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Montag, 6. Mai 2024

Von Suuremõisa nach Peraküla

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wandern von Osten her über eine kleine Republik im Nordosten Europas, sie überqueren den Moonsund und treffen auf eine Insel, die aussieht wie ein Kreuz. Als erstes berührten sie das östliche Ende des Kreuzes, beleuchten ein Schiff, einen modernen Fährhafen und ein eigenartiges Bauwerk aus Grau und Glas, in dem sich Fahrräder unterstellen lassen. Und einen Radfahrer.

Und ihr Licht trifft auf keinerlei Widerstand. Die Wolken haben kampflos aufgegeben und den Himmel komplett freigemacht. Ungestört strahlt sie über den Sund und eine winzige Insel mit Leuchtturm neben der Fährstrecke. Als der Schneesturm letzte Woche vorbei war, dachte ich mir: Dafür muss jetzt aber zum Ausgleich die zweite Woche komplett Sommer sein. Das Universum hatte diese Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit gehört und dachte sich: OK, geht klar.

Die Fähre gehört demselben Betreiber wie die erste in Virtsu. Allerdings braucht sie ein gutes Stück länger - sie fährt etwa alle zwei Stunden und auch etwa zwei Stunden lang. Heißt: Man kann sein warmes Styropor zumindest ohne Eile essen. Und dann ist immer noch Zeit, um die Sonne auf dem Außendeck zu genießen.
So erreichte ich den Hafen von Rohuküla, wo übrigens auch Fähren nach Vormsi (die viertgrößte Moonsund-Insel) ablegen.

Nach drei Tagen stand ich erneut auf dem Festland. Und das Festland gab sich direkt Mühe und startete am Hafen den besten Bahnradweg des Baltikums.

Kein Wunder, dass hier viele Radler und Spaziergänger aus der nahen Stadt unterwegs waren. Es ist zwar wie üblich (außer in Emmaste) ein Kiesweg, aber ein sehr guter, der richtig viele Überbleibsel der historischen Bahnstrecke enthält. Also, hier noch nicht, aber bald. 
Die Wälder und Wiesen machen einen nassen Eindruck, dementsprechend zieht sich oft ein Entwässerungsgraben auf beiden Seiten der Bahnstrecke entlang.

Ich würde ja gern ein paar interessante Fakten über diese Bahntrasse preisgeben, aber das wird schwierig.

Fest steht nur, sie sollte offensichtlich eine Verbindung zur Fähre darstellen, wegen des Dörfchens Rokuküla am Hafen werden die sich wohl kaum die Mühe gemacht haben.
Nach ein paar Kilometern kam ich an ein paar rostigen runden Blechschuppen vorbei, überquerte eine Brücke und fuhr in den Bahnhof von Haapsalu ein. Da liegen ja noch richtige Schienen mit Zügen drauf!

Lokomotiven und Wagen mit Namen wie Auruvedur TE-3368 Eestis stehen auf den drei Gleisen herum. Dahinter beginnt der längste überdachte Bahnsteig Estlands. 216 Meter graue Platten bröckeln vor sich hin.

Aber das bunte Dach und das Gebäude deuten noch auf die vergangene Pracht hin. In Haapsalu machten nämliche die russischen Adligen gern Urlaub. Der Bahnhof wurde extra für Besuche der Zarenfamilie gebaut, und der Bahnsteig misst genau 216 Meter, weil das die Länge vom Privatzug des Zaren war.
Tja. Und jetzt findet sich im Gebäude nur noch das Radteemuuseum (Eisenbahnmuseum), aber keine Eisenbahn fährt mehr. Das ist schon echt traurig, denn Haapsalu ist nun wirklich keine kleine Stadt (immerhin Platz 15 in Estland)!

Der Bahnhof ist der Knotenpunkt von gleich drei Bahnradwegen. Den ersten zum Hafen kenne ich schon. Der zweite folgt einem Gleis, das bald komplett vom Gras überwachsen ist, zurück zum Wasser auf einen schönen Uferweg und in die Innenstadt.

Happsalu liegt ziemlich geschützt in einem großen Fjord voller Schilf. Dennoch war die Ostsee gerade dabei, eine der städtischen Badeinseln zu verschlucken.

So, wie sieht denn nun die eigentliche Stadt aus? Niedrig, niedlich, mit viel bemaltem Holz und einer Burg - quasi ein Kuressaare auf dem Festland.
Auf dem Schwedischen Markt steht eine Statue namens Junge mit Fisch. Dreimal dürfen Sie raten, was hier gehandelt wurde und woher die Fischer ursprünglich stammten.
Weitere Exportgüter der Stadt: Schals und die Illustrationen der Astrid-Lindgren-Romane.

Es war an der Zeit, Lebensmittel für das letzte Wegstück einzukaufen. Während in Lettland irgendwelche Super2000Wasweißich-Supermarktketten dominierten, die ich nicht kannte, befindet sich ganz Estland fest in der Hand von Coop. Selbstbedienungskassen gehören in diesem digitalen Land selbstverständlich zum Standard. Einige Coops waren noch einen Schritt weiter und hatten diese kleinen Handscanner, mit denen man die Sachen direkt scannt, wenn man sie in den Einkaufswagen legt.
Der Coop in der Altstadt von Haapsalu hat einfach mal so für den Kontrast eine uralte Registrierkasse als Deko danebengestellt.

Auch relativ zentral befindet sich dieser Friedhof, auf dem offenbar Strafgefangene bestattet wurden.

Die ganze Stadt gruppiert sich um eine enorme Riesenmauer: Die Bischofsburg. Na, dann mal rein da!

Im äußeren Ring durfte ich wie so oft eine Plattform auf den Außenmauern besteigen und frei herumfahren.
Das hatten auch die Sportlehrer von Haapsalu mitbekommen. Einer hatte seine Klasse mitgebracht und ließ sie an diesem klaren Morgen zwischen den uralten Mauern herumrennen. Ich gewährte ihnen Vorfahrt, denn ich hatte ja Zeit. Das Burgmuseum sollte in einer knappen Stunde öffnen - das geht ja noch, so lange kann ich auch mal warten.
Haapsalu ist eine aufsteigende Stadt. Das meine ich wortwörtlich: Seit die Gletscher verschwunden sind, hebt sich der Boden um einen Zentimeter pro Jahr. Heißt: Als Haapsalu 1279 das Stadtrecht bekam, stand es noch auf einer Insel und in strategisch günstiger Position.

Und genau deshalb errichteten die Fürstbischöfe von Ösel-Wiek hier ihre Burg. Sie regierten das Gebiet (inklusive Saaremaa), das die Ordensritter erobert hatten, wie einen Gottesstaat oder eine deutsch-katholische Kolonie. Zwar lebten sie so ziemlich am Rand der katholischen Welt, aber die Kleriker hatten ja überall in Europa von Rostock bis Bologna studiert und damals Networking betrieben, und mit diesen Connections wurden sie mächtige politische Spieler, die auf ihren Dienstreisen nach Rom auch im Rest Europas vorbeischauten. Ihre konkurrierende Nachbarkolonie, zu der sie eine sorgfältige Hassliebe pflegten, war der Livländische Orden.
Bischof Hermann von Buxhoeden gründete die Stadt Haapsalu und verlegte das Domkapitel, also im Prinzip die Hauptstadt, hierher. Sein Vorgänger hatte noch verlangt, dass die Domherren bescheiden und fromm im Kloster nach den Regeln des Heiligen Augustinus leben und den Großteil ihres Einkommens an die Kirche spenden. Hermann war eher eine Art FDP-Bischof und führte die lockeren Aachener Regeln ein: Die Domherren durften auf eigenen Gutshäusern leben und Kohle scheffeln. Er hoffte, mit diesen attraktiven Benefits zweit- und drittgeborene Söhne des Adels, die sonst nichts erben würden, als Fachkräfte anzuwerben.
Vor Eroberung mussten sie erst mal keine Angst haben. 1384 empfahlen die Ratsherren von Lübeck allen Kolonien dringend, die neu erfundenen Kanonen nicht an Fremde zu verkaufen. Was bei Atomwaffen nur wenige Jahre gehalten hat, klappte damals immerhin 100 Jahre. So lange konnten sich die Bischöfe mit ihrem Keller voll Schießpulver sicher fühlen.

Auf die halben Mauern der Burg wurden von außen moderne schwarze Kästen draufgebaut und von innen moderne Glasscheiben mit Landkarten und Bildern drauf getackert. Im Keller und Erdgeschoss dieses hybriden Bauwerks erstreckt sich ein modernes Museum. Es gibt am Eingang Kopfhörer, und dann soll man sich eine App als Audioguide runterladen. Erstaunlicherweise funktionierte das sogar alles.
Die App gibt es auch auf Deutsch, wobei eine automatische Stimme (KI?) vorgefasste Texte mit seltsamer Aussprache vorliest. Aber man kann sie ja auch auf der App nachlesen. 29 Räume oder Punkte mit je einem kleinen, handlichen Stück Text - das ist ja noch überschaubar, ich dachte schon, ich bleibe hier womöglich den ganzen Tag hängen.
Die Stimme in der App sagt zum Beispiel "Hypokau-Stofen" statt "Hypokaust-Ofen". Das ist eine mittelalterliche Heizung, bei der die Wärme ein paar mehr Zwischenschritte durchläuft als normalerweise. Unter dem Mauerbogen brennt sechs Stunden lang ein Feuer und erhitzt die Steine darüber. Wenn die Steine schließlich Saunatemperatur haben, werden werden links und rechts Luftkanäle geöffnet und die warme Steinluft strömt durch die Burgmauern.
Trotzdem gab es auch offenes Feuer, also wurde Holz als Baumaterial möglichst überall gemieden. Kalksteine konnten aber nur im Winter über die gefrorene Ostsee rangeschafft werden, weil Haapsalu nun mal eine Insel war. Die Burgherren waren so zur Nachhaltigkeit gezwungen und nutzten beim Umbauen möglichst viele alte Steine.

Auch waren die Fürstbischöfe so fortschrittlich, dass ihr Klingelbeutel (unten rechts) in der Burgkirche selbstverständlich alle Arten von Kreditkarten akzeptiert.

Während die Domherren auf ihren Gutshäusern entspannten, galten für die Mönche auf der Burg weiter strenge Regeln. Nicht jedem gefiel dieses Leben in der Theokratie. Unzufrieden waren zum Beispiel ein junges Mädchen aus der Stadt und ein junger Mönch, der ganz und gar unmönchische Dinge für besagtes Mädchen empfand, die er unter Todesstrafe nicht empfinden durfte. Aber welche Chance hat die Furcht vor dem Tod gegen junge Hormone? Null. Er verkleidete sein Freundin als Jungen, sie bewarb sich im Kloster und sang bald darauf mit ihm im Chor. Bis die beiden irgendwann erwischt wurden.
Der Fürstbischof war so schockiert von diesem Gendergaga, dass er ihn im tiefsten Verlies verhungern ließ und sie lebendig einmauerte. Tagelang hallte ihr Klagen durch die Gänge. Und Sie haben es wahrscheinlich schon erraten: Angeblich ist hier Geist hier noch immer heimisch und demonstriert, dass das Verfallsdatum von Liebe manchmal länger dauert als das von Schmelzkäse. Selbst für ein Burggespenst ist es ein ungewöhnlich standortfixierter Geist, denn die Weiße Dame erscheint nur in einem ganz bestimmten Fenster.

Nur bei Vollmond im August (rein zufällig zum Festival Zeit der Weißen Dame) fällt das Licht in einem ganz bestimmten Winkel durch ein spitzes gotisches Fenster in einem runden Seitenraum der Kirche. Dann erscheint an der Wand die Gestalt einer runden (ja, so stand es auf dem Schild - Body-Positivity gibt es auch bei Gespenstern) weißen Frau.
Niemand weiß, ob das Zufall oder Spuk ist oder ob der Architekt da ein Easter Egg zu Ehren der Jungfrau Maria verbaut hat.
Bei Tageslicht im Mai sieht die Silhouette jedenfalls aus wie ein... Fenster.

Irgendwann endet alles, insbesondere Theokratien. Im Livländischen Krieg eroberten die Schweden das Land und machten aus der prunkvollen Bischofsresidenz eine nüchterne, wehrhafte Festung. Nach Kriegsende verkauften sie das Ergebnis an einen Grafen, der sie eigentlich wieder in Richtung prunkvoll umbauen wollte, aber nicht genug Geld hatte. Dann brach ein Feuer im Haus eines Gärtners aus und machte endgültig eine Ruine daraus.

Auch im kostenpflichtigen Museumsbereich gibt es noch Treppen auf die Wehrgänge, die Mauern rauf und runter und in Wendeltreppen durch die kleinen Türmchen. Na, da kann ich doch ganz oben gleich mal nachgucken, wie die restliche Strecke heute aussieht.

Zwei Tage Puffer hatte ich zu Beginn der Reise eingeplant. Zwei Tage Puffer habe ich an den Katastrophentagen zu Beginn verloren. Und zwei Tage Puffer habe ich inzwischen wieder aufgeholt - würde ich heute wieder 100 Kilometer am Tag fahren, wären es sogar drei. Deswegen habe ich mir heute in aller Ruhe die Burg angeschaut und bin danach nur 60 gefahren. (Wobei, dafür gibt es noch einen weiteren guten Grund, zu dem kommen wir noch.) Einen großen Teil davon verbrachte ich damit, den Fjord von Haapsalu (hinten im Bild) großräumig zu umfahren.

Erstmal kehrte ich zum Bahnhof zurück und nahm die einzige Bahntrasse, die ich noch nicht probiert hatte. Sie brachte mich hindurch zwischen alten Wagen, Bahnhofsgebäuden und Wasserpumpen - der Zarenbahnhof hatte echt ein großes Gebiet.

Und auch auf dem Rest der Strecke ragten hin und wieder alte Bahnsteigkanten aus dem Gras. Der Bahnradweg geht noch viel weiter zu anderen Städten im Binnenland - keine Sorge, bis irgendwo tatsächlich noch Züge fahren, dauert es noch.
Aber Ostseeradler müssen ihn nach acht Kilometern wieder verlassen.

Aber hey, sie bekommen ja trotzdem einen Radweg.
Der plötzlich an einer Kreuzung so endet, dass sie entweder Geisterfahrer werden oder das Rad über grasige Verkehrsinseln drüberheben müssen.
Oder der aus Dorfpistenmaterial besteht.

Puh, endlich konnte ich die Hauptstraße verlassen und auf die Nebenstraße.
Wo Elche rumlaufen.

Okay, Elche habe ich keine gesehen. Aber ein Kuh-Warnschild erwies sich als sehr wahr. Direkt vor mir versuchte eine Bäuerin, ihre entflohene schwarze Kuh wieder in Richtung Wiese zu lenken. Doch die Kuh fand die Straße und all die Dinge, die so plötzlich auf sie zurasten und abbremsten, offensichtlich spannender.

Auf einmal löste sich direkt vor mir ein Auto in einer Staubwolke auf. Entweder das, oder es ist auf eine Dorfpiste abgebogen.

Boah, ich muss den Staub aus der Lunge kriegen! Nichts wie ab ans Meer (hinten links) und in den Wald, wo die Luft besser ist!
Und die Wege sandiger. Seufz. Ich hätte die Bahntrasse nie verlassen sollen.
Diese Heidefläche wächst bei Dirhami, an der nordwestlichen Ecke des estnischen Festlands.

Auch hier lebten wieder mal die Estnischen Schweden a.k.a. Küstenschweden. In Spithami durften sie im Zarenreich wohnen bleiben und hauten erst 1944 nach Schweden ab. Die Grenztruppen schleiften ihre Häuser, aber in den 90ern bekamen sie die Grundstücke zurück, verkauften sie weiter oder bauten sich Ferien- und Wochenendhäuser drauf. Die Häuser sehen modern aus, die Wege dorthin sind es nicht. 

Aber dann, im tiefsten Wald und mitten im Naturschutzgebiet, erwartete mich eine vollkommene Überraschung. Auf einer kleinen Lichtung am Wegesrand stand dieser Aussichtsturm mit extraweitem Blick über einen Sumpf. Nein, das ist nicht die Überraschung, so was gab es ja schon hin und wieder.
Aber an seinem Fuß standen ein paar Bänke und eine Tafel. Mooment - dieses Symbol mit dem Zelt und der 4 daneben - ist das etwa ein Naturlagerplatz? Mal sehen, was auf der Texttafel darüber steht - ja, wirklich, hier kann man einfach gratis zelten. Ein aufrechtes kleines Naturschutzgebiet im Nordwesten hat beschlossen, sich von Dänemark inspirieren zu lassen. Zumindest von den Übernachtungsmöglichkeiten, nicht unbedingt von den Radwegen.

Bislang waren exakt 0 von 4 Zeltstellen besetzt. Na, wenn es das hier schon so etwas Seltenes gibt, dann sollte ich da ja wohl auch pennen, oder? Dann mache ich heute eben mal früh Feierabend. Wo genau bin ich überhaupt? Ich schaute auf den Plan vom Naturschutzgebiet und sah, dass es ein paar Kilometer weiter noch mehr Zeltstellen geben soll, direkt am Strand. Klingt noch besser!

Und was das für Zeltstellen waren. Das Areal ist gigantisch, so einen riesigen Naturlagerplatz habe ich noch nie gesehen. Hölzerne Zäune grenzen ein Rechteck nach dem anderen ab, und darin befinden sich immer wieder Plumpsklos, halboffene Rasthütten, verbunden durch Holzstege, Feuerstellen, Grills, Tische und Bänke, Bänke, Bänke... und dann der nächste Zaun, und alles geht von vorn los. Würde man diesen Naturlagerplatz in Stücke zerteilen und über ganz Estland verteilen, hätte das Land wahrscheinlich ein ähnlich dichtes Netz an Zeltstellen wie Dänemark.

Die letzte Reihe an Zeltstellen befindet sich nicht mehr im Wald, sondern in den Dünen. Weit entfernt grillte irgendwo eine Familie, ohne zu zelten. Ansonsten hatte ich die freie Auswahl. Obwohl es dort keine Hütten und Plumpsklos mehr gab, entschied ich mich für eine Dünenstelle. Das hat einfach mehr Stil, und der Sand ist auch weicher. Nur kühler war es natürlich.


