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Dienstag, 30. April 2024

Von Rīga nach Zvejniekciems

Auch die Ausfahrt aus Rīga ist verwinkelt, aber schön. Die endlosen Stadtviertel hinter der Altstadt bleiben breit und prächtig, nur immer weniger farbenfroh.

In einer dieser Straßen machte ich eine schöne Entdeckung: Eine Café-Fahrradwerkstatt. Der Kaffee selbst wird sogar direkt in der Werkstatt ausgeschenkt. Wer auch etwas essen will, muss einfach eine Tür weiter im selben Gebäude gehen. Viele Leute schienen Waffeln zu futtern, also dachte ich, die probiere ich auch mal. Die lettischen Waffeln sind zwar rechteckig und kariert wie die belgischen, aber sie überraschten mich gleich doppelt: Erstens hat das Cafe eine Waffelflatrate, bei der man für 17 Euro unendlich viele Waffeln essen darf, immer drei auf einmal. Und zweitens gibt es in Lettland auch herzhafte Waffeln, also mit Käse, Bacon und einer mysteriösen, aber köstlichen Hackfleischsoße. Mjam, ich würde sagen, das zählt als Mittagessen, das wäre dann für heute auch schon mal erledigt.

Die Route führte durch einen Vorort namens Mežaparks. Höhö, klingt ja wie Megapark, dachte ich.
Dann begann ein Megapark.
Megaviele Menschen strömten auf einer megabreiten Pflasterstraße in die megagroße Waldfläche, in der man megaviel machen kann. Gleich rechts am Eingang liegt der Zoo. Außerdem kann man sich alles mögliche rollende Zeug ausleihen, um damit durch den Park zu rollen.

Ein Blickfang waren diese Trampoline. Sie sind zwischen den Bäumen aufgespannt, als eine Mischung aus Klettergerüst, Kletterwald und Trampolinpark.

Ein Blickfang? Von wegen, der echte Blickfang kommt gleich. Eine gewaltige graue Kuppel guckte aus den Baumwipfeln hervor. Was ist das denn? Bestimmt irgendein Sportstadion, dachte ich, hielt aber trotzdem neugierig darauf zu. Es schien offen zu sein und aus zwei Teilen zu bestehen. Als ich am Zaun ankam, stand das Tor offen, also radelte ich einfach mitten rein. Rechts stieg ein flacher Rasen mit Steinstufen sanft an. Und gegenüber ragte eine größerer Halbkreis mit Steinstufen auf wie eine Bühne - nur dass auf ihr Platz für dermaßen viele Menschen ist, dass bei einem normalen Konzert wahrscheinlich die Zuschauer zu den Künstlern mit rauf könnten und trotzdem noch genug Platz wäre. Nanu, welche Seite ist denn nun für die Zuschauer gedacht?
Dann fiel der Groschen.
Ich war einfach mal so ins Herz des Landes gestolpert. Das hatte ich doch mal in einer Doku gesehen - dieses gigantische Volksmusik-Festival, das es in allen drei baltischen Staaten gibt. Alle fünf Jahre kommen Menschenmassen zum Liederfest zusammen und musizieren auf traditionelle Art. Die Jahre dazwischen werden gebraucht, damit sich in Wettbewerben erst einmal die einzelnen Chöre, Blaskapellen und Tanzgruppen für eine Teilnahme qualifizieren können (etwa 1700 dürfen am Ende mitspielen). Letztes Jahr war es wieder mal so weit, und es kamen über 45 000, ein neuer Rekord. Dann sind alle Stufen definitiv voll!
Auch wenn es noch vier Jahre sind: Ein Chor hatte sich hingestellt und übte schon mal. Aus der Entfernung konnte ich ihn kaum erkennen, und er füllte kaum ein Prozent der Bühne aus.
Aber: Ich hörte ihn.
Und ich drücke ihm fest die Daumen für seine Bewerbung.

Hinter dem Park folgte ich größeren Straßen und Brücken zwischen Hafenanlagen und Seen, die alle irgendwie mit der Daugava verbunden sind. Der Fluss selbst war außer Sichtweite, aber die ganze Zeit irgendwo links von mir.

An einem Ort namens Zvejniekciems kam ich wieder an der Ostsee raus. Moment mal, denken aufmerksame Leser jetzt, der Name steht doch schon in der Überschrift? Hat der Typ es an dem Tag etwa nur zurück zum Meer geschafft? Ich war beim Schreiben gerade selber auch kurz verwirrt, aber nein, es gab an dem Tag ganz einfach zwei verschiedene Zvejniekciemse.
Und das erste Zvejniekciems war komplett zugeparkt. Eine Kolonne an Familien marschierte auf den Nadelwald zu in Richtung Strand, als seien sie vier Jahre zu früh zum Festumzug des Liederfests aufgebrochen und hätten obendrein die Musik zu Hause vergessen. Oje - wenn Jūrmala quasi das Warnemünde von Riga für die Reichen und Touristen war, ist das hier dann quasi Markgrafenheide? Also da, wo die Mittelschicht abends und am Wochenende zum Strand fährt?
Und heute war so ungefähr der allererste Tag im Jahr, wo das Wetter dazu einlud.

Dafür war der Strand dann doch erstaunlich leer. Keine Ahnung, wohin all die Menschen verschwunden sind, aber soll mir recht sein. Denn hier gibt es nochmal fünf Kilometer Radelstrand, und diesmal taugt er wirklich was. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, über den Bereich mit weichem Sand rein- und rauszufahren. Andere Radler gaben bei dem Anblick direkt auf und kehrten verwirrt um - wo hatte sie der Wegweiser da bloß hingeleitet?
Ich habe es zum Glück probiert. Diesmal hatte ich jede Menge Platz ohne blöde Mündungen und Hindernisse.

Aber ich wollte mein Glück nicht überstrapazieren: Sobald die Karte sagte, ich solle zurückkehren, verließ ich den Radelstrand umgehend über diesen Bohlenweg durch die Dünen.

Nach Lettlands längstem Fluss folgt jetzt noch der zweitlängste (und derjenige, den ich am besten kenne - von meiner ersten Lettlandreise auf dem Paddelboot). Die Gauja mündet bei Carnikava in großen Schleifen in die Ostsee. Zwei Stahlbrücken überspannen den Fluss. Früher durfte nur die Bahn rüber, aber 2014 baute die Gemeinde Carnikava eine hübsche, rotblaue Brücke für Fußgänger und Radler - auch wegen des EuroVelo13-Radwegs. So viel Rücksicht bin ich in diesem Land nicht gewohnt!
Überhaupt ist diese Gegend für Autofahrer seltsam eingeschränkt. Schon vorhin bin ich nur dank des Radelstrands weitergekommen, sonst wäre ich wie die Autos in einer Sackgasse gelandet. Und jetzt nochmal dasselbe, nur ich und die Bahn kommen weiter.

