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Sonntag, 5. Juli 2026

Rindö

Ich wollte zumindest eine der Stockholmer Schären befahren (neben den Innenstadt-Inseln). Nach kurzem Stöbern auf Mapy entschied ich mich für Rindö, denn die Insel war überschaubar groß und schien dabei ein Querschnitt von allem zu sein - ein bisschen Stadt, ein bisschen Natur, ein bisschen Geschichte, ein bisschen Hafen und ein bisschen Militär. Wobei sich so was natürlich nicht wirklich anhand einer Onlinekarte erkennen lässt, wahrscheinlich würde es vor Ort ganz anders aussehen.
Tat es nicht. Meine Einschätzung mit dem Querschnitt traf genau ins Schwarze.
Schwieriger war es da schon, die Internetseiten davon zu überzeugen, mir doch bitte die nächsten Schiffsabfahrten zur Insel anzuzeigen. Die Stockholmer Nahverkehrsseite kennt die Schiffslinien, zeigt die Verbindungen aber nur an, wenn man ausdrücklich als einziges erwünschtes Verkehrsmittel Schiffe auswählt.

An die Haltestelle Strömkajen brummte ein bequemes Schiffchen heran und klappte schon vor dem Anlegen seine Schnauze auf. Eine Rampe fuhr hervor, und zack, zack, zack, blitzschnell strömten die Fährgäste runter und rauf, ich sollte mein Rad im Außenbereich hinstellen, dann verschlossen die Mitarbeiter die Tür und los ging die Fahrt. Der ganze Ein- und Ausstieg ging, obwohl technisch komplizierter, gefühlt fixer als in einer beliebigen deutschen Straßenbahn.
Der Vergleich ist nicht abwegig, denn offensichtlich fuhren hier hauptsächlich Stockholmer von der Arbeit nach Hause. Und das taten sie verdammt gut gekleidet. Mann, warum musste meine Schwester nach ihrer eigenen Stockholmreise erzählen, wie gut anzogen die Schweden sind? Hätte sie meine Aufmerksamkeit nicht auf all die Hemden und Anzüge gelenkt, dann hätte ich mich auf der Fähre weniger komisch gefühlt. Weil es bequeme Sitze und Strom gab, konnte ich mich immerhin digital von der modischen Diskrepanz ablenken. Oder mich durch Erstellung von Memes noch mehr damit beschäftigen.

Ich checkte per Kreditkarte ein und bezahlte am Ende 3,1 Euro. Genau wie in Helsinki sind die öffentlichen Nahverkehrsfähren das mit Abstand Günstigste der ganzen Stadt.
Nach etwas über einer Stunde (wie viel genau, hängt von der Fährlinie ab) legen diese Schiffe an der Uferpromenade von Vaxholm an. Die Erfindung des Dampfschiffs machte Vaxholm zu einem gut angebundenen Ausflugsort mit Spielplätzen und oranger Bäderarchitektur, und ich fühlte mich plötzlich an Waren an der Müritz erinnert. Außer dass mitten in der Hafenzeile plötzlich ein Stapel weißer Containerwohnungen die ganze Architektur verwirrte.
Vaxholm liegt auf der Insel Vaxön, die sich für eine Fahrradumrundung nicht eignet: Die eine Hälfte ist Stadt, die andere ein Wald, in dem nur Wanderpfade verlaufen. Weiter geht es also noch zwei Stationen mit einem zweiten Linienschiff, und damit wäre ich angekommen an Rindö Västra, der westlichen Station auf der Insel, zu der ich wollte. Auch wenn ich mich bei dem Anblick erst mal fragte, warum eigentlich. Rund um das gläserne Haltestellengebäude sah ich erst einmal nur staubiges Gewerbegebiet, Asphalt und Bootsstege.

