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Sonntag, 5. Mai 2024

Von Emmaste nach Suuremõisa

Also dann, heute kommt die zweitgrößte Insel an die Reihe! Während Saaremaa auf der Karte einfach aussieht wie ein riesiger Mikrororganismus, hat Hiiumaa die Form eines Kreuzes. Und von dem will ich heute drei Viertel umrunden. Als erstes bin ich das südliche Ende des Kreuzes hochgefahren. Das ging, dem Wunder des Nicht-Abbiegens sei dank, total fix. Geradeaus, Wiese, sumpfiger Birkenwald, trockener Nadelwald, zack, fertig.


Als nächstes wollte ich einen Abstecher auf die Halbinsel Kõpu (das westliche Ende des Kreuzes) unternehmen. Nicht wegen der Strecke selbst, das ist immer noch eine Waldstraße mit ordentlich Abstand zum Wasser.

Wenn ich schon auf die Halbinsel fahre, will ich doch auch irgendwas von ihrer Küste sehen. An der Spitze surfen Surfer in den Hochseewellen, aber habe einfach mal an der Seite der Halbinsel nachgeschaut. Hin und wieder zweigte ein Feldweg von der Straße ab, aber immer privat. Es dauerte echt eine Weile, bis ich einen fand, wo normale Wanderer und Radler ausdrücklich erlaubt sind.

Und selbst da kam ich mir vor wie ein Eindringling, als sich der Weg in einen Waldpfad auflöste, der ganz dicht an einer Strandvilla vorbeistrich. Aber er brachte mich tatsächlich zu einer ziemlich wilden Steinernen Küste. Die nächste Strandvilla hält ordentlich Abstand, hat ein Reetdach und einen Badesteg.

Nun aber zurück zur Mitte der Halbinsel und zum eigentlichen Grund, warum ich hier bin. Dabei tauchten zum ersten Mal auf dieser Reise richtige Steigungen auf. Keine schlimmen, aber die Art Hügel, die in großen Mengen schon echt anstrengend werden können und von denen es in Finnland richtig viele geben soll. Nordestland bereitet mich da schon mal ganz, ganz allmählich drauf vor.

Es ist Zeit, dass ich endlich mal einen Leuchtturm des Baltikums besteige, und der von Kõpu ist etwas ganz Besonderes. Denn dieser weiße Riese (nicht das Waschpulver) ist alt. Es ist der drittälteste Leuchtturm auf diesem Planeten. Schon um 1490 wollte die Hanse hier einen haben, denn ein Riff namens Hiiu Madal hatte viele ihrer Schiffe aufgeschlitzt.
Erst mal wurde nur der untere Teil gebaut, und der leuchtete anfangs auch nicht, sondern war einfach durch seine Anwesenheit ein Wegweiser. Jedenfalls tagsüber. Er war auch noch nicht weiß, die Farbe kam erst 1805 dazu. (Also nicht unbedingt die aktuelle Farbe, die ist von 2012.) Der Turm brauchte diese vier komischen Dreiecke an der Seite, damit er überhaupt stand. Mit denen stand er dann aber richtig fest. So fest, dass ihm nicht mal 400 Jahre später deutsche Bomben etwas anhaben konnten - also Waffen, die zur Zeit seiner Erbauung so unmöglich klangen wie für uns das Zeitreisen.
Damit die Hanseefahrer auch nachts um Kõpu segeln konnten, kletterten ab 1649 Feuerwächter außen an Leitern hoch, zogen mit Seilen Feuerholz herauf und warfen es in die Mitte, wo das große Feuer brannte.

Ab Mai ist der Turm geöffnet, also bin ich gerade zum rechten Zeitpunkt gekommen, oder? Ja, die Tür stand offen, doch statt einer Kasse verlangte da nur ein Drehkreuz mit erwartungsvollen Lasern einen Strichcode. Den ich nicht hatte. Erst mal musste ich unten in der Baustelle des Restaurants das Gebäude finden, in dem man die Karten kauft. Danach konnte ich in das... also, ein Treppenhaus kann man das nicht nennen. Eher einen Treppentunnel. Ich musste mich die ganze Zeit ducken, während ich mich auf diesem abenteuerlichen Aufstieg erst gerade und dann im Kreis durch die uralten weißen Mauern schraubte. Diese Treppen wurden nämlich erst nachträglich reingeschnitten. Treppensteigen damals war... anders. Aber immerhin angenehm kühl an heißen Sommertagen.

Dann kam ich in den neuen Etagen von 1810 an und konnte meinen Rücken wieder voll aufrichten. Hier gibt es richtige Holztreppen, Fenster und ein paar Infotafeln über Leuchttürme der Ostsee.

