Fårö ist die größte, wichtigste und am besten angebundene Nebeninsel Gotlands und wird meistens einfach bei Gotland mitgemeint, so auch zum Radweg Gotlandsleden. Trotzdem mache ich für dazu einen separaten Post, denn ein bisschen anders ist die Insel dann doch. Und die Meerenge dazwischen ist nun auch nicht ganz so vernachlässigbar wie bei Furillen.
Alle halbe bis ganze Stunde legt eine kostenlose gelbe Autofähre in der Stadt Fårösund auf Gotland ab.

Anders als auf Gotland konnte ich hier sogar noch ins erste Stockwerk auf einen Teil des Mahlwerks schauen, rein windmühlenmäßig liegt Fårö also schon mal vorne.
Ich strebte nicht so zielstrebig in die Inselmitte wie die Hauptstraße, erst einmal führte mich die Radroute nach Süden in eine Landschaft namens Ryssnäs. Wie so manche Naturschutzgebiete hat Ryssnäss eine militärische Karriere, die etwa 150 Jahre dauerte und im Jahr 2000 vorbei war. Zwischen den Nadelwäldern radelte ich kleine Hügelchen mit Alvar-Boden hinauf und gewährte ein paar selbstbewussten Schafen die Vorfahrt. Komischerweise wachsen hier Feigen.
Ganz hinten im rauen Küstenwald verbirgt sich dann noch ein Stück Geschichte: Der Engelska kyrkogården, also englische Friedhof. Im Krimkrieg benutzten Großbritannien und Frankreich den Fårösund als Basis und parkten hier hunderte Schiffe. Schweden duldete das offenbar, obwohl es eigentlich neutral war. 1854 brach an diesem Außenposten die Cholera aus, und die Briten bauten zwei "Krankenbaracken".
Soll diese Steinhütte mit Reetdach etwa eine davon sein? Das sieht eher aus wie ein Hühnerstall mit dickem Fell. Weder das Kellergeschoss noch das Obergeschoss waren hoch genug, um darin auch nur ansatzweise aufrecht zu stehen - nein, in so was kann man doch nicht gesund werden.
Es wurden auch nicht alles gesund. Die Briten kauften Schweden ein Stück Land ab, um ihre Toten zu bestatten, und wenigstens das ist eindeutig zu erkennen: Ein Zaun aus Findlingen, die eine schwere schwarze Eisenkette verbindet. Grabsteine gibt's nicht, nur einen Findling mit allgemeiner Inschrift: 1854 Englische Cholera-Gräber, fertig.
Zurück auf der Asphaltstraße fuhr ich durch die ersten Gehöfte und kam dann im Mittelpunkt der Insel raus, an dieser Kirche neben dem kyrkviken. Die Kirche heißt einfach nur Fårö kyrka. Ein Stück die Straße runter steht ein Museum namens Bergman Center.
Wie das Dorf drumherum eigentlich heißt, habe ich nicht herausgefunden, obwohl es den Hauptort auf der Insel bildet. Es gehört sowieso alles zur Gemeinde Fårö.
Als die Fåröer 1912 wieder einmal eine Steinmauer bauen wollten, entdeckten sie ein einen besonders toll verzierten Dolch in einem Grab aus der Bronzezeit. (Aus welchem Metall der Dolch bestand, dürfen Sie selber erraten.) Der entstand wohl so um 1200 vor Christi Geburt und lag damals auf Alnäsa backe, einem von vielen kleinen Inselchen, die erst noch zu Fårö zusammenwachsen mussten. An den Dolchfund erinnert ein entfernt dolchähnliches Dreieck aus Brettern auf dem Boden, das eigentlich mehr Ähnlichkeit mit einem Pfeil aufweist.
Fårö hat mehr Seen als Gotland, die von der Straße aus zu erkennen waren, sich aber im Hintergrund hielten. Der Wind blies über den grauen Himmel und die Hügel und brachte die Fahnen zum Flattern. Fahnenstoff scheint auf den Inseln Mangelware zu sein, denn die Fahnen sind alle total schmal. Für das schwedische Kreuz reicht der Platz nicht, nur für einen blauen und gelben Streifen.
