NEU: Die andere Strecke durch Dänemark - mit opportunistischer Mikro-Insel

Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Samstag, 4. Juli 2026

Ålternative: Von Österkalmare nach Stockholm

Die Hauptstadt und einzige Stadt der Åland-Inseln heißt Mariehamn. Das städtische Bad von Mariehamn heißt Mariebad. In der schlichten, schönen Schwimmhalle wärmte ich mich etwas auf und entdeckte zwei Kuriositäten. Zum einen gibt es in den Damen- und Herrenduschen jeweils eine Tür, die in ein und dasselbe Dampfbad führt (die Saunen sind dagegen getrennt). Zum anderen hat das Bad auch einen direkten Zugang in die Ostsee, das erste Mal seit der Ostseetherme Scharbeutz. Aber anders als in Scharbeutz gibt es hier kein Drehkreuz. Ein langer Steg windet sich um das Gebäude bis zu Rückseite, wo eine steile Holztreppe einfach ins kühle Wasser reingeht. Wer davon weiß, kann also einfach vom benachbarten Badestrand (rechts im Bild) zur versteckten Treppe schwimmen und 100 Prozent Rabatt in Anspruch nehmen. Theoretisch. Aber ich schätze mal, in einem solch überschaubaren Bad ist es den Bademeistern gut möglich, den Überblick zu behalten, wer reingehört und wer nicht.

Danach folgt der alte Stadthafen Sjökvarteret mit vielen roten Häusern und historischen Segelschiffen, auch hier verbirgt sich wieder ein maritimes Museum. In der Werft werden noch heute Schiffe nach historischen Plänen restauriert und gebaut. Die Mariehamner kauften gebraucht mehrere der P-Liner-Schiffe aus Travemünde, die Pommern liegt bis heute in ihrem Hafen.
Aufgefallen ist mir die rote Pyramide am Wasser (hinten rechts), auf deren Spitze eine Stange steckt, die ein... kleines Holzfass aufspießt? Was ist das?
Ein Leuchtfeuer von der Insel Kobba Klintar, das in den 60ern abgerissen werden sollte, so viel konnte ich auf Schwedisch lesen. Wie hat das bitte geleuchtet, und warum das Fass? Diese Fragen blieben offen, stattdessen erfuhr ich nur, wie der Ruderclub es hier neu aufgebaut hat.

Noch weiter südlich liegt die Halbinsel Lilla Holmen, ein Park, in dem ich mein Fahrrad schieben musste. Ich entdeckte ein Café, ein Vogelgehege mit leicht zerrupften Pfauen, eine Musikbühne, vor der eifrig Paare tanzten, ein weiteres Jungfrauentanz-Steinmuster und schließlich einen zweiten Badestrand. Der ist sogar mit Rettungsschwimmer, Outdoor-Dusche und einer Seebrücke ausgestattet. Kein Wunder, dass sich hier alle Gäste tummelten. Und wie sieht eine finnische Seebrücke aus? Kurz, hölzern, mit Umkleidenischen zum Aufhängen von Klamotten und mit einer langen parallelen Rollstuhlrampe im Wasser. Aber ob es überhaupt die typische finnische Seebrücke gibt, ist zweifelhaft. Ich habe ja bisher keine andere gesehen.

Die Innenstadt hat auch ein paar der gelben Holzhäuser, ist zum Teil aber auch eckig und schlicht geraten. Mehr als ein Drittel der Åländer leben hier, plus jede Menge Reisende, es gibt Buch- und Burgerläden, öffentliches WLAN, das ganze Programm. In der Fußgänger standen überall hölzerne Kombinationen aus Blumenkasten und Bank. Die normale Bank war nämlich schon besetzt, darauf sitzt das Kunstwerk Reverse Selfie. Die Statue trägt einen Spiegel im Gesicht, der nicht nur ihren eigenen Holzkopf in ihrer Hand zeigt, sondern je nach Blickwinkel auch den Holzkopf eines Touristen.

Diese gute Frau mit dem übergroßen Kleid heißt Maria Alexandrowna und ist die Marie im Namen von Mariehamn. Der Alexander in ihrem Namen wiederum ist Zar Alexander II. Nach dem Krimkrieg durfte er ja kein Militär auf Åland haben, also musste er irgendwas anderes Sinnvolles mit den Inseln anstellen, zum Beispiel eine Planstadt, Schiffe und möglichst einschüchternde Gebäude wie ein übergroßes Postamt bauen. Deshalb hat Mariehamn auch so rechtwinklige Straßen. 1861 gründete er Mariehamn, und nur vier Jahre später überquerte erstmals ein Schiff aus den Mariehamner Werften, die Preciosa, den Atlantik.
Das große graue Stadshus stammt aus dieser Zeit und steht etwas separat auf einem bunt bepflanzten Parkhügel.

 

Im Prinzip waren die Åland-Inseln genau so lange Teil von Schweden und Russland wie der Rest Finnlands. Okay, es gab da im Chaos des finnischen Bürgerkriegs einen kurzen Versuch der Schweden, die Inseln zu übernehmen. Sie segelten herbei, vertrieben russische, rote finnische und weiße finnische Truppen und erklärten, sie seien nur hier nur zum Schutz der Menschen gegen unkontrollierte übergriffige Soldaten, angeblich mit Einverständnis der finnischen Regierung. Auf Bitte der finnischen Weißen kamen die Deutschen und vertrieben die Schweden schnell wieder.
Warum dann die Autonomie? Einfach dadurch, dass die Hauptinsel näher an Schweden liegt, hier schon immer schwedisch gesprochen wurde und man mit den finnischen Ureinwohnern auf dem Festland nie viel zu tun hatte. Eine Petition für den Anschluss an Schweden unterschrieben im Unabhängigkeitschaos 7000 Menschen, was viel war, wenn man bedenkt, dass auch heute nur 30 500 Leute auf den Inseln leben. Sie beriefen sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Åländer, was clever war, denn genauso argumentierte Finnland in seinen territorialen Konflikten an der Ostgrenze mit den Sowjets. Finnland wollte die Inseln aber nicht einfach weggeben und legte die Frage dem Völkerbund vor. Der entschied: Die Inseln bleiben bei Finnland, müssen aber komplett demilitarisiert werden und weitreichende Rechte zum Schutz ihrer eigenen Kultur bekommen.
Und, welch Wunder, alle sagten: Okay, klingt fair. Und dabei ist es bis heute geblieben. Der Völkerbund dachte sich wahrscheinlich: Wenn doch nur alles andere auch so einfach wäre.
Das Åland-Selbstbestimmungsgesetz ist gleichrangig mit der finnischen Verfassung, und die Åländer haben zusätzlich eine Quasi-Staatsbürgerschaft namens Heimatrecht. Andere Finnen dürfen auf den Inseln nur wählen, Land kaufen oder ein Unternehmen gründen, wenn sie fünf Jahre ununterbrochen auf den Inseln leben, Schwedisch können und dadurch ihr eigenes Heimatrecht erwerben. Helsinki entscheidet weiterhin über Außenpolitik, Zölle, Steuern, Gerichte und einen Großteil des Zivil- und Strafrechts, den Rest macht Mariehamn, insbesondere auch den Sozialstaat. Anders als auf Grönland bin ich weiterhin auf EU- und seit Kurzem auf NATO-Gebiet, wobei letzteres durch die Demilitarisierung wahrscheinlich weniger relevant ist.

Die Parteien in dem nüchternen, aber gut bewachten Marmorwürfel (rechts) namens Lagting (Landtag) haben mit den normalen finnischen Parteien nichts zu tun. Die Partei für die Abspaltung Ålands als eigener Staat bekam bei der letzten Wahl aber nur noch 2,87 Prozent, die Rechtspopulisten gar nichts.
Der Lagting und die Landskapsregering in dem flachen Gebäude dahinter haben also durchaus weitreichende Kompetenzen. Auch wenn Landschaftsregierung für mich irgendwie mehr nach Nationalparkverwaltung klingt.

Der Marktplatz vor dem Parlament ist mit verschiedenen Brettspielen bemalt. Auf dem Riesenschachbrett stehen sogar schon die Figuren, auf den anderen Feldern müssen dann wohl Menschen als Figuren herhalten. Sehr praktisch - je nachdem, wie schnell die Spielzüge gehen, kann man so das in den Foodtrucks angefressene Fett gleich wieder abbauen. Nur das Rausschmeißen bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist hoffentlich nicht zu brutal. Die Kinder zogen es ohnehin vor, auf der leeren Freilichtbühne herumzutanzen.


Die komplette Stadt liegt auf einer Halbinsel, an deren Südspitze die Straße noch eine weitere Inselkette anbindet. Das heißt, auf beiden Seiten ist eine schnurgerade Kante mit Wasser. Und dahinter noch eine Halbinsel. Nirgendwo offenes Meer, obwohl ich in einer Küstenstadt auf einer Ostseeinsel stehe, für mich sehr ungewohnt. Aber eigentlich optimal, dadurch hat die Stadt gleich zwei geschützte Häfen. Der östliche ist der historische, im Westen legen heute noch die großen Fähren ab. Dort wollte ich die Schärentour mit der Überfahrt nach Stockholm abschließen.
Leichter gesagt als getan.
 
 
Der eindeutig günstigste Anbieter auf der Strecke ist Viking Lines mit 27 Euro. Dieser Anbieter hatte aber so seine Tücken. Zunächst die Tatsache, dass die Fahrradplätze auf diesem Mega-Fahrzeugdeck ernsthaft manchmal ausgebucht sind. Dabei ist es nicht so, als gäbe es da irgendwelche speziellen Fahrradhalter. Man lehnt sie irgendwie neben die Autos an die Wand und befestigt sie mit Gurten, wie überall sonst.
Als ich zum Check-In-Schalter fuhr, hieß es: Das Ticket wurde storniert, weil es nicht bezahlt wurde. Ein Beleg auf dem Handy, der zeigt, dass das Geld geflossen ist, reichte nicht aus, ich musste zweimal zahlen, bekam das Geld aber immerhin Wochen später erstattet, nachdem ich den Kundenservice mit allen denkbaren Überweisungsbelegen bombardiert hatte. Die Wartezeit nach dem Einchecken musste ich an einer unangenehmen Stelle an einer Betonwand in der prallen Sonne verbringen. Damit kein Fahrzeug in der falschen Fähre landet, erhält jeder einen Papieranhänger mit einem Buchstaben, der die Zielstadt anzeigt. An den Rückspiegel kann man sich den problemlos hängen, am Fahrradlenker fällt er bei jedem stärkeren Windstoß fast runter.
Endlich tuckerte das rote Schiff an den Anleger heran. Noch nie konnte ich so gut beobachten, wie nicht nur eine, sondern gleich zwei Rampen zum Fahrzeugdeck aufklappten.

Alles an diesem Schiff ist extrabreit und irgendwie anstrengend. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nicht doch aus Versehen auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet war. Ich glaube, Viking Lines bieten sogar Minikreuzfahrten an. Was eine Menge erklärt.
Es spricht natürlich absolut nichts dagegen, wenn die Kinder während der Fahrt eine Runde Schwarzlicht-Minigolf spielen können. Oder wenn die Teenager ihren eigenen Rückzugsraum haben, in dem Erwachsene laut Aufschrift verboten sind. Schon eher spricht etwas dagegen, wenn man nach einer Woche in der Natur überall mit schnulziger Musik beschallt wird, zum Teil auch live, und nirgendwo einen Ort der Ruhe findet.
Die Restaurants an Bord öffnen und schließen mehrmals pro Fahrt und haben auch noch doppelte Öffnungszeiten, einmal in der finnischen und einmal in der schwedischen Zeitzone.

