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Mittwoch, 8. September 2021

Fehmarn

Rückblick: Fehmarn-Radtour 2018

Deutschlands zweitgrößte Ostseeinsel heißt Fehmarn (auch bekannt als Die SonneninselKohlkoppisland oder Der sechste Kontinent). Wer dahin will, überquert die Meerenge Fehmarnsund auf der Fehmarnsundbrücke (auch bekannt als Kleiderbügel). Zum ersten Mal wurde die Brücke im Januar 1963 benutzt, als sie noch eine Baustelle war. Wegen des strengen Winters konnte keine Fähre fahren und die Inselbewohner mussten dringend versorgt werden, sodass ein paar Leute mit Sondergenehmigung und auf eigene Gefahr über die Konstruktion kraxeln durften. Damals waren Sprengschächte an der Brücke installiert, falls die Russen auf Fehmarn landen sollten.


Heute ist die Brückennutzung nicht mehr ganz so gefährlich - jedenfalls mit dem Auto oder der Regionalbahn. Autofahrer landen direkt auf der einzigen stark befahrenen Straße Fehmarns. Die meisten sind sie an der Insel, die da unter ihren Reifen durchsaust, eh nicht interessiert - sie streben nur auf die Fähre nach Dänemark.
Mit dem Rad hingegen verspricht die Brücke immer noch Nervenkitzel: Der Fuß- und Radweg ist sehr schmal, der Blick reicht tief nach unten, bei jedem vorbeifahrenden LKW erbebt der Boden und das Geländer erschien mir auch nicht sonderlich hoch, als ich erhöht auf einem Fahrrad saß. Auf dem Foto sieht die Brücke irgendwie harmloser aus, als sie ist.
In Zukunft soll links neben der Brücke ein kurzer Autobahntunnel unter dem Meer verlaufen, sobald der längere Tunnel nach Dänemark fertig ist.

Eine Runde um die Insel ist etwa 80 Kilometer lang, das macht für eine langsamere Familie zwei Fahrtage.
Östlich von der Brücke liegt Burg, die größte Ortschaft der Insel. Burg besteht aus norddeutschen Backsteinhäuschen, aber leider auch aus zu vielen Autos und zu viel Regen. Jedenfalls als ich mir die Stadt ansehen wollte.

Eine Burg haben wir dort nicht entdeckt, dafür aber die St.-Nikolai-Kirche.

Burg liegt nicht direkt am Wasser, sondern etwas weiter landeinwärts. An der Ostsee hat Burg zwei bemerkenswert hässliche Vororte, beide durch Radwege gut angebunden.
Zum einen wäre da Burgstaaken. Zwischen den Hafenanlagen versteckt sich ein ganzes Arsenal an modernen Museen. In Burg und Burgstaaken findet man ein Aquarium mit Haifischbecken, ein U-BurgBoot-Museum in einem echten U-Boot, ein naturwissenschaftliches Experimenta-Museum, ein Planet-Erde-Museum... ein ähnliches Angebot gibt es an vielen Tourismusstätten an der Ostsee und irgendwann kommt einem die Liste sehr bekannt vor. Aber für Familien, die das noch nicht kennen, gibt es sicher einiges zu erleben.

Durch den Ort Neue Tiefe gelangten wir auf die eigentlich sehr schöne Halbinsel Südstrand und nach Burgtiefe. (Wie die Ortsnamen subtil andeuten, ist die Gegend nicht sehr hoch gelegen.) Dort befindet sich auch endlich die namensgebende Burgruine Glambeck in Form eines grasbewachsenen Steinhaufens.
Überall auf Fehmarn stehen große, gewellte Holzbänke mit Blick aufs Wasser.
Während der Fahrt nach Burgtiefe schälen sich dicke, hohe Bauklötze aus dem Nebel. Zuerst habe ich sie für Türme eines Kraftwerks gehalten, doch das war ein Irrtum.