In der Abenddämmerung ragte eine rätselhafte Ruine auf der Düne auf wie eine unbeantwortete Frage. Das demolierte Haus eines Estnischen Schweden?
Und noch ein Rätsel: Wo im Bild beginnt der Himmel und endet das Meer? Na?

Der Finnische Meerbusen sah ganz eigenartig aus. Als hätte er überhaupt keine Lust, ein Meer zu sein, und wäre viel lieber ein Himmel.
Winzige Wellen schwappten an den Strand. Mein Kochtopf musste noch ausgespült werden, und weil ich kein Wasser nachfüllen konnte und keine andere Möglichkeit hatte, probierte ich es hier. Das Wasser war so flach, dass ständig Sand mit hineingeriet. Wenn ich tieferes Wasser wollte, schwappte es schon auf meine Schuhe.

Freitag, 3. Mai 2024

Von Virtsu nach Koovi

Virtsu ist eigentlich nur als Ort um die Fähre entstanden, und das sieht man auch: Es gibt eine große Straße zum Check-In-Schalter, und auch sonst scheint einfach alles auf die Fähre zuzustreben. Inklusive mir.
An sich könnte ich auch auf dem Festland weiterfahren (wobei ich da keine Städte und nicht viel Meer sehen würde, weil ich einen großen Fjord weiträumig umfahren müsste). Aber alle, wirklich alle Quellen sind sich einig, dass die Ostseeradler jetzt über die Moonsund-Inseln weiterfahren sollen. Na, dann muss da ja was dran sein.
Ich machte mich also gleich morgens auf zur ersten Fähre, löste eine Fahrkarte und stand dann noch ein paar Minuten herum, während über dem Moonsund die Sonne aufging. Der Nebel verwirbelte ihr Licht zu fantastischen Formen.
An dieser Stelle kommt mein Bikeline mit der verrücktesten Wegbeschreibung um die Ecke, die ich jemals in einem Reiseführer gelesen habe: Wenn im Winter der Sund tief genug zugefroren ist, kann man die Insel über eine auf dem Eis markierte Trasse erreichen. Das Buch empfiehlt, im tiefsten Winter 25 Kilometer übers Eis zu radeln.
Dazu folgende Fragen:
1. What?!
2. Ist das wirklich noch aktuell, trotz globaler Erwärmung und so? Offenbar schon: Der Stadtführer in Tallinn meinte jedenfalls, auch heute noch würden die estnischen Eisbader jeden Winter Löcher ins Eis hacken. Es gibt ganze sieben Eisstraßen in Estland, und die hier ist die längste.
3. Wer zur Hölle würde denn um diese Jahreszeit eine Estland-Radreise machen? Ich wurde ja schon schräg angeschaut, weil ich im April gestartet bin. Und im Januar? Damit ich mir das antue, muss nicht der Moonsund gefrieren, sondern die Hölle.

So richtig konnte ich mir nicht vorstellen, wie das hier im Winter mit der Eisstraße aussehen muss. Wahrscheinlich fühlt man sich dann wie in einer ganz anderen Welt (der sogenannten Virtsual Reality).

Die Fähre fährt etwa einmal pro Stunde, aber nicht immer zur selben Zeit. Deswegen habe ich vorher online nachgeschaut. Dort gibt es eine Tabelle, in der einzelne Fahrten mit Symbolen markiert sind, zum Beispiel dem Radioaktiv-Zeichen (Gefahrguttransport), Prozentzeichen (teurer wegen Stoßzeit) und einer Schweineschnauze (Viehtransport - Achtung, es können typische Gerüche auftreten!) Äh, danke, ich nehme lieber eine ganz normale Fahrt.
Auf jeden Fall macht die Tabelle klar: Das hier ist kein Touristenboot, hier fahren echte Esten, und auf den Inseln leben und arbeiten wirklich Leute. Es sind schließlich die drei größten Inseln des Landes. Die Esten überlegen sogar, hier eine Brücke hinzubauen. Die Fähre ist ungefähr so mittelgroß wie die Langelandslinjen in Dänemark und so modern, dass ich während der 30 Minuten Überfahrt kaum die Zeit fand, all das zu tun, was ich vorhatte: Meine Trinkflaschen auffüllen, mein Handy an der Steckdose laden, im WLAN noch ein paar Sachen nachgucken und frühstücken. Die Fähre serviert müden LKW-Fahrern ein Frühstück aus, wie Terry Pratchett sagen würde, flugunfähigen Vogelembryonen, Fleisch von bestimmten Körperstellen von Schweinen und pflanzlichen Knollen, die in tierisches Fett getaucht wurden (Eier, Speck und Bratkartoffeln). Dieses Zeug bereiten sie auf eine bemerkenswerte Weise zu, die zwar den Magen ausstopft, aber trotzdem weder satt macht noch Energie verleiht. Schon klar, so ein Frühstück ist nicht das gesündeste - aber noch nie bin ich vom Tisch aufgestanden mit dem Gefühl, warmes Styropor gegessen zu haben.

Ansonsten war die Fähre aber tiptop und setzte mich pünktlich am Anleger von Kuivastu ab. Der schöne Sonnenaufgang war verschwunden, wir waren in einer grauen Wolke gelandet.
Und auf Muhu. Früher hieß die mal Moon oder Mohn. Obwohl sie die kleinste der drei Inseln auf meiner Route ist, hat sie dem Moonsund ihren Namen gegeben.

Kuivastu ist das Spodsbjerg Estlands: Nur eine Fähre und ein Grüppchen einsamer Einfamilienhäuser. Die meisten stehen am Wasser, ausgenommen diese römische Villa.

Die Insel Muhu würde ich dagegen eher mit dem dänsichen Tåsinge vergleichen. Ich hätte mittendurch auf der Straße fahren können, aber dann wäre ich die ganze Zeit im starken Verkehr und schnell wieder von der Insel runter gewesen, ohne viel gesehen zu haben. Außer ein einsames Kunstwerk von... einem Typen mit Schmetterlingsflügeln, der in einem riesigen Stelzenstuhl im Sumpf hockt? Was will uns der Autor damit sagen?
Vermutlich nicht gerade, dass seine Insel überbevölkert ist. Aber immerhin 2000 Menschen leben hier, mehr, als ich gedacht hätte.

