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Samstag, 11. September 2021

Von Priwall nach Hohen Wischendorf

Impf-Countdown: Noch 3 Tage

Der nächste Tag hat uns richtig gut gefallen. Ich würde die Strecke glatt meiner Familie empfehlen, aber die war schon längst hier. Die fand es da zwar ebenfalls schön, aber sehr anstrengend wegen der Hügel. Uns konnten diese kleinen Erhebungen nach den Bergen Jütlands nicht mehr aus der Fassung bringen. Die Sonne schien zwischen den dünnen Bäumchen hindurch und brachte den lichten Wald zum Strahlen, daneben rauschte das Meer. Anders als im ländlichen Schleswig-Holstein schimpfen die Radfahrer hier nicht, sondern entschuldigen sich sogar noch, wenn wir kurz den Weg blockieren.

Kleine Hindernisse wie die Sandpassage bei einem Reiterhof oder Holzbrücken konnten wir leicht überwinden.

Am Horizont verschwanden der seltsame Ostseeturm und der Schwur des Kärnan allmählich aus unserem Blickfeld. Nun sind wir auf der anderen Seite der Bucht, im guten alten Mecklenburg-Vorpommern. Viele Menschen verbinden dieses Bundesland mit FKK-Stränden, und überraschenderweise wurde dieses Klischee sofort erfüllt. Als wir zum erstbesten Strand runterliefen, sahen wir gerade Menschen beim Nacktbaden, und zwar junge! Ich habe jahrelang in diesem Bundesland gelebt, kann mich aber nicht erinnern, das bei Leuten zwischen 10 und 40 gesehen zu haben. (Aus daten- und jugendschutzrechtlichen Gründen habe ich das Foto erst aufgenommen, nachdem sie nicht mehr im Bild waren.)

Abgesehen von Badehosen fehlten hier auch Strandkörbe (die sind ja eigentlich typisch MV), Menschenmassen, Möwenmassen und Geräusche, die lauter als das Wellenrauschen waren. Dieser Strand ist das komplette Gegenteil der Lübecker Erlebnisbucht, so frei und weit und wild, ganz wunderbar. An ins Wasser! Echt irre: Heute ist immer noch Badewetter.

Dabei ist MV ist das deutsche Bundesland mit den meisten Touristen. Da kann man sich ausrechnen, dass nicht alle Strände so aussehen.
Dass dieser Strand so unberührt und der Wald so jung aussieht, hat einen dunklen Hintergrund: Die Bucht ist hier so schmal, dass die Bürger der DDR auch ohne sportliche Erfahrung mit ein bisschen Glück rüberschwimmen oder rüberpaddeln konnten. Darum war die Ostseegrenze hier ähnlich tödlich ausgebaut wie die Binnengrenze den beiden deutschen Staaten, komplett mit Zäunen und Selbstschussanlagen. Das einzige Überbleibsel, das wir davon gesehen haben, ist der Kolonnenweg für die Fahrzeuge der Grenzsoldaten. Ich denke nicht, dass allzu viele Leute versucht haben, hier zu fliehen. Über den Zaun und das Meer ist es ja sogar noch riskanter, als nur über den tödlichen Zaun im Binnenland zu klettern.
Erst seit 1989 ist es wieder möglich, hier zu baden. 

Und auch die Steilküste kann erst seit dem Mauerfall bewundert werden. Das hölzerne Geländer sieht stellenweise aus, als wäre es zum letzten Mal vor dem Kalten Krieg repariert worden. Es wachsen derart viele Bäume, dass wir von oben nicht allzu viel erkennen konnten. Das Meer war nur ein vages blaues Etwas zwischen den Ästen.

Als der Wald sich lichtete, wollten wir einen Blick durch die Büsche werfen, aber diesmal versperrten zwei rotweiße Zäune den Weg. Das scheint eine gefährliche Stelle zu sein.
Erst beim dritten Versuch entdeckten wir einen Pfad, der uns einen richtigen Blick auf den Strand und die Steilküste verschaffte.

