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Sonntag, 28. Juni 2026

Von Ingå nach Matilda

Die heutige Strecke sah im Prinzip so aus wie gestern Abend, hat aber deutlich mehr Spaß gemacht. Erstens gab es weniger Zeitdruck, zweitens besseres Wetter, und drittens waren heute tatsächlich auch die ersten finnischen Seen zu sehen, die das ganze Land blau besprenkeln. (Wobei die ganz große Finnische Seenplatte woanders ist, die umgeht der Ostseeradweg großräumig.) Zugänge zum Baden habe ich nicht entdeckt, nur klares blaues Gefunkel hinter Baumstämmen. Es dominieren noch immer die Nadelbäume.
Auch meine Sorge vor den finnischen Hügeln löste sich bald auf. Überall wird vor ihnen gewarnt, sie seien zwar kein Gebirge, würden aber durch die vielen aufsummierten Höhenmeter ganz ähnlich schlauchen. Natürlich ist das hier anstrengender als Flachland, keine Frage, aber nachdem ich gerade erst im Kein-Gebirge-aber-auch-sehr-hügeligen Mittelböhmischen Hügelland gefahren war, konnte mich das hier ganz bestimmt nicht schrecken. Zumal es ja die nächsten Tage tendenziell sogar flacher werden soll.

In vorbildlicher Weise hat Finnland erst kürzlich neue EuroVelo-Schilder aufgestellt, die mit kurzen, knackigen Pfeilen die Richtung weisen, und heute werde ich denen auch folgen. Radwege gibt es meistens nur noch in der Nähe der Städte, was aber nur auf wenigen großen Straßen ein Problem ist.
Nicht alle finnischen Straßen sind asphaltiert. Aber anders als in Lettland ist die Alternative keine gottlosen Schotterpiste, sondern extrem feste, hellbraune Erde. Sogar nach einem Regenguss unterscheidet sich das Fahrgefühl nur minimal von Asphalt.

Die Briefkästen am Straßenrand haben diese metallenen Fähnchen wie in den USA, die man hochheben kann als Signal für den Postboten, dass er das Paket darin mitnehmen soll. Die Wohnhäuser dahinter sind sehr versteckt. Präsenter sind da die mehrstufigen Gebäude in schwedischem Rot, an deren Ende stets ein Silo dranhängt.
Aus den Straßennamen wurde ich nicht ganz schlau.

Auf halber Strecke liegt Ekenäs, das auf Finnisch Tammisari heißt. Der schwedische Name wird (wie auch in Ingå) zuerst genannt, es muss hier also viele schwedischsprachige Finnen geben. Dafür spricht auch, dass Ekenäs eine der ältesten Städte in Finnland ist und aus schattigen Alleen mit historischen Holzhäusern besteht, ein- bis zweistöckig und in allen Farben, hauptsächlich aber gelb.

Den nur teilweise historischen Markt- und Parkplatz fand ich im Vergleich dazu gar nicht mal so schön.

Eines der gelben Holzhäuser am Straßenrand sah irgendwie verlassen und heruntergekommen aus, und deshalb überraschte es mich, als da plötzlich das Wort Museo dranstand. Ob ich schon in Ekenäs ein finnisches kleines Dorfmuseum besuche? Aber wo kommt man da rein?
Moment, gleich dahinter stand ein neues anthrazitfarbenes Gebilde, in dem sich eine Kunstgalerie namens chappe befand. Das Ziel war hier gerade, eine Galerie mit Ostseebezug nah an der Ostsee zu bauen. Tja, der Iron Curtain Trail ist vorbei, nach all den deprimierenden grauen Grenzmuseen ist es Zeit für ein auch graues, aber weniger deprimierendes Kunstmuseum. Wenn es einen Ostseebezug hat, umso besser, schließlich fahre ich jetzt ausschließlich auf dem Ostseeradweg.
Der erste Raum heißt Immortal und ist fast leer. Ein Künstler namens Christopher B. Jackson hat ihn mit seinem Lieblingsmotiv gefüllt: Sich selbst. Seine DNA hängt in Form von Punktkolonnen und schillernden Regenbogenfarben (etwa auf dem Tisch unten rechts) herum. In einer Petrischale schwammen Jacksons Zellen, dort können sie angeblich ewig in ihrer Nährlösung weiterleben. Zumindest zeigte der Bildschirm an der Wand, wie sie putzmunter herumwuselten. Ob man auf diese Weise aber wirklich unsterblich wird, ist zweifelhaft. Die Ausstellung besteht nämlich nur noch bis zum 6. September 2026.

