Samstag, 22. August 2026

Gotland: Von Hall nach Visby

Ostseeradler folgt den Höhlenkindern

Nicht mehr viele Kilometer übrig, was mache ich dann heute noch so?
Ich buchte mir eine Führung und frühstückte dann in einer hölzernen Haltestelle, die vollgestellt war mit hölzernen Wegweisern zu allen möglichen Verkaufsständen und gastronomischen Angeboten. Alles schon im Winterschlaf? Ich fühlte mich, als würde die Insel hinter mir abgebaut und zugesperrt - wird wohl Zeit, dass ich hier runterkomme.
Aber dann kam doch noch jemand und klemmte sich seinen Wegweiser unter den Arm, um ihm aufzuhängen. Okay, für manche Schilder ist es wohl nur der Nachtschlaf und nicht der Winterschlaf.
Ich fuhr dann lange auf derselben schnurgeraden Straße und kam viel zu früh am anvisierten Abzweig an.

Dort musste ich erst einmal steil runter. Weil noch so viel Zeit war, wollte ich nachschauen, wie die Ostsee hier aussieht. Aber neben der Mündung des Lummelunds å blockierten blaue Holzhäuser und ihre Gärten den Meerblick.

Immerhin konnte ich auf dem Weg dorthin endlich mal zwei der Gotländer Kaninchen vor die Linse bekommen, die schon seit fünf Tagen vor meiner Kamera davonwuseln. Das musste mir natürlich ausgerechnet dann gelingen, als besagte Linse von innen immer noch ziemlich beschlagen war. So typisch die wilden Kaninchen für die Insel auch sind, sie wurden erst im 20. Jahrhundert auf Gotland ausgesetzt und vermehren sich seitdem wie die Karnickel.

Und dann hieß es wieder aufwärts strampeln zum Eingangsgebäude. Gotland ist hier besonders hügelig. Diese Landschaft ist... ja, Kalkstein, schon klar, da wären Sie jetzt bestimmt auch von alleine drauf gekommen. Aber es ist nicht irgendein Kalkstein, sondern eine Karstlandschaft. Schuld daran ist ein Moor, dass es nicht mehr gibt. Martebo Myr war eins der größten Feuchtgebiete auf Gotland, bevor es trockengelegt wurde. Aus diesem Moor kam der Fluss Lummelunds å und brachte Humin- und Kohlensäure mit. Er floss durch Bärlauchwiesen und dann über Viehweiden, weshalb die Milch und Butter von dort immer eine leichte Knoblauchnote hatten (kein Scherz). Schließlich kam er an den Kalkfelsen der Küste an. Und wie sich herausstellte, gilt im hochkomplexen Schere-Stein-Papier-Spiel der Chemie: Huminsäure schlägt Kalkstein. Der Kalk wurde chemisch erodiert, also rissig und karstig, der Fluss verschwand unter der Erde und kam irgendwann wieder raus.

Nun braucht es nicht gerade Raketenwissenschaft, um zu schlussfolgern, dass der Fluss dazwischen eine Art Höhle durchquert. Das war den Menschen seit Jahrhunderten klar, aber keiner schaffte es tiefer rein als 40 Meter. Linné hat die Höhle als erster erwähnt, war aber auch nicht richtig drin und schaute sich dann doch lieber die Wassermühlen am Fluss an.
Das änderte sich erst 1948. Und zwar durch eine wahre Geschichte, die (von den fehlenden weiblichen Hauptfiguren einmal abgesehen) so auch von Astrid Lindgren hätte stammen können:

Es war ein herrlicher Sommernachmittag. Lars, Örjan und Percy saßen im Garten des Gutshofs und malten. Sie waren beste Freunde und zeichneten gern gemeinsam die Natur. Aber es war sehr heiß, und in der Hitze wird man nun einmal schnell durstig.
"Ich brauche etwas zu trinken. Gehen wir die Limonade holen!", rief Örjan und rannte zum Fluss.
Die drei Freunde hatten vorgesorgt und ihr Proviant an einem kühlen Ort verstaut. Dort, wo sich der Fels wie ein Maul auftat und den Fluss an die Oberfläche spuckte, standen ihre Wurst und Limonade im Schatten. Auch die Männer vom Gutshof kannten die Stelle und nutzten sie als Speisekammer. Doch sie hatten nichts dagegen, wenn auch die drei Jungen ihr Proviant dort abstellten.
Percy betrachtete das plätschernde Flüsschen. "Ich frage mich, wo das Wasser wohl herkommt", meinte er auf einmal.
"Dann lass uns doch nachsehen!", rief Lars, und gemeinsam traten die Jungen tiefer in das Loch.
Schon bald reichte das Wasser bis zur niedrigen Tunneldecke, und es ging nicht weiter. Doch die drei gaben nicht auf. Sie durchsuchten alle Risse und Spalten, ob es nicht doch irgendwo einen Weg gab, und schließlich fanden sie einen Tunnel.
Aber ach, war das ein enger Tunnel! Selbst die Kinder konnten sich kaum hineinzwängen. Wo mochte er wohl hinführen?
Die Jungen waren vielleicht neugierig und abenteuerlustig, aber sie waren nicht dumm.
"Vielleicht sollte einer von uns draußen warten, falls es gefährlich wird", schlug Lars vor.
"Ich bleibe hier", schlug Örjan vor. "Wenn ihr nach einer halben Stunde nicht zurück seid, hole ich Hilfe."
Das schien allen eine vernünftige Lösung zu sein. Lars und Percy verschwanden im Inneren der Erde, und Örjan wartete. Nach einer halben Stunde wurde er unruhig. Wo blieben die beiden nur? Eigentlich sollte er jetzt Erwachsene rufen, doch ihre Eltern wären sicher böse, wenn sie von der Sache erfuhren. Vielleicht brauchten die beiden nur seine Hilfe. Oder sie hatten einfach die Zeit vergessen. So etwas konnte ja passieren.
Kurz entschlossen zwängte sich auch Örjan in den Tunnel. Mühsam kroch er vorwärts. An einer Stelle war es so eng, dass er nur hindurchkam, wenn er ganz tief ausatmete!
Dann endlich weitete sich der Gang. Er stand, auch wenn das natürlich noch nicht wusste, in der womöglich größten Höhle von Schweden.

Da eine solche Kriecherei nicht den Komfortansprüchen des modernen Tourismus entspricht, wurde nur 11 Jahre später ein nagelneuer, gerader Tunnel in den Fels gebohrt, in dem man problemlos aufrecht gehen kann. Vor diesem Eingang steht ein Informationszentrum mit einer kleinen Ausstellung und einem Kinoraum, in dem Lars Olsson, Örjan Håkansson und Percy Nilsson als alte Männer von ihren Abenteuern erzählen.
An der Kasse war es kein Problem, mich in eine frühere Führung zu schieben und mir einen Audioguide in der Fremdsprache meiner Wahl zu geben. Dann wartete ich in der Gruppe vor dem Eingang zur Lummelundagrottan, neben mir das große Fossil einer Schnecke.

Bald standen wir im ersten von vielen langgezogenen Sälen, schiefe Felsen ragten in alle Richtungen, unter manchen mussten wir uns hinwegducken. Ich konnte mir problemlos vorstellen, wie sich der kleine Zugangstunnel über Jahrhunderte unbemerkt in dieser gezackten Düsternis verstecken konnte. Der Höhlenführer deutete in die Richtung, aus der die Jungen damals herangekrochen waren, aber die Stelle unterschied sich kaum von einer anderen beliebigen Felsspalte.
Der klar Bach plätscherte durch eine Rinne. Manchmal schwimmen darin bleiche Fische, so ziemlich die einzigen Lebewesen, die sich hier hinein verirren. Die grünen Pflänzchen unter den Lampen wachsen dort natürlich erst, seit die künstlichen Lichtquellen angeschraubt wurden.
Für alle Fremdsprachler verkündete der Höhlenführer die aktuelle Nummer des Audioguides und begrüßte dann die Schweden. Ich hörte mir den deutschen Text an, und anschließend war der schwedische Live-Vortrag noch lange nicht beendet. Ich versuchte dann noch, dem Schwedisch zu folgen und zu verstehen, über welchen Witz jetzt wieder alle gelacht hatten, aber dafür sprach der gut gelaunte Mann dann doch meistens zu schnell. Nur bei einem Wort war die Bedeutung absolut klar: Pojkarna. Die Jungen (Utrum Plural mit unbestimmtem Artikel) - die Entdecker der Höhle, deren Geschichte er in jedem Saal fortsetzte.

Während der nächsten Jahre führten Örjan, Percy und Lars ein Doppelleben. Für alle anderen waren sie artige Schüler, die gern draußen unterwegs waren, im Geheimen aber waren sie echte Höhlenforscher. Nach zwei Jahren lösten sie versehentlich einen großen Steinbrocken von der Decke. Zum Glück starb niemand, vielmehr war es ein echter Glücksfall, weil der weitere Weg nun frei wurde. Dann gelangten sie an einen Punkt, wo sie ohne ein Boot nicht weiterkamen. Der Vater von Percys Freundin hatte ein Schlauchboot. Es verschwand wenig später auf geheimnisvolle Weise.

Die drei staunten über die Wunder, die sich vor ihnen auftaten - weiße Tropfsteine, die im Laufe von Jahrtausenden herangewachsen waren und die noch nie zuvor ein menschliches Auge - oder vielleicht sogar irgendein Auge - erblickt hatte.
Aber die drei staunten nicht nur, sie handelten wie echte Wissenschaftler. Sie zeichneten genaue Karten, die den Höhlenforschern später noch von großem Nutzen sein sollten. Sie berührten die Tropfsteine nicht - das Fett an ihrer Hand hätte die Steine nämlich sofort getötet und Jahrtausende des langsamen Wachsens beendet. Und wie echte Höhlenforscher gaben sie den Tropfsteinen Namen. Nicht irgendwelche Namen natürlich, sondern die Namen von Dingen, die den Tropfsteinen ähnlich sahen. In der Grotte von Lummelunda waren die Tropfsteine oft keine langen Säulen und Spitzen, sondern gerippte Flächen, die sich weiß und weit unter der Decke erstreckten.
"Ganz klarer Fall: Das sind Flügel!", rief Lars.
"Und diese lange Linie dort an der Wand: Das ist die Große Chinesische Mauer!", rief Örjan.
"Und seht ihr dort den Altar?", meinte Percy. "Über der Orgel sind Josef, Maria und das Jesuskind aus Tropfsteinen gewachsen." (im Bild links)
Schließlich hatten sie alles ausgiebig erkundet und kartographiert, und da beschlossen sie, dass es Zeit war, an die Öffentlichkeit zu gehen. Schon bald kam ein Höhlenforscher namens Leander Tell vom Festland und ließ sich von den Jungen in den engen Eingangstunnel führen. Doch, oh weh! Leander Tell blieb stecken und bekam eine Panikattacke. Es ging nicht vor und nicht zurück, und vor ihm waren zwei der Jungen in der Höhle. Sie mussten ihm gut zureden, bis der arme Forscher den Rückweg fand.
Zurück auf dem Festland machte Professor Tell drei Monate lang eine strenge Diät. Dann versuchte er es erneut, kam endlich unten an und wurde damit zum Gründer der schwedischen Speläologie, das heißt Höhlenforschung. Er schrieb insgesamt 19 Bücher über Höhlen und eins über Cognac.

Die Höhlenforscher konnten einen Wall aus dickem Schlamm abtragen und fanden so noch einen weiteren Tropfsteinsaal. Dahinter endet nach 130 Metern die halbstündige Standardführung, und durch eine Betonwand führt ein zweiter künstlicher Gang ans Tageslicht. Wer mehr sehen will, kann aber an ausgewählten Tagen während der Abenteuerführung in ein Plastikboot steigen und zwischen schartigen grauen Dreiecken und brackigem braunen Wasser weitere 500 Meter entdecken. Aber auch dann hat man noch längst nicht alles gesehen.
Wie lang ist die Höhle wirklich? Etwa vier Kilometer sind nachgewiesen. Damit ist sie zur Zeit leider nur noch zweitlängste Höhle Schwedens, denn die Korallgrottan in Jämtland hat ihr die Spitzenposition abgejagt. Aber: Beide Höhlen werden weiter erforscht. Jedes Jahr zu Mittsommer treffen sich Schwedens Speläologen für eine Woche auf Gotland und dringen weiter vor, das Rennen ist also noch nicht entschieden. Sie schätzen, dass die Lummelundagrottan gut und gerne acht Kilometer lang sein könnte.

Für mich war die Grotte von Lummelunda meine erste Höhle außerhalb von Deutschland & Tschechien. Und auch wenn ich in diesen Ländern größere Höhlen gesehen habe, hatte sie zusammen mit der kuriosen Entdeckungsgeschichte einen ganz eigenen Zauber, den ihr keiner so schnell nachmacht. Vor allem nicht die verdammte Korallgrottan.

Oh, die Straße hat wieder einen Radweg. Dann kann es nicht mehr weit bis Visby sein.
In den Vororten ging die Radroute dann doch nochmal ein Stück den Hang runter und durch Wohngebiete.

Es war erst Mittag, ich hatte keinen Zeitdruck, und so fuhr ich jede Schleife mit. In einem kleinen weißen Schuppen standen Bilder zum Verkauf, und bunte Postkarten hingen an der Wäscheleine von der Decke. Darauf blühten weit mehr Blumen als in der echten Natur.
An einem geschlossenen Strandkiosk ging dann noch ein Betonradweg direkt zwischen dem Sandstrand und einer Felswand entlang und kam an der Strandpromenade von Visby raus.
Und das war sie auch schon, meine größte Inselumrundung bisher, einmal um die zweitgrößte Insel der Ostsee und die kleinste von Schwedens 21 Provinzen. Ging erstaunlich schnell.

Zum Abschluss ein Zitat, das man perfekt bei der Einfahrt zum Fähranleger aufstellen könnte für alle, die Gotland verlassen:

"Jetzt geht nach Hause", sagte Pippi, "damit ihr morgen wiederkommen könnt. Wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr ja auch nicht wiederkommen. Und das wäre doch schade."

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