Obwohl er so alt war, war der Leuchtturm immer mal wieder für eine Innovation gut, zum Beispiel kriegte er eine Gas-Petroleum-Lampe von der Weltausstellung 1900 in Paris. Seit 1946 leuchtet er elektrisch mit Batterie und Generator, seit 1963 direkt aus der Stromleitung und seit 1996 vollautomatisch.
Als ich dann ganz oben rauskam, wurde der Turm wieder ungewöhnlich. Ganz nach oben zum Licht konnte ich nicht, auch wenn ich es schon sehen konnte. Stattdessen wurde ich als Tourist auf ein breites, schwarzes Rechteck aus Blech geschickt, das in der Sonne rasch wärmer wurde und auf dem mich der Wind fast umwarf. Wäre da kein Geländer, hätte ich gedacht, ich sei einfach aus Versehen und verbotenerweise auf dem Dach gelandet.

Der Turm ist 36 Meter hoch, aber diese 36 Meter beginnen ja schon auf einem Hügel. Das macht insgesamt 102 Meter über dem Meeresspiegel, sodass ich in drei verschiedenen Himmelsrichtungen besagten Meeresspiegel sehen konnte, obwohl er viele Kilometer entfernt war.
Zwei Funktürme leisten dem Leuchtturm inzwischen Gesellschaft, und eine kleine Insel an Gebäuden. Ansonsten: Ein grünes Meer, das in einer schnurgeraden Linie vom blauen Meer abgelöst wird. Ein bisschen wie auf dem polnischen Leuchtturm von Stiło.

Wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch ein bisschen mehr von Kõpu  ansehen. Aber erst mal Essen! Mit den Fertiggerichten war ich erstmal fertig, heute nahm ich mir etwas mehr Zeit und schnippelte Gemüse.

Dann nahm ich mir noch mehr Zeit und stieg die Treppe hinauf ins Naturschutzgebiet. Hier verbargen sich nämlich zwei Hügel mit hölzernen Aussichtstürmen, der Rebastemägi (Fuchshügel) und Kaplimägli (Kapellenhügel).
Vor 10 000 Jahren schmolz hier ein Gletschersee, und zum Vorschein kam eine einsame Insel - damals war Kõpu noch nicht mit dem Rest Hiiumaas verbunden, und das Wasser war viel näher. Der scharfe Wind türmte über Jahrtausende erstaunliche Dünen auf.
Auf dem Kaplimägi soll mal eine Kirche gestanden haben. Angeblich war der Vikar so dick, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst ordentlich ins Keuchen kam, und deswegen brannte sie der nicht ganz so gottesfürchtige Diener Gottes eines Tages frustriert nieder. Der Hügel soll auch als Standort für den Leuchtturm diskutiert worden sein, wovon eine erste Mauer (die ich aber nicht gesehen habe) zeugt.

Es soll hier mal eine Festung gegeben haben, von der nach feindlichen Schiffen gespäht wurde. Hm.  Muss eine echt große Festung gewesen sein. Die Bäume überragen die beiden Aussichtsplattformen um Längen, sodass nicht sonderlich viel Aussicht da ist.

Nein, das echte Highlight ist der Wald selbst, mit dessen Holz St. Petersburg zusammengezimmert wurde. Es ist natürlich längst alles nachgewachsen und geschützt. Und so schön, dass ich spontan den ganzen Foxhill Study Trail gelaufen bin. Dabei hatte ich nun echt nicht vor, dermaßen viel Zeit hier zu verbringen, aber gegen die Magie dieses Waldes war ich machtlos.
Die Pinien hier wurden vor 70 Jahren nach einem Waldbrand gepflanzt. Heide wächst hier nicht, obwohl der Boden trocken und sandig ist. Die langen Dünenstreifen bilden tiefe Täler, und die alten Straßen da unten gehören längst völlig den Tieren und Pflanzen. Weiter oben am Rande des Abhangs wandert es sich eh am schönsten.

Auch Hiiumaa blühte in voller Pracht, aber nicht weiß-gelb, sondern blau-violett. Diese kleinen blauen Pünktchen nennen sich Blausternchen und schießen sogar in den schattigsten Ecken des Waldes aus der Erde.

So, danach wollte ich eine Abkürzung von Kõpu runter nehmen und geriet prompt auf eine miese Kiespiste - ja, okay, ich sehe es ein, es hatte seinen Grund, warum die Karte mir genau denselben Weg wie auf dem Hinweg empfohlen hat.
Die restliche Strecke um die nordwestliche Ecke Hiiumaas ging aber ziemlich flott, es gab sogar einen eigenen Radweg mit eigener Brücke über den Fluss von Kõrgessare.

Irgendwann habe ich diese schnelle Route dann doch wieder verlassen, um auch das nördliche Ende des Kreuzes zu erkunden. Dieser besonders breite Finger heißt Tahkuna. Auf ihm liegt zum Beispiel das Mihkli Talumuuseum. Das ist ein alter Bauernhof, der seit 180 Jahren komplett eingefroren geblieben ist, aber nur selten seine Pforten öffnet. Wie alle Freilichtmuseen auf der Strecke konnte ich dieses bloß über den Zaun hinweg sehen. Das halbvergrabene Häuschen ganz rechts ist eine Dampfsauna, in der schon im 18. Jahrhundert Bauern saßen - bestimmt auch ohne Handtuch, oder? Irrtum, denn ursprünglich war die Gegend von Schweden besiedelt, gut möglich also, dass diese Sauna ausnahmsweise mal anständig genutzt wurde.

