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Dienstag, 7. Mai 2024

Von Peraküla nach Suurupi

Am nächsten Morgen hatte der miese Waldweg zumindest einen nicht ganz so miesen Seitenstreifen.


Dann lag dieses ungewöhnliche Naturschutzgebiet endlich hinter mir. Mein Ziel für heute: All die kleinen Highlights sehen, die noch auf dem Weg zur Hauptstadt liegen, damit ich morgen direkt nach Tallinn reinzischen kann.

An der Straße hatte ich wieder mal meinen eigenen Weg und meine eigene Brücke. Die Autobrücke ist ein Mysterium von 1924, aber vielleicht auch noch viel älter und ursprünglich aus Holz oder doch aus Stein, weiß man alles nicht. Aber eigentlich müsste hier schon echt lange eine stehen, schließlich ist der Fluss echt nicht breit und direkt dahinter steht ein Kloster.

Glasscheiben zeigen, wie das Gebäude mal aussah, als sich 1370 Zisterziensermönche in Padise ansiedelten. Die Scheiben sind eine gute Idee, denn das massige, aber eben nur halbe Bauwerk überlässt doch einiges der Fantasie.
Das Kloster begann als Ableger des Klosters Dünamünde bei Riga. Viele Klöster haben eine Mauer außenrum, aber dieses hier war voll und ganz als Festung ausgebaut. Es ist das einzige Festungskloster in Nordeuropa. Vielleicht wurde dieses Design zur selbsterfüllenden Prophezeiung, auf jeden Fall kämpften Schweden und Russen im Livländischen Krieg erbittert darum.

Die Schweden gewannen, das Kloster eher nicht. Es wurde: Militärlager, Ruine, Gutshaus, nochmal halbe Ruine - die Mönche waren sicher nicht begeistert.
Ebenso wenig begeistert wären sie von den Flüchen gewesen, die ich vor ihren Toren ausstieß, als ich glaubte, mein Portemonnaie verloren zu haben. War aber falscher Alarm.

Im nächsten Dorf erwartete mich ganz unerwartet eine Premiere: Die erste Felswand außerhalb einer Steilküste. Sie duckt sich unter eine Kirche, als wäre so etwas ein ganz normaler Anblick im Ortsbild. Ein eindeutiges Zeichen, dass Skandinavien näherkommt!
Über der Kirchenmauer hingen unzählige karierte Strickdecken zum Trocknen - auf den ersten Blick hielt ich sie für Flaggen.

Auch auf dem Festland wollte ich zumindest noch einen Finger komplett bis zur Spitze umrunden. Die Schilder sagen dazu Nee, lass ma, aber der Bikeline schickt mich komplett auf den Finger namens Pakri, auf dem sogar eine Stadt liegt.
Paldiski ist die zweitkleinste Stadt Estlands (immerhin größer als Kärdla), genießt aber das Privileg, per Bahn direkt an die Hauptstadt angebunden zu sein. Letztlich wirkt Paldiski damit wie ein outgesourctes Wohn- und Industriegebiet von Tallinn. Die Sowjetunion installierte hier Atom-U-Boote und einen Reaktor, und so sieht Paldiski auch aus.

1912 hieß der Ort noch Baltischport, als sich der deutsche Kaiser und russische Zar hier zum Plaudern trafen. Frankreich befürchtete direkt ein Bündnis der beiden und überschätzte damit massiv die Schläue seines Feindes.
Gleise, Fabriken und schließlich Wohnblocks zogen vorbei, ohne dass mein Blick irgendwo hängenblieb.

Langweilig! Ich folgte der Straße aus der Stadt hinaus, an den streng gesicherten Mauern eines Recyclinghofs oder Gefängnisses (keine Ahnung) vorbei bis an die Spitze.

Das ging ja fix.
Eine weiße Statue mit dem Titel Last Sign of a Ship begrüßte mich am Ende der Halbinsel. Das letzte Zeichen eines Schiffs besteht offenbar aus einer nackten Frau, die aufs Meer guckt.
Ein bisschen erinnerte mich die Stelle ans Kap Arkona. Ein hoher Leuchtturm, ein Restaurant und eine weite Grasfläche, hinter der das Land plötzlich steil abfällt. Wie genau es abfällt, konnte ich vom Radweg nicht erkennen.

