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Freitag, 3. Juli 2026

Ålternative: Von Hummelvik nach Österkalmare

Vårdö ist eine landwirtschaftliche Insel voller... Weingüter, so hoch im Norden? Ach nee, sind doch nur Obstbäumchen. Für derlei botanische Feinheiten war ich noch nicht wach genug.
Die Straßen sind weiterhin sportplatzrot.

Am nächsten Damm liegen

Schäre Nr. 35: Gersholmsören

mit viel Wald und genau einem Haus sowie

Schäre Nr. 36: Gersholm

mit einem Parkplatz und zwei Häusern. Darauf folgt dann

Schäre Nr. 37: Töftö

Die Inselnamen konnte ich auf schiefen, bunten Bushaltestellenschildern ablesen.

Töftö verließ ich über die letzte der gelben Kabelfähren. Mich hat etwas gewundert, dass die Fähre laut Onlinefahrplan nach Mitternacht gar keine Betriebszeit mehr hat. Heißt das, die ganze große Fahrzeugkolonne, die letzte Nacht von der großen Fähre gerollt ist, war auf den kleinen Inseln gefangen? Das muss ja frustrierend sein, wenn es eine so späte Verbindung gibt, sie aber trotzdem nicht die Hauptinsel erreichen wegen dieses kleinen Hindernisses auf dem Weg zur

Schäre Nr. 38: Prästö

Diese Insel des Todes steckt voller Geschichte. Als Russland nämlich Finnland besetzte, baute es auf Prästö ein paar niedrige und überraschend ästhetische Gebäude, die noch heute stehen. Wozu sie dienten, verraten bereits die Straßenschilder: Lasarettvägen, Apotekgränd und Telegrafgränd.
So ein Lazarett im 19. Jahrhundert hat leider die Eigenheit, dass nicht alle darin überleben. Dennoch überraschte es mich sehr, als ich auf den kleinen grünen Wegweiser zum Gravplats stieß. Denn darauf prangten ein Kreuz mit einem dritten, schiefen Querbalken, ein sechszackiger Stern und eine Mondsichel. Das sind definitiv mehr Religionen, als ich auf dieser kleinen Insel erwartet hätte.

Und mehr Friedhöfe. Prästö hat sechs davon: Den katholischen, lutherischen und neuen orthodoxen, sowie an einer anderen Stelle den alten orthodoxen, jüdoschen und islamischen.
Der alte orthodoxe liegt hinter einer Art Weidezaun, damit ihn die Tiere des Waldes nicht abfuttern. Deswegen ist er komplett mit Farnen und Gräsern zugewachsen und als Friedhof nicht erkennbar. Die orthodoxen Christen waren in der russischen Armee natürlich in der Mehrheit. Sie markierten ihre Gräber mit Holzkreuzen, von denen nichts übrig ist, nur Muster im Boden verraten die Gräber, aber unter der dichten Pflanzendecke nicht einmal das. Ein schmaler Pfad wurde freigemäht und mit roten Holzpfosten markiert. Und der brachte mich in eine Ecke, wo tatsächlich noch ein paar von Flechten bedeckte Grabsteine herumlagen. Einige gehörten höherrangigen Offizieren und ihren Frauen, die meisten aber ihren Kindern. Sie starben jung, überdauerten im Tod aber länger als die meisten Erwachsenen. Zwar konnte ich auf den Steinen keinerlei Text erkennen, doch eine Tafel aus Kunststoff bewahrt alle Namen, die noch entziffert werden konnten.

Ganz anders sehen der jüdische und muslimische Friedhof aus. Beide sind klar abgegrenzte Rechtecke aus Steinmauern und Moos, mit deutlich niedrigeren Pflanzen (wenn man die Bäume nicht mitzählt).
Mit der russischen Garnison kam eine jüdische Gemeine von 100 Menschen auf die Inseln. Es ist nicht klar, ob die sechs Grabsteine (im Vordergrund) die einzigen jüdischen Gräber sind. Fests steht, dass die zweisprachigen Steine in hebräischer und kyrillischer Schrift erzählen, wie freundlich die Verstorbenen waren und dass sie Moses Gebote befolgten. Obendrauf liegen wie üblich kleine Steine.
Über die Menschen auf dem muslimischen Friedhof (im Hintergrund) ist fast nichts bekannt. Russland lag damals oft im Krieg mit dem Osmanischen Reich und schlug Aufstände in den neuen kaukasischen Provinzen nieder. Vielleicht waren es Kriegsgefangene aus diesen Konflikten, die auf den fernen Åland-Inseln Bauarbeiten durchführen mussten. Es ist auch nicht klar, ob sie hölzerne Gräber hatten oder ob die kleinen Steine und Hügel ihre Grabstätten sind.
Jetzt ruhen sie alle fern der Heimat auf einer ebenso unwahrscheinlichen wie ungewöhnlichen Insel, Seite an Seite mit jenen Gläubigen, die mancherorts noch immer als ihre Erzfeinde gelten.

Was mussten sie denn eigentlich bauen, und wieso gab es hier überhaupt so eine große, multireligiöse Garnison? Die Antwort liegt nur eine weiße Stahlbrücke entfernt auf

Schäre Nr. 39: Fasta Åland ("Festland Åland")

Noch bevor ich die Bomarsundbrücke überquerte und die Hauptinsel Ålands betrat, konnte ich die Antwort schon sehen.

Fasta Åland war der westlichste Vorposten im russischen Zarenreich, und deswegen bauten sie da eine dicke Festung hin - aus irgendeinem Grund aber an die Ostseite der Insel. Schweden war nicht begeistert, und der britische Außenminister protestierte vergeblich dagegen. Bomarsund ist im Prinzip ein oranger, aber sehr lückenhafter Kreis aus ordentlich aufgemauerten Steinen, manche davon sechseckig wie Bienenwaben. Die Hauptstraße geht mitten hindurch.

