränderte sich das Bild. Diese zartblauen und gelben Holzhäuser hatten absolut nichts von einer Militärstadt, sie ähnelten eher den kleineren finnischen Städten und Dörfern, durch die ich während der nächsten Tage radeln sollte. Entsprechend war die gewaltvolle Geschichte gar nicht zu spüren, im Gegenteil, nichts als fröhliche Spaziergänger in sonnigen Cafés.

Eigentlich besteht Suomenlinna aus mehreren felsigen Inseln, die mit Brücken zu einer Kette verbunden sind. Die Übergänge bieten meistens die eindrucksvollsten Aussichten. Zumindest sofern man die gelegentlichen Baustellen, ignoriert. Alles habe ich nicht geschafft anzusehen, auch die Indoormuseen machten bereits dicht, trotzdem ein lohnenswerter Spaziergang.

Und natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, eine Runde durch die grob gemauerten Katakomben zu drehen. Sie sind eigentlich weder besonders dunkel noch besonders groß, größtenteils auf Erdgeschossniveau, und über die Geschichte gibt es dort auch nichts zu lernen, aber zumindest schöne Fotomotive.

Raus aus Helsinki geht es über verschiedene Inseln durch neue Glashausviertel der Stadt Espoo, die noch zum selben Ballungsraum gehört. Wer den direkten Radweg nimmt, sieht die Ostsee nur auf den Brücken, von denen gibt es immerhin nicht wenige.

Ich wollte nun einer Route folgen, die ich auf touren-wegweiser.de entdeckt hatte, und mich auch ungefähr an ihren Tagesetappen von 60 bis 110 Kilometern zu orientieren. Diese Seite schickt die Radler auf feste Kieswege näher ans Wasser, im Zickzack an an den Felsen und Bäumen entlang. Anfangs sieht die Landschaft noch eher nach Park aus, allmählich werden daraus echte Wälder. In den Parks standen rote Holzbehälter mit der Aufschrift Freiwilligenplattform, denen man Mülltüten entnehmen konnte, die für Hundekot zu groß waren.
Diese Strecke war Fluch und Segen zugleich. Einerseits war sie sehr verwinkelt, weil ich eben doch immer mal auf kleine Straßen und durch Parks ohne Küste fahren musste, um Halbinseln ohne Uferwege abzukürzen. Die EuroVelo-Schilder waren hier eher hinderlich, sie wollten mich immer weg von der Ostsee zur Hauptstraße leiten. Darum bin ich ständig falsch abgebogen und habe einen Haufen Zeit verloren. Gleichzeitig ist die Strecke aber eigentlich gar nicht so viel länger, toll anzusehen und vielleicht die einzige Möglichkeit, in Finnland derart lange der Ostseeküste zu folgen.

Bebaut ist die Strecke mit immergleichen Einfamilienhäusern in Weiß, wobei das Weiß in manchen Fällen etwas vergilbt ist.
Auf Mapy.cz waren zwei Sehenswürdigkeiten für diese Strecke eingetragen, aber die waren auch eher nichts, das echte Highlight ist die Landschaft. Das Museum Alvarin Sauna entpuppte sich als verschlossenes rotes Haus am Wasser, an dem zwar der Name dranstand, aber keine Informationen, was genau hier wann zu sehen ist. Auf dem Sunds Kasaberget sollte es irgendwelche Ausgrabungen geben. Ich stieg einfach mal hoch auf den Berg. Hier hatten sich Teile der Felsplatten in Geröllhaufen aus etwa melonengroßen Steinen aufgelöst, aber irgendetwas Historisches war nicht zu erkennen. Immerhin hatte ich jetzt meinen ersten finnischen Berg bestiegen, und der Blick über die Bucht war auch nicht zu verachten. (Wobei später sogar der Uferweg selbst auf einem schmalen Pfad über einen ganz ähnlichen Berg mit noch besserer Aussicht führte.)
Erst jetzt, wo ich das schreibe, bin ich online auf des Rätsels Lösung gestoßen: Die Geröllhaufen waren die Ausgrabungen, da drin sind wichtige Leute aus der Bronzezeit begraben. Leute im Erdboden zu verbuddeln, kam erst mit dem Christentum in Mode. Die Heiden glaubten auch, dass irgendwelche kleinen Zwergenwesen in diesen Geröllhaufen lebten - also in denen ohne menschliche Leichen drin, schätze ich mal.

