Mittwoch, 19. August 2026

Gotland: Von Hoburg nach Ljugarn

Ostseeradler geht zelten

Während ich die Halbinsel wieder verließ, blieben die Hügel noch hübsch felsig.

Außerdem lernte ich eine neues typisch gotländisches Bauwerk kennen: Das Kastal. Nirgendwo sonst in Schweden sind so viele dieser mittelalterlichen Wachtürme erhalten wie in Gotland, und auf keiner Gotland-Tagesetappe habe ich so viele gesehen wie auf dieser. Die runden Türme bewachten strategisch wichtige Häfen, Handelsplätze oder - wie hier - Kirchen. Das Sundre kastal besteht ausnahmsweise mal nicht Kalk, sondern aus Sandstein.
Dann wollen wir doch mal schauen, ob ich da reinkomme.

Ja, die Tür öffnete sich. Ich ließ sie lieber offen, sonst wäre der Aufstieg eine finstere Angelegenheit geworden. Wieder empfing mich in dem rekonstruierten Bauwerk erst mal ein kahler Kiesboden.
Früher war der einzige Eingang im dritten von drei Stockwerken. Diese Stockwerke waren innen durch Holzböden abgetrennt, die nicht mehr drin sind. Die Holztreppe wird auf den letzten Metern zu einer engen Steintreppe, und in einer Mauerritze stand ein Vogelnest, dessen Bewohner ausgeflogen waren. Also, wenn die direkt in Griffweite der Besucher nisten, dann kommt hier anscheinend nicht allzu oft jemand hoch.

Andere Kastale nur noch angefressene Ruinen, aber immerhin gut erkennbar.

Von den benachbarten Ruinen der Befestigung Fidelinjen war weniger zu erkennen, da brauchte es  Fantasie. Gut, im Prinzip war das auch einfach nur ein unbemanntes Mäuerchen mit Schutzbunkern. Wenn ein Feind auf der Halbinsel im Süden landete, dann sollte die Mauer fix bemannt und dem Gegner hier an der Engstelle den Weg nach Gotland abschnitten werden. Gegen die dänischen Soldaten von Valdemar Atterdag funktionierte diese Strategie null, Gotland erlitt eine blutige Niederlage. Die Grundidee fanden die Gotländer trotzdem gut und hielten die Fidelinjen auch im Zweiten Welt- und Kalten Krieg instand, sogar mit Atomschutzbunker.

Die Bushaltestelle im selben Dorf trug die Beschriftung Fide Hauptbahnhof, genau mein Humor.

Die Kirchen haben sich verändert: Sie sind jetzt nicht mehr weiß, sondern zeigen ihre nackten grauen Steinmauern. Und sie sind verschlossen. Jedenfalls die wenigen, bei denen ich es probiert habe. Ich wollte jetzt nicht bei jeder einzelnen absteigen, dafür waren es zu viele. Aber manchmal musste ich meine Flaschen nachfüllen, und wenn ich eh schon da war, konnte ich es ja versuchen.
Die Friedhöfe haben nämlich immer einen Wasser, an dem ein kurzer Gartenschlauchstummel hängt - gut geeignet nicht nur für Gießkannen, sondern auch für 1,5-Literflaschen. Ich hoffe mal, das ist wirklich Leitungswasser, vertragen habe ich es jedenfalls.
Auf einigen Friedhöfen hing Werbung für die App 100 Kyrkornas Ö (Insel der 100 Kirchen), mit der man alle gotländischen Kirchen auschecken kann.


Und auch das nächste freilichtmuseumsartige Bauernhaus lässt nicht auf sich warten: Direkt am Straßenrand begann der Museumsbauernhof Kattlunds. Das war mal der größte mittelalterliche Hof auf der Insel, und heute ist es der besterhaltene. Wobei es nicht immer so eindeutig ist, wo der eine Hof anfängt und der nächste aufhört: Das ganze Gelände wurde immer wieder geteilt, bis zu sechs Familien und 50 Menschen lebten hier, im Prinzip war der ganze Hof eher wie ein kleines Dorf. Der erste Besitzer, dessen Name bekannt ist, war ein vom Volk gewählter Richter namens Botulf Kattlund. Das war nach 1400, aber die ältesten Mauerstücke auf dem Hof sind noch 200 Jahre älter, und die ältesten Funde nochmal 700 Jahre älter.
Rund um die sattgrüne und penibel kurzgemähte Wiese standen verschiedene graue Häuser. Ich kam nicht richtig rein, außer in die Toilette, aber auch von außen war alles sauber beschriftet und erklärt. Das hier ist zum Beispiel ein Göpelhaus. Die Pferde drehten da drin das riesige Holzrad und trieben damit verschiedene Maschinen in der Scheune an, vielleicht auch eine, die ihr eigenes Futter produzierte: Zerkleinertes Getreide mit Wasser. Es gab 4000 Göpel auf Gotland, bis im 19. Jahrhundert andere Energiequellen als Getreidematsch erfunden wurden.

