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Dienstag, 7. Mai 2024

Von Peraküla nach Suurupi

Am nächsten Morgen hatte der miese Waldweg zumindest einen nicht ganz so miesen Seitenstreifen.


Dann lag dieses ungewöhnliche Naturschutzgebiet endlich hinter mir. Mein Ziel für heute: All die kleinen Highlights sehen, die noch auf dem Weg zur Hauptstadt liegen, damit ich morgen direkt nach Tallinn reinzischen kann.

An der Straße hatte ich wieder mal meinen eigenen Weg und meine eigene Brücke. Die Autobrücke ist ein Mysterium von 1924, aber vielleicht auch noch viel älter und ursprünglich aus Holz oder doch aus Stein, weiß man alles nicht. Aber eigentlich müsste hier schon echt lange eine stehen, schließlich ist der Fluss echt nicht breit und direkt dahinter steht ein Kloster.

Glasscheiben zeigen, wie das Gebäude mal aussah, als sich 1370 Zisterziensermönche in Padise ansiedelten. Die Scheiben sind eine gute Idee, denn das massige, aber eben nur halbe Bauwerk überlässt doch einiges der Fantasie.
Das Kloster begann als Ableger des Klosters Dünamünde bei Riga. Viele Klöster haben eine Mauer außenrum, aber dieses hier war voll und ganz als Festung ausgebaut. Es ist das einzige Festungskloster in Nordeuropa. Vielleicht wurde dieses Design zur selbsterfüllenden Prophezeiung, auf jeden Fall kämpften Schweden und Russen im Livländischen Krieg erbittert darum.

Die Schweden gewannen, das Kloster eher nicht. Es wurde: Militärlager, Ruine, Gutshaus, nochmal halbe Ruine - die Mönche waren sicher nicht begeistert.
Ebenso wenig begeistert wären sie von den Flüchen gewesen, die ich vor ihren Toren ausstieß, als ich glaubte, mein Portemonnaie verloren zu haben. War aber falscher Alarm.

Im nächsten Dorf erwartete mich ganz unerwartet eine Premiere: Die erste Felswand außerhalb einer Steilküste. Sie duckt sich unter eine Kirche, als wäre so etwas ein ganz normaler Anblick im Ortsbild. Ein eindeutiges Zeichen, dass Skandinavien näherkommt!
Über der Kirchenmauer hingen unzählige karierte Strickdecken zum Trocknen - auf den ersten Blick hielt ich sie für Flaggen.

Auch auf dem Festland wollte ich zumindest noch einen Finger komplett bis zur Spitze umrunden. Die Schilder sagen dazu Nee, lass ma, aber der Bikeline schickt mich komplett auf den Finger namens Pakri, auf dem sogar eine Stadt liegt.
Paldiski ist die zweitkleinste Stadt Estlands (immerhin größer als Kärdla), genießt aber das Privileg, per Bahn direkt an die Hauptstadt angebunden zu sein. Letztlich wirkt Paldiski damit wie ein outgesourctes Wohn- und Industriegebiet von Tallinn. Die Sowjetunion installierte hier Atom-U-Boote und einen Reaktor, und so sieht Paldiski auch aus.

1912 hieß der Ort noch Baltischport, als sich der deutsche Kaiser und russische Zar hier zum Plaudern trafen. Frankreich befürchtete direkt ein Bündnis der beiden und überschätzte damit massiv die Schläue seines Feindes.
Gleise, Fabriken und schließlich Wohnblocks zogen vorbei, ohne dass mein Blick irgendwo hängenblieb.

Langweilig! Ich folgte der Straße aus der Stadt hinaus, an den streng gesicherten Mauern eines Recyclinghofs oder Gefängnisses (keine Ahnung) vorbei bis an die Spitze.

Das ging ja fix.
Eine weiße Statue mit dem Titel Last Sign of a Ship begrüßte mich am Ende der Halbinsel. Das letzte Zeichen eines Schiffs besteht offenbar aus einer nackten Frau, die aufs Meer guckt.
Ein bisschen erinnerte mich die Stelle ans Kap Arkona. Ein hoher Leuchtturm, ein Restaurant und eine weite Grasfläche, hinter der das Land plötzlich steil abfällt. Wie genau es abfällt, konnte ich vom Radweg nicht erkennen.