Endlich überquerte ich die allerletzte Brücke neben der Autobahn und war aus der Großstadt raus. An dieser zugewachsenen Stelle zweigt die Straße zur Halbinsel Porkala ab, und dort steht ein rostroter, eckiger Bogen, nach Eisernem Vorhang aussieht. Zu recht, denn der verlief auch hier, also quasi.
Als die Sowjetunion Finnland 1944 in die Knie gezwungen hatte, diktierte sie als eine der Friedensbedingungen, dass die Sowjets für 50 Jahre eine Militärbasis an der schmalsten Stelle des Finnischen Meerbusens errichten durften. Alle Bewohner wurden evakuiert, die Grenze streng bewacht, und es entstand eine abgeriegelte sowjetische Stadt mit 30 000 Einwohnern. Der Zug nach Turku musste entweder den Umweg außenrum fahren oder streng versiegelt und von Sowjetsoldaten begleitet werden.
Aber die strategische Bedeutung der Basis nahm ab und die Beziehungen der Nachbarländer verbesserten sich, sodass die Sowjets mit sich verhandeln ließen und aus den 50 Jahren letztendlich nur 12 wurden.

Auf den ersten Metern folgte ich noch den Schallschutzwänden der Autobahn. Jemand hat dort die Bushaltestellen mit Kreuzen und dem Verweis auf den Bibelvers Johannes 14,16 zugesprüht. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit. Jup, einen Tröster konnte ich jetzt gebrauchen, denn ich hatte in Helsinki und bei der Stadtausfahrt so viel Zeit verloren, dass es schon nach 17 Uhr war. Und was soll ich sagen, der Tröster kam tatsächlich, ein entgegenkommender deutscher Radler, mit dem ich mich toll austauschen konnte. Aber da war dann natürlich noch mehr Zeit futsch.

Ich folgte zunächst brav der Straße ein Stück nördlich der Autobahn, die an ein paar Ortschaften vorbeifuhr, welche mir vorwiegend die kantigen Außenseiten ihrer Supermärkte zuwandten und deshalb ein Foto nicht wert waren. Später umrundete ich die Südspitze eines Sees, von dem nichts zu sehen war.
Um heute doch noch wie geplant in die Nähe von Ingå zu kommen, beschloss ich irgendwann, radikal an der Hauptstraße abzukürzen. Die war jetzt keine Autobahn mehr, sondern eine Art Bundesstraße durch eine Felslandschaft mit ausreichendem Seitenstreifen für ein bepacktes Rad. Verunsichert hat mich nur ein neu gemachter Abschnitt, an dem die Markierungen noch nicht aufgetragen waren und der Seitenstreifen ausschließlich am andersfarbigen Asphalt erkennbar war.

Erst nach vielen Kilometern bog ich ab auf die verschlungene Dorfstraße. Der angesagte Regen hatte begonnen und würde noch weiter zunehmen. Als ich also die große Freifläche mit Feldern hinter mir gelassen hatte und der nächste Wald begann, da sagte ich mir, jetzt bin ich nah genug dran am Zielort, das zählt. Der Himmel war tiefgrau und nass, auch die Bäume boten nicht hinreichend Schutz, also war ich tatsächlich das erste Mal seit Schönberg in Schleswig-Holstein gezwungen, außerhalb eines Campingplatzes mein Zelt aufzustellen. Trotzdem ging es mir recht schnell von der Hand, und zumindest war der Wind schwach, sodass ich mir wenig Sorgen machen musste, ob es hielt. Es fühlte sich komisch an, so exponiert wildzucampen, denn die Stelle war von der Straße aus eindeutig zu sehen. Aber in Finnland ist das hier eindeutig legal, dementsprechend wurde ich von den vorbeirauschenden Autos eindeutig ignoriert.
Als ich fast eingeschlafen war, hörte ich plötzlich jemanden zu Fuß durch den Regen laufen und telefonieren. Als er gerade am Zelt vorbei war, stieß er plötzlich ein völlig entnervtes "Ooaargh!" aus. Daraufhin entfernte sich die Stimme in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Kein schönes Wetter, um umzukehren, weil man irgendwas vergessen hat.

Inko/Ingå selbst ist übrigens ein putziges kleines Fischerdörfchen, in dem am Hafen gerade irgendein Floh- oder Fischmarkt aufgebaut wurde.

Vor der besonders breiten und weißen Feldsteinkirche dagegen wurden gerade Blumenstände errichtet. Rund um die Kirche wurde bei Ausgrabungen jede Menge Zeug entdeckt, darunter eine von nur zwei prähistorischen Gabeln in Finnland. Sie steht angeblich ungewöhnlich nah dran am Wasser, aber naja, über diese "Nähe" lacht ja sogar die Kirche von Vainupea.



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