Aber es gab auch Trampelpfade über das Gras, also mal sehen, wie es da... oha. Das ist ja fast schon ein zweites Panga Pank!
Braune Steinplatten splittern nach und nach ab in die Tiefe, von unten ist der Fels schon ganz ausgehöhlt. Da würde ich mich lieber nicht an die Spitze stellen. Auf den Klippen von Pakri Pank stehen die Grundmauern irgendwelcher Häuschen. Die Ruinen lassen sich farblich kaum von den Felsen unterscheiden und stürzen aus Loyalität gemeinsam mit ihnen ab.

Ich sah Menschen unten im Leuchtturm verschwinden, doch niemand kam oben auf der Plattform heraus. Komisch, aber ich beschloss, es trotzdem mal zu versuchen. Im Kassenhäuschen gab es direkt die Antwort: Der Balkon außenrum ist wegen Bauarbeiten geschlossen, aber man kann in den verglasten Raum mit der Lampe hineinsteigen.
Die endlose Spiraltreppe hatte auch etwas Baustellenhaftes - und Beklemmendes. Ein Netz umspannt die Treppen, weil man dem Geländer anscheinend nicht genug vertraut. In der Mitte fährt ein Lastenaufzug in die Unendlichkeit.

Wer einen Leuchtturm-Scheinwerfer mal ganz aus der Nähe sehen will, für den dürfte sich der Aufstieg mehr als lohnen. Wer weit über die Küste von Pakri blicken will, für den auch.

Wer aber Fotos von dieser Aussicht ohne Gitterstäbe knipsen will, für den nicht.

Kurz hinter dem Leuchtturm endet die Straße. Der Rückweg auf der anderen Seite des Fingers dauerte mindestens dreimal so lange.
Die Küste bleibt felsig. Und was wird eine so stark industrialisierte Halbinsel wohl daraus machen? Steinbrüche! Irgendwo zwischen Meer, künstlichen Kratern, Fabriken und Windrädern winden sich holprige Pfade hindurch, die auch noch mit riesigen Pfützen bedeckt sind. Was insbesondere dann kritisch wird, wenn das schmale Stück zwischen tiefer Pfütze und noch tieferem Abgrund nur ein paar Zentimeter breit ist.

Ich kenne und schätze meine Kartenapp mapy.cz dafür, dass sie selbst die allerkleinsten Wasserfälle penibel einzeichnet. Und auf Pakri gibt es ganze fünf davon. Bisher dachte ich: Das einzige, für das ich genau zur richtigen Jahreszeit hergereist bin, sind Frühlingsblumen. Von denen ist auf Pakri aber auch noch nichts zu sehen, kahle Büsche und fahles Moos, so weit das Auge reicht. Aber Moment mal, die Wasserfälle müssten jetzt doch auch am stärksten sprudeln! (Naja, sagen wir einfach, sie sprudelten. Im Sommer sind diese Rinnsale wahrscheinlich ausgetrocknet.) Also fasste ich den Entschluss, jeden einzelnen zu entdecken. Fünfmal ließ ich das Rad am Wegesrand stehen und kraxelte durchs graue Gehölz. Ohne die App hätte ich definitiv keinen der versteckten Fälle entdeckt.

Wasserfall Nr. 1 ist vielleicht der beste, er rauscht zielstrebig über eine steile Felskante in Richtung Meer.

Wasserfall Nr. 2 ist vielleicht der lahmste, er tröpfelt träge durch das Moos weit abseits vom Meer.

Wasserfall Nr. 3 sprudelt eifrig durchs Unterholz und muss dann noch ein kurzes Stückchen zum Meer zurücklegen.

Ähnlich sieht es bei Wasserfall Nr. 4 aus, der vielleicht am meisten Wasser führte und von jungen, schlanken Bäumen umgeben war.

Wasserfall Nr. 5 dagegen ist mit Steinplatten dekoriert und plätschert über mehrere Felsstufen auf den Sandstrand.

Zu guter Letzt war noch einer weitere Steilküste in der App verzeichnet, aber die war ein schlechter Scherz. Damit war meine Umrundung von Pakri abgeschlossen.