Nein, da folge ich doch lieber der Karte auf einem Bogen durch die Südseite der Insel. Auf einmal zerfaserte die Nebelwolke, und strahlend blauer Himmel kam heraus. Ein erstaunlicher Übergang.

Nun ja, wirklich viel zu sehen gibt es hier auch nicht. Auf der Fähre hing eine bunt bemalte Karte, auf der die Sehenswürdigkeiten der beiden Inseln eingetragen waren. Und im Süden Muhus stand da eigentlich nur: Pädaste Mõis. Ein beigefarbenes altes Gutshaus, das nun als Hotel dient.

Immerhin: Den Pädaste-Park kann man von 12 bis 19 Uhr besuchen. Wenn man sich ordnungsgemäß bei Pförtner anmeldet, bezahlt und er die Schranke hochlässt. Na prima, und da steht noch nicht mal dran, was der Spaß kosten soll. Irgendwas muss es aber kosten, sonst wären da nicht die gut sichtbaren Aufkleber für Kreditkarten, die hier akzeptiert werden.
Da fand ich es nicht mehr schade, dass sich das ganze Mõis noch im Winterschlaf befand.

Sehr schade fand ich dagegen die folgenden Schlammwege, denn die waren unter aller Sau. Vielleicht hätte ich doch lieber im Norden Muhus langfahren sollen, dort soll es sogar Klippen geben.

Egal, die nächste Insel wartete schon. Eine befremdliche Verbindung führt hinüber: Auf den ersten Metern gibt es noch einen separaten Damm für Radler, nur um mich dann einfach auf die Hauptstraße auszuspucken. Hö, soll ich hier jetzt auf dem Standstreifen der Gegenrichtung als Radweg weiterfahren, oder wie ist das gedacht?
Auf kleinen Halbinseln kann man sich von dem dämlichen Damm erholen und unter Strommasten rasten, welche Muhu mit Elektrizität versorgen.

Statt Leitplanken, Geländer oder dergleichen setzt dieser Damm einfach auf ein niedriges Seil. Aber das Ding ist halt auch schon ziemlich alt. Seit dem 17. Jahrhundert fuhren spezielle flache Fähren, man nannte sie skate of the strait, und im Winter Pferdeschlitten auf dem Eis. Weil das nicht reichte, begannen1894 die Bauarbeiten. Einer der größten Damm-Enthusiasten war ein Lehrer und Kantor namens Carl Wilhelm Freundlich, der sich für den Bau engagiert hatte, ohne ihn noch zu erleben. Das Zarenreich stellte 14 250 Rubel zur Verfügung. Von dem Geld wurden erst mal Zweige ins Wasser gelegt, damit der Damm nicht im sandigen Meeresboden versinkt. Dann wurde das gemacht, was schon bei den Molen von Ainaži und Pärnu gut geklappt hatte: Lasst die Bauern Steine von ihren Feldern hertragen und bezahlt sie pro Stein, um den Mindestlohn zu umgehen sie zu motivieren, möglichst viele pro Tag zu bringen. Für 3 Meter Damm gab es 50 Rubel (das entsprach vier Milchkühen oder sechs AfD-Abgeordneten). Dafür mussten sie dann später auch jedes Mal fünf Kopeken abdrücken, um den Damm zu überqueren. Es gab auch mal ein Gasthaus am Brückenrand, das im Ersten Weltkrieg zu Bruch ging. Und erst in den 60ern kam Asphalt obendrauf.
Auf den Zweigen von 1894, den Steinen der Bauern und dem Asphalt der 60er erreichte ich also Estlands größte Insel: Saaremaa.

Und sollte dann direkt in Saaremaas zweitgrößten Ort abbiegen: Orissaare. (Als Gott die Vokale verteilte, war er in Estland zu großzügig und hatte dann keine mehr für Polen und Tschechien übrig.)
Mitten in Orissaare liegt ein Fußballplatz, und mitten auf diesem Platz steht eine Eiche, die mächtiger ist als die Sowjetunion. 1951 versuchten die Arbeiter und Bauern, sie zu fällen, und scheiterten an den dicken Wurzeln. Also haben sich die Fußballspieler einfach dran gewöhnt.
Dazu ein Rathaus vor einer Wiese, ein paar alte Industriegebäude und ein nagelneuer Coop-Supermarkt.

Auch auf Saaremaa macht die Route einen Bogen nach Süden, auf dem man jede Menge Gutshäuser, aber kaum etwas vom Meer sieht. Dafür aber eine der ersten Steinkirchen in ganz Estland, in Pöide (im Bild).
Ganz anders das Dorf Sakla (nicht im Bild), das als eins der ersten Dörfer seine Landwirtschaft kollektivieren musste - dementsprechend ist es aus der Ferne an seinen grauen Plattenbauten zu erkennen.

Lajmala dagegen ist besonders stolz auf seine Wiesen und seine Dichterin: Die Menschen haben ihre komplette Bushaltestelle zu einem bunten Botanik-Lehrbuch angemalt und der Poetin Debora Vaarandi eine Statue aufgestellt.
Ihre Familie zog von Pöide nach Tallinn nach Lajmala. In den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg kauften sie einen kleinen Bauernhof hinter dem Gutshaus und lebten die ersten Winter mit einem nichtfunktionierenden Herd im Keller des Guts. Trotz der harten Zeit glorifizierte sie die Heufelder von Saaremaa in ihren Gedichten (vielleicht, weil ihr Erwachsenenleben später mit Tuberkulose und Scheidungen auch nicht gerade leichter wurde).
Der Platz war knapp, vor allem, als ihr Bruder auch noch seine Verlobte dazuholte. Also bauten die Eltern einfach eine Sauna, in der sie dann auch schliefen. Wie in Skandinavien scheinen Saunen im Baltikum kein Luxus, sondern allgegenwärtiger Teil der Kultur und eine Waffe gegen die Kälte zu sein. Die Eltern gründeten auch die Dorfbibliothek, und ihre Kinder wurden die besten Stammkunden.
Einer von Debora Vaarandis bekanntesten Sätze ist übrigens: "Lennart, du wirst jedes Jahr mehr und mehr wie das Kamel von Viiralt." Der wurde zum geflügelten Wort. Das ist dann wohl estnischer Humor.

Saaremaas ganz spezielle Blumenböden heißen Alvar. Sie entstehen, wenn der Boden sehr nährstoffreich, aber dünn und im Sommer komplett getrocknet ist. So was gibt es nur auf den Ostseeinseln und in wenigen Gebieten von Südschweden, Westestland und bei St. Petersburg. Wie bei der Heide müssen ab und zu junge Bäume abrasiert werden, damit die Fläche so bleibt. 1994 wurden auf einem Quadratmeter Alvar 49 verschiedene Pflanzenarten entdeckt. Na, dann bin ich mal gespannt, wie viele ich sehe.
Und was soll ich sagen? Endlich mal etwas, wofür ich genau zur richtigen Jahreszeit hier bin! Saaremaa lebte und blühte in einem farbenfrohen Teppich aus weiß, gelb und grün. Das sind die schönsten Straßengräben der Ostsee! Ich dachte, ich wüsste, wie man in den Frühling hineinradelt, seit wir in den Osterferien an der Donau von den ersten kleinen Schneeresten zu warmem Sommerwetter fuhren. Aber diese Baltikumsreise war die Extremversion davon!
Auf Saaremaa leben drei Prozent aller estnischen Menschen und schätzungsweise 99 Prozent aller estnischen Wiesel. Wieder und wieder huschten die kleinen braunen Tiere wie von einem Bogen abgeschossen über die Straße - viel zu schnell, um sich überfahren zu lassen (und damit eine angenehme Abwechslung zu den doofen, endlos auf dem Weg Haken schlagenden Kaninchen, die auf vielen Inseln grassieren).

So, nachdem ich nun an zig geschlossenen Heimatmuseen vorbeigefahren bin, möchte ich aber doch mal irgendetwas auf den Inseln intensiver und am besten auch von innen besichtigen. Selbst, wenn ich dafür einen Umweg von sechs Kilometern einschieben muss. Auf nach Kaali!
Dieses Dorf wirkt gleich auf den ersten Blick ein bisschen anders. Es ist gemauert aus hellbraunen Steinen, die eine seltsame Kälte ausstrahlen. Im Herrenhaus befindet sich ein geöffneter Laden, und vor der Tür stand eine einsame Estin hinter einem Karren und verkaufte Souvenirs aus geschliffenem Stein.
"Guten Tag, ich würde gern das Museum besuchen.", bat ich im Geschäft. Und tatsächlich: Kaum hatte ich 2,50 Euro bezahlt, führte man mich in den Nachbarraum und knipste das Licht an.

"Yeah, this is the museum...", meinte die Kassiererin beinahe entschuldigend, weil es ja nur ein Raum war. Ach was - als ob ich bei 2,50 das Ozeaneum Stralsund erwartet hätte! Nee, bei dem Preis war mit genau so was zu rechnen: Ein Raum voller dichtbeschriebener Texttafeln und ein paar Gesteinsproben. Seltsam ist nur dieser allgegenwärtige kalte Stein, aus dem obskure Formen gemeißelt und ringsherum die Gesteinsproben platziert wurden. Das Museum zeigte mit einem bunt zusammengepuzzelten Steinrelief, aus welchen Mineralien Saaremaa so besteht, und gab mir Tipps, welche Klippen ich morgen auf der Nordseite besuchen soll.

Aber eigentlich geht es im Museum um einen rätselhaften Erdwall, der nur einen kurzen Spaziergang entfernt, hinter der Schule, aufragt. Schöne Spazierwege und Treppen führen rund um den Wall und auf und ab. Das ganze Ding ist 16 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 110 Metern. In der Mitte dümpelt ein grünlicher Teich mit erstaunlich klarem Wasser. Nach all dem Flachland hatte ich keine besonderen Erwartungen, und so traf mich unvermittelt die besondere Atmosphäre dieses Ortes wie ein Schlag. So riesig hatte ich mir das nicht vorgestellt! Als ich den ersten Schritt die Treppe hinunter machte, umfing mich die Stille, als würde ich in eine andere Zeit hinabsteigen.
Was mag das sein? Vielleicht ein Burgwall, der heiliges Wasser beschützen sollte? (Ja, aber der wurde erst später obendrauf gemauert.) Ein Vulkanausbruch? Eine aufgelöste Salzschicht (wahrscheinlich Kaali-Salze, höhö)? Gas? Wasserdampfexplosionen? Die Menschen rätselten jahrhundertelang.
Und lagen falsch.

Denn als das Ding entstand, lebte noch kein einziger Mensch auf Saaremaa. Und schon gar keiner mit einer funktionierenden Handykamera, der es hätte aufnehmen können. Schade eigentlich.
Vor 4000 Jahren stürzte ein Meteorit vom Himmel. Er brachte 20 bis 80 Tonnen auf die Waage, wenn es derart belastbare Waagen gäbe, und wäre mit 15 bis 45 Kilometern pro Sekunde geblitzt worden, wenn es derart schnelle Blitzer gäbe. Wäre ich ein Meteorit, könnte ich eine Tagesetappe in etwa drei Sekunden erledigen.
Als er auf unsere Atmosphäre knallte, zerbrach er in acht Stücke. Alle Stücke blieben noch ganz kurz zusammen und landeten genau auf diesem Bild.

Dabei wühlten sie die Erde auf, zerrten versteckte Dolomitenfelsen aus 50 Meter Tiefe empor und zerrissen sie zu schartigen Fetzen. Noch heute ragen sie krumm und schief aus dem Erdwall auf, in skurrilen Formen, die ich so nicht mal in den italienischen Dolomiten gesehen habe.
Das ist eigentlich auch der Grund, warum Geologen den Meteoritenkrater von Kaali so spannend finden - nicht wegen irgendwelcher außerirdischer Mineralien, sondern weil sie dadurch überhaupt erstmal gucken konnten, was denn so im Planeten Erde drinsteckt.
Denn vom Meteoriten selbst ist überhaupt nichts mehr drin.