500 Jahre lang lebten und saunierten Estnische Schweden auf Hiiumaa. Wer wissen will, was aus ihnen wurde, findet die Antwort ganz unten auf dem Tahkuna-Finger, neben der Hauptstraße.
Am 20. August 1781 hielten sie hier einen letzten Gottesdienst ab. Aus Gründen, die wohl nur sie selbst so richtig kapierte, hatte Katharina II. entschieden, dass die Schweden mitten im kalten Winter in die Südukraine umziehen sollten. Zum Abschied stellte jeder estnische Schwede ein Kreuz auf diese Hügel. Das Ergebnis war Ristimägi, der Hügel der Kreuze (nicht zu verwechseln mit dem größeren Berg der Kreuze in Litauens Hauptstadt). Die Sowjets erlaubten ihnen später, aus der Ukraine nach Schweden zurückzukehren, und so endete die Reise von einigen auf der gegenüberliegenden Seite der Ostsee, auf Gotland.
Naja, es gibt noch eine zweite, ziemlich bescheuerte Legende über Ristimägis Usprung: An dieser Stelle sind sich zwei Hochzeitszüge begegnet, und weil sie einander keine Vorfahrt gewähren wollten, gab es eine heftige Schlägerei. Jeweils eine Braut und ein Bräutigam starben, die beiden übriggebliebenen heirateten angeblich später. Ende. Ja, so habe ich auch geguckt.
Ein paar stabile Kreuze aus Metall stehen sozusagen als Basis herum, damit auf jeden Fall ein paar Kreuze Wind und Wetter widerstehen. Aber sie sind kaum zu erkennen unter einer Flut aus annähernd kreuzförmigen Stöckern (das auf dem Foto ist bei Weitem nicht alles). Ob da noch irgendein Kreuz der ursprünglichen Schweden druntersteckt? Schwer zu sagen, denn inzwischen ist es Brauch, dass jeder Besucher selbst ein Kreuz bastelt und hinterlässt. Das soll Glück und/oder einen neuen Partner bringen. Damit die Natur aber nicht mit Plastik zugekreuzt wird und das Ganze zu einer kleinen Challenge wird, darf man nur Naturmaterialien nutzen.
Viele haben es sich ganz einfach gemacht, und zwei gekreuzte Stöcker auf den Boden gelegt. Ja, okay, streng genommen hat keiner gesagt, dass das Kreuz stehen muss - aber das ist nun doch ein bisschen zu simpel. Zumal diese Stolperfallen mitten auf dem Weg sicher keine große Halbwertzeit haben. Andere waren geschickt und haben ihr Holz irgendwie mit Gras und Blättern verknotet, doch das wollte bei mir nicht so recht klappen. Da fiel mir eine ideale Lösung ein: Ich muss nur einen Stock mit zwei Astgabeln finden, die so günstig liegen, dass ich den zweiten Stock dahinterklemmen kann.

Nicht ganz so alt ist dieser Panzer: Die Nordspitze von Hiiumaa gehörte wieder mal dem Militär. Und davon ist noch viel mehr übrig als gestern auf dem Panga Pank. Es reicht für ein komplettes Militärmuseum, und noch ganz viele andere Reste, die außerhalb davon herumstehen. Auch hier wütete der Zweite Weltkrieg besonders übel.

Der Beobachtungsturm musste nachträglich um ein Stockwerk aufgestockt werden, weil die verdammten Bäume gewachsen waren - Russland war ebenfalls im Kalten Krieg mit dem Wald. Die großen Batterietürme konnten 25 Kilometer weit schießen. Sie waren aber schon nach dem Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen explodiert, mit Wasser geflutet oder einfach Schrott, der zu Altmetall zerschnippelt wurde. Offenbar glaubten die Sowjets doch nicht so sehr an einen Krieg mit der Nato, dass es ihnen die Mühe wert war, sie wieder aufzubauen.
Überall gehen Betontunnel in die moosbedeckten Hügel hinein.

Einige davon sind vergittert oder zugemauert, andere nicht.

In den Gängen rosten rätselhafte Gerätschaften vor sich hin. Die Betten erkenne ich ja noch, aber dieses komische Regal (hinten links)... sieht aus, als gehörte es in einen Weinkeller. Aber vermutlich steckte da kein Wein drin, sondern irgendwas sehr Explosives.

Wenn ich schon so weit oben bin, dachte ich, dann fahre ich auch noch die letzten Meter bis zur Sackgasse. Der Leuchtturm wurde 1874 in Frankreich gebaut, keine Ahnung, wie die den dann hierher gekriegt haben. An seinem Fuß kapitulierten im Oktober 1941 die letzten sowjetischen Soldaten der Insel. Nun hielt am Fuß gerade ein Reisebus, aus dem die Touristen drängen. Dabei ist das Kap Tahkuna eigentlich nicht soo spektakulär. Die Küste ist flach und steinig, der Leuchtturm geschlossen.
Folgendes konnte ich nicht sehen, weil es sich in viel zu großen Maßstäben abspielt: Ungefähr hier teilt sich die Ostsee. Im Norden hat sie nicht ein Ende, sondern zwei, und zur großen Freude aller pubertären Witzbolde heißen die Enden Meerbusen. Hier geht der Finnische Meerbusen los, der kürzere von beiden. Der Name ergibt nicht wirklich Sinn, denn der Bottnische Meerbusen hat eine viel längere finnische Küste als der Finnische.

