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Sonntag, 28. Juni 2026

Von Ingå nach Matilda

Die heutige Strecke sah im Prinzip so aus wie gestern Abend, hat aber deutlich mehr Spaß gemacht. Erstens gab es weniger Zeitdruck, zweitens besseres Wetter, und drittens waren heute tatsächlich auch die ersten finnischen Seen zu sehen, die das ganze Land blau besprenkeln. (Wobei die ganz große Finnische Seenplatte woanders ist, die umgeht der Ostseeradweg großräumig.) Zugänge zum Baden habe ich nicht entdeckt, nur klares blaues Gefunkel hinter Baumstämmen. Es dominieren noch immer die Nadelbäume.
Auch meine Sorge vor den finnischen Hügeln löste sich bald auf. Überall wird vor ihnen gewarnt, sie seien zwar kein Gebirge, würden aber durch die vielen aufsummierten Höhenmeter ganz ähnlich schlauchen. Natürlich ist das hier anstrengender als Flachland, keine Frage, aber nachdem ich gerade erst im Kein-Gebirge-aber-auch-sehr-hügeligen Mittelböhmischen Hügelland gefahren war, konnte mich das hier ganz bestimmt nicht schrecken. Zumal es ja die nächsten Tage tendenziell sogar flacher werden soll.

In vorbildlicher Weise hat Finnland erst kürzlich neue EuroVelo-Schilder aufgestellt, die mit kurzen, knackigen Pfeilen die Richtung weisen, und heute werde ich denen auch folgen. Radwege gibt es meistens nur noch in der Nähe der Städte, was aber nur auf wenigen großen Straßen ein Problem ist.
Nicht alle finnischen Straßen sind asphaltiert. Aber anders als in Lettland ist die Alternative keine gottlosen Schotterpiste, sondern extrem feste, hellbraune Erde. Sogar nach einem Regenguss unterscheidet sich das Fahrgefühl nur minimal von Asphalt.

Die Briefkästen am Straßenrand haben diese metallenen Fähnchen wie in den USA, die man hochheben kann als Signal für den Postboten, dass er das Paket darin mitnehmen soll. Die Wohnhäuser dahinter sind sehr versteckt. Präsenter sind da die mehrstufigen Gebäude in schwedischem Rot, an deren Ende stets ein Silo dranhängt.
Aus den Straßennamen wurde ich nicht ganz schlau.

Auf halber Strecke liegt Ekenäs, das auf Finnisch Tammisari heißt. Der schwedische Name wird (wie auch in Ingå) zuerst genannt, es muss hier also viele schwedischsprachige Finnen geben. Dafür spricht auch, dass Ekenäs eine der ältesten Städte in Finnland ist und aus schattigen Alleen mit historischen Holzhäusern besteht, ein- bis zweistöckig und in allen Farben, hauptsächlich aber gelb.

Den nur teilweise historischen Markt- und Parkplatz fand ich im Vergleich dazu gar nicht mal so schön.

Eines der gelben Holzhäuser am Straßenrand sah irgendwie verlassen und heruntergekommen aus, und deshalb überraschte es mich, als da plötzlich das Wort Museo dranstand. Ob ich schon in Ekenäs ein finnisches kleines Dorfmuseum besuche? Aber wo kommt man da rein?
Moment, gleich dahinter stand ein neues anthrazitfarbenes Gebilde, in dem sich eine Kunstgalerie namens chappe befand. Das Ziel war hier gerade, eine Galerie mit Ostseebezug nah an der Ostsee zu bauen. Tja, der Iron Curtain Trail ist vorbei, nach all den deprimierenden grauen Grenzmuseen ist es Zeit für ein auch graues, aber weniger deprimierendes Kunstmuseum. Wenn es einen Ostseebezug hat, umso besser, schließlich fahre ich jetzt ausschließlich auf dem Ostseeradweg.
Der erste Raum heißt Immortal und ist fast leer. Ein Künstler namens Christopher B. Jackson hat ihn mit seinem Lieblingsmotiv gefüllt: Sich selbst. Seine DNA hängt in Form von Punktkolonnen und schillernden Regenbogenfarben (etwa auf dem Tisch unten rechts) herum. In einer Petrischale schwammen Jacksons Zellen, dort können sie angeblich ewig in ihrer Nährlösung weiterleben. Zumindest zeigte der Bildschirm an der Wand, wie sie putzmunter herumwuselten. Ob man auf diese Weise aber wirklich unsterblich wird, ist zweifelhaft. Die Ausstellung besteht nämlich nur noch bis zum 6. September 2026.