Rindö wird in alle Himmelsrichtungen von Nachbarinseln bedrängt. Der größte Blickfang ist wohl die Festung Vaxholms Kastell auf der Mini-Insel Vaxholmen, nicht zu verwechseln mit der Stadt Vaxholm auf Vaxön. (Die haben das doch mit Absicht so verwirrend genannt, damit die Leute an der falschen Stelle aus dem Boot aussteigen.)
An insgesamt vier Stellen legen Fähren auf Rindö an, aber nur die Bootshäuser der Narchbarinsel Skarpö im Norden sind über eine kurze Brücke angebunden. Warum nur Skarpö, die Abstände sind doch überall so kurz? Weil die Einfahrt nach Stockholm für die großen Schiff frei bleiben muss.

Ich radelte erst mal ein Stück nach Norden zur Brücke, auch wenn das eine Sackgasse war. Das lohnte sich. Zum einen hatte ich dort den besten Blick auf Vaxholms Kastel, zum anderen zeigte auch Rindö selbst direkt seine höchsten Felswände und schönsten Landschaften. Ich entdeckte diese herrliche Küste aus sanften Felsen mit Gras und verstreuten Nadelbäumen. Ach, das wäre der perfekte Biwakplatz! Es tat mir in der Seele weh, ihn zurückzulassen, aber leider, leider sagte der Wetterbericht stundenlangen Regen voraus. Und zum Zelten war die Stelle dann doch zu felsig, uneben und exponiert. 

Schweren Herzens fuhr ich noch etwas weiter in die Inselmitte, wo ein Radweg neben der Hauptstraße verlief. Große Kleingärten, Gewächshäuser und gelbe Kasernen säumten die Strecke. Ich musste jetzt möglichst bald eine Zeltstelle finden, denn Dämmerung, Regen und ein Militärgebiet nahten, zudem hatte die letzte Werkstatt mein Licht nicht reparieren können.

Naja, dachte ich, als ich auf eine Nebenstraße in den Wald abbog. Wenn diese kleine Insel trotz der Nähe zur Stadt den perfekten Biwakplatz hat, dann wird sie wohl nicht auch noch den perfekten Wildzeltplatz haben. Wie unwahrscheinlich wäre das denn?
Dann fand ich diese Stelle. Absolut blickdicht, bequem erreichbar über einen Waldpfad, mit einer großen flachen Freifläche auf trockenem Laub und auch optisch durchaus ansprechend. Perfekt, um auch mal bis morgens um neun liegen zu bleiben und dem Rauschen zu lauschen.

Als es das Rauschen verrauschte, packte ich zusammen und drehte einen Bogen um die Nordseite der Insel, vorbei an Pferdeweiden, eine davon mit Hindernissen. Die braunen Pferde waren in überaus unmodische Fliegendecken ausgestattet, die schwarzweißen mussten ohne zurechtkommen, ein weißes hatte ein Zeichen in den Allerwertesten eingebrannt. Ein kleines Pony namens Bumle durfte keinesfalls gefütterte werden, denn es bekommt bereits vier Mahlzeiten am Tag und wird von Gras, Früchten und hartem Brot todkrank. Das verwöhnte Tier stierte mich trotzdem missmutig an, als ich dem Schild gehorchte.

Dann wurde es kurz steil und ich drang ins Militärgebiet ein. Darauf weist die graue Linie in der App hin, für alle, denen Straßennamen wie Militärvägen und Grenadjärsvägen zu subtil sind. Es mag sein, dass das Gebiet (genau wie das sjutfält auf der Insel gegenüber) noch immer der Armee gehört. Für mich sah das aber alles lange verlassen aus, auch Warnschilder gab es keine.
Im nassen Wald versteckte sich ein niedriger Bunker namens Byviksfort. Der wurde 1800 nach einem ganz neuen Prinzip erbaut: Ein großes "Schussobjekt" in der Mitte und große Wallgräben, die es flankieren. Dann aber wurden die Kanonen versetzt und Byviksfort war bloß noch Munitionslager, und so sieht es auch aus. Ein verwirrendes Schild bewirbt ein Museum in Vaxholm, in dem es um Soldaten, Hexen, Hunde mit Schüsseln auf dem Kopf und sprechende Bomben geht.
Alternativ kann man auf Rindö auch eine Unique Swedish Experience buchen. Sprich: Ein Picknick auf der Insel mit Kaffee und Zimtschnecken. Für schlappe 1195 Kronen.

Schließlich kam ich am Badestrand von Rindö heraus. Der besteht zwar aus Kies und Gras, ist aber auch mit einem Badesteg und Rettungsring ausgestattet. Und die Aussicht über das Schärenmeer könnte schöner nicht sein.
Das große gelbe Schild auf dem Felsen verkündete, ankern, fischen und tauchen sei verboten, denn es handele sich noch immer um ein skyddsobjekt. Also wird hier doch noch geschossen?! Ach nee, Moment, ich darf nicht sjut mit skydd verwechseln, das ist nur ein Schutzobjekt, wichtiger Unterschied.
Besonders beeindruckend wird es, wenn eine große Fähre vorbeiwummert. Und zufälligerweise geschah gerade genau das. Es war sogar eine Viking Lines, mit der ich gestern erst hier vorbeigefahren war. Der Perspektivwechsel von oben nach unten hätte größer kaum sein können.

Überrascht stellte ich fest, dass ich auf diesem Kiesweg auch problemlos direkt an der Küste entlangfahren konnte. Ich musste nur zwei Spaziergängerinnen überholen, und dann nochmal überholen, weil ich ein Foto gemacht hatte, und schon lag der schönste Abschnitt der Inselrundfahrt direkt vor mir.


Hier beginnt die Meerenge Oxdjupet, einer der drei nördlichen Stockholm slussar, also Schlösser bzw. Zufahrten. Und wie das mit Zufahrten meistens so ist, soll da nicht jeder einfach so reinfahren können. Darum baute Stockholm gegenüber auf der großen Nachbarinsel Värmdö einen braunen Würfel und weiter oben ein rundes braunes Ding namens Fredriksborg. Zwischendurch schütteten sie die Wasserstraße auch zu, merkten dann aber, dass aus irgendeinem Grund weniger Handelsschiffe Stockholm erreichten. Sie öffneten die Oxdjupet wieder, schickten die veraltete Fredriksborg in Rente und bauten 1870 direkt gegenüber auf Rindö einen Ersatz namens Oskar-Fredriksborg. (Der damalige König hat einfach seinen Namen angehängt.)
In der Zwischenzeit war nämlich so einiges erfunden worden: Zement, 30 Zentimeter dicke Panzerplatten und Nitroglycerin. Dieses explosive Zeug ist schuld daran, dass die Oskar-Fredriksborg größtenteils gar nicht zu sehen ist. Das bisschen Zement, Feldsteinmauern (es gab wohl nicht genug Zement) und Gras ist nur die Spitze des Schießbergs.

Darunter zieht sich ein Tunnelnetzwerk unter der Insel durch. Das erklärt dann wohl auch die komischen verrammelten Tore, die ich immer wieder in den Felswänden gesehen habe.
Falls jemand von Land angreifen sollte, schützen Gräben die Festung. Die Oskar-Fredriksborg ging 1930 in Rente, das dazugehörige Dieselkraftwerk erst in den 50ern. Obwohl alles unter Schutz gestellt und restauriert ist, kann man die Tunnel nicht betreten. Nur die ältere Fredriksborg gegenüber ist für Besucher geöffnet.
Dass eine der beiden Anlagen je kriegsentscheidend war, wird nirgendwo erwähnt. Sie bleiben also einfach nur ein Zeugnis davon, wie sich eine Hauptstadt mit einem Vorgarten voller Inseln verteidigt.

Es folgt die einzige zusammenhängende Ortschaft auf Rindö, die nach der Festung ebenfalls Oskar-Fredriksborg heißt. Erst einmal verirrte ich mich in einem neuen Wohnblockviertel und nahm einen Schleichweg den Hang herunter zwischen dürren Büschen auf einer Fläche, die aussah, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis dort auch Wohnblocks stehen.
Aber Rindö hat auch viele schöne Gebäude. Die gelben Holzvillen erinnerten noch an Finnland, die gelben Steinbauten waren gehörten vermutlich auch dem Militär, und sogar die klassischen roten Holzhäuser sind auf Rindö besonders filigran mit weißen Balkons und Dekorationen gestaltet, zum Beispiel das alte Schulhaus.

Etwas schlichter und rechteckiger ist das Katzenheim. Offenbar existiert auf Rindö nur eine einzige Haustierart, sodass sich das örtliche Tierheim entsprechend spezialisiert hat.

 

Am Hafen hatte das Militärviertel sein Herz, mitsamt Kantine und Meetingraum. Auf den Wiesen ringsherum sprießen lauter komische Skulpturen aus dem Boden.
Sogar das Krankenhausgebäude beanspruchte die Marine für sich - nicht so schlimm, die Insel hatte noch zwei weitere Krankenhäuser. Ein Schwarzweißfoto zeigt, wie es damals aussah. Gar nicht so anders, nur der Wasserturm ist weg.


Ein Wegweiser kündigte an, dass ich an der Südseite von Rindö auf dem kustlinjen entlangfuhr. Dieser Radfernweg folgt einem Teil der schwedischen Ostseeküste, übers Festland und die Stockholmer Schären. Aber es ist keine richtige durchgehende Strecke, eher eine Ansammlung vereinzelter und verzweigter Routen, bei der unklar bleibt, wo ich überhaupt anfangen und aufhören soll.
Trotzdem war auf der kustlinjen eine Veränderung zu erkennen. Die leicht hügelige Straße im Süden hatte schmale, gestrichelte Fahrradstreifen. Durch die Nadelwälder schimmerten andere Nadelwälder auf der Insel Ramsö hindurch.

Am Ende kam ich zurück auf die Hauptstraße mit dem Radweg, denn auf einem Teil der Inselrundfahrt lässt es sich nicht vermeiden, denselben Hin- und Rückweg zu nehmen. Dann rollte ich auch schon auf den Hafen zu, vorbei an einer Autoschlange, die auf ihre Fähre wartete.
Das nächste Linienschiff sollte erst in einer Stunde abfahren. Aber Moment - auf das Schiff von gestern passen doch gar keine Autos drauf, wie kommen die dann von der Insel runter?
Sie nehmen eine der gelben Gratisfähren, denn die verkehren ebenfalls nach Vaxholm. Perfekt, und wo fahre ich da jetzt drauf? Ich hielt mich an eine schwedische Radlerin, die ebenfalls am Stau vorbeigezogen war, das Fahrradverbotsschild gekonnt ignorierte und ihr Rad über den Fußgängerstreifen auf das Schiff schob.

Samstag, 4. Juli 2026

Ålternative: Von Österkalmare nach Stockholm

Die Haupt- und einzige Stadt der Åland-Inseln heißt Mariehamn.

Das städtische Bad von Mariehamn heißt Mariebad. In der schlichten, schönen Schwimmhalle wärmte ich mich etwas auf und entdeckte zwei Kuriositäten. Zum einen gibt es in den Damen- und Herrenduschen jeweils eine Tür, die in ein und dasselbe Dampfbad führt (die Saunen sind dagegen getrennt). Zum anderen hat das Bad auch einen direkten Zugang in die Ostsee, das erste Mal seit der Ostseetherme Scharbeutz. Aber anders als in Scharbeutz gibt es hier kein Drehkreuz. Ein langer Steg windet sich um das Gebäude bis zur Rückseite, wo eine steile Holztreppe einfach ins kühle Wasser reingeht. Wer davon weiß, kann also einfach vom benachbarten Badestrand (rechts im Bild) zur versteckten Treppe schwimmen und 100 Prozent Rabatt in Anspruch nehmen. Theoretisch. Aber ich schätze mal, in einem solch überschaubaren Bad ist es den Bademeistern gut möglich, den Überblick zu behalten, wer reingehört und wer nicht.

Danach folgt der alte Stadthafen Sjökvarteret mit vielen roten Häusern und historischen Segelschiffen, auch hier verbirgt sich wieder ein maritimes Museum. In der Werft werden noch heute Schiffe nach historischen Plänen restauriert und gebaut. Die Mariehamner kauften gebraucht mehrere der P-Liner-Schiffe aus Travemünde, die Pommern liegt bis heute in ihrem Hafen.
Aufgefallen ist mir die rote Pyramide am Wasser (hinten rechts), auf deren Spitze eine Stange steckt, die ein... kleines Holzfass aufspießt? Was ist das?
Ein Leuchtfeuer von der Insel Kobba Klintar, das in den 60ern abgerissen werden sollte, so viel konnte ich auf Schwedisch lesen. Wie hat das bitte geleuchtet, und warum das Fass? Diese Fragen blieben offen, stattdessen erfuhr ich nur, wie der Ruderclub es hier neu aufgebaut hat.

Noch weiter südlich liegt die Halbinsel Lilla Holmen, ein Park, in dem ich mein Fahrrad schieben musste. Ich entdeckte ein Café, ein Vogelgehege mit leicht zerrupften Pfauen, eine Musikbühne, vor der eifrig Paare tanzten, ein weiteres Jungfrauentanz-Steinmuster und schließlich einen zweiten Badestrand. Der ist sogar mit Rettungsschwimmer, Outdoor-Dusche und einer Seebrücke ausgestattet. Kein Wunder, dass sich hier alle Gäste tummelten. Und wie sieht eine finnische Seebrücke aus? Kurz, hölzern, mit Umkleidenischen zum Aufhängen von Klamotten und mit einer langen parallelen Rollstuhlrampe im Wasser. Aber ob es überhaupt die typische finnische Seebrücke gibt, ist zweifelhaft. Ich habe ja bisher keine andere gesehen.

Die Innenstadt hat auch ein paar der gelben Holzhäuser, ist zum Teil aber auch eckig und schlicht geraten. Mehr als ein Drittel der Åländer leben hier, plus jede Menge Reisende, es gibt Buch- und Burgerläden, öffentliches WLAN, das ganze Programm. In der Fußgängerzone standen überall hölzerne Kombinationen aus Blumenkasten und Bank. Die normale Bank war nämlich schon besetzt, darauf sitzt das Kunstwerk Reverse Selfie. Die Statue trägt einen Spiegel im Gesicht, der nicht nur ihren eigenen Holzkopf in ihrer Hand spiegelt, sondern je nach Blickwinkel auch den Holzkopf eines Touristen.

Diese gute Frau mit dem übergroßen Kleid heißt Maria Alexandrowna und ist die Marie im Namen von Mariehamn. Der Alexander in ihrem Namen wiederum ist Zar Alexander II. Nach dem Krimkrieg durfte der ja kein Militär auf Åland haben, also musste er irgendwas anderes Sinnvolles mit den Inseln anstellen, zum Beispiel eine Planstadt, Schiffe und möglichst einschüchternde Gebäude wie ein übergroßes Postamt bauen. Deshalb hat Mariehamn auch so rechtwinklige Straßen. 1861 gründete er die Stadt, und nur vier Jahre später überquerte erstmals ein Schiff aus den Mariehamner Werften, die Preciosa, den Atlantik.
Das große graue Stadshus stammt aus dieser Zeit und steht etwas separat auf einem bunt bepflanzten Parkhügel.

 

Im Prinzip waren die Åland-Inseln genau so lange Teil von Schweden und Russland wie der Rest Finnlands. Okay, es gab da im Chaos des finnischen Bürgerkriegs einen kurzen Versuch der Schweden, die Inseln zu übernehmen. Sie segelten herbei, vertrieben russische, rote finnische und weiße finnische Truppen und erklärten, sie seien nur hier nur zum Schutz der Menschen gegen unkontrollierte übergriffige Soldaten, mit Einverständnis der finnischen Regierung - was die finnische Regierung doch sehr überraschte. Auf Bitte der finnischen Weißen kamen die Deutschen und vertrieben die Schweden schnell wieder.
Warum dann die Autonomie? Einfach deswegen, weil die Hauptinsel näher an Schweden liegt, hier schon immer schwedisch gesprochen wurde und man mit den finnischen Ureinwohnern auf dem Festland nie viel zu tun hatte. Eine Petition für den Anschluss an Schweden unterschrieben im Unabhängigkeitschaos 7000 Menschen, was viel war, wenn man bedenkt, dass auch heute nur 30 500 Leute auf den Inseln leben. Sie beriefen sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Åländer, was clever war, denn genauso argumentierte Finnland in seinen territorialen Konflikten an der Ostgrenze mit den Sowjets. Finnland wollte die Inseln aber nicht einfach weggeben und legte die Frage dem Völkerbund vor. Der entschied: Die Inseln bleiben bei Finnland, müssen aber komplett demilitarisiert werden und weitreichende Rechte zum Schutz ihrer eigenen Kultur bekommen.
Und, welch Wunder, alle sagten: Okay, klingt fair. Und dabei ist es bis heute geblieben. Der Völkerbund dachte sich wahrscheinlich: Wenn doch nur alles andere auch so einfach wäre.
Das Åland-Selbstbestimmungsgesetz ist gleichrangig mit der finnischen Verfassung, und die Åländer haben eine zusätzliche Quasi-Staatsbürgerschaft namens Heimatrecht. Andere Finnen dürfen auf den Inseln nur wählen, Land kaufen oder ein Unternehmen gründen, wenn sie fünf Jahre ununterbrochen auf den Inseln leben, Schwedisch können und dadurch ihr eigenes Heimatrecht erwerben. Helsinki entscheidet weiterhin über Außenpolitik, Zölle, Steuern, Gerichte und einen Großteil des Zivil- und Strafrechts, den Rest macht Mariehamn, insbesondere auch den Sozialstaat. Anders als auf Grönland bin ich weiterhin auf EU- und seit Kurzem auf NATO-Gebiet, wobei letzteres durch die Demilitarisierung wahrscheinlich weniger relevant ist.

Die Parteien in dem nüchternen, aber gut bewachten Marmorwürfel (rechts) namens Lagting (Landtag) haben mit den normalen finnischen Parteien nichts zu tun. Die Partei für die Abspaltung Ålands als eigener Staat bekam bei der letzten Wahl nur noch 2,87 Prozent, die Rechtspopulisten gar nichts.
Der Lagting und die Landskapsregering in dem flachen Gebäude dahinter haben also durchaus weitreichende Kompetenzen. Auch wenn Landschaftsregierung für mich irgendwie mehr nach Nationalparkverwaltung klingt.

Der Marktplatz vor dem Parlament ist mit verschiedenen Brettspielen bemalt. Auf dem Riesenschachbrett stehen sogar schon die Figuren, auf den anderen Feldern müssen dann wohl Menschen als Figuren herhalten. Sehr praktisch - je nachdem, wie schnell die Spielzüge gehen, kann man so das in den Foodtrucks angefressene Fett gleich wieder abbauen. Nur das Rausschmeißen bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist hoffentlich nicht zu brutal. Die Kinder zogen es ohnehin vor, auf der leeren Freilichtbühne herumzutanzen.


Die komplette Stadt liegt auf einer Halbinsel, an deren Südspitze die Straße noch eine weitere Inselkette anbindet. Das heißt, auf beiden Seiten ist eine schnurgerade Kante mit Wasser. Und dahinter noch eine Halbinsel. Nirgendwo offenes Meer, obwohl ich in einer Küstenstadt auf einer Ostseeinsel stehe, für mich sehr ungewohnt. Aber eigentlich optimal, dadurch hat die Stadt gleich zwei geschützte Häfen. Der östliche ist der historische, im Westen legen heute noch die großen Fähren ab. Dort wollte ich die Schärentour mit der Überfahrt nach Stockholm abschließen.
Leichter gesagt als getan.
 
