Sonntag, 2. Juli 2023

Von Wolgast nach Warnowo

Das Blaue Wunder - so nennen die Dresdner Wolgaster ihre neue Hubbrücke. Blau ist sie, das stimmt, aber ein Wunder? Eher das freundliche Pendant zum Rügendamm. Hier darf jeder auf die Insel, egal ob zu Fuß, zu Rad, zu Zug oder zu Auto. Willkommen auf Usedom, der Badewanne von Berlin und dem Finale der deutschen Ostseeküste!

Eigentlich bin ich ja gestern schon ein Stückchen neben Usedom hergefahren, aber da gabs halt keine kostenlose Brücke, nur eine Fähre. Als erstes machte ich also einen Bogen und holte den Norden der Insel nach. (Der Ostseeradweg macht diesen Bogen nicht mit, der Iron Curtain Trail und der Usedom-Rundweg schon.)
Na schön, den Peenestrom wieder hoch - auf dieser Seite sehe ich etwas mehr vom Wasser. Ein Feldweg schwankt zwischen Kies, Asphalt und Beton, während hübsche Wiesen und Schilf vorüberziehen. Ganz kleine Moore und Seen sprenkeln das Land und bieten den Vögeln wichtige Rastplätze. Wie sind diese winzigen Gewässer wohl entstanden? Die Eiszeit mal wieder?
Nicht ganz.
Es sind Bombenkrater.

Denn was die Nordspitze so richtig prägt, sind: Bunker! Während sich das Militär auf den letzten Tagesetappen eher zurückgehalten hat, ist es ab jetzt wieder da - und präsenter als je zuvor! Sogar der Deich wurde zu militärischen Zwecken erbaut - er sollte nicht nur vor dem Wasser, sondern auch vor neugierigen Blicken schützen. Man senkte den Grundwasserspiegel ab und legte die Sümpfe trocken (die dann später in Form von Bombenkratern zurückkehrten, schon irgendwie ironisch).
Viele Bunker sind einfach graue Bauklötze, aber manche haben richtige Bögen, die man aus der Ferne glatt für römische Ruinen halten könnte.

Natürlich haben die Römer Usedom nie erobert, ganz im Gegenteil, es waren die Schweden. Im Dreißigjährigen Krieg landete in Peenemünde Gustav II. Adolf, König von Schweden und komischer Typ, der seine Nummer mitten in seinem Namen versteckte. Er buchte sich erstmal direkt ein Zimmer in dem weißen Haus im Bild. Anschließend eroberte er ganz Vorpommern (inklusive der Abiturientenschlucht und Uni Greifswald) und konnte es ganze 90 Jahre behalten.

Ob sich Gustav auch nur ansatzweise hätte vorstellen können, was Jahrhunderte später aus seiner Stadt über die Welt kommen sollte? Wohl kaum.
300 Jahre später begannen die Nationalsozialisten, in Peenemünde ein Spezialgelände für Spezialunternehmen abzuriegeln, denn sie brauchten dringend neue Waffen. U-Boote wie dieses hier reichen ihnen nicht. (In dem Ding ist heute das größte U-Boot-Museum der Welt, so ähnlich wie in Kiel, aber noch eine Nummer größer. Sprich: Man quetscht sich durch noch mehr Rädchen und Schaufensterpuppen in Uniformen.)

Die Nazis wollten nicht unter Wasser, sondern in die entgegengesetzte Richtung, und zwar mit Raketen! Ihr erstes Modell V(ergeltungswaffe)1 startete noch wie ein normales Flugzeug auf einer Startbahn. Berühmter wurde der Nachfolger V2 - trotz des eher einfallslosen Namens.
Am 3. Oktober 1942 schoss zum ersten Mal eine Rakete senkrecht nach oben - und durchbrach 85 Kilometer über Peenemünde (also etwa eine Tagesetappe, nur dass ich in diese Richtung leider nicht radeln kann) als erstes menschliches Objekt die Grenze zum Weltall.
Dieser Tag gilt als Beginn der Weltraumforschung. Zwar benutzen die Nazis die V2 erstmal nur, um London und Antwerpen mit klassischer Munition in Schutt und Asche zu legen, aber damals war schon längst allen klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis irgendeine Weltmacht mit diesem Antrieb zum Mond fliegt oder den Planeten in eine nukleare Wüste verwandelt (wahlweise auch beides).
Kein Wunder, dass die Alliierten versuchten, Peenemünde vorher in eine nichtnukleare Wüste zu zerbomben. Von da an mussten die Zwangsarbeiter die Raketen in einem Stollen bei Nordhausen am Harz unter den schlimmsten Bedingungen zusammenschrauben.
Wernher von Braun, der clevere Leiter des Projekts, hatte damit kein Problem. Er hatte schon als Kind mit Feuerwerksraketen experimentiert und war praktisch bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, solange er nur mit seiner Rakete spielen durfte. Wobei, nach zwei verlorenen Weltkriegen machte er dann doch eine Einschränkung: Zur Abwechslung wollte er mal mit den Siegern zusammenzuarbeiten. Also zog er mit seinem ganzen Team in die USA und schraubte unter anderem für Neil Armstrong eine Mondrakete zusammen. Präsident Kennedy hatte damit kein Problem und gab ihm sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft, was bei ehemaligen SS-Mitgliedern eigentlich verboten war.

Wem das alles zu heftig ist, der kann das Historisch-Technische Museum auch überspringen und stattdessen über das Dach ins Phänomenta radeln.

Das ist eines dieser Experimentier-Museen, wo Kinder in einer Seifenblase stehen oder ihren Kopf auf dem Silbertablett für ein Foto präsentieren. Das gibt es mittlerweile an allen möglichen Orten, aber das Phänomenta war für mich damals im Jahr 2010 das erste Museum dieser Art und damit etwas Besonderes. Ich meine auch, es ist unter allen Experimentiermuseen besonders groß und umfangreich - obwohl das Gebäude in meiner Erinnerung größer aussah.


Die restliche Nordspitze ist von Wald und Bunkern bewachsen, hinzu kommen ein Flugplatz und die Reste eines Konzentrationslagers. Teile davon sind nur während Führungen zugänglich. Also trat ich lieber den Rückweg an der Meerseite an und schnurrte schnurgerade zurück zum touristischen und nicht ganz so düsteren Usedom, durch viele Farnpflanzen und Seite an Seite mit Straße und Schienen, die auch das Bedürfnis nach etwas Strand haben.

Aber so schnell ließ mich die militärische Nordspitze noch nicht gehen! Erst einmal muss ich mitten über eine Betonplattform radeln. Hier sollte ein Materiallager für die Raketen entstehen, aber das einzige, was rechtzeitig fertig wurde, war der Gleisanschluss. Das Gleis, das heute Touristen heranbringt, transportierte damals Raketen ab und brachte später fertige Raketen aus dem Harz zum Überprüfen.

Erst in Trassenheide bin ich dann wieder in der ersten Reihe angekommen, wo die letzte deutsche Seebäderkette beginnt. Und tatsächlich wollte ich hier zwei total touristische Attraktionen besuchen, zu denen eigentlich jeder Einheimische jede Menge Abstand hält und wo einem im Grunde jeder sagt: Mach das nicht, das ist überteuert und gar nicht mal so toll.
Mir egal, ich wollte es trotzdem probieren und mir eine eigene Meinung bilden, nachdem ich diese Dinger schon so oft vor meiner Nase gehabt und ignoriert hatte. Das war eine gute Entscheidung, denn indirekt sollte eine der Attraktionen den ganzen Rest meiner Reise prägen.

Zum einen wollte ich eins von diesen Kopfüber-Häusern besuchen. Es stand abgelegen am Stadtrand zwischen anderen platzfressenden Touristenfallen wie Schmetterlingshalle und GoKart-Bahn.
Und was soll ich sagen? Ist echt witzig. Der ganze Körper ist verwirrt, während die Augen immer mehr Einzelheiten entdecken. Der Kühlschrank lässt sich aufklappen und ist voller umgekehrter Lebensmittel (bei Ketchup ist es ja sowieso sinnvoll, ihn auf den Kopf zu stellen, insofern hätte die Ketchupflasche eigentlich wieder richtig herum sein müssen), das Kinderzimmer voller Spielzeug und die Regale voller Bücher - manche sind sogar echt, andere bloß Attrappen aus Pappe. Also sehr detailliert, aber manche Details kommen etwas billig daher.
Und es ist auch nicht so, wie ich es bei anderen Kopfüber-Häusern zuweilen gehört habe, dass gesetzlich vorgeschriebene Dinger wie Feuerlöscher und Notausgangsschilder richtig herum stehen und damit die Echtheit zunichte machen. Das einzige, was wirklich falschherum (also richtigherum) eingebaut wurde, sind Tür und Treppe - sonst wär das etwas schwierig für die Besucher.

Endlich habe ich den einhändigen Handstand geschafft!
Natürlich haben all die Leute einen Punkt, die sagen: Neun Euro für die paar Räume? Also, ich weiß nicht...
Damit das nicht ganz so viele Leute sagen, hat man rund um das Haus noch ein paar kleine Leuchttürme und andere Modelle aufgestellt (diesmal richtig herum). Eigentlich lautet das Thema Leuchttürme der Ostsee, aber es waren ausschließlich deutsche Leuchttürme - bis auf einen einzigen aus Polen, und sogar der steht dicht hinter der deutschen Grenze. Manche erkannte ich wieder, andere (vor allem an den Buchten Schleswig-Holsteins) waren mir immer noch fremd. Dabei fielen mir ganz überraschend zwei Tatsachen auf, die sich ineinanderfügten wie zwei Puzzleteile.
1. Verdammt, ich habe bisher auf meinen Ostseetouren erschreckend selten einen Leuchtturm bestiegen! Eigentlich nur die beiden am Kap Arkona, und den Warnemünder kenne ich natürlich auch. In Dänemark überhaupt keinen.
2. Oha, ich komme heute noch am höchsten Leuchtturm der Ostsee vorbei!


Bis dahin ist es aber noch ein gutes Stück. Ein breiter Radweg brachte mich durch die Seebäder-Kette, rechts blicken Strandvillen aufs Meer, links krümmen sich Parks und kleine Wäldchen über den Spielplätzen und Strandaufgängen. Die Strecke erinnerte mich sehr an Kühlungsborn und gefiel mir gut. Solange die jetzt nicht auf die Idee kommen, Radler und Fußgänger zusammenzuwerfen.

Im Seebad Zinnowitz erwartete mich die andere Attraktion, von der praktisch alle abraten, nämlich die Tauchgondel. Tatsächlich ist das sogar die älteste Gondel ihrer Art, ein Ingenieur aus Zinnowitz hat sie erfunden.
Drei Gondeln habe ich an der Ostsee vorüberziehen lassen, aber diesmal wird es klappen. Oder? Ja, sie ist abgetaucht, trotz des kräftigen Windes. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Und tatsächlich, 30 Minuten später durfte ich einsteigen. Im Inneren kassierte ein launiger Kassierer neun Euro und ließ alle auf merkwürdigen Barhocker-Drehstühlen Platz nehmen. Wir warteten. Und schließlich schloss sich die Tür und langsam, ganz langsam, rutschte die Gondel an ihrer Stange immer weiter runter. Unterdessen bekamen wir eine launige Begrüßung. Gäste tuschelten, ein Kind plapperte.
Bis hierhin war es noch ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Dann trafen wir auf die Meeresoberfläche. Und mir wurde klar, dass ich mir eine Sache völlig anders vorgestellt hatte: Die Wellen. In meinem Kopf war die Gondel fest an der Stange verankert und von Wind und Wellen völlig unbeeindruckt.
Tja, das ist sie ganz sicher nicht. Die Gondel steckt in einer Art Metallkäfig, und die Befestigung an der Stange lässt ihr eine Menge Spielraum. Genug, damit jede einzelne Welle sie volle Kanne gegen die Käfigstäbe schleudert. BONG! Alter! All die Jahre bin ich durch genau diese Wellen geschwommen, und doch hatte ich keinen blassen Schimmer, welche Kraft sie haben! BONG! Allein diese Erkenntnis war die neun Euro fast schon wert. BONG! Mein Stuhl erbebte, mein Gleichgewichtssinn meckerte, und es kostete mich etwas Anstrengung, nicht noch tiefer in Richtung Fußboden abzutauchen. BONG!
Ein Kind begann zu weinen. BONG!
"Das wird wieder ruhiger, wenn wir ganz untergetaucht sind.", versprach unser Führer. (Dieses Versprechen erwies sich als ungefähr so wetterfest wie eines der Bundesregierung.) Und beruhigte uns dann gleich, indem er erwähnte, dass die Gondel erst letzte Woche mitten während der Fahrt evakuiert werden musste, wegen Stromausfall. Das geht ganz einfach: Per Leiter durch ein Loch aus dem Dach klettern, das die ganze Zeit über aus der Ostsee ragt. Fasziniert schaute ich zu, wie der Meeresspiegel immer höher stieg. BONG!
So, und was ist denn nun zu sehen unter Wasser? Grün. Alles grün. Und ich hatte noch Glück, immerhin saß ich ausgerechnet vor dem Fenster, an dem tatsächlich einmal eine (ungewöhnlich kleine) Qualle vorbeipaddelte. BONG! Wir wurden gefragt, ob jemand die Art erkennt. Ich konnte sie als einziger als Ohrenqualle identifizieren. Diese Quallenangabe machte mich offenbar zum Experten, sodass mir direkt ein Job angeboten wurde - auch die Tauchgondeln suchen dringend Leute.
 
 
An den anderen Fenstern bekamen die Gäste gar keine Meeresbewohner zu Gesicht. Wobei das streng genommen nicht korrekt ist, denn das Grün ist ja selbst auch ein Meeresbewohner: Algen. Ich befand mich immer noch mitten in der Odermündung, ergo mehr Süßwasser, ergo mehr Algen, ergo ist es eine schlechte Idee, ausgerechnet hier eine Tauchgondel hinzubauen, selbst wenn es zufällig der Heimatort ihres Erfinders ist. BONG! Um Werbung für die anderen Standorte zu machen, verriet uns der Experte auch gleich, wo es eine bessere Idee ist: Je weiter westlich, desto mehr Salz, also gibt es die idealen Sichtbedingungen an der Grömitzer Gondel und/oder an einem klaren, kalten Wintertag: "Dann kann man sogar (!) manchmal die Stützpfeiler der Seebrücke sehen." BONG!
Aber eins muss man dem Tauchgondel-Team lassen: Sie taten alles, um die Enttäuschung (und das ständige BONG!, das mich mittlerweile eher nervte als faszinierte) zu kompensieren. Etwa, indem sie Gehäuse von Schnecken und Muscheln vorzeigten. Oder, indem sie einen bestimmten Moment des Auftauchens als "Entenblick" vermarkteten. (Endlich können Sie die Ostsee mal aus der Höhe einer Ente erleben!) Vor allem aber, indem sie eine süß gemachte, ausgiebige 3D-Doku über alle möglichen Bewohner der Ostsee zeigten. Dabei wurden dann auch konsequent die Rollos runtergefahren, damit die echte Ostsee den Ostseefilm nicht störte.
Kein Wunder, dass das Kind beim Aussteigen plapperte: "Wir haben unter Wasser Fernsehen geschaut!"
"Aber du hast doch auch mal aus dem Fenster geguckt, oder?", fragte der Vater verwirrt, der nicht mitgefahren war.
Wir haben es versucht.

Hinter Zinnowitz rückt für einen kurzen Moment der Bodden mit seinen Salzwiesen ganz nah heran, die Insel wird eng. Für Häuser ist kein Platz mehr, und alle Verkehrswege müssen eng zusammenrücken. Für mich die Gelegenheit, um nochmal zu gucken, wie Usedom von hinten aussieht.
Grün. Sehr grün. Erinnert mich irgendwie an die Tauchgondel.

Mittendrin wird Usedom richtig wild und steil. Zuerst am Streckelsberg, und später dann am Langen Berg. Die Namen sind irreführend, denn der Streckelsberg ist eigentlich viel langgezogener und hat dementsprechend auch mehr steile Kilometer als der Lange Kurze Berg.
Außerdem ist er 58 Meter hoch, ragt weit in die Ostsee und war früher komplett waldlos. Damit das Meer den Berg den Berg nicht abrasiert, hat ihn Oberförster Schrödter mit Buchen bepflanzt, schon damals hauptsächlich für die Touristen.
Keine Ahnung, ob es am Zinnowitzer Fischbrötchen lag oder ob die Karte bei den Steigungen einfach übertrieben hat, jedenfalls bin ich ziemlich gut über die Berge rübergekommen und konnte dabei die knorrigen Bäume, die frische Waldluft und nicht zuletzt die guten Waldwege genießen - den Teil hatte ich mir schwieriger vorgestellt.

Wenn hohe Berge das Meer berühren, bedeutet das in der Regel: Steilküste. Die habe ich auch ab und zu zu Gesicht bekommen. Sie ist ziemlich zugewachsen, und die üblichen Holztreppen bahnen sich im Zickzack durch das Gestrüpp den Weg in Richtung Strand.

Zwischen den wilden Bergen verbirgt sich noch Ückeritz, ein Seebad, das fast ausschließlich auf Holzstege gebaut wurde. Nach all dem Auf und Ab hatte ich das Gespür für meine Höhe verloren und dachte, da hinten führt bestimmt wieder so eine ewig lange Holztreppe zum Wasser.
Diese Treppe war fünf Meter hoch. Naja, das schaffe ich, also ab ins Wasser. Es ist Zeit für das erste Bad in der Ostsee! Hm, der Seebrückentyp hatte recht, es ist wirklich weniger salzig hier. Aber in meine Flasche fülle ich das Zeug trotzdem nicht.

Tja, und damit ist alles, was von der deutschen Küste noch bleibt, die Dreifaltigkeit der drei Kaiserbäder. In diesen Seebädern badete Kaiser Wilhelm II. sowie alle anderen, die einen Adelstitel oder zumindest ordentlich Geld hatten.
Das jüngste (gerade mal von 1896) und langweiligste Kaiserbad heißt Bansin. Die Häuser und die Seebrücke sehen eher standardmäßig aus. Außerdem ist Bansin das einzige Kaiserbad, das als reiner Badeort gegründet wurde, und das einzige, das keinen Fisch im Namen hat. Stattdessen haben die Bansiner einfach den Namen eines Bauerndorfs weiter hinten übernommen.

Fahrradfreundlich ist Bansin auch nicht gerade. Wer kommt denn auf die Idee, die Zielgerade von einem der beliebtesten Radfernwege Deutschlands ohne Grund (der Platz würde für separate Rad- und Fußwege reichen) plötzlich in eine Fußgängerzone umzuwandeln, und erwartet, dass die Radler dann wirklich alle absteigen?
Antwort: Die Bansinerin, die allen Radlern (immerhin halbwegs höflich) zurief, sie sollten absteigen und gefälligst Rücksicht auf die Kurgäste nehmen.

Heringsdorf ist das zweite, modernste, aber trotzdem, nanu, das älteste Kaiserbad?! Damit hätte ich nun echt nicht gerechnet. Gläserne Scheiben und moderne Fassaden, soweit das Auge reicht! Die Bühne an der Promenade sieht aus wie eine Muschel aus Glas und Stahl, und sogar die Hecken wurden in unnatürliche Glockenformen (beziehungsweise Tauchgondelformen) zugeschnitten.

Zumindest, was die Seebrücke angeht, habe ich eine Erklärung, warum sie mit modernen Glaspyramiden überdacht ist: Die Brücke brannte in den 50ern ab. Aber schon das Original war eine Brücke der Superlative: 400 Meter waren den Heringsdorfern nicht genug, sodass sie nachträglich nochmal 100 Meter anhängten. Bis heute ist das mit 508 Metern die längste Seebrücke Deutschlands. Sie ragt nicht nur superweit ins Meer, sondern auch ins Land rein: Anders als bei anderen Seebrücken konnte ich nicht einfach am Start vorbeiradeln, sondern musste in einem Tunnel untendurch.

Eine Glaswand teilt die Besucherströme in zwei Spuren, damit es nicht zu Kollisionen kommt (außer zwischen der Glaswand und Leuten, die nicht sehen, dass da eine Glaswand ist). Die Brücke bietet dem braven Besucher folgende Aktivitäten: Souvenirs kaufen und am Anfang der Brücke in einem Eiscafé Eis essen, weil es cool ist, auf Deutschlands längster Seebrücke einen Eisbecher gegessen zu haben, nur um später festzustellen, dass es genau dasselbe Eiscafé auch mitten im Meer am anderen Ende der Brücke gegeben hätte, was natürlich noch cooler gewesen wäre.

Bei der dritten Seebrücke in Ahlbeck stellt sich so ein Problem nicht, hier gibt es nur ein Restaurant zur Auswahl, also heißt es ganz klar: Jetzt wird gegessen, sonst kann ich sehr, sehr ungemütlich werden.
Im Prinzip bestand die Seebrücke nur aus diesem Restaurant (und tut es immer noch für alle, die Loriot kennen), bis sie irgendwann nach hinten verlängert wurde. 

Auch hier spiegelt die Seebrücke den Ort wieder: Ahlbeck ist das klassische, villenartige und möglicherweise beliebteste der drei Kaiserbäder. Auch wenn es überraschenderweise nicht das älteste ist, lebten hier immerhin schon seit dem 12. Jahrhundert ein paar Fischer, nur halt nicht sehr viele. Das wollte Kaiser Wilhelm gern ändern und er ließ den Ahlbecker See ab, um neue Siedler anzulocken. Der Plan ging nicht auf, denn das Land war zu sumpfig zum Bauen. Aber zumindest die verkleideten Straßenkünstler kommen bis heute sehr preußisch daher.
Nichtsdestotrotz wurde Ahlbeck ein sehr beliebtes Reiseziel, und stünde der trockengelegte See nicht unter der Naturschutz, dann wäre ein Stück davon, egal wie schlecht der Boden auch sein mag, mittlerweile nur noch für Fantastilliarden zu bekommen.
Und außerdem ist Ahlbeck der letzte deutsche Ort.

Ich musste nur noch ein Stück durch den Wald radeln, dann erreichte ich eine orangene gepflasterte Fläche. Wobei, komplett orange ist sie nicht: Eine kleine graue Linie verrät, das hier das nächste Ostseeland beginnt. Und wer sie übersieht, für den wurde das ultimative Symbol der Völkerverständigung aufgestellt: Eine Hose aus Stahl. Nee, Spaß, das Ding soll eine Klammer darstellen, die Deutschland mit Polen verbindet. Solaranlagen saugen die Sonne ein, und dahinter erstreckt sich ein ziemlich breiter, gerodeter Grenzstreifen, über den sich ein Wanderweg aus Sand zieht. Nanu, der Eiserne Vorhang verlief doch gar nicht auf dieser Linie? Stimmt, aber trotzdem war das noch lange keine grüne Grenze. Man sollte nicht vergessen, dass an dieser Stelle bis 2007, vor dem Schengen-Abkommen, immer noch kontrolliert wurde. 2011 machten sich die beiden Länder dann daran, aus dem ehemaligen Übergang die längste Strandpromenade Europas zu machen, und dazu die einzige internationale (und außerdem am längsten Strand Deutschlands). Wobei, wenn ich ehrlich bin, der letzte Kilometer hatte eher wenig von einer Strandpromenade, sondern war halt einfach nur ein Fuß- und Radweg im Wald. Aber die Symbolik ist natürlich nett.

In Richtung Ostsee muss man nicht auf dem Sand latschen. Hier windet sich ein hölzerner Steg im Zickzack hin und her. Da war kein Betrunkener am Werk, das ist Absicht: Die Leute sollen eben gerade nicht wissen, in welchem Land sie gerade sind, in der (bislang meist unerfüllten) Hoffnung, dass die Menschen Grenzen in Zukunft nicht überbewerten. Nur hin und wieder verraten solche Pfosten, dass man gerade genau zwischen zwei Staaten steht.
Am Strand selbst ist die Grenze dann überhaupt nicht mehr zu erkennen.

Neues Land, neues Glück! Mal sehen, was die Republik Polen für mich bereithäl... Moment mal, was? Rote Radwege, noch mehr rote Radwege, so viele Radwege? Wo kommen die auf einmal alle her? Ein Radweg an der Straße, und parallel dazu noch einer an der Promenade?
Verflixt.
Ich muss irgendwo falsch abgebogen und aus Versehen in den Niederlanden gelandet sein.
Das hier kann auf keinen Fall das Land sein, dessen Regierungschef gesagt hat, er wolle keine Nation von Vegetariern und Fahrradfahrern haben.

Aber ausgerechnet der Ort, über den ich gehört habe, dass man da angeblich Radfahren kann, war völlig ungeeignet: Der Strand.
Womöglich denken Sie jetzt: Wo hat der Trottel denn so einen Quatsch gehört? Aber ja, Menschen haben mir versichert, sie hätten gesehen, wie Radfahrer fröhlich über den Swinemünder Strand radeln. Und als ich vor ein paar Jahren im Januar (ohne Rad) zum ersten Mal hier war, da war der Strandsand so fest, dass ich mir das sogar vorstellen konnte.
Im Juli aber nicht. Da hatte der Strand eine ganz normale Konsistenz, die sich wie bei jedem Strand zum Radeln ungefähr so gut eignet wie eine Wüste zum U-Boot fahren. Man kann höchstens bis zum Rand des Betonplattenfeldes radeln, das einen barrierefreien Weg in Richtung Wasser darstellt.
Die Mülleimer sind übrigens hervorragend gegen Sturmflut gesichert.

Die Strandpromenade sah zunächst sehr modern und edel aus. Sie hat sogar ein Gratis-Gradierwerk, um das jeder herumlaufen und gesunde Salzluft einatmen kann, weil neben ihm Salzwassertropfen das Schilf runterrinnen. Die meisten genossen die gesunde Luft jedoch lieber aus einem Meter Sicherheitsabstand, sitzend auf einer Parkbank.
Aber je weiter ich meinen Weg fortsetzte, desto mehr fiel mir die Eigenheit der polnischen Seebäder ins Auge. Immer mehr Stände tauchten auf, es wurde lauter und greller. Ich hob erst einmal einen Batzen Złoty-Scheine ab, Geldautomaten gab es ja mehr als genug. (Kartenzahlung ist ähnlich wie in Deutschland manchmal nicht möglich.)

Świjnouście a.k.a. Swinemünde war mal das drittgrößte deutsche Ostseebad und wurde von den Amerikanern im Zweiten Weltkrieg komplett plattgebombt, wobei die Zivilisten zu den am wenigsten geschützten im ganzen Krieg gehörten. Hinterher mussten die überlebenden Deutschen ausziehen, und die Polen stellten fest, dass ihre neue Stadt ohne Verbindung zum polnischen Festland eingezwängt war zwischen dem Wasser, der DDR und der sowjetischen Armee, die immer noch im Kurviertel abhing. Erst als die Sowjets in den 50ern abzogen, wurde die Schwäche auf einmal zur Stärke. Polen hat sonst kaum Inseln, also kamen gerade wegen der abgeschiedenen Lage die Polen gern zum Baden rüber, und nach der Wende auch immer öfter die Deutschen auf einen Tagesausflug aus den Kaiserbädern.
Als ich die Stadt das erste Mal besucht habe, stellte ich überrascht fest, dass dieser Ort quasi die Mischform aus meinen beiden Heimatwelten ist: Glatte Promenaden der Mecklenburger Seebäder und die schäbige Schönheit ostböhmischer Städte ergeben zusammen ganz genau diese Innenstadt, die sich von gläsernen Hotels oben an der Strandpromenade kaum stärker unterscheiden könnte. Obwohl beide gleich stark belebt sind.

Mit meinen Tschechischkenntnissen kann ich etwas Polnisch verstehen. Die Betonung liegt auf etwas.
Hauptsächlich geschriebenes Polnisch. Die Aussprache scheint nämlich zwei Regeln zu folgen:
1. Egal, was du denkst, wie es ausgesprochen wird, es wird anders ausgesprochen.
2. Nuschle, was das Zeug hält.
Das machte diese ganze Reise zu einem faszinierenden Dauerrätsel. Es war ein bisschen, als hätte ich vor ein paar Wochen begonnen, eine neue Fremdsprache zu lernen, aber viel chaotischer, unsystematischer und unvorhersehbarer. Mal schnappte ich auf der Straße eine längere Wortfolge auf, bei der mir sofort absolut klar war, was das bedeutet. Und dann wieder stand ich vollkommen ratlos vor zwei ganz simplen Worten und hatte absolut keinen Plan, so, als hätte ich noch nie auch nur ein einzige Silbe irgendeiner slawischen Sprache gelernt.
Die meiste Zeit aber verbrachte ich mit dem Mittelding: Vor einem Schild grübeln mit einer realen Chance, die Bedeutung herauszufinden.
Zum Beispiel glaubte ich in Świnoujscie folgendes zu lesen: Ein Haus des Berges mit den Beinen? Wat? Eine Art Bergwanderhütte - hier im Flachland?
Nein, es ist ein Haus mit den Beinen nach oben - also wieder ein Kopfüber-Haus! Die Dinger sind in Polen genauso verbreitet wie in Deutschland und meistens ganz hübsch mit Fachwerk gestaltet.

In Swinemünde mündet, wenig überraschend, die Swine a.k.a. Świna, der zweite Arm der Oder. Es ist der wohl verkehrsreichste Mündungsarm, und seine Mole wird ausnahmsweise nicht von einem Leuchtturm bewacht, sondern von einer Windmühle. Oder? Im Prinzip ist die Stawa Młyny schon ein Leuchtturm, denn sie wurde von Anfang an gebaut, um den Schiffen den Weg zu weisen, und nachts kann sie auch kräftig blinken. Die Mühlenflügel zermahlen nichts, sie drehen sich nur dekorativ im Wind, damit der Turm auch tagsüber aus der Ferne besonders gut zu erkennen ist.

Egal, ob die Schweden, Polen, Preußen, Russen oder Deutschen die Stadt gerade unter ihrer Kontrolle hatten, sie alle wollten unbedingt die Mündung des Flusses verteidigen. Deswegen ist das Ufer der Świna gesäumt von Festungen. Das Fort Zachodni, nanu, Toilettenfort, ach nee, Westfort, wurde von Preußen gebaut und kommt als großer grüner Bunker eher modern-martialisch daher. Die Soldaten aus diesem Fort gehörten zu denen, die den Zweiten Weltkrieg starteten - wie genau, werde ich am Ende dieser Reise herausfinden. Als die Sowjetarmee das Haus aufgab, kehrte endlich Frieden ein und die brutale Batterie wurde zum Gemüselager.
Das Fort Aniola, also Engelsburg, sieht dagegen fast schon antik aus, und tatsächlich ist es an das Grabmal von Kaiser Hadrian in Rom angelehnt.

Alles schön und gut, aber wie komme ich jetzt über den Fluss? Mit einer großen Fähre, die eine recht ungewöhnliche Auswahl unter ihren Fahrgästen trifft. Radler und Fußgänger können komplett gratis fahren, Autofahrer dagegen dürfen, selbst wenn sie bezahlen, nur dann drauf, wenn sie ein Swinemünder Kennzeichen haben, außer nachts.
Online hagelt es wütende Bewertungen für diese Fähre von verärgerten Touristen, die einen Umweg machen und bei der anderen Fähre weiter südlich lange anstehen mussten: Diskriminierung! Fähre nur für Polen! Was ja an sich nicht stimmt, denn 99,9 Prozent aller Polen dürfen auch nicht mit ihrem Auto drauf, weil sie in irgendeiner anderen polnischen Stadt leben (während Deutsche, die sich dank der EU-Freiheit in Świjnouście niederlassen und ihr Auto dort anmelden, die Fähre nutzen dürfen). Und trotz dieser Regel und obwohl die Fähre alle 20 Minuten ablegt, war sie sehr gut gefüllt - ich will nicht wissen, wie es dann ohne die Regel aussähe. Ab diesem Monat soll sowieso der brandneue Swinetunnel das Problem lösen, sodass sich niemand mehr diskriminiert fühlen muss. Laut EU-Kommission ist es der längste Unterwassertunnel Europas, was ich nicht so recht glauben kann - was ist denn mit dem Eurotunnel? Die Kommission scheint eine eigenwillige Definition des Wortes Unterwassertunnel zu haben.

Die Mühle vorhin war übrigens nicht das Einzige, was Świjnouście leuchtturmmäßig zu bieten hat. Im 12. Jahrhundert entfachten die Swinemünder auf einer Anhöhe ein fettes Feuer, um die Schiffe den Fluss runterzuleiten. Das war aber nicht nur brandschutzrechtlich heikel, sondern auch eine sehr fehlerhafte Methode, denn immer wieder lockten falsche Irrfeuer die Schiffe auf die nächstbeste Sandbank. Nach dem Motto klotzen, nicht kleckern stapelten die Swinemünder also beigefarbene Ziegel 68 Meter hoch und schufen den höchsten Leuchtturm der kompletten Ostsee. Schon während der Fährfahrt konnte ich einen ersten Blick auf den fernen Riesen zwischen den Kränen werfen. Noch wusste ich nicht, dass es auch der einzige Blick sein würde.

Der Turm inklusive Leuchtturmwesen-Museum macht 18 Uhr dicht, schaffe ich das noch? Wird schon.


Ich folgte also flott der Straße aus dem industriellen Ostteil der Stadt raus. Nun hatte ich Usedom verlassen und befand mich auf einer polnischen Insel namens Wolin. Jetzt musste ich im Bogen diese Brücke hoch und dann wieder Richtung Norden... wie, die App sagt, das ist alles gesperrt? Quatsch, das muss ein Fehler sein, die werden ja wohl nicht den kompletten Stadtteil sperren.
Moment, und was macht dann das Fahrradverbotsschild da? Das gilt bestimmt nur für die Fahrbahn und nicht für den Radweg, alles andere würde doch gar keinen Sinn ergeben.
Zuversichtlich strampelte ich über die Brücke und stand vor dem dritten Verbotsschild - ein Haufen polnischer Text, von dem ich nur wenig begriff. Aber die Straßensperre mit dem Pförtnerhäuschen, die völlig leere Straße und die tiefschwarzen Autos dahinter verunsicherten mich dann doch. Was geht denn hier ab? Ich fragte Google Übersetzer nach der Bedeutung des Schilds, doch noch ehe mir das EU-weite kostenlose Datenroaming eine Antwort heranschleppte, brauste eines der schwarzen Autos vor. Ein junger Mann textete mich höflich, aber ernst, mit einem polnischen Sermon zu, und ich musste erstmal deutlich machen, dass ich nichts verstand. (Merke: Polen switchen durchaus gern zum Englischen, sofern sie es können, aber es ist ihnen gesetzlich verboten, ein Gespräch auf Englisch zu beginnen. Auch dann nicht, wenn dein Äußeres 10 Kilometer gegen den Wind Tourist! schreit.) Daraufhin erhielt ich zunächst die erfreuliche Anrede "Sir" und anschließend die weniger erfreuliche Auskunft, das hier wirklich nicht, auf gar keinen Fall, ein Durchkommen sei. Warum auch immer. Eine Militärübung? Oder hat es was mit dem Ausbau des Hafens zu tun? Lange bevor Deutschland auf solche Ideen kam, hat Polen hier schon ein LNG-Terminal für Flüssiggas aus Katar gebaut, um unabhängiger von Russland zu werden. Nun bauen sie auch den Containerhafen aus und wollen kein zweistaatliches Umweltgutachten machen. Das sorgt für Streit mit der deutschen Seite, die um ihre Natur fürchtet.
So oder so, es ist ärgerlich, denn so bleiben mir sowohl der Leuchtturm als auch der Ostseeradweg verwehrt. Ich blieb notgedrungen noch eine Weile auf der unteren Straße, mittlerweile ohne Radweg, bis es eine Möglichkeit gab, die Schienen zu überqueren und ich wieder auf dem richtigen Waldweg landete.

Es handelt sich um einen jungen und schlanken Küstenwald, durchstrahlt von jeder Menge Sonnenlicht. Aber zugleich auch um einen Militärwald, unter dem sich eine komplette unterirdische Stadt erstreckt, in die kein Sonnenstrahl dringt, sondern ausschließlich künstliches Licht.
Der älteste Teil der Anlage stammt noch von den Deutschen aus den 1930ern. Der eigentliche Hauptbunker ist nur mit einer Führung zugänglich, aber was ist das? Der kleine Bunker da in den Dünen sieht offen aus, kann ich da etwa reinspazieren? Kann ich, sofern mein Handy genug Strom für die Taschenlampe hat oder sofern ich kein Problem damit habe, mich ständig zu stoßen. Die weißen Zimmer sind voller Müll und mit seltsamen, fast schon gotisch-spitzen Durchgängen verbunden. Etwas beklemmend, wenn auch längst nicht so sehr wie die Straßensperre vorhin.

Noch weißer und ungewöhnlicher ist der Dzwon. Das bedeutet Glocke, und mit ein bisschen Fantasie sieht der Feuerschutzturm aus dem Jahr 1939 tatsächlich so aus. Leider kann man ihn allem Anschein  nicht besteigen, und überhaupt ist alles fast an diesem Turm gleichgültig und abweisend. Nur an die eine Ecke hat irgendwer ganz überraschend ein paar Fahrradständer drangeschraubt.

Der polnische Ostseeradweg hat dieselbe Nummer wie der europäische: Sein Name ist R10. Die Polen malen sein Schild am liebsten auf Baumrinde.

Auch das europäische Symbol taucht immer öfter auf, jedoch sind diese reflektierenden gelben Schilder sehr schambehaftet: Sobald der Weg irgendwie schlechter wird, ist ihnen das peinlich und sie verziehen sich für die nächsten 20 Kilometer. Alles in allem ist die Beschilderung lückenhaft, aber hier im Westen noch am besten.

Das zweite polnische Seebad heißt Międyzydroje (früher Misdroy), das heißt zwischen den Maschinen? Nee, keine Ahnung. Die gläsernen Hoteltürme sind phantasievoll verdreht.

Hier gibt's eine Modellausstellung, die im Grunde ein perfekter Ausgangspunkt für eine Ostseeumrundung wäre. Oder ein Ersatz, falls einem die echte Ostsee zu groß ist. Im Bałtzcki Park Miniatur (das braucht keine Übersetzung, denke ich) wurde ein Teich in Form der Ostsee angelegt und mit Modellen berühmter Gebäude aus allen neun Ostseeländern umgeben. Auch hier darf der Swinemünder Leuchtturm nicht fehlen, und MV wird durch das Schweriner Schloss repräsentiert.

Der Park macht 19 Uhr dicht, schaffe ich das noch? Ah, nein, verdammt, zu spät. Schaaade.


Dann finde ich stattdessen halt heraus, wie eine polnische Seebrücke aussieht. Ergebnis: Anders. Um genauer zu sein, voll, laut, bunt und kalorienreich. Am Anfang steht eine gläserne Markthalle, in der lauter gesundes Gebäck wie zum Beispiel Baisers mit Schokolade, Streuseln und Marshmallows drauf verkauft wird. Schon das Angucken erhöht das Risiko eines Herzinfarkts in medizinisch messbarer Weise.
Der offene Teil sieht aus, als hätte irgendwer eine dieser Kinderspielhallen im amerikanischen Stil vom Rande der Stadt genommen und über der Brücke ausgekippt. Feuerwehrautos und Plastikpferdchen drängen sich aneinander, und die Kleinkinder wissen gar nicht, welcher Figur sie das Gewicht ihres soeben verzehrten Marshmallow-Baisers zuerst anvertrauen sollen.

Weiter hinten folgen noch mehr Geschäfte, Automaten, und dazwischen vibrieren immer stärker ohrenbetäubende polnische Schlager. Trotz dieser fast schon militärischen Abwehrmaßnahme gelang es mir, bis nach hinten vorzudringen. Mit großer Begeisterung schwangen die polnischen Paare das Tanzbein. Bei mir verweigerten dagegen schon die Trommelfelle ihren Dienst. Ich bin damit sozialisiert, dass Seebrücken einfach ein paar halbwegs ästhetische Bretter sind, auf denen Rentner ruhig ins Meer flanieren - an diese grelle Art von Brücke müssen sich meine Augen und Ohren erst noch gewöhnen.
Aber die Ruhe der Natur war schon in Sichtweite. In der Ferne ragte die Steilküste 95 Meter in den Himmel und erinnerte mich entfernt an die Klippen Bornholms. Irgendwo dort verbirgt sich Polens zweitniedrigster und gleichzeitig (durch die hohe Klippe) höchster Leuchtturm mit dem plattdeutschen Namen Kikut. Treppen, alte Grenztürme und schöne Aussichten soll es in dem Gebiet geben, aber leider keine Radwege. Das Gelände zu Fuß zu erkunden, wäre eine Halbtageswanderung, und dieser Tag war definitiv mehr als halb rum. Macht nichts, dachte ich, Polen wird ja noch viele erstaunliche Steilküsten haben.
Hat es nicht. Tatsächlich ist Polen deutlich weniger Steilküsten-Land als Deutschland oder Dänemark. Spoiler: In diesem Land ist die spektakulärste Ostsee-Landschaft erstmals keine Steilküste, sondern etwas anderes.

Die Radler umgehen die Steilküste im Nationalpark Wolin. Das hölzerne Tor verkündet, dass jedermann gefälligst eine Eintrittskarte lösen soll. Auch dann, wenn die Kasse schon geschlossen ist - scannt gefälligst den QR-Code. Mir egal, dass du nicht genug Internet hast, jede Person ist selbst dafür verantwortlich ein Ticket zu kaufen!
Diesen Satz konnte der Nationalpark problemlos ins Deutsche übersetzen, danach war er mit den Übersetzungen eher geizig. Deutsche erfahren zwar, dass die Fledertiere (vermutlich die genderneutrale Bezeichnung der Fledermaus) zu den Tire des Waldes gehören, aber mehr auch nicht, vollständige Sätze bleiben den Polen vorbehalten. Auch das Wisentgehege hatte seine Pforten längst geschlossen.
Doch wen kümmerts? Der Wald ist Attraktion genug. In der Abenddämmerung stieg ein ganz leichter Nebel aus den Hügeln auf, und ganz, ganz allmählich löste sich der Nationalpark und die Bildqualität meiner Fotos immer mehr auf. Aber auf eine fotogene Weise.

Still und gepflegt liegt das Dörfchen Warnowo am Rande des Nationalparks. Über dem hölzernen Nationalparkschild flattern die EU-Flagge und die polnische Flagge einträchtig nebeneinander.
Ich wartete etwa eine Stunde am Bahnübergang, bis aller Züge durchgezogen waren, und steuerte dann meine Übernachtung an.

Warum meine Tour ausgerechnet in diesem Dörfchen endet?
Wegen Corona.
Eigentlich ist in Polen wildes Zelten generell verboten, es wird halt nur nicht verfolgt, außer in Nationalparks. Angeblich wurde seit 30 Jahren kein Bußgeld mehr deswegen ausgesprochen.
Im ersten Lockdown wollte die Regierung dann dafür sorgen, dass die Polen zumindest in der eigenen Wildnis völlig legal Urlaub machen können. Und sie wählte dieselbe Lösung, die Dänemark seit Langem praktiziert: Auf einer Onlinekarte kann man nachgucken, welche Flächen zum Zelten freigegeben sind. In erreichbarer Nähe des Ostseeradwegs sind es bloß zwei, eine davon südlich von Warnowo.
Vor Ort wies kein Schild des Umweltministeriums (wie in Dänemark) und auch sonst nichts auf die Legalität hin. Nichts, abgesehen von der Tatsache, dass der flache Boden mit kurzen Gewächsen drauf wirklich gut geeignet war, um sich dort hinzubetten.
Aber ich bezweifelte, dass alle Anwohner die Regel kannten, und weil ich keine Lust auf eine Diskussion hatte, verbarg ich mich zur Sicherheit hinter schützenden Ästen einer Tanne.
Es dauerte nicht lange, da hatte mich zusätzlich der Nebel eingehüllt.
Und der Schlaf.