Der nächste Zwischenstopp ist ein tragischer. In Klooga beginnt ein verwinkelter Weg durch den Wald bis zum Bahnhof. Dreieckige Mauern zoomen in mehreren Schritten in das Thema hinein: Der Holocaust im Allgemeinen, der Holocaust in Estland, der Holocaust in Klooga. Bei der Einweihung der Gedenkstätte 2005 gab der Ministerpräsident Ansip erstmals zu, dass estnische Polizisten dabei mitgewirkt hatten, die Juden Estlands aufzuspüren. Aber auch Gefangene aus Theresienstadt in Tschechien, Frankfurt oder Berlin wurden hierher verschoben. Im Konzentrationslager von Klooga mussten sie Häuser bauen, auf den Feldern ernten und Beton herstellen (deswegen besteht ein Gedenkstein aus Beton). Viele hofften, nach Klooga verlegt zu werden, denn die Bedingungen galten hier als geringfügig besser, zum Beispiel gab es Häuser aus Ziegelsteinen mit fließendem Wasser. In der Zementfabrik oder Sägemühle arbeiteten sie neben normalen estnischen Lohnarbeitern, die ihnen heimlich Essen zusteckten.
Als die Front immer näher rückte, half das alles aber auch nicht. Am 19. September 1944 erzählte die SS den Häftlingen, sie würden nach Deutschland verschifft und müssten jetzt bei den Aufräumarbeiten helfen. Als zu diesen Aufräumarbeiten die Errichtung eines Scheiterhaufens gehörte, wurden einige misstrauisch und versuchten zu fliehen, nur sehr selten mit Erfolg. Auch daran waren ein paar estnische Polizisten beteiligt.

Solch ein großer Scheiterhaufen ließ sich nur schlecht verstecken. Als die Sowjetarmee einmarschierte, entdeckte sie die hastig kaschierten, halbverbrannten Überreste des Massakers. Es war einer der ersten Beweise für den Holocaust, von dem die Alliierten bis dahin nur vom Hörensagen erfahren hatten. Wie reagierte Stalins Regime darauf?
Gut: Internationale Journalisten wurden eingeladen, um ihnen alles transparent zu zeigen.
Fair: Deutsche Kriegsgefangene wurden verpflichtet, einen Friedhof für die Toten auszuheben, der hier heute noch liegt.
Weniger gut: In der eigenen Propaganda wurden aus den Mordopfern bald durchgehend "Bürger der Sowjetunion", obwohl nur die wenigsten Juden diese Staatsbürgerschaft hatten.

Die restliche Strecke bestand aus straßenbegleitenden Radwegen, hier und da blinkte das Meer durch den Wald.

In Kloogaranna folgte überraschend Wasserfall Nr. 6. Direkt neben dem Radweg hüpfte der Fluss die eine oder andere Stufe herunter. Für einen genaueren Blick folgt auch ein Pfad seinem Ufer. Heute ist offenbar Wasserfall-Tag.

Eine Nummer größer ist Wasserfall Nr. 7, eine Staustufe in Keila-Joa.

Aber die ist nichts gegen Wasserfall Nr. 8 - der Rheinfall Estlands! Menschen drängten sich durch den Park und über die Felsen, um vor diesem Naturwunder zu posieren. Denn obwohl er im künstlichen Landschaftspark von Keila-Joa liegt, ist der 7000 Jahre alte, 70 Meter breite und 6 (leider nicht 7) Meter hohe Wasserfall natürlichen Ursprungs. 6,5 Kubikmeter fließen pro Sekunde durch, was in Estland immerhin für Platz 2 reicht.
In der Mitte rauschte es kräftig, aber sollte der Fluss noch mehr Wasser führen, gibt es noch Stauraum! Am Rande befinden sich trockene Felsplatten (unten im Bild), die der Fall noch nicht überspült hatte. Einige stiegen für bessere Fotos oder einen Adrenalinkick über das Geländer und auf den trockenen Wasserfall, dabei ist das Panorama auch so schön genug. Gleich hinter dem Fall ragen alte Mauern und das prächtige Gutshaus auf. Auch ein kleines Wasserkraftwerk stand da mal.
Also schnell Fotos machen, ehe das Panorama weg ist! Schließlich schleift das Waser den Kalkstein ab, und der Fall wandert pro Jahr 9,2 Zentimeter landeinwärts.

Hin und her, die Hügel rauf und runter winden sich die Wege durch den Park. Auch eine Liebesinsel mit einem Gitter voller Vorhängeschlösser gehört selbstverständlich dazu.
Kurze Comics in mehreren Sprachen erzählen die Geschichte des Landschaftsparks, zum Beispiel, wie der Komponist Alexei Lvov die Lvov-Brücke designt hat, auf ihr die Idee für die Hymne des russischen Zarenreichs hatte und dann sein Instrument ins Wasser schmiss, weil, Künstler halt.

Alle Quellen behaupten, der Landschaftspark würde sich bis zur Ostsee hinziehen, also wollte ich auch gern sehen, wie er auf die Ostsee trifft. Was für Fake News - am Ende gehört nur noch die Wasserfläche offiziell zum Parkgelände, an Land beginnen abgezäunte Privatgrundstücke.

Über einen Riesenumweg auf einem Waldpfad sah ich dann, wie der Fluss alles andere als landschaftsparkig in grauen Betonmauern ins Meer mündete. Und wehe, ich verließ den Strand! Eine Kamera passte genau auf, falls ich den privaten Rasen betreten sollte.

Tief im moosgrünen Küstenwald springt dann noch Wasserfall Nr. 9 eine Stufe runter.

Die Wasserfälle des Tages wären damit vorbei, die Steilküsten noch nicht. Bei Türisalu leuchtete eine weitere Klippe im Abendrot. Auch diesmal sah ich von der Straße aus nur eine plötzliche Graskante am Meer, und erst auf den Pfaden im Gras erschloss sich das volle Panorama. Aber anders als die Klippen von Pakri sieht diese hier relativ stabil aus und nicht, als könnte ich mit einem lauten Niesen ein Stück abbrechen.

Die Türisaluer haben trotzdem Angst vor ihr. Oder einfach eine seltsame Art, ihre Klippen zu genießen. Im Sonnenuntergang saßen sie in ihren Autos hinter der Leitplanke, futterten irgendwas und genossen die Aussicht. Der Parkplatz war gut gefüllt, aber ich war fast der einzige, der draußen herumlief.

Anschließend kommt eine weiter Steinerne Küste.

Ich könnte jetzt wahrscheinlich auf den straßenbegleitenden Radwegen durchsausen, es genau wie bei Riga machen und irgendwann zwischen 23 und 24 Uhr in Tallinn ankommen. Aber wozu der Quatsch? Wenn ich morgen Vormittag die letzten 30 Kilometer fahre, dann habe ich trotzdem noch fast drei Tage Zeit in der Stadt, das reicht ja wohl völlig.
Also folgte ich in aller Ruhe der Karte auf verwinkelten Schleifen durch die Küstenwälder und suchte langsam eine Stelle für die letzte Nacht in der Wildnis.

Leichter gesagt als getan. Zuerst war alles Naturschutzgebiet, dann kamen Vororte voller Villen. Einmal blockierte eine Schranke mit Videoüberwachung die Privatstraße, und mit einem unangenehmen Gefühl fuhr ich um die Schranke und eilte durch die beschränkte Zone, ehe jemand meckerte.
Am nächsten Wald schrie mir ein Schild auf Estnisch entgegen: 3200 Euro Strafe für irgendwas! Keine Ahnung wofür, aber ich möchte es lieber nicht herausfinden.

Verdammt, mein Plan hatte einen Denkfehler: 30 Kilometer vor der Hauptstadt bin ich natürlich längst in ihren Speckgürtel eingedrungen. Vielleicht gibt es hier ja Zimmer? Nein, mir wurden nur Wellnesshotels für 250 Euro die Nacht und Hostelzimmer im Zentrum Tallinns angezeigt, danke für nix.
Also entfernte ich mich bei Suurupi ein gutes Stück von der Küste, überquerte die Hauptstraße und fand schließlich einen Wald, der ganz offensichtlich kein Naturschutzgebiet und auch sonst praktisch jedem egal war. Zumindest schließe ich das aus der Menge an Müll, die dort abgeladen wurde.
Ich fand Suurupi nicht so supi.

Montag, 6. Mai 2024

Von Suuremõisa nach Peraküla

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wandern von Osten her über eine kleine Republik im Nordosten Europas, sie überqueren den Moonsund und treffen auf eine Insel, die aussieht wie ein Kreuz. Als erstes berührten sie das östliche Ende des Kreuzes, beleuchten ein Schiff, einen modernen Fährhafen und ein eigenartiges Bauwerk aus Grau und Glas, in dem sich Fahrräder unterstellen lassen. Und einen Radfahrer.

Und ihr Licht trifft auf keinerlei Widerstand. Die Wolken haben kampflos aufgegeben und den Himmel komplett freigemacht. Ungestört strahlt sie über den Sund und eine winzige Insel mit Leuchtturm neben der Fährstrecke. Als der Schneesturm letzte Woche vorbei war, dachte ich mir: Dafür muss jetzt aber zum Ausgleich die zweite Woche komplett Sommer sein. Das Universum hatte diese Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit gehört und dachte sich: OK, geht klar.

Die Fähre gehört demselben Betreiber wie die erste in Virtsu. Allerdings braucht sie ein gutes Stück länger - sie fährt etwa alle zwei Stunden und auch etwa zwei Stunden lang. Heißt: Man kann sein warmes Styropor zumindest ohne Eile essen. Und dann ist immer noch Zeit, um die Sonne auf dem Außendeck zu genießen.
So erreichte ich den Hafen von Rohuküla, wo übrigens auch Fähren nach Vormsi (die viertgrößte Moonsund-Insel) ablegen.

Nach drei Tagen stand ich erneut auf dem Festland. Und das Festland gab sich direkt Mühe und startete am Hafen den besten Bahnradweg des Baltikums.

Kein Wunder, dass hier viele Radler und Spaziergänger aus der nahen Stadt unterwegs waren. Es ist zwar wie üblich (außer in Emmaste) ein Kiesweg, aber ein sehr guter, der richtig viele Überbleibsel der historischen Bahnstrecke enthält. Also, hier noch nicht, aber bald. 
Die Wälder und Wiesen machen einen nassen Eindruck, dementsprechend zieht sich oft ein Entwässerungsgraben auf beiden Seiten der Bahnstrecke entlang.

Ich würde ja gern ein paar interessante Fakten über diese Bahntrasse preisgeben, aber das wird schwierig.

Fest steht nur, sie sollte offensichtlich eine Verbindung zur Fähre darstellen, wegen des Dörfchens Rokuküla am Hafen werden die sich wohl kaum die Mühe gemacht haben.
Nach ein paar Kilometern kam ich an ein paar rostigen runden Blechschuppen vorbei, überquerte eine Brücke und fuhr in den Bahnhof von Haapsalu ein. Da liegen ja noch richtige Schienen mit Zügen drauf!

Lokomotiven und Wagen mit Namen wie Auruvedur TE-3368 Eestis stehen auf den drei Gleisen herum. Dahinter beginnt der längste überdachte Bahnsteig Estlands. 216 Meter graue Platten bröckeln vor sich hin.

Aber das bunte Dach und das Gebäude deuten noch auf die vergangene Pracht hin. In Haapsalu machten nämliche die russischen Adligen gern Urlaub. Der Bahnhof wurde extra für Besuche der Zarenfamilie gebaut, und der Bahnsteig misst genau 216 Meter, weil das die Länge vom Privatzug des Zaren war.
Tja. Und jetzt findet sich im Gebäude nur noch das Radteemuuseum (Eisenbahnmuseum), aber keine Eisenbahn fährt mehr. Das ist schon echt traurig, denn Haapsalu ist nun wirklich keine kleine Stadt (immerhin Platz 15 in Estland)!

Der Bahnhof ist der Knotenpunkt von gleich drei Bahnradwegen. Den ersten zum Hafen kenne ich schon. Der zweite folgt einem Gleis, das bald komplett vom Gras überwachsen ist, zurück zum Wasser auf einen schönen Uferweg und in die Innenstadt.

Happsalu liegt ziemlich geschützt in einem großen Fjord voller Schilf. Dennoch war die Ostsee gerade dabei, eine der städtischen Badeinseln zu verschlucken.

So, wie sieht denn nun die eigentliche Stadt aus? Niedrig, niedlich, mit viel bemaltem Holz und einer Burg - quasi ein Kuressaare auf dem Festland.
Auf dem Schwedischen Markt steht eine Statue namens Junge mit Fisch. Dreimal dürfen Sie raten, was hier gehandelt wurde und woher die Fischer ursprünglich stammten.
Weitere Exportgüter der Stadt: Schals und die Illustrationen der Astrid-Lindgren-Romane.

Es war an der Zeit, Lebensmittel für das letzte Wegstück einzukaufen. Während in Lettland irgendwelche Super2000Wasweißich-Supermarktketten dominierten, die ich nicht kannte, befindet sich ganz Estland fest in der Hand von Coop. Selbstbedienungskassen gehören in diesem digitalen Land selbstverständlich zum Standard. Einige Coops waren noch einen Schritt weiter und hatten diese kleinen Handscanner, mit denen man die Sachen direkt scannt, wenn man sie in den Einkaufswagen legt.
Der Coop in der Altstadt von Haapsalu hat einfach mal so für den Kontrast eine uralte Registrierkasse als Deko danebengestellt.

Auch relativ zentral befindet sich dieser Friedhof, auf dem offenbar Strafgefangene bestattet wurden.

Die ganze Stadt gruppiert sich um eine enorme Riesenmauer: Die Bischofsburg. Na, dann mal rein da!