Auf den verwinkelten Nebenstraßen wechselten sich Wiesen, Nadelwälder und Ex-Nadelwälder ab. Stümpfe und Äste trockneten in der Sonne immer weiter aus. Ich eierte einigen unüberholbaren Pferdemädchen hinterher, deren Formation äußerst effektiv die Straße blockierte - eine viel bessere Verteidigungslinie als die Fidelinjen. Da wäre auch Valdemar Atterdag nicht so schnell durchgekommen.
Noch brauner als die Pferde und die Baumstümpfe waren die Schilder zu allen möglichen Hofläden. Aber ausgerechnet der Hof mit dem Schoko-Laden war natürlich geschlossen, auch wenn das Schild etwas anderes behauptete.
Was es mit den blauen Metro-Schildern auf sich hat, weiß ich nicht. Gotland hat vieles, aber bestimmt keine U-Bahn.

Für die Mittagspause bog ich zur Ostsee ab, die sich heute sehr bedeckt gehalten hatte. Das Dorf Hörte ist kaum mehr als eine Gehöftesammlung, hat aber auch einen kleinen Hafen (hinten im Bild) und Sandstrand (vorne im Bild). Klassische Ostseewellen schwappten gegen den Sand. Sie waren nicht sehr hoch, aber nach dem Baden kam ich trotzdem zum Schluss: Hier ist es zu windig zum Kochen. Gleich hinter der Düne lag ein Holzimbiss, der schon seit fünf Tagen oder so dichtgemacht hatte. Ausnahmsweise kam mir der frühe Saisonschluss auf den Inseln ganz gut gelegen, denn jetzt hatte ich einen Haufen robuster und halbwegs windgeschützter Holztische für mich. Ein paar Autos fuhren vorbei, aber niemand hat gemeckert.

Gotlands Flagge zeigt einen Schafbock mit eindrucksvollen Spiralhörnern und flattert im Wind. Eigentlich nicht überraschend, dass man sich auf so einer Insel in erster Linie mit der Insel identifiziert statt mit seinem Land oder der EU. Drei Stunden Fährfahrt sind nun mal eine erhebliche Abgrenzung.

Auch Gotland hat seine Groß

Ein niedliches Straßenschild warnte vor einer putzigen, dreiköpfigen Igelfamilie (alleinerziehendes Elternteil mit zwei Kindern), welche die Straße überqueren könnte. Die habe ich nicht gesehen, dafür aber andere Vertreter der Gotländer Tierwelt. Neben den omnipräsenten Kaninchen schwirrten auch immer wieder weiße Schmetterlinge paarweise durch die Gegend. Für die Balzzeit ist es ein bisschen spät, oder?

  

Nun müssen Schmetterlinge aber erst mal irgendwie entstehen. Und damit hat Gotland durchaus ein Problem. Einige Schilder warnen vor dem bösen Tallprocessionsspinnare, und ja, tall heißt Eiche. Die Raupen mit den schmerzhaft nesselnden Haaren treiben sich auch auf Gotland herum.
Und mitten auf der Terrasse des Campingplatzes kroch dann tatsächlich eine Raupe über den Teppich. Die sah im Prinzip aus wie ein anders gefärbter Eichenprozessionsspinner, orangebraun statt grüngrau. Anscheinend ist das ein Brauner Bär, und auch der kann schmerzhaft werden. Ich machte also jedes Mal auf dem Weg in die Küche einen großen Bogen und aß zur Sicherheit keinen Honig.

Gegen 15:30 Uhr war ich in der Strandstadt Ljugarn, die aus hölzernen Strandcafés und gelben Holzvillen besteht. Und ich überlegte, wie ich weitermache.

Heute Nacht könnte es wieder regnen, und ich wollte zumindest eine Nacht auf einem schwedischen Campingplatz verbringen. Wo ist denn hier einer? Hier in Ljugarn, hm. Dann nochmal in 20 Kilometern einer, aber der ist doppelt so teuer und wesentlich schlechter bewertet. Und den danach erreiche ich heute auf jeden Fall nicht mehr zu einer Uhrzeit, wo Rezeptionen geöffnet haben. Dann mache ich wohl jetzt Feierabend.
Ich stellte mich an der Rezeption vor, und endlich gelang es mir mal wieder, eine komplette Konversation problemlos auf Schwedisch zu führen. So langsam komme ich wieder rein. Ich konnte mir aussuchen, ob ich das Zelt auf die normalen Campingplatzwiesen oder auf der anderen Straßenseite an den Strand stelle. Ratet, was ich genommen habe.
Ljugarn hat eine richtig hübsche Strandlandschaft, die Dünen sind komplett flach, dafür wächst ein schlanker Streifen Nadelwald. Hier will ich hin! Auch wenn die Heringe manchmal aus der Sand-Nadel-Mischung wieder herausflutschten. Bis zum Wasser ist es doch noch ein kleiner Marsch, aber das hat auch sein Gutes, dann wird es weniger kalt. Inzwischen hatte sich das Wetter deutlich abgekühlt, darum sprang ich auch nur kurz in die Ostsee. Eigentlich wäre jetzt warmes Wasser ganz schön - dafür bin ich ja hauptsächlich hier.

In der Dusche ermahnte mich ein Aufkleber: Duschen Sie kurz. Eine Minute entspricht zwölf Litern Wasser. Jeder Tropfen zählt.
Eine Minute kostet 2 Kronen, und für jede neue Minute muss man die Duschkarte neu ans Lesegerät halten. An sich ein gutes Prinzip, um die Leute zum Wassersparen anzuhalten. Wäre da nicht ein Haken.
"Dann hätte ich gerne 10 Minuten", sagte ich an der Rezeption.
"Das geht leider nicht, 20 Minuten sind das Minimum."
Ja, auch dann, wenn man eine Nacht bleibt.
Euer Ernst? Dann beschwert euch nicht, wenn die Gäste ihre zwangsbezahlte Duschzeit auch nutzen wollen.

Der Tag war aber noch nicht vorbei, denn es gab auf jeden Fall eine Sache zu entdecken in Ljugarn. Ich fuhr die Straße noch ein bisschen weiter runter, vorbei an einem knallorangen Fahrradrikscha mit vier Sitzen und rekonstruierten Wikingerhäusern. Die Äste eines abgestorbenen Baumes bildeten das Rundungszeichen und zeigten mir so an, dass ungefähr hier das Naturreservat Folhammars beginnt. Auf den ersten Metern sah das noch nicht so aufregend aus. Am Wald stellte ich schließlich das Rad ab und folgte zu Fuß einem Pfad. Und fand mich wieder in einer ganz anderen Art von Wald.

Ein Säulenwald. Überall am Strand wachsen knollige Felstürmchen, bis zu sechs Meter hoch. Willkommen in den Rauken! Diese Landschaftsform ist das Markenzeichen Gotlands, und das erste von 25 Raukenfeldern der Insel war auch gleich mein Favorit.

Wie entsteht so was? Bei Hoburg waren die Felsen doch noch mehr oder weniger ein normaler Block. Die Antwort erklärt immer derselbe Text an jedem einzelnen Raukenfeld der Insel, aber meistens nur auf Schwedisch: Vor 430 Millionen Jahren, also im Silurzeitalter, war die Ostsee ein tropisches Meer und Gotland ein Korallenriff. Auf dem Riff lagerten sich zwei Sorten von Mineralien ab: Kalk und lehmiger Mergel. Als Gotland vor 10 000 Jahren wieder unter den geschmolzenen Gletschern zum Vorschein kam, konnte das Ex-Riff zum ersten Mal wieder Luft schnappen. Den Mergel spülte die Ostsee schnell ab, aber der Kalk dazwischen blieb stehen und imitiert bis heute die Form des Riffs und der Tiere darin.

Knirschend marschierte ich mitten hinein, über Pfade aus weißem Kies und grünem Gras, sogar ein Rast- und Grillplatz versteckte sich mittendrin.

 

Es braucht also keinerlei Fitness oder Bergsteigerkünste für eine "Raukensafari" (ja, so nennen das die Reiseführer). Aber wer trotzdem Lust auf Klettern hat und ca.10 Jahre alt ist, der wird hier wahrscheinlich seine helle Freude haben. Das Raukenfeld von Ljugarn erinnert an einen riesigen Abenteuerspielplatz, mehr noch als die anderen Rauken auf Gotland. Weiter hinten gibt es jede Menge versteckte Kessel und niedrige Kletterrauken, nichts ist scharfkantig, aber alles ist rau, sodass die Hände immer alles im Griff haben.

Nur auf die hohen Rauken direkt am Meer würde ich mein Kind nicht klettern lassen, aber ich glaube, da kommen die auch von selber drauf. Hier sind die fantasievollsten Formen zu finden. Manche Türmchen erinnern an Pilze, andere an rätselhafte Werkzeuge. Die zweite Rauke von rechts im Bild sieht je nach Blickwinkel aus wie ein hungriges, dickes Vogelbaby, wie ein Schraubenschlüssel oder wie Pacman.

Die andere Besonderheit am Ljugarner Raukenfeld ist: Es ist groß. Ich folgte dem Strand um einige Biegungen, und die Rauken hörten und hörten nicht auf. Irgendwann begannen sie kleiner zu werden, aber so ganz aufhören wollten sie nicht - obwohl der Anfang doch so abrupt gewesen war. An einer Stelle klammerte sich ein größtenteils umgestürzter, aber noch lebendiger Baum mit den Wurzeln an die Rauke, als weigere er sich, selbst schon zum Fossil zu werden.
Zur Wanderung gehört außerdem noch so eine Jungferntanz-Steinkreis wie auf der Insel Kyrklandet, hier aber deutlich lückenhafter.

Vermutlich erwartet der eine oder andere jetzt noch ein paar Wortspiele mit dem Wort Rauke, aber das haben die Souvernirläden von Visby bereits gründlich erledigt. Ich sag nur: Sex, Drugs and Rauk'n Roll.

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