Trotzdem liegt ab jetzt Finnland auf der gegenüberliegenden Seite. Ein estnisches Paar soll auf der Flucht aus der Sowjetunion einmal komplett nach drüben geschwommen sein. Für die meisten war Finnland aber abschreckend, denn es hatte ein Auslieferungsabkommen mit den Sowjets. Wenn Esten in Booten ankamen, fragten sie direkt, ob sie in Schweden und Finnland waren. War die Antwort Finnland: Nix wie weiter Richtung Westen. War die Antwort Schweden: Erstmal ausruhen, aber dann trotzdem lieber weiter Richtung Westen, nach Norwegen oder Amerika, wer weiß schon, ob die Schweden nicht auch noch so ein Abkommen schließen.
Oft werden die baltischen Sowjetrepubliken in einem Atemzug genannt, dabei war ihr Umgang mit der Besatzung sehr unterschiedlich: Litauen platzierte seine Landsleute in die Partei, um zumindest Investitionen ins Land zu holen, Lettland duldete die Herrschaft am passivsten, Estland aber blieb am westlichsten orientiert. Der Grund für letzteres ist eine Gemeinsamkeit mit der DDR: Quer über den Meerbusen konnten die Esten finnisches Westfernsehen empfangen. Als ein finnischer Sender zum ersten Mal den skandalösen französischen Eroktikfilm Emmanuelle ausstrahlte, waren die Straßen von Tallinn vollkommen entvölkert.

An der endgültigen Spitze pendelt eine Totenglocke. Sie erinnert an die größte Katastrophe der Ostsee nach 1945.
1994 fuhr hier die die Fähre Estonia, die die Meyerwerften in Papenburg für die Strecke Tallinn - Stockholm gebaut hatten. Ein Sturm riss das Visier (also diesen Teil, der vorne aufklappt) auf, und Wasser flutete das Autodeck. 989 Passagiere fuhren mit, und 852 davon (aus 70 Ländern) kamen ums Leben. Die Gesichter auf der Glocke sollen besonders an die verstorbenen Kinder erinnern. 852! Das klingt nach der Titanic und nicht nach den 90ern! Ich war verstört. Von all den Tragödien, deren Spuren ich an der Ostsee begegnet bin, ist das für mich die lebensnächste, immerhin fahre ich hier regelmäßig mit Fähren, die grundsätzlich immer noch so aufgebaut sind. Damals aber waren solche Schiffe noch neu und für die Belastung in schweren Stürmen unerprobt. Na schön, aber ich dachte, seit der Titanic hätten die Schiffe zumindest genug Rettungsboote?! Hatten sie auch, aber das Schiff kenterte so schnell, dass die meisten sie gar nicht erreichen konnten.

So, dann mal zurück in Richtung Süden, diesmal wieder auf einem Waldweg statt auf der Straße. Am Wegesrand steht eine obskure Zielscheibe. Auf die Mauer wurde ein roter Fleck gepinselt, und gut sichtbar klaffen Einschusslöcher darin. Soll das ein Land darstellen, auf das die da geballert haben? Die baltischen Staaten, Russland, USA, Ukraine, China... nee, passt alles nicht. Ich habe es immer noch nicht erkannt.

Im Nordosten Hiiumaas liegt die Inselhauptstadt (naja, eigentlich auch die einzige Stadt) Kärdla. Sie ist sehr grün, aber wirklich klein und unspektakulär, trotzdem reicht es immerhin für Platz 29 unter den Städten Estlands. Wie viele Städte hat Estland überhaupt? Ah ja, 29.
Kärdla wurde in die Grube eines Meteoriten gebaut, der vor 400 Millionen Jahren von Hiiumaa angezogen wurde - irgendwas machte diese Inseln unwiderstehlich für kosmische Geschosse (die von Kaali und Kärdla sind bei Weitem nicht die einzigen).

Am Fluss ragt ein Fabrikschornstein auf. Robert von Ungern-Sternberg hat hier 1830 eine Tuchfabrik gebaut. Die Sowjets machten ein Kraftwerk draus und holten sich acht Dieselgeneratoren, einen davon von Škoda aus Tschechien. Nicht gerade nachhaltig, aber für die Arbeiter gab es immerhin ein eigenes Gebäude, um ihre Fahrräder unterzustellen. Erst 1977 bekam Hiiumaa einen normalen Stromanschluss über ein Unterwasserkabel von Saaremaa.
Im weißen Gebäudekomplex steckt das Inselmuseum, und joa, diese Stelle ist im Prinzip auch schon das Highlight von Kärdla. Oder?

