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Samstag, 4. Juli 2026

Ålternative: Von Österkalmare nach Stockholm

Die Haupt- und einzige Stadt der Åland-Inseln heißt Mariehamn.

Das städtische Bad von Mariehamn heißt Mariebad. In der schlichten, schönen Schwimmhalle wärmte ich mich etwas auf und entdeckte zwei Kuriositäten. Zum einen gibt es in den Damen- und Herrenduschen jeweils eine Tür, die in ein und dasselbe Dampfbad führt (die Saunen sind dagegen getrennt). Zum anderen hat das Bad auch einen direkten Zugang in die Ostsee, das erste Mal seit der Ostseetherme Scharbeutz. Aber anders als in Scharbeutz gibt es hier kein Drehkreuz. Ein langer Steg windet sich um das Gebäude bis zur Rückseite, wo eine steile Holztreppe einfach ins kühle Wasser reingeht. Wer davon weiß, kann also einfach vom benachbarten Badestrand (rechts im Bild) zur versteckten Treppe schwimmen und 100 Prozent Rabatt in Anspruch nehmen. Theoretisch. Aber ich schätze mal, in einem solch überschaubaren Bad ist es den Bademeistern gut möglich, den Überblick zu behalten, wer reingehört und wer nicht.

Danach folgt der alte Stadthafen Sjökvarteret mit vielen roten Häusern und historischen Segelschiffen, auch hier verbirgt sich wieder ein maritimes Museum. In der Werft werden noch heute Schiffe nach historischen Plänen restauriert und gebaut. Die Mariehamner kauften gebraucht mehrere der P-Liner-Schiffe aus Travemünde, die Pommern liegt bis heute in ihrem Hafen.
Aufgefallen ist mir die rote Pyramide am Wasser (hinten rechts), auf deren Spitze eine Stange steckt, die ein... kleines Holzfass aufspießt? Was ist das?
Ein Leuchtfeuer von der Insel Kobba Klintar, das in den 60ern abgerissen werden sollte, so viel konnte ich auf Schwedisch lesen. Wie hat das bitte geleuchtet, und warum das Fass? Diese Fragen blieben offen, stattdessen erfuhr ich nur, wie der Ruderclub es hier neu aufgebaut hat.

Noch weiter südlich liegt die Halbinsel Lilla Holmen, ein Park, in dem ich mein Fahrrad schieben musste. Ich entdeckte ein Café, ein Vogelgehege mit leicht zerrupften Pfauen, eine Musikbühne, vor der eifrig Paare tanzten, ein weiteres Jungfrauentanz-Steinmuster und schließlich einen zweiten Badestrand. Der ist sogar mit Rettungsschwimmer, Outdoor-Dusche und einer Seebrücke ausgestattet. Kein Wunder, dass sich hier alle Gäste tummelten. Und wie sieht eine finnische Seebrücke aus? Kurz, hölzern, mit Umkleidenischen zum Aufhängen von Klamotten und mit einer langen parallelen Rollstuhlrampe im Wasser. Aber ob es überhaupt die typische finnische Seebrücke gibt, ist zweifelhaft. Ich habe ja bisher keine andere gesehen.

Die Innenstadt hat auch ein paar der gelben Holzhäuser, ist zum Teil aber auch eckig und schlicht geraten. Mehr als ein Drittel der Åländer leben hier, plus jede Menge Reisende, es gibt Buch- und Burgerläden, öffentliches WLAN, das ganze Programm. In der Fußgängerzone standen überall hölzerne Kombinationen aus Blumenkasten und Bank. Die normale Bank war nämlich schon besetzt, darauf sitzt das Kunstwerk Reverse Selfie. Die Statue trägt einen Spiegel im Gesicht, der nicht nur ihren eigenen Holzkopf in ihrer Hand spiegelt, sondern je nach Blickwinkel auch den Holzkopf eines Touristen.

Diese gute Frau mit dem übergroßen Kleid heißt Maria Alexandrowna und ist die Marie im Namen von Mariehamn. Der Alexander in ihrem Namen wiederum ist Zar Alexander II. Nach dem Krimkrieg durfte der ja kein Militär auf Åland haben, also musste er irgendwas anderes Sinnvolles mit den Inseln anstellen, zum Beispiel eine Planstadt, Schiffe und möglichst einschüchternde Gebäude wie ein übergroßes Postamt bauen. Deshalb hat Mariehamn auch so rechtwinklige Straßen. 1861 gründete er die Stadt, und nur vier Jahre später überquerte erstmals ein Schiff aus den Mariehamner Werften, die Preciosa, den Atlantik.
Das große graue Stadshus stammt aus dieser Zeit und steht etwas separat auf einem bunt bepflanzten Parkhügel.

 

Im Prinzip waren die Åland-Inseln genau so lange Teil von Schweden und Russland wie der Rest Finnlands. Okay, es gab da im Chaos des finnischen Bürgerkriegs einen kurzen Versuch der Schweden, die Inseln zu übernehmen. Sie segelten herbei, vertrieben russische, rote finnische und weiße finnische Truppen und erklärten, sie seien nur hier nur zum Schutz der Menschen gegen unkontrollierte übergriffige Soldaten, mit Einverständnis der finnischen Regierung - was die finnische Regierung doch sehr überraschte. Auf Bitte der finnischen Weißen kamen die Deutschen und vertrieben die Schweden schnell wieder.
Warum dann die Autonomie? Einfach deswegen, weil die Hauptinsel näher an Schweden liegt, hier schon immer schwedisch gesprochen wurde und man mit den finnischen Ureinwohnern auf dem Festland nie viel zu tun hatte. Eine Petition für den Anschluss an Schweden unterschrieben im Unabhängigkeitschaos 7000 Menschen, was viel war, wenn man bedenkt, dass auch heute nur 30 500 Leute auf den Inseln leben. Sie beriefen sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Åländer, was clever war, denn genauso argumentierte Finnland in seinen territorialen Konflikten an der Ostgrenze mit den Sowjets. Finnland wollte die Inseln aber nicht einfach weggeben und legte die Frage dem Völkerbund vor. Der entschied: Die Inseln bleiben bei Finnland, müssen aber komplett demilitarisiert werden und weitreichende Rechte zum Schutz ihrer eigenen Kultur bekommen.
Und, welch Wunder, alle sagten: Okay, klingt fair. Und dabei ist es bis heute geblieben. Der Völkerbund dachte sich wahrscheinlich: Wenn doch nur alles andere auch so einfach wäre.
Das Åland-Selbstbestimmungsgesetz ist gleichrangig mit der finnischen Verfassung, und die Åländer haben eine zusätzliche Quasi-Staatsbürgerschaft namens Heimatrecht. Andere Finnen dürfen auf den Inseln nur wählen, Land kaufen oder ein Unternehmen gründen, wenn sie fünf Jahre ununterbrochen auf den Inseln leben, Schwedisch können und dadurch ihr eigenes Heimatrecht erwerben. Helsinki entscheidet weiterhin über Außenpolitik, Zölle, Steuern, Gerichte und einen Großteil des Zivil- und Strafrechts, den Rest macht Mariehamn, insbesondere auch den Sozialstaat. Anders als auf Grönland bin ich weiterhin auf EU- und seit Kurzem auf NATO-Gebiet, wobei letzteres durch die Demilitarisierung wahrscheinlich weniger relevant ist.

Die Parteien in dem nüchternen, aber gut bewachten Marmorwürfel (rechts) namens Lagting (Landtag) haben mit den normalen finnischen Parteien nichts zu tun. Die Partei für die Abspaltung Ålands als eigener Staat bekam bei der letzten Wahl nur noch 2,87 Prozent, die Rechtspopulisten gar nichts.
Der Lagting und die Landskapsregering in dem flachen Gebäude dahinter haben also durchaus weitreichende Kompetenzen. Auch wenn Landschaftsregierung für mich irgendwie mehr nach Nationalparkverwaltung klingt.

Der Marktplatz vor dem Parlament ist mit verschiedenen Brettspielen bemalt. Auf dem Riesenschachbrett stehen sogar schon die Figuren, auf den anderen Feldern müssen dann wohl Menschen als Figuren herhalten. Sehr praktisch - je nachdem, wie schnell die Spielzüge gehen, kann man so das in den Foodtrucks angefressene Fett gleich wieder abbauen. Nur das Rausschmeißen bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist hoffentlich nicht zu brutal. Die Kinder zogen es ohnehin vor, auf der leeren Freilichtbühne herumzutanzen.


Die komplette Stadt liegt auf einer Halbinsel, an deren Südspitze die Straße noch eine weitere Inselkette anbindet. Das heißt, auf beiden Seiten ist eine schnurgerade Kante mit Wasser. Und dahinter noch eine Halbinsel. Nirgendwo offenes Meer, obwohl ich in einer Küstenstadt auf einer Ostseeinsel stehe, für mich sehr ungewohnt. Aber eigentlich optimal, dadurch hat die Stadt gleich zwei geschützte Häfen. Der östliche ist der historische, im Westen legen heute noch die großen Fähren ab. Dort wollte ich die Schärentour mit der Überfahrt nach Stockholm abschließen.
Leichter gesagt als getan.
 
 
Es wird derzeit nicht nur über einen Tunnel von Tallinn nach Helsinki als Verlängerung der Rail-Baltica-Linie diskutiert, sondern sogar über Tunnel und Brücken von Turku über Åland nach Stockholm. Und zwar gar nicht in erster Linie wegen der Verkehrsverbindung, sondern wegen der Kabel. Die könnte man dann nämlich auch gleich sicher in Beton verpacken, statt sie am Meeresgrund herumliegen zu lassen, wo sie manchmal von einer mysteriösen unbekannten osteuropäischen Atommacht durchgeschnippelt werden.
So ein Projekt würde das Leben auf den Inseln bestimmt gravierend verändern, aber es ist aktuell doch noch relativ fernliegend - schon der Helsinki-Tunnel wäre der längste Unterseetunnel der Welt. Immerhin kommt die Rail Baltica nach Tallinn jetzt wirklich, das ist doch was.
 
Der eindeutig günstigste Anbieter auf der Strecke ist Viking Lines mit 27 Euro. Dieser Anbieter hatte aber so seine Tücken. Zunächst die Tatsache, dass die Fahrradplätze auf diesem Mega-Fahrzeugdeck ernsthaft manchmal ausgebucht sind. Dabei ist es nicht so, als gäbe es da irgendwelche speziellen Fahrradhalter. Man lehnt sie irgendwie neben die Autos an die Wand und befestigt sie mit Gurten, wie so oft.
Als ich zum Check-In-Schalter fuhr, hieß es: Das Ticket wurde storniert, weil es nicht bezahlt wurde. Ein Beleg auf dem Handy, der zeigt, dass das Geld geflossen ist, reichte nicht aus, ich musste zweimal zahlen, bekam das Geld aber immerhin Wochen später erstattet, nachdem ich den Kundenservice mit allen denkbaren Überweisungsbelegen bombardiert hatte. Die Wartezeit nach dem Einchecken musste ich an einer unangenehmen Stelle an einer Betonwand in der prallen Sonne verbringen. Damit kein Fahrzeug in der falschen Fähre landet, erhält jeder einen Papieranhänger mit einem Buchstaben, der die Zielstadt anzeigt. An den Rückspiegel kann man sich den problemlos hängen, am Fahrradlenker fällt er bei jedem stärkeren Windstoß fast runter.
Endlich tuckerte das rote Schiff an den Anleger heran. Noch nie konnte ich so gut beobachten, wie nicht nur eine, sondern gleich zwei Rampen zum Fahrzeugdeck aufklappten.

Alles an diesem Schiff ist extrabreit und irgendwie anstrengend. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nicht doch aus Versehen auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet war. Ich glaube, Viking Lines bieten sogar Minikreuzfahrten an. Was eine Menge erklärt.
Es spricht natürlich absolut nichts dagegen, wenn die Kinder während der Fahrt eine Runde Schwarzlicht-Minigolf spielen können. Oder wenn die Teenager ihren eigenen Rückzugsraum haben, in dem Erwachsene laut Aufschrift verboten sind. Schon eher spricht etwas dagegen, wenn man nach einer Woche in der Natur überall mit schnulziger Musik beschallt wird, zum Teil auch live, und nirgendwo einen Ort der Ruhe findet.
Die Restaurants an Bord öffnen und schließen mehrmals pro Fahrt und haben auch noch doppelte Öffnungszeiten, einmal in der finnischen und einmal in der schwedischen Zeitzone.

Die Fähre wummerte aus ihrer Bucht heraus durch die letzten Åland-Inseln. Die letzten sind nur noch raue Flachfelsen, auf einem davon standen aber trotzdem ein Haus und schon wieder so ein Pyramiden-Leuchtfeuer, diesmal aus Metall. Ah, das ist also Kobba Klintar, ein beliebtes Ausflugsziel, von dem ich damals im polnischen Niechorze zum ersten Mal gehört habe, als mich dieses Megahorn von Kobba Klintar umgetutet hat. Wobei Kobba Klintar genaugenommen der Name der ehemaligen Lotsenstation (sprich: aller drei Gebäude) ist, die Insel selbst heißt Storlandet. (Buuh, den Namen hatten wir schon!)
Die Blechpyramide zog vorüber, und dann, tatsächlich, ein fast vergessener Anblick: Offenes Meer. Nichts als Blau.
Für eine Weile.

Nur zwei der sechs Stunden fährt die Fähre durch die offene Ostsee, beziehungsweise die breite Meerenge Södra kvarken (die ist nach Norden hin der Eingang zum Bottnischen Meerbusen). Dann tauchen neue Inseln auf, zunächst wieder kleine Flachfelsen, aber gleich deutlich mehr und mit einem dichteren Fell aus Bäumen. Sie sehen so klein aus von hier oben. Nicht zu fassen, dass ich die letzten Tage solche Minidinger mitgezählt habe. Willkommen in den Stockholmer Schären, der größten Herausforderung für Kapitäne in der ganzen Ostsee! Die Einfahrt in Schwedens Hauptstadt blockiert eine komplett unübersichtliche Insellandschaft, die immer enger und enger wird.
Irgendwo in diesem Bereich liegt laut Astrid Lindgren die fiktive Insel Saltkrokan.

Bald pendeln kleine gelbe Kabelfähren hin und her, denn jetzt wohnen Leute auf den Inseln, sogar richtige Orte tauchen auf. In dieser Inselgruppe gibt es ganz klar mehr als nur eine Stadt!

Und auch außerhalb der Städte stehen nun immer häufiger weiße Vorstadtvillen am Wasser. Gleichzeitig haben die großen Inseln aber immer noch riesige Wälder und Naturräume, denn der Platz geht ihnen hier nicht so schnell aus.
Ich genoss den Blick durch breite Panoramascheiben, das Buch in meinem Schoß war größtenteils vergessen. Auf der einen Seite hatte es definitiv seinen Reiz, aus dieser Höhe durch die Schärenlandschaft zu gleiten. Andererseits hatte die Gegensätzlichkeit auch etwas geradezu Obszönes, als hinter mir die Band dröhnte und um mich herum Glücksspielautomaten um mein Geld wimmerten. Nein, danke, ich brauche keinen Roulette-Tisch und kein Escaperoom-Spiel an Bord, auch keine vier Restaurants, die in Wahrheit alle ein Restaurant sind. Ich will einfach nur hier sitzen.

Immer größer wurden die Inseln, dazwischen lagen verstreut aber immer wieder kleine Inselchen und Segelschiffchen. Die Zwischenräume sahen immer noch so breit aus, dass ich mir instinktiv keine Sorgen machte, ob wir da durchpassen. Aber wenn man dann bedenkt, wie extrabreit das Schiff und wie flach die Ostsee im Durchschnitt ist, dann glaube ich gern, dass das Steuern hier eine knifflige Angelegenheit darstellt. Hoffentlich hat wenigstens der Steuermann oben seine Ruhe.

Schließlich hatten sich die Inselortschaften zu einer zusammenhängenden Hauptstadt verdichtet, und hinter der nächsten Biegung gerieten schon einige ihrer Sehenswürdigkeiten in Sicht. Die Fähre legte dann ganz in der Nähe der Innenstadt an.

Natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn ich schon durch zwei Inselgruppen gehoppt bin und jetzt noch eine dritte folgt, warum nicht dann auch über diese Inseln radeln? Tja, dafür gibt es leider keinen ausgewiesenen Radweg und keine Beschreibung touren-wegweiser.de, die Seite schlägt die direkte Fähre vor, vermutlich aus gutem Grund. Es existiert keine Fähre von Åland, die auf einer Stockholmer Schäre anlegt. Ich hätte nach Kapellskär in Schweden fahren können, aber da hätte ich lange übers Festland fahren müssen, bevor ich wieder auf eine Insel hätte wechseln können, und auch danach scheint sich keine wirklich durchgehende Inselroute anzubieten.
Aber zumindest eine der Stockholmer Schären wollte ich mir zum Abschluss der Schärentour noch genauer ansehen. Ihr Name war Rindö, und sie war vielleicht die ideale Repräsentantin des dritten Schärengartens.

Montag, 22. April 2024

Von Klaipėda nach Giruliai

Der Vorteil an einer Anreise per Fähre besteht darin, dass ich die Ostsee auch in der Mitte sehen kann. Pur und unverfälscht, also ohne die Küste, die mich sonst immer begleitet. Bei Schönwetter wellt sie sich endlos und erstaunlich flach in Richtung des Himmels, der ihre Farbe vorgibt. Ernstzunehmende Wellen entstehen nur ums Schiff herum. Das menschliche Auge scheitert trotzdem daran, seinen geodätischen Horizont voll auszureizen: Irgendwann verschwimmt alles in diesigem Nebel. Ob es bei solch endlosen Blicken überhaupt einen Unterschied zwischen Ostsee und Atlantik gibt?
Keine Ahnung, vielleicht finde ich es irgendwann raus. 

 
Wofür sind die baltischen Staaten bekannt? Gutes Internet.
Womit begann meine Reise in diese Staaten? Mit schlechtem Internet.
Die DFDS-Fähre von Kiel nach Klaipėda ist sogar im Liegesitz sehr bequem, aber das WLAN, das sie für 2 Euro pro Stunde verkaufen, eine Unverschämtheit. Ich konnte keine einzige Warmshowers-Unterkunft anschreiben. Zum Ausgleich füllte ich meinen Teller am Buffet, bis mich die Mitarbeiter böse anstarrten. Egal! Da vorne ist Land in Sicht! Zum ersten Mal seit Langem packte mich das aufregende Gefühl, endlich wieder einen neuen Staat zu betreten, und ich grinste wie ein Kleinkind. Nach 20 Stunden tuckerte die Fähre ins Kurische Haff.
Vor Jahrhunderten sind an derselben Stelle Dortmunder Kaufleute hineingetuckert, um die älteste Stadt Litauens zu gründen. Sie glaubten, der Fluss sei die Memel, und mit ihrer begrenzten kaufmännischen Kreativität nannten sie die Stadt Memelburg. Oder auch einfach nur Memel. Ganz Unrecht hatten sie ja nicht, schließlich ist das der Ausgang des Kurischen Haffs, in das die Memel mündet.

Rechts konnte ich gut die verwunschenen Wälder, Festungswälle und weißen Dünen der Kurischen Nehrung erkennen. Von dort kommt der Ostseeradweg auf einer kleinen Fähre nach Klaipėda über.
Der Effizienz halber (sonst müsste ich dieselbe Strecke dreimal fahren und/oder meine An- und Abreise stark verkomplizieren) werde ich all diese grenznahen Gebiete der Nachbarländer Russlands erst dann zusammen mit Russland befahren, wenn man wieder vernünftig in die Russische Föderation reisen kann. (Ich habe es nachgerechnet, selbst wenn das so lange dauert wie der letzte Kalte Krieg, werde ich das Ende wohl noch erleben. Freuen Sie sich jetzt schon auf Kaliningrad und St. Petersburg auf ostseeradler.blogspot.com im Jahre 2067!)

Am anderen Ufer ist Schluss mit verwunschenen Wäldern: Gleich hinter dem Strand beginnt ein Wald aus Kränen, Terminals und Speichern für Flüssiggas - Litauen hat rechtzeitig eingekauft und bekam schon vor 2022 drei Viertel seines Gases aus Norwegen.

Gestern Abend am Kieler Hafen sollte ich dem Shuttlebus für Fußgänger hinterherradeln, in Klaipėda war der Bus dagegen schon abgefahren und man wies mir bloß mit einer vagen Handbewegung den Weg durchs Hafenlabyrinth, immer den LKWs hinterher. Auf dem Weg zum Zentrum zeigt die Stadt die volle Bandbreite an Architektur, von grauen Bruchbuden hin zu überraschen schönen Industrieschlössern, und die volle Bandbreite an Radwegen, von niederländisch bis nix.

Der Wall hinten links gehört zu einer Festung, die die ursprüngliche Memelburg war und damals noch auf einer Insel lag - ebenso wie das ursprüngliche Herz der Stadt, das hier angeblich beginnt.
Zu einem großen Teil besteht besagtes Herz aus seltsamen Statuen: Ob nun bärtige Opas auf Motorrädern oder kleine Mäuse, die man für Glück reiben soll.