Nicht, dass die Radwege deswegen sonderlich gut wären - sagen wir mal, sandig, aber noch akzeptabel.
Als nächstes bin ich durch einen Wald mit See und Heideflächen geradelt. Eigentlich ist es erstaunlich, dass sich niemand für die Heide interessiert. In den baltischen Wäldern wachsen zum Teil richtig große Flächen davon. Was muss das zur Blütezeit im August für ein Anblick sein?
In der Lüneburger Heide würde man so eine Heidefläche direkt mit dem Namen [Dorfname]er Heide versehen, als Sehenswürdigkeit eintragen und auf heidebarometer.de regelmäßig den Blütestand updaten. Zugegeben, dort wachsen auch keine Bäume in der Fläche - in Deutschland schließen sich Wald und große Heidefläche gegenseitig aus, aber hier aus irgendeinem Grund nicht.

Die Bahnstrecke, eigentlich mein heutiger Begleiter, ging mir irgendwann auf den Keks. Ich musste nämlich mehrmals ihre Bahnhöfe überqueren. Und jeder war gerade eine Baustellenwüste mit einem extraverschnörkelten Sandpfad zwischen Bauzäunen. Dazwischen dann noch der klaffende Abgrund der sowjetischen Schienen - nee, danke.

Aber der Großteil der Strecke bestand einfach aus Nebenstraßen. Mit einem Mal zeigten sich sogar Fahrradwegweiser - außerhalb einer Großstadt! Sie sind noch etwas unmotiviert, nicht alle verraten auch die Nummer des Radwegs. Da mussten dann Anwohner mit etwas Farbe und einem Lächeln aushelfen.

Diese Wegweiser sind dennoch lückenhaft. An einer Stelle sah es aus, als hätte jemand das Schild wieder abgeschraubt. Womöglich ein genervter Autofahrer, denn dort wurden die Radler direkt auf die ganz große Hauptstraße A1 geleitet. Das Schild für die Gegenrichtung, das die Radler von der Straße wegleitet, hat er dagegen drangelassen.
Dann auf einmal ein perfekter Radweg an der Straße, der auf der Brücke wieder schmaler wird und verschwindet - irgendwie sendete mir dieser Tag sehr gemischte Signale.

An einem Parkplatz entdeckte ich einen Haufen Ruinen, die auch irgendwie militärisch sein könnten - keine Wohnkasernen, sondern eher irgendwelche Versorgungsgebäude oder so.

Noch schwieriger wird es, zu erraten, was wohl diese Grundmauern unter dem Moos mal waren.

Aber das Highlight wartete ganz zum Schluss im Sonnenuntergang. In Pabaži startet direkt an der Straße ein Park. Achtung: Insekten haben hier Vorrang, sofern sie den Zebrastreifen benutzen. Ich weiß zwar nicht, warum ein Insekt das tun sollte, aber okay.

Ich holte mir etwas Warmes aus dem Kaffeeautomaten und schlenderte durch die Anlage. Der gespaltene Baum hier heißt Katrīnas Liepas, also Katharinas Linde. Gemeint wieder mal die Zarin Katharina, die auch an dieser Stelle gern badete, und angeblich wurde der Baum als Erinnerung daran gepflanzt. Das muss ja ein erinnerungswürdiger Anblick gewesen sein.
Moment, an der letzten Stelle, wo die Katharina so gern gebadet hat, waren doch besondere Dünen - ob es hier so ähnliche gibt?

Nein - noch viel bessere! Die Bālta Kāpa (Weißen Dünen) von Pabaži sind die schönsten Dünen auf dieser Reise.
Der erste Bohlenweg, den ich erkundete, brachte mich zu einem weiten mäandrierenden Fluss. Die Inčupe mag nicht so lang sein wie die Gauja oder Daugava, aber holy moly, ist die schön. Die ersten Dünen an ihrem Ufer wurden vor etwa 4000 Jahren geformt. Aber erst, als die Menschen ab dem 17. Jahrhundert den Wald abrasierten, packte der Wind den Sand und gruppierte ihn um - zu einer noch höheren Düne!
Das blaue Band im weißen Sand schlängelt sich in aller Ruhe zum Meer. Auf meiner Seite war aber noch alles zugewachsen, nach drüben zu den Dünen kam ich nicht, und irgendwann wurde aus dem Bohlenweg ein spärlicher Trampelpfad.

Dann erkunde ich doch lieber die anderen Wege. Denn die sind noch besser. Hoch über den Weißen Dünen wurde ein Netzwerk aus Stegen und Plattformen zusammengenagelt, auf dem sich eine Menge Pabažer und Reisende auf Roadtrips (vermute ich zumindest anhand des Parkplatzes) ein Panorama in Grün und Weiß und Blau reinzogen.

Aber was den Anblick erst perfekt machte und, war der Sonnenuntergang. Genau in diesem Moment versank die Sonne im Meer. Oder? Seit wann ist unser Stern bitte so breit? Das war kein Sonnenuntergang mehr, es sah aus, als hätten die Schweden auf der anderen Seite die Ostsee angezündet! Flammen loderten am Horizont. Nun ja, vielleicht gab es in den letzten Jahren in den Nachrichten einfach zu viele Bilder von Waldbränden und brennenden Ölfeldern im Meer, aber für mich sah diese Schönheit seltsam gefährlich aus.

Die andere Attraktion von Pabaži ist das einzige Fahrradmuseum im Baltikum. Wie wird es sich wohl schlagen im Vergleich zum RadHaus Einbeck?
Keine Ahnung, es war zu.
Dennoch konnte ich ein weißes Hochrad vor der Haustür anschauen. Ob das das älteste Hochrad Lettlands (1887) ist, mit dem das Haus wirbt? Wahrscheinlich nicht, so was Wertvolles lassen die bestimmt nicht draußen stehen.
Ein Vater und Sohn sammeln seit Jahren Räder, vor allem technisch ungewöhnliche und die ersten in Lettland produzierten Marken. Aber auch ein Faltrad der deutschen Wehrmacht soll dabei sein - seufz, den Nazis entkommt man nicht mal bei dem Thema.

Diese Betonsäule ist derart abgewetzt und hässlich, da könnte mal ein sowjetisches Symbol drangehangen haben. Aber jetzt hängt da Werbung für Schwarzes Khaki, vielleicht ein indisches Restaurant. Als Logo benutzen sie die schwarze Katze vom Katzenhaus in Rīga.
Alternativ hätte man auf dem Pfosten natürlich auch die Stadt Saulkrasti selbst bewerben können, zu der dieser ganze Bereich einschließlich Pabaži gehört. Ein gutes Motto zur Begrüßung wäre vielleicht: Better caul Saul... krasti.

Die Küste ist hier ziemlich dicht besiedelt, aber in der Abenddämmerung habe ich dann noch einen herrlichen Radweg an der Küstenstraße aus der Stadt heraus entdeckt.

Samstag, 27. April 2024

Von Ventspils nach Melnsils

Dieser Tag war trübe und kalt. Ein vollbehangener Himmel, Nieselregen, Gegenwind und sogar ganz, ganz leichte Hügel lagen in meinem Weg. Und trotzdem war ich total froh. Weil es einfach nur ein stinknormaler Radtour-Tag war, ohne zerstörte Fahrräder und Schneestürme. Noch schneller als der Schnee sind jedoch meine zwei Tage Puffer weggeschmolzen. Ab jetzt darf nichts mehr schiefgehen.

Das Schmelzwasser hatte den Radweg überschwemmt, aber ein paar Bretter führten über die Pfützen. Zum Fahren sah mir das nicht vertrauenswürdig genug aus, dann doch lieber schieben.


Im sumpfigen Wald liegt ein Badesee, und ein einsames Bahngleis reißt ab. Es kündigt an: Heute begegne ich spärlichen Spuren des armen lettischen Bahnnetzes.

Wenig überraschend: Der Radweg hört ein paar Kilometer hinter der Stadt auf.
Ebenfalls wenig überraschend, weil es der Fahrradmechaniker in Ventspils angekündigt hat: Baustellen.
Als die Ampel auf Grün schaltete, holperte ich durch eine lange braune Erdwüste und hatte meine liebe Mühe, in nur einer Grünphase das Ende zu erreichen. Dieser Vorgang wiederholte sich dreimal.
Aber sonst war die Strecke heute die bisher beste in Lettland. Immer dieselbe Straße, fast ohne Abbiegen, und diesmal mit so wenig Verkehr, dass ein Radweg echt nicht nötig wäre. Die Straße wird "großzügigster Radweg Lettlands" genannt.

Fast ohne Abbiegen? Nicht ganz - ein paarmal bin ich freiwillig abgebogen. Zum Beispiel auf den ersten Kolonnenweg im Baltikum, der mich ins nächste Lost Place brachte. Hinter den Nadelbäumen erschienen dunkle Kästen mit leeren Augen.  Das heißt, eigentlich sind sie aus weißen Steinen gemauert, aber in der Masse wirkten sie trotzdem grau. Block um Block ragte über der Betonstraße auf und starrte mich aus tausenden bröckelnden Fenstern finster an.
An der innerdeutschen Grenze stehen solche Kasernen einzeln verteilt, im Baltikum dagegen konzentrieren sie sich in großen Militärstädten, welche die drei annektierten Sowjetrepubliken unter Kontrolle halten sollten. Diese Städte gab es sogar schon, als Lettland zum ersten Mal unabhängig war: Die Sowjetunion bedrohte die baltischen Staaten, bis sie nachgaben und der Roten Armee erlaubten, 25 000 Soldaten zu stationieren. Natürlich nuur, um sich gemeinsam vor den Nazis zu schützen (mit denen die Sowjets eigentlich dank Hitler-Stalin-Pakt gerade gut Freund waren), und auf keinen Fall, um eine spätere Invasion leichter zu machen.
Große Sperrgebiete umgaben die Militärstädte und blockierten einen nicht unerheblichen Teil des Landes. Die Menschen wanderten ab, und Panzer trainierten in den leeren Dörfern. In anderen Dörfern engagierten sich die Soldaten aber auch im Gemeindeleben oder trainierten die Dorfjungen als Nachwuchs-Grenzsoldaten. Und die Mädchen? It happened often that the fate of young soldiers and local girls were linked together. Joa, so kann man es natürlich auch formulieren.
Ventspils hatte zumindest mehr Glück als Liepāja: Die Stadt selbst gehörte nicht zu Sperrzone, denn die Militärstadt stand ein gutes Stück außerhalb in Irbene. Außerdem hinterließen die Sowjets das größte Radioteloskop in Nordeuropa (auch wenn sie es beim Abzug mit Absicht kaputtmachten). Heute steht in Irbene ein Forschungszentrum für Radioastronomie.

Ausgerechnet an diesem beunruhigenden Ort rollten auf einmal zwei Fahrräder vorbei - und an ihren Gepäckträgern hingen dick gefüllte Taschen! Diese Damen waren die allerersten Tourenradler, die ich auf dieser Reise gesehen habe. Und noch viel mehr hardcore drauf als ich, denn sie waren Wochen vor mir in Lübeck gestartet. Und natürlich Deutsche. (Muss ich das extra erwähnen?) Und sie hatten bereits von mir gehört - in Ventspils hatten sie dieselbe Fahrradwerkstatt besucht, wo bereits die Geschichte vom dämlichen Deutschen, der mit einem Schrottrad startete, die Runde machte.

Unter der Straße zog still und träge ein Fluss durch sein grüngelbes Tälchen. Die Irbe fließt lange Zeit parallel zur Ostseeküste, weshalb man dort angeblich beim Paddeln auf weiten Strecken das Meeresrauschen hören soll - unser Pastor hatte mal überlegt, dort eine Paddelreise zu veranstalten.
Der nächste Fluss ist dann auch schon die Grenze zum Slītere-Nationalpark. Der besteht aus Wald und Feuchtgebieten, nur auf 4 Prozent der Fläche wird Landwirtschaft betrieben. Geologisch am ältesten sind die Blue Hills, die ehemalige Küste eines Eissees. Am jüngsten sind die Kangari, das sind lange, parallele Dünen. Im Frühling und Herbst ziehen hier zehntausende Vögel pro Stunde (vö/h) durch, die zwischen Ostsee und Weißem Meer pendeln.
Erste Waldstücke wurden zwar schon 1921 geschützt, aber am meisten zu ihrem Schutz trug versehentlich die Militärstadt Irbene mit ihrem Sperrgebiet bei. Von Ventspils bis Mērsrags (also noch deutlich weiter als der Bereich des Nationalparks) durfte niemand ins Küstengebiet, außer er hatte eine Einladung von einem Bewohner und brachte sie zur Polizeiwache, um einen Besuch zu beantragen.

Im Nationalpark habe ich die Straße zweimal verlassen - das zweite Mal war definitiv ein Muss, das erste Mal, naja, war nicht ganz so definitiv ein Muss. In der neusten Bikeline-Auflage (schon überraschend, dass ein Reiseführer, der auch durch Russland geht, überhaupt noch neu aufgelegt wird) wurde als Alternative ein Bahntrassenradweg eingezeichnet. Der ist etwas näher an der Küste und gehört zu einem 30 Kilometer langen Rundweg durch den Nationalpark. Aber schon der Einstieg war unauffindbar: Wo sich laut analoger und digitaler Karte der Waldweg befinden sollte, war viel Wald, aber null Weg. Erst an der nächsten Dorfstraße konnte ich auf die Bahntrasse rüberwechseln. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet im Nationalpark mal eine Bahn fuhr?
Es gab sogar ein Fahrradschild.
Aber nicht sonderlich viel Fahrradweg. 