Nicht ganz. Am Ortsausgang entdeckte ich dann doch noch etwas sehr Witziges. Seebrücken scheint es so weit nördlich nicht mehr zu geben, dafür aber kleine Badestege. Meistens private, aber dieser hier ist mal öffentlich und noch dazu ziemlich verrückt.

Erst einmal geht er ziemlich lange über Land, dann geht es steil runter und das Ding schwimmt auf einmal auf der Ostsee. Die Wellen auf dem Bild sehen zwar klein aus, aber jede einzelne brachte den Steg heftig ins Schaukeln. Die Geländer in der Mitte wurden da aus gutem Grund angeschraubt - ohne hätte ich es kaum an die Spitze geschafft, ohne unfreiwillig baden zu gehen. Ein bisschen wie Rodeoreiten auf einem störrischen hölzernen Riesenwurm.

Auf der Küstenstraße fiel mir dann noch etwas anderes auf.

Was ist das? Noch eine Insel - oder eher zwei Inseln, die durch ein dünnes flaches Landstück verbunden sind. Sieht aus wie Drejø in Dänemark. Oder wie ein Telefonhörer.
Rund um die Finger spalten sich immer mehr kleine Inselchen ab. Außer den drei großen gehören noch etwa 500 Mini-Inselchen zu den Moonsund-Inseln.

Unvermeidlich ist natürlich, dass ich auf den Inseln auch mal auf einen Flughafen treffe. Dafür, dass ich noch nie auf eine Insel geflogen bin, habe ich schon echt viele Insel-Flughäfchen gesehen. Der Radweg macht eine komplizierte Schleife um den Hiiumaa-Flughafen, dann geht es verwinkelt weiter durch Wälder und Dörfer.

Diese Windmühle macht einen genickten Eindruck. Sie ist traurig, weil sie nur noch zwei halbe Flügel hat.

Als ich keine Lust mehr auf Zickzack hatte, bin ich auf die Hauptstraße nach Suuremõisa abgebogen. Das ist quasi die ehemalige Inselhauptstadt, denn im Herrenhaus herrschte einst die Familie Stenbock, der die ganze Insel als Privatbesitz gehörte. Auch die Ungern-Sternbergs (die mit der Fabrik in Kärdla) lebten hier zwischenzeitlich.
Die heutige Version des Hauses hat Gräfin Ebba-Margaretha Stenbock 1760 mit einem Vorarbeiter namens Peter Opel (keine Ahnung, ob dessen Nachkommen Autos gebaut haben) bauen lassen, als der Familie nicht mehr die komplette Insel gehörte. Seit 1920 ist das Ding eine Schule, wobei so gut wie jede existierende Schulform darin ausprobiert wurde.

Das Gut ist ebenso gut erhalten wie die Kirche, die älteste der ganzen Insel. Nur die holländische Windmühle liegt in Trümmern.
Der Besitz der Familie Stenbock ist von der kompletten Insel auf ein paar Gräber auf dem Friedhof zusammengeschrumpft.

Und damit wäre es auch schon wieder Abend. Ich hätte zwar noch die letzte Fähre nehmen können, aber dann wäre ich erst im Stockfinstern angekommen.
Das wilde Campen wird im Baltikum meines Wissens geduldet, also weder ausdrücklich erlaubt noch verboten. Aber ich wollte Begegnungen wie in der zweiten Nacht mit der Polizei von Liepāja dennoch vermeiden - allein schon, um in Ruhe durchzuschlafen. Seit ich also ab Rīga das Wildcampen wiederaufgenommen habe, habe ich möglichst abgelegene und versteckte Plätze gesucht. Das war nicht immer einfach - außer auf den Inseln, die sind dafür super.
Estnische Naturschutzgebiete sind durch so ein kleines weißes Schild mit einem Blatt drauf markiert und leicht zu übersehen. Aber auch außerhalb dieser Blattgebiete gibt es jede Menge schützende Wälder mit relativ bequemen Böden. Ein besonderer Traum ist dieser helle Buschwald heute Nacht, in den sich das Rad problemlos reinschieben ließ und in den sich offenbar nie jemand verirrt. Auf der Straße, die ihm am nächsten ist, fährt im Schnitt vielleicht ein Auto pro Nacht.

Äh, ja. Und erst jetzt, wo ich das hier zusammenschreibe, lese ich, dass auch Braunbären auf der Insel leben sollen.
Uff.

Freitag, 3. Mai 2024

Von Koovi nach Emmaste

Am nächsten Morgen erblickte ich mit Schrecken eine einstellige Zahl. Es war der Akkustand meines Handys. Was, warum hat es über Nacht nicht geladen?
Ganz einfach: Weil der Akkustand meiner Powerbank sogar noch einstelliger war, um nicht zu sagen: nullstellig. Wie, ich habe sie doch gestern noch im Restaurant geladen? Das Teil ist wohl schon in jungen Jahren altersschwach geworden. Oje, wie sehr klagen wir doch alle, wie abhängig wir sind von diesem kleinen Rechteck voller Technik! Wie werde ich dann wohl ohne es in der Fremde klarkommen?
Erst mal ganz gut. Zu Fotografieren gab es eh nix, ich kürzte die Westküste, an der man eh nichts vom Meer sieht, ein bisschen ab, und nahm eine direkte Strichelstraße in Richtung Norden. Der Weg war auch mit einer Papierkarte im Maßstab 1:120 000 kinderleicht zu finden. (Je weiter ich auf der Ostsee komme, umso kleiner macht Bikeline die Maßstäbe. Aber irgendwie fühlt sich eine Seite trotzdem noch gleich lang an - das Wunder des Nicht-Abbiegens halt.)