Das Maskottchen von Klaipėda ist das Ännchen (nein, ich meinte nicht Entchen, liebe Autokorrektur) von Tharau, ein schüchternes Mädchen, das der Dichter Simon Dach in seinem Gedicht auf einen hohen Sockel gelobt hat. Das Dichterdenkmal ist nur eines von vielen Zeugnissen der deutschen Geschichte. Es steht auf dem netten, aber kahlen Theaterplatz.

Und dahinter beginnen die, äh, Gassen der historischen Altstadt.
Zumindest sollten sie angeblich hier sein.
Im Kampf zwischen dem Deutschen Orden und Polen-Litauen wurde Klaipėda immer wieder plattgemacht, und nach dem Zweiten Weltkrieg lebten hier nur noch sechs Menschen.
Das sieht man.

Ich sah nur sehr vereinzelte Fachwerkhäuser, und dazu ein paar alte Speicher am Flüsschen Dangė. Dieser Fluss hatte vor Jahrhunderten ein Delta, und auf dessen verstreuten Inselchen wurde das alte Memelburg erbaut. In einem der Speicher befindet sich das Restaurant Agnostikas. Die Frage, ob es nach der gleichnamigen Weltanschauung benannt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten.

Nördlich der Dangė beginnt die Neustadt. Ihr Markenzeichen sind zwei Wolkenkratzer, geformt wie der Name der Stadt, oder zumindest wie zwei seiner Buchstaben: K und D. Von der Fähre habe ich beobachtet, wie sich die Hochhäuser immer weiter aufeinander zubewegten, bis das D genau ins K einrastete – ich war fast überrascht, kein Klicken zu hören.

An der Hauptstraße durch die Neustadt prangt auf dem grauen Bürgersteig ein fetter roter Streifen, offensichtlich ein Radweg. Nur wurde das verblasste Fahrradsymbol hastig mit zwei Fußgängern übermalt.
Und was soll das Schild bedeuten, bei dem ein weißer Würfel unter dem Fahrrad liegt? Ach so, es ist ein Ostseeradwegschild – nur dass die Nr. 10 im weißen Quadrat stark verblasst ist. Außerdem verbaut Klaipeda ganz schön viele Treppen mit schmalen Schieberampen auf seiner Hauptradroute.
Irgendwann war diese Straße mal fahrradfreundlich, und dann muss etwas passiert sein. Man könnte fast meinen, in Litauen sei wieder eine rückwärtsgewandte Regierung an die Macht gekommen... Oder doch nur in Klaipeda? Denn kaum hatte ich dir Stadt verlassen, da wurden die Radwege traumhaft und die Nummer 10 wieder lesbar.

Ich kam vorbei an einem Kletterwald, einem deutschen Soldatenfriedhof und... was ist das nun? Verwirrt radelte ich mitten durch ein Amphitheater aus Beton - dieser Koloss stammt doch sicher aus sowjetischen Zeiten, oder? Kurz googeln: Stimmt, aber vor der Betonbühne fanden auch einige der ersten Sąjūdis-Kundgebungen für die litauische Unabhängigkeit statt. Und damals wie heute spielen im Sommer beliebte Bands.

Und dann wurde es richtig schön. Ich bog ein in einen Wald mit getrenntem Fuß- und Radweg. Das Gehölz ist ziemlich hell, aber offenbar wächst es dicht genug, um diesen Radweg vor dem Übermaler aus der Stadt zu schützen.
Es gefiel mir hier viel besser als im ollen Klaipėda. Da ist es nur logisch, dass ich lieber hier übernachtet habe. Ich fuhr noch ein Stück, während der Park immer mehr in einen richtigen Wald überging. Kurz vor den Gleisen von Giruliai suche ich mir ein Nachtlager im weichen Moos. Fast wie meine erste Nacht in Polen! Nur dass heute Nacht bis zu -1 Grad kommen sollten. Aber mit genügend Kleidungsschichten geht auch das. (Und auch die Zeckenwarnschilder machten mir bei diesen Temperaturen wenig Sorgen.) Genau genommen habe ich während meiner kurzen Besuche auf dem windigen Außendeck der Fähre mehr gefroren als in dieser Nacht.

