In vorbildlicher Weise hat Finnland erst kürzlich neue EuroVelo-Schilder aufgestellt, die mit kurzen, knackigen Pfeilen die Richtung weisen, und heute werde ich denen auch folgen. Radwege gibt es meistens nur noch in der Nähe der Städte, was aber nur auf wenigen großen Straßen ein Problem ist.
Nicht alle finnischen Straßen sind asphaltiert. Aber anders als in Lettland ist die Alternative keine gottlosen Schotterpiste, sondern extrem feste, hellbraune Erde. Sogar nach einem Regenguss unterscheidet sich das Fahrgefühl nur minimal von Asphalt.
Die Briefkästen am Straßenrand haben diese metallenen Fähnchen wie in den USA, die man hochheben kann als Signal für den Postboten, dass er das Paket darin mitnehmen soll. Die Wohnhäuser dahinter sind sehr versteckt. Präsenter sind da die Silos mehrstufigen Gebäude in schwedischem Rot, an deren Ende stets ein Silo dranhängt.
Aus den Straßennamen wurde ich nicht ganz schlau.
Auf halber Strecke liegt Ekenäs, das auf Finnisch Tammisari heißt. Der schwedische Name wird (wie auch in Ingå) zuerst genannt, es muss hier also viele schwedischsprachige Finnen geben. Dafür spricht auch, dass Ekenäs eine der ältesten Städte in Finnland ist und aus schattigen Alleen mit historischen Holzhäusern besteht, ein- bis zweistöckig und in allen Farben, hauptsächlich aber gelb.
Den nur teilweise historischen Markt- und Parkplatz fand ich im Vergleich dazu gar nicht mal so schön.
Eines der gelben Holzhäuser am Straßenrand sah irgendwie verlassen und heruntergekommen aus, und deshalb überraschte es mich, als da plötzlich das Wort Museo dranstand. Ob ich schon in Ekenäs ein finnisches kleines Dorfmuseum besuche? Aber wo kommt man da rein?
Moment, gleich dahinter stand ein neues anthrazitfarbenes Gebilde, in dem sich eine Kunstgalerie namens chappe befand. Ziel war hier gerade, eine Galerie mit Ostseebezug nah an der Ostsee zu bauen. Der Iron Curtain Trail ist vorbei, nach all den deprimierenden grauen Grenzmuseen ist es Zeit für ein auch graues, aber weniger deprimierendes Kunstmuseum. Wenn es einen Ostseebezug hat, umso besser, schließlich fahre ich jetzt ausschließlich auf dem Ostseeradweg.
Der erste Raum heißt Immortal und ist fast leer. Ein Künstler namens Christopher B. Jackson hat ihn mit seinem Lieblingsmotiv gefüllt: Sich selbst. Seine DNA hängt in Form von Punktkolonnen und schillernden Regenbogenfarben (etwa auf dem Tisch unten rechts) herum. In einer Petrischale schwimmen Jacksons Zellen, wo sie angeblich ewig in ihrer Nährlösung weiterleben können. Zumindest zeigte der Bildschirm an der Wand, wie sie putzmunter herumwuselten. Ob man auf diese Weise aber wirklich unsterblich wird, ist zweifelhaft. Die Ausstellung besteht nämlich nur noch bis zum 6. September 2026.
Im Obergeschoss wird es bodenständigen und maritimer. Erika Adamsson hat die Wände mit Bildern zugehängt, dermaßen viele, das ihr nicht für jedes einzelne ein Titel eingefallen ist. Diese Bildergruppe heißt Eine Woche auf der Insel. Bei der Insel handelt es sich um Klovharun im Schärengarten von Porvoo östlich von Helsinki, den ich selbst nicht gesehen habe, trotzdem gaben sie mir einen Vorgeschmack auf die Landschaft, die mich die nächsten Tage erwartet. Der Künstler Tove Jansson hat sein Sommerhäuschen auf der Insel gespendet und zur Künstlerresidenz gemacht.
Erika Adamsson war eine von denen, die sich dort mehrfach eingemietet haben. Sie fing Gräser und violette Blüten ein, die sich an den Fels klammern und ihn mit Leben füllen. Aber anders als ihre Kollegen richtete sie den Blick nicht nur auf die Natur, sondern auch das Zusammenspiel mit dem menschlichen Leben in der Hütte: Gummistiefel, Schaukelstühle, Regenjacken, Omas mit Bommelmützen und eine Inneneinrichtung aus den 60ern, alles sieht robust aus, ist aber sehr zart gemalt. Und natürlich immer wieder Wasser. Deshalb bestehen die Bilder natürlich auch aus Wasserfarben. Und zwar ausschließlich aus Farben von Inseln: Umbra von Zypern, Eisenoxid von den Hebriden, der Rest von den Åland-Inseln, wo sie lebt und wo ich auch noch hinwill. Für ein Bild hat sie sich sogar von zwei Meeresbiologinnen unterschiedlich alte Sedimente vom Meeresgrund ausbuddeln lassen, ein Zentimeter entspricht etwa einem Jahr.