Die Hügel sind so niedrig, dass in regelmäßigen Abständen eine Schneise zum Strand runterführt. Unten sind die Klippen viel besser zu erkennen - so gut, dass mir meine wanderlustige Freundin einfach davongelaufen ist, um sich das genauer anzusehen. Die Landschaft sieht aus, als wäre die Steilküste von Sehlendorf und Neuteschendorf altersschwach geworden und könnte jeden Moment zusammenbrechen unter der Last der Bäume und Büsche, die im Laufe der Jahrhunderte auf ihr gewachsen sind. Da hinten ist sie offenbar schon zusammengebrochen. Hat aber auch was, so eine völlig überfrachtete, wilde Oldtimer-Steilküste. Ihr Name klingt auch ein wenig exzentrisch: Kleinklützhöved.

Diese auffällige Markierung zeigt, wo der Hundestrand beginnt.

Dieses Land heißt Klützer Winkel, auch bekannt als Goldene Aue oder Speckgürtel, weil der Boden so fruchtbar ist. Wir kamen an einigen Äckern vorbei, wo die braune Erde leer und abgeerntet auf den Winter wartete.
Jetzt wollte ich endlich mal die Empfehlung eines anderen Ostseeradlers umsetzen und das Café Großklützhöved besuchen. In maximaler Idylle ließen wir uns zwischen blühenden Büschen und Bäumen auf dem Fachwerkhof nieder. Ursprünglich dachte ich dabei wirklich nur an Kaffee und Kuchen. Aber dann sahen wir, dass die Speisekarte auch andere Dinge wie Suppe und wirklich gute Pizza umfasste. Am Ende bestellten wir so viel, dass wir zwei Tische zusammenstellen mussten. (Es waren aber auch sehr kleine Tische.)

Wir waren fest entschlossen, nach dem Cafe noch einen Abstecher zur Steilküste Großklützhöved zu machen. Gut, dass wir uns das nicht haben entgehen lassen - hier ist die Steilküste 30 Meter hoch und viel offener. Dem Brodtener Ufer sieht sie zum Verwechseln ähnlich. An dieser spektakulären Stelle beginnt die Wismarsche Bucht.

Diesmal ist kein Haus von der Klippe gestürzt, sondern nur ein Absperrzaun. Äh, sehr beruhigend.

Als wir nach Boltenhagen hineinrollten, begrüßte uns eine kleine graue Katze mit Gummifetisch. An menschlichen Streicheleinheiten zeigte sie nicht das geringste Interesse, stattdessen strich sie immer wieder um unsere Fahrräder und rieb sich an den Reifen.

An der langen Straße von Boltenhagen entdeckten wir sogar zwei Supermärkte, die Sonntags geöffnet sind, auch wenn das Sortiment nicht allzu groß war. Da merkten wir gleich, dass alles auf Touristen eingestellt ist.
Boltenhagen ist ein ganz klassisches Mecklenburger Ostseebad, mit Sandstrand, hölzernen Buhnen, Kurpromende und allem Drum und Dran. Dies war der westlichste Ort, an dem die DDR-Bürger ins Meer springen durften. Dabei galten jedoch eigenartige Regeln, welche die Menschen auch beim unbeschwerten Baden daran erinnerten, in welchem Land sie lebten. Luftmatratzen waren vielerorts nicht erlaubt, es könnte ja jemand darauf wegpaddeln. Schiffe unterschiedlicher Größe bewachten das Meer, und selbst in Dörfern weitab der Küste passten ehrenamtliche Spitzel auf, ob nicht ein verdächtiges Auto mit Schlauchboot auf dem Dach durchfuhr.

Räumlich gesehen ist Boltenhagen das erste Ostseebad (da wir von Westen kommen), zeitlich gesehen ist es das zweitälteste Ostseebad. Anfang des 19. Jahrhunderts tauchten hier die ersten Badegäste auf beziehungsweise ab. Bevor das Hotel erfunden wurde, schliefen sie in den Rauchhäusern der Bauern (die hießen so, weil sie keinen Schornstein hatten und die Rauchmelder darin permanent piepsten). 