Sonntag, 31. Oktober 2021

Bornholm: Von Sose nach Rønne

Bornholm III: Die Südküste

4:30, Sose, Kilometer 93 Ich erwache. Warum erwache ich nur so früh, wenn ich unter freiem Himmel schlafe? In meinem Zimmer kann ich bis um 12 Uhr schlafen, aber an der frischen Luft ist spätestens um 6 Schluss. Es liegt nicht an der Helligkeit, denn unter den Bäumen ist es dunkler als in meinem Schlafzimmer. Muss also die Luft sein.
Möglichst leise mache ich mich auf die Socken.

5:00 Als ich längst wieder an der Straße fahre, klingelt mein Handywecker. Den habe ich vorsorglich gestellt. Es fährt nämlich nur eine Fähre am Tag, also sollte ich die auf jeden Fall schaffen.

Gestern, 19:56 Hier müsste irgendwo die Schutzhütte von Arnager sein. Ich fahre vorfreudig den Feldweg zum Wasser herunter, denn der Meerblick ist traumhaft. Doch aus der Hütte schauen mir bereits Reisende mit halb mitleidigem, halb zufriedenem Gesichtsausdruck entgegen und zucken mit den Achseln. Deshalb bin ich gestern die paar Kilometer bis Sose zurückgefahren.


5:05, Arnager, Kilometer 98 Neben der Straße erstreckt sich der Lufthavn von Bornholm. Um diese Zeit fliegen dort keine Flugzeuge, sondern ausschließlich Vögel. Ihre Landebahnen sind mit extragroßen Pfützen ausgestattet.

5:10 Immer noch Flughafen. So ein Lufthavn ist echt lang.


5:17 Ein Haufen Mülltonnen markiert die Stelle, an der ich die Straße verlassen soll. Hier gibts einen kürzeren und schöneren Weg ins Stadtzentrum, und zwar... wieder eine Bahntrasse? Ich bin nicht ganz sicher, aber könnte sein.
Zunächst bringt mich diese Trasse durch einen normalen Laubwald.


5:23 Und anschließend durch Kleingartenanlagen. Naja, das wars jetzt wohl endgültig mit den besonderen Landschaften.


5:30 Von wegen! Zum Schluss durchquere ich noch einen Dünenpark. Ein paar wenige Nadelbäume wurzeln hier im Sandboden einer extrabreiten Düne, die mehr oder weniger unerkannt in den normalen Erdboden übergeht. Oder steht der ganze Vorort auf dieser Düne?


5:37 Ich schiebe durch den Sand bis zu einer Bank, wo ich eine zweite Frühstückspause einlege. Hier fällt die breite Düne steil zum Wasser ab. Ich genieße den Blick auf strahlende Wolken im Morgenrot und die Mole am Hafen, welche aus aufgeschütteten Steinen besteht. (Da finde ich die Wolken doch schöner.) Dort baggert bereits ein Bagger herum. (Also, auf dem Pier, nicht in den Wolken. Fliegende Bagger gibt es auch im technisch fortschrittlichen Dänemark noch nicht.) Der Baggerfahrer und ich scheinen die einzigen Personen auf der Insel zu sein, die schon wach sind.


5:57 Ich zische an der Festung von Rønne vorbei. Bin ich wirklich schon da?

6:04, Rønne, Kilometer 107 Jap, bin ich. Viel zu früh erreiche ich den Hafen. Darum schaue ich noch eine Weile die schlafende Stadt an und flicke mein Fahrrad.

7:30 Auf meinem Ticket steht Sowohl in Sassnitz als auch in Rønne ist es selbst Check In. Trotz der fragwürdigen Formulierung erkenne ich den Sinn des Satzes und sehe mich nach einem Automaten oder etwas ähnlichem um. Fehlanzeige.

7:45 Etwas, das einem weiblichen Menschen zum Verwechseln ähnlich sieht, taucht auf und scannt die Tickets der Radfahrer. Erstaunlich, wie weit die Robotertechnologie in Dänemark schon ist!

8:00 Die Fähre legt pünktlich ab. 

11:20 11:40, Fährhafen Mukran, Sassnitz, Insel Rügen, Deutschland Die Fähre legt nicht so ganz pünktlich an - ein passendes Willkommen in Deutschland (vor allem, wenn man danach mit der Bahn weiterwill).