Im äußeren Ring durfte ich wie so oft eine Plattform auf den Außenmauern besteigen und frei herumfahren.
Das hatten auch die Sportlehrer von Haapsalu mitbekommen. Einer hatte seine Klasse mitgebracht und ließ sie an diesem klaren Morgen zwischen den uralten Mauern herumrennen. Ich gewährte ihnen Vorfahrt, denn ich hatte ja Zeit. Das Burgmuseum sollte in einer knappen Stunde öffnen - das geht ja noch, so lange kann ich auch mal warten.
Haapsalu ist eine aufsteigende Stadt. Das meine ich wortwörtlich: Seit die Gletscher verschwunden sind, hebt sich der Boden um einen Zentimeter pro Jahr. Heißt: Als Haapsalu 1279 das Stadtrecht bekam, stand es noch auf einer Insel und in strategisch günstiger Position.

Und genau deshalb errichteten die Fürstbischöfe von Ösel-Wiek hier ihre Burg. Sie regierten das Gebiet (inklusive Saaremaa), das die Ordensritter erobert hatten, wie einen Gottesstaat oder eine deutsch-katholische Kolonie. Zwar lebten sie so ziemlich am Rand der katholischen Welt, aber die Kleriker hatten ja überall in Europa von Rostock bis Bologna studiert und damals Networking betrieben, und mit diesen Connections wurden sie mächtige politische Spieler, die auf ihren Dienstreisen nach Rom auch im Rest Europas vorbeischauten. Ihre konkurrierende Nachbarkolonie, zu der sie eine sorgfältige Hassliebe pflegten, war der Livländische Orden.
Bischof Hermann von Buxhoeden gründete die Stadt Haapsalu und verlegte das Domkapitel, also im Prinzip die Hauptstadt, hierher. Sein Vorgänger hatte noch verlangt, dass die Domherren bescheiden und fromm im Kloster nach den Regeln des Heiligen Augustinus leben und den Großteil ihres Einkommens an die Kirche spenden. Hermann war eher eine Art FDP-Bischof und führte die lockeren Aachener Regeln ein: Die Domherren durften auf eigenen Gutshäusern leben und Kohle scheffeln. Er hoffte, mit diesen attraktiven Benefits zweit- und drittgeborene Söhne des Adels, die sonst nichts erben würden, als Fachkräfte anzuwerben.
Vor Eroberung mussten sie erst mal keine Angst haben. 1384 empfahlen die Ratsherren von Lübeck allen Kolonien dringend, die neu erfundenen Kanonen nicht an Fremde zu verkaufen. Was bei Atomwaffen nur wenige Jahre gehalten hat, klappte damals immerhin 100 Jahre. So lange konnten sich die Bischöfe mit ihrem Keller voll Schießpulver sicher fühlen.

Auf die halben Mauern der Burg wurden von außen moderne schwarze Kästen draufgebaut und von innen moderne Glasscheiben mit Landkarten und Bildern drauf getackert. Im Keller und Erdgeschoss dieses hybriden Bauwerks erstreckt sich ein modernes Museum. Es gibt am Eingang Kopfhörer, und dann soll man sich eine App als Audioguide runterladen. Erstaunlicherweise funktionierte das sogar alles.
Die App gibt es auch auf Deutsch, wobei eine automatische Stimme (KI?) vorgefasste Texte mit seltsamer Aussprache vorliest. Aber man kann sie ja auch auf der App nachlesen. 29 Räume oder Punkte mit je einem kleinen, handlichen Stück Text - das ist ja noch überschaubar, ich dachte schon, ich bleibe hier womöglich den ganzen Tag hängen.
Die Stimme in der App sagt zum Beispiel "Hypokau-Stofen" statt "Hypokaust-Ofen". Das ist eine mittelalterliche Heizung, bei der die Wärme ein paar mehr Zwischenschritte durchläuft als normalerweise. Unter dem Mauerbogen brennt sechs Stunden lang ein Feuer und erhitzt die Steine darüber. Wenn die Steine schließlich Saunatemperatur haben, werden werden links und rechts Luftkanäle geöffnet und die warme Steinluft strömt durch die Burgmauern.
Trotzdem gab es auch offenes Feuer, also wurde Holz als Baumaterial möglichst überall gemieden. Kalksteine konnten aber nur im Winter über die gefrorene Ostsee rangeschafft werden, weil Haapsalu nun mal eine Insel war. Die Burgherren waren so zur Nachhaltigkeit gezwungen und nutzten beim Umbauen möglichst viele alte Steine.

Auch waren die Fürstbischöfe so fortschrittlich, dass ihr Klingelbeutel (unten rechts) in der Burgkirche selbstverständlich alle Arten von Kreditkarten akzeptiert.