Wir sind dann eine Weile dem Radweg an der Straße gefolgt und haben ein paar Schleifen des angeblich schlecht befahrbaren Weges abgekürzt. Zwischendurch kamen wir noch einmal an einem Stück Ostsee vorbei, das einem Wattenmeer nicht ganz unähnlich war. Anschließend sind wir nach Hohen Wischendorf abgebogen und haben eine Weile die richtige Straße gesucht.

Ich erinnere mich noch deutlich, wie ich mit 10 Jahren auf meiner ersten Radreise verblüfft feststellte, dass wir jede Nacht auf eine ganz neue Art übernachteten, die ich noch nicht kannte - in einem Hotel, einer Pension, einem Gästehaus, bei Dachgebern oder einer Ferienwohnung.
Diese Erfahrung sollte sich überraschenderweise zum Schluss unserer langen Reise wiederholen. Dabei dachte ich, ich sollte mittlerweile alle Übernachtungsarten kennen. Von wegen! Ich habe noch nie zuvor Ferienhaus-Wildcamping gemacht. Das ist eine skurrile Kombination aus der teuersten und günstigsten Übernachtungsart und funktioniert folgendermaßen:
Ich kenne jemanden, der im Dorf ein Ferienhaus vermietet und uns auf dem dazugehörigen Grundstück am Dorfteich zelten lässt. Außerdem dürfen wir das Bad im Haus benutzen.
Eigentlich. Aber der Schlüssel befand sich nicht dort, wo er liegen sollte. Er hat ihn vergessen. Ich rief ihn an, damit er wusste, dass der Schlüssel nicht da war, auch wegen der nächsten Ferienhausgäste. "Oh, das tut mir leid.", meinte er. "Aber ihr habt ja Wasser aus dem Gartenschlauch."
Eigentlich. Aber selbst dazu braucht man so eine Art Schlüssel zum Aufdrehen, und der lag offenbar drinnen.
Wir schliefen gewissermaßen in der Wildnis auf der Schwelle zum Luxus. Der einzige Vorteil, den uns das Haus gab, bestand aus einem gemütlichen Holztisch auf der Veranda mit Licht und Regenschutz, den wir ganz für uns hatten. Einmal fragte der Nachbar, was wir denn da machen, aber er glaubte uns dann zum Glück, dass wir das dürfen.
Ich fand diese Nacht eher amüsant als ärgerlich. Nachdem unsere Gastgeber uns bisher immer so aufopfernd umsorgt hatten, dass ich schon ein schlechtes Gewissen bekommen habe, wurden wir diesmal eher mit ein bisschen überraschendem Chaos versorgt, das sich gut in die Reise einfügt.

Dienstag, 7. September 2021

Von Neuteschendorf nach Lensterstrand

Impf-Countdown: Noch 7 Tage

So, nach dem Zeitdruck gestern stehen wir um sieben auf und fahren um neun los, allerspätestens halb zehn!
So lautete der Plan.
Tja.
Und dann standen wir um 10:40 kurz hinter dem Campingplatz. Wo meine Freundin erstmal umkehrte, um die vergessene Taschenlampe zu holen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fürchtete ich, dieser Tag könnte wie gestern werden.
Spoiler: Wurde er nicht, ab da klappte eigentlich alles ganz prima und dieser Tag sollte ganz wundervoll werden. Aber das konnte mein nervöses Vergangenheits-Ich ja nicht wissen.

Nach ein paar Dorfhügeln entdeckten wir eine neue Stadt. Am Ortseingang folgten wir dem offiziellen Radweg brav auf eine Schleife durch ein hübsches kleines Seegebiet, denn dieser Umweg sah einfach zu verlockend aus. Ein pessimistisches Schild warnte vor schlechter Wegstrecke, was sich aber als ganz normaler Kiesweg herausstellte. Wir sind nur schnell durchgerauscht, waren dabei aber ganz berauscht von all dem satten Grün und zarten Blau. (Ein Satz, der eigentlich den ganzen Tag gut beschreibt.) Herrlich! So viel Landschaft zum Aufsaugen und Speichern für den nächsten Coronawinter!