Im Keller sind barocke Goldkelche und verstörende, aber interessante Nahaufnahmen von Mikroorganismen zu sehen. Mein Gespür war nicht falsch, diesem Ausflug in die moderne Kunst konnte ich schon etwas abgewinnen, zumindest manchen Teilen. Auch wenn das Zentrum der Internationalen Lichtkunst in Unna in der Hinsicht unübertroffen bleibt.
Sogar die Klos sind Kunst. In die Spülkästen ist ein Bilderzyklus namens Memento eingraviert. Auf dem Herren-WC hat jemand einen Apfel gegessen und scheidet den Kern wieder aus (WC ÄPPEL), aus diesem wächst auf den übrigen Toiletten ein Baum, der wiederum neue Äpfel trägt. Wer den gesamten Zyklus sehen will, kann auf besondere Anfrage auch das Mitarbeiter-WC besichtigen.
Sogar das alte gelbe Häuschen vom Anfang, das mich überhaupt erst auf das Museum aufmerksam gemacht hat, hat doch noch einen Eingang. Darin sind alte Räume nachgestellt, zum Beispiel die Köket/Keittiö/Küche, die angeblich von 1790 bis 1900 so aussah. Ein ganz schön langer Zeitraum, in dem die Ekenäser nicht nur auf Strom, Herd und eine Alexa verzichten und stattdessen auf einen extrabreiten Ofen zurückgreifen mussten, sondern auch ihren Inneneinrichtungsstil offenbar nicht groß veränderten.
Auf der zweiten Hälfte des Tages tauchte die Ostsee wieder auf. Mehr oder weniger. Auf jeden Fall nicht so, wie sie aus Deutschland kennt.
Finnland ist hügelig und seenreich, das sollte bekannt sein. Dass in
Finnland ein richtiges Gebirge entstand, ist schon eine Milliarde Jahre her.
Die Gletscher vor zehntausend Jahren haben alles abgeschmirgelt, und so
blieben von den Bergen nur die flachen Felsplatten, die heute so
skandinavisch sind wie sonst was. Das ist dann wahrscheinlich auch der Grund, warum wir in Norddeutschland keine solchen Platten haben, obwohl da dieselben Gletscher aktiv waren - bei uns zu Hause stand nicht mal vor einer Milliarde Jahren ein Gebirge, das die Gletscher hätten abschleifen können. (Die
deutsche Küste sah damals auch komplett anders aus und lag viel
weiter im Norden.) Nur die Moränen, also die zusammengeschobenen Sandhügel, sind natürlich generell überall, wo
Gletscher im Spiel waren.
Diese geologische Geschichte hat mehr mit heute zu tun, als man denkt. Zum einen habe ich mehrmals in diesen Gletschern gebadet,
also quasi. Als die Gletscher langsam abschmolzen, entstand daraus der Ancylussee, ein Vorläufer der Ostsee. Ein paar Wasserpfützen blieben aber auch ohne Verbindung zum Meer liegen und bildeten die finnischen Seen. Gleichzeitig drückte aber auch weniger
Gletschergewicht das finnische Land runter. Darum begann sich 7500 v.
Chr. die ganze abgeschmirgelte Felsplatten-und-Moränen-Masse, auch
bekannt als Baltischer Schild, langsam zu heben. So langsam, dass sie
damit bis heute nicht fertig ist. Die finnische Küste wächst um bis zu
acht Millimeter pro Jahr in die Höhe. Das ist kein Funfact, sondern ein
echtes Problem. In den vergangenen Jahrhunderten mussten die Häfen
ständig nach Westen verlegt werden, weil sie verlandeten. Die Flüsse
haben inzwischen im Küstengebiet kaum noch Gefälle, die Folge sind
starke Hochwasser. Aber dafür können Geologen anhand der Bewegung
berechnen, wie elastisch die Erdkruste eigentlich ist. Leider kann man für dieses Problem niemandem die Schuld geben, nicht mal der
Menschheit. Ich vermute mal, die Finnen wünschen sich die Gletscher ja
nun auch nicht zurück.
Die Küste des Baltischen Schilds ist eine Schärenküste, und das heißt, sie ist hoffnungslos zersplittert in ein heilloses, unübersichtliches Chaos aus winzigen und riesigen Inseln, Halbinseln, Sackgassen, Brücken, Buchten und Festland mit Seen drin. Ein Versuch, hier dem Festland immer haargenau am Wasser lang zu folgen, wäre ungefähr so erfolgversprechend, wie Milch mit einem Kehrblech aufzufegen. Der Ostseeradweg versucht das nicht, sondern leitet die Radler weit ins Hinterland.
Aber sogar da ist plötzlich die Ostsee im Weg: Lange Meeresarme strecken sich tief ins Land rein. Den ersten konnte ich gleich auf einer Brücke überqueren, die aus kleinen Holzbrettchen zusammengepuzzelt war. Auch der zweite hatte eine Brücke, ich sollte aber noch ein Weilchen weiter nach Norden folgen. Das klare Blau funkelte deutlich sichtbar hinter den Getreidefeldern, somit war das tatsächlich ein Radweg an der Ostseeküste im weitesten Sinne. Auch wenn dieses schmale Wasserband ebenso gut ein finnischer Fluss oder See hätte sein können.
