Am nächsten Damm liegen
Schäre Nr. 35: Gersholmsören
mit viel Wald und genau einem Haus sowie
Schäre Nr. 36: Gersholm
mit einem Parkplatz und zwei Häusern. Darauf folgt dann
Schäre Nr. 37: Töftö
Die Inselnamen konnte ich auf schiefen, bunten Bushaltestellenschildern ablesen.
Töftö verließ ich über die letzte der gelben Kabelfähren. Mich hat etwas gewundert, dass die Fähre laut Onlinefahrplan nach Mitternacht gar keine Betriebszeit mehr hat. Heißt das, die ganze große Fahrzeugkolonne, die letzte Nacht von der großen Fähre gerollt ist, war auf dem kleinen Inseln gefangen? Das muss ja frustrierend sein, wenn es eine so späte Verbindung gibt, sie aber trotzdem nicht die Hauptinsel erreichen wegen dieses kleinen Hindernisses auf dem Weg zur
Schäre Nr. 38: Prästö
Diese Insel des Todes steckt voller Geschichte. Als Russland nämlich Finnland besetzte, baute es auf Prästö ein paar niedrige und überraschend ästhetische Gebäude, die noch heute stehen. Wozu sie dienten, verraten bereits die Straßenschilder: Lasarettvägen, Apotekgränd und Telegrafgränd.
So ein Lazarett im 19. Jahrhundert hat leider die Eigenheit, dass nicht alle darin überleben. Dennoch überraschte es mich sehr, als ich auf den kleinen grünen Wegweiser zum Gravplats stieß. Denn darauf prangten ein Kreuz mit einem dritten, schiefen Querbalken, ein sechszackiger Stern und eine Mondsichel. Das sind definitiv mehr Religionen, als ich auf dieser kleinen Insel erwartet hätte.
Und mehr Friedhöfe. Prästö hat sechs davon: Den katholischen, lutherischen und neuen orthodoxen, sowie an einer anderen Stelle den alten orthodoxen, jüdoschen und islamischen.
Der alte orthodoxe liegt hinter einer Art Weidezaun, damit ihn die Tiere des Waldes nicht abfuttern. Deswegen ist er komplett mit Farnen und Gräsern zugewachsen und als Friedhof nicht erkennbar. Die orthodoxen Christen waren in der russischen Armee natürlich in der Mehrheit. Sie markierten ihre Gräber mit Holzkreuzen, von denen nichts übrig ist, nur Muster im Boden verraten die Gräber, aber unter der dichten Pflanzendecke nicht einmal das. Ein schmaler Pfad wurde freigemäht und mit roten Holzpfosten markiert. Und der brachte mich in eine Ecke, wo tatsächlich noch ein paar von Flechten bedeckte Grabsteine herumlagen. Einige gehörten höherrangigen Offizieren und ihren Frauen, die meisten aber ihren Kindern. Sie starben jung, überdauerten im Tod aber länger als die meisten Erwachsenen. Zwar konnte ich auf den Steinen keinerlei Text erkennen, doch eine Tafel aus Kunststoff bewahrt alle Namen, die noch entziffert werden konnten.
Ganz anders sehen der jüdische und muslimische Friedhof aus. Beide sind klar abgegrenzte Rechtecke aus Steinmauern und Moos, mit deutlich niedrigeren Pflanzen (wenn man die Bäume nicht mitzählt).
Mit der russischen Garnison kam eine jüdische Gemeine von 100 Menschen auf die Inseln. Es ist nicht klar, ob die sechs Grabsteine (im Vordergrund) die einzigen sind, die sie auf ihrem Friedhof bestattet haben. Fests steht, dass die zweisprachigen Steine in hebräischer und kyrillischer Schrift erzählen, wie freundlich die Verstorbenen waren und dass sie Moses Gebote befolgten. Obendrauf liegen wie üblich kleine Steine.
Über die Menschen auf dem muslimischen Friedhof (im Hintergrund) ist fast nichts bekannt. Russland lag damals oft im Krieg mit dem Osmanischen Reich und schlug Aufstände in den neuen kaukasischen Provinzen nieder. Vielleicht waren es Kriegsgefangene aus diesen Konflikten, die auf den fernen Åland-Inseln Bauarbeiten durchführen mussten. Es ist auch nicht klar, ob sie hölzerne Gräber hatten oder ob die kleinen Steine und Hügel ihre Grabstätten sind.
Jetzt ruhen sie alle fern der Heimat auf einer ebenso unwahrscheinlichen wie ungewöhnlichen Insel, Seite an Seite mit jenen Gläubigen, die mancherorts noch immer als ihre Erzfeinde gelten.
Was mussten sie denn eigentlich bauen, und wieso gab es hier überhaupt so eine große, multireligiöse Garnison? Die Antwort liegt nur eine weiße Stahlbrücke entfernt auf
Schäre Nr. 39: Fasta Åland ("Festland Åland")
Noch bevor ich die Bomarsundbrücke überquert hatte und die Hauptinsel Ålands betrat, sah ich die Antwort bereits.
Fasta Åland war der westlichste Vorposten im russischen Zarenreich, und deswegen bauten sie da eine dicke Festung hin - aus irgendeinem Grund aber an die Ostseite der Insel. Bomarsund ist im Prinzip ein oranger, aber sehr lückenhafter Kreis aus ordentlich aufgemauerten Steinen, manche davon sechseckig wie Bienenwaben. Die Hauptstraße geht mitten hindurch. Schweden war nicht begeistert, und der britische Außenminister protestierte vergeblich dagegen.
Die Anlage ist schon beeindruckend, aber auch auf eine seltsame Art und Weise sauber und steril, sodass es mir schwerfiel zu glauben, dass die Ruine echt ist. Aber warum ist es überhaupt eine Ruine, noch dazu eine so niedrige, dass das Klettern-verboten-Schild eindeutig erforderlich ist? Ein Rundgang um die Wiese an den immergleichen rötlichen Ruinen brachte wenig Antworten, das Besucherzentrum war noch geschlossen. Am Wasser entdeckte ich eine ebenfalls rote Stele, die an gefallene britische Soldaten erinnert, und an den Earl of Wessex, der ihr Grab 2015 besuchte. Wo kommen denn jetzt die Briten her, und was ist hier passiert?
Der Krimkrieg ist passiert.
Eine Antwort, die vielleicht noch mehr Fragen aufwirft. Fragen wie: Ist die Krim nicht ein bisschen woanders? Ist sie, und Jerusalem, wo der Krieg ausgelöst wurde, ist sogar noch weiter entfernt. Aber als die Briten, Franzosen und Osmanen im brutalen Fleischwolf des ersten industriellen Kriegs die Ausdehnung des Russischen Reiches stoppen wollten, da griffen sie auch Russlands Häfen und Werften in Finnland an. 1854 war Bomarsund dran. Briten und Franzosen segelten nach Åland. Weil die russische Truppe unterlegen und die Festung erst halb fertig war, kapitulierten sie neun Tage später. Die Westmächte sprengten Bomarsund, einige Ziegel wurden für die orthodoxe Kathedrale in Helsinki wiederverwendet.
Das wäre geklärt, aber was sollte mit den Inseln passieren? Selber besetzen wollten die Briten sie offenbar nicht, Finnland existierte noch nicht, also boten sie Åland den Schweden an, wenn die dafür ihrem Militärbündnis beitraten. Der schwedischen Presse gefiel das Angebot gar nicht, sie verglich die geschenkten Inseln mit dem trojanischen Pferd. Schweden lehnte ab und blieb neutral, und Russland durfte die Inseln behalten, musste aber versprechen, nichts Militärisches mehr darauf zu installieren. Es blieb also bei den ganzen Russenruinen, die seit der Sprengung nicht mehr in die Höhe wuchsen.
Ein paar Kilometer weiter wurde es noch viel anschaulicher. Ich fuhr anscheinend gerade auf der ultimativen Museumsmeile von Åland. In Kastelholm folgten drei ganz liebevoll gemachte Museum hintereinander, die zusammen die Inselkultur in allen Facetten zeigen und in denen man viele Stunden verbringen kann. Und die kosten alle zusammen nur 10 Euro. Ein absolutes Schnäppchen im Vergleich zu den Museen auf dem Festland.