Die Fähre wummerte aus ihrer Bucht heraus durch die letzten Åland-Inseln. Die letzten sind nur noch raue Flachfelsen, auf einem davon stand aber trotzdem ein Haus und schon wieder so ein Pyramiden-Leuchtfeuer, diesmal aus Metall. Ah, das ist also Kobba Klintar, ein beliebtes Ausflugsziel, von dem ich damals im polnischen Niechorze zum ersten Mal gehört habe, als mich dieses Megahorn von Kobba Klintar umgetutet hat. Wobei Kobba Klintar genaugenommen der Name der ehemaligen Lotsenstation (sprich: aller drei Gebäude) ist, die Insel selbst heißt Storlandet. (Buh, den Namen hatten wir schon!)
Die Blechpyramide zog vorüber, und dann, tatsächlich, ein fast vergessener Anblick: Offenes Meer. Nichts als blau.
Für eine Weile.

Nur zwei der sechs Stunden fährt die Fähre durch die offene Ostsee. Dann tauchen neue Inseln auf, zunächst wieder kleine Flachfelsen, aber gleich deutlich mehr und mit einem dichteren Fell aus Bäumen. Sie sehen so klein aus von hier oben. Nicht zu fassen, dass ich die letzten Tage solche Minidinger mitgezählt habe. Willkommen auf den Stockholmer Schären, der größten Herausforderung für Kapitäne in der ganzen Ostsee! Die Einfahrt in die Hauptstadt blockiert eine komplett unübersichtliche Insellandschaft, die immer enger und enger wird.

Auch hier pendeln kleine gelbe Kabelfähren hin und her, denn jetzt wohnen Leute auf den Inseln, sogar richtige Orte tauchen auf. In dieser Inselgruppe gibt es ganz klar mehr als nur eine Stadt!

Und auch außerhalb der Städte stehen nun immer häufiger weiße Vorstadtvillen am Wasser. Gleichzeitig haben die großen Inseln aber immer noch riesige Wälder und Naturräume, denn der Platz geht ihnen hier nicht so schnell aus.
Ich genoss den Blick durch breite Panoramascheiben, das Buch in meinem Schoß war größtenteils vergessen. Auf der einen Seite hatte es definitiv seinen Reiz, aus dieser Höhe durch die Schärenlandschaft zu gleiten. Andererseits hatte die Gegensätzlichkeit auch etwas geradezu Obszönes, als hinter mir die Band dröhnte und um mich herum Glücksspielautomaten um mein Geld wimmerten. Nein danke, ich brauche keinen Roulette-Tisch und kein Escaperoom-Spiel an Bord, auch keine vier Restaurants, die in Wahrheit alle ein Restaurant sind. Ich will einfach nur hier sitzen.

Immer größer wurden die Inseln, dazwischen lagen verstreut aber immer wieder kleine Inselchen und Segelschiffchen. Die Zwischenräume sahen immer noch so breit aus, dass ich mir instinktiv keine Sorgen machte, ob wir da durchpassen. Aber wenn man dann bedenkt, wie extrabreit das Schiff und wie flach die Ostsee im Durchschnitt ist, dann glaube ich gern, dass das Steuern hier eine knifflige Angelegenheit darstellt. Hoffentlich hat wenigstens der Steuermann seine Ruhe.

Schließlich hatten sich die Inselortschaften zu einer zusammenhängenden Hauptstadt verdichtet, und hinter der nächsten Biegung gerieten schon einige ihrer Sehenswürdigkeiten in Sicht. Die Fähre legte dann ganz in der Nähe der Innenstadt an.

Natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn ich schon durch zwei Inselgruppen gehoppt bin und jetzt noch eine dritte folgt, warum nicht dann auch über diese Inseln radeln? Tja, dafür gibt es leider keinen ausgewiesenen Radweg und keine Beschreibung touren-wegweiser.de, die Seite schlägt auch die direkte Fähre vor, vermutlich aus gutem Grund. Es existiert keine Fähre von Åland, die auf einer Stockholmer Schäre anlegt. Ich hätte alternativ nach Kapellskär in Schweden fahren können, aber da hätte ich lange übers Festland fahren müssen, bevor ich wieder auf eine Insel hätte wechseln können, und auch danach scheint sich keine wirklich durchgehende Inselroute anzubieten.
Aber zumindest eine der Stockholmer Schären wollte ich mir zum Abschluss der Schärentour noch genauer ansehen. Ihr Name war Rindö, und sie war vielleicht die ideale Repräsentantin des dritten Schärengartens.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen