Donnerstag, 13. August 2026

Öland: Von Vickleby nach Skärlöv

VOGELURLAUB MACHT MAN ÖLAND

DER SÜDEN DER INSEL ÖLAND IST FLACH UND KOMPLETT ZUGEMAUERT. WER HÄTTE GEDACHT, DASS DAS FÜR EIN WELTKULTURERBE REICHT? ZWEITER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Der nutzlose Hadrianswall von Öland: König Karl X Gustavs Mauer

Behaglich: Strand in Haga Park
mit Dusche (hinten rechts) 

Wir stehen am Ostseestrand und reiben uns den Schlaf aus den Augen. Über uns zartblauer Himmel mit kleinen Wolken, hinter uns eine idyllische Heckenlandschaft mit Fitnessgeräten, Spaziergängern und Umkleidewänden. Und vor uns die Ostsee, in der wir jetzt das erste Bad der Reise nehmen werden. Es gibt nur noch zwei Hindernisse, die uns davon abhalten:
Unsere eigene Überwindung.
Und ein Bagger.
Seit Stunden brummt das Fahrzeug über den schmalen Sandstrand von Haga Park hin und her, um ihn zu verschönern. Sofern man der Meinung ist, eine dicke Reifenspur, ungefähr so breit wie der Sandstreifen selbst, verschönert den Strand. Denn das ist der einzige sichtbare Effekt, den der Bagger hervorruft.
Nun, wir brauchen das Bad, nicht nur des Vergnügens wegen, sondern auch für unsere Hygiene. Ich habe meinen teuren Begleiter überzeugt, das mit dem Duschen sei kein Problem mit der Ostsee am Wegesrand und etwas Naturseife im Gepäck sei das mit dem Duschen beim Wildcamping kein Problem. Jetzt muss ich liefern.
Und Haga Strand liefert. Eine Dusche. Sie steht direkt am Badestrand, darunter ein hölzernes Rechteck aus weichem Gras - viel besser geht es nicht. Natürlich wagen wir uns auch noch kurz in die Wellen, als der Bagger gerade am anderen Ende ist. Der Badestrand hat einen Schwimmsteg und erstreckt sich trichterförmig zwischen der Windsurfing Zone und der Kiteboarding Zone. Wassersportler lieben den Kalmarsund, und Schilder trennen sie klar von dem Schwimmern, damit auch niemand übersurft wird.

Leicht beschrankt:
Einfahrt nach Mörbylånga 

Maistens asphaltiert: Radweg
Ölandsleden mit Wegweiser

Also dann, wir sind sauber, dann nichts wie auf zur schwitzigen Inselrundfahrt! Wir kurven durch Wälder, Campingplätze und Maisfelder, und sobald wir wieder auf der offiziellen Route sind, weisen uns quadratische gelbe Schilder den Weg. Ein Radweg bringt uns schnurgerade rein in die Außenbezirke von Mörbylånga, also schauen wir uns erst einmal eine schwedische Öland-Stadt bei Tag an. Zunächst sehen wir nur weiße Supermärkte und eine mit fantasievollen Bildern besprühte Autowaschanlage.

Da wird der Hund in der Kiste
verrückt: Hundeparkplatz am
Supermarkt Mörbylånga 

Mein Begleiter kauft sich sein Proteinbrot, und ich entdecke geräuchertes Rentier aus der Tube. Beides zusammen schmeckt weitaus besser als erwartet. Vor dem Supermarkt stehen nicht nur Fahrradständer, sonder auch zwei Boxen, in die kein Fahrrad reinpasst. Es soll auch etwas anderes rein: Hundparkering steht außen drauf. Wahrscheinlich ein durchaus sinnvolles Konzept, das den Tieren mehr Überlebenschancen als im geschlossenen Auto einräumen soll, und doch ist der Anblick etwas befremdlich, und für notorisch vermenschlichende Hundefreunde wahrscheinlich sogar mehr als das.