Dennoch wollte ich das Problem lösen und steuerte den nächsten geöffneten Supermarkt in Kihelkonna an. Vielleicht verkaufte er ja vollgeladene Powerbanks? Nein, überhaupt kein Handyzubehör, dafür zig Arten von Taschenlampen. Als ich hilflos mit Kabel und Handy wedelte, führte mich Verkäuferin1 freundlicherweise zu einer Steckdose. Die ich aber nur wenige Minuten nutzen konnte, bis Verkäuferin2 eine Tiefkühltruhe herbeischob und sie dort anschließen wollte. Naja, immerhin fünf Extraprozent habe ich hier herausbekommen.


Die waren wieder futsch, als ich an einer Stelle ankam, die ich wirklich fotografieren wollte. Ausgerechnet an der zweitschönsten Stelle des Tages, und einem der wenigen Orte, wo man durch den Wald zum Wasser kommt. Das nachfolgende Foto habe ich daher von Google Maps genommen - das Wetter kommt ungefähr hin.
Was am Festland begonnen hat, geht auf den Insel einfach weiter: Die Finger. Sie wachsen immer mehr, und hier an Saaremaas Nordküste haben sie eine so stattliche Größe erreicht, dass man sie per Rad umrunden kann, ohne in eine Sackgasse zu geraten. Zumindest so halb, nicht bis ganz zur Spitze. Und eben das macht der Ostseeradweg. Auf den Fingern wächst Wald, aber er sieht unterschiedlich aus. An der Seite ist ist er trocken und steil. In Vaigu bildet er eine richtige kleine Steilküste, wo die Nadelbäume direkt aus dem steilen Schotterbett zu wachsen scheinen. Damit dort niemand eine Lawine auslöst, wurde ein Holztreppe draufgesetzt. Auf Nordsaaremaa ist das alles andere als selbstverständlich, wie ich bald erfahren werde.

An den Enden der Buchten, zwischen den Fingern, wird der Wald dagegen flach und sumpfig. Birkenalarm!

In Mustjala fand ich dann einen Tante-Emma-Laden mit einem Schreibtisch in der Ecke. Tante Emma hatte rein gar nichts dagegen, dass ich das Handy dort für eine Stunde anstöpselte und neben ihre Papiere legte. Also ist dann jetzt wohl Mittagspause. Die Rastbank am Dorfteich hatte schon eine fröhliche Großfamilie besetzt, aber auch an der Bushaltestelle konnte ich kochen.

Guter Dinge bog ich nach dem Mittagessen ab zu einer Straße direkt an der nächsten Steinernen Küste. Die Küste hat hier zur Abwechslung mal keinen Finger, dafür aber ein Highlight, für das ich einen kleinen Ausflug mache.

Die Straße endet an einem Parkplatz mit mehreren Dixiklos. Hinter dem Holzzaun erstreckt sich eine Wiese - die abrupt endet und den Blick freigibt auf eine blaue Fläche.
Die Sonnenuhr zeigte an, dass der Nachmittag bereits hereingebrochen war, aber egal, hier musste ich mir Zeit nehmen.

Denn als ich an die Kante trat, entpuppte sich das abrupte Ende der Wiese als die schönste Stelle der estnischen Ostsee. Auf den ersten Metern rutschen nur Kieselsteine eine schräge Geröllhalde runter. Aber dann wird die Schräge plötzlich senkrecht, und hellgrau, im Sonnenlicht fast schon weiß, fallen schroffe Platten aus Kalkstein in Richtung Meer.
Nordsaaremaa hat viele Klippen, aber das hier ist die höchste (21 Meter), längste (3 Kilometer) und die einzige in vernünftiger Entfernung zur Radroute.

Dies sind die Klippen von Panga Pank (Pank bedeutet auch so viel wie Klippe). Hoch über ihnen ragt ein Grenzturm auf, der jetzt rot angemalt wurde und das Wetter misst. Das Messergebnis ist eindeutig: Heute war ideales Wetter für die Klippen. Sie wirkten auf mich genauso simpel, klar und gradlinig wie die Wiese, der Himmel und das Meer.

Die Wiese wurde aber bald von einem Wald abgelöst, der nicht ganz so simpel ist. Hier gibt es mehrere Pfade, und eine zweite Stufe aus Kalkstein fällt schon ein gutes Stück vom Meer entfernt steil nach unten. Also gut überlegen, ob ich oben oder unten weiterlaufe! Denn zwischen den Etagen des Waldes gibt es nur noch steile Pfade, auf denen ich hinter langsamen, dicken Touristen hinterherklettern musste.

