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Samstag, 11. September 2021

Von Travemünde nach Priwall

Impf-Countdown: Noch 4 Tage

Im modernen Seebad Travemünde stehen die Strandkörbe in Reih und Glied wie Soldaten. Es sind dermaßen viele, dass der Sand dazwischen nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen ist. Wer sich keins von den Dingern mieten und trotzdem ans Wasser setzen will, muss möglicherweise die Fähigkeit entwickeln, auf einem einzelnen Sandkorn Platz zu nehmen. Oder, sofern alle Sandkörner schon besetzt sind, notfalls auf einem Kaffeekörnchen. Die hat eine koffeinsüchtige Möwe verstreut, die meiner Freundin den Kaffee stehlen wollte. Überragt wird der Kaffee-Strandkorb-Strand von einem Wolkenkratzerhotel.

Dagegen sieht der älteste Leuchtturm Deutschlands geradezu mickrig aus. Er wurde 1827 gebaut und könnte rein theoretisch immer noch weiterleuchten, wäre da nicht das Hotel, das sein Licht komplett verdeckt. Deswegen wurde er 1972 abgestellt.

Auch Relikte des Kalten Krieges stehen herum.

Wer immer weiter über den Stein der Strandpromenade wandelt, gelangt in eine Fußgängerzone, die ähnlich dicht bevölkert ist wie die Lübecker Erlebnisbucht - selbst dann, wenn das Grau des Himmels dunkler ist als das der Pflastersteine.

Viele Wege führen nach Lübeck, aber nicht alle davon sind leicht zu beschreiten. Obwohl die Lübeck Innenstadt nicht direkt am Meer liegt, gehört die Stadt auch mehr oder weniger zum Ostseeküsten-Radweg. Um die Hansestadt zu erreichen, bieten sich folgende Möglichkeiten:
  • Der Regionalexpress: Der Bahnstreik ist doch jetzt vorbei, oder? Ja, Züge fahren aber trotzdem nicht, und zwar wegen Bauarbeiten auf einer Brücke.
    Der Travemünder Strandbahnhof sieht ein bisschen düster aus. Eine Turmuhr verkündet nicht nur die Uhrzeit, sondern auch, wann der nächste Zug nach Lübeck fährt (übermorgen). Das habe ich so auch noch nie gesehen.
  • Der Schnellbus: Davon würde ich eher abraten, sofern es sich um einen Ersatzbus für ausfallende Züge handelt. So ein Schnellbus ist zwar schnell, aber ungefähr so voll wie die Londoner U-Bahn. Und wie diese fährt er sogar unter die Erde, nämlich durch den Herrentunnel. Früher überspannte an dieser Stelle eine unglückselige Klappbrücke die Trave. Die erste Herrenbrücke wurde 1909 von einem finnischen Dampfer zerstört, die zweite rostete vor sich hin und klemmte beim Auf- und Zuklappen immer wieder, sodass die Schiffe manchmal volle Kraft zurücksteuern mussten, um eine zweite Kollision zu vermeiden. Angeblich soll sich der verantwortliche Architekt wegen der Mängel von der Brücke gestürzt haben. Seit 2005 gibt's hier also stattdessen einen Tunnel, Fußgänger und Radfahrer sollen einen kostenlosen Shuttlebus nehmen, Autofahrer bezahlen Maut. Wie das bei solchen Großprojekten meistens ist, waren die Fahrgastzahlen und Einnahmen deutlich niedriger, die Kosten und damit die Maut am Ende höher als gedacht.
  • Der offizielle Ostseeküstenradweg: Macht erstmal einen Bogen durch irgendwelche hügeligen Dörfer. Ich habe versucht, ihn zu finden. Nachdem ich fast eine Stunde eine sinnlose Runde durch Travemünde gedreht habe und den Einstieg einfach nicht entdecken konnte, habe ich es aufgegeben.
  • Der direkte Radweg: Ein super ausgebauter Radweg folgt der Hauptstraße und der Bahnstrecke. Dabei passiert er viele Alleen und Vororte. Nicht die idyllischste Strecke, aber doch überraschend grün, obwohl es die ganze Zeit an der Straße langgeht.
  • Der Panoramaweg: Ach verflixt, wenn solch ein Name auf dem Schild steht, kann ich einfach nicht widerstehen. Diese Variante zweigt für ein paar Kilometer vom direkten Radweg ab. Es handelt sich um einen Kiesweg, der auf halber Höhe eines verdammt großen Deichs (falls das überhaupt ein Deich ist) entlangführt. Das Panorama besteht aus der Trave, modernen Hafenanlagen und grüngelb verregneter Landschaft. Das lohnt sich.