Die Anlage ist schon beeindruckend, aber auch auf eine seltsame Art und Weise sauber und steril, sodass es mir schwerfiel zu glauben, dass die Ruine echt ist. Aber warum ist es überhaupt eine Ruine, noch dazu eine so niedrige, dass das Klettern-verboten-Schild eindeutig erforderlich ist? Ein Rundgang um die Wiese an den immergleichen rötlichen Ruinen brachte wenig Antworten, das Besucherzentrum war noch geschlossen. Am Wasser entdeckte ich eine ebenfalls rote Stele, die an gefallene britische Soldaten erinnert, und an den Earl of Wessex, der ihr Grab 2015 besuchte. Wo kommt der denn jetzt her, und was ist hier passiert?
Der Krimkrieg ist passiert.
Eine Antwort, die vielleicht noch mehr Fragen aufwirft. Fragen wie: Ist die Krim nicht ein bisschen woanders? Ist sie, und Jerusalem, wo der Krieg ausgelöst wurde, ist sogar noch weiter entfernt. Aber als die Briten, Franzosen und Osmanen im brutalen Fleischwolf des ersten industriellen Kriegs die Ausdehnung des Russischen Reiches stoppen wollten, da griffen sie auch Russlands Häfen und Werften in Finnland an. 1854 war Bomarsund dran. Weil die russische Truppe unterlegen und die Festung erst halb fertig war, kapitulierte sie neun Tage später. Die anglo-französischen Truppen sprengten Bomarsund, einige Ziegel wurden für die orthodoxe Kathedrale in Helsinki wiederverwendet.

Das wäre geklärt, aber was sollte mit den Inseln passieren? Selber besetzen wollten die Briten sie offenbar nicht, Finnland existierte noch nicht, also boten sie Åland den Schweden an, wenn die dafür ihrem Militärbündnis beitraten. Der schwedischen Presse gefiel das Angebot gar nicht, sie verglich die geschenkten Inseln mit dem trojanischen Pferd. Schweden lehnte ab und blieb neutral, und Russland durfte die Inseln behalten, musste aber versprechen, nichts Militärisches mehr darauf zu installieren. Es blieb also bei den ganzen Russenruinen, die seit der Sprengung nicht mehr in die Höhe wuchsen.

Ein paar Kilometer weiter wurde es noch viel anschaulicher. Ich fuhr anscheinend gerade auf der ultimativen Museumsmeile von Åland. In Kastelholm folgten drei ganz liebevoll gemachte Museum hintereinander, die zusammen die Inselkultur in allen Facetten zeigen und in denen man viele Stunden verbringen kann. Und die kosten alle zusammen nur 10 Euro. Ein absolutes Schnäppchen im Vergleich zu den Museen auf dem Festland.
Das erste ist das Freilichtmuseum Jan Karlsgården. Dort wurden seit den 30ern 20 Häuser aus allen Ecken Ålands aufgestellt. Das große Wohnhaus gehörte einem Typen namens Jan Karl, und ihm zu Ehren heißt das Museum übersetzt Jan Karls Hof. Ein Holzzaun schließt die Häuser und Ställe in einem Rechteck ein. So grenzte man sich von seinen Nachbarn ab, wie an vielen anderen Orten der Welt auch, nur dass in Åland die Querbalken am Zaun ein klein wenig diagonal waren.
Der Eintritt ist kostenlos, Jan Karlsgården verdient sein Geld über jede Menge Darsteller, die nicht nur in Verkleidungen ein Handwerk vorführen, sondern vor allem auch die Ergebnisse verkaufen.
Rechts im Bild ist das rote Hauptwohnhaus, links stehen Ställe. Das wichtigste Zugtier auf Åland war der Ochse, erst im 20. Jahrhundert löste ihn das Pferd ab.

Das Bauernhaus hat im Prinzip zwei große Räume. Der eine ist hellblau, in dem wurde mehr oder weniger alles gemacht, und es haben auch alle drin gepennt. Außer im Sommer, da wichen die Mägde, Knechte und älteren Kinder auf den Heuboden der Scheune aus, damit es drinnen in den Stockbetten im Multifunktionsraum nicht ganz so drängelig wurde.

Der andere große Raum ist das Gegenteil: leer, größtenteils nutzlos und mit ganz tollen von Küstenlandschaften bemalt, die leider meistens niemand sehen durfte. Denn das hier war die gute Stube, die nur an wenigen Festtagen oder für wichtige Besucher geöffnet und beheizt wurde. Das Prinzip ist eigentlich haarsträubend absurde Platzverschwendung, war aber sogar noch im Deutschland der 50er verbreitet, Gudrun Pausewang hat es in einer Kurzgeschichte sehr schön auf die Schippe genommen.

Die Schmiede und die Sauna (im Bild) lagen außerhalb des Rechtecks aus Scheune, Ställen und Wohnhäusern, denn beide brauchten Feuer, und das ist ja immer ein bisschen heikel.
Der ganze Hof war viel größer, als er auf den ersten Blick aussah, es ging noch ein gutes Stück den Hang runter bis zum Wasser. Verstreut standen da ein pressboden (eine Holzpresse, um jedes damals denkbare Material zusammenzupressen), Schuppen für Boote, Fischerei und Robbenjagd und natürlich eine rote Windmühle.
Die Russen hatten in diesem Bereich ein Magazin für Lebensmittel gebaut, von dem noch die Grundsteine liegen. Die Soldaten in Bomarsund holten sich hier jeden Tag ihre Ration Mehl und mussten daraus selber Brot backen. Falls ihr Taschengeld schon aufgebraucht war, konnten sie nichts dazukaufen und aßen einfach zwei Kilo Brot pro Tag.

Das zweite Museum ist das kleinste, ein unauffälliges weißes Haus mit rotem Zaun. Es heißt Vita Björn. Warum es so heißt, ist so ziemlich die einzige Frage, die es nicht beantwortet. Der Name bezeichnet nicht den Lebenslauf des ehemaligen Hausbesitzers, sondern bedeutet "Weißer Bär". Auf meine Frage erklärte die Museumswächterin, das sei halt einfach irgendwie ein typischer Name gewesen für Gebäude dieser Art.
Gebäude dieser Art heißt: Gefängnisse. Vita Björn ist das älteste erhaltene Gefängnisgebäude in Finnland. Im Hof stand ein Peitschenpfosten, auf dem ungehorsame Gefangene bestraft wurden - und zwar so, dass die anderen es von drinnen sehen konnten.