Aber ich wollte noch ein bisschen weiter. Schließlich stand auf dem Plan vorhin, dass es hier irgendwo einen Weg die Klippe runter, wahrscheinlich eine Treppe, geben soll, und ich hatte schon echt Lust, mir das Ganze noch einmal von unten anzusehen. Dann erreichte ich die Stelle und... es war keine Treppe.
Nur zwei Seile.

Beim tourist rope wollte irgendwer richtig Geld sparen. Oder die dicken Touristen ins Schwitzen bringen. Einfach ein paar Knoten zum Festhalten reinmachen, das Ganze fest an einem Baum verknoten und fertig. Das war mal eine andere Herausforderung als die Holztreppen vom Kap Arkona oder Møns Klint. Auf geht's! Nach wenigen Metern stellte ich fest, dass das erste Seil zu Ende war. Keine Ahnung, was das zweite dann überhaupt soll, eins reicht eigentlich auch.
Der staubige Boden blieb fest und rutschte nicht, wenn ich meine Füße dagegenstemmte, und so steil, wie es von oben aussah, ist die Stelle auch nicht - das Seil wurde in einen Einschnitt den Klippen reingehängt, oder der Einschnitt ist unter vielen Touristenfüßen entstanden, keine Ahnung. Ich seilte mich Knoten um Knoten ab, und dann stand ich auch schon am Strand.

Von unten sind die Klippen viel besser zu erkennen, weil die Geröllschräge nicht im Weg ist. Angeblich steckt da viel Dolomitgestein drin, also dasselbe Zeug, das auch der Meteorit von Kaali freigelegt hat. Warum ist es dann so viel heller? Weil noch Kalk mit versteinerten Moostierchen drin beigemixt wurde.
Und was mir oben schon aufgefallen ist, wird hier noch deutlicher - die Ostsee ist erstaunlich klar! Liegt vielleicht daran, dass nur Steine und kein Sand den Meeresboden bedecken. Unter Wasser versteckt sich noch eine dritte Klippe, die man höchstens anhand der Wellenformen erahnen kann. Alle drei Klippen sind etwa 430 Millionen Jahre alt. Geologen nennen diese Zeit Silur und sagen, von hier bis zum schwedischen Gotland geht die Silurische Küste. Aber halt größtenteils unter Wasser, deshalb kann ich diese Küste nicht mit dem Rad abfahren.
Dieses Bild könnte glatt vom Mittelmeer stammen.

Die Sowjets bauten auf die Klippen, Sie erraten es bestimmt schon, eine Militäranlage oder ein Kordon, wie man in Estland sagt. Insgesamt schluckten diese Militärareale 1,9 Prozent von Estlands Fläche. Auf dem Panga Pak gab es nie irgendwelche anderen Siedlungen, also ist klar, dass all die Mauern im Wald aus dem Kalten Krieg stammen. Das hier war zum Beispiel ein Lager für Treibstoff und Munition. Erst 2022 wurden daneben zwei alte Panzerprojektile im Boden entdeckt.
Die Soldaten fuhren mit diesem Treibstoff herum und suchten Grenzverletzer, stellten die Genehmigungen für Fischer aus, die tagsüber aufs Meer schippern wollten, und gelegentlich auch für Geologen und Geographen, die die Klippen erforschen wollten. Durch ihren Berufsalltag kannten die Fischer zwangsläufig die Nummern und Positionen mancher Kordons, aber es war ihnen streng verboten, diese Infos zu veröffentlichen. Alle paar Kilometer stand ein Telefonmast an der Küste, mit dem die Soldaten das nächstbeste Kordon anrufen konnten.
Nachts durfte hier niemand unterwegs sein, und um das zu kontrollieren, drehte sich hier ein dicker Scheinwerfer automatisch im Keis, und radioaktive Isotope befeuerten ein Leuchtfeuer.
In der estnischen Sowjetrepublik wurden nur loyale Genossen mit abgeschlossener Ausbildung in die Grenztruppen aufgenommen, anfangs für vier Jahre, später nur für eins. Wer Verwandte im Ausland hatte, kam schon mal gar nicht in Frage. Das war in der DDR anders, wo die eine solche Masse an Grenztruppen brauchten, dass sie es sich nicht leisten konnten, so stark auszusieben.

Auf der Kurischen Nehrung in Russland soll es einen tanzenden Wald mit lustigen schiefen Bäumen geben. Den konnte ich nun leider nicht sehen, aber auch in den baltischen Staaten sind mir hier und da tanzende Bäume begegnet. Keiner von denen geht dermaßen ab wie die tanzenden Bäume von Panga Pank.

Was ist mit den Bushaltestellen los? Gestern waren das noch bunt bemalte Betonblöcke, heute verwandeln sie sich mehr und mehr in kleine skandinavische Ferienhäuser! Darin befinden sich Tische Stühle, zum Teil sogar Bücherregale (aber ausgerechnet die Haltestelle auf meiner Mittagspause war einfach nur verdreckt)! Ob man darin übernachten kann? Nee, lieber nicht.
Ich fürchte leider, diese Haltestellen verraten eine Menge darüber, wie lange man hier durchschnittlich auf den nächsten Bus warten muss und welchem Wetter man dabei oft ausgesetzt ist. Aber hübsch sind sie trotzdem.