Hier verkehren Ostseefähren am Skandinavienhafen von Travemünde. Vor ein paar Jahren sind wir von hier aus nach Lettland gefahren. Das dauert anderthalb Tage, sodass wir sogar eine Nacht in einer Kabine verbracht haben. An Schlaf war aber kaum zu denken, weil ein mittelmäßiger Gitarrist dafür bezahlt wurde, bis spät in die Nacht schnulzige Lieder als Bordunterhaltung zu singen.
Radfahrer sollten sich nicht vom Fahrradverbotsschild an der Hafeneinfahrt und hupenden LKW-Fahrern abschrecken lassen: Ihr sollt und dürft auf dieser Straße auf die Fähre radeln.
Übrigens ist die Ostsee an dieser Stelle noch einmal mit der Nordsee verbunden, und zwar über die Kanal-Trave und die Elbe. Diese Wasserstraße diente anders als der Nord-Ostseekanal wirtschaftlichen statt militärischen Zwecken, außerdem ist sie 500 Jahre älter.

Panoramaweg, direkter Radweg und Ostseeküstenradweg treffen alle beim Bahnhof Lübeck Dänischburg-IKEA (der heißt wirklich so) aufeinander und bilden einen wunderbaren Wiesenbogen am Ufer der Trave. Vom Wasser ist zwar nichts zu sehen, trotzdem ist das der schönste Abschnitt auf dem Weg nach Lübeck. Hinterher folgen nur noch Großstadtstraßen.

Unter den deutschen Ostseestädten ist die stolze Hansestadt Lübeck ganz besonders wichtig. 1161 schlossen sich hier die deutschen Handelsstädte zusammen, um besser mit der Konkurrenz auf Gotland verhandeln zu können. Sie nannten sich Genossenschaft der Gotland besuchenden Deutschen, fanden aber schnell heraus, dass diese Bezeichnung etwas zu... deutsch war, und kürzten sie ein kleines bisschen ein. Unter dem Namen Hanse booteten sie die Gotländer ganz schnell aus und dominierten den Handel jahrhundertelang, ohne dass sie irgendwelche offiziellen Verträge über ihr Handelsbündnis schließen mussten. Die erste Hansestadt ist machtpolitisch, wirtschaftlich und optisch quasi der Hanse-Urtyp, mit dem sich alle anderen Hansestädte automatisch messen.
Für viele Ostseeradler ist Lübeck der Startpunkt ihrer Reise, für uns hingegen nur eine Zwischenstation.
 

Die Altstadt Lübecks liegt auf einer Insel, umgeben von verschiedenen Gräben, Kanälen und den Flüssen Wakenitz und Trave. Diverse Stadttore bewachen die Eingänge zur Insel, und ich muss zugeben, dass sie beeindruckender sind als die Stadttore in meiner Heimat Rostock. Das bekannteste ist natürlich das Holstentor. Die hanseatischen Kaufleute wollten sich einen richtig eindrucksvollen Eingang gönnen und bauten deshalb das Tor zum Hansapark nach. (Oder war es doch umgekehrt?) Zum Vergleich: Das Kröpeliner Tor in Rostock sieht ungefähr so aus wie der mittlere Teil, ohne die beiden fetten Türme an der Seite.
In den Salzspeichern rechts daneben wurde Salz aus der Lüneburger Heide gelagert, das anschließend eine Schiffsreise nach Skandinavien antrat.

