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Sonntag, 5. September 2021

Von Kiel nach Schönberg

Impf-Countdown: Noch 9 Tage

Sagte ich, eine Übernachtung über der Kieler Fußgängerzone sei gar nicht mal so cool? Kleine Korrektur: Es ist super, nur halt morgens und nicht abends. Zur Morgenstunde erwacht die Innenstadt zum Leben, denn die Kieler sind Frühaufsteher. Direkt vor der Haustür gönnten wir uns ein schönes Frühstück im Eiscafé. Egal, was wir bestellten, wir bekamen beide eine ganz kleine Mini-Eiswaffel dazu, die in einem kleinen metallenen Halter am Teller klemmte. In Kiel gilt: Morgenstund hat Eis im Mund.


Wir haben den halben Tag damit verbracht, Kiel zu besichtigen. Erst gegen Mittag haben wir uns dann auf die Socken gemacht.
Die Kieler Förde endet am Kieler Hörn, einem gebogenen Glashaus.

Kurz vorher überquert die Hörnbrücke die schmale Förde, und obendrauf der Ostseeradweg.

Unsere heutiges Ziel ist es, die Kieler Förde zu verlassen, und dann im Idealfall noch 20 Kilometer weiterzukommen. Ob wir das noch schaffen? Schon das Verlassen der Förde ist nicht so einfach, denn diese Großstadt ließ uns nicht so leicht entkommen.

Das moderne Wirrwarr aus Brücken, Becken, Schiffen und Glashäusern war noch ganz angenehm zu fahren.

So richtig anstrengend fanden wir die endlosen dichten Vorstadtstraßen. Ans Meer durften wir nicht, weil dort die Werft (die mit dem hohen Kran) und der andere Industriekram viele Kilometer einnehmen. Wir sahen das grünliche Wasser erst wieder, als wir einen kleinen Fluss auf einer schmalen Brücke (über die überraschenderweise auch Autos fahren dürfen) überquerten.

Ist Kiel jetzt endlich zu Ende? Nein. Aber ein paar Kilometer hinter dem Fluss folgte zumindest schon mal der erste Wald, komplett ohne Häuser. Das wurde auch Zeit! (Öffentliche Toiletten hatte es auf den letzten Kilometern nämlich nicht gegeben.)

In Möltenort sitzt ein Reichsadler auf dem U-Boot-Denkmal. Das Ding wurde 1930 gebaut, 1936 schon wieder neu gebaut, weil es zu kaputt war (deutsche Qualität halt) und 1950 nochmal von den Kriegsschäden renoviert und umfassend uminterpretiert. Die U-Boot-Soldaten, die auf dem Meer starben, sind jetzt keine Helden mehr, deren Tod irgendwann gerächt werden muss, sondern Männer, die leider grausam starben und durch ihren Tod mahnen, den Frieden zu wahren, damit nicht noch mehr Menschen so sterben müssen. Schon erstaunlich, welch unterschiedliche Botschaften sich in einen graubraunen Steinturm mit einem Adler drauf reininterpretieren lassen. (Es ist dabei hilfreich, wenn man das Hakenkreuz wieder abnimmt.)

Der Kunstkiosk am Strand von Möltenort wird seinem Namen mehr als gerecht. Er verkauft nicht nur Gemälde, wir bekamen auch noch ein kostenloses Streichkonzert. Was für eine schöne Überraschung! Manchmal habe ich das Gefühl, eine höhere Macht hat unsere Tour durch Schleswig-Holstein perfekt getimet.

Nächster Beweis: Wären wir die folgende Strecke morgen gefahren, hätten wir einen langen Umweg fahren müssen. Ein altmodisches Display verkündet, dass die Bundeswehr morgen um diese Zeit einen Munitionstransport durchführt, weshalb viele Kilometer Uferweg gesperrt und mit Stacheldrahtzäunen verschlossen werden. Das wäre wirklich schade gewesen, denn für eine Strecke durch ein Militärgebiet ist sie echt schön. Abgesehen von den abschreckenden grauen Zäunen ist das einfach ein normaler, top ausgebauter Radweg durchs Grüne. Fotografieren darf man nicht - jedenfalls nicht innerhalb dieses Gebiets, ein Foto kurz vorher außerhalb wird ja wohl noch erlaubt sein.
Nur einmal überquert der Radweg eine eingezäunte Straße, auch dort standen uns die Tore weit offen. Da wird dann vermutlich die Munition vom Gebäude zum Schiff gefahren oder so, und dabei darf natürlich auf gar keinen Fall ein Spaziergänger etwas klauen. Das ist schließlich das Vorrecht der versteckten Rechtsextremisten in der Armee.

Danach geht es militärisch weiter, denn wir wollten ein U-Boot mit dem fantasievollen Namen U955 besuchen. Aus folgendem Grund: Quasi jeder, dem gegenüber wir jemals erwähnt haben, dass wir im Sommer in Kiel sind, hat uns dieses U-Boot empfohlen. Der lange graue Koloss aus dem Zweiten Weltkrieg liegt nicht mehr im Wasser, sondern auf dem Strand von Laboe.

All unsere Bekannten hatten Recht. Ein Besuch im U995 lohnt sich. Es sei denn, man ist Klaustrophobiker oder trägt einen großen Rucksack auf dem Rücken. Beides kann zu Problemen führen.
Ein U-Boot sieht von draußen grundsätzlich groß aus, während es von innen total klein ist. Das ganze Ding ist quasi nur ein enger Tunnel, der mit mit Rädern, Röhren, Ventilen und Hebeln vollgestopft wurde. Zwei Menschen kommen gerade so aneinander vorbei. Dieser Tunnel verbindet den einen Eingang mit dem anderen und wird dabei von verschiedenen Türen in Räume unterteilt. Anfangs kam ich noch gut durch die Türen durch, aber irgendwann waren das nur noch runde Luken zum Durchklettern. Ich war schon drüben, aber mein Rucksack war einfach zu lang für die Dinger. Ich steckte fest. Der Platz reichte nicht mal aus, um mich genug zu drehen und den Rucksack auszuziehen. Hinter mir warteten die nächsten Menschen. Es wäre hilfreich gewesen, wenn mein Hintermann ein bisschen geschoben hätte. Es kam mir aber seltsam vor, darum zu bitten, also habe ich stattdessen gezogen und gehofft, dass oben im Rucksack nichts Zerbrechliches drinsteckt.

Das U-Boot war sehr nützlich, um den Comfort auf unserer eigenen Reise schätzen zu lernen. Mit einem wackligen, halbkaputten Campingkocher auf einer engen Bank zu kochen ist schließlich immer noch besser, als auf diesen zwei Herdplatten und einem halben Meter Platz Essen für 56 Personen zuzubereiten.

Die Zutaten hingen im ganzen Boot verteilt zwischen schlafenden schwitzenden Männern. Wer sich abends erschöpft unter den Torpedo schlafen legen wollte, musste erstmal abwarten, bis der Typ, mit dem er sich das Bett teilte, aufgestanden und zu seiner Nachtschicht aufgebrochen war.
Dagegen wirkt selbst eine Luftmatratze mit einer Hummel drin ganz harmlos.

Auf der anderen Straßenseite erhebt sich dieser Turm, der leider gerade Feierabend machte, als wir aus dem U-Boot kamen. Das ist kein Schornstein und auch kein dunkler Turm eines schwarzen Magiers, sondern ein Marine-Ehrenmal. Im Prinzip hat es einen ähnlichen Bedeutungswandel durchgemacht wie das U-Boot-Denkmal vorhin, nur ist dieser Turm sehr viel eindrucksvoller. Zudem bezieht er sich auf alle Marine-Soldaten, auch die oberhalb der Wasseroberfläche. Und die Botschaft war hier schon von Anfang an etwas zeitgemäßer, das expressionistische Kunstwerk sollte einfach an die verstorbenen Seeleute erinnern, ohne Rachegelüste.

In Laboe ist die Kieler Förde zu Ende. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt der Olympiahafen von Strande, den wir gestern besichtigt haben. Uns hat die heutige Seite wesentlich besser gefallen, es ist leerer, wir konnten mehr am Wasser fahren und Laboe hat auch deutlich mehr Strand als Strande.
Wir setzten uns mit einem Heißgetränk auf zwei extrem wacklige Liegestühle und beobachteten eine Gruppe von Windsurfern, die gerade Unterricht bekamen. Offenbar handelte es sich um Anfänger, was das ganze weitaus unterhaltsamer machte. Wenn einer fiel, fielen alle. Manchmal sogar der Lehrer, vermutlich aus Solidarität.