Im Obergeschoss wird es bodenständiger und maritimer. Erika Adamsson hat die Wände mit Bildern zugehängt, dermaßen viele, das ihr nicht für jedes einzelne ein Titel eingefallen ist. Diese Bildergruppe heißt Eine Woche auf der Insel. Bei der Insel handelt es sich um Klovharun im Schärengarten von Porvoo östlich von Helsinki, den ich selbst nicht gesehen habe, trotzdem gaben sie mir einen Vorgeschmack auf die Landschaft, die mich die nächsten Tage erwartet. Der Künstler Tove Jansson hat sein Sommerhäuschen auf der Insel gespendet und zur Künstlerresidenz gemacht.
Erika Adamsson war eine von denen, die sich dort mehrfach eingemietet haben. Ihr Pinsel fing Gräser und violette Blüten ein, die sich an den Fels klammern und ihn mit Leben füllen. Aber anders als ihre Kollegen richtete sie den Blick nicht nur auf die Natur, sondern auch das Zusammenspiel mit dem menschlichen Leben in der Hütte: Gummistiefel, Schaukelstühle, Regenjacken, Omas mit Bommelmützen und eine Inneneinrichtung aus den 60ern, alles sieht robust aus, ist aber sehr zart gemalt. Und natürlich immer wieder Wasser. Deshalb bestehen die Bilder natürlich auch aus Wasserfarben. Und zwar ausschließlich aus Farben von Inseln: Umbra von Zypern, Eisenoxid von den Hebriden, der Rest von den Åland-Inseln, wo die Künstlerin lebt und wo ich auch noch hinwill. Für ein Bild hat sie sich sogar von zwei Meeresbiologinnen unterschiedlich alte Sedimente vom Meeresgrund ausbuddeln lassen, ein Zentimeter entspricht etwa einem Jahr.

Im Keller sind barocke Goldkelche und verstörende, aber interessante Nahaufnahmen von Mikroorganismen zu sehen. Mein Gespür war nicht falsch, diesem Ausflug in die moderne Kunst konnte ich schon etwas abgewinnen, zumindest manchen Teilen. Auch wenn das Zentrum der Internationalen Lichtkunst in Unna in der Hinsicht unübertroffen bleibt.

Sogar die Klos sind Kunst. In die Spülkästen ist ein Bilderzyklus namens Memento eingraviert. Auf dem Herren-WC hat jemand einen Apfel gegessen und scheidet den Kern wieder aus (WC ÄPPEL), aus diesem wächst auf den übrigen Toiletten ein Baum, der wiederum neue Äpfel trägt. Wer den gesamten Zyklus sehen will, kann auf besondere Anfrage auch das Mitarbeiter-WC besichtigen.


Das ist nicht alles, über einen Kellergang ist die Galerie Chappe auch mit dem Raseborgs Museum verbunden. Das enthält ein Modell der nahen Burg Raseborg, und eine Ausstellung mit Fotoleinwänden und Gegenständen des 20. Jahrhunderts. Ein Tüftler hat einen hängenden Sessel mit Lautsprechern im Polster entworfen, in dem man angeblich nicht hören kann, aus welcher Richtung der Klang kommt (doch, kann man). Die Museumsbesucher versinken darin und hören... ein Video darüber, wie der Sessel gebaut wurde. Eine Gratisausstellung im Hinterhaus zeigt Gemälde nackter Menschen in Swimmingpools und ein Riesenbild mit absurd vielen Vogelarten namens Go away bird.
Ach guck, sogar in der ollen Scheune da ist irgendwas, nachgestellte Räume voll mit falschen Tieren und echten Schaufeln, Leitern und Heuhaufen. In dieser Scheune wurden Tiere, Verbrauchsgüter und manchmal andere Familien als Mieter gelagert. Perfekt, ich habe also doch versehentlich ein kleines finnisches Heimatmuseum mitbezahlt.
Sogar das alte gelbe Häuschen vom Anfang, das mich überhaupt erst auf das Museum aufmerksam gemacht hat, hat doch noch einen Eingang. Darin sind alte Räume nachgestellt, zum Beispiel die Köket/Keittiö/Küche, die angeblich von 1790 bis 1900 so aussah. Ein ganz schön langer Zeitraum, in dem die Ekenäser nicht nur auf Strom, Herd und eine Alexa verzichten und stattdessen auf einen extrabreiten Ofen zurückgreifen mussten, sondern auch ihren Inneneinrichtungsstil offenbar nicht groß veränderten.