Das erste ist das Freilichtmuseum Jan Karlsgården. Dort wurden seit den 30ern 20 Häuser aus allen Ecken Ålands aufgestellt. Das große Wohnhaus gehörte einem Typen namens Jan Karl, und ihm zu Ehren heißt das Museum übersetzt Jan Karls Hof. Ein Holzzaun schließt die Häuser und Ställe in einem Rechteck ein. So grenzte man sich von seinen Nachbarn ab, wie an vielen anderen Orten der Welt auch, nur dass in Åland die Querbalken am Zaun ein klein wenig diagonal waren.
Der Eintritt ist kostenlos, Jan Karlsgården verdient sein Geld über jede Menge Darsteller, die nicht nur in Verkleidungen ein Handwerk vorführen, sondern vor allem auch die Ergebnisse verkaufen.
Rechts im Bild ist das rote Hauptwohnhaus, links stehen Ställe. Das wichtigste Zugtier auf Åland war der Ochse, erst im 20. Jahrhundert löste ihn das Pferd ab.
Das Bauernhaus hat im Prinzip zwei große Räume. Der eine ist hellblau, in dem wurde mehr oder weniger alles gemacht, und es haben auch alle drin gepennt. Außer im Sommer, da wichen die Mägde, Knechte und älteren Kinder auf den Heuboden der Scheune aus, damit es drinnen in den Stockbetten im Multifunktionsraum nicht ganz so drängelig wurde.
Der andere große Raum ist das Gegenteil: leer, größtenteils nutzlos und mit ganz tollen von Küstenlandschaften bemalt, die leider meistens niemand sehen durfte. Denn das hier war die gute Stube, die nur an wenigen Festtagen oder für wichtige Besucher geöffnet und beheizt wurde. Das Prinzip ist eigentlich haarsträubend absurde Platzverschwendung, war aber sogar noch im Deutschland der 50er verbreitet, Gudrun Pausewang hat es in einer Kurzgeschichte sehr schön auf die Schippe genommen.
Die Schmiede und die Sauna (im Bild) lagen außerhalb des Rechtecks aus Scheune, Ställen und Wohnhäusern, denn beide brauchten Feuer, und das ist ja immer ein bisschen heikel.
Der ganze Hof war viel größer, als er auf den ersten Blick aussah, es ging noch ein gutes Stück den Hang runter bis zum Wasser. Verstreut standen da ein pressboden (eine Holzpresse, um jedes damals denkbare Material zusammenzupressen), Schuppen für Boote, Fischerei und Robbenjagd und natürlich eine rote Windmühle.
Die Russen hatten in diesem Bereich ein Magazin für Lebensmittel gebaut, von dem noch die Grundsteine liegen. Die Soldaten in Bomarsund holten sich hier jeden Tag ihre Ration Mehl und mussten daraus selber Brot backen. Falls ihr Taschengeld schon aufgebraucht war, konnten sie nichts dazukaufen und aßen einfach zwei Kilo Brot pro Tag.
Das zweite Museum ist das kleinste, ein unauffälliges weißes Haus mit rotem Zaun. Es heißt Vita Björn. Warum es so heißt, ist so ziemlich die einzige Frage, die es nicht beantwortet. Der Name bezeichnet nicht den Lebenslauf des ehemaligen Hausbesitzers, sondern bedeutet "Weißer Bär". Auf meine Frage erklärte die Museumswächterin, das sei halt einfach irgendwie ein typischer Name gewesen für Gebäude dieser Art.
Gebäude dieser Art heißt: Gefängnisse. Vita Björn ist das älteste erhaltene Gefängnisgebäude in Finnland. Im Hof stand ein Peitschenpfosten, auf dem ungehorsame Gefangene bestraft wurden - und zwar so, dass die anderen es von drinnen sehen konnten.
