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Montag, 29. Juni 2026

Von Matilda nach Turku

Das ist der dritte Ostseearm, an dem auch Matilda liegt. Er ist etwas weniger sichtbar als der zweite und hat an dieser Stelle nirgendwo eine Brücke, weshalb er mich ein gutes Stück nach Norden zwang. Was aber nicht so schlimm war, denn mein nächstes Ziel liegt auch ungefähr auf dieser Höhe.

Ein Fasan flatterte durch das Gras und begleitete mich auf dem Kiesweg in die nächste Stadt.

Der Ostseearm verjüngte sich zu einem braunen Fluss namens Salonjoki, der eher nach einem Kanal aussieht. Rundherum liegen Rosenbüsche, Blumenbeete, Bänke, Boote und sehr niedrige Brücken, dahinter ältere Glashäuser und irgendwann wieder die finnischen Holzhäuser. Die Stelle ist dann auch das Schönste in der Stadt Salo.

Die Stadt schlief noch, nirgendwo in der Fußgängerzone gab es etwas Frisches zu trinken. Die Wandmalereien verraten, dass die örtlichen Handwerker der Furry-Szene angehören.

In Salo konnte ich endlich nach Westen abbiegen, und ich folgte einer Straße, die sich immerzu um die Bahngleise herumschlängelte. Das nächste Ziel war klar und stand jetzt überall dran.
Die Bushaltestellen sehen hier schon wieder komplett anders aus, die verändern sich auf jeden Fall schneller als die Landschaft.

In den Vororten rollte mir plötzlich ein kleiner Lieferroboter entgegen. Als ich anhielt, um ihn von hinten zu fotografieren, hielt er kurz inne. Aber eine Verletzung seines Rechts am eigenen Bild schien ihm dann doch nicht schwerwiegend genug, um deswegen den Roboteraufstand anzuzetteln.

So rollte ich schon recht früh nach Turku rein, das auf schwedisch den komplett anderen Namen Åbo trägt. Kurz vor der Altstadt führte die Straße noch durch einen Park, in dem ich eine finnische Miniaturstadt entdeckte, die mit einem Verkehrsgarten kombiniert wurde. Kleine Finnen rollten mit kleinen Gokarts durch das kleine Turku, meistens genau auf der Mittellinie. Wenn sie sich mal an Verkehrsregeln hielten, dann eher zufällig.

Dann wurde es so richtig brechend voll. Denn zwischen den niedrigen, barocken Häusern hatte eine Art Mittelaltermarkt aufgebaut. Zumindest war zwischen den Menschenmassen hier und da eine auf alt gemachte Bude zu erkennen, und mittendrin ein alter Brunnen. Auch eine komische Militär-Fressbude mit dekorativen Gasmasken gehörte dazu.
Die Stände mit Schmuck und Kram ließen mich kalt, meine Taschen waren eh zu voll. Dem frisch gebratenen Lachs unter einer Schicht Kräutergewürze war dagegen schwer zu widerstehen, denn mein Magen war nicht zu voll.

Während der schwedischen Herrschaft war Turku die größte und wichtigste Stadt Finnlands, und auch zu Beginn des autonomen Großfürstentums. Man sieht ihr die Geschichte durchaus an, aber wie schon in Ekenäs auf dem Marktplatz nicht gerade am stärksten. Dort drängen neuere Gebäude von fragwürdiger Schönheit ältere Kuppeln und Fassaden zur Seite.

Zurück zum Wasser, dort ist es meistens besser. Der Fluss Aurajoki verbindet die Innenstadt mit dem Hafen, ich radelte die Uferpromenade entlang durch kleine Grünanlagen, unförmige Statuen und öffentliche Toiletten für 1,27 Euro. In Richtung Hafen wurden die Bauwerke immer neuer, und schließlich mündet der Aurajoki in eine Ostseebucht, auch wenn sie dermaßen von Inseln abgeschirmt ist, dass sie nur geringfügig breiter ist als der Fluss. Zwischen der Mündung und der Burg von Turku legen die großen Fähren ab (ganz hinten mittig). Gibt es hier auch einen Badestrand? Jup, am anderen Ufer. Der nächste Regenguss spülte die Idee, da nochmal hinzufahren, aber kilometerweit davon. Die nächsten Stunden sollte es prasseln und pladdern, ich brauchte eine Aktivität im Trockenen. Praktischerweise stand direkt neben mir das Forum Marinum, perfekt. Galerien mit Ostseebezug sind ja schön und gut, aber es ist jetzt endlich mal wieder Zeit für ein richtiges Meeres- und Schifffahrtsmuseum.
Das Hauptgebäude (rechts) ist ein alter Getreidespeicher mit Aufzug und Trockner. Pferdewagen kippten das Getreide auf der einen Seite rein, und bis zu vier Jahre später rieselte es auf der anderen Seite raus in Bahnwaggons. Im Kombipreis für das Museum sind auch zig verschiedene Museumsschiffe enthalten, die an der Hafenkante im Wasser aufgereiht stehen. Die konnte ich bis 18 Uhr gar nicht alle anschauen.