Aber es gab auch Trampelpfade über das Gras, also mal sehen, wie es da... oha. Das ist ja fast schon ein zweites Panga Pank!
Braune Steinplatten splittern nach und nach ab in die Tiefe, von unten ist der Fels schon ganz ausgehöhlt. Da würde ich mich lieber nicht an die Spitze stellen. Auf den Klippen von Pakri Pank stehen die Grundmauern irgendwelcher Häuschen. Die Ruinen lassen sich farblich kaum von den Felsen unterscheiden und stürzen aus Loyalität gemeinsam mit ihnen ab.

Ich sah Menschen unten im Leuchtturm verschwinden, doch niemand kam oben auf der Plattform heraus. Komisch, aber ich beschloss, es trotzdem mal zu versuchen. Im Kassenhäuschen gab es direkt die Antwort: Der Balkon außenrum ist wegen Bauarbeiten geschlossen, aber man kann in den verglasten Raum mit der Lampe hineinsteigen.
Die endlose Spiraltreppe hatte auch etwas Baustellenhaftes - und Beklemmendes. Ein Netz umspannt die Treppen, weil man dem Geländer anscheinend nicht genug vertraut. In der Mitte fährt ein Lastenaufzug in die Unendlichkeit.

Wer einen Leuchtturm-Scheinwerfer mal ganz aus der Nähe sehen will, für den dürfte sich der Aufstieg mehr als lohnen. Wer weit über die Küste von Pakri blicken will, für den auch.

Wer aber Fotos von dieser Aussicht ohne Gitterstäbe knipsen will, für den nicht.

Kurz hinter dem Leuchtturm endet die Straße. Der Rückweg auf der anderen Seite des Fingers dauerte mindestens dreimal so lange.
Die Küste bleibt felsig. Und was wird eine so stark industrialisierte Halbinsel wohl daraus machen? Steinbrüche! Irgendwo zwischen Meer, künstlichen Kratern, Fabriken und Windrädern winden sich holprige Pfade hindurch, die auch noch mit riesigen Pfützen bedeckt sind. Was insbesondere dann kritisch wird, wenn das schmale Stück zwischen tiefer Pfütze und noch tieferem Abgrund nur ein paar Zentimeter breit ist.

Ich kenne und schätze meine Kartenapp mapy.cz dafür, dass sie selbst die allerkleinsten Wasserfälle penibel einzeichnet. Und auf Pakri gibt es ganze fünf davon. Bisher dachte ich: Das einzige, für das ich genau zur richtigen Jahreszeit hergereist bin, sind Frühlingsblumen. Von denen ist auf Pakri aber auch noch nichts zu sehen, kahle Büsche und fahles Moos, so weit das Auge reicht. Aber Moment mal, die Wasserfälle müssten jetzt doch auch am stärksten sprudeln! (Naja, sagen wir einfach, sie sprudelten. Im Sommer sind diese Rinnsale wahrscheinlich ausgetrocknet.) Also fasste ich den Entschluss, jeden einzelnen zu entdecken. Fünfmal ließ ich das Rad am Wegesrand stehen und kraxelte durchs graue Gehölz. Ohne die App hätte ich definitiv keinen der versteckten Fälle entdeckt.

Wasserfall Nr. 1 ist vielleicht der beste, er rauscht zielstrebig über eine steile Felskante in Richtung Meer.

Wasserfall Nr. 2 ist vielleicht der lahmste, er tröpfelt träge durch das Moos weit abseits vom Meer.

Wasserfall Nr. 3 sprudelt eifrig durchs Unterholz und muss dann noch ein kurzes Stückchen zum Meer zurücklegen.

Ähnlich sieht es bei Wasserfall Nr. 4 aus, der vielleicht am meisten Wasser führte und von jungen, schlanken Bäumen umgeben war.

Wasserfall Nr. 5 dagegen ist mit Steinplatten dekoriert und plätschert über mehrere Felsstufen auf den Sandstrand.

Zu guter Letzt war noch einer weitere Steilküste in der App verzeichnet, aber die war ein schlechter Scherz. Damit war meine Umrundung von Pakri abgeschlossen.

Der nächste Zwischenstopp ist ein tragischer. In Klooga beginnt ein verwinkelter Weg durch den Wald bis zum Bahnhof. Dreieckige Mauern zoomen in mehreren Schritten in das Thema hinein: Der Holocaust im Allgemeinen, der Holocaust in Estland, der Holocaust in Klooga. Bei der Einweihung der Gedenkstätte 2005 gab der Ministerpräsident Ansip erstmals zu, dass estnische Polizisten dabei mitgewirkt hatten, die Juden Estlands aufzuspüren. Aber auch Gefangene aus Theresienstadt in Tschechien, Frankfurt oder Berlin wurden hierher verschoben. Im Konzentrationslager von Klooga mussten sie Häuser bauen, auf den Feldern ernten und Beton herstellen (deswegen besteht ein Gedenkstein aus Beton). Viele hofften, nach Klooga verlegt zu werden, denn die Bedingungen galten hier als geringfügig besser, zum Beispiel gab es Häuser aus Ziegelsteinen mit fließendem Wasser. In der Zementfabrik oder Sägemühle arbeiteten sie neben normalen estnischen Lohnarbeitern, die ihnen heimlich Essen zusteckten.
Als die Front immer näher rückte, half das alles aber auch nicht. Am 19. September 1944 erzählte die SS den Häftlingen, sie würden nach Deutschland verschifft und müssten jetzt bei den Aufräumarbeiten helfen. Als zu diesen Aufräumarbeiten die Errichtung eines Scheiterhaufens gehörte, wurden einige misstrauisch und versuchten zu fliehen, nur sehr selten mit Erfolg. Auch daran waren ein paar estnische Polizisten beteiligt.

Solch ein großer Scheiterhaufen ließ sich nur schlecht verstecken. Als die Sowjetarmee einmarschierte, entdeckte sie die hastig kaschierten, halbverbrannten Überreste des Massakers. Es war einer der ersten Beweise für den Holocaust, von dem die Alliierten bis dahin nur vom Hörensagen erfahren hatten. Wie reagierte Stalins Regime darauf?
Gut: Internationale Journalisten wurden eingeladen, um ihnen alles transparent zu zeigen.
Fair: Deutsche Kriegsgefangene wurden verpflichtet, einen Friedhof für die Toten auszuheben, der hier heute noch liegt.
Weniger gut: In der eigenen Propaganda wurden aus den Mordopfern bald durchgehend "Bürger der Sowjetunion", obwohl nur die wenigsten Juden diese Staatsbürgerschaft hatten.

Die restliche Strecke bestand aus straßenbegleitenden Radwegen, hier und da blinkte das Meer durch den Wald.

In Kloogaranna folgte überraschend Wasserfall Nr. 6. Direkt neben dem Radweg hüpfte der Fluss die eine oder andere Stufe herunter. Für einen genaueren Blick folgt auch ein Pfad seinem Ufer. Heute ist offenbar Wasserfall-Tag.

Eine Nummer größer ist Wasserfall Nr. 7, eine Staustufe in Keila-Joa.

Aber die ist nichts gegen Wasserfall Nr. 8 - der Rheinfall Estlands! Menschen drängten sich durch den Park und über die Felsen, um vor diesem Naturwunder zu posieren. Denn obwohl er im künstlichen Landschaftspark von Keila-Joa liegt, ist der 7000 Jahre alte, 70 Meter breite und 6 (leider nicht 7) Meter hohe Wasserfall natürlichen Ursprungs. 6,5 Kubikmeter fließen pro Sekunde durch, was in Estland immerhin für Platz 2 reicht.
In der Mitte rauschte es kräftig, aber sollte der Fluss noch mehr Wasser führen, gibt es noch Stauraum! Am Rande befinden sich trockene Felsplatten (unten im Bild), die der Fall noch nicht überspült hatte. Einige stiegen für bessere Fotos oder einen Adrenalinkick über das Geländer und auf den trockenen Wasserfall, dabei ist das Panorama auch so schön genug. Gleich hinter dem Fall ragen alte Mauern und das prächtige Gutshaus auf. Auch ein kleines Wasserkraftwerk stand da mal.
Also schnell Fotos machen, ehe das Panorama weg ist! Schließlich schleift das Waser den Kalkstein ab, und der Fall wandert pro Jahr 9,2 Zentimeter landeinwärts.