Stellen Sie sich das bitte nicht vor wie einen Bahnradweg in Deutschland - im Baltikum sind Bahntrassenwege nicht asphaltiert und eher schlechter als normale Radwege. Es war zwar keine Vollkatastrophe wie der Sandgrenzweg ab Šventoji, aber ein paar schlammige Stücke haben schon genervt. Immerhin war ich nah dran an der Natur - endlich mal keine Straße, die mit ihren Kiesstreifen und Wassergräben Abstand zu den Bäumen hält. Links und rechts schluckten schwarze Tümpel das spärliche Sonnenlicht. Nadelbäume und Birken tauchen diesen düsteren Sumpf in Schatten. Bei diesem Wetter war die Landschaft eher bedrückend als beglückend.

Zum Schluss muss die Trasse noch einen Bach überqueren. Keine Ahnung, wie die Bahn das damals gemacht hat, aber wahrscheinlich nicht mithilfe einer von der EU geförderten Holzbrücke, bei der zwei Bretter zerbrochen sind und eins in der Mitte fehlt. Aber gut, die Brücke ist auch von 2013, da entspricht das wohl der üblichen Halbwertzeit von Holzbrücken.
Ein kleines Schild sagt, die Brücke sei Teil der Förderung des Green Belt - und präsentiert ein Logo zum Grünen Band, das ich in ähnlicher Form sonst nur in der Gegend um Salzwedel gesehen habe. Wahrscheinlich war die Brücke für den Wanderweg am Grünen Band gedacht, denn der Hauptradweg verläuft immer noch nebenan auf der Straße.

Auf diese Straße bin ich dann auch zurückgekehrt. Die ehemalige Bahntrasse knickt hier ab und entfernt sich in völlig unbegehbarer Form von der Küste. Die Alternativroute geht zwar noch weiter, aber viel gezackter und unbahntrassiger. Nee, nee, mein Bedürfnis nach wilden Wege war vorerst gestillt.

Die Straße endete schließlich an einem Kreisverkehr. Ich wollte all seine Ausfahrten der Reihe nach erforschen.
Die linke Ausfahrt brachte mich zu einem Strandzugang mit einer kleinen Heidefläche und einem sehr hohen Aussichtsturm. Aber die Bäume wuchsen so dicht und hoch, dass der Blick trotzdem nur bis zum nächstbesten Strandstück reichte. Das könnte einfach irgendeine Stelle an Lettlands Westküste sein. Warum es das eben nicht ist, lässt sich noch nicht erkennen.

Die mittlere Ausfahrt dagegen lässt gleich durchblicken, dass hier irgendwas Besonderes abgeht: Ein großer Parkplatz, ein Imbisshaus, eine Touristinfo und der erste lettische Lavazza-Kaffeeautomat außerhalb einer Großstadt. Natürlich noch alles geschlossen - bis auf den Automaten.
Ein windzerzauster Nadelwald wächst auf den Dünen. Ein Sandweg brachte mich zu einem steinernen Tor...

...und dann ein paar Stufen runter zum Strand. Aus dem Nebel schält sich ein Funkturm. (Lettland ist voll von Funktürmen, manchmal gleich zwei nebeneinander. Irgendwo muss das berühmte gute Internet ja herkommen.)
Es herrschte Stille, nur das Meer gab seine rhythmischen Geräusche von sich. Ich hatte den Touristen-Hotspot ganz und gar für mich und spazierte allein an die Spitze einer Nation. Das ist ein bisschen Nebel und Niesel ja wohl wert.
Die Höhe der Düne ist jetzt nicht gerade rekordverdächtig, aber es muss ja nicht immer eine Steilküste sein. Auch ein 1-Meter-Abgrund genügt anscheinend, um große Bäume zu Fall zu bringen. Außerdem ist dieser Ort sowieso für etwas anderes bekannt.

Und zwar für folgendes:
Der Strand bildet eine Spitze und knickt plötzlich nach Süden ab. Ein paar Meter draußen im Wasser ragt noch ein schiefer Haufen wellenbrechender Steine aus dem Meer. Wellen aus zwei Richtungen zogen heran, trafen zusammen und schwappten dann kreuz und quer durcheinander, völlig verwirrt, wo es denn jetzt hier weitergeht. Nach Süden geht es weiter, jedenfalls für mich! Denn das hier ist Kap Kolka.
Hier trifft die zentrale Ostsee auf die Rigaer Bucht (okay, aber ist ja beides eigentlich Ostsee), und die Spitze ist der nördlichste Punkt von Kurland (okay, also nicht mal von ganz Lettland). Die geographischen Rekorde klingen zwar nicht übermäßig beeindruckend, trotzdem ist das Kap sehr bekannt: Wenn man sich Lettlands Umriss auf einer Landkarte anguckt, ist das so ziemlich der auffälligste Punkt.
Eigentlich gehört an so eine Spitze ein Leuchtturm, ich habe aber keinen gesehen: Der alte soll eine Ruine sein, der neue versteckt sich irgendwo draußen im Nebel auf einer Insel.
Jetzt fahre ich also an der Rigaer Bucht, oder, wie eine Texttafel schreibt, an der Little Wave Sea statt der Big Wave Sea. So anders sieht die aber noch nicht aus, eher wie eine Same Height Wave Sea.

Die rechte Ausfahrt im Kreisverkehr brachte mich wieder auf den rechten Ostseeradweg, und erst einmal ins Dorf namens Kolka. Es hat gleich drei Kirchen. Die Protestanten haben wie üblich nordisch-bescheiden gebaut, mit Feldsteinen in einem Rahmen aus Backstein.

Den Orthodoxen standen dieselben Materialien zur Verfügung, aber sie waren trotzdem bemüht, einen Hauch von Moskau darin anklingen zu lassen.

Die Katholiken aber haben, großer Plottwist, die bescheidenste Kirche der drei - einen Holzschuppen mit Türmchen im Wikingerlook!
Und auch ihre Geschichte zeugt von ungewöhnlichen Pragmatismus: In Kolka gab es eine katholische Gemeinde ohne Kirche, in einem anderen Dorf eine katholische Kirche ohne Gemeinde. Also genehmigte der Bischof, das komplette Bauwerk auseinanderzubauen und zu transportieren.

Vor 8000 Jahren stand das alles hier unter Wasser, die Ostseeküste lag 3 bis 7 Kilometer weiter drin im Land. Dann spülte das Meer langsam eine Insel aus Sand an, die einen Teil des Meeres abschnitt. Eine Lagune war geboren. Als nächstes sank der Meeresspiegel um 1,5 Meter, und die Lagune war wieder gestorben. Von ihr blieben nur ein paar kleine Angelseen und Naturschutzgebiete, und die lockten dann wiederum Menschen (hauptsächlich Angler) an. Die meisten Seen habe ich nicht besucht, nur der kleine Zēņu dīķis mit seinen Holzbrückchen lag ohne Umweg direkt zwischen Straße und Ostsee.

Auch eine anständige Steilküste gibt es noch, und zwar in Ēvaži. Bis auf einen Sandstreifen ist sie von Bäumen und farbenfrohen Moosen bewachsen, und ziemlich hoch. Die Rigaer Bucht sieht inzwischen doch anders aus, das Wasser wird ruhiger und transparenter. Joa, Little Wave Sea passt. Mit diesem schönen Ausblick verabschiedete ich mich aus dem Slītere-Nationalpark.

Mein Ziel war ein Campingplatz, dessen guter Ruf ihm ebenso vorauseilt wie mir mein Pannen-Ruf. Nicht nur ich hatte auf einem anderen Ostseeblog Gutes von ihm gehört, auch die anderen beiden Radfahrerinnen von heute Vormittag und sogar Störche. Auf dem Platz stehen jede Menge Holzhütten und sogar ein fünf Meter hoher Holzleuchtturm, der wohl allenfalls für Papierschiffe einen nützlichen Orientierungspunkt darstellt.
Etwas ernüchtert war ich dann aber doch, als ich hörte, dass die Saison eigentlich erst morgen startet und wir nur ausnahmsweise schon mal Zelte aufstellen dürfen. Auf der Website hatte es so ausgesehen, als würde der Platz den ganzen Winter hindurch laufen. Der geheizte Bar-Raum war noch zu, und die angeblich inkludierte Sauna nicht in Betrieb, es hätte 25 Euro gekostet, sie anzufeuern.

Dafür juckte es absolut niemanden, wo ich mein Zelt hinstelle. Na denn, dachte ich, und stellte es kurz vor den Strand, gleich neben die Bänke eines Bungalows. Und stellte dann überrascht fest, dass es erst 16 Uhr war. Wat mache ich jetzt mit dem Rest des Tages?
Tee. Viel Tee. Schließlich steht im halboffenen Kochhäuschen ein Wasserkocher. Eine warme Mahlzeit hatte ich mir schon am Kap Kolka gemacht. Also verbrachte ich den Abend damit, beim Rauschen des Meeres Käseschnecken zu essen, Tee zu trinken und Hans Fallada zu lesen. (Als meine Familie fragte, wie es mir denn ginge, schickte ich einfach dieses Foto mitsamt meiner Abendplanung - die Probleme der letzten Tage gab ich nur stark verkürzt wieder.)
Die Nähe zum Wasser hatte aber auch einen Nachteil - es war kälter als bei den Nächten unter freiem Himmel. Trotzdem hat mir der entspannte Nachmittag anscheinend jede Menge Kraft gegeben für das, was ich am nächsten Tag schaffen sollte.

Dienstag, 23. April 2024

Von Giruliai nach Liepāja

In Giruliai verschanzen sich die Bahngleise hinter einer monströsen Schallschutzwand. Sie haben noch die sowjetische Spurweite, was heißt, dass sie a) sich nicht mit dem mitteleuropäischen Netz verbinden lassen und b) ihre Lücken für westliche Radfahrer ein regelrechter Abgrund sind - uiuiui, hoffentlich rutscht der Reifen da nicht rein. Die Schienen führen nach Norden, man sollte also meinen, dass sie wie ich schnurstracks Lettland anstreben – aber laut Onlinekarte enden Sie genau auf der Grenze. Traurig, aber wahr: Es gibt keine einzige Bahnverbindung zwischen Litauen und Lettland.

Rmmm...
Ganz unerwartet und sehr willkommen summte ein Kaffeeautomat eines Unternehmens namens Lavazza am Bahnhof vor sich hin. Vor einem geschlossenen Café bot er für zwei Euro Köstlichkeiten wie einen Caramel Drink an. Er schmeckte wie flüssige Karamellbonbons und belebte ungemein. Es handelt sich um ein gesprächiges Stück Technologie: Bevor es mit dem Getränk herausrückt, murmelt eine Roboterstimme noch ein paar mysteriöse litauische Sätze.


Warum zum Geier schreibe ich so viel über diesen Automaten? Weil dieser ab hier quasi das Maskottchen des Ostseeradwegs darstellt! Nach wenigen Kilometern tauchte der nächste auf, dann noch einer, und irgendwann hatten die Litauer an jeder einzelnen Kreuzung, auch mitten in der Wildnis, einen platziert.
Aber das ist nicht einzige Großartige: Der litauische Ostseeradweg ist ein Traum. In perfektem Zustand zieht sich die Asphaltlinie durch die Dünen, Wälder und die Ginsterheide. (So gut scheint es sich nicht überall in Litauen zu radeln: Als ich später gegenüber anderen Radlern Litauen in den Himmel lobte, hielten sie das für Ironie.)

Auch Litauens Landschaft scheint es mir ganz und gar nicht übelzunehmen, dass ich mit der Kurischen Nehrung ihren berühmtesten Teil weggelassen habe. Stattdessen will sie mir zeigen, dass sie auch sonst superviel zu bieten hat. Ein Steg zweigt direkt zum Highlight ab. Noch ist der Wald in blaues Dämmerlicht getaucht. Die Sonne ging bereits auf und schickte erste orangefarbene Strahlen durch die Stämme - aber nicht über der Ostsee, sondern auf der gegenüberliegenden Seite, im Osten.
Aus Russland, flüsterte ein seltsamer Teil in meinem Hinterkopf.

Am Ende der Plattform fällt die Olandų Kepurė zur Ostsee ab. Das bedeutet so viel wie Holländer-Klippe. Nach Klaipėda sind nämlich im 16. Jahrhundert viele protestantische Holländer vor den Religionskriegen geflohen, und 1540 wurde einer von ihnen, Herman von Bombell, der Eigentümer dieses Grundstücks. Luisa, die Königin von Preußen, ging hier gerne spazieren, 24 Meter über dem Meer, an einer dramatischen Steilküste mit vielen jungen Baumstämmen. Sie liegen und hängen in Massen am Abhang und lassen kaum etwas von der nackten Erde darunter sehen - oder von den 24 000 Jahre alten Mammutknochen, die hier gefunden wurden (vermutlich nicht von Königin Luisa).

Dann fuhr ich in Karklė ein bisschen in die Irre und begegnete dabei einem Bach und einer sehr enthusiastischen Katze, die zwar unbedingt gestreichelt werden wollte, jedoch nicht die dafür nötige Geduld aufbrachte, länger als eine Sekunde stillzustehen und nicht durch die Gegend zu springen.

