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Donnerstag, 20. August 2026

Gotland: Von Ljugarn nach Furillen

Ostseeradler strandet auf einer einsamen Insel

Für Radfahrer sind die Ljugarner Rauken eine Sackgasse, darum bin ich diesmal an den Wikingerhäusern links abgebogen. Danach ging es hoch hinaus. Die Straße war relativ gerade, zumindest in zweidimensionaler Hinsicht. In der dritten Dimension war sie deutlich kurviger und ging manchmal so hoch, dass auf den Hügelkuppen kein Wald mehr wuchs, sondern nur rotgrüner Alvarboden mit Hecken.

Der Gotlandsleden macht einen Ausflug über die Halbinsel Östergarn, die aussieht wie eine große Schäreninsel. Über die Felskuppen hinweg konnte ich den Hafen der Stadt Katthammarsvik erkennen.

Auf einem holprigen Weg umrundete ich einen Großteil der Halbinsel. Hinter so mancher Kurve tauchte unerwartet ein plötzlicher Anstieg auf lockerem Kies. Eine schöne Bucht nach der nächsten tat sich auf, trotzdem war ich irgendwann doch froh, als dieser Abschnitt vorbei war und ich wieder auf Asphalt wechselte. 

Gotland hatte seit der Bronzezeit fast 100 Festungen, die unterschiedlich aussahen und unterschiedlichen Zwecken dienten, von Rechtsprechung bis Ritualwirkung. Ihr gemeinsamer Nenner war, dass sie alle an irgendeiner Art von Wasser standen.
Hier stand ein Fort namens Grogarnsberget, das in allen Richtungen von steilen Rampen aus Erde und Kalkstein geschützt war. Falls jemand von Osten angriff (bis heute die wahrscheinlichste Himmelsrichtung), warnten sie die Insulaner über eine Kette aus Warnbaken.

Hä? Das hier soll der Startpunkt vom Gotlandsleden sein? In irgendeinem wahllos ausgewählten, nicht besonders gut erreichbaren Dorf mittendrin? Also das erklär mir mal, Wegweiser.

Anschließend folgte ich noch eine Weile den Windungen eines flachen Birkenwaldwegs. Irgendwann war mein Hunger zu groß und ich musste im Nieselregen kochen. Es tauchte sogar ein improvisierter Tisch aus einer alten Spule (oder einem Rad?) auf, aber natürlich hatte es den ganzen Tag noch keinen Rastplatz mit Regendach gegeben.

Immerhin war der Regen nicht stark genug, um den Kocher zu löschen oder die Holzbrücken über die Bäche endgültig zu durchnässen. (Die bestanden aus längs verlegten, schmutzig-abgenutzten Balken, im glitschigen Zustand wären die ein Albtraum gewesen.)

So, das war vorerst genug an Windungen, den Rest bis Slite kürze ich auf der Hauptstraße ab. Prompt trieben die Wolken auseinander und ließen wieder Sonnenstrahlen durch.

Zwischen den dichten Laubbäumen und ein gutes Stück unter der Straße strömen die klaren Flüsse Gotlands in Richtung Ostsee. Einige der 100 alten Festungen standen an den Ufern dieser Flüsse.

Ein einsamer Raukenmann wacht am Straßenrand über die korrekte Einhaltung der Verkehrsregeln (links im Bild). Ich musste zweimal hinsehen, bis ich Gewissheit hatte, dass das wirklich eine natürliche Felsformation war und keine aufgestellte Figur.
Bald darauf lichtete sich der Wald, und auf einem Hügel über der Straße ragte das nächste Raukenfeld auf. Dort standen noch dünnere, höhere Rauken, auch sie mit einer Art Kopf.

Dann fuhr ich rein nach Slite, die wahrscheinlich unattraktivste Stadt von Gotland. Ein PKWegweiser am Ortseingang zeigte die Richtung zu zwei Restaurants an, aber das Messer-und-Gabel-Symbol war bei beiden mit rotem Klebestreifen übergeklebt.
Slite hat zwar einen erkennbaren Marktplatz mit Supermarkt und Döner, aber die Farben sind blass, alles wirkt irgendwie staubig, grau und oll.

Das mag an den Schornsteinen, Silos und Förderbändern liegen, welche die Stadt in mehreren Richtungen einrahmen. Slite ist anscheinend in der Kalkstein-Industrie tätig und produziert auch den fossilen Strom für Gotland.
Ich sollte fairerweise erwähnen, dass mich die Fahrradwegweiser ausdrücklich nicht in die schwarzen Schatten dieser Industriestraße geschickt haben. Ich bin trotzdem reingefahren, weil ich den Uferweg dahinter befahren wollte. Es war dann auch nicht weiter schlimm, der LKW-Verkehr hielt sich in Grenzen.
Direkt hinter dem Industriegebiet stehen ein paar besonders kantige, kopflastige Rauken. Insgesamt ist Slite also die Stadt der Rauchsäulen und Rauksäulen.

Schön sind allerdings die flachen Buchten und schilfgesäumten Seen um Slite herum. Eine Weile folgte ich einem Kiesweg am Flachwasser entlang und warf einen Blick auf eine lange Halbinsel, die ich komplett abkürzen würde.

Zurück an der Straße zog Einfahrt um Einfahrt vorbei, und an jeder lagen genau zwei Mülltonnen in einer Pose, als wollten sie kleine Mülleimer produzieren. Wahrscheinlich soll die Stellung vor Sturm schützen.

Ab und zu stehen auch Gotlands historische Meilensteine am Wegesrand. Die sehen aus wie ein steinernes Häuschen, das Reisenden den Mittelfinger zeigt. Die meisten Steine sind von 1700 und verraten, auf wessen Hof man steht, welcher Gouverneur den Stein aufgestellt hat und wie viele Meilen es zum Marktplatz von Visby sind, denn der war der Ausgangspunkt aller Wege. Eine skandinavische Meile (10 km) war damals noch 700 Meter länger, wahrscheinlich wegen Inflation oder Schikane gegenüber Matheschülern.