Fragt man Deutschlehrer, so besteht Lübeck praktisch nur aus pleite gehenden Kaufmannsfamilien. Fragt man mich, so besteht Lübeck praktisch nur aus Marzipan.
Das berühmte süße Mus der Firma Niederegger ist überall käuflich zu erwerben, in Form von Broten, Holstentoren, Gemüse oder gleich der ganzen Stadt. Wie, die steht nicht zum Verkauf? Zu spät, jetzt habe ich schon abgebissen.
 

Radfahrer, die eilig quer durch die Lübecker Altstadt wollen, müssen sich auf die stressige Hauptverkehrsachse zwängen. Radfahrer, die sich Zeit lassen, können durch die hübschen und zum Teil sogar ruhigen Nebenstraßen irren. Ich habe beides getestet und fand wenig überraschend das zweite besser.

So viel zu Lübeck. Mit der Ostsee geht es folgendermaßen weiter: Erstmal mussten wir die Priwallfähre von Travemünde nehmen. Das dauerte lange. Die Fähre fährt pendelt hin und her, und die eigentliche Fahrtzeit ist total kurz, doch die Schlange am Fahrkartenautomaten reichte fast bis nach Kiel. Ich bin irgendwann genervt zum Schalter reingegangen, wo ich aber auch keine Zeit sparte. Wir haben mindestens zwei Abfahrten versäumt, bis wir Fahrkarten hatten. Jede verpasste Fähre machte durch das Schrillen einer Schulglocke auf sich aufmerksam, während sich die Schranken schlossen.

Gegenüber von Travemünde liegt der Stadtteil Priwall, eine moderner Segelboothafen mit Hotels. Besondere Berühmtheit genießt das Boot, pardon, die Viermastbark Passat. Hier gab es mal eine Reederei, die alle Schiffe auf einen Namen mit P taufte (zum Beispiel Pamir, Padua, Pommern, Peking). Das war die sogenannte Flying-P-Linie. Das allererste Schiff wurde Pudel genannt, weil die Frau des Reeders so hieß. Also, mit Spitznamen. Diese Schiffe machten dann Wettrennen, bei denen die Kapitäne zum Beispiel schneller als die Konkurrenz Weizen von Australien herschaffen mussten. Der konnte dann teurer versteigert werden und sie bekamen eine Prämie.

Hinter dem Glasbalkon trugen wir die Räder eine Treppe runter, da müssen wir schon wieder irgendwie falsch gefahren sein. Nach wenigen Metern am Strand folgten wir einem schnurgeraden Weg durch Kleingartenanlagen.

Und nun stoßen wir auf die traurige Seite der Ostsee. Dieser Strand gehörte zur Hälfte zur NATO und zur anderen Hälfte dem Warschauer Pakt. Es ist der einzige Ostseestrand, über den der Eiserne Vorhang quer rüber lief (denn beim finnischen Virolahti gibt es keinen Strand in dem Sinne). Hinter der ehemaligen Grenze wird der Strand etwas wilder und schmaler. Komischerweise endet der FKK-Strand genau dort, wo Ostdeutschland beginnt.
Lübecker und Touristen badeten im Schatten der tödlichen Grenzzäune der DDR, oder sie kamen extra her, um sie sich anzusehen. Auf der anderen Seite badete niemand. Die offizielle Grenzlinie lag ein Stück vor dem Zaun. So geschah es zwei Mal, dass ein ausländischer Badegast die deutschen Schilder nicht verstand und versehentlich kommunistischen Sand betrat. Ein splitterfasernackter Brite wurde eine halbe Stunde mit einer Kalaschnikow bedroht, bevor er zurückgehen durfte. Erschossen wurde zumindest an dieser Stelle niemand.