Farblich passen dazu diese gigantischen Marienkäfer aus Findlingen.

Der letzte richtige Ort auf Saaremaa ist Leisi. Hier versprach ein Schild kostenloses öffentliches WLAN. Das traf sich gut, ich sollte jetzt wirklich mal nach Fährzeiten und Unterkünften recherchieren. Aber das WLAN verlangte ein Passwort, und niemand konnte mir sagen, wie man es bekommt. Das mobile Netz ist wirklich besser als in Deutschland, aber die vielgelobten öffentlichen WLAN-Netze Estlands blieben mir oft verschlossen.

Ich radelte also durch eine Baustelle auf gut Glück zum Fährhafen Triigi. Und das Glück war mir definitiv hold. Mein Reiseführer hatte geschrieben: Eine Fähre fährt stündlich, die andere alle zwei Stunden, nur zu der hier machte er keine Angaben, aber ich dachte, dann wird sie ungefähr ähnlich oft kommen. Ein dummer Gedanke, wie mir jetzt auch klar ist, schließlich fährt sie nicht zum Festland, sondern nur zwischen zwei Inseln, und hat außerdem noch einen ganz anderen Betreiber.
Diese Fähre fährt zweimal täglich, 9 und 19 Uhr. Was für ein Glück, dass ich hier nicht mittags aufgekreuzt bin! So musste ich nur anderthalb Stunden warten.
Und es waren sehr komfortable anderthalb Stunden. Das Wartehäuschen erinnerte eher an ein Wohnzimmer. Ich chillte auf einem Sofa, lud mein Handy weiter auf und kaufte mir an einem modernen Touchscreen-Automaten schon mal die Fahrkarten. Oh, die Fähre scheint auch sehr modern zu sein - der Apparat verspricht WLAN, Snacks und Getränke.

Als ich dann irgendwann die Fähre bestieg, wurde mir mein Irrtum sehr schnell bewusst. Diese Fähre war ungefähr so modern wie ein Röhrenfernseher. Aus irgendeinem Grund befindet sich der große Aufenthaltsraum für die Fahrgäste hier unter dem Fahrzeugdeck - ist das nicht gefährlicher, als wenn man auf dem Fahrzeugdeck bleibt? Auf jeden Fall ist es lauter, denn die Maschinen liegen nur eine Wand entfernt und dröhnen durch den Saal. Die Snack-und-Getränke-Bar war eine nicht besetzte Theke mit insgesamt fünf Sorten abgepackten Lebensmitteln. Und als ich in den oberen Raum ging und einen Seemann nach dem WLAN-Passwort fragte, entgegnete er, das sei nur für die Crew.
Er erklärte aber auch, das hier sei nur ein Ersatzschiff, bis das andere repariert sei. Wollen wir's hoffen.

Nach einer Stunde errichte der olle Rumpelkahn Sõru (das õ ist übrigens ein ungerundeter halbgeschlossener Hinterzungenvokal und klingt somit wie ein leicht angeekeltes Ö) auf der dritten Moonsund-Insel mit dem Namen Hiiumaa (die Esten haben wirklich einen unerschöpflichen Vorrat an Vokalen).
Blickfang im Hafenbecken ist ein halbfertiges Holzschiff.

Früher muss hier mehr losgewesen sein als zwei Fähren am Tag, denn sogar eine Bahn dampfte hierher. Zumindest entdeckte ich gleich hinterm Hafen eine Bahntrasse, und als einziger baltischer Bahnradweg ist der hier sogar asphaltiert. Ich radelte durch die Rückseite der Dörfer an einer Ruine ohne Dach vorbei.

Die gehörte wahrscheinlich auch zum rosaweißen Gutshaus von Emmaste. Als das Ding 1779 gebaut wurde, mussten die Dorfbewohner erst mal alle umgesiedelt werden, damit Jakob Pontus Stenbock auf ihrem Gebiet einen großen Milchbauernhof gründen konnte. Später zog eine Schule in das Gebäude.

Ich haste nach Emmaste. Die Bahntrasse bringt mich genau auf den richtigen Umweg und mitten rein ins Dorf - ja, dieses Bild ist im Dorfzentrum entstanden, nicht im Dorfpark. (Kaum zu unterscheiden, oder?)
Für heute hatte ich das Akkuproblem gelöst, aber ich brauchte jetzt trotzdem unbedingt eine Nacht an einer Steckdose, und auch sonst war ein Bett keine schlechte Idee. Kurz vor Abfahrt der Fähre hatte ich mir ein wunderbares Ferienzimmer im Café Emmaste Teemaja gebucht. Das Café war noch im Winterschlaf, aber der Wasserkocher im Zimmer erwies sich (neben den Steckdosen) als großes Highlight. Ich nahm den Namen der Unterkunft sehr ernst und verbrachte den Abend mit vielen, vielen Tassen Tee.