Im Obergeschoss wird es bodenständiger und maritimer. Erika Adamsson hat die Wände mit Bildern zugehängt, dermaßen viele, das ihr nicht für jedes einzelne ein Titel eingefallen ist. Diese Bildergruppe heißt Eine Woche auf der Insel. Bei der Insel handelt es sich um Klovharun im Schärengarten von Porvoo östlich von Helsinki, den ich selbst nicht gesehen habe, trotzdem gaben sie mir einen Vorgeschmack auf die Landschaft, die mich die nächsten Tage erwartet. Der Künstler Tove Jansson hat sein Sommerhäuschen auf der Insel gespendet und zur Künstlerresidenz gemacht.
Erika Adamsson war eine von denen, die sich dort mehrfach eingemietet haben. Ihr Pinsel fing Gräser und violette Blüten ein, die sich an den Fels klammern und ihn mit Leben füllen. Aber anders als ihre Kollegen richtete sie den Blick nicht nur auf die Natur, sondern auch das Zusammenspiel mit dem menschlichen Leben in der Hütte: Gummistiefel, Schaukelstühle, Regenjacken, Omas mit Bommelmützen und eine Inneneinrichtung aus den 60ern, alles sieht robust aus, ist aber sehr zart gemalt. Und natürlich immer wieder Wasser. Deshalb bestehen die Bilder natürlich auch aus Wasserfarben. Und zwar ausschließlich aus Farben von Inseln: Umbra von Zypern, Eisenoxid von den Hebriden, der Rest von den Åland-Inseln, wo die Künstlerin lebt und wo ich auch noch hinwill. Für ein Bild hat sie sich sogar von zwei Meeresbiologinnen unterschiedlich alte Sedimente vom Meeresgrund ausbuddeln lassen, ein Zentimeter entspricht etwa einem Jahr.

Im Keller sind barocke Goldkelche und verstörende, aber interessante Nahaufnahmen von Mikroorganismen zu sehen. Mein Gespür war nicht falsch, diesem Ausflug in die moderne Kunst konnte ich schon etwas abgewinnen, zumindest manchen Teilen. Auch wenn das Zentrum der Internationalen Lichtkunst in Unna in der Hinsicht unübertroffen bleibt.

Sogar die Klos sind Kunst. In die Spülkästen ist ein Bilderzyklus namens Memento eingraviert. Auf dem Herren-WC hat jemand einen Apfel gegessen und scheidet den Kern wieder aus (WC ÄPPEL), aus diesem wächst auf den übrigen Toiletten ein Baum, der wiederum neue Äpfel trägt. Wer den gesamten Zyklus sehen will, kann auf besondere Anfrage auch das Mitarbeiter-WC besichtigen.


Das ist nicht alles, über einen Kellergang ist die Galerie Chappe auch mit dem Raseborgs Museum verbunden. Das enthält ein Modell der nahen Burg Raseborg, und eine Ausstellung mit Fotoleinwänden und Gegenständen des 20. Jahrhunderts. Ein Tüftler hat einen hängenden Sessel mit Lautsprechern im Polster entworfen, in dem man angeblich nicht hören kann, aus welcher Richtung der Klang kommt (doch, kann man). Die Museumsbesucher versinken darin und hören... ein Video darüber, wie der Sessel gebaut wurde. Eine Gratisausstellung im Hinterhaus zeigt Gemälde nackter Menschen in Swimmingpools und ein Riesenbild mit absurd vielen Vogelarten namens Go away bird.
Ach guck, sogar in der ollen Scheune da ist irgendwas, nachgestellte Räume voll mit falschen Tieren und echten Schaufeln, Leitern und Heuhaufen. In dieser Scheune wurden Tiere, Verbrauchsgüter und manchmal andere Familien als Mieter gelagert. Perfekt, ich habe also doch versehentlich ein kleines finnisches Heimatmuseum mitbezahlt.
Sogar das alte gelbe Häuschen vom Anfang, das mich überhaupt erst auf das Museum aufmerksam gemacht hat, hat doch noch einen Eingang. Darin sind alte Räume nachgestellt, zum Beispiel die Köket/Keittiö/Küche, die angeblich von 1790 bis 1900 so aussah. Ein ganz schön langer Zeitraum, in dem die Ekenäser nicht nur auf Strom, Herd und eine Alexa verzichten und stattdessen auf einen extrabreiten Ofen zurückgreifen mussten, sondern auch ihren Inneneinrichtungsstil offenbar nicht groß veränderten.

Auf der zweiten Hälfte des Tages tauchte die Ostsee wieder auf. Mehr oder weniger. Auf jeden Fall nicht so, wie man sie aus Deutschland kennt.
Finnland ist hügelig und seenreich, das sollte bekannt sein. Dass in Finnland ein richtiges Gebirge entstand, ist schon eine Milliarde Jahre her. Die Gletscher vor zehntausend Jahren haben alles abgeschmirgelt, und so blieben von den Bergen nur die flachen Felsplatten, die heute so skandinavisch sind wie sonst was. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir in Norddeutschland keine solchen Platten haben, obwohl da dieselben Gletscher aktiv waren - bei uns zu Hause stand nicht mal vor einer Milliarde Jahren ein Gebirge, das die Gletscher hätten abschleifen können. (Die deutsche Küste sah damals auch komplett anders aus und lag viel weiter im Norden.) Nur die Moränen, also die zusammengeschobenen Sandhügel, sind natürlich generell überall, wo Gletscher im Spiel waren.
Diese geologische Geschichte hat mehr mit heute zu tun, als man denkt. Zum einen habe ich mehrmals in diesen Gletschern gebadet, also quasi. Als die Gletscher langsam abschmolzen, entstand daraus der Baltische Eisstausee. Ein paar Wasserpfützen blieben ohne Verbindung zum Meer liegen und bildeten die finnischen Seen.
Gleichzeitig drückte aber auch immer weniger Gletschergewicht das finnische Land runter. Darum begann sich 7500 v. Chr. die ganze abgeschmirgelte Felsplatten-und-Moränen-Masse, auch bekannt als Baltischer Schild, langsam zu heben. So langsam, dass sie damit bis heute nicht fertig ist. Die finnische Küste wächst um bis zu acht Millimeter pro Jahr in die Höhe. Das ist kein Funfact, sondern ein echtes Problem. In den vergangenen Jahrhunderten mussten die Häfen ständig nach Westen verlegt werden, weil sie verlandeten. Die Flüsse haben inzwischen im Küstengebiet kaum noch Gefälle, die Folge sind starke Hochwasser. Dummerweise kann man für dieses Problem niemandem die Schuld geben, nicht mal der Menschheit. Ich vermute mal, die Finnen wünschen sich die Gletscher ja nun auch nicht zurück. Wenigstens können Geologen anhand der Bewegung berechnen, wie elastisch die Erdkruste eigentlich ist.