Hinter den Wasserwiesen und Riesenrindern ragt ein blau gestreiftes Kreuzfahrtschiff auf... ach nee, das ist ein Hotel, welches verzweifelt zu beweisen versucht, dass nicht alle großen Strandhotels potthässlich sein müssen.

Das Ding gehört zu Heiligenhafen - ein Name, der sich auf Englisch auch gut als Bezeichnung eines gehobenen Strandrestaurants macht. Vor der Planung dieser Tour hatte ich noch nie von diesem Ort gehört, aber dieses Seebad scheint echt groß und beliebt zu sein. Selbst im September war es hier fast so voll wie in Warnemünde.

Heiligenhafen besteht quasi aus zwei Teilen. Auf einer Halbinsel erstreckt sich das Seebad. Hier haben wir in einer Art Bio-Touriladen ein paar Dinge nachgekauft. Die Bio-Sonnencreme stellte sich leider als hochgradig rassistisch heraus: Sie versuchte alles, womit sie in Berührung kam, weiß zu färben, und ließ sich auch durch noch so heftiges Verreiben nicht davon abbringen. Für den Rest des Tages ähnelten wir Schneemännern oder bescheuerten, weiß geschminkten Clowns.
Die Seebrücke fanden wir weitaus erfreulicher als die Sonnencreme. Es handelt sich nämlich um eine Erlebnisseebrücke. Wir liefen eine Weile darauf herum und suchten nach Erlebnissen. Die Brücke besteht aus Holz, wurde einem gezackten Blitz nachempfunden und beinhaltet neben Sitzgelegenheiten auch einen Spielplatz, einen Wasserspielplatz mit Pumpen sowie ein kleines Café. Stellenweise besteht sie sogar aus zwei Stockwerken. Neben den Kaiserbädern auf Usedom dürfte das eine der schönsten und aufwändigsten Seebrücken der Ostsee sein. Die Badestellen, die unser Reiseführer verspricht, haben wir nicht entdeckt. Am Ende war da ein komisches Gitter überm Wasser. Das könnte eine sehr ungemütliche Badestelle sein, aber die Treppe dahin war zugesperrt.
Auch die Aussicht von der Brücke ist wirklich monumental. Neben dem endlosen Meer breitet sich die Halbinsel von Heiligenhafen aus, dahinter ist die Insel Fehmarn mitsamt der dazugehörigen Brücke super zu erkennen. Und da ganz hinten - ist das etwa Lolland? Wir brauchten schon ein kleines bisschen Fantasie, um am Horizont wirklich die Stelle zu erkennen, an der wir vor zwei Wochen standen.

Eine Brücke brachte uns zurück zum Festland. Die war dermaßen kurz, dass vom Wasser kaum etwas zu erkennen ist. Eigentlich ist das nur ein Damm mit kurzem Brückenstück, der einen Teil des Wassers fast komplett vom Meer abschneidet. Dieser Teil des Wassers heißt wieder mal Binnensee, wie unglaublich einfallsreich.
Am anderen Ende beginnt die eigentliche Stadt Heiligenhafen. Sie begrüßte uns mit einem Riesenrad (man kennt es, das weltberühmte Holy Harbour Eye) und Jahrmarktbuden, die aktuell als Corona-Testzentrum dienen.

Der Rest besteht aus historischen Salzspeichern mit viel Straßenverkehr dazwischen.

Wir bogen rechtzeitig von dieser Stressstraße ab, um einen wunderbaren Kiesweg am Ufer zu benutzen, bei dem es sich möglicherweise auch um eine alte Bahntrasse handelt. (Es ist dort wesentlich schattiger, als es auf dem Foto aussieht.) Einsame rote Boote ankerten im Haff. Dahinter wird die Halbinsel immer schmaler, hinter den letzten Häusern beginnt das Naturschutzgebiet Graswerder. Es sieht aus wie ein flacher Kamm aus Sand mit vielen kleinen Zähnchen.