Samstag, 1. Juli 2023

Von Barth nach Wolgast

Bam! Bam! Bam! Allmählich erschüttern die Betonplatten nicht nur mein Rad, sondern auch meine Nerven. Ich weiche auf einen Streifen Asphalt aus, aber nach ein paar Metern hat er auf einmal eine schmale Lücke mit Warnbake drin. Und kurz darauf die nächste. Komische Baustelle.
Über meinem Kopf versuchen die ersten Sonnenstrahlen, sich zu mir nach unten zu zwängen. Mit mäßigem Erfolg. Seit Wochen herrscht Hitzewelle, aber ausgerechnet meine Sommertour beginnt natürlich mit Nieselregen. Willkommen zur Ostsee, Staffel 3!
So vieles hat sich geändert seit der zweiten Staffel: Ich fahre allein weiter, bin viel schneller und rase dementsprechend nur so durch die absurd langen Tagesetappen dieser Staffel. Dennoch werde ich am Ende dieser Staffel erst einmal nicht weiterfahren können.
Doch egal, es gibt auch Dinge, die vollkommen gleich geblieben sind: Die Wege, das Wetter, die Bahn und das sonstige Chaos der Welt bleiben unvorhersehbar.

Eigentlich ist die Strecke von Barth nach Stralsund richtig schön, sobald die Betonplatten aufhören. Sie ist das entgegensetzte Puzzleteil vom Ostzingst-Radweg nach Pramort, den ich vor etwa 7,5 Milliarden Jahren gemacht habe. Auf der anderen Seite des Boddens ist die Halbinsel zu sehen. Besonders viele Einzelheiten, abgesehen von Da ist Wald und Da ist kein Wald, habe ich nicht wiedererkannt. Musste ich auch nicht, meine Seite sah ja auch gut aus. Auch hier krümmen sich ab und zu kleine Küstwäldchen im Wind. Ansonsten: Grün. Das Gras und das Schilf haben fast denselben Grünton und schaffen es so, komplett unauffällig ineinander überzugehen. Stille und Frieden hüllten das Land ein, das ich komplett für mich hatte. Das mag an der frühen Stunde liegen. Aber auch daran, dass ich mich heute gewissermaßen in der zweiten Reihe der Ostseeküste bewege. Die weißen Sandstrände, die Touristenmassen, ja, sogar die DDR-Flüchtlinge und Grenzer damals, das alles liegt inzwischen nicht mehr auf dem Festland, sondern vorne auf den Inseln und Halbinseln. Was mir im Grunde nur recht ist.
Zumal die zweite Reihe in Mecklenburg immer noch viel, viel schöner ist als an der Nordsee.

Nach einer Weile musste ich das Wasser durch Dorfstraßen ersetzen. Eine trug den Titel Allee des Jahres 2014, eine andere hat einen weniger einladenden Namen...

Aber bevor ich runter nach Stralsund abbog, machte ich noch einen kleinen Umweg zur Nordspitze Barhöft. Diesen wunderbaren Weg habe ich am Rande einer Rügen-Radkarte entdeckt, eigentlich gehört er gar nicht zum Ostseeradweg. Zu Unrecht, das war so ziemlich der schönste Abschnitt des Tages! Ja, okay, zugegeben, man fährt ziemlich viel Straße für ein ziemlich kurzes Stückchen am Wasser. Und der Pfad wird auch deutlich schmaler. Aber: Das Wasser eben auch. Hinter dem Bodden erhebt sich die Insel Bock. Die wurde komplett künstlich aufgeschüttet, steht unter Naturschutz und ist gesperrt. Trotzdem konnte ich deutlich mehr erkennen als vorhin von Zingst: Jede Menge Wald, zwei alte Leuchttürme und dürre Baumskelette im Sumpf. Das ganze Ufer sieht einfach ungezügelter aus, als hätte man den Bodden endlich von der Leine gelassen.
Aber Moment mal: Wo ist eigentlich der Bodden? Sehen Sie irgendwo Wasser auf dem Foto? Ist die Ostsee etwa schon wieder zu einem kleinen Bächlein zusammengeschrumpft, wie an der Insel Svinø?

Eine Plattform im Schilf und ein echt großer Metallturm beantworten meine Frage: Nee, ganz so schmal ist das Meer dann doch nicht. Muss wohl einfach am Blickwinkel gelegen haben.
Die Nationale Volksarmee der DDR hatte neben diesem Turm ein Raketensilo gebaut. Mittlerweile benutzt statt der NVA der NABU das Gelände. Seine Ausstellung war noch geschlossen, aber der Turm stand mir offen. Zumindest, nachdem ich nach nur wenigen Stunden eine Euromünze fürs Drehkreuz aus den Untiefen meines Portemonnaies ans Tageslicht befördert hatte.

Eine anderes Überbleibsel des Sozialismus ist dieser Vollpfosten mit DDR-Emblem. Sollten Sie also mal am Barhöfter Hafen anlegen und das Symbol sehen: Keine Panik, Sie sind weder durch die Zeit noch zu weit nach Osten gesegelt.

Alles in allem: Die Boddentour Barth-Stralsund inklusive Barhöft ist klar zu empfehlen.
Die Einfahrt nach Stralsund hat mich stark an die nach Wismar erinnert: Grauer Asphalt auf grüner Steilküste, die zwischen den Hecken nur sporadisch zu erkennen ist. Irgendwo darunter ab und zu Strand, der Blick auf die Rügenbrücke und den riesigen weißblauen Werftkasten, der kürzlich leider endgültig pleiteging.

Willkommen in Stralsund, der einst zweitwichtigsten Hansestadt nach Lübeck! In der zweiten Reihe konnten die Stralsunder ihre Schiffe sicher vor Stürmen parken, Deutschlands größte Insel war ein zuverlässiger Schutzschild. Außerdem entdeckte der Apotheker Carl Scheele hier den Sauerstoff, was den Menschen das Atmen ungemein erleichterte.
Das Stralsunder Rathaus sieht aus, als hätte man dem Kopenhagener Rathaus den Turm abgeschnitten, um zu verhindern, dass Egon Olsen an die Turmuhr gehängt wird.

Am Wasser besteht Stralsund aus Fisch(brötchen)kuttern, einem Kanal und rotbraunen Häusern. Hier legen Fähren nach Rügen und Hiddensee ab.
Mittendrin erhebt sich ein seltsam geformtes, weißes Ding, das aussieht wie ein Kraftwerk. Es ist das berühmte Ozeaneum. In düsteren Räumen leuchten Aquarien, so groß, dass die Scheiben dicker sein müssen als die neugierigen Arme, die dagegenklopfen.

Zum Beispiel ist da ein Brandungsbecken, wo in regelmäßigen Abständen eine künstliche Welle auf die Fische bricht, ein Gezeitenbecken, in dem sich der Wasserstand etwas langsamer ändert, das Hamburger Hafenbecken, wo sich Aale in Röhren verstecken, und natürlich das riesige Atlantikbecken, wo ein großer Schwarm Heringe seine endlose Runde dreht. Ein Bereich widmet sich komplett der Ostsee. Im größten Raum leben aber gar keine Tiere, von der dunklen Decke hängen stattdessen vier Walfische aus Kunststoff in Originalgröße, einer kämpft mit einem Riesenkalmar. Bevor das Ozeaneum eröffnet wurde, gab es in Stralsund ein Meeresmuseum, das für die damalige Zeit auch schon sehr sehenswerte Aquarien bot. Das ist inzwischen ziemlich in den Hintergrund gerückt. Ich sollte da mal wieder hinfahren, eigentlich war ich seitdem nur noch im Ozeaneum...

Eine andere Sehenswürdigkeit ist ein Segelschulschiff der Bundeswehr namens Gorch Fock. Nee, nicht das teure Skandalschiff aus Kiel, das so oft in den Nachrichten war - das hier ist die ältere Version, die zwar ausgerechnet aus dem Jahr 1933 stammt, aber trotzdem deutlich weniger Ärger macht als ihr Namensvetter von 1985.

Und nicht zuletzt hat Stralsund auch den besten und schönsten Wasserpark der deutschen Ostseeküste. Der legendäre Wildwasserfluss im Hansedom strömt so gnadenlos stark, dass er mir das Armbänchen vom Arm riss.

Aber nicht alle Gewässer der Stadt sind in so gutem Zustand. Die Altstadt ist im Prinzip fast eine Insel, eingeschlossen vom Bodden, Dämmen und Teichen. Und einer dieser Teiche stinkt. Es sind so viele Schadstoffe drin, dass er zu kippen droht. Ein Tretbootverleiher, der das Problem offen ansprach, machte sich damit in der Stadtverwaltung zu Unerwünschtem No. 1.

Am Ausgang Stralsunds kann ich einfach nicht anders, als den Kopf in die Höhe zu recken - wie denn auch, wenn eine derart riesige Brücke über besagten Kopf hinwegzieht? Nicht ganz so auffällig ist der kleinere Rügendamm, aber für Radler ist er das Tor zu folgenden Inseln: Rügen natürlich, aber auch DänholmUmmanzHiddensee und sogar Bornholm. Ja, hauptsächlich ist Stralsund immer noch so was wie eine zentrale Insel-Drehscheibe.
Kenne ich alles schon. Heute will ich lieber das Festland meiner Heimat sehen, denn da habe ich noch erstaunlich große Lücken.

Ob das klappt? Der Radführer flößte mir jedenfalls leichte Nervosität vor dem nächsten Abschnitt ein und empfahl, die nächsten 40 Kilometer am besten direkt per Bahn zu überspringen, denn: Zwischen Stralsund und Greifswald droht Kopfsteinpflaster. Und damit es ja nicht aus Versehen durch irgendwas Asphaltiertes ersetzt wird, ist es auch noch denkmalgeschützt. O weh!
Naja. Alles in allem ist das eines der freundlichsten Kopfsteinpflaster, die ich kenne (übertroffen nur von diesen Pflastersteinen, die oben zu einer glatten Fläche abgeschmirgelt wurden). Die grauen Steinchen fügen sich ineinander wie die Schuppen einer uralten, schnurgeraden Riesenschlange. Unter meinen Rädern holperten sie nicht, sondern schnurrten eher vorwärts. Und wem das immer noch zu unruhig ist: Ein Teil der Strecke hat sogar Asphaltränder.

Aber ich musste es ja unbedingt besser wissen. Ich fürchtete, das Pflaster könne sich verschlechtern, und ich wollte unbedingt Meer sehen. Am Rande der Rügenkarte war ein wilder Waldweg direkt am Ufer verzeichnet. Vorhin bei Barhöft war es eine gute Idee, dieser Landkarte zu folgen.
Diesmal nicht.
Überhaupt nicht.
Oje, wo bin ich hier gelandet? Aber ich wollte nicht aufgeben, vielleicht wird es ja bald besser. Also steuerte ich freiwillig immer tiefer hinein in einen brennenden Albtraum aus Schilf und Zecken, Gras und Wald, Dornen und Brennnesseln, Sand und Matsch, der meine Waden aufs Übelste malträtierte. Was immer das hier sein soll, es taugt höchstens als Wanderweg. Nur ganz kurz, am Fähranleger nach Stahlbrode auf Rügen, wurden die Wege gut.
Immerhin: Es gibt Brücken über die Bäche. Auch wenn sie sehr gut versteckt sind.

Am Ende dieser Tortour lauert Deutschlands gefährlichste Insel: Riems. Jeden Tag fahren Mediziner vom sicheren Festland über die Brücke, tauchen durch ein Schwimmbecken aus Desinfektionsmittel (hab ich jedenfalls so gehört) und erforschen tödliche Krankheitserreger. Meine ahnungslosen Eltern wollten einmal von Greifswald aus Richtung Meer fahren und waren sehr überrascht, als sie sich vor dem Hochsicherheitstor wiederfanden.
Ich denke, diese Insel lasse ich lieber aus.

Ein Schiff mit Regenbogenflagge zeigt an: Willkommen in Greifswald! Der Marktplatz erinnert erstmal an eine weiße, weniger verschnörkelte Version von Wismar. Aber tatsächlich ist diese Hansestadt im Grunde so was ähnliches wie das Göttingen (oder, um an der Ostsee zu bleiben, das Flensburg) von MV. Also die junge, hippe Fahrrad- und Studentenstadt. Ist jedenfalls mein Eindruck, allerdings war ich vorher auch nur einmal da. 1456 entstand hier die älteste Uni von Deutschland Schweden, denn die eroberten das Land später und machten aus der Uni eine wissenschaftliche und kulturelle Brücke zwischen den Staaten.
Dass von der Greifswalder Altstadt so viel mehr übrig ist als von Rostock, ist der Verdienst von Oberst Petershagen. Der handelte 1945 eine kampflose Übergabe mit den Russen aus.

Zu dieser Altstadt gehört auch der Lange Nikolaus. So wird der Dom genannt, weil er 100 Meter waagerecht misst. Darin kann man seine Gebete (oder auch Wunschzettel an den Nikolaus) an eine seltsame Kurbelmaschine hängen.
Oder man betritt die Aussichtsplattform im Turm durch eine winzige Katzenklappe, die im Gegensatz zum Dom ruhig etwas größer sein könnte. Au, Fahrradhelm nicht vergessen!

Direkt am Ostseeradweg steht ein Turm, der zu den ältesten Gebäuden der Stadt zählt. Der war aber viel kürzer, dicker und zudem gerade abgeschlossen. Der Fangenturm war einerseits Teil der Stadtmauer, aber bei so einem fetten Koloss ist natürlich noch Platz für viel mehr Funktionen. Zuerst waren im Keller Gefangene angekettet (daher der Name), später wurde der Turm zum Lager, zum Pulverturm und die Universität baute ihn zur Sternwarte aus. (Die Sterne wurden nicht angekettet, sondern bloß bespannt.)

Greifswald lässt sich wirklich ganz angenehm durchqueren. Der Radweg folgt dem Fluss Ryck (das ist einfach nur ein slawisches Wort für Fluss) zurück ans Meer. Es wird wieder grüner, die Häuser und Bootsclubs verschwinden.

Kurz vor der Mündung kehren sie aber nochmal zurück. Eine historische Klappbrücke führt ins Fischerdorf Wieck. (Wieso heißen eigentlich so viele Fischerdörfer Wiek? Langsam wierkt das einfallslos.) Das Dorf selbst sah gar nicht mal so historisch aus, abgesehen von den Schilfdächern.
An dieser Brücke starteten einst Schiffer, dann Fischer (das Dorf hat Zungenbrecher-Potential) und irgendwann nur noch Freizeit- und Sportboote.

Die Segelschiffer hatten damit zu kämpfen, dass ihr Hafen versandete. Deshalb verschlossen sie einen Mündungsarm des Ryck und machten den anderen tiefer und gerade. Mittlerweile wird er von einem knallbunten Sperrwerk im Steampunk-Look verschlossen (hinten rechts). Oder wie die zuständige Behörde schreibt: Entwickelt wurde ein Konzept, das im Spannungsfeld von Sicherheit, Funktionalität, städtebaulicher Wahrnehmung und Kosten ein Optimum bildet.
Davor ist zu sehen, wie die Fischer frischen Fisch gefischt haben: Mit einer Bügelreuse (ganz links) oder, falls die Ostsee zugefroren war, mit einem Peekschlitten (vorne links). Der Schlitten wurde per Stange abgestoßen oder per Segel vorwärtsgeweht. Damit kamen die Fischer auf ein ordentliches Tempo, weshalb es auch Wettrennen mit den Dingern gab.

Das ist aber nicht das, wofür diese Ecke am berühmtesten ist - die bekannteste Attraktion wartet am anderen Flussufer.
Im Jahr 1199, also bevor die meisten Städte in MV überhaupt existierten, bauten ein paar Zisterziensermönche (was anscheinend die einzige Art von Mönchen ist, die hier im Norden überleben konnte) ein Kloster. Und weil in jener grauen Vorzeit der Immobilienmarkt noch nicht so angespannt war, schenkten ihnen die Herzöge jede Menge Land dazu. Dafür wollten sie nichts weiter als mit jeder Menge Pompom unter besagtem Kloster beerdigt zu werden, was die Mönche auch brav taten.

Ein paar Jahrhunderte später machte die Reformation allen Klöstern ein Ende und die Herzöge übernahmen ihren Friedhof selbst, machten daraus ein Amt und benutzten die prächtigen Hallen für ihre Veranstaltungen. Zumindest, bis der Dreißigjährige Krieg und der Zahn der Zeit ihre neue Mehrzweckhalle demolierten. (Ein Jazzfestival findet trotzdem bis heute darin statt, Jazzfans sind da halt nicht so pingelig.)
Die Zeit des Klosters Eldena war vorüber. Kaum jemand wäre wohl auf die Idee gekommen, dass es erst jetzt, im halbverfallenen Zustand, so richtig berühmt werden sollte. Nicht einmal der Maler Caspar David Friedrich, der sich heftig in die malerischen Ruinen verliebte und sie wahnsinnig gern in romantischen Bildern festhielt.
Dass sie heute noch genauso aussehen wie damals, ist aber einem anderen Friedrich zu verdanken: Friedrich Wilhelm IV, König von Preußen. Der stand anscheinend auch auf die Klosterruine und ließ sie schützen, lange bevor es so etwas wie Denkmalschutz gab. Dank ihm kann ich durch die Steinbögen spazieren und Fotos knipsen, die nicht im engeren Sinne an die Gemälde des Maler-Friedrichs heranreichen. Es ist viel übrig, aber nicht genug, dass so richtig klar wird, wie sich die einzelnen Mauern damals ins Kloster eingefügt haben. Ohne Funktion scheinen die ziellosen Ziegel aus dem Boden zu wachsen, und ich schätze, genau das macht den Reiz solcher Ruinen ja aus - Ziegel ohne Kontext.

Wie geht es weiter? Ah ja, immer auf dem Radweg an der Straße lang. Statt der Ostsee wogen goldene Weizenfelder, und von oben brennt die goldene Sonne.
Also, manchmal zumindest.

Am Naturschutzgebiet Lanken fuhr ich nochmal einen Bogen zur Steilküste. Dasselbe Seeungeheuer, das schon bei Kühlungsborn ein Stück Ostseeradweg probierte, hat auch hier wieder zugebissen. Trotzdem ist der Pfad durch den Mini-Wald in gutem Zustand.

Auf dieses Mini-Steilküste folgt mal wieder ein richtiges Seebad: In Lubmin blockiert zur Abwechslung mal keine Insel das Wasser, sodass ich hier (wenn auch nur kurz) in der ersten Reihe gelandet bin. Sprich: Es gibt einen weißen Sandstrand mit Seebrücke. Die Brücke (bzw. ihr Vorläufer) war sogar die Keimzelle des Seebads: 1886 stellten die Lubminer erste Badeanstalten auf Holzpfählen ins Wasser, und damit man da auch hinkommt, bauten sie einen 60 Meter langen Steg.
Der Tourismus reichte damals aber noch nicht als Einnahmequelle, man musste auch fischen. Was 1928 schwierig wurde, weil der Fischfang einfach mal für drei Jahre verboten war. Der Landrat in Greifswald schlug vor, die Fischer könnten doch statt Netzen Teppiche knüpfen. Klingt erstmal ein bisschen nach einem kaltherzigen Vorschlag a la Sollen sie doch Kuchen essen, funktionierte aber tatsächlich: Pommersche Fischerteppiche wurden ein Exportschlager.

Das ist aber nicht das, wofür Lubmin am bekanntesten ist: Kurz hinter der Stadt ragt ein graues Gelände in die Höhe, wo die eben noch vorhandene Urlaubs-Strand-Idylle plötzlich vollständig verfeuert wird. Daraus lässt sich aber leider keine Energie gewinnen. Deswegen schloss die DDR mit den Sowjets einen Vertrag - ihr bislang einziges Kernkraftwerk in Rheinsberg reichte nicht aus. Kurz darauf lieferten die Russen dicke Bauteile für einen zweiten Atommeiler. 1973 startete der erste Block.
Ein Jahr später zeigte ein Elektriker seinem Lehrling, wie man einen Stromkreis überbrückt. Der Lehrling lernte an jenem Tag: Nicht so.
Nicht so, dass die komplette Kühlung einen Kurzschluss bekommt.
Lubmin wäre 13 Jahre zu früh das erste Tschernobyl geworden, wäre nicht zufällig noch eine andere Pumpe angeschlossen gewesen. Ja, es war wirklich kompletter Zufall, der Deutschland davor bewahrt hat, seine eigene Todeszone zu bekommen - und, schlimmer noch, Katastrophentouristen aus aller Welt, die schon immer mal das gespenstisch leere Lubmin sehen wollen.
Weiß nur keiner.
Die DDR hat es wahnsinnig gut verheimlicht. Mit Wirkung bis heute.
Nach der Wende waren der BRD die ganzen kyrillischen Buchstaben auf der Anlage suspekt und sie knipste das Kraftwerk sicherheitshalber komplett ab. Der Abbau hat bisher vier Milliarden verschlungen, sodass das Hauptgebäude lieber erstmal 50 Jahre rumstehen soll in der Hoffnung, dass die Strahlung dann zurückgegangen ist. Bis dahin werden Führungen angeboten.
Das Kraftwerk mag tot sein, aber die sehr effiziente Geheimhaltung des Beinahe-GAUs ist noch sehr lebendig: Immerhin wünschen sich einige diese Energieform zurück, weil man dann ja weniger russisches Gas importieren muss. Für Atomkraft braucht man ja bloß ein Gestein namens Uran, und das stammt im Gegensatz zum Gas hauptsächlich aus einem völlig harmlosen Land namens, ähm, Russland.
Besagtes Gas stammt aus den berüchtigten Röhren Nord Stream 1 bis 2, die ebenfalls in diesem Hafen enden und deren Sprengung vermutlich das meistdiskutierte Rätsel des vergangenen Jahres darstellt, so umstritten, dass sogar schon Sherlock Holmes ermitteln musste.
Es scheint fast, als hätte man dieses Gelände hauptsächlich als ein Symbolbild für alle Energiedebatten von 2022/23 errichtet.

Eine Nummer kleiner, insbesondere in weltpolitischer Hinsicht, ist das Ostseebad Freest. Am Freester Ostseestrand traf ich zum ersten Mal auf einen richtig, richtig großen Fluss, der in die Ostsee mündet. Die Oder ist dermaßen dick, dass ich ihre Mündung erst übermorgen überquert haben werde. Das ist eine andere Liga als die Warnow oder Trave, wo ich in fünf Minuten per Fähre rüberkomme!
Der erste Mündungsarm der Oder ist der Peenestrom. Es ist auch der größte, 60 Prozent des Wassers nehmen diesen Weg. Das Wasser der Oder und der kleineren Peene ergießen sich am Strand von Freest in die Ostsee. Ansonsten besteht Freese aus Fischerhüten in abweisendem Beige.

Freest mag nicht so sehr im Zentrum des Weltgeschehens stehen wie Lubmin mit seinen Pipelines. Das heißt aber nicht, dass es dem Zeitgeschehen hinterherhinkt! Im Gegenteil: Am Hafen beschweren sich die Poster empörter Fischer über EU-Fangquoten, die ihren Job unmöglich machen. Und auch der aktuelle Personalmangel wurde hier mutig gelöst: Freest ist ein vollautomatisiertes Seebad. Aus dem Automaten gibt's nicht nur Eis, Snacks und Souvenirmünzen, sondern sogar heiße Pizza!
Zusätzlich waren ein paar Fischbrötchenstände mit echten Menschen geöffnet. Ausgerechnet ein Geldautomat fehlte jedoch, und ich hatte aber nicht mehr genug Bargeld, also blieben nur die Futterautomaten - nur die akzeptierten Karte. Der Pizza-Automat nahm sich ordentlich Zeit für die Zubereitung. Und was soll ich sagen, die Pizza ist wirklich nicht schlecht, auf jeden Fall viel besser als Tiefkühlkost!
Da soll noch einer sagen, in Mecklenburg passiert alles 100 Jahre später.

Kurz vorm Ziel führte mich der Radweg nochmal an den Peenestrom heran, wo mir ein Wegweiser ins Auge sprang: Gustav-Adolf-Schlucht. Nanu? Neugierig folgte ich dem Pfad durch Pferdekoppeln und Löwenzahn. Schluchten sind in MV ja nicht direkt eine häufige Landschaftsform, und was hat wohl der schwedische König in einer davon getrieben?
Offensichtlich hat er dort Abitur gemacht. (Nein, hat er natürlich nicht, er wurde hier bestattet.)
Die gesamte Schlucht ist übersät von dicken Findlingen, in die ABI 09 oder ABI 2023 eingraviert wurde. (Zum Glück nur die Jahre und nicht die dazugehörigen bescheuerten Abimottos. Ansonsten wäre die Schlucht ein Ort, dessen Besuch man niemandem guten Gewissens empfehlen kann.) Jedes Jahr rollt die Abiklasse ihren Stein gemeinsam über die Kante.
Und die Schlucht selbst? Naja, eine Schneise im Wald, die ein paar Meter tiefer ist als der Rest. Kann man sich schon geben, aber so was gibt es in MV tatsächlich recht oft. Wenn auch in der Regel ohne Abitur machende Könige.

Auch das kleine Wolgast gehörte einst zu Schweden. Später gründeten die Sowjets eine Peenewerft, damit ihnen das kleine Hansestädtchen Schiffe als Reparationszahlung baute. So richtig aus dem Tee kam die Stadt aber trotzdem nicht. Auch die Innenstadt sieht eher blass und unauffällig aus. Um das zu ändern, werden zur Sommersaison immer 10 Bildtafeln vors Rathaus gestellt, auf denen man die Stadtgeschichte angucken kann.
Theoretisch jedenfalls.
Entdeckt habe ich die Dinger leider nicht, eventuell wurden sie vor dem Regen in Sicherheit gebracht oder diese Saison einfach vergessen, keine Ahnung.

Außerdem ist Wolgast, genau wie Stralsund, ein Inseltor. Morgen betrete ich von hier aus Deutschlands letzte Insel.
Und verlasse mein Land.