Eine Flucht über den Strand erschien besonders verlockend. Deshalb befanden sich hier neben den üblichen Grenzzäunen auch Stacheldrahtrollen, fünf verschiedene Signaldrähte und bis zu fünf Wachtürme in den Dünen. Ist der da hinten einer davon? Nein, der steht im Westen. In diesem Turm wachen nur Rettungsschwimmer, obwohl seine Form den Grenztürmen irritierend ähnlich sieht.

Auch sonst sind keine Überreste der Geschichte zu sehen, weder im Sand, noch in den dichten Hecken oder auf der Straße mit den endlosen Holzpfosten. Nur ein Stein und zwei Informationstafeln erinnern an die Grenze.

Drei Kilometer später war unsere Tagesetappe auch schon zu Ende. Heute hatten wir nicht viel vor, denn ein weiterer Besuch stand an.
Wir kamen an einer Straße raus und erreichten Mecklenburg-Vorpommern, ohne es überhaupt mitzubekommen. In dem Moment war ich auf etwas ganz anderes konzentriert, nämlich eine weitere herzensgute Gastgeberin zu treffen: Meine Oma erwartete uns in der Kurve nach Pötenitz. Da ich wusste, dass sie neuerdings ein Wohnmobil hat, winkte ich erst einmal fröhlich einem wildfremden Mann zu, der in einem Wohnmobil mit getönten Scheiben saß.

Hier zweigt ein weiterer Radweg nach Lübeck ab:
  • Der Iron Curtain Trail/Europa-Radweg Eiserner Vorhang, ungefähr entlang der Ausbeulungen am Ostufer der Trave
Bei meiner Oma tranken wir Wein am Lagerfeuer. Ich hatte etwas Süßes als Gastgeschenk mitgebracht, aber das ist bei einer Oma natürlich schwierig: Egal, wie viele Süßigkeiten man ihr schenkt, man erhält doppelt so viel zurück.

Die Ostseegrenze

Streckenlänge: 2794 km (davon bisher gefahren: 2180 km)
Grenzquerungen: 1
Bundesländer: Ostsee/Mecklenburg-Vorpommern (am anderen Ufer Schleswig-Holstein)
Andere Länder: Ostsee/Polen/Litauen/Lettland/Estland/Russland (am anderen Ufer Dänemark/Schweden/Finnland)
Erkenntnis: Nie war Strandurlaub so unentspannt wie im Kalten Krieg.

Mittwoch, 8. September 2021

Von Lensterstrand nach Travemünde

Impf-Countdown: Noch 6 Tage

Über die Zufahrtstraße vom Campingplatz gelangten wir bequem zurück auf den Deichradweg. Der brachte uns mitten unter die Hotelblocks von Grömitz. Es wäre schön, wenn alles andere an diesem Tag so einfach gelaufen wäre. Wir standen zwar nicht mehr unter Zeitdruck, das Wetter war traumhaft und alles klappte einigermaßen. Dennoch war dieser Tag anstrengend. Denn heute durchquerten wir die ultimative touristische Zone Schleswig-Holsteins.

Die Grömitzer Seebrücke ist mit einer Tauchgondel ausgestattet, die an einer senkrechten Stange in die Ostsee abtaucht. Davon gibt es an der Ostsee insgesamt vier, und jede hat ihren eigenen Grund, warum sie nicht funktioniert. Bei der Grömitzer Gondel waren es Bauarbeiten. Dass schon am Anfang der Brücke darauf hingewiesen wird, ist immerhin lobenswert.