Es handelt sich einfach nur um ein paar sehr scheußliche Hotels. An denen klebt die Vitamar Erlebniswelt, das ist ein Glasdach mit Geschäften und Restaurants drunter, wo man sein Geld ausgeben kann.
Zum Baden im Meer war es noch zu kalt, also wichen wir ins Fehmare aus, eine Schwimmhalle mit großer Wellenmaschine und Sauna auf dem Dach.

Zum Glück konnten wir den Hotels den Rücken kehren und durch die schönen Dünen radeln. Der Südstrand ist ein klassischer Ostseestrand, mit Strandaufgängen, Buhnen und einem Eintrittspreis in Form der Kurtaxe.
Unser Radführer behauptet, es gebe hier überhaupt keinen Radweg am Meer und man müsse auf Straßen weiter landeinwärts fahren. Die Wegweiser wissen es jedoch besser.
 
Nach einigen Kilometern sagen jedoch auch die Wegweiser, man soll weg vom Wasser und auf kleinen Straßen durch irgendwelche Ortschaften ausweichen. An der Steilküste führt nur noch ein Trampelpfad entlang, der eifrig von diversen Mountainbikern genutzt wurde.
Ein Verbotsschild gibt es nicht, trotzdem erschließt sich schon bald, warum man dort lieber nicht entlangfahren sollte: Die trockene, rissige Linie ohne Gras ist für die Steilküste eine ideale Sollbruchstelle, und an einigen Stellen ist sie dort auch schon durchgebrochen.
Wir haben es also mit dem klassischen Dilemma des Tourismus zu tun: Man will eine tolle Landschaft bewundern, aber genau dadurch zerstört man sie.
An allen vier Ecken von Fehmarn steht ein Leuchtturm. An der südöstlichen Ecke ist das der Leuchtturm Staberhuk. Das ist der älteste Turm der Insel. Er hat eine Laterne von der Insel Helgoland, gelbe Backsteine auf der einen und rote auf der anderen Seite, weil die gelben den Meereswind nicht so gut verkraftet haben. Das weiß ich aber alles nicht aus erster Hand, weil der Turm in einem großräumig eingezäunten Privatgrundstück steht.

Hier befindet sich auch ein Armeestützpunkt, sicher auch eine Folge des Kalten Krieges. Die Soldaten fahren mit seltsamen Booten auf dem Meer, manche stehen auch am Ufer und angeln.
Die Fehmarner Fischer angelten hier eines Tages einen Arzt namens Peter Döbler aus dem Wasser, der behauptete, er sei aus der DDR hergeschwommen. Sie glaubten ihm kein Wort - bis er seine rissigen Hände zeigte.

Zum Glück wurde ich bald aus dem Tourismus-Dilemma erlöst, denn irgendwann kommt ein legaler und ausgeschilderter Kiesweg. Nun ist die Steilküste bewaldet und es gibt ein paar Steigungen. In der Nähe liegt nämlich der Hinrichsberg, der mit 30 Metern höchste Punkt Fehmarns.

Alle paar Kilometer stießen wir auf einen Parkplatz, einen Campingplatz und einen Strandzugang.

Und schon nähern wir uns der nordöstlichen Ecke Fehmarns, die man nachts am Leuchtturm von Marienleuchte identifizieren kann.
Auf dem Deich grasen Schafe. Der Radweg ist nun mal wieder asphaltiert, dafür allerdings ziemlich... schräg.

Die große Kraftfahrstraße unterqueren die Radfahrer mithilfe eines Tunnels. Daneben wird der weitaus längere Tunnel nach Dänemark aus dem Wasser auftauchen. Aber das dauert noch.

In Puttgarden führt diese Straße schließlich zum Fährhafen, wo man innerhalb von 45 Minuten ins dänische Rødby pendeln kann. Oder man kauft sich einfach nur ein Fischbrötchen und erkundet weiter die deutsche Insel.
Am rauen, steinigen Strand sind viele Motorboote unterwegs.