Im Gebäude wurden die Räume von innen auch alle schiffig gestaltet. Erst einmal geht es um die unschöne und blutige Seite der Seefahrt. König Gustav Vasa machte Schweden zur Seemacht, indem er 1522 in Lübeck shoppen ging und eine große Flotte als Grundlage kaufte. 200 Jahre später begann sich das Blatt zu wenden. Russland unter Peter dem Großen machte ihnen den Platz streitig, und Schweden beging ein paar fatale Fehler: Anders als Russland hatten sie anfangs keine zwei separaten Flotten für das Schärenmeer und die offene Ostsee. Nachdem die Schweden schon ein Stück Finnland verloren hatten, erlangte die Fraktion der Hüte (die Gegner der sogenannten Mützen) die Mehrheit in Stockholm. Ihr politisches Programm bestand hauptsächlich darin, verlorene finnische Gebiete zurückzuerobern. Der Krieg der Hüte brachte das genaue Gegenteil, sie verloren noch mehr von Finnland. 1790 versuchte Schweden, St. Petersburg anzugreifen und wurden eingekreist. Die Schwedenschiffe konnten sich noch herauswinden, aber das Kräfteverhältnis in der Ostsee hatte sich eindeutig verschoben.

Wer für die Flotte rekrutiert wurde, bekam ein Kleingrundstück an der Küste mit einer Grundausstattung an Klamotten und Nahrungsmitteln. Die Zeit auf den Schiffen war härter, das Essen war mies und mit Schädlingen verseucht. Auf den geschlossenen Schiffen der Ostseeflotte starb man zusammengedrängt an Seuchen, auf den offenen Schiffen der Schärenflotte war man den Elementen ausgesetzt. Daran änderte sich auch erst mal wenig, als Russland ganz übernahm und die Marine und kleiner, professioneller und mit westwärts gerichteter Verteidigung umgestaltete.
Russland schaffte sich auch Nobel-Minen an (links im Bild), die der schwedische Architekt Immanuel Nobel erfunden hatte (der Vater von Alfred Nobel mit dem Dynamit und den Preisen). Aus diesen schwimmenden Trichtern ragt ein metallener Bolzen. Wenn ein Schiff ihn streift, schiebt es den Bolzen rein, der zerbricht eine Glasröhre mit Säure drin, die Säure fällt auf eine Mischung aus Kalium und Zucker, die fängt an zu brennen und entzündet das Schwarzpulver. Was dann passiert, erfuhr das britische Schiff HMS Merlin bei Kronstadt vor St. Petersburg auf die harte Tour. Es wurde zwar nur beschädigt, aber es war das erste erfolgreich geminte Schiff der Welt.

Nach der Unabhängigkeit musste die Marine moderner werden, schaffte sich U- und Torpedoboote an. Und noch mehr Minen. Finnland wurde Meister der Seeminen, ihr bestes Schiff versenkte allein 5000 im Zweiten Weltkrieg, und alle anderen Schiffe zusammen nochmal so viele. Die flache, zergliederte Küste eignete sich nun mal besonders gut dafür, mit Minen verteidigt zu werden. Es gab Kontaktminen wie bei Nobel, die das feindliche Schiff berühren muss, aber auch solche, die schon durch Geräusche, Druckwellen oder magnetische Impulse hochgingen.
Im Hafen liegt ein solches Minenschiff, so vollbepackt mit fetten grünen Todeskugeln, dass ich das Wasser gar nicht sehen konnte. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie einst zu ohrenbetäubendem Krach über die Gleise ratterten und in die Ostsee platschten. Ob die Vorstellung historisch korrekt ist, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall fiel sie leicht.

Hatten sich die Arbeitsbedingen seit damals verbessert? Nun ja. Es gab jetzt richtige Betten, aber die standen dicht an dicht bis in die Spitze des Schiffes.
Für die 70 Mann an Bord gab es fünf Duschen, davon standen zwei den gewöhnlichen Soldaten zur Verfügung. Für diese fünf Duschen konnten 30 Tonnen Wasser gespeichert werden, die für fünf Tage Einsatz reichten. Aber auch nur, wenn alle Soldaten nur eine Seglerdusche machten: 10 Sekunden Wasser, einseifen, 30 Sekunden Wasser.
Dagegen ist sogar ein Hostelschlafsaal eine Suite.
Es war gar nicht so leicht, rechtzeitig vor der Schließung aus den labyrinthischen Eingeweiden des Kriegsschiffs herauszufinden. Auf welcher Etage befinde ich mich überhaupt nochmal, und wie viele Treppen muss ich jetzt wieder hoch?