Während die Domherren auf ihren Gutshäusern entspannten, galten für die Mönche auf der Burg weiter strenge Regeln. Nicht jedem gefiel dieses Leben in der Theokratie. Unzufrieden waren zum Beispiel ein junges Mädchen aus der Stadt und ein junger Mönch, der ganz und gar unmönchische Dinge für besagtes Mädchen empfand, die er unter Todesstrafe nicht empfinden durfte. Aber welche Chance hat die Furcht vor dem Tod gegen junge Hormone? Null. Er verkleidete sein Freundin als Jungen, sie bewarb sich im Kloster und sang bald darauf mit ihm im Chor. Bis die beiden irgendwann erwischt wurden.
Der Fürstbischof war so schockiert von diesem Gendergaga, dass er ihn im tiefsten Verlies verhungern ließ und sie lebendig einmauerte. Tagelang hallte ihr Klagen durch die Gänge. Und Sie haben es wahrscheinlich schon erraten: Angeblich ist hier Geist hier noch immer heimisch und demonstriert, dass das Verfallsdatum von Liebe manchmal länger dauert als das von Schmelzkäse. Selbst für ein Burggespenst ist es ein ungewöhnlich standortfixierter Geist, denn die Weiße Dame erscheint nur in einem ganz bestimmten Fenster.

Nur bei Vollmond im August (rein zufällig zum Festival Zeit der Weißen Dame) fällt das Licht in einem ganz bestimmten Winkel durch ein spitzes gotisches Fenster in einem runden Seitenraum der Kirche. Dann erscheint an der Wand die Gestalt einer runden (ja, so stand es auf dem Schild - Body-Positivity gibt es auch bei Gespenstern) weißen Frau.
Niemand weiß, ob das Zufall oder Spuk ist oder ob der Architekt da ein Easter Egg zu Ehren der Jungfrau Maria verbaut hat.
Bei Tageslicht im Mai sieht die Silhouette jedenfalls aus wie ein... Fenster.

Irgendwann endet alles, insbesondere Theokratien. Im Livländischen Krieg eroberten die Schweden das Land und machten aus der prunkvollen Bischofsresidenz eine nüchterne, wehrhafte Festung. Nach Kriegsende verkauften sie das Ergebnis an einen Grafen, der sie eigentlich wieder in Richtung prunkvoll umbauen wollte, aber nicht genug Geld hatte. Dann brach ein Feuer im Haus eines Gärtners aus und machte endgültig eine Ruine daraus.

Auch im kostenpflichtigen Museumsbereich gibt es noch Treppen auf die Wehrgänge, die Mauern rauf und runter und in Wendeltreppen durch die kleinen Türmchen. Na, da kann ich doch ganz oben gleich mal nachgucken, wie die restliche Strecke heute aussieht.

Zwei Tage Puffer hatte ich zu Beginn der Reise eingeplant. Zwei Tage Puffer habe ich an den Katastrophentagen zu Beginn verloren. Und zwei Tage Puffer habe ich inzwischen wieder aufgeholt - würde ich heute wieder 100 Kilometer am Tag fahren, wären es sogar drei. Deswegen habe ich mir heute in aller Ruhe die Burg angeschaut und bin danach nur 60 gefahren. (Wobei, dafür gibt es noch einen weiteren guten Grund, zu dem kommen wir noch.) Einen großen Teil davon verbrachte ich damit, den Fjord von Haapsalu (hinten im Bild) großräumig zu umfahren.

Erstmal kehrte ich zum Bahnhof zurück und nahm die einzige Bahntrasse, die ich noch nicht probiert hatte. Sie brachte mich hindurch zwischen alten Wagen, Bahnhofsgebäuden und Wasserpumpen - der Zarenbahnhof hatte echt ein großes Gebiet.

Und auch auf dem Rest der Strecke ragten hin und wieder alte Bahnsteigkanten aus dem Gras. Der Bahnradweg geht noch viel weiter zu anderen Städten im Binnenland - keine Sorge, bis irgendwo tatsächlich noch Züge fahren, dauert es noch.
Aber Ostseeradler müssen ihn nach acht Kilometern wieder verlassen.

Aber hey, sie bekommen ja trotzdem einen Radweg.
Der plötzlich an einer Kreuzung so endet, dass sie entweder Geisterfahrer werden oder das Rad über grasige Verkehrsinseln drüberheben müssen.
Oder der aus Dorfpistenmaterial besteht.

Puh, endlich konnte ich die Hauptstraße verlassen und auf die Nebenstraße.
Wo Elche rumlaufen.