Während an den Steilküsten im Osten ständig Material abgetragen wird, wird an der Westküste welches angeschwemmt. Als die Menschen hier Dünen zum Küstenschutz errichteten, spülte die Ostsee dahinter weitläufige Inseln und Halbinseln aus Sand herbei. Hier hatte der menschliche Einfluss zur Abwechslung mal eine positive Auswirkung auf die Natur und Artenvielfalt. Es entstand das Naturschutzgebiet Grüner Brink.
Zunächst stießen wir auf den neueren angeschwemmten Sand, der noch nicht so grün aussieht. Er erinnert eher an die Ostsee-Version eines Wattenmeeres.

Nach und nach jedoch werden die angeschwemmten Sandbänke immer grüner und wir radelten schließlich durch einen Wald.
In der Nähe verunglückte 1932 durch ein Gewitter das Schulschiff Niobe, auf dem Seeleute für die Marine ausgebildet wurden. Dabei starben 69 Menschen. Daran erinnert ein 1933 errichtetes Denkmal, das aus dem Mast des Schiffs besteht, denn der wurde hinterher aus dem Wasser gefischt.
Da es hier außer dem Denkmal offenbar nicht so viel gibt, haben sich alle Einrichtungen in der Nähe danach benannt, etwa der Campingplatz am Niobe.

Fehmarn ist eine richtige Nebelinsel. Morgens gibt es am meisten Nebel, aber auch tagsüber verschwimmt am Horizont alles zu einem diffusen weißen Dunst. Gleichzeitig soll es sich um einen der sonnenreichsten Orte Deutschlands handeln. Das widerspricht sich nicht, die Sonne scheint oft richtig schön durch den Nebel.
Ich kann mir nicht direkt vorstellen, auf Fehmarn einen klassischen Badeurlaub zu verbringen, bei dem man eine Woche lang bei Hitze am Strand liegt. Wer aber mal eine richtig mystische Insel besuchen will oder das Gefühl haben möchte, er befinde sich am Rand der Welt oder auf der einzigen Insel eines Planeten, der ansonsten von Wasser bedeckt ist, der ist hier genau richtig. Und das meine ich jetzt nicht abwertend.


Die nordwestliche Ecke der Insel wird vom Leuchtturm Westmarkelsdorf markiert.
Hier fuhren wir auf den Dünen und mussten häufig Gatter öffnen. Offenbar grasen hier manchmal Tiere. Der Weg besteht manchmal aus einem weißen Pfad, teilweise aber auch einfach nur aus Gras. Später kommt als Alternative ein asphaltierter Weg hinter dem Deich hinzu.

Am Naturschutzgebiet Wallnau war es dann Zeit, sich vom Wasser zu entfernen und über Straßen und Radwege unseren Übernachtungsort namens Petersdorf anzusteuern.

Als echtes Fehmarn-Dorf hüllt sich Petersdorf in einen Schleier aus Nebel. Hier sehen sie das Dorf im Direktvergleich sittsam verhüllt und mit angehobenem Schleier.
Man erkennt es aus der Ferne an der höchsten Kirche der Insel und am... äh, Leuchtturm? Oder ist das eine Sternwarte? Nö, bloß ein landwirtschaftliches Silo.

Dort haben wir uns in einem Restaurant namens Kartoffelscheune den Bauch vollgeschlagen. Dort wird unter anderem Kartoffelpizza und Kartoffelschnaps angeboten. Ich kann guten Gewissens sagen, dass die Kartoffellasagne eine der leckersten Sachen ist, die ich je gegessen habe.

Am nächsten Morgen gab es dann nur noch ein Viertel von Fehmarn, das wir noch nicht umfahren hatten. An der südwestlichen Ecke steht, Überraschung, wieder ein Leuchtturm. Dieser rote, ranke, schlanke Turm heißt Leuchtturm Flügge und wagt sich tatsächlich höher in den Himmel hinaus als seine drei Kollegen, auch wenn er keine Flügel hat.