Nun sollte einer der großen Badeseen Gotlands kommen, der Fardumeträsk. Ich entfernte mich also vielleicht einen Kilometer von der Route und bog ab zu der Stelle, die Wegweiser und App eindeutig als einzigen Zugang zum See markiert hatten. Die letzten Meter ging ich zu Fuß durch den Wald, bis ich zwischen den Hecken auf einer Anhöhe rauskam. Und ziemlich enttäuscht war.
Der Fardumeträsk ist eine verzweigte, fjordartige Fläche in einer mindestens genauso großen Masse an Schilf. Und viel mehr kann ich persönlich dazu auch gar nicht sagen, denn näher durfte ich nicht ran. Der Weg endete fast einen halben Kilometer vor dem eigentlichen See. Die Strände bestehen statt Sand aus Sumpf und einer langen Liste mehr oder weniger seltener Pflanzenarten.
Kalk ist auch im See drin, aber nur zerrieben im Schlamm, der im Sommer bei Niedrigwasser oft an die Oberfläche tritt. Die Insel Storholmen ist sehr ungewöhnlich, denn die Pflanzen darauf sind zwar von Wasser umgeben, ernähren sich aber trotzdem nur von Niederschlag.
Singvögel nisten gern im Schilf, während Seevögel nur für eine schnelle Mahlzeit von der Küste rüberkommen. Es ist ja schön, dass die dort ihre Ruhe haben, und ja, der See war in der Kategorie "für Naturliebhaber" aufgelistet - aber trotzdem eindeutig in einer Liste von Badestellen. Mal abgesehen davon, dass die Naturliebhaber am späten Nachmittag bei blendendem Gegenlicht und so viel Abstand auch nicht sonderlich viel beobachten können, die wenigen sichtbaren Vögel sind bestenfalls ferne Schemen.

Jetzt gab es keine Hauptstraße mehr an der Küste. Im Gegenteil: Wenn ich jetzt abkürzen wollte, dann musste ich auf einen Zickzackkurs aus kleinen, wilden Dorfstraßen abbiegen. Ob ich da im Endeffekt im Vergleich zur Hauptroute auf den normalen Straßen so viel Zeit gespart habe, bleibt unklar. Jedenfalls war ich froh als ich wieder eine schnurgerade Asphaltstraße durch dichten Nadelwald mit Ferienhäusern entlangrasen konnte. Irgendwo da unten sollte eigentlich das Meer sein, leider konnte ich noch nicht viel sehen. Schade, denn irgendwo dort müsste mein nächstes Ziel liegen.

So, wo verbringe ich die nächste Nacht? Das hatte ich schon längst entschieden. Bei einem Blick auf die App Vildnis entdeckte ich nämlich etwas ganz und gar ungewöhnliches: Übernachten in einem verlassenen Fischerdorf. Kann das stimmen? Ich beschloss, das Risiko einzugehen und sechs Kilometer Umweg in Kauf zu nehmen, und zwar bis... hm, genau genommen liegt das Dorf nicht einmal auf Gotland, sondern auf der Nebeninsel Furillen. Die ist allerdings nur durch eine etwa bachbreite Meerenge in einer Unmenge Schilf von Gotland abgetrennt. Zählt das dann überhaupt als eigene Insel?

Ein hölzerner Aussichtsturm begrüßt die Besucher im fast gleichnamigen Naturschutzgebiet Furilden.

Das ist ein Wald entlang der Nordseite der Insel. Besonders aufregend wirkt das Naturreservat aber nicht, dort stehen hauptsächlich dünne, große, alte Eichen einsam im Sonnenschein, was Insekten super finden.

Die Insel hat einen Haufen komisch verzweigter und weitgehend paralleler Kieswege. Ich folgte dem nördlichsten davon am Rand vom Furilden entlang, und das war eine gute Wahl, denn da standen weitere Raukchen und herrliche kleine Felswände.

Trotzdem wollte ich auch einen Blick in die Inselmitte werfen. Dort wurde es kahler und kurioser. Die Inselmitte ist nämlich ein großer Steinbruch. Die Menschen haben eine tiefe Grube reingebuddelt, die meistens von senkrechten Felswänden begrenzt ist, manchmal führen die Kieswege aber auch einfach so als Rampe rein. Zack, schon war ich in der seltsamen Landschaft eine Etage tiefer, irgendwo links und rechts von mir begann eine Wand. Wie eine Zerbrochene Ebene mit mehr Abstand.

In dieser Grube versteckt sich laut Karte ein Dreieck aus drei Seen, von denen einer tatsächlich existierte. Vor der Felswand sah er absolut toll aus, aber zum Baden dann doch ein bisschen zu tief und rätselhaft.

Nun aber zurück zur Küste. Hier stehen jetzt ein paar moderne Ferienhäuser im Wald. Furillen ist keineswegs unbewohnt, weiter drinnen gibt es auch ein paar Gehöfte. Allerdings nicht genug, dass auf der Karte ein eigenständiger Ortsname für erscheint.
So gang wollte ich jedenfalls nicht glauben, dass da gleich ein verlassenes Fischerdorf auftauchen soll. Tat es aber. Plötzlich zweigte eine kleine Rastplatzschleife von der Straße ab, und vor öffnete sich dieses Panorama.
Das Fischerdorf besteht größtenteils aus verfallenen kniehohen Mauern (hinten links), die einst aus lockeren Steinen aufgestapelt wurden (wundert mich nicht, dass die nicht mehr stehen). Aber ein Haus steht noch komplett. Die Mauern sind mit Kalk bedeckt. Gespannt zog ich die Tür auf.

Ich fand sechs Holzpritschen und einen einfachen Kamin mit Schornstein, in dem ein bisschen Müll lag. Eine Pritsche war sogar mit einer dünnen Matratze ausgestattet, eine andere mit einer schwedischen Kunstzeitschrift ("Gammel Dansk: Nikolaj Stokholm serviert Komik, die nach Vergangenheit schmeckt, hat aber ein gegenwärtiges Gebot"). Mit anderen Worten: Ich war begeistert. Ich konnte sogar die Tür von innen verriegeln.