Der Strafvollzug auf den Inseln war eine recht überschaubare Sache. Die eine Hälfte des Hauses umfasst die Wohnung des Wächters, der mit Kind und Kegel im Gefängnis lebte. Sie ist noch so eingerichtet wie im 19. Jahrhundert. Die andere Hälfte besteht aus vier Zellen, die heute vier Epochen des Gefängnisses präsentieren. Fangen wir mal mit der dunkelsten an.
Die Zelle von 1800 bot eine Luxusausstattung bestehend aus einem Kübel für Fäkalien, einem Spucknapf, einen Rohrofen und einem Bett mit Strohmatratze für zwei. Von trauter Zweisamkeit war man hier trotzdem weit entfernt, bis zu sechs Leute wurden in die Zelle gestopft. Wer so doof war, seine Straftat zu spät zu begehen, musste halt auf den Fußboden. Einmal pro Jahr kam der Zimmerservice und räucherte die Zelle mit Wacholderzweigen aus, um die Bettwanzen und den Gestank zu vertreiben. Das war die einzige im weitesten Sinne hygienische Maßnahme. Im Überfluss vorhanden waren nur die Hand- und Fußfesseln, welche die schweren Jungs 24/7 tragen mussten. Und die schweren Mädels, denn es wurde nicht nach Geschlechtern getrennt. Auf diese Idee kam man erst 1850. Da lebten dann auch Mütter mit Kindern in solchen Zellen.

Auch 1900 waren Dauerfesseln und Auspeitschen noch in, dafür gab es Stockbetten und Bibeln. Die hygienischen Bedingungen waren immer noch erbärmlich, aber die Gefangenen durften mehrmals im Monat die Sauna benutzen. Tut mir leid, aber nach diesem Satz kann mich niemand mehr überzeugen, dass die Åland-Inseln nicht zu Finnland gehören.

Erträglich klingt nur die letzte Periode von 1950 bis 1975, aus der dieses kleine, feine Doppelzimmer stammt. Hier hatte der Aufseher Boris Berglund das Sagen, der auf der Insel ein hohes Ansehen genoss und die Gefangenen zur Heuernte und zum Fischen mitnahm. Vita Björn war damals nur noch eine sogenannte Haftanstalt. Die wirklich schweren Jungs kamen aufs Festland, beim Boris saß man nur für leichte Vergehen ein paar Wochen oder Monate. Sogar der Umbau zum Gefängnismuseum in den 80ern erledigten Strafgefangene in einer Arbeitskolonie, die es noch bis 1997 im Dorf gab.

Krönender Abschluss der Trilogie ist das einzige Schloss auf den Inseln. Schloss Kastelholm steht an einer Brücke über einen Meeresarm. Der weiße Putz ist größtenteils abgewaschen, die Mauern sichtlich alt, aber überraschend lückenlos. Erstaunlich, immerhin ist es mehrfach abgebrannt und fiel einem Bürgerkrieg zum Opfer. Auf der Wiese übten ein paar Kinder Bogenschießen, falls bald der nächste ausbrechen sollte.
Die Fahrradrouten auf Fasta Åland sind übrigens aus irgendeinem Grund laut Beschilderung (unten rechts) nur für Tandems erlaubt, ich bin also die ganze Zeit illegal auf meinem Einpersonenrad gefahren.

So ein Schloss hat natürlich auch einen Kerker, und das bedeutet, Kastelholm hat insgesamt eine wirklich, wirklich lange Gefängnistradition. Der Kerker gibt sich alle Mühe, die 1800er-Zelle von vorhin zu toppen, er hat nämlich nicht mal Heizung, Türen oder Fenster. Der Gefangene wurde von der Decke gelassen und saß dann im Dunkeln auf einem nassen Stein. Wenn die Klappe oben zu war, konnte praktischerweise auch niemand mehr seine Beschwerden über die Unterbringung hören.
Dieses Konzept wurde dann auch auf ein normales Gefängnis übertragen, den Vorläufer vom Vita Björn, der auf der anderen Seite des Meeresarms stand - eine sogenannte vankikirstu (Gefängniskiste).
Die Gefangenen im Schloss waren allerdings prominenter. Einer davon war Erik XIV. von Schweden. Was hat dieser König angestellt? Er wurde so geisteskrank und paranoid, dass er Adlige schon wegen eines ungünstigen Horoskops hinrichten ließ. Der Unterschied zwischen Haftstrafe und Sicherungsverwahrung war damals noch nicht bekannt, weshalb ihn sein Halbbruder Johann ganz undifferenziert in den Kerker warf, wobei der Ort des Kerkers noch ein paarmal wechselte. In seinem Tagebuch beschreibt der kranke König Wahnvorstellungen und, wie sehr er seine Frau vermisst. Ach krass, der hat eine Bürgerliche geheiratet, immerhin das ist sympathi... ah, nee, vergiss es, als sie seine Geliebte wurde, war sie 15 und er 34.
Die zweitprominenteste Gefangene war Karin von Emkarby, die erste Hexe, die in Schweden verurteilt wurde. Wie alle Åländer "Hexen" verbrachte sie ihre letzte Nacht in diesem Loch. Der neue Richter Nils Psilander hatte im estnischen Tartu gelernt, wie man Teufelspakte aufspürt. Karin gestand, vom Teufel verführt worden zu sein, und beschuldigte gleich 13 andere Frauen - die allerdings stritten die Anklage heftig ab. Die Åländer hatten Zweifel an den Beschuldigungen, aber der neue Richter und der Priester mit ihren schlauen deutschen und lateinischen Büchern waren so einschüchternd, dass sie sich überzeugen ließen, der übliche Aberglaube auf der Insel müsse wohl Hexerei sein. Fünf der 13 Frauen verbrannten. Karin von Emkarby wurde als Belohnung für ihre Petzerei erst dann verbrannt, als sich ihr Kopf nicht mehr auf dem Körper befand.

Ein unübersichtlicher Rundweg leitete mich durch ein verschachteltes System aus Innenhöfen, Mauern, Kellern und Wehrgängen, komplett rauf und wieder ganz weit runter, bis ich alles gesehen hatte. In den tiefsten Innenhöfen verbirgt sich nur noch rechteckige Leere, in die man nicht runtersteigen kann. (Warum auch?) Einige Dächer und Stützen bestehen noch aus Holz und erinnern an altertümliche Baugerüste, oder eine Kulisse aus Das Leben des Brian.
Kastelholm gehörte anfangs den Åländer Ådligen, aber seinen Höhepunkt erreichte es unter Gustav Vasa. Der machte daraus ein königliches Jagdschloss und hielt ein Ritterduell ab, das irgendwie Teil seines Machtkampfes mit Christian II. aus Dänemark war. Der Bergfried ganz hinten wurde von den Russen als Getreidelager genutzt, als der Rest schon eine Ruine war.

In diesem Bergfried, vermutlich in den königlichen Gemächern aus der Zeit Gustav Vasas, werden die Räume geschlossener, geräumiger und verspielter. Hier können sich die Kinder in mittelalterliche Gewänder kleiden oder ihr eigenes Wappen entwerfen. Und ich muss sagen: Was die Kinder da an Wappen an die Wand geheftet hatten, war absolut großartig. Die sorgsam dargestellten Regeln der Heraldik ignorierten sie größtenteils und zeichneten einen gekrönten Krebs mit Dreizack, einen brennenden Fliegenpilz oder eine Kellerassel mit zwei gekreuzten Speeren, Kreuz und zwei Gänseblümchen. Dagegen kommt auch das Flussradlerwappen nicht an, und die immergleichen Löwen im Mittelalter schon gar nicht.

Es wird hügeliger, und der nächste Garten greift diesen Umstand mit lustigen Schildern auf. Aber hallo, greifen die das auf!
Trötta fötter? fragt eine Bank, also: Müde Füße? Sitz hier gerne eine Stunde. Und kurz vor dem Ende des Anstiegs unterstützen Anfeuerungsrufe in fünf Sprachen die Radler, im Deutschen wählte man Zieh! Zieh!

Die Straße überquert immer wieder Meeresarme. Hinter dem Fjärsund durchbricht sie den Fels in einen kurzen Tunnel. Radfahrer sind dort verboten, ich musst einen Umweg über nehmen, der sich aber als leichter herausstellte als erwartet. Auf dem Berg steht noch ein hoher Aussichtsturm - ach ja, stimmt, Aussichtstürme haben die heutigen Inseln auch, aber davon habe ich die letzten Tage ja schon genug gesehen.
Nachdem die Weißen in der letzten Schlacht des finnischen Bürgerkriegs auf Åland gewonnen hatten, fand man einen Tag später fünf tote Rotgardisten unter dem Eis des Fjärdsunds und vier weitere an Land, anscheinend spontan hingerichtet. Åländische Arbeiter stellten einen Gedenkstein für sie am Radweg auf.

Danach steigerte sich die Besiedelung und Wegesituation rasant. Ich musste nicht mehr der größten Straße folgen, es gab parallele Dorfstraßen, und sogar die hatten Radwege. Obwohl Åland Schweden viel näher stehen soll als Finnland, haben mich diese Vororte farblich noch sehr an die schönen finnischen Städtchen erinnert.

Mitten durch Fasta Åland geht eine geologische Falte. Die näherte sich nun der Straße, getrennt nur noch durch eine abgeholzte Brache. Ich konnte sie schlecht übersehen, denn die Ingby-Wand war die mit Abstand größte Felswand, die ich bisher in Finnland zu Gesicht bekommen hatte. Ein bisschen erinnerte mich dieses schartige Gebilde an die Steinwand in der Rhön. Davor lag noch ein Geröllfeld, das mal ein Strand war und entstand, als Gletscher, Wellen und die Landhebung miteinander ausdiskutierten, wie Fasta Åland in Zukunft aussehen sollte.
In der Ingby-Wand verbirgt sich eine Höhle namens Trollkyrkan, oder wie das langweilige Hinweisschild es formuliert, eine "höhlenähnliche Spalte".

Die schiefe Spalte ist 11 Meter tief und endet dann an einem Haufen verkeilter Riesensteine, die das meiste Licht abschneiden, aber doch als latente Sorge auf dem Haupt des Höhlenbesuchers lasten, weil sie ja im Prinzip lose sind und nur durch ihr eigenes Gewicht so liegen. Was, wenn sie nach einem kleinen Stoß beschließen, dass sie doch nicht mehr auf genau diese Art und Weise verkeilt sein wollen?
Eine kleine Öffnung gibt es noch in eine helle Verlängerung der Höhle, in der ein goldener Lichtstrahl von der Decke fällt. Aber dort hindurchzukriechen war mir dann doch zu abenteuerlich.
Der Sage nach lebten in der Trollkyrkan keine Trolle, sondern Räuber und eine alte Frau, die sich im Großen Nordischen Krieg vor den marodierenden Russen mit ihrer Kuh hier drin versteckte. Das schwedische Schild stellt die wirklich wichtigen Fragen dazu: Feierte sie hier auch Weihnachten?

Es ist nicht mehr weit bis zur Hauptstadt von Åland. Wenn ich jetzt durchfahre bis zur Nachmittagsfähre, dann kann ich noch heute in Stockholm stehen!
Nun, daraus wurde nichts. Ich sollte Åland genau 24 Stunden später als geplant verlassen. 12 Stunden davon waren im Prinzip freiwillig, weil die Erkundung der Hauptstadt dann doch länger dauerte. Weitere 12 Stunden waren unfreiwillig, weil die Fahrradplätze auf der Morgenfähre ausgebucht waren. Wie bitte, auf einer großen Autofähre? Das hatte ich vorher noch nie erlebt.
Ich nächtigte also noch einmal nordöstlich der Hauptstadt in einem Wald bei Österkalmare. Dort bot sich die bemerkenswerte Möglichkeit, auf einer skandinavischen Felsplatte zu schlafen. Durch das ganze trockene Moos war sie weich genug.



Mittwoch, 1. Mai 2024

Von Zvejniekciems nach Pärnu

Am nächsten Morgen war nicht nur der Himmel klar, sondern auch die Straße. Ich war an der "Autobahn" herausgekommen, auf der aber so früh kaum was los war - und das, obwohl ich wieder mal auf einer zentralen Verkehrsachse zwischen zwei baltischen Staaten bin. Zeit zum Durchzischen!
Da zischte eine lustige Gestalt auf einer Kanonenkugel an mir vorbei. Den kenne ich doch!

Das ist doch... Baron von Minhauzen. Die Letten schreiben seinen Namen ein bisschen anders, aber ja, es ist derselbe Lügenbaron aus Niedersachsen. Dargestellt von einem leicht überdrehten Graffitikünstler, der sich in diesem Dorf ausgetobt hat.

Ich folgte der Figur auf der Kanonenkugel über die Brücke nach Dunte, zum Gutshaus, in dem der Baron eine Zeitlang lebte, während er für die russische Zarin arbeitete. Auf seinen einstigen Ländereien aß ich erstmal Frühstück.

Wie wird es wohl schlagen im Vergleich zum Münchhausen-Museum Bodenwerder an der Weser?
Es war noch zu, aber ich glaube, ganz gut.
Während sich das Museum in Bodenwerder vor allem auf die berühmten Lügengeschichten des Barons in verschiedensten künstlerischen Darstellungen konzentriert, hat das Museum in Dunte anscheinend auch ein bisschen nachgebaut, wie er so lebte. Zumindest vermute ich das nach einem Blick durchs Fenster. Jup, der Typ liebte definitiv die Jagd.
Aber das Museum ist nur ein Teil der Munchaussen World. Wie der Name verrät, gehört dazu auch noch ein riesiges Außengelände mit Münchhausens Abenteuerschiff, Münchhausens Bierkrug (ein Bohlenweg über die Wiese mit Spielplatzelementen), Hotel Minhauzena Unda, Münchhausens dicke Eiche, Münchhausens hohe Eiche, Münchhausens hohle Eiche... Die haben aus dem Typen einen regelrechten Freizeitpark, oder so was wie Karls Erdbeerhof gemacht. Und alles kostet extra Eintritt. Das kann ins Geld gehen, selbst wenn man das Familien-Kombiticket nimmt.

Aber nicht für mich! Ich war einfach so früh da, dass mich niemand davon abhielt, durch die Fenster zu schauen oder Münchhausens Waldpfad zu betreten. Der ist außerhalb der Öffnungszeiten einfach so zugänglich. Wie auch nicht - der ist viele Kilometer lang (mit diversen Abkürzungen für Fußlahme), so ein großes Waldgebiet kann man nicht einfach absperren. Ein schmaler, älterer Holzsteg windet sich hin und her durch das dichte feuchte Gehölz. Damit man nicht ausrutscht, wurde kurzerhand ein Metallnetz draufgenagelt. Das ist der längste Pappel-Baumpfad in Europa. Im Wasser blühten weiße und gelbe Blumen, die Sonne ließ alles Feuchte glänzen und auch sonst ist das einer der fröhlichsten Sümpfe, die ich kenne.
Und mittendrin stehen Münchhausens Lügengeschichten herum, dargestellt von höchst unterschiedlich begabten Holzschnitzern und dem bereits erwähnten überdrehten Graffitikünstler.
Ah, die Geschichte da kenne ich! Da ist er durch einen krassen Schneesturm geritten, und weil er nicht mehr vorankam, hat er einfach sein Pferd an irgendeinen Stock angebunden  und sich schlafen gelegt. Am nächsten Morgen war alles weggeschmolzen und er erwachte in einem Dorf. Super, aber wo war sein Pferd? Irgendwo von oben wieherte etwas. Es hing mit dem Hals am Kirchturm, denn der Stock war ein Kreuz auf der Turmspitze gewesen!
Nach meinen eigenen Erfahrungen kam mir das gar nicht mal so unglaubwürdig vor. Was für ein Glück, dass ich mein Rad in Pāvilosta nicht an irgendwelche verdächtigen christlichen Stöcker gekettet habe.

Aber ganz so leicht machte es mir die Munchaussen World dann doch nicht mit dem Gratisbesuch. Denn ich hatte längst nicht mehr alle Geschichten im Kopf, und der Waldpfad zeigt nicht nur die bekanntesten, sondern wirklich viele, vielleicht sogar alle. Und welche Geschichte nun dargestellt ist, das verraten bloß hölzerne Schilder in Vogelform mit knappen lettischen Überschriften wie Zakēni Ķucēni. Hm.
Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass Münchhausen auch schon die Geschichte vom Göttinger Wels und der Schildkröte vorweggenommen hat.

Das gehört alles zum Biosphärenreservat Nordvidzeme, wie dieser Teil der Rigaer Bucht heißt.
Am äußersten Rand des Waldpfads konnte ich auch mal zum Meer rüberschauen. Es ist nach wie vor eine spiegelglatte No Wave Sea. Steine liegen keine herum.
Noch.

Ein paar Kilometer weiter liegt die Dunter Kirche, in der Münchhausen Jacobine von Dunte geheiratet hat. Er lernte sie hier kennen, und dann lebten sie zusammen zunächst sechs Jahre am Wohnort ihrer Familie, ehe sie in seine Heimat nach Bodenwerder wechselten. Klingt erstmal nach einer ausgewogenen Beziehung.

Allmählich wurde die "Autobahn" voller, aber ich wollte sie noch nicht verlassen. Der Grund dafür ist ein Orkan namens Gudrun.
Der hat nämlich 2005 Teile der Steilküste und des Ostseeradwegs abrasiert. Jetzt grenzt ein Privatgrundstück direkt an die Ostsee, der Eigentümer will da keinen Radweg haben, und seitdem ist das irgendwie alles schwierig. So schwierig, dass sich irgendjemand verpflichtet fühlte, auf der Online-Karte als Straßenname The cycle way is a lie einzutragen. So schwierig, dass Bikeline zwar sagt, ich solle zur Küste bei Tūja fahren, dann aber entweder am Strand langschieben oder auf einer schlechten Schotterstraße und großem Umweg zur Autobahn zurückkehren, um dann nach wenigen Kilometern zurück zur... nee danke, das ist mir alles zu wild, ich bleibe auf der Autobahn!
Oder? Bei Oltūži bog ich dann doch ab zur zweiten Hälfte des geteilten Küstenwegs, denn jetzt sollte das Schwierige vorbei sein. Und ich glaube, das war so ziemlich die ideale Lösung. Denn wenn ich gar nicht am Wasser gefahren wäre - Mann, ich hätte keinen Schimmer gehabt, was mir da entgangen war.
Nun, zunächst einmal wäre mir ein PRIVĀTĪPAŠUMS entgangen. Die Küste ist buchstäblich zugepflastert von Rasthütten, Bänken, Tischen und Toilettenhäuschen, die zu einer Pause nur so einladen. Das alles ist vollkommen menschenleer. Und verboten, denn es gehört einem Campingplatz. Der noch keine Saison hat. PRIVĀTĪPAŠUMS! PRIVĀTĪPAŠUMS! PRIVĀTĪPAŠUMS!, kreischen tausende knallrote Schilder, die wahrscheinlich ausreichen, um sämtliche gebetenen und ungebetenen Gäste zu vertreiben.
Und dann waren da ein paar Wasserhähne ohne Schild. Und es juckte mich spontan in den Fingern, meine Flaschen dort aufzufüllen.

Tja, und hinter der nächsten Ecke wartete dafür auf einmal vollkommen unerwartet die schönste Küstenlandschaft Lettlands.
Der Reiseführer hatte nur geschrieben, dass hier die Steinerne Küste kommt. Das stimmt auch.

Aber aus unerfindlichen Gründen verschweigt er, dass darüber bis zu sechs Meter hohe Sandsteinfelsen aufragen. Sandstein im flachen Lettland? Ja, das gibt es, aber man sollte sich das nicht wie im Elbsandsteingebirge vorstellen - dieses Zeug ist mehr Sand als Stein. Für den Aufbau der Dresdener Innenstadt ist es definitiv ungeeignet. Man muss nur ein wenig mit dem Finger kratzen, schon löst sich der Sand. Kein Wunder, dass in die Felsen zahlreiche Initialen und Liebesbotschaften eingeritzt sind. Das Verblüffende ist nun, dass diese Felsen Höhlen bilden, die trotzdem nicht einstürzen. Sie werden im Laufe der Jahrhunderte höchstens ein bisschen größer.

Das alles war mir schon von meiner ersten Lettlandreise bekannt. Was ich nicht wusste, war, dass dieser Sandstein bis an die Küste ragt. Und dass das Meer den (eigentlich gelben) Sandstein rosten lässt. Und dass dadurch in der Klippe namens Veczemju Klintis leuchtendrote, geheimnisvolle Höhlengänge entstehen, die (aus dem richtigen Winkel betrachtet) so auch aus dem Grand Canyon stammen könnten.
Irgendwo plätscherte auch noch ein Bach als kleiner Wasserfall den Fels nach unten. Ich war begeistert.

Der Waldweg über dem Sandstein trifft irgendwann wieder auf die Autobahn und wird zum Radweg.

Zwischendurch war da nochmal ein Waldweg, wo die militärischen Betonplatten erstmals zur Brücke wurden.

Ein paar Flüsschen kreuzen die Straße und bilden kleine Hafenstädtchen. Der eine hat eine skurrile Paddelstatue.

Einen anderen konnte ich von einem Aussichtsturm begutachten.

Oh, ein Automat, was wird der wohl Leckeres verkaufen? Krass, wie modern, da ist ja sogar ein Roboterarm drin, der das Zeug herausnimmt, nämlich... FFP2-Masken und Corona-Selbsttests? Ein bisschen aus der Zeit gefallen, der Blaue, aber aus irgendeinem Grund immer noch in Betrieb.

In Ainaži konnte ich die Autobahn dann richtig verlassen. In gewisser Weise liegt hier ein Ursprung von Lettland, denn hier wurde 1864 die erste nautische Schule Lettlands gegründet. Ein logischer Standort, schließlich waren die Ainažer bereits sehr erfolgreich im Schiffbau, weil sie so viel Holz hinter der Hütte hatten. Aber ist Ainaži deswegen schon der Ursprung von Lettland?
Ja, wenn man Krišjanis Valdemars fragt. Denn Lettlands erster studierter Ökonom (und der erste, der sich überhaupt als Lette bezeichnete) hatte Europas Handel studiert, besonders auf die Briten geguckt und kam zu folgendem Ergebnis: Seehandel ist der Schlüssel zu Macht und Bedeutung. Damit Lettland beides bekommt, muss es ganz dringend Seefahrtsschulen und Unternehmen gründen! Er starb 1891 und erlebte den ersten lettischen Staat nicht mehr, aber er hatte nicht nur dessen späteren Präsidenten maßgeblich inspiriert.
Zur Erinnerung an die Schule steht davor die Spitze des Leuchtturms, der 1986 bei einem Sturm ins Meer kippte.

Einer von denen, die Valdemars Weg folgten, war Kapitän Remberts Rugainis. Er wurde auch noch Miteigentümer des Hafens von Ainaži, was den Sowjets eindeutig zu lettisch und kapitalistisch war - sie schickten Remberts nach Sibirien und setzten ein lokales Komitee in seine weiße Villa. Inzwischen gehört sie aber wieder seinen Nachkommen. Und ist eins der letzten Häuser Lettlands.


Was braucht so ein Hafen für erfolgreichen Seehandel? Natürlich eine Mole. Einmal, damit die Schiffe irgendwo anlegen können, und außerdem als Schutz gegen die zerstörerischen Nordwinde. Und in der Hinsicht hat Ainaži definitiv geklotzt statt gekleckert. Am Ende des Ortes beginnt ein hölzerner Steg, und der führt auf eine dicke Linie aus dicken Feldsteinen. 596 Meter lang ist das Ding. Das Meer ist noch nicht mal zu sehen, erstmal geht es lange durchs gelbe Schilf.

Anfangs sind die Feldsteine noch irgendwie so angeordnet, dass sie mehr oder weniger ineinanderpassen und eine Art (wenn man dieses Wort sehr großzügig benutzt) Oberfläche bilden. Radfahren kann man darauf wahrscheinlich nicht mal mit einem Mountainbike, aber zum Wandern geht es klar.
Während sich das Schilf zur Ostsee hin öffnete, wurde der Steinweg aber immer wilder. Und irgendwann wurde aus der antiken Steinstraße eine Geröllhalde und aus dem Wandern ein Klettern.
Seltsam, aber wahr: Die Ainažer hatten sogar begonnen, Bahngleise auf dieses Ding zu bauen. Der Erste Weltkrieg machte dieser Bahnlinie aber einen Strich durch den Fahrplan. Außerdem wurde der Hafen zerstört, und versenkte Schiffe blockierten die Einfahrt. Als sich das in Krieg Nummer zwei zum zweiten Mal wiederholte, kam Ainaži nicht wieder auf die Beine, und andere Städte wie Pärnu übernahmen seine Bedeutung.
Rechts im Bild kommt liegt schon Estland: Nur wenige Meter entfernt trifft die Grenze auf die Ostsee und ihre weichen Zungen aus nassem Sand.

Die Mole läuft schließlich mit ein paar algengrünen Steinen ins Leere.

Überraschung: Die Grenze war während der ganze Wanderung neben mir und kroch durch dasselbe Schilf, aber nicht auf Feldsteinen, sondern in einem trockenen Graben.

Der trifft dann auf die Straße. Das nächste Land ist geschafft! Ikla in Estland begrüßte mich mit dem ersten estnischen Grenzturm und einer Rasthütte. Dort habe ich erstmal ein wohlverdientes Mittag gekocht.
Diese Grenzlinie ist von 1917 bis 1920 entstanden. Damals haben Estland und Lettland begonnen, eine genaue Grenze festzulegen, was wegen der durchmischten Bevölkerung gar nicht so einfach war, aber es war Voraussetzung für ihre internationale Anerkennung.

Also gut, wie sieht die Strecke im nächsten Land aus? So:
Endlose Strichelstraßen durch endlose Nadelwälder mit bunten Bushaltestellen.
Die Strichellinien sind meistens zu nah am Rand, um Fahrradstreifen zu bilden, die sollen wohl einfach den Rand markieren. (Solche Linien kenne ich sonst aus den Niederlanden.) Ist auch egal: Bei so wenig Verkehr und so glattem Asphalt brauche ich nicht unbedingt einen Radweg. Estland ist definitiv eine Verbesserung!

Hin und wieder bahnt sich ein finsterer Fluss in einer wilden Schlucht seinen Weg durch diesen Wald.

Die erste Sehenswürdigkeit Estlands ist die Kapelle der orthodoxen Gemeinde von Treimani (früher Dreimann). Nach den neuen Grenzziehungen fand sich ein Drittel einer orthodoxen Gemeinde ohne Kirche in Estland wieder, und sie mieteten erstmal Räume an, bis sie dieses mintgrüne Gotteshaus fertigstellten. Eine russische Religion war übrigens kein Schutz vor der Sowjetunion: Treimanis Priester, Joann Kukk, wurde 1945 deportiert.

Das nächste Dorf hatte ein komplexes Netz an Stegen und Plattformen, um sich die nach wie vor spiegelglatte Ostsee anzugucken. Die ist sonst durch die Bäume eher selten zu sehen.
Der Komplex gehört zu einer Vogelstation, wo Zugvögel gezählt, mit Helgoland-Netzen gefangen und beringt werden. Hier wurden fünf Vogelarten entdeckt, die in Estland bisher noch nie gesehen wurden. (Ein Dorf weiter sollen auch Ufos gesehen worden sein, aber die konnten nicht erfolgreich beringt werden.)

Wirklich einprägsam war aber etwas anderes am ersten estnischen Tag: Als ich im ersten Tante-Emma-Laden hinter der Grenze ein Eis und noch ein paar andere Sachen nachkaufte, fragte mich ein alter Mann, woher ich denn käme, wohin ich fahre und bla bla, ein ganz normales Gespräch, wie ich sie zigmal auf der Reise geführt habe.
Dachte ich.
Er wollte unbedingt sein Englisch üben und suchte höchst engagiert nach Worten. Zahlen, die er auf Englisch nicht kannte, malte er einfach mit dem Finger in den nichtvorhandenen Staub auf dem Tisch.
Während wir uns draußen unterhielten und ich entspannt das Eis verzehrte, nahm das Ganze jedoch eine unerwartete Wendung. Unvermittelt erzählte er von seiner Zeit "in Sovietical". Als neuer Rekrut der sowjetischen Armee wurde er, wie es den Gepflogenheiten entsprach, regelmäßig und brutal verprügelt. Nachdem er um ein paar Ränge aufgestiegen war, wurde ihm nun seinerseits befohlen, dasselbe mit den Neuen zu machen, was er anscheinend noch viel schlimmer fand und worüber er sich mehrfach bei seinen Vorgesetzten beschwerte. In seinen Augen glomm ein tiefer Schmerz. Das Ganze führte er beim Erzählen sehr anschaulich und mit heftigen Faustbewegungen vor. Ein französischer Radreisender, mit dem ich im Geschäft kurz gesprochen hatte und den er ebenfalls heranzuwinken versuchte, nahm bei diesem Anblick Reißaus.
Als ich den Veteranen fragte, ob ihm das heutige Estland besser gefalle, zögerte er dennoch, schließlich musste er nach der Wende ständig nach Pärnu zur Arbeit pendeln, und dies war, ich zitiere wörtlich, "Pfffrrrr" (internationaler Pendlerwortschatz). Aber den Schengenraum lobte er in den höchsten Tönen, so konnte er schließlich ganz verschiedene Reisende treffen. Diese dienten ihm offenbar als Ersatztherapie. Schließlich kam ein etwas jüngerer Mann und redete auf Estnisch auf ihn ein, vielleicht so was wie "Papa, was störst du hier schon wieder die Touristen?"
Aber ich fühlte mich nicht gestört, eher schlecht, weil ich kaum die richtigen Worte fand und mir vorkam wie der unqualifizierteste Ersatztherapeut östlich der Ostsee.
Nicht die Pause, die ich erwartet hatte, aber sicherlich einer der denkwürdigsten Augenblicke der Reise.

Angeblich ist Estland das einzige Land neben Dänemark, in dem der EuroVelo10 komplett zertifiziert und beschildert ist - und damit etwas, wonach ich mich auf all den lettischen Holperpisten nur allzu sehr sehnte. Meine Erwartungen konnten kaum höher sein.

Ja, die estnischen Wege sind definitiv besser, aber die Beschilderung ist noch nicht komplett! Mancherorts ist sogar der europäische Ostsee-Wanderweg, von dem ich vorher noch nie gehört hatte, besser ausgeschildert.
Gegen Abend war die kleine Küstenstraße in Häädemeeste zu Ende, und das letzte EuroVelo-Schild schickte mich in Richtung Autobahn, um mich dann einfach im Stich zu lassen.
An dieser Stelle hatte ausnahmsweise mal die Bikeline-Karte voll und ganz recht, während die Schilder und Apps Blödsinn erzählt haben. Warum soll ich bitte auf der Autobahn fahren, wenn ich auch die kaum längere Straße durch die Sümpfe von Soometsa nehmen kann? Es handelt sich um eine stille Gegend voller flacher Wiesen, Wälder und Pferdehöfe, die Sümpfe sind nur in der Ferne (hinten links) anhand der Birken zu erkennen. Eine Birke säuft pro Tag sage und schreibe 150 Liter Wasser weg, damit waren die weißen Kollegen auf meiner Reise ideale Indikatoren für Feuchtgebiete - und damit die Stellen, wo ich mich nachts nicht hinlegen sollte.
Soometsa? Das gehört doch dann bestimmt schon zu diesem bekannten Sooma-Nationalpark, oder? Nein, tut es nicht. Ist vielleicht auch besser so, denn jedes Jahr bei der Schneeschmelze (also ungefähr jetzt) soll sich der in eine undurchquerbare Wasserfläche verwandeln.
Ist ja auch egal, auf jeden Fall konnte ich auf der asphaltierten Straße superangenehm durchdüsen, und es wäre wirklich das einzig Sinnvolle, wenn auch die Wegweiser nach Soometsa zeigen würden.

Einen Radweg gibt es wie immer erst kurz vor der Großstadt. Dieser hier schlängelt sich ziemlich verwinkelt durch einen Wald und überspannt sogar tiefe Schluchten mit eleganten blauen Brückenbögen.

Auf den Hügeln geht es ungewöhnlich weit nach oben, und auf den Baumwurzeln hatte ich einen schönen Blick über die Bucht im Abendrot.
Hier soll sich auch der Rosengarten von Uulu befinden. Den hat der Baron von Holstein hier 1881 hingepflanzt, um den Besuch der Zarenfamilie Romanov zu feiern. Im Ersten Weltkrieg ging er kaputt, aber 2012 haben ihn "Enthusiasten" (vermutlich eher Blumen-Enthusiasten als Zaren-Enthusiasten) neu gepflanzt.
Na schön, und wo sind jetzt die Rosen? Noch nicht da, die haben keine Saison. Für mich sah das aus wie eine Wiese mit Findlingen.

Als nächstes geht der Weg noch eine ganze Weile an der Autobahn entlang. Die ist insofern bemerkenswert, als dass sie tatsächlich mal wie eine Autobahn aussieht. Aber trotzdem ist sie noch nicht fertig: Erdwälle türmen sich am Rand auf, und lange Baustellen erstrecken sich neben dem Radweg.

Schließlich dreht der Radweg noch einen großen Bogen am Wasser entlang. Pärnu ist definitiv eine Stadt mit vielen Grünanlagen, und ich bekam sie auf dem Ostseeradweg fast alle automatisch mit.
Das Meer ist aber noch ein Stück entfernt und von der Schaukelbank nur als blauer Streifen zu erkennen.

Wer näher ran will, muss zu diesem braunen Riesenkorb - die estnische Form eines Aussichtsturms.

Pärnu ist die große Sommerbadestadt von Estland, gleich hinter dem Strand stehen die historischen Badehäuser auf ihren weißen Säulen. Das Strandcafé von 1939 gibt sich moderner: Es verwendete damals als Neuheit Stahlbeton, und es schämte sich deswegen nicht, sondern zeigt mit Absicht die nackte Betonfassade für mehr Authentizität. Dann sollte konsequenterweise der Strand auch ein FKK-Strand sein...
Der Strand selbst sieht immer noch (mehr oder weniger) so aus, wie man ihn in Deutschland kennt.
Es ist (mehr oder weniger) der letzte Strand dieser Art.

Vom Aussichtsturm war es bereits zu sehen: Die Küste beginnt allmählich zu zerkrizzeln.

Der Sand hatte ja auch seine Nachteile: Er geriet immer wieder in die Mündung des Pärnu, Estlands längstem Fluss. Damit sie in ihren Hafen reinsegeln konnten, brauchten auch die Pärnuer dringend eine Mole! Mole 1 und 2 hielten der Natur nicht stand, also steckten sie in Mole 3 besonders viel Arbeit. Alle Bauern aus der Umgebung wurden dafür bezahlt, ihre Feldsteine vom Feld bis hierher zu schleppen.
1869 waren sie fertig und erfanden direkt eine romantische Tradition: Paare sollen Hand in Hand bis ans Ende gehen und sich da küssen, dann wird das was mit denen. Zum Glück sind die Feldsteine nicht so abenteuerlich wie in Ainaži, damit ist die Quest grundsätzlich erst mal erfüllbar.

Was den Ventspilsern ihre Kuh, den Jurmalern ihre Schildkröte ist und den Rigaern ihr Gürteltier ist, ist den Pärnuern ihr Elefant. Diesmal gibt es sogar eine Erklärung (wenn man dieses Wort sehr großzügig benutzt), warum überall Elefanten aus Büschen und Blechen herumlaufen. Einer obskuren Geschichte (Sage? Witz?) zufolge, die auf einem Schild steht, kam Mitte des 20. Jahrhunderts ein Elefant hier her, dem es so gut gefiel, dass er bleiben und eine Wasserrutsche werden wollte. Und dann noch einer, und noch einer, und so weiter. Ende.

Estlands viertgrößte Stadt hat inmitten all ihrer Parks nur ein kleines Zentrum. Es ist umgeben von einem grünen Wall, den der Deutsche Orden dem Sonnensystem nachempfunden hat: Jedes Fort darin war nach einem Planeten oder Stern benannt.
Dieser breiter, rosaweiße Durchgang dagegen nicht. Der hieß mal Carl-Gustav-Tor, und Carl Gustav ist bekanntlich kein Planet, sondern ein schwedischer König, der auch mal eine Zeitlang die Hand auf Estland gelegt hatte. Das Tor sieht gar nicht mal so alt aus, ist aber das einzige originale Stadttor im Baltikum. Es heißt ausgerechnet Tallinner Tor (was insofern ironisch ist, als dass in Tallinn jede Menge Tore herumstehen, die viel älter und originaler aussehen). 
Vor dem Tor zeigt ein Modell, wie die Stadt mal aussah, hier und da lässt sich noch was wiedererkennen.

Ansonsten ist Pärnu eine bunte Barockstadt. Die Jekaterina-Kirche zum Beispiel war ein Auftragsbau von Zarin Katharina und architektonischer Trendsetter für alle orthodoxen Kirchen im Baltikum.
Ich bin eine Weile durch die Straßen und Plätze geschlendert, und was soll ich sagen, ich mag Pärnu. Es war zwar etwas leer, aber immerhin gab es gute Pizza, jede Menge Supermärkte zum Nachkaufen, einen Bahnhof und einen Busbahnhof, an dem ständig irgendwelche Fernbusse abfuhren.
Urbaner wird es zwischen den Hauptstädten Riga und Tallinn nicht.

Auf einem eher grauen Platz entdeckte ich dann noch dieses Mahnmal. Es sieht aus wie der Balkon des Endla-Theaters, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und durch ein Hotel (im Hintergrund) ersetzt wurde.
Vorher hatte das Theater aber eine wichtige Rolle auf der Bühne Estlands gespielt. Am 23. Februar 1918 schrieb Jaan Soop, Verwaltungsdirektor der Provisorischen Versammlung, einen Text, der sowohl sehr wichtig als auch sehr eilig war. Deswegen wurde er innerhalb von nur vier Stunden gedruckt und verteilt (zum Glück hatten die Drucker damals keinen Papierstau). Und Hugo Kuusner, Mitglied des Landrats, trat schließlich auf den Balkon und las den Menschen etwas Schönes vor: Das Manifest an alle Bürger Lettlands. Zum ersten Mal wurde ein unabhängiges Estland ausgerufen.
Es hat zwar ein bisschen länger gedauert als geplant, bis diese Idee dauerhaft Wirklichkeit wurde. Aber sie wurde es.
Eine Wirklichkeit, die ich mir in den nächsten Tagen genauer anschauen werde.