Ein wichtiger Wirtschaftszweig auf der Insel scheint der Handel mit Autoteilen zu sein, einer der Händler machte auf seine ganz eigene Weise darauf aufmerksam: Ein rostiges Fahrzeug steckte seelenruhig auf der Spitze seiner Stange, während die komische blaue Maschine unermüdlich auf und ab pumpte.
Als nächstes ist die Schleife um Avanäs an der Reihe, die Ostseite der Insel. Die ging auf ruhigeren Straßen durch einen Haufen Nadelwälder, in denen sich Heidekraut und zurückgezogene Privathäuser versteckten.
An der Nordseite kamen dann wieder die Sonne und die offene Ostsee raus. Von der Gotska Sanddön abgesehen ist diese Ostsee jetzt bis zu den Åland-Inseln inselfrei - sah aber trotzdem erstaunlich glatt und blau aus.
Die Halbinseln von Norsholmen und (ich denke mir das nicht aus) Langhammarshammaren ragen in der Ferne in die Ostsee rein. Sie sind die nördlichsten Punkte von Fårö, aber die Radroute führt nicht auf sie drauf, weil es da nur nur Wanderwege und kleine Dorf-Sackgassen gibt.
Stattdessen machte ich jetzt einen Schlenker ins Hinterland, und das Hinterland traktierte mich sofort mit grobem Kies und Nieselregen. Diese Holperei durch Wiesen, Wälder und Mauern machte weniger Spaß, auch wenn das Land schön anzusehen war.
Fårö ist noch abgelegener und der Boden noch karger und steiniger als auf Gotland. Was auf Gotland gilt, gilt hier also gleich doppelt: Die Bauern waren immer zugleich auch Händler und isolierte Selbstversorger, bei denen alles Neue erst viel später ankam.
Mehrmals verpasste ich die Abbiegung und wäre fast auf einen dieser isolierten Höfe draufgefahren. Was öffentlicher Weg und was private Einfahrt ist, bleibt auf diesen Wiesen ein Dauerrätsel. Wer ganz sichergehen will, dass kein Besuch kommt, stellt am besten einen Bücherschrank mit möglichst spannenden Büchern in möglichst großer Entfernung zum eigenen Haus auf.
Ich hätte gern Mittagspause auf der Bank gemacht, aber es gab ja nirgendwo einen Unterstand gegen den Regen.
Zurück an der Küste war die Straße nass, aber die Luft wieder trocken. Auf zum Raukenfinale! Das Nervigste hatte ich offensichtlich hinter mir, jetzt konnte ich auf Asphalt durch das Naturschutzgebiet Digerhuvud zischen. Das ist sechs Kilometer lang, aber nur 100 bis 200 Meter breit - so was scheint auf Gotland eine typische Form für Naturschutzgebiete zu sein. Links duckte sich ein niedriger Nadelwald, und rund um den Weg lagen sogenannte klapperstenar - ein witziges Wort für Kieselsteine. Eine 60 Meter hohe Klippe gehört auch dazu, die versteckt sich aber komplett unter Wasser.
Sehr schön, und wo sind jetzt die Rauken? Hier soll Schwedens größtes Raukenfeld stehen.
Ich umrundete Kieskurve um Kieskurve, aber die Rauken ließen sich noch nicht blicken. Erst ganz allmählich begannen sich größere Steinchen aus dem Wasser zu heben. Irgendwie sah das Ganze für mich nach einer Landschaft aus, in die Humboldtpinguine reingehören. Und tatsächlich saßen da schwarze Vögel, die höchstwahrscheinlich keine Pinguine waren, aber doch zumindest eine entfernte Ähnlichkeit mit besaßen. Mit etwas Fantasie.
Die Felsen wuchsen in die Höhe, und schließlich blickte ich über hunderte von Rauken hinweg. Kein Zweifel, von den Raukenfeldern auf den Inseln ist das hier sicherlich das Highlight. Ich konnte es aus Gründen aber nicht ganz so genießen wie bei Ljugarn.
Ein paar Auto- und Wohnmobilfahrer parkten ihre Fahrzeuge, besetzten die Tische und wanderten hinein ins steinerne Labyrinth. Ich hatte Hunger, fuhr aber weiter - hier sind so viele Tische, da müssen doch auch bald wieder unbesetzte kommen. Hätte ich gewusst, was mich erwartete, dann hätte ich das nicht getan, sondern in dem ca. 1 Quadratmeter großen Klohäuschen eine halbstündige Pause eingelegt.
Ein paar Kilometer weiter fand ich einen freien Tisch mitten in den Felssäulen und begann, das Kochzeug auszupacken.
Dann brach der Himmel.
Vom Himmel rauschte eine Sintflut runter, als würde das Wasser versuchen, sich sein Korallenriff zurückzuholen. Vorne in Richtung Gotland zuckte ein gezackter Blitz aus den Wolken. Oh Schiete, möglicherweise ist das hier wirklich gefährlich. Der Blitz sucht sich den höchsten Punkt - also, die Nadelbäume da hinten waren kleiner als ich, und selbst die Rauken waren nicht wirklich hoch. Es sei denn, ich gehe runter in den Bereich, wo mir schon die graue Ostsee über die Füße schwappt. Außerdem wäre ich gern im Idealfall nicht nur blitzsicher, sondern auch nicht bis auf die Knochen nass. Ein Zustand, der bei dieser Niederschlagsmenge in maximal zwei Minuten eintreten würde.
Natürlich hatte der Rastplatz kein Dach, sondern einen Grillplatz. Die Notlösung: Ich legte die Isomatte auf den Tisch und beschwerte sie mit ein paar Steinen gegen den Wind, so waren die Lücken zwischen den Brettern dicht. Dann holte ich nasse Snacks und ein nasses Buch aus der Tasche und kroch in entwürdigender Pose unter der Bank hindurch über weiße Klappersteine in die sehr relative Trockenheit unterm Tisch.
Das Buch war wirklich spannend.
15 Minuten später spürte ich ein seltsames Brennen auf der Hand. Es fühlte sich fast an wie ... Sonnenbrand?
Sonnenstrahlen fielen durch die Ritzen, der Himmel war blau. Blinzelnd kroch ich nach draußen und machte endlich Essen.
Allmählich gingen mir die ständigen Wetterwechsel und das Umziehen wirklich auf den Keks. Andere Gotlandreisende haben mir bestätigt, dass das nicht nur Ende August eine Eigenheit der Inseln ist.
Eine Eigenheit, an die anscheinend keiner gedacht hat, der die ganzen Rastplätze mit Grill aufgebaut hat. Was haben die auf den Inseln nur alle mit dem Grillen? Jeder verdammte Rastplatz auf Gotland & Fårö hat eine runde Feuerschale mit Grillgitter, aber nur ein einziger Gotländer Rastplatz (der bei Visby) hat ein Schutzdach vor Regen.
Und wie oft habe ich jemanden an diesen Plätzen grillen sehen? Null mal.
Liebe Gotländer, ist das euer Ernst? Was tritt eurer Ansicht nach häufiger ein: A) Ein Reisender kommt voll ausgestattet mit Grillzeug und Grillkohle an einem eurer Rastplätze vorbei oder B) Ein Reisender gerät auf eurer Insel, auf der das Wetter STÄNDIG umschwenkt, an einem eurer Rastplätze in den Regen? Denkt nochmal scharf nach.
So, diese Tirade musste jetzt mal raus. Genau wie das Gewitter.
Im strahlendsten Sommersonnenschein fuhr ich vorbei an den farblich verschiedensten Inselhäusern - von rostrot über grau und gläsern bis weiß - zurück zur Kirche im Zentrum. Die Radroute sagt, man soll die Schleife nach Süden auch auf den Rückweg fahren, aber der Abwechslung und Abkürzung halber wählte ich doch lieber die direkte Straße zum Fähranleger.















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