VOGELURLAUB MACHT MAN ÖLAND
DER SÜDEN DER INSEL ÖLAND IST FLACH UND KOMPLETT ZUGEMAUERT. WER HÄTTE GEDACHT, DASS DAS FÜR EIN WELTKULTURERBE REICHT? ZWEITER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN
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Der nutzlose Hadrianswall von Öland: König Karl X Gustavs Mauer |
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Behaglich: Strand in Haga Park |
Unsere eigene Überwindung.
Und ein Bagger.
Seit Stunden brummt das Fahrzeug über den schmalen Sandstrand von Haga Park hin und her, um ihn zu verschönern. Sofern man der Meinung ist, eine dicke Reifenspur, ungefähr so breit wie der Sandstreifen selbst, verschönert den Strand. Denn das ist der einzige sichtbare Effekt, den der Bagger hervorruft.
Nun, wir brauchen das Bad, nicht nur des Vergnügens wegen, sondern auch für unsere Hygiene. Ich habe meinen teuren Begleiter überzeugt, das mit dem Duschen sei kein Problem mit der Ostsee am Wegesrand und etwas Naturseife im Gepäck sei das mit dem Duschen beim Wildcamping kein Problem. Jetzt muss ich liefern.
Und Haga Strand liefert. Eine Dusche. Sie steht direkt am Badestrand, darunter ein hölzernes Rechteck aus weichem Gras - viel besser geht es nicht. Natürlich wagen wir uns auch noch kurz in die Wellen, als der Bagger gerade am anderen Ende ist. Der Badestrand hat einen Schwimmsteg und erstreckt sich trichterförmig zwischen der Windsurfing Zone und der Kiteboarding Zone. Wassersportler lieben den Kalmarsund, und Schilder trennen sie klar von dem Schwimmern, damit auch niemand übersurft wird.
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Leicht beschrankt: |
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Maistens asphaltiert: Radweg |
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Da wird der Hund in der Kiste |
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H2Oh-no: Brunnenhaus auf |
Je weiter wir uns auf der Hauptstraße in Richtung Meer und bewegen, umso mehr kleiner und hölzerner wird die Innenstadt. Mein teurer Begleiter
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Garantiert ohne bayrische |
ist überrascht, dass in Schweden wirklich so viele Häuser rot angemalt sind, wie das Klischee besagt. Ich dagegen sehe gar nicht so viel rot, sondern viel blasses Gelb und Weiß.
In diesem Stil ist auch das kleine Brunnenhaus angemalt, das von der Größe her eher einem Brunnen als einem Haus entspricht. 1842 bohrten die Öländer darin ein Loch, aber so nah an der Ostsee war das Wasser absolut untrinkbar. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Die Mörbylånger mussten einen Kilometer nach Osten, bis 1892 endlich Stück weiter südlich ein trinkbares Grundwasser innerhalb der Stadtgrenzen aufgebohrt wurde. Wasserprobleme hat die Insel allerdings bis heute. Und die hängen indirekt mit dem Objekt auf der anderen Seite des Marktplatzes zusammen: Raucher sollen ihre Kippen in einen Glaskasten werfen und dabei abstimmen, ob es sich am besten per Auto oder Fahrrad reist. Wenig überraschend bevorzugt die Mehrheit der Menschen, die persönlich gern Abgase ausstoßen, diese Eigenschaft auch bei ihrem Fahrzeug.
Wir holen uns Tee und Möhrenkuchen im Café Söderbonur, wo alles familiär eingerichtet ist, Bücher herumliegen und die Kunden an der Theke Schlange stehen.
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Grün sind noch die Wälder, |
Dann geht es etwas geradliniger weiter durch die Felder des Südens. Die Straßen werden kleiner, die Radwege hören auf, gelb und hellgrün dominieren die Landschaft.
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Im Rauschzustand: |
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Alt und verkalkt: |
Den sehen wir erst einmal nur in zurechtgehauener und verbauter Form, wie er die ganze Insel kreuz und quer mit einem Gitternetz aus Mauern überzieht. Die mittelalterlichen sind krumm mit runden Steinen, sie erinnern eher an norddeutsche Feldsteinmauern. Die aus dem 19. Jahrhundert sind gerader, und der Kalk hat die Form gut stapelbarer Quader angenommen.
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Schwedische Gardinen mal |
So oder so sind die Mauern aber ganz schön niedrig, nicht selten werden sie überragt von Grashalmen oder Elektrozäunen. Wie genau sie die Tiere ohne den Strom in ihrem Rechteck gehalten haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht waren die Schafe früher kleiner. Oder gehorsamer.
An einer Mauer hingen ein Gedicht und Lederschuhe. Letzteres blieb ein Rätsel, ersteres handelt davon, wie das lyrische Ich ihrem Pferd versichert, es werde nicht nach Polen verkauft, weil da Krieg ist.