Okay, Elche habe ich keine gesehen. Aber ein Kuh-Warnschild erwies sich als sehr wahr. Direkt vor mir versuchte eine Bäuerin, ihre entflohene schwarze Kuh wieder in Richtung Wiese zu lenken. Doch die Kuh fand die Straße und all die Dinge, die so plötzlich auf sie zurasten und abbremsten, offensichtlich spannender.

Auf einmal löste sich direkt vor mir ein Auto in einer Staubwolke auf. Entweder das, oder es ist auf eine Dorfpiste abgebogen.

Boah, ich muss den Staub aus der Lunge kriegen! Nichts wie ab ans Meer (hinten links) und in den Wald, wo die Luft besser ist!
Und die Wege sandiger. Seufz. Ich hätte die Bahntrasse nie verlassen sollen.
Diese Heidefläche wächst bei Dirhami, an der nordwestlichen Ecke des estnischen Festlands.

Auch hier lebten wieder mal die Estnischen Schweden a.k.a. Küstenschweden. In Spithami durften sie im Zarenreich wohnen bleiben und hauten erst 1944 nach Schweden ab. Die Grenztruppen schleiften ihre Häuser, aber in den 90ern bekamen sie die Grundstücke zurück, verkauften sie weiter oder bauten sich Ferien- und Wochenendhäuser drauf. Die Häuser sehen modern aus, die Wege dorthin sind es nicht. 

Aber dann, im tiefsten Wald und mitten im Naturschutzgebiet, erwartete mich eine vollkommene Überraschung. Auf einer kleinen Lichtung am Wegesrand stand dieser Aussichtsturm mit extraweitem Blick über einen Sumpf. Nein, das ist nicht die Überraschung, so was gab es ja schon hin und wieder.
Aber an seinem Fuß standen ein paar Bänke und eine Tafel. Mooment - dieses Symbol mit dem Zelt und der 4 daneben - ist das etwa ein Naturlagerplatz? Mal sehen, was auf der Texttafel darüber steht - ja, wirklich, hier kann man einfach gratis zelten. Ein aufrechtes kleines Naturschutzgebiet im Nordwesten hat beschlossen, sich von Dänemark inspirieren zu lassen. Zumindest von den Übernachtungsmöglichkeiten, nicht unbedingt von den Radwegen.

Bislang waren exakt 0 von 4 Zeltstellen besetzt. Na, wenn es das hier schon so etwas Seltenes gibt, dann sollte ich da ja wohl auch pennen, oder? Dann mache ich heute eben mal früh Feierabend. Wo genau bin ich überhaupt? Ich schaute auf den Plan vom Naturschutzgebiet und sah, dass es ein paar Kilometer weiter noch mehr Zeltstellen geben soll, direkt am Strand. Klingt noch besser!

Und was das für Zeltstellen waren. Das Areal ist gigantisch, so einen riesigen Naturlagerplatz habe ich noch nie gesehen. Hölzerne Zäune grenzen ein Rechteck nach dem anderen ab, und darin befinden sich immer wieder Plumpsklos, halboffene Rasthütten, verbunden durch Holzstege, Feuerstellen, Grills, Tische und Bänke, Bänke, Bänke... und dann der nächste Zaun, und alles geht von vorn los. Würde man diesen Naturlagerplatz in Stücke zerteilen und über ganz Estland verteilen, hätte das Land wahrscheinlich ein ähnlich dichtes Netz an Zeltstellen wie Dänemark.

Die letzte Reihe an Zeltstellen befindet sich nicht mehr im Wald, sondern in den Dünen. Weit entfernt grillte irgendwo eine Familie, ohne zu zelten. Ansonsten hatte ich die freie Auswahl. Obwohl es dort keine Hütten und Plumpsklos mehr gab, entschied ich mich für eine Dünenstelle. Das hat einfach mehr Stil, und der Sand ist auch weicher. Nur kühler war es natürlich.


In der Abenddämmerung ragte eine rätselhafte Ruine auf der Düne auf wie eine unbeantwortete Frage. Das demolierte Haus eines Estnischen Schweden?
Und noch ein Rätsel: Wo im Bild beginnt der Himmel und endet das Meer? Na?

Der Finnische Meerbusen sah ganz eigenartig aus. Als hätte er überhaupt keine Lust, ein Meer zu sein, und wäre viel lieber ein Himmel.
Winzige Wellen schwappten an den Strand. Mein Kochtopf musste noch ausgespült werden, und weil ich kein Wasser nachfüllen konnte und keine andere Möglichkeit hatte, probierte ich es hier. Das Wasser war so flach, dass ständig Sand mit hineingeriet. Wenn ich tieferes Wasser wollte, schwappte es schon auf meine Schuhe.