Diese abgeschmirgelte Küste ist nun eine Schärenküste, und das heißt, sie ist hoffnungslos zersplittert in ein heilloses, unübersichtliches Chaos aus winzigen und riesigen Inseln, Halbinseln, Sackgassen, Brücken, Buchten und Festland mit Seen drin. Der Versuch, hier dem Festland immer genau am Wasser entlang zu folgen, wäre ungefähr so erfolgversprechend, wie Milch mit einem Kehrblech aufzufegen oder alle Folgen Dr. Who in chronologischer Reihenfolge zu schauen. Der Ostseeradweg versucht das gar nicht erst, sondern leitet die Radler weit ins Hinterland.
Aber sogar da ist plötzlich die Ostsee im Weg: Lange Meeresarme strecken sich tief ins Land rein. Den ersten konnte ich direkt auf einer Brücke überqueren, die aus kleinen Holzbrettchen zusammengepuzzelt war. Auch der zweite hatte eine Brücke, dazu musste ich ihm aber noch ein Weilchen nach Norden folgen. Das klare Blau funkelte deutlich sichtbar hinter den Getreidefeldern, somit war das tatsächlich ein Radweg an der Ostseeküste im weitesten Sinne. Auch wenn dieses schmale Wasserband ebenso gut ein finnischer Fluss oder See hätte sein können.

Einmal hatte ich meine liebe Not, mich durch eine Straße zu schlängeln, in der gerade ein Flohmarkt aufgebaut wurde.
Mittagessen musste ich auch noch kochen, was nicht einfach war, denn die einzigen Rastbänke hinter Ekenäs gehörten zu einem Imbiss. Getrieben von Hunger musste ich mir im Wald schließlich den moosbedeckten Felsbrocken mit den wenigsten Ameisen drauf aussuchen.
Die minimalistischen Bushaltestellen taugten auch nichts, sie warfen ihren Schatten nach hinten in den Straßengraben, wo ihn keiner gebrauchen kann.

 

Ich verließ die Hauptstadtregion namens Uusimaa und fuhr... jetzt erst rein ins Eigentliche Finnland? Ah ja. Optisch änderte sich trotzdem nicht viel.

86 Prozent von Finnland sind Wald. Das ist sogar 1 Prozent mehr als in Schweden, und damit ist es das waldreichste Land Europas. Hier und da mussten die wenigen Menschen aber trotzdem mal den Wald roden, um sich irgendwas zu essen anzupflanzen. Ich radelte gerade über eine besonders große Landwirtschaftslichtung in der prallen Sonne, die schon so tief stand, dass ihre Strahlen sich am Sonnenschutz des Fahrradhelms vorbeimogelten. Und dann machte die Gangschaltung auch noch plötzlich komische Dinge (die bald darauf wieder aufhörten, aber das wusste ich ja nicht).
Auf einmal verspürte ich ein schmerzhaftes Ziepen im Kopf. Kacke. Ein Sonnenstich? Nein, so schlimm war es nicht, aber eindeutig ein Warnzeichen. Wo ist hier in der Nähe irgendwas, also irgendwas anderes als heiße Felder? Im nächsten Dorf stand die finnische Version eines Melkhus. Die rote Hütte warf immerhin einen deutlichen Schatten, wenn auch leider nicht auf die weiße Rastbank. Hinter der Tür waren in Kühlregalen die Produkte der Landwirtschaftslichtung ausgestellt, die per Kartenzahlung an einer Art Selbstbedienungskasse erworben werden konnte. Die Kasse sprach sogar Englisch, aber nur im allgemeinen Menü, bei den langen Produktnamen musste ich selber gucken, welche finnischen Worte auf der Verpackung standen, und sie auf dem Display wiederfinden. Ich wartete ab, bis die Kunden vor mir fertig waren, und kaufte gezwungenermaßen zwei teure Apfellimonaden und ein Lakritzeis am Stiel, dann ging es wieder besser.


Der nächste Abzweig brachte mich in den Nationalpark Teijon kansallispuisto, dessen Felsen und Farne sich aber von übrigen Fauna nicht wesentlich unterschieden. Im Herzen des Nationalparks liegt am dritten Ostseearm das beschauliche Matilda.

Es wird bewohnt von mehreren Alpakas namens Romeo Jr, Pom Pom, Mauritz, Wilmer und Sukka-Jukka.