"Lilla hästen min, i kriget skall du aldrig ut, till Polen blir du aldrig såld."
- Anna Rydstedt, Genom nålsögat, 1989 -
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Home Alaun: |
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Rest in Wies: Gräberfeld |
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Mahlmal: Kaputte |
Und was gibt es sonst noch? Ach ja, Gräberfelder. Nicht wenige der Rechtecke enthalten einen Kreis runder Kalksteine, in dem die ersten Öländer ihre Verstorbenen begruben. Die Tiere durften natürlich weiterhin rundherum grasen, so spart man sich gleich die Kosten für die Grabpflege.
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Mauer ohne Power: |
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Meine Tür steht immer offen, |
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Hasse mal ne Möhre? |
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| Steinalt: Kungens Stenar |
Schon von Weitem sind die Kungens Stenar zu sehen: Zwei eckige Klötze, oben breiter als unten, als hätte jemand einen spitzen Steinkeil in die Erde gerammt. (Vielleicht hat man das auch, ich habe nicht nachgegraben.) Anders als die Königsmauer stammen die Dinger vielleicht gar nicht von einem König, das ist einfach nur ein besonders großes Grab aus der Eisenzeit.
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Kapellenstelle: Reste von |
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Da haben wir's |
An seinem Fuß wartet mein geduldiger Begleiter.
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Auf dem Lången Jan: |
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Im Lången Jan: |
Um uns herum erstreckt sich die grüne Landspitze, und alles ist dermaßen flach, dass es aussieht wie ein Satellitenbild aus noch größerer Höhe - fast glaube ich, die Erdkrümmung zu sehen. Hinter dem rostigen Geländer lässt sich ein brauner Vogel nieder und blieb entspannt sitzen, er weiß ja, dass ihn dort niemand erreicht.
Mutter, Futter! |
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Wir sind Elektrozaungäste: |
An der endgültigen Südsitze sind die letzten paar Meter Gras mit Stromzäunen abgesperrt. Weitaus mehr Vögel sitzen aber ein Stück weiter westlich, und dort ist nichts abgesperrt. Mein Freund wundert sich, dass die Touristen dort mitten reinlaufen könnten in diesen Ort, der an eine Pinguinkolonie erinnert. Aber niemand läuft dort rein.
Ansonsten gibt es in der Südspitze noch einen Ausstellungsraum mit Fotoalbumseiten, die eine Kindheit am Leuchtturm Ende der 1940er dokumentieren. Schwarzweiße Menschen schleppen Kartoffeln und Fisch, und die Kinder bewundern das Auto von Onkel Mattson, dem einzigen Autobesitzer der Familie. Und in dem Bild unten rechts in der Ecke ist dann plötzlich der König zu Besuch. Ich hatte Hunger, und da es keine geeignete Kochstelle gab, holte ich mir noch etwas in der Touri-Kantine. Mein Begleiter kam zu dem Schluss, dass dieses Essen aussah und so klang, als käme es aus der Dose, dann aber doch etwas besser schmeckte, sodass er gerade so nicht aus der Dose kam.
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Zeilenmeilen: Fahrt |
Gestärkt und mit Rückenwind ging es weiter, trotzdem war klar: Unser Tempo ist einfach zu unterschiedlich. Ich bin zwar erfahrener, aber auch langsamer. Wenn wir jedes Mal die halbe Tagesetappe auseinanderfallen, kann ja gleich ebenso gut jeder die Reise allein machen. Wir tauschten notgedrungen die Räder, und mit gelegentlichem Aktivieren des Elektroantriebs konnte ich locker Schritt halten.
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Alwahnsinn: An der großen |
Der Rest der Strecke ist schnell beschrieben. An der Ostküste folgten wir immer derselben Straße in Richtung Norden, das Meer war außer Sichtweite und die ewigen Felder wurden eintöniger. Dafür wurden aber die Dörfer älter und schöner, rotweiß reihen sich die Bauernhöfe an der Straße auf, natürlich immer mit Kalkmauer. Mittelalterliche Zeilendörfer wie diese bestehen aus genau zwei Zeilen, an jeder Straßenseite eine, dahinter kommen auch schon die Äcker. Nur Handwerker, Fischer, Landarbeiter und Windmühlen mussten außerhalb davon wohnen, denn sie hatten keinen eigenen Hof, sie waren höchstens Teil von einem.
Bank statt Bahn: Ruine |
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Eine Insel mit null |
Das Dorf Slagerstad durchquerten wir so schnell wie möglich, erst in Skärlöv bogen wir ab. Mir wurde dieses Jahr die App Vildnis empfohlen, auf der international alle möglichen Schutzhütten und Zeltstellen verzeichnet sind - sogar in Schweden. Trotz Jedermannsrecht hat man auch hier gelegentlich Shelter zum Übernachten wie in Dänemark gebaut, und eins davon folgt jetzt.