Das wäre bei einem Leuchtturm auch ähnlich sinnvoll wie dieses alleinstehende grüne Gatter.
Nun fuhren wir also wieder auf dem Deichrasen. An sich nicht so schlimm, nur leider machten uns Gegenwind und mehrere längere Regengüsse das Leben schwer. So war die Strecke am zweiten Tag zwar deutlich kürzer, aber trotzdem viel anstrengender.

So sieht es landeinwärts aus: Schilfbewachsene Binnenseen, Ferienhäuser und Landwirtschaft, Windkraftwerke.

Der nächste Ort heißt, ähm, Orth und besteht aus hohen Backsteinhäusern und einem Hafen. Irgendwie sieht das aus wie Hamburg als Dorf. Dieser Eindruck täuscht nicht, es handelt sich tatsächlich um historische Speicher für Handelswaren, fast wie in Hamburgs Speicherstadt. Dort waren viele Windsurfer unterwegs, die sich über den Wind sicher mehr gefreut haben als wir.

Um dem Gegenwind zu entgehen, wichen wir auf Landstraßen abseits der Küste aus. Aber so richtig Spaß machte das da auch nicht, durchnässt von Autos überholt zu werden. Naja, irgendwie haben wir es trotzdem wieder bis zur Fehmarnsundbrücke und nach Burg geschafft.

Auch wenn wir durch viele Ortschaften mit eigenen Namen gefahren sind - offiziell zählen alle Orte zählen zusammen als eine einzige Stadt namens Fehmarn. Nicht einmal Burg ist eine selbstständige Stadt.
Vielen Ortseingangsschilder wurden die Buchstaben gestohlen oder vom Regen weggespült, zum Beispiel in S ru km, ähm, Strukkamp.
Das blaue X war auch öfter zu sehen. Es bedeutet, dass die Anwohner gegen den Fehmarnbelttunnel nach Dänemark sind. Sie befürchten vermutlich, dass weniger Touristen kommen, wenn die Insel immer mehr zur Transitzone umgebaut wird. Das ist verständlich. Ich persönlich kann allerdings sagen: Dass einige Kilometer weiter in der Inselmitte eine dickere Autobahn verläuft und kurz vor dem Wasser im Boden verschwindet, wäre für mich definitiv kein Grund, diese außergewöhnliche Rundtour nicht zu machen.

Mittwoch, 21. Juli 2021

Von Sundby nach Kramnitze

Unsere Zeitreise ins Mittelalterzentrum hatte unerwartete Folgen. Bei der Rückkehr ins Jahr 2021 machten wir einen fatalen Fehler und kamen erst um 15 Uhr raus. Wie sollen wir jetzt noch die Tagesstrecke schaffen? Na gut, erstmal losfahren.

Lolland ist nicht LOL, sondern ländlich: Eine Insel voller Herrenhäuser, Hügelgräber und Freilichtmuseen. Im Vorbeifahren haben wir Kenkerup Gods gesehen, eins der ältesten und gelbsten Gutshäuser Dänemarks inklusive 400 Jahre alten Buchen.
Der Ostseeradweg leitete uns nicht an die Küste, sondern zwischen Feldsteinmauern, Farnen und Wäldern hindurch. Die Mauern und Farne waren zu niedrig, um uns Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen zu bieten. Dazu waren nur die Wälder in der Lage.


In Sakskøbing lächelte uns ein Wasserturm namens Saxine freundlich, aber auch etwas verstörend an. Seinetwegen nennt man Sakskøbing Die lächelnde Stadt. Was will er uns damit sagen? Dass wir den Radweg an der Hauptstraße nehmen und ein paar Kilometer sparen sollen? Okay, machen wir.

Lollands Inselhauptstadt heißt Maribo. Angeblich soll es hier wunderschöne Fachwerkhäuser mit Rosen dran geben - nur wo? Vielleicht haben wir die falschen Straßen erwischt, aber im Vergleich zu anderen dänischen Städten fanden wir Maribo eher mau.
Maribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso? Naja, geht so.