Auf der zweiten Hälfte des Tages tauchte die Ostsee wieder auf. Mehr oder weniger. Auf jeden Fall nicht so, wie man sie aus Deutschland kennt.
Finnland ist hügelig und seenreich, das sollte bekannt sein. Dass in Finnland ein richtiges Gebirge entstand, ist schon eine Milliarde Jahre her. Die Gletscher vor zehntausend Jahren haben alles abgeschmirgelt, und so blieben von den Bergen nur die flachen Felsplatten, die heute so skandinavisch sind wie sonst was. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir in Norddeutschland keine solchen Platten haben, obwohl da dieselben Gletscher aktiv waren - bei uns zu Hause stand nicht mal vor einer Milliarde Jahren ein Gebirge, das die Gletscher hätten abschleifen können. (Die deutsche Küste sah damals auch komplett anders aus und lag viel weiter im Norden.) Nur die Moränen, also die zusammengeschobenen Sandhügel, sind natürlich generell überall, wo Gletscher im Spiel waren.
Diese geologische Geschichte hat mehr mit heute zu tun, als man denkt. Zum einen habe ich mehrmals in diesen Gletschern gebadet, also quasi. Als die Gletscher langsam abschmolzen, entstand daraus der Baltische Eisstausee. Ein paar Wasserpfützen blieben ohne Verbindung zum Meer liegen und bildeten die finnischen Seen.
Gleichzeitig drückte aber auch immer weniger Gletschergewicht das finnische Land runter. Darum begann sich 7500 v. Chr. die ganze abgeschmirgelte Felsplatten-und-Moränen-Masse, auch bekannt als Baltischer Schild, langsam zu heben. So langsam, dass sie damit bis heute nicht fertig ist. Die finnische Küste wächst um bis zu acht Millimeter pro Jahr in die Höhe. Das ist kein Funfact, sondern ein echtes Problem. In den vergangenen Jahrhunderten mussten die Häfen ständig nach Westen verlegt werden, weil sie verlandeten. Die Flüsse haben inzwischen im Küstengebiet kaum noch Gefälle, die Folge sind starke Hochwasser. Dummerweise kann man für dieses Problem niemandem die Schuld geben, nicht mal der Menschheit. Ich vermute mal, die Finnen wünschen sich die Gletscher ja nun auch nicht zurück. Wenigstens können Geologen anhand der Bewegung berechnen, wie elastisch die Erdkruste eigentlich ist.

Diese abgeschmirgelte Küste ist nun eine Schärenküste, und das heißt, sie ist hoffnungslos zersplittert in ein heilloses, unübersichtliches Chaos aus winzigen und riesigen Inseln, Halbinseln, Sackgassen, Brücken, Buchten und Festland mit Seen drin. Der Versuch, hier dem Festland immer genau am Wasser entlang zu folgen, wäre ungefähr so erfolgversprechend, wie Milch mit einem Kehrblech aufzufegen oder alle Folgen Dr. Who in chronologischer Reihenfolge zu schauen. Der Ostseeradweg versucht das gar nicht erst, sondern leitet die Radler weit ins Hinterland.
Aber sogar da ist plötzlich die Ostsee im Weg: Lange Meeresarme strecken sich tief ins Land rein. Den ersten konnte ich direkt auf einer Brücke überqueren, die aus kleinen Holzbrettchen zusammengepuzzelt war. Auch der zweite hatte eine Brücke, dazu musste ich ihm aber noch ein Weilchen nach Norden folgen. Das klare Blau funkelte deutlich sichtbar hinter den Getreidefeldern, somit war das tatsächlich ein Radweg an der Ostseeküste im weitesten Sinne. Auch wenn dieses schmale Wasserband ebenso gut ein finnischer Fluss oder See hätte sein können.

Einmal hatte ich meine liebe Not, mich durch eine Straße zu schlängeln, in der gerade ein Flohmarkt aufgebaut wurde.
Mittagessen musste ich auch noch kochen, was nicht einfach war, denn die einzigen Rastbänke hinter Ekenäs gehörten zu einem Imbiss. Getrieben von Hunger musste ich mir im Wald schließlich den moosbedeckten Felsbrocken mit den wenigsten Ameisen drauf aussuchen.
Die minimalistischen Bushaltestellen taugten auch nichts, sie warfen ihren Schatten nach hinten in den Straßengraben, wo ihn keiner gebrauchen kann.