Dazu fahren wir auf einem Kiesweg und überqueren auf einer kleinen Brücke eine Ansammlung von Kalksteinplatten, bei der ich mir nicht ganz sicher bin, ob das nun ein ausgetrockneter Fluss ist oder ein sehr schlecht instandgehaltener Weg. Die Kalklandschaft tut komische Dinge. Der Weg ist geradlinig wie eine Bahntrasse, was dran liegt, dass er mal eine war - bis 1961 hatte die Insel auch ein kleines Bahnnetz. Davon profitieren wir auch jetzt noch. Wo eine Bahn fährt, muss auch ein Bahnwärter her, jedenfalls im Jahre 1910. Der Wärter in Skärlöv lebte mit seiner Familie direkt an der Bahn in einem kleinen Häuschen. Ein Teil davon ist von dornigen Pflanzen bewachsen, von einem anderen sind nur noch graue Grundmauern übrig, sorgsam freigelegt und geputzt wie eine Ruine aus dem römischen Reich.
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Einfacher Luxus: Shelter |
Und auf seinem Grundstück werden wir übernachten. Aber nicht im Haus, sondern in einem Shelter aus dunklen, runden Holzbalken. Manche der schwedischen Shelter dieser Bauart sind laut Onlinebewertungen "pretty leaky", dieses aber nicht. Der Komfort wird komplettiert durch eine Feuerstelle mit Grillgitter und ein Plumpsklo, auf dem sogar in einer ZIP-Tüte eine Damenbinde for anyone in need liegt.
Mein Begleiter ist begeistert. Mission Wildcamping-Überzeugung läuft super.
"Kennst du schon diese Funktion bei Mapy?", fragte er abends.
Nein, die kannte ich nicht. Unter anderem, weil sie auf meinem alten Handy noch nicht funktionierte.
Man kann dort das Land scannen und sich die Namen der Berggipfel auf dem Bildschirm anzeigen lassen (allerdings nur viermal kostenlos). Tapfer durchsuchte die App Öland und wurde sogar fündig, auch wenn sie dafür die Definition eines Berges ein wenig herabsenken musste.
Was ist das nur für eine Landschaft? Flachland bin ich aus meiner Heimat gewohnt, aber irgendwas ist seltsam an dieser Steppe aus Stein und wogendem gelblichen Gras. Warum wachsen hier so wenig Bäume und Sträucher?
Es ist ein Alvar-Boden. Öland
hat mehrere davon, aber Stora Alvaret im Süden ist mit Abstand der größte,
er macht ein Fünftel der Insel und den Großteil des Weltkulturerbes Agrarlandschaft Südölands aus.
Was an diesem Flachland so besonders ist, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick: Die Erdkruste ist
besonders dünn. In der dünnen Schicht Erde können Bäume keine Wurzeln schlagen, manchmal liegen die Kalksteinplatten
sogar nackt da und die Tiere können nur das abfuttern, was zwischen den
Ritzen wächst.
Orchideen, Insekten und Schmetterlingen gefällt es
trotzdem. Und kaum hatte sich das Eiszeiteis aus dem Staub gemacht,
kamen auch die Steinzeitmenschen und trieben ihre Kühe und Schafe, um
den Alvar-Boden abzufuttern. Es war so warm, dass die Viecher das ganze
Jahr über draußen stehen konnten, und falls die Alvar abgegrast waren,
gab es immer noch die saftigeren Seeweiden an der Ostsee. Seit
fünftausend Jahren grast das Vieh auf denselben Plätzen, was der
Hauptgrund ist, warum die Unesco das mit dem Weltkulturerbe anerkannt
hat.
Mit dem Ackerbau war es nicht so leicht, die meiste Zeit holten die
Bauern nur das notwendigste Getreide und Tierfutter aus den wenigen geeigneten Flächen. Erst
im 20. Jahrhundert probierten sie auch mal mit anderen Pflanzen herum.
Heute wächst im Osten das Tierfutter gleich neben den Tieren, während
zum Beispiel Braune Bohnen voll auf den Kalkboden im Westen abfahren.
Natürlich hatte jeder Bauernhof seine eigenen Fluren, aber der Großteil
vom Stora Alvaret war gemeinsames Weideland. Und anders als im Rest von
Schweden blieb das auch bei den Privatisierungs-Bodenreformen im 19.
Jahrhundert so. Die dünne Erdkruste war für Waldwirtschaft nutzlos,
sodass sich die Mühe nicht lohnte, sie aufzuteilen.
Das beantwortet doch schon mal ein paar Fragen. Und eine weitere kann ich auch schon beantworten.
Ist ja alles ganz schön, aber ist das wirklich die spannendste Landschaft, die Öland zu bieten hat?
Nein, eindeutig nicht. Da kommt noch mehr.




























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