Immerhin wachsen in Maribo viele Pflanzen (hier am Rathaus). Rosen haben wir auch in den dicken Blumentöpfe nicht entdeckt.

Um die schönen Rosenhäuser zu sehen, hätten wir wahrscheinlich eine weitere Zeitreise zu den Bauern des 18. Jahrhunderts machen müssen. Als Zeitmaschine dient erneut ein Freilichtmuseum. Dafür fehlte uns, welche Ironie, die Zeit.
Aber zumindest die Maribosøerne (Mariboseen) haben wir uns angeguckt. Das sind mehrere verbundene Seen, von denen der Søndersø (Südsee) der größte ist. Weil Dänemark vorwiegend Salzwasser zu bieten hat, bilden diese Seen zusammen sogar Dänemarks größten Süßwassersee. Der Søndersø ist ein blauer glatter Spiegel, mal was ganz anderes als die Ostsee. An seinem Ufer ragt der Dom von Maribo mitten im Grünen in die Höhe. Ein ungewöhnlicher Platz für die größte Kirche der Stadt, aber auch absolut nachvollziehbar - das hier ist definitiv Maribos schönster Ort. Der Dom gehörte mal zu einem Doppelkloster, also mit Mönchen und Nonnen. Die konnten sich mit dieser Aussicht ablenken, wenn ihnen die Einhaltung der klösterlichen Regeln mal besonders schwerfiel.
Also haben wir es wie die Nonnen gemacht und uns am Seeufer platziert - wenn auch nur vorübergehend, um Suppe zu kochen.

Nach dieser herrlichen Pause neigte sich der Tag auch schon dem Ende zu. Oh Mann, sollen wir nicht lieber in Maribo campen? Ach nee, wie schaffen den Rest noch.
Und wie sieht dieser Rest aus? Rote Gatter, wenig Kurven, wenig Höhenunterschied und am Ziel ein wichtiger Hafen? Eindeutig eine alte Bahntrasse - mittlerweile habe ich genug Übung, um das auf Anhieb zu erkennen, obwohl das mein erster Bahnradweg im Ausland war. Die Trasse ist nicht asphaltiert, dafür aber fermentiert. Links und rechts stehen Mirabellenbäume, die sowohl Schatten als auch Mirabellen spenden. Unter der sengenden Sonne und den rollenden Reifen wird aus den Früchten vergammelter Mirabellenmatsch, der gern am Rad kleben bleibt - so betrunken war mein Fahrrad noch nie. Bald hatte ich mich an den alkoholischen Dunst gewöhnt und konnte den herrlichen Radweg genießen - so sehr, dass wir noch länger auf der Bahntrasse blieben, als es die offizielle Route vorsah.

Anders als auf den deutschen Bahnradwegen habe ich gerade mal zwei ehemalige Bahnhöfe entdeckt: Der erste wurde zu einem netten Einfamilienhaus umgestaltet, der zweite in Rødby war bloß ein verfallener Schuppen. Besondere Bahnbrücken haben wir auch nicht gesehen, bloß einen Betonbogen unter der Autobahn durch.
An der Endstation Rødbyhavn sind wir wieder an der Straße herausgekommen. Vor uns warteten Autokolonnen auf die Fähre, die sie nach Puttgarden auf Fehmarn bringen soll. Wir wollen da zwar auch hin, nehmen uns aber ein kleines bisschen mehr Zeit (2 Wochen statt 45 Minuten). Deshalb sind wir rechts abgebogen.