 

Ich verließ die Hauptstadtregion namens Uusimaa und fuhr... jetzt erst rein ins Eigentliche Finnland? Ah ja. Optisch änderte sich trotzdem nicht viel.

86 Prozent von Finnland sind Wald. Das ist sogar 1 Prozent mehr als in Schweden, und damit ist es das waldreichste Land Europas. Hier und da mussten die wenigen Menschen aber trotzdem mal den Wald roden, um sich irgendwas zu essen anzupflanzen. Ich radelte gerade über eine besonders große Landwirtschaftslichtung in der prallen Sonne, die schon so tief stand, dass ihre Strahlen sich am Sonnenschutz des Fahrradhelms vorbeimogelten. Und dann machte die Gangschaltung auch noch plötzlich komische Dinge (die bald darauf wieder aufhörten, aber das wusste ich ja nicht).
Auf einmal verspürte ich ein schmerzhaftes Ziepen im Kopf. Kacke. Ein Sonnenstich? Nein, so schlimm war es nicht, aber eindeutig ein Warnzeichen. Wo ist hier in der Nähe irgendwas, also irgendwas anderes als heiße Felder? Im nächsten Dorf stand die finnische Version eines Melkhus. Die rote Hütte warf immerhin einen deutlichen Schatten, wenn auch leider nicht auf die weiße Rastbank. Hinter der Tür waren in Kühlregalen die Produkte der Landwirtschaftslichtung ausgestellt, die per Kartenzahlung an einer Art Selbstbedienungskasse erworben werden konnte. Die Kasse sprach sogar Englisch, aber nur im allgemeinen Menü, bei den langen Produktnamen musste ich selber gucken, welche finnischen Worte auf der Verpackung standen, und sie auf dem Display wiederfinden. Ich wartete ab, bis die Kunden vor mir fertig waren, und kaufte gezwungenermaßen zwei teure Apfellimonaden und ein Lakritzeis am Stiel, dann ging es wieder besser.


Der nächste Abzweig brachte mich in den Nationalpark Teijon kansallispuisto, dessen Felsen und Farne sich aber von übrigen Fauna nicht wesentlich unterschieden. Im Herzen des Nationalparks liegt am dritten Ostseearm das beschauliche Matilda.

Es wird bewohnt von mehreren Alpakas namens Romeo Jr, Pom Pom, Mauritz, Wilmer und Sukka-Jukka.

Ich schob das Rad die Alpakawiesen runter und entdeckte eine putzige kleine Wassermühle, deren Rad sich noch drehte. Tatsächlich war ich auch auf der Suche nach Wasser, aber eigentlich eher in Hähnen als in Mühlrädern. Das war gar nicht so einfach, denn die eine Hälfte von Matilda war für ein Cider-Festival gesperrt, die andere für eine Hochzeit. In der Scheune wurde fröhlich getafelt, im Hotel daneben nächtigten die Gäste, aber das Klohäuschen dazwischen war online als öffentlich eingetragen, und mit etwas gutem Willen konnte man argumentieren, dass es vom Geltungsbereich des Geschlossene-Gesellschaft-Schildes nicht erfasst war. Jedoch hatte sich davor eine lange Schlange gebildet, und über die Schultern der Gäste erhaschte ich den Blick auf ein Kein-Trinkwasser-Schild, von dessen Geltungsbereich eindeutig das gesamte Toilettengebäude umfasst war.

Dann muss ich bis morgen durchhalten. Ich fuhr aus Matilda raus, bis ich den Nationalpark verlassen hatte, und ließ mich im nächsten Wald nieder. Der Himmel war wieder völlig klar, die Luft warm, heute Nacht brauchte ich eindeutig kein Zelt.
Leider hat es terminlich nicht gepasst, diese Tour auf die Mittsommernacht zu legen. Ich hatte bei Helsinki mit mehreren Deutschen gesprochen, die gerade erst diese magische Nacht in Finnland verbracht hatten. Ihre Reaktionen waren recht unterschiedlich. Den einen gefiel es, andere konnten mit der dazugehörigen Zelebrierung, also Saufen und stumpfes Grölen in der Sauna, nur wenig anfangen.
Eine echte Mitternachtssonne gibt es an der Ostsee nicht, denn der Polarkreis verfehlt das Meer leider knapp. Auch um eine ununterbrochene Bürgerliche Dämmerung zu sehen, muss ich noch ein Stückchen weiter nach Norden die Küste hoch.
Technisch gesehen sind die Weißen Nächte bei Helsinki also nur eine ununterbrochene Nautische Dämmerung (die man theoretisch auch in Flensburg sehen kann). Praktisch ist der Unterschied aber selbst Ende Juni noch ganz erstaunlich. Vor allem, wenn keine Regenwolken den Himmel zuhängen. Als ich in Helsinki wegen kaputter Scheinwerfer in der Fahrradwerkstatt erschien, wirkte der Typ überrascht und winkte ab, solange ich nicht gegen zwei Uhr nachts fahren wollte, sei das eigentlich kein Problem.
So sah der Himmel um diese Zeit aus, und dunkler wurde es nicht.


Samstag, 27. April 2024

Von Ventspils nach Melnsils

Dieser Tag war trübe und kalt. Ein vollbehangener Himmel, Nieselregen, Gegenwind und sogar ganz, ganz leichte Hügel lagen in meinem Weg. Und trotzdem war ich total froh. Weil es einfach nur ein stinknormaler Radtour-Tag war, ohne zerstörte Fahrräder und Schneestürme. Noch schneller als der Schnee sind jedoch meine zwei Tage Puffer weggeschmolzen. Ab jetzt darf nichts mehr schiefgehen.

Das Schmelzwasser hatte den Radweg überschwemmt, aber ein paar Bretter führten über die Pfützen. Zum Fahren sah mir das nicht vertrauenswürdig genug aus, dann doch lieber schieben.


Im sumpfigen Wald liegt ein Badesee, und ein einsames Bahngleis reißt ab. Es kündigt an: Heute begegne ich spärlichen Spuren des armen lettischen Bahnnetzes.

Wenig überraschend: Der Radweg hört ein paar Kilometer hinter der Stadt auf.
Ebenfalls wenig überraschend, weil es der Fahrradmechaniker in Ventspils angekündigt hat: Baustellen.
Als die Ampel auf Grün schaltete, holperte ich durch eine lange braune Erdwüste und hatte meine liebe Mühe, in nur einer Grünphase das Ende zu erreichen. Dieser Vorgang wiederholte sich dreimal.
Aber sonst war die Strecke heute die bisher beste in Lettland. Immer dieselbe Straße, fast ohne Abbiegen, und diesmal mit so wenig Verkehr, dass ein Radweg echt nicht nötig wäre. Die Straße wird "großzügigster Radweg Lettlands" genannt.

Fast ohne Abbiegen? Nicht ganz - ein paarmal bin ich freiwillig abgebogen. Zum Beispiel auf den ersten Kolonnenweg im Baltikum, der mich ins nächste Lost Place brachte. Hinter den Nadelbäumen erschienen dunkle Kästen mit leeren Augen.  Das heißt, eigentlich sind sie aus weißen Steinen gemauert, aber in der Masse wirkten sie trotzdem grau. Block um Block ragte über der Betonstraße auf und starrte mich aus tausenden bröckelnden Fenstern finster an.
An der innerdeutschen Grenze stehen solche Kasernen einzeln verteilt, im Baltikum dagegen konzentrieren sie sich in großen Militärstädten, welche die drei annektierten Sowjetrepubliken unter Kontrolle halten sollten. Diese Städte gab es sogar schon, als Lettland zum ersten Mal unabhängig war: Die Sowjetunion bedrohte die baltischen Staaten, bis sie nachgaben und der Roten Armee erlaubten, 25 000 Soldaten zu stationieren. Natürlich nuur, um sich gemeinsam vor den Nazis zu schützen (mit denen die Sowjets eigentlich dank Hitler-Stalin-Pakt gerade gut Freund waren), und auf keinen Fall, um eine spätere Invasion leichter zu machen.
Große Sperrgebiete umgaben die Militärstädte und blockierten einen nicht unerheblichen Teil des Landes. Die Menschen wanderten ab, und Panzer trainierten in den leeren Dörfern. In anderen Dörfern engagierten sich die Soldaten aber auch im Gemeindeleben oder trainierten die Dorfjungen als Nachwuchs-Grenzsoldaten. Und die Mädchen? It happened often that the fate of young soldiers and local girls were linked together. Joa, so kann man es natürlich auch formulieren.
Ventspils hatte zumindest mehr Glück als Liepāja: Die Stadt selbst gehörte nicht zu Sperrzone, denn die Militärstadt stand ein gutes Stück außerhalb in Irbene. Außerdem hinterließen die Sowjets das größte Radioteloskop in Nordeuropa (auch wenn sie es beim Abzug mit Absicht kaputtmachten). Heute steht in Irbene ein Forschungszentrum für Radioastronomie.

Ausgerechnet an diesem beunruhigenden Ort rollten auf einmal zwei Fahrräder vorbei - und an ihren Gepäckträgern hingen dick gefüllte Taschen! Diese Damen waren die allerersten Tourenradler, die ich auf dieser Reise gesehen habe. Und noch viel mehr hardcore drauf als ich, denn sie waren Wochen vor mir in Lübeck gestartet. Und natürlich Deutsche. (Muss ich das extra erwähnen?) Und sie hatten bereits von mir gehört - in Ventspils hatten sie dieselbe Fahrradwerkstatt besucht, wo bereits die Geschichte vom dämlichen Deutschen, der mit einem Schrottrad startete, die Runde machte.

Unter der Straße zog still und träge ein Fluss durch sein grüngelbes Tälchen. Die Irbe fließt lange Zeit parallel zur Ostseeküste, weshalb man dort angeblich beim Paddeln auf weiten Strecken das Meeresrauschen hören soll - unser Pastor hatte mal überlegt, dort eine Paddelreise zu veranstalten.
Der nächste Fluss ist dann auch schon die Grenze zum Slītere-Nationalpark. Der besteht aus Wald und Feuchtgebieten, nur auf 4 Prozent der Fläche wird Landwirtschaft betrieben. Geologisch am ältesten sind die Blue Hills, die ehemalige Küste eines Eissees. Am jüngsten sind die Kangari, das sind lange, parallele Dünen. Im Frühling und Herbst ziehen hier zehntausende Vögel pro Stunde (vö/h) durch, die zwischen Ostsee und Weißem Meer pendeln.
Erste Waldstücke wurden zwar schon 1921 geschützt, aber am meisten zu ihrem Schutz trug versehentlich die Militärstadt Irbene mit ihrem Sperrgebiet bei. Von Ventspils bis Mērsrags (also noch deutlich weiter als der Bereich des Nationalparks) durfte niemand ins Küstengebiet, außer er hatte eine Einladung von einem Bewohner und brachte sie zur Polizeiwache, um einen Besuch zu beantragen.

Im Nationalpark habe ich die Straße zweimal verlassen - das zweite Mal war definitiv ein Muss, das erste Mal, naja, war nicht ganz so definitiv ein Muss. In der neusten Bikeline-Auflage (schon überraschend, dass ein Reiseführer, der auch durch Russland geht, überhaupt noch neu aufgelegt wird) wurde als Alternative ein Bahntrassenradweg eingezeichnet. Der ist etwas näher an der Küste und gehört zu einem 30 Kilometer langen Rundweg durch den Nationalpark. Aber schon der Einstieg war unauffindbar: Wo sich laut analoger und digitaler Karte der Waldweg befinden sollte, war viel Wald, aber null Weg. Erst an der nächsten Dorfstraße konnte ich auf die Bahntrasse rüberwechseln. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet im Nationalpark mal eine Bahn fuhr?
Es gab sogar ein Fahrradschild.
Aber nicht sonderlich viel Fahrradweg. 

Stellen Sie sich das bitte nicht vor wie einen Bahnradweg in Deutschland - im Baltikum sind Bahntrassenwege nicht asphaltiert und eher schlechter als normale Radwege. Es war zwar keine Vollkatastrophe wie der Sandgrenzweg ab Šventoji, aber ein paar schlammige Stücke haben schon genervt. Immerhin war ich nah dran an der Natur - endlich mal keine Straße, die mit ihren Kiesstreifen und Wassergräben Abstand zu den Bäumen hält. Links und rechts schluckten schwarze Tümpel das spärliche Sonnenlicht. Nadelbäume und Birken tauchen diesen düsteren Sumpf in Schatten. Bei diesem Wetter war die Landschaft eher bedrückend als beglückend.

Zum Schluss muss die Trasse noch einen Bach überqueren. Keine Ahnung, wie die Bahn das damals gemacht hat, aber wahrscheinlich nicht mithilfe einer von der EU geförderten Holzbrücke, bei der zwei Bretter zerbrochen sind und eins in der Mitte fehlt. Aber gut, die Brücke ist auch von 2013, da entspricht das wohl der üblichen Halbwertzeit von Holzbrücken.
Ein kleines Schild sagt, die Brücke sei Teil der Förderung des Green Belt - und präsentiert ein Logo zum Grünen Band, das ich in ähnlicher Form sonst nur in der Gegend um Salzwedel gesehen habe. Wahrscheinlich war die Brücke für den Wanderweg am Grünen Band gedacht, denn der Hauptradweg verläuft immer noch nebenan auf der Straße.

Auf diese Straße bin ich dann auch zurückgekehrt. Die ehemalige Bahntrasse knickt hier ab und entfernt sich in völlig unbegehbarer Form von der Küste. Die Alternativroute geht zwar noch weiter, aber viel gezackter und unbahntrassiger. Nee, nee, mein Bedürfnis nach wilden Wege war vorerst gestillt.

Die Straße endete schließlich an einem Kreisverkehr. Ich wollte all seine Ausfahrten der Reihe nach erforschen.
Die linke Ausfahrt brachte mich zu einem Strandzugang mit einer kleinen Heidefläche und einem sehr hohen Aussichtsturm. Aber die Bäume wuchsen so dicht und hoch, dass der Blick trotzdem nur bis zum nächstbesten Strandstück reichte. Das könnte einfach irgendeine Stelle an Lettlands Westküste sein. Warum es das eben nicht ist, lässt sich noch nicht erkennen.

Die mittlere Ausfahrt dagegen lässt gleich durchblicken, dass hier irgendwas Besonderes abgeht: Ein großer Parkplatz, ein Imbisshaus, eine Touristinfo und der erste lettische Lavazza-Kaffeeautomat außerhalb einer Großstadt. Natürlich noch alles geschlossen - bis auf den Automaten.
Ein windzerzauster Nadelwald wächst auf den Dünen. Ein Sandweg brachte mich zu einem steinernen Tor...

...und dann ein paar Stufen runter zum Strand. Aus dem Nebel schält sich ein Funkturm. (Lettland ist voll von Funktürmen, manchmal gleich zwei nebeneinander. Irgendwo muss das berühmte gute Internet ja herkommen.)
Es herrschte Stille, nur das Meer gab seine rhythmischen Geräusche von sich. Ich hatte den Touristen-Hotspot ganz und gar für mich und spazierte allein an die Spitze einer Nation. Das ist ein bisschen Nebel und Niesel ja wohl wert.
Die Höhe der Düne ist jetzt nicht gerade rekordverdächtig, aber es muss ja nicht immer eine Steilküste sein. Auch ein 1-Meter-Abgrund genügt anscheinend, um große Bäume zu Fall zu bringen. Außerdem ist dieser Ort sowieso für etwas anderes bekannt.

Und zwar für folgendes:
Der Strand bildet eine Spitze und knickt plötzlich nach Süden ab. Ein paar Meter draußen im Wasser ragt noch ein schiefer Haufen wellenbrechender Steine aus dem Meer. Wellen aus zwei Richtungen zogen heran, trafen zusammen und schwappten dann kreuz und quer durcheinander, völlig verwirrt, wo es denn jetzt hier weitergeht. Nach Süden geht es weiter, jedenfalls für mich! Denn das hier ist Kap Kolka.
Hier trifft die zentrale Ostsee auf die Rigaer Bucht (okay, aber ist ja beides eigentlich Ostsee), und die Spitze ist der nördlichste Punkt von Kurland (okay, also nicht mal von ganz Lettland). Die geographischen Rekorde klingen zwar nicht übermäßig beeindruckend, trotzdem ist das Kap sehr bekannt: Wenn man sich Lettlands Umriss auf einer Landkarte anguckt, ist das so ziemlich der auffälligste Punkt.
Eigentlich gehört an so eine Spitze ein Leuchtturm, ich habe aber keinen gesehen: Der alte soll eine Ruine sein, der neue versteckt sich irgendwo draußen im Nebel auf einer Insel.
Jetzt fahre ich also an der Rigaer Bucht, oder, wie eine Texttafel schreibt, an der Little Wave Sea statt der Big Wave Sea. So anders sieht die aber noch nicht aus, eher wie eine Same Height Wave Sea.

Die rechte Ausfahrt im Kreisverkehr brachte mich wieder auf den rechten Ostseeradweg, und erst einmal ins Dorf namens Kolka. Es hat gleich drei Kirchen. Die Protestanten haben wie üblich nordisch-bescheiden gebaut, mit Feldsteinen in einem Rahmen aus Backstein.

Den Orthodoxen standen dieselben Materialien zur Verfügung, aber sie waren trotzdem bemüht, einen Hauch von Moskau darin anklingen zu lassen.

Die Katholiken aber haben, großer Plottwist, die bescheidenste Kirche der drei - einen Holzschuppen mit Türmchen im Wikingerlook!
Und auch ihre Geschichte zeugt von ungewöhnlichen Pragmatismus: In Kolka gab es eine katholische Gemeinde ohne Kirche, in einem anderen Dorf eine katholische Kirche ohne Gemeinde. Also genehmigte der Bischof, das komplette Bauwerk auseinanderzubauen und zu transportieren.

Vor 8000 Jahren stand das alles hier unter Wasser, die Ostseeküste lag 3 bis 7 Kilometer weiter drin im Land. Dann spülte das Meer langsam eine Insel aus Sand an, die einen Teil des Meeres abschnitt. Eine Lagune war geboren. Als nächstes sank der Meeresspiegel um 1,5 Meter, und die Lagune war wieder gestorben. Von ihr blieben nur ein paar kleine Angelseen und Naturschutzgebiete, und die lockten dann wiederum Menschen (hauptsächlich Angler) an. Die meisten Seen habe ich nicht besucht, nur der kleine Zēņu dīķis mit seinen Holzbrückchen lag ohne Umweg direkt zwischen Straße und Ostsee.

Auch eine anständige Steilküste gibt es noch, und zwar in Ēvaži. Bis auf einen Sandstreifen ist sie von Bäumen und farbenfrohen Moosen bewachsen, und ziemlich hoch. Die Rigaer Bucht sieht inzwischen doch anders aus, das Wasser wird ruhiger und transparenter. Joa, Little Wave Sea passt. Mit diesem schönen Ausblick verabschiedete ich mich aus dem Slītere-Nationalpark.

Mein Ziel war ein Campingplatz, dessen guter Ruf ihm ebenso vorauseilt wie mir mein Pannen-Ruf. Nicht nur ich hatte auf einem anderen Ostseeblog Gutes von ihm gehört, auch die anderen beiden Radfahrerinnen von heute Vormittag und sogar Störche. Auf dem Platz stehen jede Menge Holzhütten und sogar ein fünf Meter hoher Holzleuchtturm, der wohl allenfalls für Papierschiffe einen nützlichen Orientierungspunkt darstellt.
Etwas ernüchtert war ich dann aber doch, als ich hörte, dass die Saison eigentlich erst morgen startet und wir nur ausnahmsweise schon mal Zelte aufstellen dürfen. Auf der Website hatte es so ausgesehen, als würde der Platz den ganzen Winter hindurch laufen. Der geheizte Bar-Raum war noch zu, und die angeblich inkludierte Sauna nicht in Betrieb, es hätte 25 Euro gekostet, sie anzufeuern.

Dafür juckte es absolut niemanden, wo ich mein Zelt hinstelle. Na denn, dachte ich, und stellte es kurz vor den Strand, gleich neben die Bänke eines Bungalows. Und stellte dann überrascht fest, dass es erst 16 Uhr war. Wat mache ich jetzt mit dem Rest des Tages?
Tee. Viel Tee. Schließlich steht im halboffenen Kochhäuschen ein Wasserkocher. Eine warme Mahlzeit hatte ich mir schon am Kap Kolka gemacht. Also verbrachte ich den Abend damit, beim Rauschen des Meeres Käseschnecken zu essen, Tee zu trinken und Hans Fallada zu lesen. (Als meine Familie fragte, wie es mir denn ginge, schickte ich einfach dieses Foto mitsamt meiner Abendplanung - die Probleme der letzten Tage gab ich nur stark verkürzt wieder.)
Die Nähe zum Wasser hatte aber auch einen Nachteil - es war kälter als bei den Nächten unter freiem Himmel. Trotzdem hat mir der entspannte Nachmittag anscheinend jede Menge Kraft gegeben für das, was ich am nächsten Tag schaffen sollte.