H2Oh-no: Brunnenhaus auf
dem Marktplatz Mörbylånga 


Je weiter wir uns auf der Hauptstraße in Richtung Meer und bewegen, umso mehr kleiner und hölzerner wird die Innenstadt. Mein teurer Begleiter

Garantiert ohne bayrische
Foodinfluencer: Café
Söderbönur in Mörbylånga

ist überrascht, dass in Schweden wirklich so viele Häuser rot angemalt sind, wie das Klischee besagt. Ich dagegen sehe gar nicht so viel rot, sondern viel blasses Gelb und Weiß.
In diesem Stil ist auch das kleine Brunnenhaus angemalt, das von der Größe her eher einem Brunnen als einem Haus entspricht. 1842 bohrten die Öländer darin ein Loch, aber so nah an der Ostsee war das Wasser absolut untrinkbar. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Die Mörbylånger mussten einen Kilometer nach Osten, bis 1892 endlich Stück weiter südlich ein trinkbares Grundwasser innerhalb der Stadtgrenzen aufgebohrt wurde. Wasserprobleme hat die Insel allerdings bis heute. Und die hängen indirekt mit dem Objekt auf der anderen Seite des Marktplatzes zusammen: Raucher sollen ihre Kippen in einen Glaskasten werfen und dabei abstimmen, ob es sich am besten per Auto oder Fahrrad reist. Wenig überraschend bevorzugt die Mehrheit der Menschen, die persönlich gern Abgase ausstoßen, diese Eigenschaft auch bei ihrem Fahrzeug.
Wir holen uns Tee und Möhrenkuchen im Café Söderbonur, wo alles familiär eingerichtet ist, Bücher herumliegen und die Kunden an der Theke Schlange stehen.

Grün sind noch die Wälder,
gelb die Stoppelfelder:
Straße durch Südöland 

Dann geht es etwas geradliniger weiter durch die Felder des Südens. Die Straßen werden kleiner, die Radwege hören auf, gelb und hellgrün dominieren die Landschaft.

Im Rauschzustand:
Küstennaher Radweg 

Zweimal gibt es allerdings auch malerische Abschnitte direkt an der Küste, zwischen malerisch schiefen Bäumen und Gräsern, nur wenige Meter über dem Klatschen der Wellen.Die ersten Grundstücke sind noch von Holzbalken und Holzstatuen begrenzt, aber Öland hatte schon immer Wald. Und so taucht jetzt das Baumaterial auf, über das die Insel massenhaft verfügt, weil sie hauptsächlich daraus besteht: Kalk.

Alt und verkalkt:
Kalksteinmauer

Den sehen wir erst einmal nur in zurechtgehauener und verbauter Form, wie er die ganze Insel kreuz und quer mit einem Gitternetz aus Mauern überzieht. Die mittelalterlichen sind krumm mit runden Steinen, sie erinnern eher an norddeutsche Feldsteinmauern. Die aus dem 19. Jahrhundert sind gerader, und der Kalk hat die Form gut stapelbarer Quader angenommen.

Schwedische Gardinen mal
anders: Viehsperrgitter, Mauer
Elektrozaun und Ostsee

So oder so sind die Mauern aber ganz schön niedrig, nicht selten werden sie überragt von Grashalmen oder Elektrozäunen. Wie genau sie die Tiere ohne den Strom in ihrem Rechteck gehalten haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht waren die Schafe früher kleiner. Oder gehorsamer.
An einer Mauer hingen ein Gedicht und Lederschuhe. Letzteres blieb ein Rätsel, ersteres handelt davon, wie das lyrische Ich ihrem Pferd versichert, es werde nicht nach Polen verkauft, weil da Krieg ist.

"Lilla hästen min, i kriget skall du aldrig ut, till Polen blir du aldrig såld."
- Anna Rydstedt, Genom nålsögat, 1989 -
 