Wie sollte ich nicht begeistert sein, wenn ich hier Abendessen kann? Terrassen aus Kies und Gras zogen sich herunter bis zum Steinstrand, eingerahmt von Kalksteinklippen - ja, zur Abwechslung mal keine Rauken, sondern richtige Steilufer, von waagerechten Linien zerfurcht und hervorstehend, als wollten sie die Badegäste in ihrem Schatten beschützen.
Wobei: Welche Badegäste? Ich musste dieses traumhafte Fleckchen mit einer einzigen Wohnmobilfamilie teilen, die sich bald zurückzog. Furillen ist wirklich noch ein Geheimtipp. Gut, andererseits scheint ganz Gotland in der zweiten Augusthälfte schon ein halber Geheimtipp zu sein.


Sonntag, 16. August 2026

Öland: Von Böda nach Byxelkrok

DIE HIRSCHKÄFER-SPITZE 

HEUTE ERKUNDEN WIR BEIDE NORDSPITZEN DER INSEL UND ENTDECKEN DORT STEINWÜSTEN UNTERSCHIEDLICHER ART. FÜNFTER TAG UNSERER TOUR AUF DEM ÖLANDSLEDEN

Kiesküste: Radweg, Steinchen und Felsstrand im Nordwesten

Baumbögen:
Weitere Waldstrecke

Der Bahnhof Trollskogen hat nur ein Gleis, keinen echten Bahnsteig und nur selten Züge. Von einem deutschen Dorfbahnhof unterscheidet er sich dennoch, nämlich durch die großzügige abschließbare Wartehütte mit Grillplatz. Von außen ziert Vogelkot die Fensterbretter. Wenn ich hier bei Mistwetter gestrandet wäre, dann wäre ich bestimmt verdammt froh über das schützende Ding. Egal, ob mit oder ohne Grillkohle im Gepäck. (Angesichts der vielen Grillplätze haben wir tatsächlich überlegt, noch Grillsachen einzukaufen, die Idee dann aber doch verworfen.) Wir sind durch die ersten Schleifen auf herrlichen Waldwegen bis hierher gefahren und stehen nun überrascht an der Bahnstation herum, verwirrt und neugierig, was dieser Tag sonst noch bringen wird.

"Achtung, Sicherheitshinweis,
lassen Sie Ihr Gegrilltes
nicht unbeaufsichtigt!"
Grill im Bahnhof
Ich dachte, Öland hat gar keine Bahn mehr? Doch. 4,5 Kilometer lange Zweigstrecke hat ein Verein neu aufgebaut. Die ursprüngliche Böda Skoksjärnväg, also Waldbahn, entstand 1909, damit zwei zwei Dieselloks namens Großmutter mütterlicherseits und Großmutter väterlicherseits, das Holz abtransportieren konnten. Und manchmal bringt sie noch heute Touristen vom Badestrand Fagerrörs zum Naturschutzgebiet Trollskogen. ("Wir fahren ganz langsam aber wir haben auch Haltestrecken.") Natürlich nicht heute, schließlich sind wir in der zweiten Augusthälfte und damit laut den Insulanern ja schon quasi im Winter. Trotz der hellen Sommersonne, die durch die Zweige bricht.

Vorsicht an der
nichtexistierenden
Bahnsteigkante:
Trollskogen Hbf

Was ist das für ein Ort, den man als einzigen auf Öland mit der Bahn erreichen kann? Neben dem Bahnhof liegt ein Parkplatz, das geschlossene Naturum und das offene Klo. Und dann ist da ein Gatter im Zaun, das in einen ganz besonderen Wald führt, der uns sehr empfohlen und nach dem der Bahnhof und das Naturum benannt wurden.


Wurde nicht gefragt:
Fotografierte Käferin Karla

 "Sei vorsichtig wenn Du hast helle Kleider an."
- Kryptischer Hinweis der Böda-Waldbahn -
 

Bio-Leichentuch:
Toter Baum mit
Schlingpflanzen
Auf der Bahnhofstoilette bittet uns ein Schild, alle ekoxar bei der zuständigen Datenbank zu melden. Gern, aber was zum Geier sind denn ekoxar? Anscheinend ein Wort, das sämtliche KIs überfordert. Der erste Online-Übersetzer spricht von Eichhörnchen, der zweite von Echo-Ochsen, nur pons.de findet das richtige Wort: Hirschkäfer. Das passt zumindest zu dem Bild auf dem Plakat. Bei der Meldung soll man bitte auch Ort, Zeit, Geschwindigkeit, Geschlecht, Anzahl, Zustand und Größe angeben. Tatsächlich finden wir gegen Mittag eine Hirschkäferin (Hirschkuhkäfer? Hirschkäferkuh?). Das Geschlecht ist durch das fehlende Geweih leicht zu bestimmen. Allerdings befindet sie sich in keinem der drei auf dem Plakat genannten Zustände - fliegend, paarend, död - sondern chillt einfach nur auf dem Radweg, hat also einen weniger aufregenden Lebenswandel, als das Plakat suggeriert. Wobei der Radweg natürlich grundsätzlich ein Ort ist, an dem man als Insekt leicht im dritten und letzten Zustand landen kann.