 
Es wird derzeit nicht nur über einen Tunnel von Tallinn nach Helsinki als Verlängerung der Rail-Baltica-Linie diskutiert, sondern sogar über Tunnel und Brücken von Turku über Åland nach Stockholm. Und zwar gar nicht in erster Linie wegen der Verkehrsverbindung, sondern wegen der Kabel. Die könnte man dann nämlich auch gleich sicher in Beton verpacken, statt sie am Meeresgrund herumliegen zu lassen, wo sie manchmal von einer mysteriösen unbekannten osteuropäischen Atommacht durchgeschnippelt werden.
So ein Projekt würde das Leben auf den Inseln bestimmt gravierend verändern, aber es ist aktuell doch noch relativ fernliegend - schon der Helsinki-Tunnel wäre der längste Unterseetunnel der Welt. Immerhin kommt die Rail Baltica nach Tallinn jetzt wirklich, das ist doch was.
 
Der eindeutig günstigste Anbieter auf der Strecke ist Viking Lines mit 27 Euro. Dieser Anbieter hatte aber so seine Tücken. Zunächst die Tatsache, dass die Fahrradplätze auf diesem Mega-Fahrzeugdeck ernsthaft manchmal ausgebucht sind. Dabei ist es nicht so, als gäbe es da irgendwelche speziellen Fahrradhalter. Man lehnt sie irgendwie neben die Autos an die Wand und befestigt sie mit Gurten, wie so oft.
Als ich zum Check-In-Schalter fuhr, hieß es: Das Ticket wurde storniert, weil es nicht bezahlt wurde. Ein Beleg auf dem Handy, der zeigt, dass das Geld geflossen ist, reichte nicht aus, ich musste zweimal zahlen, bekam das Geld aber immerhin Wochen später erstattet, nachdem ich den Kundenservice mit allen denkbaren Überweisungsbelegen bombardiert hatte. Die Wartezeit nach dem Einchecken musste ich an einer unangenehmen Stelle an einer Betonwand in der prallen Sonne verbringen. Damit kein Fahrzeug in der falschen Fähre landet, erhält jeder einen Papieranhänger mit einem Buchstaben, der die Zielstadt anzeigt. An den Rückspiegel kann man sich den problemlos hängen, am Fahrradlenker fällt er bei jedem stärkeren Windstoß fast runter.
Endlich tuckerte das rote Schiff an den Anleger heran. Noch nie konnte ich so gut beobachten, wie nicht nur eine, sondern gleich zwei Rampen zum Fahrzeugdeck aufklappten.

Alles an diesem Schiff ist extrabreit und irgendwie anstrengend. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nicht doch aus Versehen auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet war. Ich glaube, Viking Lines bieten sogar Minikreuzfahrten an. Was eine Menge erklärt.
Es spricht natürlich absolut nichts dagegen, wenn die Kinder während der Fahrt eine Runde Schwarzlicht-Minigolf spielen können. Oder wenn die Teenager ihren eigenen Rückzugsraum haben, in dem Erwachsene laut Aufschrift verboten sind. Schon eher spricht etwas dagegen, wenn man nach einer Woche in der Natur überall mit schnulziger Musik beschallt wird, zum Teil auch live, und nirgendwo einen Ort der Ruhe findet.
Die Restaurants an Bord öffnen und schließen mehrmals pro Fahrt und haben auch noch doppelte Öffnungszeiten, einmal in der finnischen und einmal in der schwedischen Zeitzone.

Die Fähre wummerte aus ihrer Bucht heraus durch die letzten Åland-Inseln. Die letzten sind nur noch raue Flachfelsen, auf einem davon standen aber trotzdem ein Haus und schon wieder so ein Pyramiden-Leuchtfeuer, diesmal aus Metall. Ah, das ist also Kobba Klintar, ein beliebtes Ausflugsziel, von dem ich damals im polnischen Niechorze zum ersten Mal gehört habe, als mich dieses Megahorn von Kobba Klintar umgetutet hat. Wobei Kobba Klintar genaugenommen der Name der ehemaligen Lotsenstation (sprich: aller drei Gebäude) ist, die Insel selbst heißt Storlandet. (Buuh, den Namen hatten wir schon!)
Die Blechpyramide zog vorüber, und dann, tatsächlich, ein fast vergessener Anblick: Offenes Meer. Nichts als Blau.
Für eine Weile.