Dass wir dem tollen Bahnradweg länger gefolgt sind, als Karte und Schilder sagen, hat sich hier gerächt: Leider haben wir den Einstieg zum nächsten tollen Radweg verpasst. Erst ein paar Kilometer weiter entdeckten wir eine steile Treppe auf den Deich. Müde und erschöpft mussten wir die Räder (gefühlte) 90 Grad nach oben schieben - und endlich sahen wir wieder Meer. Was für ein Panorama! In der Abenddämmerung umkreisten Schiffe den Hafen wie Motten das Licht, und unter unseren Füßen zog sich der Deichradweg bis zum Horizont. Er besteht aus demselben Kies wie der Bahnradweg, bloß dass hier schon immer Kies war und keine Gleise. Wir waren zwar müde, aber nicht so müde, dass wir diesen Anblick nicht schätzen konnten. Und das beste ist: Diesen tollen Weg werden wir erst morgen Abend verlassen!
In der Ferne rauschten zwei Fähren aneinander vorbei. Im Kalten Krieg kam hier eine flüchtige Familie auf einem Segelboot an. Sie erreichten zwar den sicheren dänischen Hafen - aber am nächsten Morgen wartete mitten im Fehmarnsund ein DDR-Schiff, um sie abzufangen. Was nun? Sie wollten ihr liebevoll selbstgebautes Schiff nicht zurücklassen, also erlaubte man ihnen ausnahmsweise, es mit auf die große Fähre zu nehmen (die wollte die DDR dann doch lieber nicht abfangen) - die einzige bekannte Flucht mit einem Schiff auf einem Schiff.
Im Prinzip ist auch die Fährlinie ein Ergebnis des Kalten Kriegs. Als die Ostzone abgeriegelt war, fuhr die Gedserfähre stattdessen nach Puttgarden, aber sehr schnell kapierten Deutsche und Dänen, dass Rødbyhavn von da aus viel dichter liegt. Dies war der Anfang vom Niedergang Gedsers und die Geburtsstunde der Vogelfluglinie. So heißt die Strecke, weil hier auch die Zugvögel (von Falsterbo kommend) langdüsen. Und genau diese Strecke wird sich bald sehr verändern.
In 10 Jahren werden hier vermutlich deutlich weniger Fähren verkehren, denn dann soll hier der Fehmarnbelttunnel zwei Nationen verbinden. Letztes Jahr war der überall in den Nachrichten, weil das Bundesverwaltungsgericht grünes Licht gegeben hat, und nun bauen die Dänen endlich drauflos.

Dabei erklären sie den Reisenden schon einmal, was sie vorhaben - den Erwachsenen im Infocenter, den Kindern auf einem speziellen Spielplatz. Vollkommen unnötig, dieser Pflanzentunnel veranschaulicht das Prinzip doch auch ganz gut.

Der Spielplatz ist schon originell, auch wenn ich  den Tunnel ja als richtigen Kriechtunnel dargestellt hätte, nicht als graue Linie zwischen zwei Rutschen. Deutschland wird repräsentativ dargestellt durch den Berliner Fernsehturm und eine Currywurstbude, beide stehen ja bekanntlich direkt am anderen Ufer auf Fehmarn.

Aktuell wird noch die Tunnelfabrik gebaut. Da werden dann Tunnelsegmente aus Stahlbeton gegossen und per Schiff unter Wasser verbuddelt. Das nennt sich Absenktunnel (und zwar der größte Absenktunnel der Welt) und ergibt irgendwie Sinn: Jeder, der als Kind mal versucht hat, im deutschen Ostseesand einen Tunnel zu graben, weiß, wie instabil das Erdreich hier ist. Vielleicht hätte ich als Kind am Strand auch einen Absenktunnel probieren sollen (etwa mittels alter Klopapierrollen). Für die Meeresbewohner sind solche Tunnel aber besonders mies, weil nun mal der komplette Meeresboden total umgegraben wird. Deshalb hat das Bundesverwaltungsgericht die Auflage verhängt, nochmal zu prüfen, ob man nicht eventuell die Route ändern und ein Riff umgehen sollte.