Teerdown: Alte Grube
zum Teerbrennen
Im Trollskogen:
Gewundener Pfad
und gewundene
Baumleiche

Tatsächlich erinnert die ganze Nordspitze Ölands an einen männlichen Hirschkäfer. Wie zwei Scheren strecken sich zwei Arme nach Norden, dazwischen liegt fast vollständig eingeschlossen eine Bucht. Die rechte Schere besteht aus dem Trollskogen. Ich hatte den Trollskogen ursprünglich nicht in die Route eingeplant, aber die Künstlerin von Marsjö hatte ihn uns sehr empfohlen, also öffnen wir das Tor am Ende des Parkplatzes und schauten mal rein.
Dieser Wald ist noch heller als die anderen Wälder Ölands, von Trollen keine Spur. Es stehen hauptsächlich dünne Birken und andere dünne Bäume herum. Wenn ein Baum mal doch etwas dicker wird, betreiben die Birken so viel Fatshaming, dass er stirbt. Die toten Bäume hüllen sich entweder in Efeu oder winden sich vor lauter Scham in eine kuriose Korkenzieherform. Diese leblosen Bäumchen sollen das Markenzeichen des Waldes sein. An die tanzenden Bäume der baltischen Staaten kommen sie allerdings nicht heran, denn zum einen gibt es nun auch nicht so wahnsinnig viele von ihnen und zum anderen sind sie nicht besonders hoch, nach wenigen Metern brechen die Stämme immer ab.

Bucht, Bodden, Wiek, Fjord?
Auf jeden Fall ein Stück
fast eingeschlossene Ostsee,
was immer gerade die korrekte
Bezeichnung dafür ist 

Am Ende des Trollskogen steht etwas unerwartet ein stinknormales weißes Wohnhaus mit geschlossenen Toren. Die Ostseebucht schimmert durch die Zweige, und direkt daneben wurde das Zeug gebrannt, mit dem man Holzschiffe imprägnieren musste, damit sie sicher aus dieser Bucht rausfahren konnten. Einfach das harzige Kernholz der Kiefern in die Grube schmeißen, Kohle, Reisig und Grassoden oben drauf, dann durch ein Loch anzünden. Von der Teergrube im Teerskogen sind noch ein paar Steine und eine hölzerne Klappe übrig, aus der unten das fertige Teer rauslief.

Gedenkschranke
Auf asphaltierten Straßen und Radwegen umrunden wir die stille Bucht, die nur einmal über eine gelbliche Wiese hinweg zu sehen war. Halbschranken blockieren den Radweg und sollen für mehr Sicherheit sorgen. In mindestens einem Fall haben sie anscheinend das Gegenteil bewirkt. Eine Schranke ist über und über mit Blumen dekoriert, und ein Foto erinnert an eine ältere Frau, die irgendwie an dieser Schranke ums Leben gekommen ist.

Kahler Kies:
Steinstrand im Nordwesten

Damit sind wir im Nordwesten der Insel, und hier wird es wieder rauer. Der Kalmarsund ist viel breiter, das Festland ein ferner Streifen. Der Radweg folgt hier oft einer Straße direkt am Wasser, auf der einen Seite ein zusammengekauerter Wald, auf der anderen schlagen die Wellen gegen schartige Felsplatten. Nicht diese gerundeten Dinger, die man sonst an den skandinavischen Schärenküsten findet. Die Felsplattenstrände auf Öland sind eckig wie die in der Toskana, nur eben nicht in warmen Brauntönen, sondern in kalten Grautönen. Daneben liegt ein breiter Streifen Kies fast ohne Pflanzen.

Dieses Bauprojekt wurde
gut begründet:
Brücke zu Stora Grundet

Als wir an einer Wendeschleife ankommen, ist es wieder ein bisschen bewachsener, sogar ein Baum spendet Schatten für den Rastplatz. Damit sind wir am Norra Udde, dem Nordende der Insel angekommen. Eine kurze Holzbrücke führt allerdings noch rüber auf die Insel Stora Grundet, die mit anderen Inseln die Einfahrt in die Bucht blockiert. Auch wenn davon nicht viel zu sehen war: In Richtung Norden zersplittert die Ostküste Ölands auch ein bisschen in eine kleine, bescheidene Schärenlandschaft.

Sandland: Das östliche Ende
von Stora Grundet

Stora Grundet jedenfalls besteht aus einem Haufen sandiger Wege mit niedrigen, windgebeutelten Gräsern und Bäumchen. In der Mitte steht der Långe Erik, das weitgehend identische Gegenstück zum Lången Jan im Süden. Bis 1976 lebten auf der Insel der Leuchtturmwärter, der Chefleuchtturmwärter und der Leuchtturmwärterassistent, alle jeweils mit ihren Familien - sie hatten sogar eine Schule für die Kinder. Nach der Automatisierung gab es hier nur noch einen Meteorologen. Die früheren Häuser dienen heute als Eisladen, eines enthält noch immer ein Signalhorn für neblige Tage.

Jenga für Vollprofis:
Steintürme auf Stora Grundet

Als wir ein paar Schritte nach Norden machen, stehen wir urplötzlich vor einem kompletten Wald aus Steintürmen. Damit meine ich diese kleinen Dinger, die manchmal Wanderer als eine Mischung aus Wegweiser, Ich-war-hier und Pausenbeschäftigung aufstapeln. Ich habe aber noch nie so viele auf einem Ort gesehen, schon gar nicht im Flachland, und manche davon echt hoch. Der Steinstrand ist komplett blockiert, denn aus Respekt vor diese Stapelleistung wagt es kein einziger Tourist, sich da durchzuschlängeln und im Meer zu schwimmen. Yumi und der Nightmare-Painter könnten hier ihren Traumurlaub verbringen.

Wüste-Beleidigung: Die
Promenade von Byxelkrok
ist potthässlich. 

Dann sind wir auch schon in Byxelkrok, dem kleinen Zentrum Nordölands. Es ist ein wirklich sehr kleines Zentrum, und auch noch ein ziemlich komisches. Rechts von der Hafenstraße steht ein Haufen roter Häuser mit Geschäften, die zum Beispiel Kinderkleidchen mit Pippi-Langstrumpf-Motiv verkaufen, und Restaurants mit einem extra Hundemenü: 2 Köttbullar für 20 Kronen, eine rohe Wurst für 15 Kronen, ein rohes Ei für 10 Kronen. Diese Hälfte hat außerdem einen öffentlichen Trinkwasserhahn und ist somit ganz in Ordnung.
Die andere Hälfte dagegen ist eine Art Steinwüste mit großen Brocken, in deren Mitte eine Fontäne auf algenbewachsene Steine prasselt und vergeblich versucht, der Wüste etwas Frische einzuhauchen. Dahinter parken Wohnmobile die Wüste zu. Es ist heiß, richtig heiß. Aber es gibt immerhin eine Ladestation für E-Bikes, an der ich frischen Strom zum Mithalten tanke.