Ich schob das Rad die Alpakawiesen runter und entdeckte eine putzige kleine Wassermühle, deren Rad sich noch drehte. Tatsächlich war ich auch auf der Suche nach Wasser, aber eigentlich eher in Hähnen als in Mühlrädern. Das war gar nicht so einfach, denn die eine Hälfte von Matilda war für ein Cider-Festival gesperrt, die andere für eine Hochzeit. In der Scheune wurde fröhlich getafelt, im Hotel daneben nächtigten die Gäste, aber das Klohäuschen dazwischen war online als öffentlich eingetragen, und mit etwas gutem Willen konnte man argumentieren, dass es vom Geltungsbereich des Geschlossene-Gesellschaft-Schildes nicht erfasst war. Jedoch hatte sich davor eine lange Schlange gebildet, und über die Schultern der Gäste erhaschte ich den Blick auf ein Kein-Trinkwasser-Schild, von dessen Geltungsbereich eindeutig das gesamte Toilettengebäude umfasst war.

Dann muss ich bis morgen durchhalten. Ich fuhr aus Matilda raus, bis ich den Nationalpark verlassen hatte, und ließ mich im nächsten Wald nieder. Der Himmel war wieder völlig klar, die Luft warm, heute Nacht brauchte ich eindeutig kein Zelt.
Leider hat es terminlich nicht gepasst, diese Tour auf die Mittsommernacht zu legen. Ich hatte bei Helsinki mit mehreren Deutschen gesprochen, die gerade erst diese magische Nacht in Finnland verbracht hatten. Ihre Reaktionen waren recht unterschiedlich. Den einen gefiel es, andere konnten mit der dazugehörigen Zelebrierung, also Saufen und stumpfes Grölen in der Sauna, nur wenig anfangen.
Eine echte Mitternachtssonne gibt es an der Ostsee nicht, denn der Polarkreis verfehlt das Meer leider knapp. Auch um eine ununterbrochene Bürgerliche Dämmerung zu sehen, muss ich noch ein Stückchen weiter nach Norden die Küste hoch.
Technisch gesehen sind die Weißen Nächte bei Helsinki also nur eine ununterbrochene Nautische Dämmerung (die man theoretisch auch in Flensburg sehen kann). Praktisch ist der Unterschied aber selbst Ende Juni noch ganz erstaunlich. Vor allem, wenn keine Regenwolken den Himmel zuhängen. Als ich in Helsinki wegen kaputter Scheinwerfer in der Fahrradwerkstatt erschien, wirkte der Typ überrascht und winkte ab, solange ich nicht gegen zwei Uhr nachts fahren wollte, sei das eigentlich kein Problem.
So sah der Himmel um diese Zeit aus, und dunkler wurde es nicht.


Dienstag, 23. April 2024

Von Giruliai nach Liepāja

In Giruliai verschanzen sich die Bahngleise hinter einer monströsen Schallschutzwand. Sie haben noch die sowjetische Spurweite, was heißt, dass sie a) sich nicht mit dem mitteleuropäischen Netz verbinden lassen und b) ihre Lücken für westliche Radfahrer ein regelrechter Abgrund sind - uiuiui, hoffentlich rutscht der Reifen da nicht rein. Die Schienen führen nach Norden, man sollte also meinen, dass sie wie ich schnurstracks Lettland anstreben – aber laut Onlinekarte enden Sie genau auf der Grenze. Traurig, aber wahr: Es gibt keine einzige Bahnverbindung zwischen Litauen und Lettland.

Rmmm...
Ganz unerwartet und sehr willkommen summte ein Kaffeeautomat eines Unternehmens namens Lavazza am Bahnhof vor sich hin. Vor einem geschlossenen Café bot er für zwei Euro Köstlichkeiten wie einen Caramel Drink an. Er schmeckte wie flüssige Karamellbonbons und belebte ungemein. Es handelt sich um ein gesprächiges Stück Technologie: Bevor es mit dem Getränk herausrückt, murmelt eine Roboterstimme noch ein paar mysteriöse litauische Sätze.


Warum zum Geier schreibe ich so viel über diesen Automaten? Weil dieser ab hier quasi das Maskottchen des Ostseeradwegs darstellt! Nach wenigen Kilometern tauchte der nächste auf, dann noch einer, und irgendwann hatten die Litauer an jeder einzelnen Kreuzung, auch mitten in der Wildnis, einen platziert.
Aber das ist nicht einzige Großartige: Der litauische Ostseeradweg ist ein Traum. In perfektem Zustand zieht sich die Asphaltlinie durch die Dünen, Wälder und die Ginsterheide. (So gut scheint es sich nicht überall in Litauen zu radeln: Als ich später gegenüber anderen Radlern Litauen in den Himmel lobte, hielten sie das für Ironie.)

Auch Litauens Landschaft scheint es mir ganz und gar nicht übelzunehmen, dass ich mit der Kurischen Nehrung ihren berühmtesten Teil weggelassen habe. Stattdessen will sie mir zeigen, dass sie auch sonst superviel zu bieten hat. Ein Steg zweigt direkt zum Highlight ab. Noch ist der Wald in blaues Dämmerlicht getaucht. Die Sonne ging bereits auf und schickte erste orangefarbene Strahlen durch die Stämme - aber nicht über der Ostsee, sondern auf der gegenüberliegenden Seite, im Osten.
Aus Russland, flüsterte ein seltsamer Teil in meinem Hinterkopf.