Home Alaun:
 Ruine des Alaunwerks

In einer versteckten Ecke bilden die Kalksteine plötzlich mehr als eine Mauer. Viel mehr. Die verfallenen Tore erinnerten an eine Burg, aber was ist das bitte für ein hoher Turm aus immer kleineren Rechtecken? Auf jeden Fall etwas anderes, als ich gedacht habe: Ein Alaunwerk. Zwischen dem Kalk versteckt sich nämlich Alaunschiefer, und in dem zufällig ein Zeug, für das die Gerber, Textil- und Papierfabriken gut bezahlten, oder naja, zumindest bezahlten. Dazu mussten nur Männer den Schiefer im Steinbruch abbauen, Frauen und Kinder zerschlugen ihn mit Hacken und schoben die Karren ins Werk, wo das Zeug noch mehrmals geröstet, gekocht und gereinigt werden musste. Es arbeiteten genauso viele Männer wie Frauen im Werk, ein Drittel davon waren allerdings Kinder unter 12. 1806 startete das Werk, ein Jahr später war es schon führend in Skandinavien und exportierte bis nach Russland. Wie viel von den Einnahmen wohl bei den Kindern unter 12 ankam?

Rest in Wies: Gräberfeld 

 

Mahlmal: Kaputte
Windmühle 

Viel einfacher lässt sich die Anwesenheit der Windmühlen erklären. Die Erklärung pustete mir geradezu frontal ins Gesicht und bremste mein Tempo, damit ich mir die Mühlen auch ja genau ansah. Jeder Hof hatte ein bis zwei Mühlen, und gefühlt stehen die alle noch. Manche sind klapprige Holzruinen ohne Flügel, andere aus Kalkstein gemauert, so fest, dass auch heute noch ein Restaurant darin Platz findet.
Und was gibt es sonst noch? Ach ja, Gräberfelder. Nicht wenige der Rechtecke enthalten einen Kreis runder Kalksteine, in dem die ersten Öländer ihre Verstorbenen begruben. Die Tiere durften natürlich weiterhin rundherum grasen, so spart man sich gleich die Kosten für die Grabpflege.

Mauer ohne Power:
Kung Karl X Gustavs mur

Während ich all das bewundere, ist mir mein teurer Begleiter längst davongezogen. Und bei dem Gegenwind kannich ihn auch unmöglich einholen. Erst nach Stunden kündigt sich allmählich das Südende der Insel an. Und zwar (Wie sonst?) mit einer Mauer, aber diesmal einer größeren.

Meine Tür steht immer offen,
bleibt bitte trotzdem draußen:
Königliche Einfahrt Ottenby

Die Kung Karl X Gustavs mur spannt sich über die Wiese, so weit das Auge reicht, und schneidet die Südspitze Ölands ab. Ein paar Rinder grasen in ihrem nichtvorhandenen Schatten. Das Land dahinter war und ist bis heute königliches Jagdland. Damit er überhaupt was zu jagen hatte, importierte Karl der König Dammhirsche aus England und ließ sie frei. Die Bauern waren not amused, denn das Jagdwild fraßen ihnen das ganze Saatgut weg. Der König hatte Verständnis für diese Sorgen und fasste deshalb die Absicht, eine Mauer zu errichten. Nur war der antihirschistische Schutzwall komplett sinnlos, weil ein Dammhirsch problemlos darüber hinwegspringen konnte. Tja, hätte Karl Gustav mal dazu auch gleich eine Nachtwache eingerichtet.
Kurz dahinter steht am Ende einer Allee das königliche Gut Ottenby, aus dem die königliche Familie ihre eigenen Milchprodukte, Holz und Wolle bezog. Die Tore stehen offen, das Ganze wirkt erstaunlich einladend, nur ein sehr kleines Schildchen weist darauf hin, dass alles privat sei - obwohl es laut Texttafel allen Schweden zusammen gehören soll. Hm.

Hasse mal ne Möhre?
Schafsblockade bei Ottenby 

Jetzt führt bloß noch eine einzige Straße durch das Naturreservat Ottenby bis zur Südspitze. Wohnmobile ignorierten das Wohnmobilverbotsschild und polterten über die Viehsperre im Boden.
Steinalt: Kungens Stenar
Gewöhnliche Autofahrer dürfen noch weiter, haben es aber nicht leicht: Immer wieder blockieren stoische Schafe den Weg und blöken den Eindringling an. Sobald er bremst, treten sie ans Fenster, als wollten sie betteln. Als Radfahrer dagegen kann ich die Wollblockaden problemlos umkurven.
Schon von Weitem sind die Kungens Stenar zu sehen: Zwei eckige Klötze, oben breiter als unten, als hätte jemand einen spitzen Steinkeil in die Erde gerammt. (Vielleicht hat man das auch, ich habe nicht nachgegraben.) Anders als die Königsmauer stammen die Dinger vielleicht gar nicht von einem König, das ist einfach nur ein besonders großes Grab aus der Eisenzeit.