Mit KfZ und Kegel: Fähre
Byxelkrok - Oskarshamn

In der Mitte von alldem legt die zweite Öland-Fähre ab. "Schwedens gemütlichste Fähre" fährt noch bis zum 28. August zweimal täglich in jede Richtung, wann genau, sollte man vorher bei der Buchung nachschauen, denn es kann immer mal um eine halbe Stunde vom allgemeinen Fahrplan abweichen. Eine halbe Stunde vorher stehen die Autofahrer in der prallen Sonne Schlange, daneben am Rand die Radler und Fußgänger. Schließlich legt der olle Stahlkahn an, die Spitze fährt mit der Durchschnittsgeschwindigkeit einer fußlahmen Schnecke nach oben, und ein Matrose entfernt den Kegel, der bislang ganz allein sämtliche illegalen Fahrten auf die Rampe verhindert hat. Das olle Schiff schwankt ziemlich stark in den Wellen des Kalmarsunds, ein Matrose wickelt deshalb nochmal extra ein Seil um alle Fahrräder. Die Fahrt geht nach Oskarshamn auf dem Festland, von wo aus auch Anschluss nach Gotland besteht, beide Inseln lassen sich also gut zu einer zweiwöchigen Tour verbinden. Für die Überfahrt braucht es zwei Stunden. Zum Vergleich: Die Gotlandfähre nebenan fährt etwa dreimal so weit, braucht dafür aber nur eine Stunde länger. Die Hälfte der Fahrzeit läuft ein Video mit Sicherheitshinweisen auf dem Bildschirm. Aber es gibt immerhin ein sonniges Außendeck und einen schattigen Imbissraum mit ausreichend Sitzplätzen im Inneren, also ist das allem Gemecker zum Trotz schon in Ordnung.

Sternzeichen unbekannt:
Die Blaue Jungfrau

Und die Aussicht ist nicht schlecht. Denn wir ziehen ziemlich dicht vorbei an einer ganz speziellen Insel, die schon auf Öland alle Blicke auf sich gezogen hat. Eine einsame Kuppe brauner Felswände mit Wald drauf ragt aus dem Kalmarsund, ungewöhnlich hoch und erstaunlich regelmäßig. So ähnlich habe ich mir die Vogelinseln aus Isles of the Emberdark vorgestellt. Ausflugsschiffe von Byxelkrok und Oskarshamn fahren dorthin. Es ist kein Wunder, dass dieses unwirkliche Eiland die Fantasie der Menschen beflügelt hat - aber leider nicht immer zum Guten. Die magische Insel heißt Blåkulla oder Blå Jungfrun und ist angeblich eine Schildkröte. Auf dem Panzer der Blauen Jungfrau treffen sich Schwedens Hexen für ihre magischen Rituale. Eine Info, die bei heutigen Menschen wahlweise ein Okay, sollen sie doch oder ein Kann ich mitmachen? hervorruft, aber zur Hochzeit der Hexenverfolgung natürlich todernst genommen wurde. Die Insel ist im Prinzip der schwedische Brocken, wenn der Brocken in der Ostsee liegen würde und Mittelpunkt einer irrwitzigen Verschwörungstheorie gewesen wäre. 

Badesand: Strand
von Byxelkrok
Es begann damit, dass ein Mädchen in einem Heim behauptete, sie sei für irgendwelche obskuren Teufelsrituale auf die Insel entführt worden. Die Erwachsenen nahmen die Sache ernst, und nach intensiven Befragungen begannen sich plötzlich immer mehr Menschen an ihre angebliche Zeit als Kind auf der Insel zu erinnern. Das Ergebnis war eine lawinenartige Denk-doch-einer-mal-an-die-Kinder-Hysterie, die selbst QAnon neidisch erblassen lassen würde. Mahnende Stimmen in Kirche und Staat, die das alles ein bisschen übertrieben fanden, gingen unter. Erst nach vielen Prozessen und Todesurteilen gestand das ursprüngliche Mädchen irgendwann kleinlaut ein, sie sei nie auf der Insel gewesen und habe sich das nur ausgedacht, um sich wichtig zu machen. Peinlich berührt kehrte ganz Schweden die Affäre unter den Teppich.

Vom Grauen ins Grüne:
Radweg aus Byxelkrok

Gut, aber jetzt zurück auf Öland. Schauen wir noch kurz nach, was hinter Byxelkrok kommt. Die Antwort: Schönere Dinge als Byxelkrok. Die kahlen Steinfelder sind vorerst vorbei, jetzt wird es grüner. Zuerst kommt ein netter Strand mit einer kleinen Seebrücke, einem Beachvolleyballfeld und einer Sauna in einem Fass. Die kann nur nutzen, wer Vereinsmitglied ist. Das funktioniert so: Mitglieder kriegen einen Türcode, sie können die Sauna aber nicht reservieren. Wenn man kommt und es ist noch jemand drin, dürfen die Leute im Fass noch maximal 45 Minuten fertigsaunieren.


Ein Lichtlein klein: Das
Byxelkroker Leuchttürmchen
Der Radweg folgt der Straße hinter dem Strand, und ganz hinten folgt eine ausgesprochen hübsche Dünenspitze mit einem ausgesprochen kleinen, quadratischen Leuchtturm drauf. Im Prinzip ist es eher ein weißer Leuchtwürfel. Die Treppe kann man einfach so hochsteigen, ohne Eintritt oder irgendwas. Obendrauf steht noch eine weiße Metallröhre mit Spitzhut, unter der es hervorleuchtet.

Rückwärtsgewandt:
Blick vom Leuchtturm auf die
Bucht von Byxelkrok
Es folgen noch ein paar Kilometer absolut schöner Küstenradweg, der noch zum Gebiet von Byxelkrok gehört. In den schiefen Kiefernwald hat sich ein weißes Pferd verlaufen, das in dieser Umgebung aus der Ferne wie ein Einhorn anmutet.
Kann das Seinhorn?
Pferd im Küstenwald

Dazwischen immer wieder offene Bereiche mit einem seltsamen Fruchtbarkeits-Kontrastprogramm: Rechts zwängt sich das Gras mit Mühe aus dem steinigen Alvar-Boden, links dagegen beginnen gleich hinter der Mauer dichtbewachsene Gärten, in denen die Obstbäume voller Obst hängen.
Anschließend folgen noch ein paar Kilometer Kieswege durch den Wald, so wie wir sie gestern schon hatten.

Links üppig, rechts gestrüppig:
Gärten und Küstenweg
bei Byxelkrok

Und dort geht noch einmal ein Abzweig ab zum letzten, schönsten und küstennächsten Shelter auf dem Ölandsleden. Es ist zwar ein kleiner Umweg in diesen Küstenwald, aber dafür wird der Radfahrer reich belohnt. Diese Hütte hat kein Plumpsklo, dafür hat jemand im Inneren sogar Kissen und Kuscheldecke zurückgelassen, für den Fall, dass es kälter werden sollte als geplant. Unhygienisch ist das nicht zwingend, schließlich lassen sich die Dinger auch von außen auf oder unter den eigenen Schlafsack legen.

Decken statt Zecken:
Shelter im Nordwesten
Das wahre Highlight ist aber die Lage im schönsten Nadelwald, das Wasser im Blick, nur ein paar Meter von steinigen Strand entfernt. Ein laminierter Zettel zeigt zwei Luftaufnahmen dieses Waldes: In den 1940ern war wohl alles kahl, 2017 dann zugewachsen. Aha, und da steht auf Schwedisch, der Mensch hat irgendwie mitgeholfen? Das ist ja nett, dass der Mensch alles wieder angepflanzt hat, was er abgeholzt hat.
Diese voreilige Schlussfolgerung ist absoluter Käse. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Seit den 1940ern ist alles von Natur aus immer mehr mit Kiefern zugewachsen, und jetzt schafft er Mensch wieder künstliche Lichtungen. Der Wald ist jetzt nämlich so dicht, dass einige der ältesten Bäume durch die junge Konkurrenz abzusterben, und auch andere Arten, die auf Licht angewiesen sind, finden keinen Lebensraum mehr. Der Zettel bittet um Entschuldigung für das wüste Aussehen, aber das würde langfristig die natürliche Vielfalt erhöhen. Anders als in Byxelkrok kann ich nichts erkennen, das wüst aussieht, somit fällt mir die Entschuldigung leicht. Die Frage ist nur: Wieso war es in den 1940ern überhaupt so kahl, also wieso sind die Kiefern nicht schon früher gewachsen? Vielleicht hatte das doch etwas mit dem homo sapiens und ein paar bitterkalten, mangelhaften Kriegswintern zu tun.
Bringen keine Abwrackprämie:
Kaputte Boote

Ob die kaputten Holzboote am Strand wohl auch aus dieser Zeit stammen? Sie liegen mit dem Kiel nach oben, es fehlen einige Balken. Das verrostete Gerät mit dem großen Zahnrad war vermutlich eine Vorrichtung, um sie an Land zu ziehen. Solche Boote liegen an mehreren Stellen an den Badestränden von Ölands Westküste, aber genau wie das Shelter sind sie nirgendwo so malerisch wie hier.

Sonntag, 5. Juli 2026

Rindö

Ich wollte zumindest eine der Stockholmer Schären befahren (neben den Innenstadt-Inseln). Nach kurzem Stöbern auf Mapy entschied ich mich für Rindö, denn die Insel war überschaubar groß und schien dabei ein Querschnitt von allem zu sein - ein bisschen Stadt, ein bisschen Natur, ein bisschen Geschichte, ein bisschen Hafen und ein bisschen Militär. Wobei sich so was natürlich nicht wirklich anhand einer Onlinekarte erkennen lässt, wahrscheinlich würde es vor Ort ganz anders aussehen.
Tat es nicht. Meine Einschätzung mit dem Querschnitt traf genau ins Schwarze.
Schwieriger war es da schon, die Internetseiten davon zu überzeugen, mir doch bitte die nächsten Schiffsabfahrten zur Insel anzuzeigen. Die Stockholmer Nahverkehrsseite kennt die Schiffslinien, zeigt die Verbindungen aber nur an, wenn man ausdrücklich als einziges erwünschtes Verkehrsmittel Schiffe auswählt.

An die Haltestelle Strömkajen brummte ein bequemes Schiffchen heran und klappte schon vor dem Anlegen seine Schnauze auf. Eine Rampe fuhr hervor, und zack, zack, zack, blitzschnell strömten die Fährgäste runter und rauf, ich sollte mein Rad im Außenbereich hinstellen, dann verschlossen die Mitarbeiter die Tür und los ging die Fahrt. Der ganze Ein- und Ausstieg ging, obwohl technisch komplizierter, gefühlt fixer als in einer beliebigen deutschen Straßenbahn.
Der Vergleich ist nicht abwegig, denn offensichtlich fuhren hier hauptsächlich Stockholmer von der Arbeit nach Hause. Und das taten sie verdammt gut gekleidet. Mann, warum musste meine Schwester nach ihrer eigenen Stockholmreise erzählen, wie gut anzogen die Schweden sind? Hätte sie meine Aufmerksamkeit nicht auf all die Hemden und Anzüge gelenkt, dann hätte ich mich auf der Fähre weniger komisch gefühlt. Weil es bequeme Sitze und Strom gab, konnte ich mich immerhin digital von der modischen Diskrepanz ablenken. Oder mich durch Erstellung von Memes noch mehr damit beschäftigen.

Ich checkte per Kreditkarte ein und bezahlte am Ende 3,1 Euro. Genau wie in Helsinki sind die öffentlichen Nahverkehrsfähren das mit Abstand Günstigste der ganzen Stadt.
Nach über einer Stunde (wie viel genau, hängt von der Fährlinie ab) legen diese Schiffe an der Uferpromenade von Vaxholm an. Die Erfindung des Dampfschiffs machte Vaxholm zu einem gut angebundenen Ausflugsort mit Spielplätzen und oranger Bäderarchitektur, und ich fühlte mich plötzlich an Waren an der Müritz erinnert. Außer dass mitten in der Hafenzeile plötzlich ein Stapel weißer Containerwohnungen die ganze Architektur verwirrte.
Vaxholm liegt auf der Insel Vaxön, die sich für eine Fahrradumrundung nicht eignet: Die eine Hälfte ist Stadt, die andere ein Wald, in dem nur Wanderpfade verlaufen. Weiter geht es also noch zwei Stationen mit einem zweiten Linienschiff, und damit wäre ich angekommen an Rindö Västra, der westlichen Station auf der Insel, zu der ich wollte. Auch wenn ich mich bei dem Anblick erst mal fragte, warum eigentlich. Rund um das gläserne Haltestellengebäude sah ich erst einmal nur staubiges Gewerbegebiet, Asphalt und Bootsstege.

Rindö wird in alle Himmelsrichtungen von Nachbarinseln bedrängt. Der größte Blickfang ist wohl die Festung Vaxholms Kastell auf der Mini-Insel Vaxholmen, nicht zu verwechseln mit der Stadt Vaxholm auf Vaxön. (Die haben das doch mit Absicht so verwirrend genannt, damit die Leute an der falschen Stelle aus dem Boot aussteigen.)
An insgesamt vier Stellen legen Fähren auf Rindö an, nur die Bootshäuser der Narchbarinsel Skarpö im Norden sind über eine kurze Brücke angebunden. Warum nur Skarpö, die Abstände sind doch überall so kurz? Weil die Einfahrt nach Stockholm für die großen Pötte frei bleiben muss.

Ich radelte erst mal ein Stück nach Norden zur Brücke, auch wenn das eine Sackgasse war. Das lohnte sich. Zum einen hatte ich dort den besten Blick auf Vaxholms Kastel, zum anderen zeigte auch Rindö selbst direkt seine höchsten Felswände und schönsten Landschaften. Ich entdeckte diese herrliche Küste aus sanften Felsen mit Gras und verstreuten Nadelbäumen. Ach, das wäre der perfekte Biwakplatz! Es tat mir in der Seele weh, ihn zurückzulassen, aber leider, leider sagte der Wetterbericht stundenlangen Regen voraus. Und zum Zelten war die Stelle dann doch zu felsig, uneben und exponiert. 

Schweren Herzens fuhr ich noch etwas weiter in die Inselmitte, wo ein Radweg neben der Hauptstraße verlief. Große Kleingärten, Gewächshäuser und gelbe Kasernen säumten die Strecke. Ich musste jetzt möglichst bald eine Zeltstelle finden, denn Dämmerung, Regen und ein Militärgebiet nahten, zudem hatte die letzte Werkstatt mein Licht nicht reparieren können.

Naja, dachte ich, als ich auf eine Nebenstraße in den Wald abbog. Wenn diese kleine Insel trotz der Nähe zur Stadt den perfekten Biwakplatz hat, dann wird sie wohl nicht auch noch den perfekten Wildzeltplatz haben. Wie unwahrscheinlich wäre das denn?
Dann fand ich diese Stelle. Absolut blickdicht, bequem erreichbar über einen Waldpfad, mit einer großen flachen Freifläche auf trockenem Laub und auch optisch durchaus ansprechend. Perfekt, um auch mal ungestört bis morgens um neun liegen zu bleiben und dem Rauschen zu lauschen.

Als das Rauschen verrauschte, packte ich zusammen und drehte einen Bogen um die Nordseite der Insel, vorbei an Pferdeweiden, eine davon mit Hindernissen. Die braunen Pferde waren in überaus unmodische Fliegendecken ausgestattet, die schwarzweißen mussten ohne zurechtkommen, ein weißes hatte ein Zeichen in den Allerwertesten eingebrannt. Ein kleines Pony namens Bumle durfte keinesfalls gefüttert werden, denn es bekommt bereits vier Mahlzeiten am Tag und wird von Gras, Früchten und hartem Brot todkrank. Das verwöhnte Tier stierte mich trotzdem missmutig an, als ich dem Schild gehorchte.

Dann wurde es kurz steil und ich drang ins Militärgebiet ein. Darauf weist die graue Linie in der App hin, für alle, denen Straßennamen wie Militärvägen und Grenadjärsvägen zu subtil sind. Es mag sein, dass das Gebiet (genau wie das sjutfält auf der Insel gegenüber) noch immer der Armee gehört. Für mich sah das aber alles lange verlassen aus, auch Warnschilder gab es keine.
Im nassen Wald versteckte sich ein niedriger Bunker namens Byviksfort. Der wurde 1800 nach einem ganz neuen Prinzip erbaut: Ein großes "Schussobjekt" in der Mitte und große Wallgräben, die es flankieren. Dann aber wurden die Kanonen versetzt und Byviksfort war bloß noch Munitionslager, und so sieht es auch aus. Ein verwirrendes Schild bewirbt ein Museum in Vaxholm, in dem es um Soldaten, Hexen, Hunde mit Schüsseln auf dem Kopf und sprechende Bomben geht.
Alternativ kann man auf Rindö auch eine Unique Swedish Experience buchen. Sprich: Ein Picknick auf der Insel mit Kaffee und Zimtschnecken. Für schlappe 1195 Kronen.