Alles andere als lobenswert ist dagegen die folgende Strecke. Die Karte sagte, wir sollten jetzt auf einem Feldweg (auf dem Autos fahren, obwohl direkt nebenan eine Straße verläuft) ein ganzes Stück ins Hinterland fahren und dann wieder zurück. Nicht, weil da ein besonders schöner Weg ist, im Gegenteil: Dort erwartet uns eine blöde Bundesstraße.
Als wir an der stark befahrenen Straße ankamen, wiesen uns die Schilder in eine ganz andere Richtung, durch einen Tunnel unter der Bundesstraße durch und in ein Kaff namens Körnick. Wir folgten ihnen in der Hoffnung, dass inzwischen vielleicht ein neuer Radweg erbaut wurde. Doch mitten auf einem öden Acker zwischen Windrädern ließen uns die Schilder im Stich. Das letzte Schild war eindeutig falsch. Und zwar nicht nur verdreht oder falschrum aufgehängt, da war der komplett falsche Pfeil aufgedruckt. Aus diesem Grund waren wir heute alles andere als pfeilschnell.
Verärgert kehrten wir um. Die Karte hatte doch Recht, wir müssen uns in den Verkehr mischen (auf dem Bild sieht das nicht so nervig aus, wie es ist).

Endlich kehrten wir zum Strand zurück, doch der Lärm und Ärger war noch nicht vorbei.
Hinter uns erhob sich schon wieder so ein komischer dicker Turm, wie das Ostsee-Erlebniscenter gestern. Auch auf der anderen Seite, ganz hinten am Horizont ragte ein irgendein Turm oder Wolkenkratzer in die Höhe. Aus dem Hochhaus schlängelte sich eine seltsame Linie, auf der sich etwas zu bewegen schien... Erst nach einer Minute begriff ich: Es handelt sich um eine Achterbahn.
Bei Pelzerhaken war uns ein kurzes Stück roter Radweg vergönnt, und dazu gönnten wir uns ein Eis. Ringsherum waberte die stille Mittagshitze, wir leckten nichts Böses ahnend an der Eiskugel, als zwei Meter entfernt plötzlich die Situation eskalierte: Zwei verblüffend kleine Hunde verursachten einen verblüffend großen Krach. Ihr Leinen hatten sich verheddert, woraufhin sie sich innerhalb von 0,4 Sekunden in ein sowohl wütendes als auch panisches Hundeleinenknäuel verwandelten, dessen Lautstärke die der Bundesstraße bei Weitem übertraf. Was auch daran lag, dass das eine oder andere Kleinkind bei dem Krach eine Panikattacke bekam und mit seinen Lungen ein paar kräftige Dezibel beisteuerte.

Wenig später endete der Radweg. Fußgänger dürfen hier auf dem Strand oder auf dem oberen Weg weiterlaufen, Radfahrer jedoch sollen sich zu einer weiteren stark befahrenen Straße verpissen. Na toll. Hmm. Und wenn wir einfach das Verbotsschild ignorieren und oben weiterfahren? Der Weg sieht doch ganz okay aus, und es sind nur wenig Leute unterwegs.

Nein, war eine blöde Idee. Über dem Strand schlängelte sich der Pfad an den Hecken der Ferienhäusern, Kleingärten und Campingplätze vorbei, und dabei wurde er immer schmaler, voller und matschiger. Meine Fahrradtasche beschloss, dies sei der ideale Abschnitt, um unterwegs ein paar Sachen auf den Matsch zu spucken. Am Ende haben wir einen großen Teil der Strecke geschoben. (Ich habe nur die harmloseste Stelle des Weges fotografiert.) In Zukunft halten wir uns an die Regeln. Also meistens.

Nach drei Kilometern wird daraus wieder ein richtiger Radweg.
Auf dem wir gleich wieder absteigen sollten, sagte ein Schild. Jedoch nicht, um den Verkehr sicherer zu machen, sondern um die Toten zu ehren. Dies ist der Ehrenfriedhof Cap Arkona. Wer diesen Namen auf der Karte sieht, denkt womöglich: Liegt das Kap Arkona nicht auf Rügen? In diesem Fall ist sind damit aber nicht die Kreidefelsen gemeint, sondern im Gegenteil etwas ganz Übles: Zwei Schiffe voll mit Häftlingen eines Konzentrationslagers, eins davon hieß Cap Arkona. Warum die Nazis sie in die Schiffe gebracht haben, ist bis heute ein Rätsel. Im Zweiten Weltkrieg haben die britischen Piloten sie versenkt, was die meisten nicht überlebten. Das ist derart grässlich, dass es völlig zu Recht verboten ist, auf diesem Friedhof Fahrrad zu fahren.
Ich frage mich nur, wieso der Uferweg überhaupt Teil des Friedhofs ist. Es ist ja nicht so, dass der Friedhof auf der anderen Seite des Weges noch weitergeht. Wenn es zu pietätlos ist, dass so viele Radler direkt daneben vorbeisausen, hätte man den Friedhof doch auch etwas weiter entfernt oder mit einer höheren Mauer bauen können. Wenn ständig Touristen in Badesachen, die eigentlich zum Strand wollen, das Gelände dieses Friedhofs durchqueren, ist das der Ehrung der Toten doch auch nicht förderlich.

Hinter dem schmalen Strand rückt die Küste mit der Achterbahn immer näher. Die Ostsee bildet einen kleinen Meeresarm namens Neustädter Binnenwasser, der ins Land hineinragt.

In Neustadt am Holstein haben wir das Binnenwasser auf einer kurzen Brücke überquert. Diese kleine Handelsstadt war auf diverse Getreidesorten und Heringe in Fässern spezialisiert, die in kleineren Speicherhäusern eingelagert wurden.

Jetzt haben wir das Unangenehmste geschafft, dachte ich, endlich kommen wir zügig voran. Die Straße brachte uns durch das Gewerbegebiet von Neustadt und anschließend durchs Grüne bis zum Parkplatz des Hansaparks. An diesen Parkplatz konnte ich mich noch genau erinnern, weil ich dort vor Jahren im Rahmen einer Werbeaktion eine kostenlose Coladose erhalten habe. Manchmal braucht es nicht viel, um ein Kind zu begeistern. Selbst dann nicht, wenn das betreffende Kind gerade in Deutschlands nördlichstem Freizeitpark war.

Den Hansapark in Sierksdorf haben wir ausgelassen, weil wir ihn schon gut kennen. Dieser Park hat besonders viele alberne, verkleidete Maskottchen. Die sind dermaßen dämlich, dass ich und meine drei Geschwister nacheinander von allein aufgestanden sind und deren bescheuerte Show verlassen haben. Obwohl wir völlig unterschiedlichen Alters waren. Naja, dieser Park richtet sich eben vorwiegend an Familien. Eigentlich.
Deshalb stehen da vor allem harmlose Achterbahnen. Hinzu kommen außerordentlich viele Wasserbahnen, die sämtliche Kinder zuverlässig durchnässen.

Doch dann beschloss die Parkleitung eines Tages, so richtig was für größere Adrenalinjunkies zu bauen. Deshalb ragen zwei sensationell hohe und schnelle Achterbahnen in den Himmel: Den Fluch von Novgorod und den Schwur des Kärnan. Die haben folgende Gemeinsamkeit: An einer Stelle geht das Gleis senkrecht nach oben und direkt danach senkrecht wieder runter (bei Novgorod ist diese Stelle am Ende, bei Kärnan am Anfang). Nichts für schwache Nerven - das langsame Hochfahren jedenfalls, das Runterfahren geht ruckzuck und ist gar nicht schlimm.
Deutschlands einzige Erlebnispark am Meer versucht auch inhaltlich, einen Bezug zur Ostsee herzustellen. Deshalb haben die Gleise von Novgorod die Form eines Seemannsknotens. Außerdem war die Stadt Novgorod ja in der Hanse. Kärnan ist aber die bessere Achterbahn der beiden, er ist länger und die Sitze sind bequemer. Der riesige Kärnan war es auch, den wir heute früh aus der Ferne gesehen haben.
 