Mehrere Schiffe mit Kränen drin baggerten in irgendwelchen Matschbergen herum. Das hat bestimmt auch mit dem Tunnel zu tun, vielleicht bereiten die die Einfahrt vor. Millionen Möwen sitzen auf Pfosten im Meer und gucken zu, was die Menschen da fabrizieren. Ein Strand ist hier nicht zu finden, aber mehrere Transparente mit dem Logo der Tunnelbaugesellschaft weisen darauf hin, dass nur 900 Meter entfernt ein Neuer Sandstrand wartet, der wohl extra zur Kompensation des Tunnelbaus aufgeschüttet wurde.

Direkt gegenüber erstreckt sich das Lalandia. Das ist so ein Ferienpark für Urlauber, die gern in einer abgeschiedenen und zum Teil künstlichen Welt leben, wo sie alles haben - selbst eine monströse Wasserrutsche. Das Ding ist dermaßen riesig, dass es für viele Besucher auf der Fähre das erste ist, was sie von Dänemark sehen. Das dürfte der größte Wasserpark der dänischen Ostsee sein.
Das Lalandia wirbt mit einem Strand "direkt vor der Haustür". Mit der weniger idyllischen Tunnelmatschbaustelle, die in Wahrheit direkt vor der Haustür liegt, wirbt es seltsamerweise nicht.

Der Himmel wurde immer dunkler, unsere Beine immer müder, aber dennoch mussten wir noch 8 Kilometer bis zum Naturlagerplatz in Kramnitze überwinden. Den soll man vorher online buchen und 4 Euro per Kreditkarte zahlen, was ich auch brav getan habe - obwohl es wie immer vor Ort niemanden interessiert hat. Dieser Platz war sein Geld definitiv wert. Zum einen gab es richtige Toiletten, vor allem aber war die Lage traumhaft. Das war nicht nur uns aufgefallen. In der Dunkelheit war es schwierig, alle Zelte zu erkennen, aber das war nicht nötig: Schon auf den ersten Blick konnte ich erkennen, dass dieser Platz weitaus beliebter ist als alle anderen Naturlagerplätze und warum. Kein Problem, dachte ich, es ist ja genug Platz. Es war dann aber doch ein Problem, oder genau genommen waren wir das Problem - und unsere späte Ankunftszeit. Die meisten Radler schliefen um halb neun schon, und ein niederländisches Paar bat uns höflich, aber eindringlich, doch etwas leiser zu sein. Okay, tschuldigung. So viele Menschen waren wir nach der letzten Nacht einfach nicht gewohnt. Die Schutzhütte war noch frei - warum, verriet uns ein meckerndes Kind: "Ich will nicht nochmal ins Shelter, das ist so kalt." Daraufhin hatte meine Freundin noch weniger Lust, in so einem Ding zu schlafen.
Nach dem Zeltaufbauen schlichen wir noch ein paar Meter über die sanfte Düne zum schmalen Sandstrand. Egal, wie müde, erschöpft oder wenig romantisch veranlagt wir waren, das musste einfach sein. Bei solch einem farbenfrohen Sonnenuntergang war es physikalisch gar nicht möglich, darauf zu verzichten.

Heute Nacht war auch noch irgendein Blutmond oder so was - kurz googeln, ah ja, ist wirklich Blutmond, jetzt aber Handy weg. Der Mond strahlte dermaßen rot und voll vom Himmel, dass all die blinkenden Bojen und Schiffe an der Fährstrecke keine Chance hatten - obwohl sie sich alle Mühe gaben, mit dem Mond um die Wette zu bluten.
Was für ein herrlicher Abend! Da vergaßen wir allen Ärger über die späte Ankunft und konnten die nächsten Tage kaum erwarten. Wir wussten ja nicht, welches Unheil morgen über uns hereinbrechen sollte. Möglicherweise hätten wir den blutroten Mond lieber als Unheilsbringer interpretieren sollen, denn es war tatsächlich etwas Rotes, dass unserer Reise beinahe ein frühes Ende beschert hätte.