Ostseeradler strandet auf einer einsamen Insel
Für Radfahrer sind die Ljugarner Rauken eine Sackgasse, darum bin ich diesmal an den Wikingerhäusern links abgebogen. Danach ging es hoch hinaus. Die Straße war relativ gerade, zumindest in zweidimensionaler Hinsicht. In der dritten Dimension war sie deutlich kurviger und ging manchmal so hoch, dass auf den Hügelkuppen kein Wald mehr wuchs, sondern nur rotgrüner Alvarboden mit Hecken.
Der Gotlandsleden macht einen Ausflug über die Halbinsel Östergarn, die aussieht wie eine große Schäreninsel. Über die Felskuppen hinweg konnte ich den Hafen der Stadt Katthammarsvik erkennen.
Auf einem holprigen Weg umrundete ich einen Großteil der Halbinsel. Hinter so mancher Kurve tauchte unerwartet ein plötzlicher Anstieg auf lockerem Kies. Eine schöne Bucht nach der nächsten tat sich auf, trotzdem war ich irgendwann doch froh, als dieser Abschnitt vorbei war und ich wieder auf Asphalt wechselte.
Gotland hatte seit der Bronzezeit fast 100 Festungen, die unterschiedlich aussahen und unterschiedlichen Zwecken dienten, von Rechtsprechung bis Ritualwirkung. Ihr gemeinsamer Nenner war, dass sie alle an irgendeiner Art von Wasser standen.
Hier stand ein Fort namens Grogarnsberget, das in allen Richtungen von steilen Rampen aus Erde und Kalkstein geschützt war. Falls jemand von Osten angriff (bis heute die wahrscheinlichste Himmelsrichtung), warnten sie die Insulaner über eine Kette aus Warnbaken.
Hä? Das hier soll der Startpunkt vom Gotlandsleden sein? In irgendeinem wahllos ausgewählten, nicht besonders gut erreichbaren Dorf mittendrin? Also das erklär mir mal, Wegweiser.
Anschließend folgte ich noch eine Weile den Windungen eines flachen Birkenwaldwegs. Irgendwann war mein Hunger zu groß und ich musste im Nieselregen kochen. Es tauchte sogar ein improvisierter Tisch aus einer alten Spule (oder einem Rad?) auf, aber natürlich hatte es den ganzen Tag noch keinen Rastplatz mit Regendach gegeben.
Immerhin war der Regen nicht stark genug, um den Kocher zu löschen oder die Holzbrücken über die Bäche endgültig zu durchnässen. (Die bestanden aus längs verlegten, schmutzig-abgenutzten Balken, im glitschigen Zustand wären die ein Albtraum gewesen.)
So, das war vorerst genug an Windungen, den Rest bis Slite kürze ich auf der Hauptstraße ab. Prompt trieben die Wolken auseinander und ließen wieder Sonnenstrahlen durch.
Zwischen den dichten Laubbäumen und ein gutes Stück unter der Straße strömen die klaren Flüsse Gotlands in Richtung Ostsee. Einige der 100 alten Festungen standen an den Ufern dieser Flüsse.
Ein einsamer Raukenmann wacht am Straßenrand über die korrekte Einhaltung der Verkehrsregeln (links im Bild). Ich musste zweimal hinsehen, bis ich Gewissheit hatte, dass das wirklich eine natürliche Felsformation war und keine aufgestellte Figur.
Bald darauf lichtete sich der Wald, und auf einem Hügel über der Straße ragte das nächste Raukenfeld auf. Dort standen noch dünnere, höhere Rauken, auch sie mit einem "Kopf".
Dann fuhr ich rein nach Slite, die wahrscheinlich unattraktivste Stadt von Gotland. Ein PKWegweiser am Ortseingang zeigte die Richtung zu zwei Restaurants an, aber das Messer-und-Gabel-Symbol war bei beiden mit rotem Klebestreifen übergeklebt.
Slite hat zwar einen erkennbaren Marktplatz mit Supermarkt und Döner, aber die Farben sind blass, alles wirkt irgendwie staubig, grau und oll.
Das mag an den Schornsteinen, Silos und Förderbändern liegen, welche die Stadt in mehreren Richtungen einrahmen. Slite ist anscheinend in der Kalkstein-Industrie tätig und produziert auch den fossilen Strom für Gotland.
Ich sollte fairerweise erwähnen, dass mich die Fahrradwegweiser ausdrücklich nicht in die schwarzen Schatten dieser Industriestraße geschickt haben. Ich bin trotzdem reingefahren, weil ich den Uferweg dahinter befahren wollte. Es war dann auch nicht weiter schlimm, der LKW-Verkehr hielt sich in Grenzen.
Direkt hinter dem Industriegebiet stehen ein paar besonders kantige, kopflastige Rauken. Insgesamt ist Slite also die Stadt der Rauchsäulen und Rauksäulen.
Schön sind allerdings die flachen Buchten und schilfgesäumten Seen um Slite herum. Eine Weile folgte ich einem Kiesweg am Flachwasser entlang und warf einen Blick auf eine lange Halbinsel, die ich komplett abkürzen würde.
Am Wegesrand stehen ab und zu Gotlands Meilensteine. Sie sehen aus wie ein steinernes Häuschen, das Reisenden den Mittelfinger zeigt. Die meisten Steine sind von 1700 und verraten, auf wessen Hof man steht, welcher Gouverneur den Stein aufgestellt hat und wie viele Meilen es zum Marktplatz von Visby sind, denn der war der Ausgangspunkt aller Wege. Eine skandinavische Meile (10 km) war damals noch 700 Meter länger, wahrscheinlich aus reiner Schikane gegenüber Matheschülern.
Nun sollte einer der großen Badeseen Gotlands kommen, der Fardumeträsk. Ich entfernte mich also vielleicht einen Kilometer von der Route und bog ab zu der Stelle, die Wegweiser und App eindeutig als einzigen Zugang zum See markiert hatten. Die letzten Meter ging ich zu Fuß durch den Wald, bis ich zwischen den Hecken auf einer Anhöhe rauskam. Und ziemlich enttäuscht war.
Der Fardumeträsk ist eine verzweigte, fjordartige Fläche in einer mindestens genauso großen Masse an Schilf. Und viel mehr kann ich persönlich dazu auch gar nicht sagen, denn näher durfte ich nicht ran. Der Weg endete fast einen halben Kilometer vor dem eigentlichen See. Die Strände bestehen statt Sand aus Sumpf und einer langen Liste mehr oder weniger seltener Pflanzenarten.
Kalk ist auch im See drin, aber nur zerrieben im Schlamm, der im Sommer bei Niedrigwasser oft an die Oberfläche tritt. Die Insel Storholmen ist sehr ungewöhnlich, denn die Pflanzen darauf sind zwar von Wasser umgeben, ernähren sich aber trotzdem nur von Niederschlag.
Singvögel nisten gern im Schilf, während Seevögel nur für eine schnelle Mahlzeit von der Küste rüberkommen. Es ist ja schön, dass die dort ihre Ruhe haben, und ja, der See war in der Kategorie "für Naturliebhaber" aufgelistet - aber trotzdem eindeutig in einer Liste von Badestellen. Mal abgesehen davon, dass die Naturliebhaber am späten Nachmittag bei blendendem Gegenlicht und so viel Abstand auch nicht sonderlich viel beobachten können, die wenigen sichtbaren Vögel sind bestenfalls ferne Schemen.
Jetzt gab es keine Hauptstraße mehr an der Küste. Im Gegenteil: Wenn ich jetzt abkürzen wollte, dann musste ich auf einen Zickzackkurs aus kleinen, wilden Dorfstraßen abbiegen. Ob ich da im Endeffekt im Vergleich zur Hauptroute auf den normalen Straßen so viel Zeit gespart habe, bleibt unklar. Jedenfalls war ich froh als ich wieder eine schnurgerade Asphaltstraße durch dichten Nadelwald mit Ferienhäusern entlangrasen konnte. Irgendwo da unten sollte eigentlich das Meer sein, leider konnte ich noch nicht viel sehen. Schade, denn irgendwo dort müsste mein nächstes Ziel liegen.
So, wo verbringe ich die nächste Nacht? Das hatte ich schon längst entschieden. Bei einem Blick auf die App Vildnis entdeckte ich nämlich etwas ganz und gar ungewöhnliches: Übernachten in einem verlassenen Fischerdorf. Kann das stimmen? Ich beschloss, das Risiko einzugehen und sechs Kilometer Umweg in Kauf zu nehmen, und zwar bis... hm, genau genommen liegt das Dorf nicht einmal auf Gotland, sondern auf der Nebeninsel Furillen. Die ist allerdings nur durch eine etwa bachbreite Meerenge in einer Unmenge Schilf von Gotland abgetrennt. Zählt das dann überhaupt als eigene Insel?
Ein hölzerner Aussichtsturm begrüßt die Besucher im fast gleichnamigen Naturschutzgebiet Furilden.
Das ist ein Wald entlang der Nordseite der Insel. Besonders aufregend wirkt das Naturreservat aber nicht, dort stehen hauptsächlich dünne, große, alte Eichen einsam im Sonnenschein, was Insekten super finden.
Die Insel hat einen Haufen komisch verzweigter und weitgehend paralleler Kieswege. Ich folgte dem nördlichsten davon am Rand vom Furilden entlang, und das war eine gute Wahl, denn da standen weitere Raukchen und herrliche kleine Felswände.
Trotzdem wollte ich auch einen Blick in die Inselmitte werfen. Dort wurde es kahler und kurioser. Die Inselmitte ist nämlich ein großer Steinbruch. Die Menschen haben eine tiefe Grube reingebuddelt, die meistens von senkrechten Felswänden begrenzt ist, manchmal führen die Kieswege aber auch einfach so als Rampe rein. Zack, schon war ich in der seltsamen Landschaft eine Etage tiefer, irgendwo links und rechts von mir begann eine Wand. Wie eine Zerbrochene Ebene mit mehr Abstand.
In dieser Grube versteckt sich laut Karte ein Dreieck aus drei Seen, von denen einer tatsächlich existierte. Vor der Felswand sah er absolut toll aus, aber zum Baden dann doch ein bisschen zu tief und rätselhaft.
Nun aber zurück zur Küste. Hier stehen jetzt ein paar moderne Ferienhäuser im Wald. Furillen ist keineswegs unbewohnt, weiter drinnen gibt es auch ein paar Gehöfte. Allerdings nicht genug, dass auf der Karte ein eigenständiger Ortsname für erscheint.
So gang wollte ich jedenfalls nicht glauben, dass da gleich ein verlassenes Fischerdorf auftauchen soll. Tat es aber. Plötzlich zweigte eine kleine Rastplatzschleife von der Straße ab, und vor öffnete sich dieses Panorama.
Das Fischerdorf besteht größtenteils aus verfallenen kniehohen Mauern (hinten links), die einst aus lockeren Steinen aufgestapelt wurden (wundert mich nicht, dass die nicht mehr stehen). Aber ein Haus steht noch komplett. Die Mauern sind mit Kalk bedeckt. Gespannt zog ich die Tür auf.
Ich fand sechs Holzpritschen und einen einfachen Kamin mit Schornstein, in dem ein bisschen Müll lag. Eine Pritsche war sogar mit einer dünnen Matratze ausgestattet, eine andere mit einer schwedischen Kunstzeitschrift ("Gammel Dansk: Nikolaj Stokholm serviert Komik, die nach Vergangenheit schmeckt, hat aber ein gegenwärtiges Gebot"). Mit anderen Worten: Ich war begeistert. Ich konnte sogar die Tür von innen verriegeln.
Wie sollte ich nicht begeistert sein, wenn ich hier Abendessen kann? Terrassen aus Kies und Gras zogen sich herunter bis zum Steinstrand, eingerahmt von Kalksteinklippen - ja, zur Abwechslung mal keine Rauken, sondern richtige Steilufer, von waagerechten Linien zerfurcht und hervorstehend, als wollten sie die Badegäste in ihrem Schatten beschützen.
Wobei: Welche Badegäste? Ich musste dieses traumhafte Fleckchen mit einer einzigen Wohnmobilfamilie teilen, die sich bald zurückzog. Furillen ist wirklich noch ein Geheimtipp. Gut, andererseits scheint ganz Gotland in der zweiten Augusthälfte schon ein halber Geheimtipp zu sein.




















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