Der Strafvollzug auf den Inseln war eine recht überschaubare Sache. Die eine Hälfte des Hauses umfasst die Wohnung des Wächters, der mit Kind und Kegel im Gefängnis lebte. Sie ist noch so eingerichtet wie im 19. Jahrhundert. Die andere Hälfte besteht aus vier Zellen, die heute vier Epochen des Gefängnisses präsentieren. Fangen wir mal mit der dunkelsten an.
Die Zelle von 1800 bot eine Luxusausstattung bestehend aus einem Kübel für Fäkalien, einem Spucknapf, einen Rohrofen und einem Bett mit Strohmatratze für zwei. Von trauter Zweisamkeit war man hier trotzdem weit entfernt, bis zu sechs Leute wurden in die Zelle gestopft. Wer so doof war, seine Straftat zu spät zu begehen, musste halt auf den Fußboden. Einmal pro Jahr kam der Zimmerservice und räucherte die Zelle mit Wacholderzweigen aus, um die Bettwanzen und den Gestank zu vertreiben. Das war die einzige im weitesten Sinne hygienische Maßnahme. Im Überfluss vorhanden waren nur die Hand- und Fußfesseln, welche die schweren Jungs 24/7 tragen mussten. Und die schweren Mädels, denn es wurde nicht nach Geschlechtern getrennt. Auf diese Idee kam man erst 1850. Da lebten dann auch Mütter mit Kindern in solchen Zellen.
Auch 1900 waren Dauerfesseln und Auspeitschen noch in, dafür gab es Stockbetten und Bibeln. Die hygienischen Bedingungen waren immer noch erbärmlich, aber die Gefangenen durften mehrmals im Monat die Sauna benutzen. Tut mir leid, aber nach diesem Satz kann mich niemand mehr überzeugen, dass die Åland-Inseln nicht zu Finnland gehören.
Erträglich klingt nur die letzte Periode von 1950 bis 1975, aus der dieses kleine, feine Doppelzimmer stammt. Hier hatte der Aufseher Boris Berglund das Sagen, der auf der Insel ein hohes Ansehen genoss und die Gefangenen zur Heuernte und zum Fischen mitnahm. Vita Björn war damals nur noch eine sogenannte Haftanstalt. Die wirklich schweren Jungs kamen aufs Festland, beim Boris saß man nur für leichte Vergehen ein paar Wochen oder Monate. Sogar der Umbau zum Gefängnismuseum in den 80ern erledigten Strafgefangene in einer Arbeitskolonie, die es noch bis 1997 im Dorf gab.
Krönender Abschluss der Trilogie ist das einzige Schloss auf den Inseln. Schloss Kastelholm steht an einer Brücke über einen Meeresarm. Der weiße Putz ist größtenteils abgewaschen, die Mauern sichtlich alt, aber überraschend lückenlos. Erstaunlich, immerhin ist es mehrfach abgebrannt und fiel einem Bürgerkrieg zum Opfer. Auf der Wiese übten ein paar Kinder Bogenschießen, falls bald der nächste ausbrechen sollte.
Die Fahrradrouten auf Fasta Åland sind übrigens aus irgendeinem Grund laut Beschilderung (unten rechts) nur für Tandems erlaubt, ich bin also die ganze Zeit illegal auf meinem Einpersonenrad gefahren.
So ein Schloss hat natürlich auch einen Kerker, und das bedeutet, Kastelholm hat insgesamt eine wirklich, wirklich lange Gefängnistradition. Der Kerker gibt sich alle Mühe, die 1800er-Zelle von vorhin zu toppen, er hat nämlich nicht mal Heizung, Türen oder Fenster. Der Gefangene wurde von der Decke gelassen und saß dann im Dunkeln auf einem nassen Stein. Wenn die Klappe oben zu war, konnte praktischerweise auch niemand mehr seine Beschwerden über die Unterbringung hören.
Dieses Konzept wurde dann auch auf ein normales Gefängnis übertragen, den Vorläufer vom Vita Björn, der auf der anderen Seite des Meeresarms stand - eine sogenannte vankikirstu (Gefängniskiste).