Nun geht der Ostseeradweg weiter zur Insel Fehmarn. Eigentlich. Wir hatten auch vorgehabt, die Inselrundfahrt in unsere Reise zu integrieren. Eigentlich. Doch die Zeit drängte und ich kannte die Insel auch schon, also entschieden wir: Wir kürzen jetzt ab. Nicht nur die komplette Inselrundfahrt fliegt raus, sondern auch die Anfahrt zur Insel durch Großenbrode und sogar noch ein paar Kilometer mehr (wo man eh nicht wirklich am Meer fährt). Hinter Heiligenhafen sind wir einer Straße schnurgerade nach Süden gefolgt. Zunächst mussten wir einen anstrengenden Hügel unter der Autobahn bezwingen. Dann hupte uns ein LKW mehrere Minuten lang an, auch, als wir schon längst aus dem Weg waren. (Ich gehe mal vom Besten in unseren Mitmenschen aus und vermute, seine Hupe hat geklemmt.) Später wurde die Straße immer breiter und angenehmer, vor allem aber verdanken wir dieser Straße, dass wir nun wieder voll im Zeitplan sind.

Auf einmal baute sich neben uns ein dicker hellgrauer Turm auf. Wie unschwer zu übersehen war, befindet sich eine Ostsee-Erlebniswelt darin (also Aquarien). Aber ich bezweifle, dass der Turm von vorneherein als touristische Attraktion gebaut wurde. Dann sähe er bestimmt nicht dermaßen bescheuert aus. Womöglich stand seine ursprüngliche Funktion in irgendeinem Zusammenhang mit dem Kalten Krieg. Denn heute gelangen wir so langsam in einen Bereich, der stärker vom Ost-West-Konflikt geprägt wurde.

Eigentlich waren wir heute noch nicht am ehemaligen Eisernen Vorhang, aber irgendwo da hinten, auf der anderen Seite der Lübecker Bucht, befindet sich die DDR Mecklenburg-Vorpommern und rückt immer näher.
Als wir wieder auf die Ostseeküste trafen, überraschte sie uns mit einem verblüffend kleinen Hubschrauberlandeplatz aus Gras. Sollte hier wirklich ein Heli landen, dürfte er die Frisuren der Spaziergänger ordentlich durcheinanderwirbeln.

Die Abkürzung hatte sich gelohnt: Für den Rest des Tages konnten wir entspannt eine lange Strandstrecke durchradeln. Neben uns erstreckte sich eine weite Dünenlandschaft, in der einheimische Gewächse wie zum Beispiel der Deutsche Kurtaxe-Automat (visitatoris tributum machina teutonica) ihren natürlichen Lebensraum finden. Die enge Verwandtschaft mit dem Deutschen Parkautomaten (rhaedam machina teutonica), der auch an Stränden, jedoch noch häufiger in Großstädten lebt, ist klar zu erkennen.

Zwischendurch haben wir das Ostseebad Dahme durchquert. Dort geschah etwas Trauriges: Eine der prächtigsten Dünen verwandelt sich in die mickrigste Düne der gesamten deutschen Ostseeküste. Langsam wächst im Deich eine Betonmauer heran.

In Dahme ist von der dünnen Düne kaum mehr als ein zittriges Häuflein Sand übrig, das sich an eine Betonmauer lehnen muss. Aber immerhin ist der Strand schön weit und weiß.

Dahme ist eine Ansammlung unauffälliger Ferienwohnungen und das einzige Ostseebad Schleswig-Holsteins, in dem wir schon mal waren. Daher haben wir nur kurz im Durchfahren gecheckt, ob noch alles da ist:
Die Seebrücke in Dahme ist das Standardmodell, das an so vielen Orten der deutschen Ostsee steht. Der Rest des Ortes ist rotem Stein gepflastert. Darauf stehen diese drehbaren, geschwungenen Holzbänke, die ich zum Beispiel auch in Fehmarn gesehen habe, ziemlich gemütliche Dinger.