Das Lübecker Holstentor bildet den Eingang, und direkt daneben fuhr sogar mal der Rasende Roland, eine Achterbahn, die dem Dampfzug auf Rügen nachempfunden war. War, wohlgemerkt. Inzwischen wurde der ganze Bereich britisch thematisiert und der Roland in Royal Scotsman umbenannt. Trotzdem rattert die Bahn nach wie vor durch ein Bäderhotel, gestaltet im Stil vom Ostseebad Binz auf Rügen.

Außerdem lockt die Lübecker Bucht noch mit dem Sealife Timmendorfer Strand und der Ostseetherme in Scharbeutz. Diese teure Therme ist nur für komplett gegensätzliche Zielgruppen attraktiv: Leute, die entspannen oder gefährlich schnelle Wasserrutschen runter wollen. Wie ein Leuchtturm entsendet der Turm der Therme rotes und grünes Licht, das sich bei näherem Hinsehen als Rutsche entpuppt. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Badegäste durch ein Drehkreuz direkt an den Strand und wieder zurück in die Therme gehen können, so oft sie wollen. Aus irgendeinem Grund waren ich und mein Bruder damals im April 2014 die einzigen, die das gemacht haben. Das war so ungewöhnlich, dass wir hinterher an der Kasse noch ungläubig darauf angesprochen wurden: "Wart ihr wirklich im Meer?"

Wann immer ich bisher die Lübecker Erlebnisbucht besucht habe, bin ich irgendwo ausgestiegen, habe mein Ziel angesteuert und fand das ganz super. Heute bin ich zum ersten Mal durch den Raum dazwischen geradelt. Am Ende des Tages sah ich die Erlebnisbucht mit anderen Augen. Mit deutlich negativeren Augen, um genau zu sein.
Die Seebäder Sierksdorf, Haffkrug, Scharbeutz, Timmendorfer Strand und Niendorf gehen direkt ineinander über, dazwischen ist kein einiger Zentimeter Platz für ein bisschen Ruhe. Selbst Mitte September war hier die Hölle los. Morgen sollten die Temperaturen fallen, und deshalb waren Tagesausflügler und Kurzurlauber aus aller Welt (die meisten sahen deutsch aus, aber eine schnelle Zählung ergab acht Milliarden) angereist, um den letzten heißen Tag auf einem Viertelquadratmeter Strand zu verbringen. Ich versuche ja wirklich, kein Etepetete-Traveller zu sein, der sich beschwert, sobald irgendwelche anderen Touristen da sind. Doch diese Bucht fand ich grenzwertig.

Inzwischen hatten wir Hunger. Doch wo sollten wir in diesem Gedränge den Campingkocher aufstellen, ohne den Corona-Mindestabstand zu unterschreiten oder andere Menschen anzuzünden? Im Schatten der Rasthütten drängten sich zu viele Leute. Endlich entdeckten wir in Haffkrug eine kleine Aussichtsplattform auf der Düne. Schnell sicherten wir uns eine der Bänke, solange sie noch frei war. An diesem kleinen Rückzugsort kochten wir uns Kartoffeln. Erstaunlicherweise benötigten wir wirklich den Campingkocher, die sengende Sonne reichte nicht aus, um das Wasser zum Kochen zu bringen. Während unserer Mittagspause nahmen mindestens fünf verschiedene ältere Paare auf der anderen Bank Platz, um jeweils einige Minuten lang das Meer anzustarren.

Dass direkt hinter den Dünen eine Straße verläuft, ist der Entspannung auch nicht gerade förderlich. Anfangs mussten wir direkt auf der Straße fahren. Aber nicht einmal, als ein Radweg auftauchte, konnten wir wirklich aufatmen.
In Timmendorfer Strand werden die Radler auf zwei Straßen aufgeteilt, je nachdem, aus welcher Richtung sie kommen. Auf den Straßen ist so viel los, dass ihnen nicht Radfahrer aus zwei Richtungen zugemutet werden können.