 

Aber genug vom Militär, einige Museumsräume und -schiffe widmen sich auch der netteren Seite der Seefahrt - den Schiffen, die Geld verdienen statt Blut vergießen wollten. Das ganz alte Segelschiff Sigyn war leider nur mit Führung auf Finnisch zu besichtigen.
Aber auch das Segelschiff Laenec/Oldenburg/Suomen Jantsen hat schon viele Jahre auf dem Bug. Warte, Segelschiff? Das sieht hier doch alles relativ neu und stählern aus? 1902 war die Laennec Teil der letzten Generation an Hochsee-Segelschiffen, die in Frankreich gebaut wurden. Der französische Baustil ist daran zu erkennen, dass alles total lang, breit und groß ist. Jup, dieser Raum ist größer als alles, was ich hier drin erwartet hätte.
Im Mittelalter wagten sich die finnischen Händler meistens nur bis Dänemark, aber irgendwann zog es auch sie auf die Weltmeere. Dieser Kahn reiste hauptsächlich nach Amerika, aber hat alle Kontinente gesehen außer Asien, dass er aus irgendeinem Grund weiträumig mied. Gleich die erste Hochseereise war vom Pech verfolgt: Viele Teile waren von schlechterer Qualität als gedacht und mussten ausgetauscht werden, und ein Sturm rund um Großbritannien zwang die Mannschaft, die Motoren statt der Segel anzuschmeißen und so gleich wieder neues Öl einzukaufen. Die achte Reise stand 1938 schon im Schatten des aufziehenden Kriegs, aber die Seemänner feierten trotzdem fröhlich Karneval in Puerto Rico und spielten im Zeichen der Völkerverständigung Fußball gegen Franzosen in Marokko (Ergebnis 1:1).
Zu essen gab es nur Gepökeltes, Geräuchertes, Getrocknetes oder Lebendiges. Schweine und Hühner lebten an Bord, bis sie in einem Topf endeten, der bei Sturm ohne Befestigung vom Herd rutschte. Was da am Ende für Essen rauskam, hing extrem vom Talent des Kochs ab (der gleichzeitig auch der Schiffsbäcker war).

Gegen Ende ihrer Karriere wurde die Suomen Jantsen umbenannt und verkauft, nach Deutschland und schließlich nach Finnland, wo die Marine ein billiges Schulschiff für ihre Matrosen brauchte. Das Leben an Bord wurde jetzt deutlich komfortabler. Im schwimmenden Internat pennten die Schüler nicht mehr in Hängematten an Deck, sondern in Zweierzimmern mit eigenem Bücherregal, besser als auf Klassenfahrt. Die Suomen Jantsen bekam Klassenzimmer und eine Sauna, und so machte sie Übungsfahrten mit den Schülern.
Der Stahl ist in so gutem Zustand, dass sie auch heute noch fahren könnte. Aber man müsste an der Technik so vieles umrüsten, dass man damit der historische Wert zerstört würde. Als Museum im Hafen von Turku dümpelnd kann die Suomen Jantsen locker noch hundert Jahre überleben.

Oh, das Museum hat auch noch eine obere Etage? Wie soll ich hier bloß bis 18 Uhr fertigwerden?
Keine Sorge, die obere Etage bestand größtenteils einfach aus Holzstegen, auf denen man die untere Etage nochmal aus einem anderen Blickwinkel bewundern konnte.
Allerdings kann man von da aus auch "hinter die Kulissen" des Museums schauen. Das Forum Marinum hat einen Teil seiner Lagerräume zugänglich gemacht, also den Teil, der normalerweise nicht zugänglich ist, weil das Museum viel zu viel Zeug hat, um das alles museumsgerecht zu präsentieren. Mit anderen Worten: Da stand halt ohne nähere Erklärung eine groteske Menge an Modellbooten auf den Regalbrettern. Und an anderer Stelle eine noch groteskere Menge an Außenbordmotoren auf zwei Etagen. Mein Außenbordmotorbetrachtungsbedürfnis dürfte damit für den Rest meines Lebens gestillt sein.

So, das war... das erste Museumsgebäude, nun kommt das zweite. Hier geht es endlich mal um die einzigartige Natur rund um Turku, das Schärenmeer, in das ich morgen reinfahren will. Im Vergleich zum Militär wird dieses Thema aber auf eher stiefmütterliche und zudem relativ deprimierende Weise behandelt. Auf den Displays konnte ich zum Beispiel die Anzahl der Vögel in verschiedenen Jahren vergleichen und ihrem Gezwitscher lauschen, das mit jedem Zeitpunkt leiser wurde. Und mir dann die Gründe für die Stille durchlesen, warum das so ist.