Da wir noch ungefähr wussten, wo sich der Supermarkt befindet, haben wir weitere Sachen nachgekauft, die wir beim ersten Nachkaufen vergessen oder nicht gefunden haben. Dieser Supermarkt gehört zu keiner großen Kette wie Lidl, Rewe oder Aldi, trotzdem ist er gar nicht mal so klein und hat alles. Das ist in Deutschland durchaus eine erwähnenswerte Besonderheit.
Er bietet folgendes Getränkesortiment an: Möwenschiet, Ostseewasser und Ostseeschlamm, alles Spirituosen mit äußerst verlockenden Namen. Auch befinden wir uns bereits im Dunstkreis der Hansestadt Lübeck, die jede Menge Marzipan in alle Geschäfte der Region absondert. Bei unserem letzten Einkauf erlebten in diesem Supermarkt echte norddeutsche Bescheidenheit.
"Haben Sie Pizzateig?"
"Naja, wir haben das hier. Ich glaub, das kann man essen."

Hinter Dahme erstrecken sich Kleingartenanlagen mit einem Leuchtturm. Er heißt offiziell Leuchtturm Dahmeshöved, wurde in der DDR aber auch Licht der Freiheit genannt. Wer heimlich über die Mecklenburger Bucht paddeln wollte, orientierte sich an seinem Schein.

Bald darauf konnten wir zurück ans Meer. Es sieht ein wenig wilder aus und wird von Steinen und abgebrochenen Buhnen gesäumt. Strand gibt's erst wieder im nächsten Ostseebad, aber bis dahin ist es nur ein Katzensprung.

Hier bitte nicht mit dem Auto reinfahren. Auch wenn der Weg noch so verlockend aussieht, ist er für eine Autowäsche ungeeignet.

Der nächste Ort heißt Kellenhusen und ist originell gestaltet. Die (Kä)Seebrücke ist nicht das Standardmodell, sondern kreativ und löchrig.

An der Strandpromenade tauchten wir zwischen blauen Wellen und Walen und vielen Menschen hindurch. Die Mühe lohnte sich: Nach langem Suchen und Schieben tauchte ein großartiges Restaurant auf, sogar mit einem freiem Tisch direkt neben dem Strand. Dass wir damit riesiges Glück hatten, wurde uns erst klar, als während unserer Mahlzeit unzählige Gäste leicht geknickt nach drinnen gingen, weil im Außenbereich nichts mehr frei war.

Nach dem Essen verzogen wir uns von der überfüllten Promenade eine Reihe nach hinten. Dort verlief ein wunderbarer Radweg auf dem Deich. Statt wilder Dünen sahen wir diesmal eher gepflegte Parks und Wälder.
(Was ich nicht ganz verstehe ist, wieso in Kellenhusen ein Fußweg und direkt daneben ein gemeinsamer Fuß- und Radweg verläuft. Einen Weg hätte man doch echt ganz den Radlern überlassen können.)

Der Kiesweg war schneeweiß und puderte unsere Reifen schön ein, sodass sie sogar noch am nächsten Tag kreideweiß aussahen und damit perfekt mit unseren von der Bio-Sonnencreme verunstalteten Clownsgesichtern harmonierten.

Vom Wildcampen haben wir im Moment genug. Zwischen Lensterstrand und Grömitz erstreckt sich ein ganzes Campingplatz-Biotop mit Plätzen jeder Art und Preisklasse, doch wir wollten ganz sichergehen und unseren Fehler von gestern nicht wiederholen. Auch, um diesmal vielleicht einen wärmeren Empfang zu erleben. (Spoiler: Das funktionierte.) Deshalb suchten wir schon beim Essen online nach den Campingplätzen und riefen schließlich den ersten an der Strecke an, um zu fragen, ob wir in einer Dreiviertelstunde einchecken könnten. "Gut, ich warte noch so lange.", antwortete der Herr an der Leitung. Auch dort wäre wohl eigentlich Feierabend gewesen.
Dieser Zeltplatz hatte uns mit dem moderaten Preis überzeugt und damit, dass es sich um "den einzigen Campingplatz in Lensterstrand" handelt, der "noch vor dem Deich direkt am FKK-Strand" liegt. Das ist sicherlich praktisch, wenn man sich im Campingplatz-Biotop mit diesem Merkmal wortwörtlich hervorheben kann. Sobald wir den Eingang sahen, rutschten wir einfach einen steilen Pfad am Deich runter und waren am Ziel. Wir erhielten einen Schlüssel für die Waschräume und konnten wieder mal ohne Zeitbegrenzung duschen, noch so ein Luxus, den wir erst jetzt so richtig schätzen. Damit die Gäste es mit dem Duschen nicht übertreiben, müssen sie aber etwa alle 0,3 Sekunden den Knopf für neues Wasser betätigen.
"Ach so, müssen wir Kurtaxe bezahlen für den Strand?", fragte ich noch, als der Herr, der auf uns gewartet hatte, schon gehen wollte.
"Ich sag's mal so: Der einzige, der das hier kontrolliert, bin ich, und ich hab jetzt Feierabend."
Das ist doch mal eine Ansage.