Die Gefangenen im Schloss waren allerdings prominenter. Einer davon war Erik XIV. von Schweden.
Was hat dieser König angestellt? Er wurde so geisteskrank und paranoid, dass er
Adlige schon wegen eines ungünstigen Horoskops hinrichten ließ. Der
Unterschied zwischen Haftstrafe und Sicherungsverwahrung war damals noch
nicht bekannt, weshalb ihn sein Halbbruder Johann ganz undifferenziert
in den Kerker warf, wobei der Ort des Kerkers noch ein paarmal wechselte. In seinem Tagebuch beschreibt der kranke König Wahnvorstellungen und, wie sehr er seine Frau vermisst. Ach krass, der hat eine Bürgerliche geheiratet, immerhin das ist sympathi... ah, nee, vergiss es, als sie seine Geliebte wurde, war sie 15 und er
34.
Die zweitprominenteste Gefangene war Karin von Emkarby, die erste Hexe, die in Schweden verurteilt wurde. Wie alle Åländer "Hexen" verbrachte sie ihre letzte Nacht in diesem Loch. Der neue Richter Nils Psilander hatte im estnischen Tartu gelernt, wie man Teufelspakte aufspürt. Karin gestand, vom Teufel verführt worden zu sein, und beschuldigte gleich 13 andere Frauen - die allerdings stritten die Anklage heftig ab. Die Åländer hatten Zweifel an den Beschuldigungen, aber der neue Richter und der Priester mit ihren schlauen deutschen und lateinischen Büchern waren so einschüchternd, dass sie sich überzeugen ließen, der übliche Aberglaube auf der Insel müsse wohl Hexerei sein. Fünf der 13 Frauen verbrannten. Karin von Emkarby wurde als Belohnung für ihre Petzerei erst dann verbrannt, als sich ihr Kopf nicht mehr auf dem Körper befand.
Ein unübersichtlicher Rundweg leitete mich durch ein verschachteltes System aus Innenhöfen, Mauern, Kellern und Wehrgängen, komplett rauf und wieder ganz weit runter, bis ich alles gesehen hatte. In den tiefsten Innenhöfen verbirgt sich nur noch rechteckige Leere, in die man nicht runtersteigen kann. (Warum auch?) Einige Dächer und Stützen bestehen noch aus Holz und erinnern an altertümliche Baugerüste, oder eine Kulisse aus Das Leben des Brian.
Kastelholm gehörte anfangs den Åländer Ådligen, aber seinen Höhepunkt erreichte es unter Gustav Vasa. Der machte daraus ein königliches Jagdschloss und hielt ein Ritterduell ab, das irgendwie Teil seines Machtkampfes mit Christian II. aus Dänemark war. Der Bergfried ganz hinten wurde von den Russen als Getreidelager genutzt, als der Rest schon eine Ruine war.
In diesem Bergfried, vermutlich in den königlichen Gemächern aus der Zeit Gustav Vasas, werden die Räume geschlossener, geräumiger und verspielter. Hier können sich die Kinder in mittelalterliche Gewänder kleiden oder ihr eigenes Wappen entwerfen. Und ich muss sagen: Was die Kinder da an Wappen an die Wand geheftet hatten, war absolut großartig. Die sorgsam dargestellten Regeln der Heraldik ignorierten sie größtenteils und zeichneten einen gekrönten Krebs mit Dreizack, einen brennenden Fliegenpilz oder eine Kellerassel mit zwei gekreuzten Speeren, Kreuz und zwei Gänseblümchen. Dagegen kommt auch das Flussradlerwappen nicht an, und die immergleichen Löwen im Mittelalter schon gar nicht.
Es wird hügeliger, und der nächste Garten greift diesen Umstand mit lustigen Schildern auf. Aber hallo, greifen die das auf!
Trötta fötter? fragt eine Bank, also: Müde Füße? Sitz hier gerne eine Stunde. Und kurz vor dem Ende des Anstiegs feuern Anfeuerungsrufe in fünf Sprachen die Radler an, im Deutschen wählte man Zieh! Zieh!
Die Straße überquert immer wieder Meeresarme. Hinter dem Fjärsund durchbricht sie den Fels in einen kurzen Tunnel. Radfahrer sind dort verboten, ich musst einen Umweg über nehmen, der sich aber als leichter herausstellte als erwartet. Auf dem Berg steht noch ein hoher Aussichtsturm - ach ja, stimmt, Aussichtstürme haben die heutigen Inseln auch, aber davon habe ich die letzten Tage ja schon genug gesehen.
Nachdem die Weißen in der letzten Schlacht des finnischen Bürgerkriegs auf Åland gewonnen hatten, fand man einen Tag später fünf tote Rotgardisten unter dem Eis des Fjärdsunds und vier weitere an Land, anscheinend spontan hingerichtet. Åländische Arbeiter stellten einen Gedenkstein für sie am Radweg auf.
Danach steigerte sich die Besiedelung und Wegesituation rasant. Ich musste nicht mehr der größten Straße folgen, es gab parallele Dorfstraßen, und sogar die hatten Radwege. Obwohl Åland Schweden viel näher stehen soll als Finnland, haben mich diese Vororte farblich noch sehr an die schönen finnischen Städtchen erinnert.
Mitten durch Fasta Åland geht eine geologische Falte. Die näherte sich nun der Straße, getrennt nur noch durch eine abgeholzte Brache. Ich konnte sie schlecht übersehen, denn die Ingby-Wand war die mit Abstand größte Felswand, die ich bisher in Finnland zu Gesicht bekommen hatte. Ein bisschen erinnerte mich dieses schartige Gebilde an die Steinwand in der Rhön. Davor lag noch ein Geröllfeld, das mal ein Strand war und entstand, als Gletscher, Wellen und die Landhebung miteinander ausdiskutierten, wie Fasta Åland in Zukunft aussehen sollte.
In der Ingby-Wand verbirgt sich eine Höhle namens Trollkyrkan, oder wie das langweilige Hinweisschild es formuliert, eine "höhlenähnliche Spalte".
Die schiefe Spalte ist 11 Meter tief und endet dann an einem Haufen verkeilter Riesensteine, die das meiste Licht abschneiden, aber doch als latente Sorge auf dem Haupt des Höhlenbesuchers lasten, weil sie ja im Prinzip lose sind und nur durch ihr eigenes Gewicht so liegen. Was, wenn sie nach einem kleinen Stoß beschließen, dass sie doch nicht mehr auf genau diese Art und Weise verkeilt sein wollen?
Eine kleine Öffnung gibt es noch in eine helle Verlängerung der Höhle, in der ein goldener Lichtstrahl von der Decke fällt. Aber dort hindurchzukriechen war mir dann doch zu abenteuerlich.
Der Sage nach lebten in der Trollkyrkan keine Trolle, sondern Räuber und eine alte Frau, die sich im Großen Nordischen Krieg vor den marodierenden Russen mit ihrer Kuh hier drin versteckte. Das schwedische Schild stellt die wirklich wichtigen Fragen dazu: Feierte sie hier auch Weihnachten?
Es ist nicht mehr weit bis zur Hauptstadt von Åland. Wenn ich jetzt durchfahre bis zur Nachmittagsfähre, dann kann ich noch heute in Stockholm stehen!
Nun, daraus wurde nichts. Ich sollte Åland genau 24 Stunden später als geplant verlassen. 12 Stunden davon waren im Prinzip freiwillig, weil die Erkundung der Hauptstadt dann doch länger dauerte. Weitere 12 Stunden waren unfreiwillig, weil die Fahrradplätze auf der Morgenfähre ausgebucht waren. Wie bitte, auf einer großen Autofähre? Das hatte ich vorher noch nie erlebt.
Ich nächtigte also noch einmal nordöstlich der Hauptstadt in einem Wald bei Österkalmare. Dort bot sich die bemerkenswerte Möglichkeit, auf einer skandinavischen Felsplatte zu schlafen. Durch das ganze trockene Moos war sie weich genug.


























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