Wesentlich mehr Raum bekommt ein Thema, in dem Turku besonders hervorstach: Schiffbau. Am Eingang der Ausstellung konnte ich zunächst mal auf Knopfdruck eine Schiffstaufe auslösen: Flasche und Schiffswand waren echt, der Sekt dagegen eine Projektion.
1539 notierte zum ersten Mal jemand auf einer Landkarte den fast mystischen Hinweis Hier werden Schiffe gebaut in der Nähe von Turku. Ansonsten liegen die Anfänge im Dunkeln, aber bald wurde die Stadt zum Werftzentrum Schwedens. Finske ("der finnische") Jakob war zum Beispiel einer der besten Schiffbauer im Reich und baute dessen Flaggschiff Elefanten. Okay, der Elefant ist zwar gesunken, aber nicht durch Konstruktionsfehler, sondern nach einer Seeschlacht bei Öland.
Damals stellte eine Werft alle Komponenten selber her. Nur das Holz konnte sie natürlich nicht alles im eigenen Garten anpflanzen. Besonders für die Masten war es schwierig, ausreichend kräftige und gerade Baumstämme zu finden, oft wurden sie weit aus dem inneren Finnland hergeschafft. Erst im 20. Jahrhundert begannen die Werfen damit, Aufgaben outzusourcen. Für kleine Schiffe und als Hilfsmotoren für Segelschiffe benutzten sie zum Beispiel die British Seagull. Dieser Motor veränderte sich ab 1931 für 65 Jahre lang fast gar nicht und sprang mir ins Auge, weil er mich an einen Fahrradlenker mit Klingel erinnerte.

Zu guter Letzt widmet sich aber auch ein Teil des Museums und ein Museumsschiff der Art von Schifffahrt, die ich auch schon oft genug ausprobiert habe: Schiffe, die für mehr oder weniger Geld einfach nur Otto Normalseefahrer von A nach B bringen. Im Hafen liegt ein Schiff, das 1959 die moderne Fährfahrt der Ostsee entscheidend beeinflusst hat. Bore ist nicht nur der Name des Schiffs, sondern auch des dazugehörigen Unternehmens (ein Vorläufer der Silja Line, zu der auch die Tallink-Fähren gehören).
Die Bore fuhr auf verschiedenen Strecken zwischen Finnland und Schweden, und zwar mit Dampf statt Diesel. Das erschien dem Unternehmer leiser und komfortabler für die Fahrgäste. Die Öfen liefen aber schon mit Öl, es mussten also keine Heizer mehr Kohlen schaufeln. Auch Autos durften schon mit in den Schiffsbauch, damals aber durch eine Seitenklappe.
In den 80ern waren zum ersten Mal die meisten Ostseeschiffe in der Personenschifffahrt tätig. Da war die Bore schon das letzte Dampfschiff der Ostsee, wurde mehrfach hin und herverkauft und diente zwischendurch als Hausboot in Algerien, bevor es zurück nach Finnland ging.

Von außen mag die Bore aus Stahl bestehen, aber innen ist vieles Holz. Zu viel für die neuen Brandschutzbestimmungen von 2010, welche der Karriere des Schiffs ein Ende machten. Die Bore ist heute ein Hotel, im vorderen Teil aber mit einem kleineren Museum drin. Dort sind die Brücke und die privaten Kabinen der Unternehmerfamilie von Rettig hergerichtet, dazu auch ein paar der bequemen Passagierkabinen, die auf heutigen Fähren längst nicht mehr so groß sind.

Auch heute noch ist Turku im Schiffbau tätig: Die Meyer-Werften aus Papenburg haben hier einen relativ autonomen Standort, dem es besser geht als dem Hauptsitz in Deutschland. Meyer Turku ist das größte Unternehmen in Südwestfinnland. Unter einem blauen Riesenkran, der mich sehr an Warnemünde erinnert hat, puzzelten sie gerade ein halbfertiges Kreuzfahrtschiff zusammen. Die Hülle war noch nicht glatt und verschlossen, überall klafften rechteckige Lücken, fehlende Paneele oder ganze Zimmer. Das wurde im Museum etwas anders dargestellt, da wuchs das Kreuzfahrtschiff auf dem Display von unten nach oben, Etage für Etage.
In gewisser Weise war der Anblick ein größerer Blickfang als sämtliche Museumsschiffe. Und wer weiß, eines Tages wird womöglich auch dieser schwimmende Luxusinsel dem Forum Marinum als Ausstellungsstück hinzugefügt. Die Frage ist, ob dann auch so schmeichelhafte Dinge darunter stehen werden wie bei den alten Segelschiffen.


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