Kapellenstelle: Reste von
St. Johannis

Schwerer zu erkennen sind die Reste der St.-Johannis-Kapelle, ein paar verstreute Steine auf einer leicht erhöhten Fläche, dazu ein kleines Modell der Kirche. Sie gehörte Händlern, was erklärt, warum zwischen den Gottesdiensten Waren darin gelagert wurden.

Da haben wir's
Schwarz auf Weiß:
Leuchtturm Långe Jan 

Aber nicht, warum das Lager- und Gotteshaus nicht mehr steht. Die Ostsee hat es jedenfalls nicht weggespült, die ist noch 100 Meter entfernt. Weggespült hat sie vielmehr die Reformation weggespült, weil extra Kirchgemeinden für Handelsgilden danach weggekürzt wurden.
Und in der Ferne sehe ich bereits, was stattdessen aus den Steinen entstand: Eine weiße Säule mit einem einzigen schwarzen Streifen. Eigentlich sieht er nur durchschnittlich hoch aus, trotzdem ist der Långe Jan Schwedens höchster Leuchtturm. Die Insulaner waren über seinen Bau nicht sehr glücklich, denn das Plündern von Wracks stellte für sie eine wichtige Einnahmequelle dar.
An seinem Fuß wartet mein geduldiger Begleiter.

Auf dem Lången Jan:
Plattform und Plattland 

Im Lången Jan:
Treppenhaus mit
Durchblick 

Wer nicht über das nationale Bezahlsystem Swish verfügt, muss seine Karte im kleinen Gratis-Naturreservatsmuseum kaufen. Das tun wir brav und steigen ein komisches Treppenhaus hinauf. Durch die Balken können wir bis zur höchsten Etage schauen, erst allmählich schraubt sich die Treppe ins Innere des Turms, und die Decke kommt uns immer weiter entgegen. Wir treten auf einen Balkon, hinter uns funkelt das Sonnenlicht auf der Fresnel-Linse, die wie immer in einzelne Segmente aufgespalten ist, das spart Material. Nur die Abbildungsqualität wird schlechter, aber das ist bei Leuchttürmen ja nicht so wichtig. Im 19. Jahrhundert wurde jede Menge Leuchtturmzeug erfunden und eingebaut, Spiegel wurden zu Linsen und dann zu Fresnel-Linsen, Lampenöl zu Paraffin und dann zu Strom, ein Uhrwerk drehte das Licht und wurde später nochmal beschleunigt.
Um uns herum erstreckt sich die grüne Landspitze, und alles ist dermaßen flach, dass es aussieht wie ein Satellitenbild aus noch größerer Höhe - fast glaube ich, die Erdkrümmung zu sehen. Hinter dem rostigen Geländer lässt sich ein brauner Vogel nieder und blieb entspannt sitzen, er weiß ja, dass ihn dort niemand erreicht.

Mutter, Futter!
Schwalbenküken in Ottenby

Ach ja, die Vögel. Die sind hier überall.
Die meisten Vögel brüten auf den Seeweiden der Ostseite, weil Öland dort sanft abfällt. Enten, Möwen und Schwalben mögen ihre Wiesen nah am Meer, offen, groß, und kurz, wobei für die Kürze idealerweise andere Tiere verantwortlich sein sollten und keine Mähroboter. In einer Rasthütte hängen mehrere Schwalbennester, manche klassisch von oben, andere andersrum von unten gebaut. In dem einen ziepen die dicken Küken nach Essen und sperren ihre gelben Schnäbel auf, in dem anderen ist ein alleinerziehendes Elternteil offenbar froh, dass die Kinder aus dem Haus sind. Er wendet uns seine Rückseite zu und lässt etwas Weißes auf eine weiße Ecke der Bank fallen, auf die sich garantiert niemand mehr setzen wird. Hier werden wir das Mittagessen auf jeden Fall nicht kochen.

Wir sind Elektrozaungäste:
Ölands Südende 

An der endgültigen Südsitze sind die letzten paar Meter Gras mit Stromzäunen abgesperrt. Weitaus mehr Vögel sitzen aber ein Stück weiter westlich, und dort ist nichts abgesperrt. Mein Freund wundert sich, dass die Touristen dort mitten reinlaufen könnten in diesen Ort, der an eine Pinguinkolonie erinnert. Aber niemand läuft dort rein.
Ansonsten gibt es in der Südspitze noch einen Ausstellungsraum mit Fotoalbumseiten, die eine Kindheit am Leuchtturm Ende der 1940er dokumentieren. Schwarzweiße Menschen schleppen Kartoffeln und Fisch, und die Kinder bewundern das Auto von Onkel Mattson, dem einzigen Autobesitzer der Familie. Und in dem Bild unten rechts in der Ecke ist dann plötzlich der König zu Besuch. Ich hatte Hunger, und da es keine geeignete Kochstelle gab, holte ich mir noch etwas in der Touri-Kantine. Mein Begleiter kam zu dem Schluss, dass dieses Essen aussah und so klang, als käme es aus der Dose, dann aber doch etwas besser schmeckte, sodass er gerade so nicht aus der Dose kam.

Zeilenmeilen: Fahrt
durch Ölander
Zeilendorf 

Gestärkt und mit Rückenwind ging es weiter, trotzdem war klar: Unser Tempo ist einfach zu unterschiedlich. Ich bin zwar erfahrener, aber auch langsamer. Wenn wir jedes Mal die halbe Tagesetappe auseinanderfallen, kann ja gleich ebenso gut jeder die Reise allein machen. Wir tauschten notgedrungen die Räder, und mit gelegentlichem Aktivieren des Elektroantriebs konnte ich locker Schritt halten.

Alwahnsinn: An der großen
Alvar-Landschaft vorbei 


Der Rest der Strecke ist schnell beschrieben. An der Ostküste folgten wir immer derselben Straße in Richtung Norden, das Meer war außer Sichtweite und die ewigen Felder wurden eintöniger. Dafür wurden aber die Dörfer älter und schöner, rotweiß reihen sich die Bauernhöfe an der Straße auf, natürlich immer mit Kalkmauer. Mittelalterliche Zeilendörfer wie diese bestehen aus genau zwei Zeilen, an jeder Straßenseite eine, dahinter kommen auch schon die Äcker. Nur Handwerker, Fischer, Landarbeiter und Windmühlen mussten außerhalb davon wohnen, denn sie hatten keinen eigenen Hof, sie waren höchstens Teil von einem.

Bank statt Bahn: Ruine
des Bahnwärterhauses 

Eine Insel mit null
Gleisen: Ex-Bahntrasse 

Das Dorf Slagerstad durchquerten wir so schnell wie möglich, erst in Skärlöv bogen wir ab. Mir wurde dieses Jahr die App Vildnis empfohlen, auf der international alle möglichen Schutzhütten und Zeltstellen verzeichnet sind - sogar in Schweden. Trotz Jedermannsrecht hat man auch hier gelegentlich Shelter zum Übernachten wie in Dänemark gebaut, und eins davon folgt jetzt.
Dazu fahren wir auf einem Kiesweg und überqueren auf einer kleinen Brücke eine Ansammlung von Kalksteinplatten, bei der ich mir nicht ganz sicher bin, ob das nun ein ausgetrockneter Fluss ist oder ein sehr schlecht instandgehaltener Weg. Die Kalklandschaft tut komische Dinge. Der Weg ist geradlinig wie eine Bahntrasse, was dran liegt, dass er mal eine war - bis 1961 hatte die Insel auch ein kleines Bahnnetz. Davon profitieren wir auch jetzt noch. Wo eine Bahn fährt, muss auch ein Bahnwärter her, jedenfalls im Jahre 1910. Der Wärter in Skärlöv lebte mit seiner Familie direkt an der Bahn in einem kleinen Häuschen. Ein Teil davon ist von dornigen Pflanzen bewachsen, von einem anderen sind nur noch graue Grundmauern übrig, sorgsam freigelegt und geputzt wie eine Ruine aus dem römischen Reich.

Einfacher Luxus: Shelter
von Skärlöv

Und auf seinem Grundstück werden wir übernachten. Aber nicht im Haus, sondern in einem Shelter aus dunklen, runden Holzbalken. Manche der schwedischen Shelter dieser Bauart sind laut Onlinebewertungen "pretty leaky", dieses aber nicht. Der Komfort wird komplettiert durch eine Feuerstelle mit Grillgitter und ein Plumpsklo, auf dem sogar in einer ZIP-Tüte eine Damenbinde for anyone in need liegt.
Mein Begleiter ist begeistert. Mission Wildcamping-Überzeugung läuft super.

"Kennst du schon diese Funktion bei Mapy?", fragte er abends.
Nein, die kannte ich nicht. Unter anderem, weil sie auf meinem alten Handy noch nicht funktionierte.
Man kann dort das Land scannen und sich die Namen der Berggipfel auf dem Bildschirm anzeigen lassen (allerdings nur viermal kostenlos). Tapfer durchsuchte die App Öland und wurde sogar fündig, auch wenn sie dafür die Definition eines Berges ein wenig herabsenken musste.




Wenig erhebend: Einige Gipfel von Öland laut mapy.cz

Was ist das nur für eine Landschaft? Flachland bin ich aus meiner Heimat gewohnt, aber irgendwas ist seltsam an dieser Steppe aus Stein und wogendem gelblichen Gras. Warum wachsen hier so wenig Bäume und Sträucher?
Es ist ein Alvar-Boden. Öland hat mehrere davon, aber Stora Alvaret im Süden ist mit Abstand der größte, er macht ein Fünftel der Insel und den Großteil des Weltkulturerbes Agrarlandschaft Südölands aus. Was an diesem Flachland so besonders ist, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick: Die Erdkruste ist besonders dünn. In der dünnen Schicht Erde können Bäume keine Wurzeln schlagen, manchmal liegen die Kalksteinplatten sogar nackt da und die Tiere können nur das abfuttern, was zwischen den Ritzen wächst.
Orchideen, Insekten und Schmetterlingen gefällt es trotzdem. Und kaum hatte sich das Eiszeiteis aus dem Staub gemacht, kamen auch die Steinzeitmenschen und trieben ihre Kühe und Schafe, um den Alvar-Boden abzufuttern. Es war so warm, dass die Viecher das ganze Jahr über draußen stehen konnten, und falls die Alvar abgegrast waren, gab es immer noch die saftigeren Seeweiden an der Ostsee. Seit fünftausend Jahren grast das Vieh auf denselben Plätzen, was der Hauptgrund ist, warum die Unesco das mit dem Weltkulturerbe anerkannt hat.
Mit dem Ackerbau war es nicht so leicht, die meiste Zeit holten die Bauern nur das notwendigste Getreide und Tierfutter aus den wenigen geeigneten Flächen. Erst im 20. Jahrhundert probierten sie auch mal mit anderen Pflanzen herum. Heute wächst im Osten das Tierfutter gleich neben den Tieren, während zum Beispiel Braune Bohnen voll auf den Kalkboden im Westen abfahren. Natürlich hatte jeder Bauernhof seine eigenen Fluren, aber der Großteil vom Stora Alvaret war gemeinsames Weideland. Und anders als im Rest von Schweden blieb das auch bei den Privatisierungs-Bodenreformen im 19. Jahrhundert so. Die dünne Erdkruste war für Waldwirtschaft nutzlos, sodass sich die Mühe nicht lohnte, sie aufzuteilen.

Das beantwortet doch schon mal ein paar Fragen. Und eine weitere kann ich auch schon beantworten.
Ist ja alles ganz schön, aber ist das wirklich die spannendste Landschaft, die Öland zu bieten hat?
Nein, eindeutig nicht. Da kommt noch mehr.

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