Gott sei Dank, in Niendorf verschwanden wir hinter diesem Haus und landeten am Strand. Geht es hier wirklich weiter? Ja, aber nicht am Strand.

Der Wald verschluckte uns, und dort ging es dann erstmal aufwärts. Wir waren aber so froh, der Erlebnisküste entronnen zu sein, dass es fast wie von selbst den Berg hinaufging. Klarer Fall, hier wächst eine neue Steilküste heran! Als wir den Wald wieder verließen, konnten wir sie erkennen.
In Schleswig-Holstein haben wir so einige steile Ufer gesehen, doch nun boten die letzten Kilometer ein grandioses Steilküsten-Finale. Diese Küste ist weder vollkommen zugewachsen noch ganz nackt, sondern leicht bekleidet. Sie trägt quasi Badesachen, weil sie an einem Textilstrand steht.
Auch hier waren viele Menschen unterwegs, aber in einem Ausmaß, mit dem wir klarkamen. Zwischen dem Abgrund und dem Stoppelfeld radelten wir auf und ab. Unten kreischten Menschen im Wasser. Die badeten wesentlich gefährlicher, aber auch weniger beengt als die Leute im Strandkorbmeer einen Kilometer entfernt. Immer wieder hielten wir an, um uns eine Stelle genauer anzusehen. Ein Geländer gibt es nicht, die Sicherheitsvorkehrungen werden hier eher locker gehandhabt.

Ein Geländer würde sowieso bald runterfallen. Jedes Jahr bricht die Küste um ein paar Zentimeter ab. Für die Radfahrer und Wanderer ist das gefährlich (was aber offenbar niemanden juckt), für die Bauern ärgerlich. Denn mit jedem Abbruch verschiebt sich der staubige, ausgetretene Wanderweg weiter auf ihre Felder, sodass ihnen weniger Anbaufläche bleibt. Früher gab es hier auch Holztreppen runter zum Strand, die sind inzwischen abgestürzt. Wer weiß, wie lange es noch möglich ist, hier oben rumzulaufen. Bevor es zu spät ist, verleihe ich dem Brodtener Ufer das Prädikat

🌟Ort, den ich meiner Familie mal als Tagesausflug empfehlen würde

Was ist das denn? Oha! Auf einmal erkannte ich die Grundmauern eines kleinen Häuschens, die an der Steilküste abhingen. Sie waren zwar ein bisschen zugewachsen und eingefallen, aber die Form ließ sich noch ungefähr erkennen.

Mich persönlich würde so ein Anblick ja ein bisschen nervös machen, wenn ich ein Haus an dieser Küste hätte. Zwei Häuser stehen hier tatsächlich, erstens dieses Wohnhaus und zweitens das Erlebniscafé Hermannshöhe. Letzteres steht in großem Sicherheitsabstand zur Küste, damit es für die Gäste nicht zu erlebnisreich wird.

Hinter dem Café sind wir wieder im Wald verschwunden und durch die dünnen Bäume bergab gesaust. Auch wenn wir nicht sehen konnten, wie sich die Steilküste zurückzieht, war das ein super Abschluss der Steilküstenspannungsstrecke.

Eigentlich hatten wir überlegt, jetzt noch nach Lübeck zu radeln. Dort wollten wir bei Waltraud, einem weiteren herzensguten Menschen, übernachten. Unsere Pläne änderten sich, als sie uns oben auf dem Brodtener Ufer anrief und mitteilte, sie habe einen Tisch für acht Uhr beim Italiener reserviert. Um noch rechtzeitig anzukommen, stiegen wir in den Schnellbus. Anschließend verbrachten wir einen wunderbaren Abend mit der nettesten und großzügigsten Familie von Lübeck und legten einen dringend benötigten Ruhetag ein.