Hin und her, die Hügel rauf und runter winden sich die Wege durch den Park. Auch eine Liebesinsel mit einem Gitter voller Vorhängeschlösser gehört selbstverständlich dazu.
Kurze Comics in mehreren Sprachen erzählen die Geschichte des Landschaftsparks, zum Beispiel, wie der Komponist Alexei Lvov die Lvov-Brücke designt hat, auf ihr die Idee für die Hymne des russischen Zarenreichs hatte und dann sein Instrument ins Wasser schmiss, weil, Künstler halt.

Alle Quellen behaupten, der Landschaftspark würde sich bis zur Ostsee hinziehen, also wollte ich auch gern sehen, wie er auf die Ostsee trifft. Was für Fake News - am Ende gehört nur noch die Wasserfläche offiziell zum Parkgelände, an Land beginnen abgezäunte Privatgrundstücke.

Über einen Riesenumweg auf einem Waldpfad sah ich dann, wie der Fluss alles andere als landschaftsparkig in grauen Betonmauern ins Meer mündete. Und wehe, ich verließ den Strand! Eine Kamera passte genau auf, falls ich den privaten Rasen betreten sollte.

Tief im moosgrünen Küstenwald springt dann noch Wasserfall Nr. 9 eine Stufe runter.

Die Wasserfälle des Tages wären damit vorbei, die Steilküsten noch nicht. Bei Türisalu leuchtete eine weitere Klippe im Abendrot. Auch diesmal sah ich von der Straße aus nur eine plötzliche Graskante am Meer, und erst auf den Pfaden im Gras erschloss sich das volle Panorama. Aber anders als die Klippen von Pakri sieht diese hier relativ stabil aus und nicht, als könnte ich mit einem lauten Niesen ein Stück abbrechen.

Die Türisaluer haben trotzdem Angst vor ihr. Oder einfach eine seltsame Art, ihre Klippen zu genießen. Im Sonnenuntergang saßen sie in ihren Autos hinter der Leitplanke, futterten irgendwas und genossen die Aussicht. Der Parkplatz war gut gefüllt, aber ich war fast der einzige, der draußen herumlief.

Anschließend kommt eine weiter Steinerne Küste.

Ich könnte jetzt wahrscheinlich auf den straßenbegleitenden Radwegen durchsausen, es genau wie bei Riga machen und irgendwann zwischen 23 und 24 Uhr in Tallinn ankommen. Aber wozu der Quatsch? Wenn ich morgen Vormittag die letzten 30 Kilometer fahre, dann habe ich trotzdem noch fast drei Tage Zeit in der Stadt, das reicht ja wohl völlig.
Also folgte ich in aller Ruhe der Karte auf verwinkelten Schleifen durch die Küstenwälder und suchte langsam eine Stelle für die letzte Nacht in der Wildnis.

Leichter gesagt als getan. Zuerst war alles Naturschutzgebiet, dann kamen Vororte voller Villen. Einmal blockierte eine Schranke mit Videoüberwachung die Privatstraße, und mit einem unangenehmen Gefühl fuhr ich um die Schranke und eilte durch die beschränkte Zone, ehe jemand meckerte.
Am nächsten Wald schrie mir ein Schild auf Estnisch entgegen: 3200 Euro Strafe für irgendwas! Keine Ahnung wofür, aber ich möchte es lieber nicht herausfinden.

Verdammt, mein Plan hatte einen Denkfehler: 30 Kilometer vor der Hauptstadt bin ich natürlich längst in ihren Speckgürtel eingedrungen. Vielleicht gibt es hier ja Zimmer? Nein, mir wurden nur Wellnesshotels für 250 Euro die Nacht und Hostelzimmer im Zentrum Tallinns angezeigt, danke für nix.
Also entfernte ich mich bei Suurupi ein gutes Stück von der Küste, überquerte die Hauptstraße und fand schließlich einen Wald, der ganz offensichtlich kein Naturschutzgebiet und auch sonst praktisch jedem egal war. Zumindest schließe ich das aus der Menge an Müll, die dort abgeladen wurde.
Ich fand Suurupi nicht so supi.

Mittwoch, 24. April 2024

Von Liepāja nach Pāvilosta

Hier im Norden Liepājas liegt noch ein ganz wichtiger Vorort, der im Prinzip die ganze Stadt veränderte: Karosta. Er ist ein Relikt eines Kalten Kriegs - aber nicht des Kalten Krieges USA gegen Sowjets, sondern von dem davor. Um 1900 war Bismarcks Friedenspolitik schon zerbröselt und die zukünftigen Gegner des Ersten Weltkriegs rüsteten um die Wette, darunter auch Zar Alexander III., der sich vom deutschen Kaiser Wilhelm II. bedroht fühlte, obwohl Wilhelm ein I weniger hinter seinem Namen hatte.
Das Zarenreich hatte sich schon 200 Jahre vorher im Großen Nordischen Krieg große Teile Lettlands gegönnt, und das brachte einen großen Vorteil: Einen sicheren und eisfreien Hafen. (In den historischen Texten auf dieser Reise kommt das Wort eisfrei extrem oft vor, was im Prinzip schon alles über die russischen Winter sagt, was man wissen muss.) Alexander gründete Kara Osta und machte es zum Standort seiner Kriegsflotte. Mit schweren Folgen für Liepāja: Die Stadt war nun abgeriegelt und nur mit Genehmigung zugänglich, sie hatte ein neues Stadtviertel voller russischer Militärs, inklusive drehbarer Klappbrücke, vieler Kasernenblöcke, Villen für die Admiräle und einem Schloss für den Zaren, das er insgesamt einmal benutzte. Vor der prächtigen orthodoxen Kathedrale stehen heute brandneue Farhradständer, die ideale Synthese aus Ost und West.


Ach ja, und der ganzen Militärkram stand dort natürlich auch noch. Die Kommunisten machten damit im Großen und Ganzen weiter und stationierten auch noch Atom-U-Boote.

Für Schiffe und U-Boote gab es einen extra Kanal. Damit ist doch nicht dieses kleine Flüsschen gemeint, oder? Doch, das ist ein Kanal, aber nicht der einzige.
Auf jeden Fall stehen an seinem Ufer Bunker. Jede Menge Bunker. Noch einer und noch einer und noch einer, eine endlose Kette ragt aus den Hügeln. Erst einmal sahen die noch recht normal aus, nur die Masse war außergewöhnlich.
Aber dann mündet der Kanal ins Meer, und die Bunkerkette trifft auf die Ostsee. Und zwar wortwörtlich. Was die Northern Forts zum wahrscheinlich eindrucksvollsten Lost Place des Baltikums macht.

Der Wind hatte aufgefrischt, Wellen klatschten gegen die Küste und die Überreste der Zarengrenze. 1908 änderte das Zarenreich seine Verteidigungsstrategie, und den Bunkern wurde ihr wichtiger Status entzogen. Als der frühe Kalte Krieg dann tatsächlich in den Ersten Weltkrieg überging, ließ Russland die Anlagen sprengen und die Klippen runterstürzen, damit sie nicht Deutschland in die Hände fielen. Es ist eigentlich nicht zu fassen, dass irgendetwas diese gewaltigen Betonwürfel zertrümmern kann - aber der Zar und die Ostsee kriegen das gemeinsam hin!


Zumindest so halb. Es stehen immer noch jede Menge halbe und ganze Bunker auf der Steilküste herum. Ich konnte über ihre Dächer wandern, zwischen ihnen auf einem Rastplatz frühstücken, sie betreten und nach draußen blicken. Aber nur kurz, denn wirklich sicher ist das nicht.

Brocken, Mauerbögen und Treppen ragen chaotisch aus den wilden Wellen. Es war ein völlig surrealer Anblick und erinnerte mich an den Limbus aus dem Film Inception. Solch eine Faszination übt sonst keine Ruine auf dem Eisernen Vorhang aus.

Tatsächlich stand Liepāja dann am 4. November 1919 wirklich im Zentrum des Kampfgeschehens, aber komplett anders, als sich der Zar das vorgestellt hatte: Die Lettische Republik verteidigte Liepāja gegen Deutsche und Russen. Also genau genommen die monarchistische Weiße Armee im russischen Bürgerkrieg, die sich mit Deutschland zusammengetan hatte. Die Letten hatten ein Jahr zuvor ihre eigene Republik ausgerufen. Eine Republik, die aber im Osten von Sowjets und im Westen von Deutschen besetzt war.
99 unausgebildete lettische Soldaten mussten Liepāja gegen fünfmal so viele Gegner verteidigen. Und zu allem Überfluss hatten die Deutschen sie auch eiskalt überrascht. Trotzdem kriegten die das hin. Die Infotafel erklärt es mit dem Heroismus der Letten. Da ist sicher was dran, aber die stark ausgebauten Verteidigungsanlagen der Stadt dürften auch eine Rolle gespielt haben.

Aber genug vom Krieg, wenden wir uns nun etwas anderem... oh, jetzt kommt ein Holocaustmahnmal.
Feldsteinmauern strecken sich wie ein kleines Labyrinth in die Ostseedünen von Škede hinein. Sie bilden einen siebenarmigen Menora-Leuchter.
Das Mahnmal erinnert auch an nichtjüdische Letten, die in dieser Zeit Juden geholfen haben - 26 Menschen aus Liepāja erhielten dafür den Ehrentitel Gerechte unter den Völkern, ziemlich viele für eine Stadt. Und es erinnert, allerdings mit deutlich weniger Worten, an andere Letten, die beim Morden mitgemacht haben.
Wurden denn direkt an diesem Strand Menschen ermordet? Ja, erschossen im Dezember 1941. Und wie viele, bestimmt mehrere hunder... 2750?!
Die Ostsee rauschte immer wütender gegen die Dünen, als könnte sie sich noch genau daran erinnern.

Der Umweg zu diesen beiden Orten hat mich viel Zeit gekostet, aber ich bereue nichts.
Diese Strecke bestand wieder aus Dorfpisten, aber etwas bessere als gestern. Mehr zu schaffen machten mir heute mein Rad und das eklige Wetter. Mein Hinterrad hatte so seltsam zu eiern begonnen. An den Bunkern hatte ich versucht, es geradezurichten, aber womöglich hatte ich es irgendwie schlimmer gemacht.
Kalter Wind peitschte mir entgegen.

In Ziemupe versteckte ich mich unter einer Schutzhütte am Gutshof. Wenn das Dorf mit seinem "Reichtum" prahlt, meint es damit nicht die historischen Gebäude oder die Landwirtschaft, sondern die seltenen Pflanzen am Strand, Naturschutzgebiete, Lettlands drittgrößte Linde und mysteriöse "Steinstapelungen".
Aber es half nichts, ich musste weiter. Ich verdrückte eine Tafel Schokolade und setzte die Reise fort.

Diese Küste ist gesäumt von Leuchttürmen, die unterschiedlich lange Umwege erfordern. Der erste steht in Akmeņraga und erinnert an ein Ofenrohr in abblätterndem Rostrot. Leider haben die Leuchttürme, wie überhaupt ganz viele Sehenswürdigkeiten Lettlands, Montag und Dienstag Ruhetag. Und heute war, mal sehen, Montag. Leider konnte ich keinen einzigen lettischen Leuchtturm betreten.

Ich hatte die ganze Zeit auf dieser Reise Gegenwind, und heute, am dritten Tag, hatte ich mich schon dran gewöhnt.
Bis mir der Wind Regentropfen ins Gesicht klatschte. Das war nicht sehr angenehm. Aber naja, was soll's, dachte ich, es ist ja nur Regen.
Bis aus dem Regen Schnee wurde. Ach du meine Güte. Andererseits: Sind Schneeflocken nicht sogar angenehmer auf der Haut als Regentropfen? Hauptsache, das Zeug bleibt nicht liegen, sagte ich mir.
Bis die ersten Flocken liegenblieben.
 
Ah, gleich bin ich im Wald. Da ist es bestimmt windgeschützter.
Nee, war es nicht. Die lettischen Waldpisten sehen ziemlich genauso aus wie die Dorfpisten. Eine breite Schneise wurde ins Gehölz geschlagen, links und rechts fließt ein Straßengraben. Eigentlich ist das super, um schnell, ohne unnötige Kurven und holprige Wurzeln voranzukommen. Aber in dem Moment, mit meiner vorgefertigten Vorstellung Wald=weniger Wind, eine echte Enttäuschung. Allmählich wurde jeder Meter zum Kraftakt, und ich sehnte mich nur noch danach, in der nächsten Stadt anzukommen.

Gefühlt war es Abend, tatsächlich erst Mittag, als ich über eine Brücke fuhr und endlich in Pāvilosta ankam. Inzwischen brüllte der Wind vom Meer her und presste wilde Wellen in den Fluss hinein.
Pāvilosta hieß zur Zeit des Deutschen Ordens noch Paulshafen und soll einen sowjetischen Grenzturm, einen NATO-Wachturm und einen touristischen Aussichtsturm haben. Aber ich hielt es nicht lange genug am Meer aus, um herauszufinden, welcher davon der Turm da drüben war.

Schnell irgendwo rein! Da ist das Heimatmuseum, ist das offen? Ich griff nach der Tür und wurde mit widersprüchlichen Eindrücken konfrontiert.

Einerseits ließ sich die Tür öffnen, andererseits war dahinter alles still, düster und menschenleer. Die Dame jedoch, die verwirrt die Treppe heruntertapste und "Closed" murmelte, sprach eine eindeutige Sprache.

Aber es muss hier doch ein Restaurant geben? Und eine Fahrradwerkstatt bräuchte ich auch. Zum Glück konnte ich alles auf Google Maps nachsehen: Der berühmte Mobilfunkempfang der baltischen Staaten ist wirklich super, wenn man schnell mal nachsehen will, was es im eigenen Umkreis gerade alles nicht gibt. Kein Restaurant, keine Fahrradwerkstatt, kein offenes Museum. Selbst die Hängebrücke über den Fluss war gesperrt, bei dem Wetter vielleicht auch besser so.
Nur auf zwei Sachen kann man sich verlassen, die in fast jedem Nest vorhanden sind: Ein Supermarkt und ein überraschend günstiges Zimmer auf booking.com. In ersterem habe ich mich aufgewärmt und die Taschen aufgefüllt, und letzteres hat mich an dem Tag verdammt nochmal gerettet. Inzwischen war das Wetter zu einem waschechten Schneesturm angewachsen. Erst nachdem ich das Zimmer gebucht hatte, stellte ich fest, dass ich mich noch einmal quer durchs Dorf und durch eben diesen Sturm kämpfen musste.

Am äußersten Ende von Pāvilosta steht ein Haus voller Zimmer für 30 Euro - ein Grund dafür ist offenbar ein Festival, das hier jedes Jahr stattfindet. Natürlich war kein Schwein da, das lief alles über einen Code, mit dem ich eine Box öffnen musste, die den Schlüssel enthielt. Mit Eisfingern versuchte ich den einzutippen. Aus irgendeinem Grund läuft das bei mir immer so: Ist so was elektrisch, klappt es tadellos, aber ist es mechanisch, gibt's Probleme. Nach einer halben Stunde hatte ich die richtige Tür und die SMS mit dem richtigen Code, trat ins Zimmer und ließ mich aufs Bett fallen.
Woraufhin das Bett zusammenbrach.

Lettische Möbel erfordern eine gewisse Vorsicht. (Als ich mich zum Beispiel in einer anderen Unterkunft auf dem Klo leicht nach rechts neigte, da neigte sich das Klo mit.) Aber dieses Zimmer hatte zum Glück noch ein zweites Bett, das mit ausreichend Behutsamkeit bis zum nächsten Morgen überlebte. 15 Uhr war es erst, und es gibt sogar WLAN, dann kann ich ja mal das Video angucken, das mir jemand auf Whatsapp geschickt ha...
Das Handy rutschte aus meiner Hand und fiel auf meinen Bauch.
Als ich wieder erwachte, war es schon um neun, und die Landschaft, das Piratenschiff draußen im Teich und mein Fahrrad waren unter einen weißen Decke verborgen. Ich auch, nur war meine Decke warm.