Schließlich kam ich am Badestrand von Rindö heraus. Der besteht zwar aus Kies und Gras, ist aber auch mit einem Badesteg und Rettungsring ausgestattet. Und die Aussicht über das Schärenmeer könnte schöner nicht sein.
Das große gelbe Schild auf dem Felsen verkündete, ankern, fischen und tauchen sei verboten, denn es handele sich noch immer um ein skyddsobjekt. Also wird hier doch noch geschossen?! Ach nee, Moment, ich darf nicht sjut mit skydd verwechseln, das ist nur ein Schutzobjekt, wichtiger Unterschied.
Besonders beeindruckend wird es, wenn eine große Fähre vorbeiwummert. Und zufälligerweise geschah gerade genau das. Es war sogar eine Viking Lines, mit der ich gestern erst hier vorbeigefahren war. Der Perspektivwechsel von oben nach unten hätte größer kaum sein können.

Überrascht stellte ich fest, dass ich auf diesem Kiesweg auch problemlos direkt an der Küste entlangfahren konnte. Ich musste nur zwei Spaziergängerinnen überholen, und dann nochmal überholen, weil ich ein Foto gemacht hatte, und schon lag der schönste Abschnitt der Inselrundfahrt direkt vor mir.


Hier beginnt die Meerenge Oxdjupet, einer der drei nördlichen Stockholm slussar, also Schlösser bzw. Zufahrten. Und wie das mit Zufahrten meistens so ist, soll da nicht jeder einfach so reinfahren können. Darum baute Stockholm gegenüber auf der großen Nachbarinsel Värmdö einen braunen Würfel und weiter oben ein rundes braunes Ding namens Fredriksborg. Zwischendurch schütteten sie die Wasserstraße auch zu, merkten dann aber, dass aus irgendeinem Grund weniger Handelsschiffe Stockholm erreichten. Sie öffneten die Oxdjupet wieder, schickten die veraltete Fredriksborg in Rente und bauten 1870 direkt gegenüber auf Rindö einen Ersatz namens Oskar-Fredriksborg. (Der damalige König hat einfach seinen Namen angehängt.)
In der Zwischenzeit war nämlich so einiges erfunden worden: Zement, 30 Zentimeter dicke Panzerplatten und Nitroglycerin. Dieses explosive Zeug ist schuld daran, dass die Oskar-Fredriksborg größtenteils gar nicht zu sehen ist. Das bisschen Zement, Feldsteinmauern (es gab wohl nicht genug Zement) und Gras ist nur die Spitze des Schießbergs.

Darunter zieht sich ein Tunnelnetzwerk unter der Insel durch. Das erklärt dann wohl auch die komischen verrammelten Tore, die ich immer wieder in den Felswänden gesehen habe.
Falls jemand von Land angreifen sollte, schützen Gräben die Festung. Die Oskar-Fredriksborg ging 1930 in Rente, das dazugehörige Dieselkraftwerk erst in den 50ern. Obwohl alles unter Schutz gestellt und restauriert ist, kann man die Tunnel nicht betreten. Nur die ältere Fredriksborg gegenüber ist für Besucher geöffnet.
Dass eine der beiden Anlagen je kriegsentscheidend war, wird nirgendwo erwähnt. Sie bleiben also einfach nur ein Zeugnis davon, wie sich eine Hauptstadt mit einem Vorgarten voller Inseln verteidigt.

Es folgt die einzige zusammenhängende Ortschaft auf Rindö, die nach der Festung ebenfalls Oskar-Fredriksborg heißt. Erst einmal verirrte ich mich in einem neuen Wohnblockviertel und nahm einen Schleichweg den Hang herunter zwischen dürren Büschen auf einer Fläche, die aussah, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis dort auch Wohnblocks stehen.
Aber Rindö hat auch viele schöne Gebäude. Die gelben Holzvillen erinnerten noch an Finnland, die gelben Steinbauten waren gehörten vermutlich auch dem Militär, und sogar die klassischen roten Holzhäuser sind auf Rindö besonders filigran mit weißen Balkons und Dekorationen gestaltet, zum Beispiel das alte Schulhaus.

Etwas schlichter und rechteckiger ist das Katzenheim. Offenbar existiert auf Rindö nur eine einzige Haustierart, sodass sich das örtliche Tierheim entsprechend spezialisiert hat.

 

Am Hafen hatte das Militärviertel sein Herz, mitsamt Kantine und Meetingraum. Auf den Wiesen ringsherum sprießen lauter komische Skulpturen aus dem Boden.
Sogar das Krankenhausgebäude beanspruchte die Marine für sich - nicht so schlimm, die Insel hatte noch zwei weitere Krankenhäuser. Ein Schwarzweißfoto zeigt, wie es damals aussah. Gar nicht so anders, nur der Wasserturm ist weg.


Ein Wegweiser kündigte an, dass ich an der Südseite von Rindö auf dem kustlinjen entlangfuhr. Dieser Radfernweg folgt einem Teil der schwedischen Ostseeküste, übers Festland und die Stockholmer Schären. Aber es ist keine richtige durchgehende Strecke, eher eine Ansammlung vereinzelter und verzweigter Routen, bei der unklar bleibt, wo ich überhaupt anfangen und aufhören soll.
Trotzdem war auf der kustlinjen eine Veränderung zu erkennen. Die leicht hügelige Straße im Süden hatte schmale, gestrichelte Fahrradstreifen. Durch die Nadelwälder schimmerten andere Nadelwälder auf der Insel Ramsö hindurch.

Am Ende kam ich zurück auf die Hauptstraße mit dem Radweg, denn auf einem Teil der Inselrundfahrt lässt es sich nicht vermeiden, denselben Hin- und Rückweg zu nehmen. Dann rollte ich auch schon auf den Hafen zu, vorbei an einer Autoschlange, die auf ihre Fähre wartete.
Das nächste Linienschiff sollte erst in einer Stunde abfahren. Aber Moment - auf das Schiff von gestern passen doch gar keine Autos drauf, wie kommen die dann von der Insel runter?
Sie nehmen eine der gelben Gratisfähren, denn die verkehren ebenfalls nach Vaxholm. Perfekt, und wo fahre ich da jetzt drauf? Ich hielt mich an eine schwedische Radlerin, die ebenfalls am Stau vorbeigezogen war, das Fahrradverbotsschild gekonnt ignorierte und ihr Rad über den Fußgängerstreifen auf das Schiff schob.