Der Radweg ging an der Straße weiter und präsentierte mir als nächstes Highlight: Einen Wasserhahn. Super, ich fülle direkt meine leere Flasche auf. Oder auch nicht, denn das Ding war mit Kabelbindern so blockiert, dass sich der Knopf nicht drücken ließ. Tja, für die Touristinfo im Haus dahinter hat wohl einfach noch nicht die Wasserhahnsaison begonnen. (Und zwar, wie ich bald feststellen sollte, völlig zu recht.)

Ebenfalls nicht trinkbar, aber deutlich schöner: Der Blick auf die Sümpfe.

Eine Enttäuschung waren dagegen die Ruine der evangelischen Kirche von Karklė. Ein Haufen Drahtgitterkörbe mit Steinen drin? Nee, sorry, so begrenzen Deutsche hässliche Gärten.

Ganz nett wiederum: Die Aussichtsplattform am Plocis-See.

Noch netter: Der Blick über die Heide und ganz hinten das Meer.
Diese Landschaft gehört zu Nemirseta. Das Dorf besteht nur noch aus zwei Häusern und war bis 1920 die nördlichste Spitze des Deutschen Reiches, bekannt als "Nimmersatt, wo das Reich sein Ende hat". Laut Reiseführer handelt es sich dabei um eine kolonialistische Verballhornung und nicht um etwa um eine Anspielung auf eine berühmte hungrige Raupe.

Deutschland war hier also zu Ende, aber Litauen ist es noch nicht - jetzt kommt die zweite litauische Küstenstadt. Denn als einziges baltisches Land konnte sich Litauen gegen den Deutschen Ritterorden wehren, indem es sich mit Polen zusammentat. Sie eroberten Palanga 1435, noch bevor sich das Gebiet des Deutschen Ordens in Preußen und irgendwann in das Deutsche Reich verwandelte.
Palanga ist viel schöner und radelfreundlicher. Während nämlich Klaipėda die Rolle der Handels- und Hafenstadt übernimmt, ist Palanga die Strand- und Urlaubsstadt. Da darf natürlich auch die Fußgängerzone voller Strandshops nicht fehlen, die sich an einem kleinen Flüsschen erstreckt.

Und auch eine Seebrücke muss her!

Es handelt sich um eine Haiku-Seebrücke.
Äh ja, ich versteh zwar nix, aber fünf, sieben und fünf Silben sind vorhanden. Zumindest, wenn man es so ausspricht, wie ich nicht dachte, dass man es ausspricht. Das Geländer hängt voller solcher Gedichte. Nur die großen weißen Platten ganz am Ende werden ausschließlich von hingeschmierten Tags und Unterschriften verschönert, die sich größtenteils nicht an die 5-7-5-Regel halten.

Im Prinzip ist die ganze Stadt ein Park, an einer Stelle sogar ein Skulpturenpark. Soll das ein Fahrrad nach einem Unfall darstellen? (Nein, es soll mein Fahrrad darstellen. In naher Zukunft.)

Mit dem Rad bin ich überall bequem hingekommen, mit einer Ausnahme: Im Schlosspark sind keine Räder erlaubt. Und genau in dessen Mitte befand sich der Ort in Palanga, den ich besuchen wollte.
Tja, dann werde ich jetzt ein Stückchen laufen müssen. Ich spazierte durch Springbrunnen und gestutzte Hecken, bis ich bei einem weißen Palast ankam. Wann macht er endlich auf?

Graf Feliks Tyszkiewicz bewohnte diese Luxusresidenz von 1897 mit seiner Frau Antonia, entworfen hat sie der Berliner Architekt Franz Schwechten. Die Familie war bekannt für ihre Wissenschaftler und Kunstsammler. Ein paar Räume im Erdgeschoss sind auch immer noch so eingerichtet wie bei denen. Aber hauptsächlich dreht sich das Museum um etwas anderes.

Vor 50 Millionen Jahren standen auf dem subtropischen Kontinent Fennoscandia jede Menge Bäume, Vorfahren der Pinien. Es war subtropisch heiß, und die Bäume schwitzten. Eigentlich war es viel zu heiß für die Urpinien, sie schwitzten sich zu Tode und starben aus - aber wenigstens produzierten sie vorher noch ordentlich Schmuck. Ihr Harz landete auf dem Boden, wurde von den Weichselgletschern zusammengepresst und schließlich zum Symbol einer Nation, die sehr viel später auf diesem Boden entstehen sollte. Ein Symbol, dem Palanga ein komplettes Museum geweiht hat. Wie wird es sich wohl schlagen im Vergleich zum Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten?
Verdammt gut.
Denn während sich Ribnitz vor allem auf Kunstobjekte aus Bernstein konzentriert, arbeitet Palanga praktisch alle Facetten der orangen Steinchen ab. Zuerst, wie genau sie entstehen und welche Arten es gibt, je nachdem, wie genau das Harz die Rinde runtertropft. Dann eine einzigartige Sammlung von eingeschlossenen Tieren, sortiert nach kleinen Säugetieren, Vögeln (also eigentlich Kolibris und sonst nur einzelne Federn), Amphibien, Reptilien, Spinnen und Insekten (die so viel Platz einnehmen, dass sie in zig Unterkategorien unterteilt werden). Manche kann man unter Vergrößerungsgläsern bestaunen. Kein Vergrößerungsglas braucht man für den Sonnenstein, der wiegt 3,5 Kilo und ist der größte Bernstein des Landes.

Passend: Einer der Insektensteine sieht aus wie ein Fliegenfänger.

Die Litauer fischen nach den Steinen seit... im Prinzip seit immer, selbst der Römer Tacitus erwähnte nebenbei, dass sie als einziges Volk Bernstein finden können. Dazu benutzten sie Netze oder brennende Fässer als Lichtquelle. Die deutsche Regierung kaufte zwischendurch mal alle Schürfrechte, weil ihr das profitabel erschien, was aber nicht so richtig klappte.
Für die Sowjetunion stellte sich nun folgende Frage: Was machen wir mit diesem hübschen Zeug, das ein Symbol für Litauens nationale Identität darstellt, wo wir diese Identität doch so ganz und gar nicht wollen? Unterdrücken? Nein, lieber vereinnahmen! Die Sowjets puzzelten aus dem Stein Lenin und russische Babuschkas zusammen, vor allem verarbeiteten sie ihn aber zu billigem, identischem und sozialistischem Massenschmuck. Mit Erfolg: Die richtigen Künstler fanden Bernstein uncool und kitschig, sie wollten nicht mehr mit ihm arbeiten.

Einerseits startete ein Professor schon vor der Wende eine Gegenbewegung (Make Bernstein litauisch again!), andererseits wurde Bernstein 1998 von Litauens Liste der Edelsteine gestrichen.
Heute benutzen ihn die Künstler wieder, aber eher auf ironische Art: Bernsteintoiletten, Lippenstifte und Asia-Nudel-Boxen aus Bernstein sollen Schönheitsideale, die Immobilienblase, den Brexit oder den Erfolg der litauischen Bauernpartei darstellen. Statt Lenin puzzeln sie aus den Steinchen Prinzessin Diana und eine völlig verzerrte Fratze, bei der es sich um Lukaschenko handeln soll, zusammen.

Von der Strandpromenade geht der litauische Traumradweg direkt weiter nach Norden.

Hier habe ich die ersten Reste des Eisernen Vorhangs entdeckt: Einen Vollpfosten und einen noch größeren, gestürzten Vollpfosten. Das perfekte Symbol für die Wende.

Bevor das große Klaipėda an Litauen ging, musste das kleine Fischerdorf Šventoji die Rolle der einzigen Hafenstadt übernehmen.
Erinnern Sie sich noch an die Legende der Jurata auf der polnischen Halbinsel Hel? (Müssen Sie nicht, ich merke mir auch nicht den ganzen Quatsch, den ich hier so aufschreibe.) Eigentlich ist das eine litauische Legende, deshalb gibt es auch eine Version, in der das Ganze hier in Šventoji spielt und die Protagonisten eine Menge litauischer Punkte und Striche über ihren Namen haben.

In Šventoji habe ich ein Flüsschen auf der Affenbrücke überquert, ein skurriles schmales Brücklein in Gelb und Blau mit einem beunruhigenden Warnschild, das aber kein bisschen erklärt, was zum Geier das Bauwerk mit Affen zu tun hat. Der Fluss heißt auch Šventoji und war mal die Grenze der beiden baltischen Länder. Eigentlich ist er es heute noch - zumindest aus Radfahrersicht.

Ende April war ich eine ziemlich auffällige Gestalt mit dem vollbepackten Rad. Hinter der Brücke fragte mich ein Litauer aus, woher ich käme und wohin die Reise ginge. (Sehr naheliegende Fragen, aber nach dem fünfzehnten Dialog dieses Inhalts wünschte ich mir irgendwann doch, die Fragesteller würden sich etwas Kreativeres ausdenken. Vor allem, weil ich immer wieder erklären musste, dass, nein, ich wirklich nicht in Deutschland mit dem Rad gestartet bin. Wieso gehen alle davon aus, dass eine Radtour nur an der eigenen Haustür starten darf? Dann müsste man ja jedes Mal ein Sabbatjahr nehmen, wenn man über die Nachbarländer des eigenen Staats hinausfahren möchte.)
Als er hörte, dass ich nun nach Lettland rüberfahre, kündigte er an, der Weg sei gut.
Das war dann wohl der litauische Humor.
Genau das war nämlich der Punkt, an dem ich radwegmäßig vom Himmel in die Hölle wechselte.
Die Wegweiser und meine App sagten, ich solle zur Autobahn wechseln. Aber meine Karte sagte, direkt an der Küste ginge es auch, und zumindest bis zur Grenze wollte ich schon gern am Meer bleiben.

Ich quälte mich die letzten Kilometer durch den Sand der Dünen bis zur Stelle, wo die Ostsee auf die nächste Staatsgrenze trifft.

Ein weißer Grenzpfosten markiert die Stelle, an der ich das Rad ziemlich kompliziert um einen Grenzbach herumwuchten musste.

Zusätzlich wächst auf der Grenze eine von hundert Eichen, die Lettland umgeben (vorne rechts). Laut Beschriftung soll der Baum ein Symbol der Stärke Lettlands darstellen.
Äh, ja.

Bei dem Anblick ist keine weitere Pointe nötig, aber ich möchte trotzdem ergänzen: Die Stärke der lettischen Fahrradinfrastruktur spiegelt er sehr akkurat wieder.

Und jetzt beging ich einen bösen Fehler. Diese paar Kilometer grenzwertiges Sandgeschiebe hätte ich noch irgendwie als kleines Abenteuer verbuchen und dann zur Autobahn abbiegen können.
Aber meine App behauptete, ab dem ersten lettischen Dorf Nida (nicht zu verwechseln mit dem berühmten litauischen Nidda auf der kurischen Nehrung) sei wieder eine Radroute vorhanden. Zwar kein Ostseeküstenradweg, aber immerhin irgendwelche nationalen Radwege mit dreistelliger Nummer. Dann kann es ja so schlimm nicht sein, oder?
Und wie es das kann! War der Weg für ein paar Meter mal nicht ganz so sandig, sodass ich tatsächlich fahren konnte, kam direkt eine breite Blockade-Pfütze. Die einzige dreistellige Nummer, die dieser Weg verdient, ist die 666!

Heide, Wald und Wiesen lösten sich am Wegesrand ab. Die Landschaft war ein schöner Anblick, keine Frage. Aber diese Tortour war sie nicht wert. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie dieser Sandstreifen vor einigen Jahren noch so gut gewesen sein soll, dass Michael Cramer ihn ernsthaft als Route eingetragen hat - diese Strecke ist der größte Fail einer Bikeline-Karte, den ich jemals erlebt habe.

Aber ja, irgendwann musste hier jemand irgendetwas gebaut haben, um Touristen anzulocken. Zumindest führen ein paar zerbrochene Bretter zu einem nicht sehr vertrauenerweckenden Aussichtsturm.
Wie wird er sich wohl schlagen im Vergleich zum Hochheideturm in Willingen? Architektonisch sehr schlecht, aber landschaftlich sehr gut.

Das ist viel mehr Heide als in Willingen! Eigentlich hätte ich als Heidefan begeistert sein sollen, aber in der Situation nahm mir der Anblick allen Mut - oh Gott, das geht ja endlos weiter! Und erst irgendwo dahinter ist der nächste Asphalt?
Wo bin ich hier nur reingeraten?

Dieselbe Frage stellte ich mir auch in Nida und Pape, den ersten beiden lettischen Dörfern. Hatte ich aus Versehen eine Zeitreise unternommen?
"Ah, verstehe, in die Sowjetzeit", nickte ein Freund wissend, als ich ihm wieder zu Hause von diesem Tag erzählte. Von wegen! Diese Häuser sahen eher nach Bronzezeit aus.
Ist das ein Museumsdorf? Nein, hier parkt ein Auto, dort hängt jemand Wäsche auf, hier leben tatsächlich Menschen. Trotzdem war meine Vermutung nicht völlig falsch - bald entdeckte ich Schilder, die genau erklären, welche Elemente an den Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert typisch für ein traditionelles Fischerhaus sind. Unentbehrlich ist dabei auf jeden Fall das Reetdach mit Giebel. Die zwei Fischerdörfer stehen unter Denkmalschutz, und die anderen Dörfer Lettlands sehen definitiv nicht so aus. Lettland mag zwar das abgewrackteste der drei baltischen Länder sein, aber soo schlimm ist es nun auch wieder nicht. 