Einmal hatte ich meine liebe Not, mich durch eine Straße zu schlängeln, in der gerade ein Flohmarkt aufgebaut wurde.
Mittagessen musste ich auch noch kochen, was nicht einfach war, denn die einzigen Rastbänke hinter Ekenäs gehörten zu einem Imbiss. Getrieben von Hunger musste ich mir im Wald schließlich den moosbedeckten Felsbrocken mit den wenigsten Ameisen drauf aussuchen.
Die minimalistischen Bushaltestellen taugten auch nichts, sie warfen ihren Schatten nach hinten in den Straßengraben, wo ihn keiner gebrauchen kann.
Ich verließ die Hauptstadtregion namens Uusimaa und fuhr... jetzt erst rein ins Eigentliche Finnland? Ah ja. Optisch änderte sich trotzdem nicht viel.
86 Prozent von Finnland sind Wald. Das ist sogar 1 Prozent mehr als in Schweden, und damit ist es das waldreichste Land Europas. Hier und da mussten die wenigen Menschen aber trotzdem mal den Wald roden, um sich irgendwas zu essen anzupflanzen. Ich radelte gerade über eine besonders große Landwirtschaftslichtung in der prallen Sonne, die schon so tief stand, dass ihre Strahlen sich am Sonnenschutz des Fahrradhelms vorbeimogelten. Und dann machte die Gangschaltung auch noch plötzlich komische Dinge (die bald darauf wieder aufhörten, aber das wusste ich ja nicht).
Auf einmal verspürte ich ein schmerzhaftes Ziepen im Kopf. Kacke. Ein Sonnenstich? Nein, so schlimm war es nicht, aber eindeutig ein Warnzeichen. Wo ist hier in der Nähe irgendwas, also irgendwas anderes als heiße Felder? Im nächsten Dorf stand die finnische Version eines Melkhus. Die rote Hütte warf immerhin einen deutlichen Schatten, wenn auch leider nicht auf die weiße Rastbank. Hinter der Tür waren in Kühlregalen die Produkte der Landwirtschaftslichtung ausgestellt, die per Kartenzahlung an einer Art Selbstbedienungskasse erworben werden konnte. Die Kasse sprach sogar Englisch, aber nur im allgemeinen Menü, bei den langen Produktnamen musste ich selber gucken, was auf der Verpackung stand, und es auswählen. Ich wartete ab, bis die Kunden vor mir fertig waren, und kaufte gezwungenermaßen zwei teure Apfellimonaden und ein Lakritzeis am Stiel, dann ging es wieder besser.
Es wird bewohnt von mehreren Alpakas namens Romeo Jr, Pom Pom, Mauritz, Wilmer und Sukka-Jukka.
Ich schob das Rad die Alpakawiesen runter und entdeckte eine putzige kleine Wassermühle, deren Rad sich noch drehte. Tatsächlich war ich auch auf der Suche nach Wasser, aber eigentlich eher in Hähnen als in Mühlrädern. Das war gar nicht so einfach, denn die eine Hälfte von Matilda war für ein Cider-Festival gesperrt, die andere für eine Hochzeit. In der Scheune wurde fröhlich getafelt, im Hotel daneben nächtigten die Gäste, aber das Klohäuschen dazwischen war in der Karte als öffentlich eingetragen, und mit etwas gutem Willen konnte man argumentieren, dass es vom Geltungsbereich des Geschlossene-Gesellschaft-Schildes nicht erfasst war. Jedoch hatte sich davor eine lange Schlange gebildet, und über die Schultern der Gäste erhaschte ich den Blick auf ein Kein-Trinkwasser-Schild, von dessen Geltungsbereich eindeutig das gesamte Toilettengebäude umfasst war.
Dann muss ich bis morgen durchhalten. Ich fuhr aus Matilda raus, bis ich den Nationalpark verlassen hatte, und ließ mich im nächsten Wald nieder. Der Himmel war wieder völlig klar, die Luft warm, heute Nacht brauchte ich eindeutig kein Zelt.
Leider hat es terminlich nicht gepasst, diese Tour auf die Mittsommernacht zu legen und die Mitternachtssonne zu sehen. Ich bei Helsinki mit mehreren Deutschen gesprochen, die gerade erst diese magische Nacht in Finnland verbracht hatten. Ihre Reaktionen waren recht unterschiedlich. Den einen gefiel es, andere konnten mit der dazugehörigen Zelebrierung, Saufen und stumpfes Gröhlen in der Sauna, nur wenig anfangen.
Die Nächte waren aber auch Ende Juni ganz erstaunlich, vor allem, wenn keine Regenwolken den Himmel zuhängten. Als ich in Helsinki wegen kaputter Scheinwerfer in der Fahrradwerkstatt erschien, wirkte der Typ überrascht und winkte ab, solange ich nicht gegen zwei Uhr nachts fahren wollte, sei das eigentlich kein Problem.
So sah der Himmel um diese Zeit aus, und dunkler wurde es nicht.





,











Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen