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Alsternative: Von Flensburg nach Svendborg

Mittwoch, 29. April 2026

Von Oandu nach Voka

Heute ist Gutshof- und Klippentag! Außerdem gibt es wieder einige Hinweise auf die ursprüngliche Kultur der Esten zu entdecken.

Los geht es mit dem rosaroten Gutshof von Sagadi, der morgens still und ordentlich vor sich hinschlummerte.

Rund um den Hof führt ein Metsajuttude rada, also ein Waldmärchen-Weg. Hier gibt es also die heidnischen Geschichten der Indigesten zu lesen? Dann will ich doch zumindest mal bis zur ersten wandern. Zuerst ging es noch über eine glattgemähte Wiese mit Pavillon, aber schon bald an einem zugewachsenen Sumpfsee vorbei. Dort erzählte ein Schild, wie eine Tochter ihren betrunkenen Vater aus der Kneipe abholt, der unterwegs im Namen des Teufels flucht. Als sie nun endlich den heimischen Bauernhof sehen, steckt ein Schafbock den Kopf aus ihrem Haus und bäht sie an. Der Vater kriegt Panik. Ein Schafbock kann ja unmöglich in ihr Haus reingekommen sein, also muss das der Teufel sein. Außerdem laufen die beiden die ganze Zeit im Kreis, obwohl sie das Haus ja schon sehen können. Der Vater will schon aufgeben, als sich die Tochter an einen Lifehack ihrer Mutter erinnert: Einfach die Mütze umstülpen und andersrum aufsetzen, schon finden sie nach Hause. Ende.
Nicht alle Märchen sind so christlich, in manchen zieht auch ein eher animistischer Waldgeist Vögelchen auf oder beschützt seine Pflanzen.

In Vainupea stieß ich wieder auf die Ostsee. Die Kapelle aus Kalk (sieht mir eher nach einer kleineren Kirche als nach einer Kapelle aus) soll angeblich der dem Meer am nächsten gelegene Sakralbau sein, mit einem Abstand von 20 Metern. 20 Meter! Darüber können die halb ins Meer gestürzten Kirchen von Trzęsacz und Højerup nur lachen.

Danach konnte ich eine Weile eine Nebenstraße parallel zur Ostsee nutzen, unter der immer wieder größere Flüsse um Steinbrocken und in die Ostsee strömten.

Der nächste Abstecher führte mich zur Ordensburg von Toolse. Schon 1431 verkauften Küstenbewohner von dieser Stelle aus Salzhering an finnische Inselbewohner, im Gegenzug bekamen sie Getreide. Der Livländische Orden hat sich auf die Spitze des sehr kleinen Landzüngchens eine rechteckige Burg gebaut, um den Hafen vor Piraten zu schützen. Die Burg wurde später zum nördlichsten Außenposten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und schließlich im Russisch-Schwedischen Krieg zerstört.
Seitdem haben die Mauern große Lücken, Pflanzen wachsen in allen Ritzen, und nur fest verankerte Stahlseile halten die Reste vom Umkippen ab. Trotzdem sind noch viele Mauern, Türme und Fenster gut zu erkennen, und es hat sich auf jeden Fall gelohnt, zum Rauschen der Wellen und Möwengekreisch durch die verfallene Anlage zu streifen.

Sogar einige alte Kellerräume konnte ich noch betreten. Einer hatte ein augenförmiges Fenster, das auf die Ostsee blickt. Auf der anderen Seite begegnete ich jemandem mit Kamera und wartete mit dem Vorbeigehen, bis sein Foto fertig war. Das dauerte länger als gedacht, was hauptsächlich daran lag, dass er eigentlich ein Video machte. Der hauptberufliche Bahnmitarbeiter wollte eine Dokumentation über die Burg drehen, suchte aber noch nach dem Thema (vielleicht irgendwas mit Horror), und viel Freizeit für sein Projekt hatte er leider auch nicht.

In der Zementstadt Kunda soll alles mit Zementstaub bedeckt sein, es war die schmutzigste Stadt Estlands. Schmutzig fand ich es nicht, aber einladend auch nicht gerade. Die älteste Zementfabrik darf man nicht betreten, es wird vor unmarkierten Löchern und Verfall gewarnt.

Auf den Flüssen rauschen unterdessen große Stauwehre mit seltsamen Stangenkonstruktionen. 

Heute hielt ich mich lieber an die Wegweiser. Der Bikeline wies mich auf küstennahe Radwege, die aber auf der Karte exakt so aussahen wie der Sand- und Pfützenweg auf der Käsmu-Halbinsel gestern - nur deutlich länger, und das wäre mir dann doch zu anstrengend geworden. Die Hauptstraße im Hinterland war zwar relativ reizlos, aber immerhin echt schnell.

An der Kirche von Viru-Nigula entdeckte ich einen alten, löchrigen Stein, an dem ansonsten aber nichts bemerkenswert war. Trotzdem steht ein Schild daneben und erzählt die Geschichte von Kongla Ann, der Dorfheilerin. 1640 sollte sie das Kind ihres Lehnsherrn retten und schaffte es nicht. Daraufhin ließ man sie verhaften und foltern, und spontan erinnerte sich Kongla Ann, dass sie ja nicht nur das Kind ermordet, sondern auch mit dem Teufel probiert hatte, andere Kinder zu machen, als Wirbelwind herumgeflogen und ein Werwolf war. Was genau danach mit ihr geschah, ist nicht überliefert, aber sagen wir, ein Freispruch ist eher unwahrscheinlich. 218 Hexenprozesse gab es in Estland, 65 davon endeten mit einer Hinrichtung, aber wer Verkehr mit dem Teufel einräumte, bei dem war der Scheiterhaufen üblich. In Viru-Nigula geschah das auf dem Hügel hinter der Kirche.
In den 90ern stellte man den Stein für sie und alle anderen Nonkonformisten im Laufe der Jahrhunderte auf, die altes Wissen und Traditionen aufbewahrten. Und zwar durchaus erfolgreich, denn laut Schild suchen manche bis Esten bis heute Rat bei Hexen.

Auf einer kleinen Straße vorbei an Wind- und Solarkraftwerken gelangte ich wieder zum Meer zurück. Im Schatten jeder Solarplatte hatte sich ein kleiner Sumpftümpel gebildet, aus dem Frösche quakten.

Wieder Hauptstraße, diesmal aber direkt über der Ostsee! Denn ab jetzt besteht der Rest des Tages fast nur aus hohen Klippenkilometern. Hinter der Leitplanke stand ein graues Wegkreuz, von dem ein Arm abgebrochen war (rechts).

Im modernen Küstenörtchen Tulivee wurde das Restaurant offenbar gerade erst geöffnet, hatte aber an der Seite dankenswerterweise frei zugängliche Sanitätsräume, an denen ich Wasser nachfüllen konnte.
Ich stieg einen besonders hohen und gut gebauten Aussichtsturm hinauf, der aus demselben dunklen Holz bestand wie die Gebäude. Das Flusswasser hatte eine weinrote Färbung, ganz anders als das blaugrau der Ostsee. Es ist klar zu erkennen, dass die Küste gleich steil weitergehen wird, von Finn- oder Russland ist aber noch nichts zu sehen.

Danach schob ich das Rad auf dem Steg bis auf die schönen Bänke in den Dünen. Herrlich, hier esse ich Mittag!
Der Wind war da anderer Meinung und pustete plötzlich noch stärker drauflos. So verhinderte mit gnadenloser Effizienz, dass ich den Kocher überhaupt erst anzünden konnte. Schön blöd, weil ich natürlich schon voreilig die Sachen im Topf ins Wasser gehauen hatte.

Provisorisch transportierte ich ich den vollen Topf ein paar Kilometer weiter, die Route auf Feldwegen in der Nähe der Küste herumkreuzte. Bei solchen Wegen ist jetzt nicht gerade mit einem Rastplatz an der nächsten Ecke zu rechnen, notgedrungen kochte ich also auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Getreide und Kies, umgeben von neugierigen Insekten, die sich wahrscheinlich ebenso wunderten wie die Autofahrer, die gelegentlich vorbeiknirschten.

Bei Purtse kam ich am Hügel Hieemägi vorbei, der eine heilige Stätte der Esten gewesen sein soll. Heute steht da ein Park zum Andenken an die Opfer der Grausamkeit, der an die Deportierungen nach Sibirien erinnern soll. Ich habe aber überhaupt keinen Zugang in den zugewachsenen Wald gefunden und dementsprechend auch keinen Park.

Macht nichts, es gab sowieso noch viel mehr zu sehen. Bald darauf begann aber eine absolute Traumstrecke über das Baltische Kliff hinweg, das sich hier 23 Kilometer lang und bis zu 56 Meter hoch über die Küste zieht, schon seit 1935 geschützt durch das Ontika-Naturschutzgebiet. Ob es mit der Silurischen Küste auf Saaremaa im Zusammenhang steht, konnte ich nicht herausfinden.
Wo ist es denn jetzt überhaupt? Ich stand irritiert vor dem Tor eines Hotelgeländes, fand aber schnell raus, dass da jedermann rein und sich alles anschauen darf. Die weitläufige Wiese endete hinten sehr abrupt, und da hatte ich eine Ahnung, wo das liegen mochte.
Das Kliff ist zwar hoch, aber auch sehr zugewachsen und versteckt. Auf der kleinen Gitterplattform mit präsentierte sich mir ein chaotisches Gewühle lebender und toter Bäume sowie zahlreicher Farne, aus dem nur hier und da bräunliche Kalkfelsen rausschauten. Der Anblick ließ mich trotzdem kurz stocken, weil ich eben noch auf der unauffälligen Straße gestanden und gar nicht richtig auf dem Schirm hatte, wie hoch ich mich eigentlich befand.

Vielleicht ist von unten mehr zu sehen? Ich stieg eine nagelneue Treppe aus Stahl, Holz und rosarotem Geländer runter. Auch hier hielt sich das Kliff eher bedeckt, aber der Abstieg durch den grünen Dschungel hatte auf jeden Fall was. Die lange Treppe war dabei sogar der größte Blickfang, mit ihren zahlreichen runden Plattformen erinnerte sie mich an die Treppe am Stuibenfall im österreichischen Ötztal. Unten am Strand sah es aus, als hätte sich das pflanzliche Gewühle über einen Teil des Strandes gestürzt und ihn verschlungen.

Oder vielleicht sehe ich mehr, wenn ich noch höher steige? Ein Seminargebäude aus Wellblech und weißen Ziegeln stand auf dem Kliff. An der Außenseite führte eine komplett zugewachsene Wendeltreppe rauf, und an der Oberseite dann eine Aussichtsplattform in mehreren Stufen wieder runter. Aber am Baltischen Kliff bedeutet höher nicht automatisch mehr zu sehen, ganz im Gegenteil, hier waren überhaupt keine Klippen zu erkennen. Dafür umso mehr vom Meer, und darauf kam es den Grenzsoldaten hier oben schließlich an, dafür hatten sie sich immerhin den Scheinwerfer mit 10-Kilometer-Reichweite angeschafft. Als Flüchtling konnte man vielleicht unerkannt in dem Grün an der Steilküste herumstromern, aber auf dem Meer wäre man wieder ins Blickfeld geraten. Und 10 Kilometer sind so lang, da hätte sogar Peter Döbler nicht unter dem Scheinwerferlicht hindurchtauchen können.

Dann ist da noch ein rostiges Fenster mit Vögeln drin, zu seinen Füßen das rostige Wort UMSIEDLUNG. Auf Deutsch, wohlgemerkt. Denn es erinnert an die Deutschbalten, die aus der Zeit der Deutschen Kolonisierung im Land geblieben waren. Sie bereicherten die Kultur, und viele unterstützten die Gründung der ersten und zweiten Republik Estland - es ist selten, dass eine Infotafel im Ausland so voll des Lobes für irgendwelche Deutschen ist.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verließen viele Deutschbalten das Land, weil sie einen Angriff der Roten Armee fürchteten. Als diese dann wirklich einrückte, ließ sie die übrigen Deutschbalten gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt ins Deutsche Reich abschieben. Das war sicher nicht einfach für sie, aber immer noch besser als das Schicksal der Esten, die zeitgleich in die entgegensetzte Himmelsrichtung nach Sibirien gekarrt wurden.


Aber ich war noch nicht fertig mit dem Kliff. Ein paar Kilometer weiter entdeckte ich diesen total versteckten Wanderweg, für den sich das Kliff extra verbiegt und einen Hohlweg bildet. Links eine Felswand, rechts eine Felswand, dazwischen ein halbvergrabenes, dickes blaues Rohr und ein Bach. Der breitete sich immer weiter aus und nahm irgendwann den kompletten Waldweg ein. Das machte das Wandern etwas schwieriger, aber nicht unmöglich.
Unten am Wasser endet der kleine Strand an einer rätselhaften Betonkante. Ein netter Abstecher, den ich gern gemacht habe, aber ganz bestimmt kein Muss.

 
Ganz anders sieht es in Valaste aus, der Abstecher ist ein Muss, und liegt auch fast direkt an der Straße. In dieses Dörfchen bauten die Nazis massive Batterien und Radaranlagen gegen Flugzeuge und Schiffe, die mit 70 Kilometern Reichweite einen Großteil des Finnischen Meerbusens abdecken konnten. Davon sind aber nur noch Fundamente übrig, und heute steht dort ein Parkplatz mit Imbiss und Dixiklos, um die jemand außenrum extra eine hölzerne Hütte gezimmert hat, damit sie weniger nach Dixiklo aussehen.
Also dann, zum dritten Mal Fahrrad anschließen und die Treppe runtersteigen. Ich lief über den Fluss Valaste, der hinter einer scharfen Kante verschwand. Besonders tief schien es dort aber nicht runterzugehen, denn es war kaum ein Rauschen zu hören. Dann gingen die Stufen wieder nach oben, und mehr Interessantes schien nicht zu kommen. Hm, ich glaube, die zweite Treppe am Parkplatz ist doch die Spannendere. 

Die zweite Treppe ist wieder so eine modern-verschlungene Aussichtstreppe, und sie gibt schon bald den Blick frei auf den schönsten Teil des Baltischen Kliffs. In diesem verborgenen Kessel ist der Kalkstein gestreift in Blau, Orange, Braun und Hellgrau, Überreste aus hunderten Millionen Jahren, aufgeschnitten und auf einem Blick präsentiert wie ein Papageienkuchen.
Und dort kommt die Valaste heraus - oh doch, hier geht es tief runter! Wie tief genau, ist gar nicht so leicht zu sagen. Die offizielle Angabe sind 30 Meter, aber laut Schild wurde dieser Wert nur einmal während einer Flut 1998 gemessen, alle Messungen danach ergaben 26 bis 28 Meter. So oder so ist das der höchste Wasserfall im Baltikum. Platz 2 und 3 liegen nur wenige Kilometer entfernt am selben Kliff, an viel weniger zugänglichen Stellen, kommen aber bei Weitem nicht ran.
Was für ein Ort! Ich glaube, damit sind die Klippen von Panga Pank dann doch übertroffen. In einer sehr zielstrebigen Linie fällt der Wasserstrahl runter und vermeidet jede Berührung mit der Felswand, als hätte er Angst, die Farben abzuwaschen. Erst kurz vor dem Ende lässt es sich nicht ganz vermeiden, dass sich ein Teil des Wassers am Stein bricht und von Neuem zu fallen beginnt. Auch im Sommer ist jede Menge Wasser vorhanden, verwirrt hat mich nur, wie leise der Fall trotzdem war. 

Die Valaste rauscht danach durch ein Chaos an kleineren Steinbrocken und kreuz und quer umgekippten Bäumchen. Kurz vor ihrem Ende überquert die Wandertreppe den Fluss, dann ergießt sie sich über den Steinstrand in die Ostsee. An einem Stock baumelt dekorativ eine Unterhose im Wind.


Ach ja, und so sieht übrigens die Straße aus, die die ganze Zeit über das Baltische Kliff hinwegführt. Ich zeige sie erst jetzt, weil sich im hinteren Bereich endlich die Bäume lichten und den Blick freigeben auf die eigentlich ganz nahe Ostsee.

Erst der Erholungsort Toila unterbricht die Klippe dann wieder. Der Ort empfing mich erst einmal mit einem Restaurant mit einem Hörsturz, als von einem Restaurant mit Bühne aus lautstarke Musik die Gäste und sämtliche Verkehrsteilnehmer andröhnte. Erholung stelle ich mir anders vor.
Auf einem Radweg schlängelte ich mich in Serpentinen die auslaufende grüne Steilküste runter, über eine Flussmündung und landete in einem Park.

Dort sprang mir erst einmal ein Friedhof ins Auge. Er bestand größtenteils aus einer sehr ordentlichen Wiese, nur hier und da standen kleine Gruppen von Steinkreuzen. Die Namen der Toten finden sich auf ein paar zentralen Stelen. Das Gebiet war 1944 hart umkämpft, und in Toila stand ein Lazarett, in dem viele deutsche Soldaten an ihren Verletzungen starben. 1995 schloss die Bundesrepublik mit Estland ein Kriegsgräberabkommen, sodass der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sie richtig bestatten konnte.

In Toila ließ sich der Petersburger Geschäftsmann Gregorij Jelissejew einen dreistöckigen Palast, den ihm estnische Industrielle abkauften und Präsident Konstantin Päts schenkten. Der Palast fiel dem Krieg zum Opfer, aber der Park steht noch. Er wurde 1899 angelegt, also haarscharf noch im 19. Jahrhundert. Das hatte wichtige Auswirkungen und sein Aussehen, denn der wichtigste Gartentrend im 19. Jahrhundert waren Rosen. Davon standen also jede Menge im Garten, neben exotischen Pflanzen wie Palmen und Pfirsichen. Die Statue der Three Graces wurde nach dem Abzug der Sowjets in einem Militärlager entdeckt und steht seitdem auch wieder im Rosengarten.
Wer auch den Palast sehen will, kann Toila 1938 in Virtual Reality erkunden, das kleine Häuschen dafür war allerdings schon geschlossen.

Außerdem ist da noch ein Erneuerbare-Energien-Pfad. Ganz überraschend entdeckte ich dann noch eine Sandsteinformation, die mich sehr an die lettische Gutmannshöhle in Sigulda erinnert hat, komplett mit Teich und eingekratzten Botschaften. Nur ist sie hier von farblich passendem Mauerwerk umgeben und geht nicht so tief in den Berg rein, es ist eher eine versteckte Schlucht als eine Höhle.

Erst dahinter kam ich in die eigentliche Stadt Toila, deren Wohnblocks durch die Parkanlagen ästhetisch zusammengehalten werden. Ich bin jetzt eindeutig im russischsprachigen Osten Estlands, was auch deutlich zu hören ist. Aber auch nur zu hören. Würde man die Szene stummschalten, wäre die Szene von Westestland nicht zu unterscheiden: Die Menschen schoben Kinderwägen, fuhren auf Inlineskates durch die Gegend oder telefonierten über ihre drahtlosen Kopfhörer.
Ein paar Kilometer weiter lag noch das Dorf Voka, in dem sich ein ähnliches Bild bot. Im angestauten Flüssschen badeten Kinder. Und genau da fiel mir dann doch ein Unterschied auf: Ein Junge ballerte mit einem Spielzeug-Maschinengewehr durch die Gegend, das täuschend echte Geräusch von sich gab.

Auch die letzten Kilometer liefen nochmal übers Kliff, diesmal aber auf staubigen Feldwegen durch die Getreidefelder. Ich bin gut vorangekommen, für morgen bleiben nur noch etwa 40 Kilometer. Sehr schön, denn für morgen will ich mir Zeit nehmen.

Das Meer war nie weit entfernt, die Klippen auch nicht. Ich überlegte, das Nachtlager hier aufzuschlagen, traute mich dann aber doch nicht - auf der einen Seite der Abgrund, auf der anderen möglicherweise abendliche Spaziergänger.
Auf der anderen Seite der Ostsee verlief ein Streifen Land. Könnte das Finnland sein? Nein, der Meerbusen ist hier noch immer so breit wie die ganze Zeit schon. Also ist es wohl... ja, das kommt hin, die Küste knickt hinter der Grenze steil nach Norden ab. Dort hinten ist Russland. 


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