Beim Aufprall beschlossen die acht Bruchstücke, sich zu trennen, schossen aus dem Hauptkrater heraus und produzierten auf auf dem nächsten Quadratkilometer nochmal acht Nebenkrater, die zwischen 15 und 40 Meter breit sind. Krater Nummer 4 liegt gleich neben der Straße nach Kaali, hat kein Wasser und eine kleine Treppe. Dort runterzusteigen fühlt sich eher an, wie in ein merkwürdiges Loch im Wald zu klettern - ich konnte sogar über den Rand gucken.
Andere Nebenkrater liegen versteckt auf Bauernhöfen hinter Haufen aus Mist. Zumindest, wenn ich der Karte am Museum korrekt gefolgt bin.
Und erst in diesen Nebenkratern fand 1927 der Bergbauingenieur I. A. Reinwald komische Spuren von Eisen, in dem Iridium drinsteckte - und mehr als drei Prozent Nickel! So eine Kombi gibt es auf dem Planeten Erde nie, sondern nur im Weltall. Damit war das Rätsel um den Krater von Kaali endlich gelöst - kein Wunder, wenn sich das außerirdische Metall so gut versteckt! Wobei der Krater natürlich auch Raum genug für Verschwörungstheorien bieten würde, die seine Entstehung ganz anders erklären, aber ich habe nicht den Eindruck, dass Esten auf so was stehen. Nein, sie erfinden lieber Sagen dazu - Verschwörungstheorien mit Stil.

Bis hierhin war der Meteoritenkrater für mich ein Motivationskrater gewesen. Aber als ich ihn hinter mir gelassen hatte, hatte ich auf einmal auch alle Energie hinter mir gelassen. Unvermittelt traf mich das, was man einen Durchhänger nennt. Ich musste nur noch bis zur Inselhauptstadt Kuressaare, um im Zeitplan zu bleiben - eigentlich ein Klacks. Morgen würde ich dann immer noch auf Saaremaa fahren, und erst übermorgen die Insel wechseln...
Aber irgendwie war mir die Lust an den ewigen Dorfstraßen vergangen, und ich hielt direkt auf der großen Hauptstraße auf die neuntgrößte Stadt Estlands zu. Am Ortseingang kam mir erstmal ein Minigolfplatz entgegen, auf dem einige Gebäude Saaremaas eher lieblos nachgebaut wurden. Soweit ich gesehen habe, ist das leider das einzige im Baltikum, das einem Modellpark irgendwie nahekam.

Die Stadt ist dagegen wirklich schön und besteht aus Holzvillen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Wie in Ventspils ist das Zentrum eher breit und niedrig - kein Wunder, auf der Insel ist genug Platz.
Ich wollte erstmal dem Durchhänger auf den Grund gehen und rausfinden, was mir fehlte. Vielleicht sind das die psychologischen Auswirkungen, wenn man warmes Styropor frühstückt? Eine anständige Mahlzeit muss her! Neben dem Restaurant dort standen Fahrräder mit dicken Taschen! Ich interpretierte das einfach mal als gute Bewertung und stieg hinab ins Kellergewölbe.

Dort bestellte ich erstmal die Vorspeise der baltischen Staaten: Knoblauchbrot. Ich habe es auf dieser Reise in allen Formen probiert: Trocken in der Plastikdose aus dem Supermarkt, als warmer Imbiss auf der Fähre von Kiel und (am besten) in der schicken Restaurant-Variante, frisch geröstet mit Käse drauf und Knoblauchsauce aus der Sauciere. Ein Snack und zugleich eine Nahkampfwaffe, wenn man jemanden danach anhaucht!
Und auch das Hauptgericht gab es richtig oft in den baltischen Staaten: Schnitzel mit Käse und Milchsauce drauf.

Als Kuressaare noch Arensburg hieß, herrschte in der (Sie erraten es sicher schon) Arensburg der (Sie erraten es sicher schon) Deutsche Orden. Die Burg steht hier seit 1380 und ist die am besten erhaltene mittelalterliche Burg im Baltikum. Und sie gehört zu den Burgen, bei denen man durch 80 verschiedene Wälle, Tore, Zugbrücken und Gräben marschiert, bis man dann eventuell irgendwann mal in der eigentlich richtigen Burg ist. Mit einem Fahrrad geht das zum Glück deutlich schneller! Die Holzvilla im äußeren Burgring wird als Hotel genutzt.

Aber irgendwo in der Mitte liegt ein 29 Meter hoher Turm namens Pikk Hermann a.k.a. Langer Hermann. Das Museum in der eigentlichen Burg verschloss gerade seine Pforten.

Macht ja nichts, draußen auf den Verteidigungswällen durfte ich kostenlos herumschlendern. Die haben die Schweden im 17. Jahrhundert dazugebaut. Sogar ein Windmühlchen steht auf den Kasematten, wahrscheinlich fürchteten die Schweden einen Angriff von Don Quichote. Diese hölzernen Mini-Mühlen sind in Estland an vielen Stellen zu finden, aber meistens versteckt am Dorfrand und nicht so prominent mitten in der Stadt.

Und da ist ja auch endlich wieder die Ostsee! Hinter den Burgwällen blinkt sie in der Sonne.
Ich bin jetzt mehr oder weniger gegenüber vom Kap Kolka; an der engsten Stelle der Irbestraße sind es nur 30 Kilometer rüber nach Lettland. Tja, für mich war die Strecke ein bisschen länger. Was bei einer Radreise sogar erwünscht ist, ist für Leute aus der Region natürlich eher frustrierend. Bis 2009 gab es eine Fähre von Virtsu nach Ventspils, jetzt wird diskutiert, ob es stattdessen eine ab Saaremaa geben soll.

Für ein kurzes Stück gibt es in Kuressaare sogar einen Uferweg direkt am Wasser.
Die Rigaer Bucht geht jetzt wieder in die normale Ostsee über. Nur dass sie hier nicht mehr Ostsee heißt, sondern Läänemeri. Das bedeutet: Westsee. Ich bin inzwischen so weit gefahren, dass das Meer den komplett entgegengesetzten Namen hat. Ergibt Sinn, hier liegt die Ostsee halt im Westen (aber auch viel im Norden und Süden). Wenn ich so darüber nachdenke, ist es echt nicht die schlauste Idee, ein Meer nach der Himmelsrichtung zu benennen, in der es für einen selbst liegt, das fordert doch Missverständnisse geradezu heraus. (Die Nordsee hieß zum Beispiel früher in Deutschland auch Westsee.)
Da haben es die Slawen und Briten mit Baltisches Meer schon besser gemacht. Oder? Was bedeutet eigentlich dieses balt, mit dem mein Meer und die drei Staaten auf dieser Tour immer wieder bezeichnet werden? Da gibt es drei Theorien: Entweder kommt es vom Wort Belt (Gürtel), weil die Ostsee so langgestreckt ist, oder vom litauischen baltas (weiß) oder von der sagenhaften Bernsteininsel Baltia, von der angeblich alles Bernstein in der Ostsee kommt und mit der die antiken Geschichtsschreiber vielleicht das dänische Seeland oder... Saaremaa gemeint haben! Puh, da bin ich aber froh, dass ich nach dieser etymologischen Abschweifung wieder den Bogen zurück auf die aktuelle Insel schlagen kann.

Um wieder richtig auf die Spur zu kommen, war ich in Kuressaare auch noch in der Sauna. Obwohl das Saunieren hier fast so beliebt ist wie in Skandinavien, muss ich leider sagen, dass alle drei baltischen Staaten von Saunabarbaren bewohnt sind: Sie legen kein Handtuch unter und setzen sich direkt aufs Holz in den Schweiß ihres Vorgängers. Entsprechend sieht das Holz zum Teil aus.
Die kleine Therme im Hotel in Kuressaare stach da zumindest ein bisschen positiv hervor: Überall in den Regalen liegen kleine eingerollte Handtücher, die man kostenlos benutzen kann. Es benutzt sie zwar nur die Hälfte der Gäste, und die Dinger sind auch kaum größer als ein Waschlappen, aber für die baltischen Staaten ist sogar das ein rekordverdächtiger Grad an Handtuchabdeckung.

Wie auch immer, trotzdem kam ich da gut erholt raus. Der Moment, in dem ich meinen Durchhänger endgültig überwand, war aber der, als mir klar wurde, dass ich, wenn ich jetzt noch ein bisschen durchziehe, doch noch weit genug kommen könnte, um morgen schon mit der Insel fertigzuwerden. Vergessen Sie Essen, Entspannung und Ostseeblick - was mir gefehlt hat, war ein halb unrealistisches, ehrgeiziges Ziel, das mich antreibt! Und die Aussicht, irgendwann auch wieder von der schier endlosen Insel runterzukommen.
Dass der Weg dann erstmal so aussah, war natürlich auch hilfreich - ein schnurgerader Radweg an der schnurgeraden Straße durch den schönen Küstenwald.

Den ich dann leider verlassen musste. Die Wegweiser schickten mich zwar weiter auf eine Schleife über die extralange Halbinsel Sõrve - aber meine Karte sagte, ich solle die Halbinsel ignorieren und auf einer kleinen Straße abkürzen. Ach, deswegen stand auf dem Wegweiser vorhin eine viel höhere Kilometerzahl! Tja, ich hatte die Tour mit der Kilometerzahl der Karte geplant, und spontan so viel Strecke obendrauf zu packen, war mir dann doch zu heikel.
Auf der Rückseite von Sõrve entdeckte ich die Ruine der orthodoxen Kirche von Tiirimetsa. Kein überraschender Anblick, denn auf Sõrve gab es 1944 eine schlimme Schlacht. Deutschland hatte ganz Saaremaa, das auf Deutsch den öden Namen Ösel trug, gleich zu Beginn des Russlandfeldzugs erobert, denn hier konnten sie russische Schiffe auf dem Weg in die offene Ostsee blockieren. Bis die Sowjetunion wieder vorrückte.
Das Verrückte ist nun, dass ich genau in diesem Moment den Bericht eines Zeitzeugen erhielt. Und zwar per Whatsapp aus Deutschland. Meine Mutter wusste nur, dass ich mich irgendwo auf Saaremaa befand. Und sie wählte ausgerechnet diesen Zeitpunkt, um mir einen Auszug aus dem Lebensbericht eines Senioren zu schicken, mit dem sie gesprochen hatte. Der Mann hatte keine guten Erinnerungen an die Insel und wirkte keinesfalls verstimmt darüber, dass sie nun zu Estland gehört. Er ging mit 70 Männern in die Hölle und kam mit sieben wieder heraus. Diese sieben waren die letzten, die nachts am Leuchtturm von Sõrve von deutschen Piloten abgeholt wurden, danach gehörte Saaremaa wieder der Sowjetunion.

Die machte aus der Insel eine komplette Sperrzone, auf die man nur mit Genehmigung kam. Auf Sõrve errichtete sie eine Militärstadt, den Zwilling vom lettischen Irbene. Gemeinsam bewachten die beiden die Einfahrt in die Rigaer Bucht. Durch Krieg und Deportationen zweier Regime verlor die Insel 30 Prozent der Einwohner. Immerhin blieb der Anteil an Esten hier sehr hoch, denn es wurden kaum Russen angesiedelt - wahrscheinlich wollte man ihnen zusätzlich zu der großen Entfernung zur Heimat nicht auch noch die Sperrzone und Fährüberfahrt zumuten.

Damit wäre ich nun an der Westküste angekommen, und im Sonnenuntergang bog ich nach Norden auf eine einsame Landstraße ein, die ich fast für mich hatte.
Nur noch wenige Kilometer, dann reicht es, und ich kann Saaremaa morgen fertigkriegen.

Bei diesem Ding hier handelt es sich laut Schild um ein Sepa Suurkivi. Damit sollten ja wohl alle Fragen abschließend beantwortet sein. Nicht? Na gut, dann frage ich mal Google Übersetzer. Es bedeutet Großer Stein des Schmieds.

Die estnischen Ortsnamen sind mitunter recht befremdlich.

Nein danke, lieber noch ein Dorf weiter... ah ja, Koovi klingt in Ordnung. Solange ich mich da nicht mit Koovid anstecke.