WO DER SANDMANN ÜBERFLÜSSIG IST
DIESE KURZE STRECKE ERFÜLLT EINE NORDDEUTSCHE SEELE MIT ZAUBER, VERTRAUTHEIT UND ETWAS NEID. VIERTER TAG UNSERER
TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN
 |
| Lage, Lage, Lage: Sandburgen bei Böda |
"Dort ist es sehr schön. Ich weiß den Namen gerade nicht mehr, aber ihr erkennt den Platz an diesem Kreuz." Sie zeichnet eine Art Taize-Kreuz auf ein herumliegendes braunes Stück Papier. "Aber keine Sorge, das ist kein strenggläubiges Bibeldorf oder so."
Die Göteborger Künstlerin steht in ihrer Scheune und erklärt, welche Campingplätze sie uns empfehlen würde. Und welche nicht.
"Aber geht bloß nicht nach Böda, dort ist es laut und alle machen Party. Es sei denn, ihr wollt so was." Wir sehen offenbar nicht so aus, als ob wir so was wollen. Aber das tut wohl kaum jemand, der in einer Yoga-Unterkunft eincheckt.
 |
Wer ist die Zukunft? Tankstelle und Windmühle in Löttorp |
Wie der Titel dieses Beitrags verrät, war unser Tagesziel Böda. Allerdings nicht der Campingplatz oder dessen Nähe, sondern der dortige Shelterplatz. Vielleicht probieren wir Öland auch noch einen Zeltplatz aus, aber keinen, der dermaßen nah an unserer Unterkunft liegt. Diese Etappe ist auch so schon kurz genug, dass wir im Prinzip einen halben freien Strandtag haben. Und genau so war sie auch gedacht.
 |
| Bald im Wald: Dorfstraße |
Die empfohlenen Campingplätze liegen nämlich schon bei der Ortschaft Löttorp. Dort umrundet der Ölandsleden ein paar Sportplätze, der einzig interessante Anblick ist jedoch der Kontrast zwischen Tankstelle und Windmühle an der Hauptstraße. Die Radroute hält sich jetzt näher an dieser Hauptstraße, manchmal leitet sie die Radler sogar direkt darauf.
Schließlich geht es aber wieder auf eine stille Dorfstraße, die Mauern sehen immer mehr nach Feldsteinen aus, die Bäume und Häuser verdichten sich zu einem idyllischen Kanal, welcher die Radler mitten in den Wald reinschiebt. Der nördliche Teil der Insel besteht nämlich größtenteils aus Nadelwald und sieht damit komplett anders aus als der Rest.
 |
| Farntastisch: Waldweg |
Mein erster Gedanke, als ich mich als Norddeutscher in diesem Wald wiederfinde, lautet: Ah, das kenn ich. Wer jemals einen Waldspaziergang in Mecklenburg gemacht hat, dem wird das hier, sagen wir mal, nicht komplett exotisch vorkommen.
 |
Straßenverneinender Radweg: Waldweg bei Böda, rechts wächst Heidekraut
|
Zwischen den schlanken Bäumen wächst wahlweise richtig viel Farn oder richtig viel dunkles Heidekraut. Und mittendurch windet sich ein stabiler Kiesweg. In der Nähe der Straßen täuscht er manchmal an, ein straßenbegleitender Radweg zu sein, knickt dann aber schnell wieder in Wildnis ab. Und je länger ich durch diese lichte Wunderwildnis fahre, umso mehr muss ich mir eingestehen: Verdammt. Ja, das ist wie in Mecklenburg. Aber besser. Also, natürlich gibt es bestimmte Gebiete wie die Buchenwälder Jasmund, der Gespensterwald oder die große Heidefläche der Rostocker Heide, die hier locker mithalten können, aber nicht der durchschnittliche Mecklenburger Wald. Der Tourist in mir ist zufrieden, der Lokalpatriot weniger.
 |
Haimelig: Geologiemuseum Skäftefär |
"Je länger man durch Schweden fährt, umso mehr vermisst man die Tschechen."