Das war die letzte Förde, ab jetzt ist die Ostseeküste nicht mehr ganz so kurvig.

Boah, jetzt liegt Kiel endgültig hinter uns! Ich freute mich auf eine Strecke, die auf der Karte ganz besonders toll aussah. Da freute ich mich aber zu früh.
Zuerst machte der Weg einen kleinen Bogen zur Straße, dann war der Radweg am Deich wegen einer Baustelle gesperrt. Uns blieb nur ein umständlicher Umweg im Zickzack durch Kuhweiden und Feldwege.

Aber dann durften wir endlich auf den Traumradweg am Meer. Zuerst radelten wir auf dem Deich neben einem kleinen, seltsamen Leuchtturm. Aber, ups, das ist ja der Fußweg, wir müssen hier wieder runter.

Der richtige Radweg ist sowieso besser. Er ist richtig breit und folgt schnurgeradeaus einer kleinen Düne mit akkurat angepflanztem Strandhafer. In regelmäßigen Abständen verzieren die Strandaufgänge den Asphalt mit weißen Sandzungen, deren Breite stark variiert.
Die Wellen der Ostsee werden von Zungen aus Stein gebrochen, die ins Salzwasser hineinragen (nicht, dass heute irgendwelche Wellen zum Brechen vorhanden gewesen wären). Normalerweise übernehmen in Deutschland hölzerne Buhnen diesen Job. Auch abseits der Strandaufgänge zeigte sich die Ostsee als kleiner blauer Streifen hinter der Düne.
Das also sind die berühmten Strände von Kalifornien und Brasilien. Sie sehen tatsächlich so toll aus, wie es heißt.

Wer kann schon von sich behaupten, mit dem Fahrrad von Dänemark nach Brasilien gefahren zu sein? Wir. Die Seebäder heißen nun mal so, erst Kalifornien und dann Brasilien. Wir kamen sogar an einer kalifornischen Surfschule vorbei.

Das dritte Seebad im Bunde hat einen weniger exotischen Namen: Schönberg Strand. Dort stellten wir fest: Mehr schaffen wir heute wirklich nicht, wir brauchen einen Schlafplatz. Tja, dann fahren wir eben morgen umso mehr.
Die drei Seebäder gehören zu einer Stadt namens Schönberg in Holstein. Dorthin fährt eine Museumsbahn. Wer da eine pfeifende Dampflokomotive erwartet, wird enttäuscht sein: Es handelt sich nur um eine olle, rostige Straßenbahn.

Die hiesige Land(wirt)schaft nennt sich Probstei, weil der Probst eines Nonnenklosters im Mittelalter die ganzen Dörfer verwaltet hat. Das Besondere daran war, dass die Bauern da frei waren und die Probstei zum reichsten und erfolgreichsten Klostergrundstück in Ostholstein wurde. Ein Zufall? Vielleicht. Nach der Reformation sollten irgendwelche Ritter das Land bekommen, aber die Bauern haben vor Gericht durchgesetzt, dass sie frei blieben.
Mitten in der Probstei liegt die Kleinstadt Schönberg. Die ist ziemlich reizlos und befindet sich auch nicht direkt am Meer. Aber Schönberg stellte sich uns in den Weg, ob wir wollten oder nicht. Die Feldwege der Probstei sind einfach zu irritierend. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte, aber auf einmal sind wir ins südliche Ende der Stadt reingefahren. Dabei waren wir doch nördlich davon. Von Süden - wie?!
Aber vielleicht war das ganz gut, denn ich musste dringend noch das Geld für die Kieler Rathausturmtour überweisen. Das sollte man eigentlich direkt nach der Onlinebuchung bezahlen, was uns abends im Hotel aber durch technische Schwierigkeiten nicht möglich war.

Diesmal war es schwieriger, einen Platz zum Übernachten zu finden. Die Wälder waren entweder total zugewuchert, total sumpfig oder von einem breiten Wassergraben abgetrennt. Also haben wir uns neben den Gleisen der Museumsbahn platziert, bevor die Nacht endgültig über uns hereinbrach. Um das Zelt aufzubauen, musste ich schon die Taschenlampe einschalten. Das mit den Gleisen war kein Problem, die olle Museumsbahn fährt dermaßen selten, dass keinerlei Risiko bestand, sie könnte uns aufwecken. Uns störten nur der Müll, der leicht sumpfige Boden und ein Spaziergänger, der uns am nächsten Morgen anmeckerte, unser Schlafplatz sei "unsensibel", ohne das genauer zu begründen.

Samstag, 4. September 2021

Von Eckernförde nach Kiel

Impf-Countdown: Noch 10 Tage

Gestern erwähnte Frau Schlegel zufällig, dass die Kieler Woche bald beginnt.
Das hat uns überrascht.
Ich wusste nicht viel über diese Veranstaltung, nur dass es irgendwas ähnliches wie die Hansesail ist.
Tatsächlich startete die Woche genau heute. Und zwar in Eckernförde. Und zwar damit, dass ein gewaltiger Schwarm Segelschiffe von der Eckernförder Bucht in die Kieler Förde rübersegelt. Also genau dieselbe Strecke, die wir heute fahren. Was für ein irrsinnig toller Zufall ist das denn? Wir können mit einer kompletten Segelregatta (oder wie auch immer man das nennt, ich habe keine Ahnung vom Segeln) um die Wette fahren!
Natürlich verloren wir. Das machte aber nichts, denn es waren so viele Segelschiffe, dass bis weit in den Nachmittag immer neue hinterherkamen, gegen wir die dann auch noch verlieren konnten. Zum Glück für die Segler (glaube ich, aber wie gesagt, so genau weiß ich es nicht) wehte der Wind schön kräftig. Eine unübersichtliche Menge an weißen Dreiecken kreuzte über das Meer und ließ die Ostsee ganz spitz und stachelig aussehen.

Anfangs konnten wir die Segler super beobachten, solange es an der Eckernförder Bucht entlangging.

Als nächstes sind wir in einen Forst eingetaucht, der unter dem Namen Begräbniswald auch als Friedhof dient. Schon gestern hatten wir Werbung für eine Bestattung in diesem speziellen Wald gesehen.
Der Begräbniswald ist ein bisschen hügelig. Insgesamt ist die Landschaft seit der Flensburger Förde aber schon deutlich flacher geworden, kein Vergleich zu Jütland.

Je näher wir der Großstadt kamen, desto freundlicher wurde die Menschen. Das erkannte ich daran, dass sie ihr Meckern zu einem fröhlichen "Moin!" verkürzten.
Hinter dem Wald sind wir eine ganze Weile auf einem einem Straßenradweg gefahren. Ab und zu erspähten wir am Horizont die Ostsee mit ihren weißen Segelspitzen.

Aber erst in Strande konnten wir den Trubel auf dem Wasser wieder besser beobachten. Hier liegt der Eingang zur Kieler Förde, und das bedeutet, hier muss jedes Schiff durch, vom gewöhnlichen Paddelboot über Ausflugsschiffe, Hafenrundfahrten, all den städtischen Fähren, die im Zickzack von Vorort zu Vorort fahren, internationalen Ostseefähren bis hin zu Container- und Kreuzfahrtriesen - die zusätzlichen Segelschiffe der Kieler Woche sind da noch gar nicht eingerechnet. All diese großen und kleinen Pötte dringen von hier aus bis in die Innenstadt vor.
Ich hatte den Eindruck, dass bei der Kieler Woche weniger hölzerne, historische Schiffe dabei waren als auf der Hansesail in Rostock, dafür aber viel mehr gewöhnliche weiße Boote von normalen Seglern, die einfach aus Spaß an der Freude mitmachen. Ein in edlem Grau gemustertes Segel stach unter all den weißen Einheitssegeln heraus.

An Land war genau so viel Trubel wie im Wasser. Mitten im Durcheinander von Menschen, Schiffen, Kinderwagen und Musik fanden wir eine freie Bank und kochten Nudeln und wuschen ganz nebenbei und unbeabsichtigt Teile der Bank mit kochendem Wasser.
Dass hier schon immer viel gesegelt wurde, zeigt auch folgende Tatsache: Wann immer irgendwo in Deutschland Olympische Spiele stattfanden, wurden die Segelwettkämpfe nach Kiel ausgelagert (denn die Spree und die Isar reichen dafür nicht). Das ist noch heute an den ollen Bauklötzen zu erkennen, in denen einst die Athleten gewohnt haben und die heute euphemistisch Olympisches Dorf genannt werden.

Beim zweiten Mal wurde dieses Dorf natürlich nicht nochmal benutzt, es musste ein neues Haus gebaut werden, das noch heute die olympischen Ringe trägt.