Nur zwei der sechs Stunden fährt die Fähre durch die offene Ostsee. Dann tauchen neue Inseln auf, zunächst wieder kleine Flachfelsen, aber gleich deutlich mehr und mit einem dichteren Fell aus Bäumen. Sie sehen so klein aus von hier oben. Nicht zu fassen, dass ich die letzten Tage solche Minidinger mitgezählt habe. Willkommen in den Stockholmer Schären, der größten Herausforderung für Kapitäne in der ganzen Ostsee! Die Einfahrt in Schwedens Hauptstadt blockiert eine komplett unübersichtliche Insellandschaft, die immer enger und enger wird.
Irgendwo in diesem Bereich liegt laut Astrid Lindgren die fiktive Insel Saltkrokan.

Bald pendeln kleine gelbe Kabelfähren hin und her, denn jetzt wohnen Leute auf den Inseln, sogar richtige Orte tauchen auf. In dieser Inselgruppe gibt es ganz klar mehr als nur eine Stadt!

Und auch außerhalb der Städte stehen nun immer häufiger weiße Vorstadtvillen am Wasser. Gleichzeitig haben die großen Inseln aber immer noch riesige Wälder und Naturräume, denn der Platz geht ihnen hier nicht so schnell aus.
Ich genoss den Blick durch breite Panoramascheiben, das Buch in meinem Schoß war größtenteils vergessen. Auf der einen Seite hatte es definitiv seinen Reiz, aus dieser Höhe durch die Schärenlandschaft zu gleiten. Andererseits hatte die Gegensätzlichkeit auch etwas geradezu Obszönes, als hinter mir die Band dröhnte und um mich herum Glücksspielautomaten um mein Geld wimmerten. Nein, danke, ich brauche keinen Roulette-Tisch und kein Escaperoom-Spiel an Bord, auch keine vier Restaurants, die in Wahrheit alle ein Restaurant sind. Ich will einfach nur hier sitzen.

Immer größer wurden die Inseln, dazwischen lagen verstreut aber immer wieder kleine Inselchen und Segelschiffchen. Die Zwischenräume sahen immer noch so breit aus, dass ich mir instinktiv keine Sorgen machte, ob wir da durchpassen. Aber wenn man dann bedenkt, wie extrabreit das Schiff und wie flach die Ostsee im Durchschnitt ist, dann glaube ich gern, dass das Steuern hier eine knifflige Angelegenheit darstellt. Hoffentlich hat wenigstens der Steuermann oben seine Ruhe.

Schließlich hatten sich die Inselortschaften zu einer zusammenhängenden Hauptstadt verdichtet, und hinter der nächsten Biegung gerieten schon einige ihrer Sehenswürdigkeiten in Sicht. Die Fähre legte dann ganz in der Nähe der Innenstadt an.

Natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn ich schon durch zwei Inselgruppen gehoppt bin und jetzt noch eine dritte folgt, warum nicht dann auch über diese Inseln radeln? Tja, dafür gibt es leider keinen ausgewiesenen Radweg und keine Beschreibung touren-wegweiser.de, die Seite schlägt die direkte Fähre vor, vermutlich aus gutem Grund. Es existiert keine Fähre von Åland, die auf einer Stockholmer Schäre anlegt. Ich hätte alternativ nach Kapellskär in Schweden fahren können, aber da hätte ich lange übers Festland fahren müssen, bevor ich wieder auf eine Insel hätte wechseln können, und auch danach scheint sich keine wirklich durchgehende Inselroute anzubieten.
Aber zumindest eine der Stockholmer Schären wollte ich mir zum Abschluss der Schärentour noch genauer ansehen. Ihr Name war Rindö, und sie war vielleicht die ideale Repräsentantin des dritten Schärengartens.