Am Ende der Plattform fällt die Olandų Kepurė zur Ostsee ab. Das bedeutet so viel wie Holländer-Klippe. Nach Klaipėda sind nämlich im 16. Jahrhundert viele protestantische Holländer vor den Religionskriegen geflohen, und 1540 wurde einer von ihnen, Herman von Bombell, der Eigentümer dieses Grundstücks. Luisa, die Königin von Preußen, ging hier gerne spazieren, 24 Meter über dem Meer, an einer dramatischen Steilküste mit vielen jungen Baumstämmen. Sie liegen und hängen in Massen am Abhang und lassen kaum etwas von der nackten Erde darunter sehen - oder von den 24 000 Jahre alten Mammutknochen, die hier gefunden wurden (vermutlich nicht von Königin Luisa).

Dann fuhr ich in Karklė ein bisschen in die Irre und begegnete dabei einem Bach und einer sehr enthusiastischen Katze, die zwar unbedingt gestreichelt werden wollte, jedoch nicht die dafür nötige Geduld aufbrachte, länger als eine Sekunde stillzustehen und nicht durch die Gegend zu springen.

Der Radweg ging an der Straße weiter und präsentierte mir als nächstes Highlight: Einen Wasserhahn. Super, ich fülle direkt meine leere Flasche auf. Oder auch nicht, denn das Ding war mit Kabelbindern so blockiert, dass sich der Knopf nicht drücken ließ. Tja, für die Touristinfo im Haus dahinter hat wohl einfach noch nicht die Wasserhahnsaison begonnen. (Und zwar, wie ich bald feststellen sollte, völlig zu recht.)

Ebenfalls nicht trinkbar, aber deutlich schöner: Der Blick auf die Sümpfe.

Eine Enttäuschung waren dagegen die Ruine der evangelischen Kirche von Karklė. Ein Haufen Drahtgitterkörbe mit Steinen drin? Nee, sorry, so begrenzen Deutsche hässliche Gärten.

Ganz nett wiederum: Die Aussichtsplattform am Plocis-See.

Noch netter: Der Blick über die Heide und ganz hinten das Meer.
Diese Landschaft gehört zu Nemirseta. Das Dorf besteht nur noch aus zwei Häusern und war bis 1920 die nördlichste Spitze des Deutschen Reiches, bekannt als "Nimmersatt, wo das Reich sein Ende hat". Laut Reiseführer handelt es sich dabei um eine kolonialistische Verballhornung und nicht um etwa um eine Anspielung auf eine berühmte hungrige Raupe.

Deutschland war hier also zu Ende, aber Litauen ist es noch nicht - jetzt kommt die zweite litauische Küstenstadt. Denn als einziges baltisches Land konnte sich Litauen gegen den Deutschen Ritterorden wehren, indem es sich mit Polen zusammentat. Sie eroberten Palanga 1435, noch bevor sich das Gebiet des Deutschen Ordens in Preußen und irgendwann in das Deutsche Reich verwandelte.
Palanga ist viel schöner und radelfreundlicher. Während nämlich Klaipėda die Rolle der Handels- und Hafenstadt übernimmt, ist Palanga die Strand- und Urlaubsstadt. Da darf natürlich auch die Fußgängerzone voller Strandshops nicht fehlen, die sich an einem kleinen Flüsschen erstreckt.

Und auch eine Seebrücke muss her!

Es handelt sich um eine Haiku-Seebrücke.
Äh ja, ich versteh zwar nix, aber fünf, sieben und fünf Silben sind vorhanden. Zumindest, wenn man es so ausspricht, wie ich nicht dachte, dass man es ausspricht. Das Geländer hängt voller solcher Gedichte. Nur die großen weißen Platten ganz am Ende werden ausschließlich von hingeschmierten Tags und Unterschriften verschönert, die sich größtenteils nicht an die 5-7-5-Regel halten.

Im Prinzip ist die ganze Stadt ein Park, an einer Stelle sogar ein Skulpturenpark. Soll das ein Fahrrad nach einem Unfall darstellen? (Nein, es soll mein Fahrrad darstellen. In naher Zukunft.)

Mit dem Rad bin ich überall bequem hingekommen, mit einer Ausnahme: Im Schlosspark sind keine Räder erlaubt. Und genau in dessen Mitte befand sich der Ort in Palanga, den ich besuchen wollte.
Tja, dann werde ich jetzt ein Stückchen laufen müssen. Ich spazierte durch Springbrunnen und gestutzte Hecken, bis ich bei einem weißen Palast ankam. Wann macht er endlich auf?

Graf Feliks Tyszkiewicz bewohnte diese Luxusresidenz von 1897 mit seiner Frau Antonia, entworfen hat sie der Berliner Architekt Franz Schwechten. Die Familie war bekannt für ihre Wissenschaftler und Kunstsammler. Ein paar Räume im Erdgeschoss sind auch immer noch so eingerichtet wie bei denen. Aber hauptsächlich dreht sich das Museum um etwas anderes.

Vor 50 Millionen Jahren standen auf dem subtropischen Kontinent Fennoscandia jede Menge Bäume, Vorfahren der Pinien. Es war subtropisch heiß, und die Bäume schwitzten. Eigentlich war es viel zu heiß für die Urpinien, sie schwitzten sich zu Tode und starben aus - aber wenigstens produzierten sie vorher noch ordentlich Schmuck. Ihr Harz landete auf dem Boden, wurde von den Weichselgletschern zusammengepresst und schließlich zum Symbol einer Nation, die sehr viel später auf diesem Boden entstehen sollte. Ein Symbol, dem Palanga ein komplettes Museum geweiht hat. Wie wird es sich wohl schlagen im Vergleich zum Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten?
Verdammt gut.
Denn während sich Ribnitz vor allem auf Kunstobjekte aus Bernstein konzentriert, arbeitet Palanga praktisch alle Facetten der orangen Steinchen ab. Zuerst, wie genau sie entstehen und welche Arten es gibt, je nachdem, wie genau das Harz die Rinde runtertropft. Dann eine einzigartige Sammlung von eingeschlossenen Tieren, sortiert nach kleinen Säugetieren, Vögeln (also eigentlich Kolibris und sonst nur einzelne Federn), Amphibien, Reptilien, Spinnen und Insekten (die so viel Platz einnehmen, dass sie in zig Unterkategorien unterteilt werden). Manche kann man unter Vergrößerungsgläsern bestaunen. Kein Vergrößerungsglas braucht man für den Sonnenstein, der wiegt 3,5 Kilo und ist der größte Bernstein des Landes.

Passend: Einer der Insektensteine sieht aus wie ein Fliegenfänger.

Die Litauer fischen nach den Steinen seit... im Prinzip seit immer, selbst der Römer Tacitus erwähnte nebenbei, dass sie als einziges Volk Bernstein finden können. Dazu benutzten sie Netze oder brennende Fässer als Lichtquelle. Die deutsche Regierung kaufte zwischendurch mal alle Schürfrechte, weil ihr das profitabel erschien, was aber nicht so richtig klappte.
Für die Sowjetunion stellte sich nun folgende Frage: Was machen wir mit diesem hübschen Zeug, das ein Symbol für Litauens nationale Identität darstellt, wo wir diese Identität doch so ganz und gar nicht wollen? Unterdrücken? Nein, lieber vereinnahmen! Die Sowjets puzzelten aus dem Stein Lenin und russische Babuschkas zusammen, vor allem verarbeiteten sie ihn aber zu billigem, identischem und sozialistischem Massenschmuck. Mit Erfolg: Die richtigen Künstler fanden Bernstein uncool und kitschig, sie wollten nicht mehr mit ihm arbeiten.

Einerseits startete ein Professor schon vor der Wende eine Gegenbewegung (Make Bernstein litauisch again!), andererseits wurde Bernstein 1998 von Litauens Liste der Edelsteine gestrichen.
Heute benutzen ihn die Künstler wieder, aber eher auf ironische Art: Bernsteintoiletten, Lippenstifte und Asia-Nudel-Boxen aus Bernstein sollen Schönheitsideale, die Immobilienblase, den Brexit oder den Erfolg der litauischen Bauernpartei darstellen. Statt Lenin puzzeln sie aus den Steinchen Prinzessin Diana und eine völlig verzerrte Fratze, bei der es sich um Lukaschenko handeln soll, zusammen.

Von der Strandpromenade geht der litauische Traumradweg direkt weiter nach Norden.

Hier habe ich die ersten Reste des Eisernen Vorhangs entdeckt: Einen Vollpfosten und einen noch größeren, gestürzten Vollpfosten. Das perfekte Symbol für die Wende.

Bevor das große Klaipėda an Litauen ging, musste das kleine Fischerdorf Šventoji die Rolle der einzigen Hafenstadt übernehmen.
Erinnern Sie sich noch an die Legende der Jurata auf der polnischen Halbinsel Hel? (Müssen Sie nicht, ich merke mir auch nicht den ganzen Quatsch, den ich hier so aufschreibe.) Eigentlich ist das eine litauische Legende, deshalb gibt es auch eine Version, in der das Ganze hier in Šventoji spielt und die Protagonisten eine Menge litauischer Punkte und Striche über ihren Namen haben.

In Šventoji habe ich ein Flüsschen auf der Affenbrücke überquert, ein skurriles schmales Brücklein in Gelb und Blau mit einem beunruhigenden Warnschild, das aber kein bisschen erklärt, was zum Geier das Bauwerk mit Affen zu tun hat. Der Fluss heißt auch Šventoji und war mal die Grenze der beiden baltischen Länder. Eigentlich ist er es heute noch - zumindest aus Radfahrersicht.

Ende April war ich eine ziemlich auffällige Gestalt mit dem vollbepackten Rad. Hinter der Brücke fragte mich ein Litauer aus, woher ich käme und wohin die Reise ginge. (Sehr naheliegende Fragen, aber nach dem fünfzehnten Dialog dieses Inhalts wünschte ich mir irgendwann doch, die Fragesteller würden sich etwas Kreativeres ausdenken. Vor allem, weil ich immer wieder erklären musste, dass, nein, ich wirklich nicht in Deutschland mit dem Rad gestartet bin. Wieso gehen alle davon aus, dass eine Radtour nur an der eigenen Haustür starten darf? Dann müsste man ja jedes Mal ein Sabbatjahr nehmen, wenn man über die Nachbarländer des eigenen Staats hinausfahren möchte.)
Als er hörte, dass ich nun nach Lettland rüberfahre, kündigte er an, der Weg sei gut.
Das war dann wohl der litauische Humor.
Genau das war nämlich der Punkt, an dem ich radwegmäßig vom Himmel in die Hölle wechselte.
Die Wegweiser und meine App sagten, ich solle zur Autobahn wechseln. Aber meine Karte sagte, direkt an der Küste ginge es auch, und zumindest bis zur Grenze wollte ich schon gern am Meer bleiben.

Ich quälte mich die letzten Kilometer durch den Sand der Dünen bis zur Stelle, wo die Ostsee auf die nächste Staatsgrenze trifft.