Wir irrten noch eine Weile durch die Vororte, bis wir wieder ans Wasser durften. Die Radwege waren zwar in Ordnung, aber so richtig Spaß gemacht hat es trotzdem nicht. Dafür war zu viel Verkehr. An einer Stelle wollte ich den Weg abkürzen. Ich wusste, dass wir an einer Kirche wieder links abbiegen müssen, nur war diese Kirche entweder unsichtbar oder sehr klein, auf jeden Fall sind wir viel zu weit gefahren. Als wir versuchten, doch noch zurückzufinden, drehten wir eine komplizierte Schleife durch einen Park, bis wir wieder einen Ausgang fanden. Alles, was wir durch die Abkürzung an Strecke gespart hatten, war spätestens jetzt wieder futsch.

Außerdem hat uns Reichskanzler Bismarck noch ein kleines Hindernis in den Weg gebaut: Der Nord-Ostsee-Kanal zweigt von der Kieler Förde ab. Der Kanal sollte hauptsächlich bewirken, dass die Kriegsschiffe in Kiel und Wilhelmshafen im Notfall schnell vereinigt werden können. Aber nach wenigen Jahren war das auch ohne Krieg die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt.
Wie kommen wir da nur rüber?

Instinktiv hätten wir vermutlich die nächste Brücke überquert, aber die führt nur zu einer Insel. Stattdessen folgten wir der Allee am Kanalufer, bis die Insel mit der Schleuse hinter uns lag.

Dann reihten wir uns in eine Schlange für die Fähre Adler V ein. Leider tuckerte gerade ein irrsinnig großes und irrsinnig langsames Schiff vorbei. Es wurde von einem Lotsen durch den Kanal gelotst, denn anders dürfen die Pötte hier nicht durch. Deshalb konnte die Fähre nicht zu uns rüberkommen. Und bei der langen Schlange waren wir nicht mal sicher, ob wir es überhaupt auf das nächste Schiff schaffen.
Da sprach uns plötzlich eine nette Kielerin an: "Suchen Sie ein Zimmer?" Sie bot nämlich auf der Plattform Warmshowers Übernachtungen an. So ein Pech, gestern hatten wir schon ein Zimmer gebucht und bezahlt - die einzige Nacht in Deutschland, wo wir uns so richtig was gegönnt haben, und dann bekommen wir aus heiterem Himmel ein Gratisangebot. Weiterhin erfuhren wir, dass die Fähre gratis ist (erstmal das Portemonnaie wieder wegstecken) und dass wir auch die Brücke da hinten hätten nehmen können, das ist nämlich gar keine Autobahnbrücke (zu spät, jetzt kommt die Fähre schon).

Wir standen ein bisschen unter Zeitdruck, denn der letzte Coronatest aus Kappeln war um 18:13 Uhr genau 48 Stunden her und damit nicht mehr gültig. Wir hatten keine Lust, unseren einzigen Abend in Kiel mit der Suche nach Testzentren zu verbringen. Deshalb haben wir eine Abkürzung genommen und sind auf direktem Weg ins Zentrum geeilt. Wie sich herausstellte, vollkommen unnötig, denn es war niemand im Hotel. Das Luxx-Hotel funktionierte genau so wie der Shelterplatz Millinge Klint: Per E-Mail bekamen wir eine Türcode, mit dem wir uns allein hereinlassen konnten. Damit hörten die Ähnlichkeiten mit Millinge Klint zum Glück auch schon auf. Das Zimmer war modern, gemütlich und direkt über der Fußgängerzone. Was für ein tolles Gefühl, abends faul in eine superweiche Matratze im warmen Zimmer sinken zu können! Erst durch die wilden Übernachtungen der letzten Wochen waren wir in der Lage, aus jedem Cent, den wir für diese Nacht ausgegeben haben, den maximalen Genuss herauszuholen. Wir duschten ausgiebig und schauten uns den Rest des Abends auf dem Bett einen Film an. Es war kaum zu glauben, dass wir so ein schönes, zentrales Zimmer in der Kieler Woche spontan buchen konnten - während der Rostocker Hansesail wäre das undenkbar, und schon gar nicht zu einem bezahlbaren Preis!
Das mit der Fußgängerzone ist allerdings nicht ganz so cool, wie es klingt: Aus irgendeinem Grund war da abends so gar nichts los. Das Eiscafé direkt vor dem Haus machte gerade zu, und alles andere war schon zu. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, ich dachte, Kiel sei eine richtige Großstadt.

Das Rätsel löste sich teilweise, als wir am nächsten Tag die Kiellinie erkundeten. Das ist eine Hafenstraße am Wasser, wo die Kieler Woche hauptsächlich stattfinden sollte (und wo der Ostseeradweg eigentlich entlangführt). Es standen ein paar Fressbuden, der Stand eines Bildhauers und eine einsame kleine Bühne eines Radiosenders herum, aber insgesamt wirkte es trotzdem sehr leer.
Die Kieler haben für ihre Woche nämlich ein ganz anderes Coronakonzept: Statt wie in Rostock mehr oder weniger das übliche Programm mit Beschränkung der Besucherzahl und Einlasskontrolle zu machen, haben die Kieler ihre Woche auf ein Minimum reduziert.

Auch lagen weniger Segelschiffe am Hafen, als ich das von Rostock gewohnt war. Es ist ja ein Kernelement dieser Segelfeste, dass die Besucher so viel Eintritt wie bei einem Freizeitpark bezahlen, um auf einem der Segelschiffe mitzufahren. Als wir uns umsahen, waren die meisten Schiffe gerade zur Vormittagsfahrt ausgeflogen, mit etwa 25 Euro pro Nase ist das noch der mit Abstand günstigste Tarif.

Die Kulturstadt Kiel begeistert mit musikalischer Vielfalt: Ein Segler schmetterte ein Seemannslied, während er irgendwelche Arbeiten am Boot verrichtete. In der Fußgängerzone hingegen sang ein Musiker mit Gitarre dieses Halleluja-Lied, das einfach überall gesungen wird, wobei er das "Halleluja" in "Deine Mudder" umschrieb (den Rest habe ich nicht verstanden, er hat zu sehr genuschelt).

Wir hielten ein paar Minuten an, um die Seehunde im Becken der Seehundestation zu beobachten. Sie  leben in echtem Ostseewasser, pro Stunde werden 50 000 Liter aus der Förde ins Becken und wieder zurückgepumpt. Darin schienen sie sich wohlzufühlen, sie paddelten hin und her und auf und ab, über und unter Wasser, mal wie schnelle menschliche Schwimmer, dann wieder mehr wie große Fische. Selbst auf dem Rücken schaffen sie es irgendwie, sich elegant und zugleich entspannt durchs Wasser zu schlängeln, während ihre Flossen wie gefaltete Hände auf dem Bauch liegen.
Einmal pro Woche muss das Becken von allen Algen gereinigt werden. Die Seehunde stört es zwar nicht, wenn ihr Wasser immer grüner wird, aber die Besucher umso mehr, denn die wollen ja was sehen.

Weiter unten konnten wir nicht direkt am Wasser radeln, weil hier die großen Fähren nach Oslo, Göteborg und Klaipeda fahren. Sie legen direkt neben der Innenstadt ab: Mitten im Zentrum sind auf einmal Fahrspuren, auf denen man sich nach Oslo einordnen kann. Das fand ich erstmal ungewohnt, bisher kannte ich nur Städte, wo der Fährhafen an den Stadtrand ausgelagert wurde - außer in Svendborg, aber das waren ja auch nur regionale Fähren.
Kiel ist keine besonders schöne Stadt, aber auch keine hässliche. Kiel ist einfach nur Kiel, ein Haufen Häuser, die dem Zweck dienen, all den Schiffen auf der Förde einen Landeplatz zu bieten. Auch wenn ich Rostock lieber mag, eines muss ich Kiel lassen: Zum Schiffegucken ist es die beste Stadt, die ich kenne.

Irgendwas Tolles wollte ich in Kiel noch machen, wenn wir schon in der Stadt sind. Sobald ich diesen Gedanken fasse, steht eigentlich schon fest, wo ich am Ende lande: Auf einem hohen Aussichtsturm.
Kurzfristig habe ich uns eine Führung auf den Rathausturm gebucht. Am nächsten Vormittag stellten wir uns vor die Rathaustür zu einer Handvoll Menschen, die sich gleichmäßig aus Einheimischen, Touristen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung, die gratis mitkommen dürfen, zusammensetzte. Über uns ragte das Rathaus auf, ein großes Rechteck, aus dem ein Turm aufragt, eigentlich relativ nüchtern, aber trotzdem eines der prächtigsten Gebäude der Stadt. Der Turm kam mir irgendwie bekannt vor. Bald erfuhr ich, wieso: Es handelt sich um eine Kopie des berühmten Glockenturms auf dem Markusplatz von Venedig. Weil die Kieler schneller bauten, war diese 113 Meter hohe Kopie sogar ein bisschen schneller fertig als das Original.
Als die goldene Turmuhr schlug, tauchte ein älterer Stadtführer auf und brachte uns zum ersten Aufzug. Wie ein freundlicher, aber strenger Lehrer gab er ein paar Fakten zum Turm preis und zeigte auf einer Karte von Kiel verschiedene Objekte. Unsere Aufgabe als Schüler bestand darin, sie nachher oben in der echten Stadt zu finden.

Dann wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und stiegen in einen zweiten, uralten Aufzug. Bei dieser Konstruktion kann ich ausnahmsweise verstehen, dass man nur während einer Führung in den Fahrstuhl darf. Er hat nämlich keine Tür. Das heißt, auf den Stockwerken gab es schon Türen, aber die Kabine selbst hatte keine. Während wir fuhren, hätte man die Hand ausstrecken und über die vorbeifahrende Wand streichen können. Und wäre keine Aufsichtsperson dabei, dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Horst den Aufzug mit ein bis zwei Händen weniger verlässt.
Oben angekommen pustete uns eine frische Brise um die Ohren. Wir wanderten einmal um den schmalen Balkon herum, während neben uns ein junger Fotograf im Auftrag der Stadt Bilder knipste. Schnell waren wir uns einig, dass die Seite mit der Förde die bessere Aussicht bot, denn da erstreckte sich nicht nur ein endloses eckiges Häusermeer, sondern ein auch ein richtiges Meer. Auf dieser Seite entdeckten wir auch die meisten der gesuchten Objekte. Ah, da hinten ist der blaue Kran der Werft. Er ist 179 Meter hoch. Seit es ihn gibt, ist das Rathaus nicht mehr Kiels höchstes Gebäude. Aber vermutlich ist es etwas schwieriger, auf den Kran zu kommen.
Und hier vorne sind gleich die zwei Seen, von denen er vorhin erzählt hat.

Zwischen diesen Seen fällt der Blick auf einen Park und eine Fontäne direkt vor dem Rathausturm (den ich aus dieser Perspektive zuerst für einen Kirchturm gehalten habe). Das dürfte der schönste Platz der ganzen Innenstadt sein.
Die Seen waren mal Teil der Ostsee. Sie bildeten eine Halbinsel, auf der die ersten Häuser von Kiel errichtet wurden. Gegründet hat die Stadt Graf Adolf IV. von Schauenburg, weil sein Reich noch keinen Hafen hatte. Das ist natürlich ein bisschen peinlich, wenn das Reich über so viel Ostseeküste verfügt. Unserem Radführer zufolge hat dieser Graf sowieso jedes einzelne Dorf, Kloster oder öffentliche Klo in der Gegend gegründet, vorher muss hier echt gar nix gewesen sein.

Die Verbindung zum Meer ist längst zugeschüttet und überbaut, obwohl ein paar Betonbecken noch erkennen lassen, wie das damals ungefähr aussah.
So richtig kamen die Kieler aber erstmal nicht aus dem Tee, weil die reichen Handelsstädte Lübeck und Hamburg Kiel meistens ausbooteten. Das änderte sich erst mit der Industriellen Revolution, als Industriebetriebe und die Eisenbahn auftauchten, dann wurde noch die Kriegsflotte aus Danzig hierher verlegt und schließlich entstand der Kanal zur Nordsee, Hobbysegler erfanden aus Spaß die Kieler Woche und die Stadt begann so richtig zu boomen.

Überrascht hat mich, dass auch das Freilichtmuseum Molfsee unter den Kieler Sehenswürdigkeiten gelistet war. Als ich es vor Jahren besucht habe, schienen seine weitläufigen Wiesen so ungefähr gar nichts mit jeder Art von Großstadt zu tun zu haben. Mit magersüchtigen Mühlen, bäuerlichen Schaufensterpuppen und historischem Spielzeug zeigt es den einstigen Alltag auf dem Land. Motto: Ausprobieren erwünscht.