Oder?
Auf jeden Fall haben erschreckend viele Dörfer noch keine Asphaltstraße, sondern nur eine hässliche Piste. Der stabile Staub an sich wäre ja nicht das Problem, aber obendrauf liegen haufenweise Steine. Kein Kies, sondern zum Teil richtig dicke Brocken. Wenn ich Gas gab und diese Dinger von meinen Reifen durch die Luft geschleudert wurden, wurde mir doch etwas unwohl und ich war dankbar für meinen Helm. Leider scheinen es eben diese Steine zu sein, die den Staub stabil machen, damit er sich nicht in so einen unsäglichen Sandweg wie vorhin verwandelt. Zumindest schält jedes Fahrzeug eine neue Schicht dieser blöden Brocken aus dem grauen Puder, damit auch diese Steine eine Weile locker obendrauf liegen, bis sie irgendwann fröhlich in den Straßengraben fliegen oder jemandem die Birne einschlagen, Schicht um Schicht, so lange, bis die ganze elende Piste eines Tages abgetragen ist und Lettland hoffentlich endlich Geld für eine richtige Straße klarmacht.

Asphalt ist hier so selten, dass es ein eigenes Warnschild gibt, das extra sagt, wann er anfängt und aufhört!

Es reicht! Ich tue, was ich schon im letzten Land hätte tun sollen - ich biege ab auf die A11! Zwar ist die Straße eine Hauptverkehrsverbindung zwischen beiden Staaten, auf der LKW um PKW vorbeirast, trotzdem ist sie von der Größe her eher eine Bundesstraße. An einer Bushaltestelle kochte ich mir ein Mittagsmahl und wagte mich dann in den Verkehr, der mich kaum störte - endlich vorankommen!

Hm, naja, irgendwann störte er dann doch, und ich gab den Dörfern wieder eine Chance. Und tatsächlich, ab Jūrmalciems waren die Dorfstraßen dann doch asphaltiert.
Das Dorf hatte mich noch aus einem anderen Grund interessiert: Außer eine Windmühle stand hier auch ein Grenzturm in den Dünen. Die Sowjetunion baute ihre Türme wieder anders als Polen oder die DDR: Ein breites Stahlgerüst mit Stahlkammer obendrauf. Ähnliche Türme sind öfter an der baltischen Küste zu sehen, mal alt, mal restauriert, mal schmaler, mal etwas breiter - aber immer endet die Treppe deutlich über dem Erdboden oder ist versperrt, damit niemand hochklettert.
Ein paar Tage später erfuhr ich von einer Tafel auch den Rest: Der Strand war hier mit Stacheldraht versperrt, später kamen auch Scheinwerfer dazu. Jeden Abend suchte eine Patrouille nach Grenzgängern. Baden durfte man nur an bestimmten Stellen, und Fischen war streng reguliert. Es gab Küstenbewohner, die nach der Wende zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer sahen. Entweder die Balten waren viel fluchtwilliger als die Polen, oder sie haben dieses Thema einfach nicht vergessen.

Ich kam endlich ungehindert voran, doch aus den Hügeln ragte ein Bunker und erinnerte mich daran, dass es im Kalten Krieg umgekehrt war: Hier hätten die Hindernisse erst so richtig begonnen. Ich hätte mich schon viele Kilometer vor der großen Militärstadt ausweisen und meine Genehmigung zeigen müssen.
Am Eingang nach Liepāja wies mich das erste lettische Eurovelo-Schild auf den ersten lettischen Radweg. Wahnsinn. Ich habe heute doch noch die erste lettische Stadt erreicht, trotz... nun ja, Lettland.

Als wollte er alles wiedergutmachen, umschlingt der Radweg Liepāja (früher Liebau) in einer großzügigen grünen Schleife zwischen Wald, Dünen und Wohnblocks. Und als wollte er auch den Mangel an Heißgetränken seit der Grenze kompensieren, brummen gleich drei Automaten unterschiedlicher Hersteller nebeneinander. So beendete ich den Tag, wie er begann: mit einem Getränk von Lavazza. Wahnsinn, Lettland kann es also doch. Zumindest in den Großstädten.

Enge mittelalterliche Gässchen sucht man auch in Liepāja vergebens, es ist eher eine großzügige Stadt mit breiten Straßen im Jugendstil, auf deren Fassaden unbedingt eine weiße Linie zeigen muss, wo das nächste Stockwerk beginnt. Die Kurgäste aus dem Osten sind wegen der Visapflicht verschwunden, und die Touristen aus dem Westen haben die Stadt noch nicht so richtig entdeckt. Ist aber auch kein Wunder bei der dämlichen Anbindung: Von Riga kommt nur einmal am Tag ein Zug, und zwar immer genau so, dass man gerade die Check-In-Zeit für die tägliche Fähre nach Lübeck verpasst. Und das in der drittgrößten Stadt des Landes...
Aber die Liepājer schaffen es auch allein, ihre Stadt zu beleben: Abends warteten junge Partymenschen auf die Straßenbahn nach Hause, und ich fühlte mich endlich wieder richtig in der Gegenwart angekommen. Auch wenn manche Häuser noch immer aus sichtlich angeschrabbeltem Stein oder groben Holzplanken im Nida-Stil bestehen.

Ein ähnlich angeschrabbelter sowie angetrunken Typ sprach mich an. Meine Antwort, dass ich kein Lettisch spräche, empörte ihn zutiefst, denn was hätte ich denn dann eigentlich in Lettland zu suchen?
Zum Verstummen brachte ihn zuerst meine Frage, wie viele Fremdsprachen er denn spreche (dabei sprach er ja durchaus gutes Englisch, aber das schien er in dem Moment selber vergessen zu haben), und dann die Erkenntnis, dass ich Tourist aus Deutschland war und kein illegaler Zuwanderer, und so wünschten wir uns dann doch recht freundlich einen guten Abend.

Doch die Wettervorhersage versprach eine klare Nacht, und ich fühlte mich absolut in der Lage, sie wieder in der Wildnis zu verbringen.
Die einzige drehbare Klappbrücke Lettlands brachte mich in die nördliche Stadt, zu weiteren Wohnblocks und schließlich in den nächsten Wald.

Der offenbar nicht weit genug von der Stadt entfernt war.
Ich erwachte, weil ich Schritte und Stimmen hörte. Dann leuchtete mir eine Lampe ins Gesicht. Es war halb drei, und jemand sprach Lettisch.
Ich fragte, ob er auch Englisch sprach.
Der Polizist bejahte dies und fragte, was ich hier tue und ob alles in Ordnung sei.
Hätte ich doch nur in jeder Lebenslage das Selbstbewusstsein und die Lässigkeit, über die ich plötzlich im müden Zustand in Liepaja verfügte. Völlig aus dem Schlaf gerissen antworte ich der Polizeitruppe: Ja, natürlich, ich sei doch nur auf einem Campingtrip. Sie zogen sich sofort zurück, merkten nur noch an, dies sei "not a good place", aber ich könne hier schlafen.