Ein weißer Grenzpfosten markiert die Stelle, an der ich das Rad ziemlich kompliziert um einen Grenzbach herumwuchten musste.

Zusätzlich wächst auf der Grenze eine von hundert Eichen, die Lettland umgeben (vorne rechts). Laut Beschriftung soll der Baum ein Symbol der Stärke Lettlands darstellen.
Äh, ja.

Bei dem Anblick ist keine weitere Pointe nötig, aber ich möchte trotzdem ergänzen: Die Stärke der lettischen Fahrradinfrastruktur spiegelt er sehr akkurat wieder.

Und jetzt beging ich einen bösen Fehler. Diese paar Kilometer grenzwertiges Sandgeschiebe hätte ich noch irgendwie als kleines Abenteuer verbuchen und dann zur Autobahn abbiegen können.
Aber meine App behauptete, ab dem ersten lettischen Dorf Nida (nicht zu verwechseln mit dem berühmten litauischen Nidda auf der kurischen Nehrung) sei wieder eine Radroute vorhanden. Zwar kein Ostseeküstenradweg, aber immerhin irgendwelche nationalen Radwege mit dreistelliger Nummer. Dann kann es ja so schlimm nicht sein, oder?
Und wie es das kann! War der Weg für ein paar Meter mal nicht ganz so sandig, sodass ich tatsächlich fahren konnte, kam direkt eine breite Blockade-Pfütze. Die einzige dreistellige Nummer, die dieser Weg verdient, ist die 666!

Heide, Wald und Wiesen lösten sich am Wegesrand ab. Die Landschaft war ein schöner Anblick, keine Frage. Aber diese Tortour war sie nicht wert. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie dieser Sandstreifen vor einigen Jahren noch so gut gewesen sein soll, dass Michael Cramer ihn ernsthaft als Route eingetragen hat - diese Strecke ist der größte Fail einer Bikeline-Karte, den ich jemals erlebt habe.

Aber ja, irgendwann musste hier jemand irgendetwas gebaut haben, um Touristen anzulocken. Zumindest führen ein paar zerbrochene Bretter zu einem nicht sehr vertrauenerweckenden Aussichtsturm.
Wie wird er sich wohl schlagen im Vergleich zum Hochheideturm in Willingen? Architektonisch sehr schlecht, aber landschaftlich sehr gut.

Das ist viel mehr Heide als in Willingen! Eigentlich hätte ich als Heidefan begeistert sein sollen, aber in der Situation nahm mir der Anblick allen Mut - oh Gott, das geht ja endlos weiter! Und erst irgendwo dahinter ist der nächste Asphalt?
Wo bin ich hier nur reingeraten?

Dieselbe Frage stellte ich mir auch in Nida und Pape, den ersten beiden lettischen Dörfern. Hatte ich aus Versehen eine Zeitreise unternommen?
"Ah, verstehe, in die Sowjetzeit", nickte ein Freund wissend, als ich ihm wieder zu Hause von diesem Tag erzählte. Von wegen! Diese Häuser sahen eher nach Bronzezeit aus.
Ist das ein Museumsdorf? Nein, hier parkt ein Auto, dort hängt jemand Wäsche auf, hier leben tatsächlich Menschen. Trotzdem war meine Vermutung nicht völlig falsch - bald entdeckte ich Schilder, die genau erklären, welche Elemente an den Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert typisch für ein traditionelles Fischerhaus sind. Unentbehrlich ist dabei auf jeden Fall das Reetdach mit Giebel. Die zwei Fischerdörfer stehen unter Denkmalschutz, und die anderen Dörfer Lettlands sehen definitiv nicht so aus. Lettland mag zwar das abgewrackteste der drei baltischen Länder sein, aber soo schlimm ist es nun auch wieder nicht. 

Oder?
Auf jeden Fall haben erschreckend viele Dörfer noch keine Asphaltstraße, sondern nur eine hässliche Piste. Der stabile Staub an sich wäre ja nicht das Problem, aber obendrauf liegen haufenweise Steine. Kein Kies, sondern zum Teil richtig dicke Brocken. Wenn ich Gas gab und diese Dinger von meinen Reifen durch die Luft geschleudert wurden, wurde mir doch etwas unwohl und ich war dankbar für meinen Helm. Leider scheinen es eben diese Steine zu sein, die den Staub stabil machen, damit er sich nicht in so einen unsäglichen Sandweg wie vorhin verwandelt. Zumindest schält jedes Fahrzeug eine neue Schicht dieser blöden Brocken aus dem grauen Puder, damit auch diese Steine eine Weile locker obendrauf liegen, bis sie irgendwann fröhlich in den Straßengraben fliegen oder jemandem die Birne einschlagen, Schicht um Schicht, so lange, bis die ganze elende Piste eines Tages abgetragen ist und Lettland hoffentlich endlich Geld für eine richtige Straße klarmacht.

Asphalt ist hier so selten, dass es ein eigenes Warnschild gibt, das extra sagt, wann er anfängt und aufhört!

Es reicht! Ich tue, was ich schon im letzten Land hätte tun sollen - ich biege ab auf die A11! Zwar ist die Straße eine Hauptverkehrsverbindung zwischen beiden Staaten, auf der LKW um PKW vorbeirast, trotzdem ist sie von der Größe her eher eine Bundesstraße. An einer Bushaltestelle kochte ich mir ein Mittagsmahl und wagte mich dann in den Verkehr, der mich kaum störte - endlich vorankommen!

Hm, naja, irgendwann störte er dann doch, und ich gab den Dörfern wieder eine Chance. Und tatsächlich, ab Jūrmalciems waren die Dorfstraßen dann doch asphaltiert.
Das Dorf hatte mich noch aus einem anderen Grund interessiert: Außer eine Windmühle stand hier auch ein Grenzturm in den Dünen. Die Sowjetunion baute ihre Türme wieder anders als Polen oder die DDR: Ein breites Stahlgerüst mit Stahlkammer obendrauf. Ähnliche Türme sind öfter an der baltischen Küste zu sehen, mal alt, mal restauriert, mal schmaler, mal etwas breiter - aber immer endet die Treppe deutlich über dem Erdboden oder ist versperrt, damit niemand hochklettert.
Ein paar Tage später erfuhr ich von einer Tafel auch den Rest: Der Strand war hier mit Stacheldraht versperrt, später kamen auch Scheinwerfer dazu. Jeden Abend suchte eine Patrouille nach Grenzgängern. Baden durfte man nur an bestimmten Stellen, und Fischen war streng reguliert. Es gab Küstenbewohner, die nach der Wende zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer sahen. Entweder die Balten waren viel fluchtwilliger als die Polen, oder sie haben dieses Thema einfach nicht vergessen.

Ich kam endlich ungehindert voran, doch aus den Hügeln ragte ein Bunker und erinnerte mich daran, dass es im Kalten Krieg umgekehrt war: Hier hätten die Hindernisse erst so richtig begonnen. Ich hätte mich schon viele Kilometer vor der großen Militärstadt ausweisen und meine Genehmigung zeigen müssen.
Am Eingang nach Liepāja wies mich das erste lettische Eurovelo-Schild auf den ersten lettischen Radweg. Wahnsinn. Ich habe heute doch noch die erste lettische Stadt erreicht, trotz... nun ja, Lettland.

Als wollte er alles wiedergutmachen, umschlingt der Radweg Liepāja (früher Liebau) in einer großzügigen grünen Schleife zwischen Wald, Dünen und Wohnblocks. Und als wollte er auch den Mangel an Heißgetränken seit der Grenze kompensieren, brummen gleich drei Automaten unterschiedlicher Hersteller nebeneinander. So beendete ich den Tag, wie er begann: mit einem Getränk von Lavazza. Wahnsinn, Lettland kann es also doch. Zumindest in den Großstädten.

Enge mittelalterliche Gässchen sucht man auch in Liepāja vergebens, es ist eher eine großzügige Stadt mit breiten Straßen im Jugendstil, auf deren Fassaden unbedingt eine weiße Linie zeigen muss, wo das nächste Stockwerk beginnt. Die Kurgäste aus dem Osten sind wegen der Visapflicht verschwunden, und die Touristen aus dem Westen haben die Stadt noch nicht so richtig entdeckt. Ist aber auch kein Wunder bei der dämlichen Anbindung: Von Riga kommt nur einmal am Tag ein Zug, und zwar immer genau so, dass man gerade die Check-In-Zeit für die tägliche Fähre nach Lübeck verpasst. Und das in der drittgrößten Stadt des Landes...
Aber die Liepājer schaffen es auch allein, ihre Stadt zu beleben: Abends warteten junge Partymenschen auf die Straßenbahn nach Hause, und ich fühlte mich endlich wieder richtig in der Gegenwart angekommen. Auch wenn manche Häuser noch immer aus sichtlich angeschrabbeltem Stein oder groben Holzplanken im Nida-Stil bestehen.

Ein ähnlich angeschrabbelter sowie angetrunken Typ sprach mich an. Meine Antwort, dass ich kein Lettisch spräche, empörte ihn zutiefst, denn was hätte ich denn dann eigentlich in Lettland zu suchen?
Zum Verstummen brachte ihn zuerst meine Frage, wie viele Fremdsprachen er denn spreche (dabei sprach er ja durchaus gutes Englisch, aber das schien er in dem Moment selber vergessen zu haben), und dann die Erkenntnis, dass ich Tourist aus Deutschland war und kein illegaler Zuwanderer, und so wünschten wir uns dann doch recht freundlich einen guten Abend.

Doch die Wettervorhersage versprach eine klare Nacht, und ich fühlte mich absolut in der Lage, sie wieder in der Wildnis zu verbringen.
Die einzige drehbare Klappbrücke Lettlands brachte mich in die nördliche Stadt, zu weiteren Wohnblocks und schließlich in den nächsten Wald.

Der offenbar nicht weit genug von der Stadt entfernt war.
Ich erwachte, weil ich Schritte und Stimmen hörte. Dann leuchtete mir eine Lampe ins Gesicht. Es war halb drei, und jemand sprach Lettisch.
Ich fragte, ob er auch Englisch sprach.
Der Polizist bejahte dies und fragte, was ich hier tue und ob alles in Ordnung sei.
Hätte ich doch nur in jeder Lebenslage das Selbstbewusstsein und die Lässigkeit, über die ich plötzlich im müden Zustand in Liepaja verfügte. Völlig aus dem Schlaf gerissen antworte ich der Polizeitruppe: Ja, natürlich, ich sei doch nur auf einem Campingtrip. Sie zogen sich sofort zurück, merkten nur noch an, dies sei "not a good place", aber ich könne hier schlafen.