- Mein teurer Begleiter -
 |
Gehörnt: Rastplatz (nicht zum Schlafen) |
Die größte Attraktion in diesem Wald ist wohl Skäftefär, dort stehen nebeneinander ein Freilichtmuseum zur Bronzezeit und ein kleines Geologiemuseum. Weil das Wort
Geologiemuseum für den durchschnittlichen Touristen eventuell nicht spannend genug klingt, besteht der Eingang aus einem Vorhang mit aufgedrucktem Haifischmaul, durch das die Besucher in die Hütte laufen. Aber Skäftefär hat die Saison bereits gestern beendet. Am 15. August. Hä? Ich weiß ja, dass es hier oben kühler ist, aber zumindest der restliche August ist auf Öland ja wohl spätestens seit der Klimakrise auch sommerlich, wie wir am eigenen verschwitzten Leibe erfahren haben.
 |
Versandet: Herumirren im schönen Dünenwald |
Wir kommen vorbei am Supermarkt/Mini-Gewerbegebiet vom Badeort Böda, eine Ortschaft, die sich über mehrere Dörfchen in der Landschaft verteilt hat. Zielstrebig biegen wir ein ins Naturschutzgebiet Bödakustens östra und dann... tja. Dann müssen wir auf einen Wanderweg in die Dünen abbiegen. Der ist total schön und zugleich total nervig, jedenfalls mit dem Fahrrad. Zeitweise verlieren wir den Weg und navigieren nach dem Prinzip: Die App sagt, der Pfad muss irgendwo hier sein, also schieben wir jetzt über diesen Waldboden hier. Hinter der 10 Meter hohen Düne erstreckt sich eins der größten Flugsandfelder in Schweden, und der angeflogene Sand wurde noch nicht überall in den festen grünbraunen Moosboden integriert.
 |
Übernachtung 1.0: Das Dünenshelter von Böda |
Trotzdem erreichen wir früh am Nachmittag das Shelter. Es ist besetzt.
Mindestens eine große Familie hat sich die Hütte gesichert, ein Zelt und mehrere Hängematten platziert. Wir sind nicht ganz sicher, wie weit das legale Zeltgebiet reicht, und wollten ihnen auch nicht zu sehr auf die Pelle rücken.
 |
Übernachtung 2.0: Waldzelten hinter Böda |
So entfernen wir uns wieder ein Stück vom Meer, raus aus dem Naturschutzgebiet. Auf dem Parkplatz haben mehrere Wohnmobile ihren eigenen Wildcampingplatz gefunden. Und wir finden unseren ein Stück dahinter, wie in der ersten Nacht zwischen zwei Naturschutzgebieten. Diesmal ist es keine Wiese, sondern ein echter Wald, trotzdem ist die Stelle für ein Zelt fast optimal, wenn man von der einen oder anderen Mücke absieht.Als alles aufgestellt ist, fahren wir zum Strand zurück. Hier im Norden ist das ein richtiger, breiter Sandstrand wie in Mecklenburg (diesmal aber nicht besser). Die Kinder vom Shelter spielen Fußball und bauen kreative Sandburgen, ab und zu schaut ein Spaziergänger vorbei, aber insgesamt ist es erstaunlich ruhig, dafür dass die Ortschaft nur eine Biegung entfernt liegt. Auch die Quallendichte hat erfreulich abgenommen, und wir können endlich richtig schwimmen.
Und dann hatte mein Freund eine Idee.
"Warum schlafen wir nicht einfach am Strand?"
 |
Übernachtung 3.0: Der Strand von Böda |
Prompt hat er online ein Forum gefunden, in dem sogar ein schwedischer Staatsanwalt der Meinung ist, dass ein Zeltverbot im Naturschutzgebiet noch lange nicht als generelles Übernachtungsverbot ausgelegt werden kann, das müsse man schon so schreiben.
Angesichts der kristallklaren Wetterprognose muss ich nicht lange überzeugt werden. Wir holen alles nötige, lassen das Zelt aber versteckt im Wald stehen für den Fall, dass man uns doch wegschickt oder sich das Wetter drehen sollte.
Und, wie war die Nacht? Das kommt darauf an, wen man fragt.
Ich finde sie großartig, der Sand ist optimal hart-weich, und als ich nachts erwache, leuchtet die Milchstraße am Himmel. Der Sonnenuntergang passiert auf der anderen Inselseite, dafür werden wir morgens Zeugen eines schnellen, farbintensiven Sonnenaufgangs. Insgesamt schlafe ich besser als im Bett der letzten Unterkunft (wenn auch nur, weil mich dort gegen 2 Uhr ein doofes Stück Technik aus dem Schlaf gerissen hatte, das nicht aufhören wollte zu piepsen).
Mein Begleiter aber friert. Er hat sich nämlich einen Sommerschlafsack gekauft. So weit, so logisch, schließlich ist das hier eindeutig Sommer, wenn man nicht gerade das Museum von Skäftefär fragt. Bloß heißt Sommerschlafsack laut Hersteller, dass der nur bis 15 Grad wärmt. Was an Betrug grenzt, denn natürlich fallen die nächtlichen Temperaturen auch im Sommer schon mal unter diese Zahl, gerade in klaren Nächten.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen