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Dienstag, 7. Mai 2024

Von Peraküla nach Suurupi

Am nächsten Morgen hatte der miese Waldweg zumindest einen nicht ganz so miesen Seitenstreifen.


Dann lag dieses ungewöhnliche Naturschutzgebiet endlich hinter mir. Mein Ziel für heute: All die kleinen Highlights sehen, die noch auf dem Weg zur Hauptstadt liegen, damit ich morgen direkt nach Tallinn reinzischen kann.

An der Straße hatte ich wieder mal meinen eigenen Weg und meine eigene Brücke. Die Autobrücke ist ein Mysterium von 1924, aber vielleicht auch noch viel älter und ursprünglich aus Holz oder doch aus Stein, weiß man alles nicht. Aber eigentlich müsste hier schon echt lange eine stehen, schließlich ist der Fluss echt nicht breit und direkt dahinter steht ein Kloster.

Glasscheiben zeigen, wie das Gebäude mal aussah, als sich 1370 Zisterziensermönche in Padise ansiedelten. Die Scheiben sind eine gute Idee, denn das massige, aber eben nur halbe Bauwerk überlässt doch einiges der Fantasie.
Das Kloster begann als Ableger des Klosters Dünamünde bei Riga. Viele Klöster haben eine Mauer außenrum, aber dieses hier war voll und ganz als Festung ausgebaut. Es ist das einzige Festungskloster in Nordeuropa. Vielleicht wurde dieses Design zur selbsterfüllenden Prophezeiung, auf jeden Fall kämpften Schweden und Russen im Livländischen Krieg erbittert darum.

Die Schweden gewannen, das Kloster eher nicht. Es wurde: Militärlager, Ruine, Gutshaus, nochmal halbe Ruine - die Mönche waren sicher nicht begeistert.
Ebenso wenig begeistert wären sie von den Flüchen gewesen, die ich vor ihren Toren ausstieß, als ich glaubte, mein Portemonnaie verloren zu haben. War aber falscher Alarm.

Im nächsten Dorf erwartete mich ganz unerwartet eine Premiere: Die erste Felswand außerhalb einer Steilküste. Sie duckt sich unter eine Kirche, als wäre so etwas ein ganz normaler Anblick im Ortsbild. Ein eindeutiges Zeichen, dass Skandinavien näherkommt!
Über der Kirchenmauer hingen unzählige karierte Strickdecken zum Trocknen - auf den ersten Blick hielt ich sie für Flaggen.

Auch auf dem Festland wollte ich zumindest noch einen Finger komplett bis zur Spitze umrunden. Die Schilder sagen dazu Nee, lass ma, aber der Bikeline schickt mich komplett auf den Finger namens Pakri, auf dem sogar eine Stadt liegt.
Paldiski ist die zweitkleinste Stadt Estlands (immerhin größer als Kärdla), genießt aber das Privileg, per Bahn direkt an die Hauptstadt angebunden zu sein. Letztlich wirkt Paldiski damit wie ein outgesourctes Wohn- und Industriegebiet von Tallinn. Die Sowjetunion installierte hier Atom-U-Boote und einen Reaktor, und so sieht Paldiski auch aus.

1912 hieß der Ort noch Baltischport, als sich der deutsche Kaiser und russische Zar hier zum Plaudern trafen. Frankreich befürchtete direkt ein Bündnis der beiden und überschätzte damit massiv die Schläue seines Feindes.
Gleise, Fabriken und schließlich Wohnblocks zogen vorbei, ohne dass mein Blick irgendwo hängenblieb.

Langweilig! Ich folgte der Straße aus der Stadt hinaus, an den streng gesicherten Mauern eines Recyclinghofs oder Gefängnisses (keine Ahnung) vorbei bis an die Spitze.

Das ging ja fix.
Eine weiße Statue mit dem Titel Last Sign of a Ship begrüßte mich am Ende der Halbinsel. Das letzte Zeichen eines Schiffs besteht offenbar aus einer nackten Frau, die aufs Meer guckt.
Ein bisschen erinnerte mich die Stelle ans Kap Arkona. Ein hoher Leuchtturm, ein Restaurant und eine weite Grasfläche, hinter der das Land plötzlich steil abfällt. Wie genau es abfällt, konnte ich vom Radweg nicht erkennen.

Aber es gab auch Trampelpfade über das Gras, also mal sehen, wie es da... oha. Das ist ja fast schon ein zweites Panga Pank!
Braune Steinplatten splittern nach und nach ab in die Tiefe, von unten ist der Fels schon ganz ausgehöhlt. Da würde ich mich lieber nicht an die Spitze stellen. Auf den Klippen von Pakri Pank stehen die Grundmauern irgendwelcher Häuschen. Die Ruinen lassen sich farblich kaum von den Felsen unterscheiden und stürzen aus Loyalität gemeinsam mit ihnen ab.

Ich sah Menschen unten im Leuchtturm verschwinden, doch niemand kam oben auf der Plattform heraus. Komisch, aber ich beschloss, es trotzdem mal zu versuchen. Im Kassenhäuschen gab es direkt die Antwort: Der Balkon außenrum ist wegen Bauarbeiten geschlossen, aber man kann in den verglasten Raum mit der Lampe hineinsteigen.
Die endlose Spiraltreppe hatte auch etwas Baustellenhaftes - und Beklemmendes. Ein Netz umspannt die Treppen, weil man dem Geländer anscheinend nicht genug vertraut. In der Mitte fährt ein Lastenaufzug in die Unendlichkeit.

Wer einen Leuchtturm-Scheinwerfer mal ganz aus der Nähe sehen will, für den dürfte sich der Aufstieg mehr als lohnen. Wer weit über die Küste von Pakri blicken will, für den auch.

Wer aber Fotos von dieser Aussicht ohne Gitterstäbe knipsen will, für den nicht.

Kurz hinter dem Leuchtturm endet die Straße. Der Rückweg auf der anderen Seite des Fingers dauerte mindestens dreimal so lange.
Die Küste bleibt felsig. Und was wird eine so stark industrialisierte Halbinsel wohl daraus machen? Steinbrüche! Irgendwo zwischen Meer, künstlichen Kratern, Fabriken und Windrädern winden sich holprige Pfade hindurch, die auch noch mit riesigen Pfützen bedeckt sind. Was insbesondere dann kritisch wird, wenn das schmale Stück zwischen tiefer Pfütze und noch tieferem Abgrund nur ein paar Zentimeter breit ist.

Ich kenne und schätze meine Kartenapp mapy.cz dafür, dass sie selbst die allerkleinsten Wasserfälle penibel einzeichnet. Und auf Pakri gibt es ganze fünf davon. Bisher dachte ich: Das einzige, für das ich genau zur richtigen Jahreszeit hergereist bin, sind Frühlingsblumen. Von denen ist auf Pakri aber auch noch nichts zu sehen, kahle Büsche und fahles Moos, so weit das Auge reicht. Aber Moment mal, die Wasserfälle müssten jetzt doch auch am stärksten sprudeln! (Naja, sagen wir einfach, sie sprudelten. Im Sommer sind diese Rinnsale wahrscheinlich ausgetrocknet.) Also fasste ich den Entschluss, jeden einzelnen zu entdecken. Fünfmal ließ ich das Rad am Wegesrand stehen und kraxelte durchs graue Gehölz. Ohne die App hätte ich definitiv keinen der versteckten Fälle entdeckt.

Wasserfall Nr. 1 ist vielleicht der beste, er rauscht zielstrebig über eine steile Felskante in Richtung Meer.

Wasserfall Nr. 2 ist vielleicht der lahmste, er tröpfelt träge durch das Moos weit abseits vom Meer.

Wasserfall Nr. 3 sprudelt eifrig durchs Unterholz und muss dann noch ein kurzes Stückchen zum Meer zurücklegen.

Ähnlich sieht es bei Wasserfall Nr. 4 aus, der vielleicht am meisten Wasser führte und von jungen, schlanken Bäumen umgeben war.

Wasserfall Nr. 5 dagegen ist mit Steinplatten dekoriert und plätschert über mehrere Felsstufen auf den Sandstrand.

Zu guter Letzt war noch einer weitere Steilküste in der App verzeichnet, aber die war ein schlechter Scherz. Damit war meine Umrundung von Pakri abgeschlossen.

Der nächste Zwischenstopp ist ein tragischer. In Klooga beginnt ein verwinkelter Weg durch den Wald bis zum Bahnhof. Dreieckige Mauern zoomen in mehreren Schritten in das Thema hinein: Der Holocaust im Allgemeinen, der Holocaust in Estland, der Holocaust in Klooga. Bei der Einweihung der Gedenkstätte 2005 gab der Ministerpräsident Ansip erstmals zu, dass estnische Polizisten dabei mitgewirkt hatten, die Juden Estlands aufzuspüren. Aber auch Gefangene aus Theresienstadt in Tschechien, Frankfurt oder Berlin wurden hierher verschoben. Im Konzentrationslager von Klooga mussten sie Häuser bauen, auf den Feldern ernten und Beton herstellen (deswegen besteht ein Gedenkstein aus Beton). Viele hofften, nach Klooga verlegt zu werden, denn die Bedingungen galten hier als geringfügig besser, zum Beispiel gab es Häuser aus Ziegelsteinen mit fließendem Wasser. In der Zementfabrik oder Sägemühle arbeiteten sie neben normalen estnischen Lohnarbeitern, die ihnen heimlich Essen zusteckten.
Als die Front immer näher rückte, half das alles aber auch nicht. Am 19. September 1944 erzählte die SS den Häftlingen, sie würden nach Deutschland verschifft und müssten jetzt bei den Aufräumarbeiten helfen. Als zu diesen Aufräumarbeiten die Errichtung eines Scheiterhaufens gehörte, wurden einige misstrauisch und versuchten zu fliehen, nur sehr selten mit Erfolg. Auch daran waren ein paar estnische Polizisten beteiligt.

Solch ein großer Scheiterhaufen ließ sich nur schlecht verstecken. Als die Sowjetarmee einmarschierte, entdeckte sie die hastig kaschierten, halbverbrannten Überreste des Massakers. Es war einer der ersten Beweise für den Holocaust, von dem die Alliierten bis dahin nur vom Hörensagen erfahren hatten. Wie reagierte Stalins Regime darauf?
Gut: Internationale Journalisten wurden eingeladen, um ihnen alles transparent zu zeigen.
Fair: Deutsche Kriegsgefangene wurden verpflichtet, einen Friedhof für die Toten auszuheben, der hier heute noch liegt.
Weniger gut: In der eigenen Propaganda wurden aus den Mordopfern bald durchgehend "Bürger der Sowjetunion", obwohl nur die wenigsten Juden diese Staatsbürgerschaft hatten.

Die restliche Strecke bestand aus straßenbegleitenden Radwegen, hier und da blinkte das Meer durch den Wald.

In Kloogaranna folgte überraschend Wasserfall Nr. 6. Direkt neben dem Radweg hüpfte der Fluss die eine oder andere Stufe herunter. Für einen genaueren Blick folgt auch ein Pfad seinem Ufer. Heute ist offenbar Wasserfall-Tag.

Eine Nummer größer ist Wasserfall Nr. 7, eine Staustufe in Keila-Joa.

Aber die ist nichts gegen Wasserfall Nr. 8 - der Rheinfall Estlands! Menschen drängten sich durch den Park und über die Felsen, um vor diesem Naturwunder zu posieren. Denn obwohl er im künstlichen Landschaftspark von Keila-Joa liegt, ist der 7000 Jahre alte, 70 Meter breite und 6 (leider nicht 7) Meter hohe Wasserfall natürlichen Ursprungs. 6,5 Kubikmeter fließen pro Sekunde durch, was in Estland immerhin für Platz 2 reicht.
In der Mitte rauschte es kräftig, aber sollte der Fluss noch mehr Wasser führen, gibt es noch Stauraum! Am Rande befinden sich trockene Felsplatten (unten im Bild), die der Fall noch nicht überspült hatte. Einige stiegen für bessere Fotos oder einen Adrenalinkick über das Geländer und auf den trockenen Wasserfall, dabei ist das Panorama auch so schön genug. Gleich hinter dem Fall ragen alte Mauern und das prächtige Gutshaus auf. Auch ein kleines Wasserkraftwerk stand da mal.
Also schnell Fotos machen, ehe das Panorama weg ist! Schließlich schleift das Waser den Kalkstein ab, und der Fall wandert pro Jahr 9,2 Zentimeter landeinwärts.

Hin und her, die Hügel rauf und runter winden sich die Wege durch den Park. Auch eine Liebesinsel mit einem Gitter voller Vorhängeschlösser gehört selbstverständlich dazu.
Kurze Comics in mehreren Sprachen erzählen die Geschichte des Landschaftsparks, zum Beispiel, wie der Komponist Alexei Lvov die Lvov-Brücke designt hat, auf ihr die Idee für die Hymne des russischen Zarenreichs hatte und dann sein Instrument ins Wasser schmiss, weil, Künstler halt.

Alle Quellen behaupten, der Landschaftspark würde sich bis zur Ostsee hinziehen, also wollte ich auch gern sehen, wie er auf die Ostsee trifft. Was für Fake News - am Ende gehört nur noch die Wasserfläche offiziell zum Parkgelände, an Land beginnen abgezäunte Privatgrundstücke.

Über einen Riesenumweg auf einem Waldpfad sah ich dann, wie der Fluss alles andere als landschaftsparkig in grauen Betonmauern ins Meer mündete. Und wehe, ich verließ den Strand! Eine Kamera passte genau auf, falls ich den privaten Rasen betreten sollte.

Tief im moosgrünen Küstenwald springt dann noch Wasserfall Nr. 9 eine Stufe runter.

Die Wasserfälle des Tages wären damit vorbei, die Steilküsten noch nicht. Bei Türisalu leuchtete eine weitere Klippe im Abendrot. Auch diesmal sah ich von der Straße aus nur eine plötzliche Graskante am Meer, und erst auf den Pfaden im Gras erschloss sich das volle Panorama. Aber anders als die Klippen von Pakri sieht diese hier relativ stabil aus und nicht, als könnte ich mit einem lauten Niesen ein Stück abbrechen.

Die Türisaluer haben trotzdem Angst vor ihr. Oder einfach eine seltsame Art, ihre Klippen zu genießen. Im Sonnenuntergang saßen sie in ihren Autos hinter der Leitplanke, futterten irgendwas und genossen die Aussicht. Der Parkplatz war gut gefüllt, aber ich war fast der einzige, der draußen herumlief.

Anschließend kommt eine weiter Steinerne Küste.

Ich könnte jetzt wahrscheinlich auf den straßenbegleitenden Radwegen durchsausen, es genau wie bei Riga machen und irgendwann zwischen 23 und 24 Uhr in Tallinn ankommen. Aber wozu der Quatsch? Wenn ich morgen Vormittag die letzten 30 Kilometer fahre, dann habe ich trotzdem noch fast drei Tage Zeit in der Stadt, das reicht ja wohl völlig.
Also folgte ich in aller Ruhe der Karte auf verwinkelten Schleifen durch die Küstenwälder und suchte langsam eine Stelle für die letzte Nacht in der Wildnis.

Leichter gesagt als getan. Zuerst war alles Naturschutzgebiet, dann kamen Vororte voller Villen. Einmal blockierte eine Schranke mit Videoüberwachung die Privatstraße, und mit einem unangenehmen Gefühl fuhr ich um die Schranke und eilte durch die beschränkte Zone, ehe jemand meckerte.
Am nächsten Wald schrie mir ein Schild auf Estnisch entgegen: 3200 Euro Strafe für irgendwas! Keine Ahnung wofür, aber ich möchte es lieber nicht herausfinden.

Verdammt, mein Plan hatte einen Denkfehler: 30 Kilometer vor der Hauptstadt bin ich natürlich längst in ihren Speckgürtel eingedrungen. Vielleicht gibt es hier ja Zimmer? Nein, mir wurden nur Wellnesshotels für 250 Euro die Nacht und Hostelzimmer im Zentrum Tallinns angezeigt, danke für nix.
Also entfernte ich mich bei Suurupi ein gutes Stück von der Küste, überquerte die Hauptstraße und fand schließlich einen Wald, der ganz offensichtlich kein Naturschutzgebiet und auch sonst praktisch jedem egal war. Zumindest schließe ich das aus der Menge an Müll, die dort abgeladen wurde.
Ich fand Suurupi nicht so supi.

Sonntag, 5. Mai 2024

Von Emmaste nach Suuremõisa

Also dann, heute kommt die zweitgrößte Insel an die Reihe! Während Saaremaa auf der Karte einfach aussieht wie ein riesiger Mikrororganismus, hat Hiiumaa die Form eines Kreuzes. Und von dem will ich heute drei Viertel umrunden. Als erstes bin ich das südliche Ende des Kreuzes hochgefahren. Das ging, dem Wunder des Nicht-Abbiegens sei dank, total fix. Geradeaus, Wiese, sumpfiger Birkenwald, trockener Nadelwald, zack, fertig.


Als nächstes wollte ich einen Abstecher auf die Halbinsel Kõpu (das westliche Ende des Kreuzes) unternehmen. Nicht wegen der Strecke selbst, das ist immer noch eine Waldstraße mit ordentlich Abstand zum Wasser.

Wenn ich schon auf die Halbinsel fahre, will ich doch auch irgendwas von ihrer Küste sehen. An der Spitze surfen Surfer in den Hochseewellen, aber habe einfach mal an der Seite der Halbinsel nachgeschaut. Hin und wieder zweigte ein Feldweg von der Straße ab, aber immer privat. Es dauerte echt eine Weile, bis ich einen fand, wo normale Wanderer und Radler ausdrücklich erlaubt sind.

Und selbst da kam ich mir vor wie ein Eindringling, als sich der Weg in einen Waldpfad auflöste, der ganz dicht an einer Strandvilla vorbeistrich. Aber er brachte mich tatsächlich zu einer ziemlich wilden Steinernen Küste. Die nächste Strandvilla hält ordentlich Abstand, hat ein Reetdach und einen Badesteg.

Nun aber zurück zur Mitte der Halbinsel und zum eigentlichen Grund, warum ich hier bin. Dabei tauchten zum ersten Mal auf dieser Reise richtige Steigungen auf. Keine schlimmen, aber die Art Hügel, die in großen Mengen schon echt anstrengend werden können und von denen es in Finnland richtig viele geben soll. Nordestland bereitet mich da schon mal ganz, ganz allmählich drauf vor.

Es ist Zeit, dass ich endlich mal einen Leuchtturm des Baltikums besteige, und der von Kõpu ist etwas ganz Besonderes. Denn dieser weiße Riese (nicht das Waschpulver) ist alt. Es ist der drittälteste Leuchtturm auf diesem Planeten. Schon um 1490 wollte die Hanse hier einen haben, denn ein Riff namens Hiiu Madal hatte viele ihrer Schiffe aufgeschlitzt.
Erst mal wurde nur der untere Teil gebaut, und der leuchtete anfangs auch nicht, sondern war einfach durch seine Anwesenheit ein Wegweiser. Jedenfalls tagsüber. Er war auch noch nicht weiß, die Farbe kam erst 1805 dazu. (Also nicht unbedingt die aktuelle Farbe, die ist von 2012.) Der Turm brauchte diese vier komischen Dreiecke an der Seite, damit er überhaupt stand. Mit denen stand er dann aber richtig fest. So fest, dass ihm nicht mal 400 Jahre später deutsche Bomben etwas anhaben konnten - also Waffen, die zur Zeit seiner Erbauung so unmöglich klangen wie für uns das Zeitreisen.
Damit die Hanseefahrer auch nachts um Kõpu segeln konnten, kletterten ab 1649 Feuerwächter außen an Leitern hoch, zogen mit Seilen Feuerholz herauf und warfen es in die Mitte, wo das große Feuer brannte.

Ab Mai ist der Turm geöffnet, also bin ich gerade zum rechten Zeitpunkt gekommen, oder? Ja, die Tür stand offen, doch statt einer Kasse verlangte da nur ein Drehkreuz mit erwartungsvollen Lasern einen Strichcode. Den ich nicht hatte. Erst mal musste ich unten in der Baustelle des Restaurants das Gebäude finden, in dem man die Karten kauft. Danach konnte ich in das... also, ein Treppenhaus kann man das nicht nennen. Eher einen Treppentunnel. Ich musste mich die ganze Zeit ducken, während ich mich auf diesem abenteuerlichen Aufstieg erst gerade und dann im Kreis durch die uralten weißen Mauern schraubte. Diese Treppen wurden nämlich erst nachträglich reingeschnitten. Treppensteigen damals war... anders. Aber immerhin angenehm kühl an heißen Sommertagen.

Dann kam ich in den neuen Etagen von 1810 an und konnte meinen Rücken wieder voll aufrichten. Hier gibt es richtige Holztreppen, Fenster und ein paar Infotafeln über Leuchttürme der Ostsee.

Obwohl er so alt war, war der Leuchtturm immer mal wieder für eine Innovation gut, zum Beispiel kriegte er eine Gas-Petroleum-Lampe von der Weltausstellung 1900 in Paris. Seit 1946 leuchtet er elektrisch mit Batterie und Generator, seit 1963 direkt aus der Stromleitung und seit 1996 vollautomatisch.
Als ich dann ganz oben rauskam, wurde der Turm wieder ungewöhnlich. Ganz nach oben zum Licht konnte ich nicht, auch wenn ich es schon sehen konnte. Stattdessen wurde ich als Tourist auf ein breites, schwarzes Rechteck aus Blech geschickt, das in der Sonne rasch wärmer wurde und auf dem mich der Wind fast umwarf. Wäre da kein Geländer, hätte ich gedacht, ich sei einfach aus Versehen und verbotenerweise auf dem Dach gelandet.

Der Turm ist 36 Meter hoch, aber diese 36 Meter beginnen ja schon auf einem Hügel. Das macht insgesamt 102 Meter über dem Meeresspiegel, sodass ich in drei verschiedenen Himmelsrichtungen besagten Meeresspiegel sehen konnte, obwohl er viele Kilometer entfernt war.
Zwei Funktürme leisten dem Leuchtturm inzwischen Gesellschaft, und eine kleine Insel an Gebäuden. Ansonsten: Ein grünes Meer, das in einer schnurgeraden Linie vom blauen Meer abgelöst wird. Ein bisschen wie auf dem polnischen Leuchtturm von Stiło.

Wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch ein bisschen mehr von Kõpu  ansehen. Aber erst mal Essen! Mit den Fertiggerichten war ich erstmal fertig, heute nahm ich mir etwas mehr Zeit und schnippelte Gemüse.

Dann nahm ich mir noch mehr Zeit und stieg die Treppe hinauf ins Naturschutzgebiet. Hier verbargen sich nämlich zwei Hügel mit hölzernen Aussichtstürmen, der Rebastemägi (Fuchshügel) und Kaplimägli (Kapellenhügel).
Vor 10 000 Jahren schmolz hier ein Gletschersee, und zum Vorschein kam eine einsame Insel - damals war Kõpu noch nicht mit dem Rest Hiiumaas verbunden, und das Wasser war viel näher. Der scharfe Wind türmte über Jahrtausende erstaunliche Dünen auf.
Auf dem Kaplimägi soll mal eine Kirche gestanden haben. Angeblich war der Vikar so dick, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst ordentlich ins Keuchen kam, und deswegen brannte sie der nicht ganz so gottesfürchtige Diener Gottes eines Tages frustriert nieder. Der Hügel soll auch als Standort für den Leuchtturm diskutiert worden sein, wovon eine erste Mauer (die ich aber nicht gesehen habe) zeugt.

Es soll hier mal eine Festung gegeben haben, von der nach feindlichen Schiffen gespäht wurde. Hm.  Muss eine echt große Festung gewesen sein. Die Bäume überragen die beiden Aussichtsplattformen um Längen, sodass nicht sonderlich viel Aussicht da ist.

Nein, das echte Highlight ist der Wald selbst, mit dessen Holz St. Petersburg zusammengezimmert wurde. Es ist natürlich längst alles nachgewachsen und geschützt. Und so schön, dass ich spontan den ganzen Foxhill Study Trail gelaufen bin. Dabei hatte ich nun echt nicht vor, dermaßen viel Zeit hier zu verbringen, aber gegen die Magie dieses Waldes war ich machtlos.
Die Pinien hier wurden vor 70 Jahren nach einem Waldbrand gepflanzt. Heide wächst hier nicht, obwohl der Boden trocken und sandig ist. Die langen Dünenstreifen bilden tiefe Täler, und die alten Straßen da unten gehören längst völlig den Tieren und Pflanzen. Weiter oben am Rande des Abhangs wandert es sich eh am schönsten.

Auch Hiiumaa blühte in voller Pracht, aber nicht weiß-gelb, sondern blau-violett. Diese kleinen blauen Pünktchen nennen sich Blausternchen und schießen sogar in den schattigsten Ecken des Waldes aus der Erde.

So, danach wollte ich eine Abkürzung von Kõpu runter nehmen und geriet prompt auf eine miese Kiespiste - ja, okay, ich sehe es ein, es hatte seinen Grund, warum die Karte mir genau denselben Weg wie auf dem Hinweg empfohlen hat.
Die restliche Strecke um die nordwestliche Ecke Hiiumaas ging aber ziemlich flott, es gab sogar einen eigenen Radweg mit eigener Brücke über den Fluss von Kõrgessare.

Irgendwann habe ich diese schnelle Route dann doch wieder verlassen, um auch das nördliche Ende des Kreuzes zu erkunden. Dieser besonders breite Finger heißt Tahkuna. Auf ihm liegt zum Beispiel das Mihkli Talumuuseum. Das ist ein alter Bauernhof, der seit 180 Jahren komplett eingefroren geblieben ist, aber nur selten seine Pforten öffnet. Wie alle Freilichtmuseen auf der Strecke konnte ich dieses bloß über den Zaun hinweg sehen. Das halbvergrabene Häuschen ganz rechts ist eine Dampfsauna, in der schon im 18. Jahrhundert Bauern saßen - bestimmt auch ohne Handtuch, oder? Irrtum, denn ursprünglich war die Gegend von Schweden besiedelt, gut möglich also, dass diese Sauna ausnahmsweise mal anständig genutzt wurde.

500 Jahre lang lebten und saunierten Estnische Schweden auf Hiiumaa. Wer wissen will, was aus ihnen wurde, findet die Antwort ganz unten auf dem Tahkuna-Finger, neben der Hauptstraße.
Am 20. August 1781 hielten sie hier einen letzten Gottesdienst ab. Aus Gründen, die wohl nur sie selbst so richtig kapierte, hatte Katharina II. entschieden, dass die Schweden mitten im kalten Winter in die Südukraine umziehen sollten. Zum Abschied stellte jeder estnische Schwede ein Kreuz auf diese Hügel. Das Ergebnis war Ristimägi, der Hügel der Kreuze (nicht zu verwechseln mit dem größeren Berg der Kreuze in Litauens Hauptstadt). Die Sowjets erlaubten ihnen später, aus der Ukraine nach Schweden zurückzukehren, und so endete die Reise von einigen auf der gegenüberliegenden Seite der Ostsee, auf Gotland.
Naja, es gibt noch eine zweite, ziemlich bescheuerte Legende über Ristimägis Usprung: An dieser Stelle sind sich zwei Hochzeitszüge begegnet, und weil sie einander keine Vorfahrt gewähren wollten, gab es eine heftige Schlägerei. Jeweils eine Braut und ein Bräutigam starben, die beiden übriggebliebenen heirateten angeblich später. Ende. Ja, so habe ich auch geguckt.
Ein paar stabile Kreuze aus Metall stehen sozusagen als Basis herum, damit auf jeden Fall ein paar Kreuze Wind und Wetter widerstehen. Aber sie sind kaum zu erkennen unter einer Flut aus annähernd kreuzförmigen Stöckern (das auf dem Foto ist bei Weitem nicht alles). Ob da noch irgendein Kreuz der ursprünglichen Schweden druntersteckt? Schwer zu sagen, denn inzwischen ist es Brauch, dass jeder Besucher selbst ein Kreuz bastelt und hinterlässt. Das soll Glück und/oder einen neuen Partner bringen. Damit die Natur aber nicht mit Plastik zugekreuzt wird und das Ganze zu einer kleinen Challenge wird, darf man nur Naturmaterialien nutzen.
Viele haben es sich ganz einfach gemacht, und zwei gekreuzte Stöcker auf den Boden gelegt. Ja, okay, streng genommen hat keiner gesagt, dass das Kreuz stehen muss - aber das ist nun doch ein bisschen zu simpel. Zumal diese Stolperfallen mitten auf dem Weg sicher keine große Halbwertzeit haben. Andere waren geschickt und haben ihr Holz irgendwie mit Gras und Blättern verknotet, doch das wollte bei mir nicht so recht klappen. Da fiel mir eine ideale Lösung ein: Ich muss nur einen Stock mit zwei Astgabeln finden, die so günstig liegen, dass ich den zweiten Stock dahinterklemmen kann.

Nicht ganz so alt ist dieser Panzer: Die Nordspitze von Hiiumaa gehörte wieder mal dem Militär. Und davon ist noch viel mehr übrig als gestern auf dem Panga Pank. Es reicht für ein komplettes Militärmuseum, und noch ganz viele andere Reste, die außerhalb davon herumstehen. Auch hier wütete der Zweite Weltkrieg besonders übel.

Der Beobachtungsturm musste nachträglich um ein Stockwerk aufgestockt werden, weil die verdammten Bäume gewachsen waren - Russland war ebenfalls im Kalten Krieg mit dem Wald. Die großen Batterietürme konnten 25 Kilometer weit schießen. Sie waren aber schon nach dem Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen explodiert, mit Wasser geflutet oder einfach Schrott, der zu Altmetall zerschnippelt wurde. Offenbar glaubten die Sowjets doch nicht so sehr an einen Krieg mit der Nato, dass es ihnen die Mühe wert war, sie wieder aufzubauen.
Überall gehen Betontunnel in die moosbedeckten Hügel hinein.

Einige davon sind vergittert oder zugemauert, andere nicht.

In den Gängen rosten rätselhafte Gerätschaften vor sich hin. Die Betten erkenne ich ja noch, aber dieses komische Regal (hinten links)... sieht aus, als gehörte es in einen Weinkeller. Aber vermutlich steckte da kein Wein drin, sondern irgendwas sehr Explosives.

Wenn ich schon so weit oben bin, dachte ich, dann fahre ich auch noch die letzten Meter bis zur Sackgasse. Der Leuchtturm wurde 1874 in Frankreich gebaut, keine Ahnung, wie die den dann hierher gekriegt haben. An seinem Fuß kapitulierten im Oktober 1941 die letzten sowjetischen Soldaten der Insel. Nun hielt am Fuß gerade ein Reisebus, aus dem die Touristen drängen. Dabei ist das Kap Tahkuna eigentlich nicht soo spektakulär. Die Küste ist flach und steinig, der Leuchtturm geschlossen.
Folgendes konnte ich nicht sehen, weil es sich in viel zu großen Maßstäben abspielt: Ungefähr hier teilt sich die Ostsee. Im Norden hat sie nicht ein Ende, sondern zwei, und zur großen Freude aller pubertären Witzbolde heißen die Enden Meerbusen. Hier geht der Finnische Meerbusen los, der kürzere von beiden. Der Name ergibt nicht wirklich Sinn, denn der Bottnische Meerbusen hat eine viel längere finnische Küste als der Finnische.

Trotzdem liegt ab jetzt Finnland auf der gegenüberliegenden Seite. Ein estnisches Paar soll auf der Flucht aus der Sowjetunion einmal komplett nach drüben geschwommen sein. Für die meisten war Finnland aber abschreckend, denn es hatte ein Auslieferungsabkommen mit den Sowjets. Wenn Esten in Booten ankamen, fragten sie direkt, ob sie in Schweden und Finnland waren. War die Antwort Finnland: Nix wie weiter Richtung Westen. War die Antwort Schweden: Erstmal ausruhen, aber dann trotzdem lieber weiter Richtung Westen, nach Norwegen oder Amerika, wer weiß schon, ob die Schweden nicht auch noch so ein Abkommen schließen.
Oft werden die baltischen Sowjetrepubliken in einem Atemzug genannt, dabei war ihr Umgang mit der Besatzung sehr unterschiedlich: Litauen platzierte seine Landsleute in die Partei, um zumindest Investitionen ins Land zu holen, Lettland duldete die Herrschaft am passivsten, Estland aber blieb am westlichsten orientiert. Der Grund für letzteres ist eine Gemeinsamkeit mit der DDR: Quer über den Meerbusen konnten die Esten finnisches Westfernsehen empfangen. Als ein finnischer Sender zum ersten Mal den skandalösen französischen Eroktikfilm Emmanuelle ausstrahlte, waren die Straßen von Tallinn vollkommen entvölkert.

An der endgültigen Spitze pendelt eine Totenglocke. Sie erinnert an die größte Katastrophe der Ostsee nach 1945.
1994 fuhr hier die die Fähre Estonia, die die Meyerwerften in Papenburg für die Strecke Tallinn - Stockholm gebaut hatten. Ein Sturm riss das Visier (also diesen Teil, der vorne aufklappt) auf, und Wasser flutete das Autodeck. 989 Passagiere fuhren mit, und 852 davon (aus 70 Ländern) kamen ums Leben. Die Gesichter auf der Glocke sollen besonders an die verstorbenen Kinder erinnern. 852! Das klingt nach der Titanic und nicht nach den 90ern! Ich war verstört. Von all den Tragödien, deren Spuren ich an der Ostsee begegnet bin, ist das für mich die lebensnächste, immerhin fahre ich hier regelmäßig mit Fähren, die grundsätzlich immer noch so aufgebaut sind. Damals aber waren solche Schiffe noch neu und für die Belastung in schweren Stürmen unerprobt. Na schön, aber ich dachte, seit der Titanic hätten die Schiffe zumindest genug Rettungsboote?! Hatten sie auch, aber das Schiff kenterte so schnell, dass die meisten sie gar nicht erreichen konnten.

So, dann mal zurück in Richtung Süden, diesmal wieder auf einem Waldweg statt auf der Straße. Am Wegesrand steht eine obskure Zielscheibe. Auf die Mauer wurde ein roter Fleck gepinselt, und gut sichtbar klaffen Einschusslöcher darin. Soll das ein Land darstellen, auf das die da geballert haben? Die baltischen Staaten, Russland, USA, Ukraine, China... nee, passt alles nicht. Ich habe es immer noch nicht erkannt.

Im Nordosten Hiiumaas liegt die Inselhauptstadt (naja, eigentlich auch die einzige Stadt) Kärdla. Sie ist sehr grün, aber wirklich klein und unspektakulär, trotzdem reicht es immerhin für Platz 29 unter den Städten Estlands. Wie viele Städte hat Estland überhaupt? Ah ja, 29.
Kärdla wurde in die Grube eines Meteoriten gebaut, der vor 400 Millionen Jahren von Hiiumaa angezogen wurde - irgendwas machte diese Inseln unwiderstehlich für kosmische Geschosse (die von Kaali und Kärdla sind bei Weitem nicht die einzigen).

Am Fluss ragt ein Fabrikschornstein auf. Robert von Ungern-Sternberg hat hier 1830 eine Tuchfabrik gebaut. Die Sowjets machten ein Kraftwerk draus und holten sich acht Dieselgeneratoren, einen davon von Škoda aus Tschechien. Nicht gerade nachhaltig, aber für die Arbeiter gab es immerhin ein eigenes Gebäude, um ihre Fahrräder unterzustellen. Erst 1977 bekam Hiiumaa einen normalen Stromanschluss über ein Unterwasserkabel von Saaremaa.
Im weißen Gebäudekomplex steckt das Inselmuseum, und joa, diese Stelle ist im Prinzip auch schon das Highlight von Kärdla. Oder?

Nicht ganz. Am Ortsausgang entdeckte ich dann doch noch etwas sehr Witziges. Seebrücken scheint es so weit nördlich nicht mehr zu geben, dafür aber kleine Badestege. Meistens private, aber dieser hier ist mal öffentlich und noch dazu ziemlich verrückt.

Erst einmal geht er ziemlich lange über Land, dann geht es steil runter und das Ding schwimmt auf einmal auf der Ostsee. Die Wellen auf dem Bild sehen zwar klein aus, aber jede einzelne brachte den Steg heftig ins Schaukeln. Die Geländer in der Mitte wurden da aus gutem Grund angeschraubt - ohne hätte ich es kaum an die Spitze geschafft, ohne unfreiwillig baden zu gehen. Ein bisschen wie Rodeoreiten auf einem störrischen hölzernen Riesenwurm.

Auf der Küstenstraße fiel mir dann noch etwas anderes auf.

Was ist das? Noch eine Insel - oder eher zwei Inseln, die durch ein dünnes flaches Landstück verbunden sind. Sieht aus wie Drejø in Dänemark. Oder wie ein Telefonhörer.
Rund um die Finger spalten sich immer mehr kleine Inselchen ab. Außer den drei großen gehören noch etwa 500 Mini-Inselchen zu den Moonsund-Inseln.

Unvermeidlich ist natürlich, dass ich auf den Inseln auch mal auf einen Flughafen treffe. Dafür, dass ich noch nie auf eine Insel geflogen bin, habe ich schon echt viele Insel-Flughäfchen gesehen. Der Radweg macht eine komplizierte Schleife um den Hiiumaa-Flughafen, dann geht es verwinkelt weiter durch Wälder und Dörfer.

Diese Windmühle macht einen genickten Eindruck. Sie ist traurig, weil sie nur noch zwei halbe Flügel hat.

Als ich keine Lust mehr auf Zickzack hatte, bin ich auf die Hauptstraße nach Suuremõisa abgebogen. Das ist quasi die ehemalige Inselhauptstadt, denn im Herrenhaus herrschte einst die Familie Stenbock, der die ganze Insel als Privatbesitz gehörte. Auch die Ungern-Sternbergs (die mit der Fabrik in Kärdla) lebten hier zwischenzeitlich.
Die heutige Version des Hauses hat Gräfin Ebba-Margaretha Stenbock 1760 mit einem Vorarbeiter namens Peter Opel (keine Ahnung, ob dessen Nachkommen Autos gebaut haben) bauen lassen, als der Familie nicht mehr die komplette Insel gehörte. Seit 1920 ist das Ding eine Schule, wobei so gut wie jede existierende Schulform darin ausprobiert wurde.

Das Gut ist ebenso gut erhalten wie die Kirche, die älteste der ganzen Insel. Nur die holländische Windmühle liegt in Trümmern.
Der Besitz der Familie Stenbock ist von der kompletten Insel auf ein paar Gräber auf dem Friedhof zusammengeschrumpft.

Und damit wäre es auch schon wieder Abend. Ich hätte zwar noch die letzte Fähre nehmen können, aber dann wäre ich erst im Stockfinstern angekommen.
Das wilde Campen wird im Baltikum meines Wissens geduldet, also weder ausdrücklich erlaubt noch verboten. Aber ich wollte Begegnungen wie in der zweiten Nacht mit der Polizei von Liepāja dennoch vermeiden - allein schon, um in Ruhe durchzuschlafen. Seit ich also ab Rīga das Wildcampen wiederaufgenommen habe, habe ich möglichst abgelegene und versteckte Plätze gesucht. Das war nicht immer einfach - außer auf den Inseln, die sind dafür super.
Estnische Naturschutzgebiete sind durch so ein kleines weißes Schild mit einem Blatt drauf markiert und leicht zu übersehen. Aber auch außerhalb dieser Blattgebiete gibt es jede Menge schützende Wälder mit relativ bequemen Böden. Ein besonderer Traum ist dieser helle Buschwald heute Nacht, in den sich das Rad problemlos reinschieben ließ und in den sich offenbar nie jemand verirrt. Auf der Straße, die ihm am nächsten ist, fährt im Schnitt vielleicht ein Auto pro Nacht.

Äh, ja. Und erst jetzt, wo ich das hier zusammenschreibe, lese ich, dass auch Braunbären auf der Insel leben sollen.
Uff.