Auch dieser Zeltplatz stand voller Wohnmobile, doch ihre Bewohner gingen offenbar alle früh schlafen. Es war kaum zu fassen, aber wir hatten an diesem traumhaften Abend den Strand komplett für uns. Wir setzten uns auf zwei wacklige Plastikstühle, die daraufhin halb im Sand der Dünen versanken, und beobachteten, wie die Sonne es den Stühlen gleichtat, in den Dünen versank und einem Sternenhimmel Platz machte. Ein kleiner Fluss mündet hier in die Ostsee, und ein Schöpfwerk verhindert, dass die Ostsee bei einer Sturmflut durch das Flussbett ins Land eindringen kann. Im Abendrot erinnerte mich die Silhouette der Betonbögen an eine antike Ruine.

Am nächsten Morgen betrat ich die Rezeption, um zu bezahlen. Der nette Herr bat mich um folgendes: "Und schließt uns in euer Nachtgebet mit ein."
Ich hielt das für einen ungewöhnlichen Abschiedsgruß oder vielleicht auch einen Hinweis auf die Notlage der touristischen Betriebe während der Pandemie. Er nahm den Schlüssel entgegen und verabschiedete sich. Als er nichts mehr sagte, wies ich darauf hin, dass wir noch nicht bezahlt hatten.
"Ich sagte ja: Schließt uns in euer Nachtgebet mit ein."
Er wollte... was? Uns den Preis erlassen? Ich war erstmal zu verblüfft, um mich angemessen dankbar zu zeigen, gab ein irritiertes "Okay" von mir und stolperte hinaus. Zum Glück begegneten wir ihm später nochmal. Den ganzen nächsten Tag rätselten wir, was ihn zu diesem besonderen Radlerrabatt von genau 100% bewegt haben könnte. Mochte er Tourenradler einfach und traf nur selten welche zwischen all den Wohnmobilen? Oder war er fest entschlossen, all die gemeinen Dinge zu widerlegen, die ich hier über Deutschland geschrieben habe?
Welch seltsame, aber ganz großartige Übernachtung.

Montag, 6. September 2021

Von Schönberg nach Neuteschendorf

Impf-Countdown: Noch 8 Tage

So, nach dem Trödeltag gestern sausen wir jetzt einen Tag richtig durch, damit wir vorankommen!
So lautete der Plan.
Tja.
Was geschah, war folgendes: Wir wollten einen kürzeren Weg aus dem Wald nehmen, verfuhren uns total, landeten in Schönberg und waren erst am späten Vormittag wieder oben am Strand, also dort, wo wir gestern Abend abgebogen waren. Na gut, lief nicht ganz so wie erwartet, aber jetzt können wir richtig schön am Meer durchziehen!
Dann fielen mir die Eier aus der Fahrradtasche.
Wir wollten heute Bratkartoffeln mit Eiern machen. Noch war nicht alles verloren: Erstens waren die Eier nur einmal in der Mitte zerbrochen, der Inhalt war größtenteils noch drin. Transportieren ließen sich die Dinger nicht mehr, aber wir konnten sie jetzt sofort verbraten. Zweitens war eigentlich schon fast Mittagszeit. Drittens: Dieser steinige Strand präsentierte sich als menschenleere, paradiesische Stelle für eine Mittagspause.
So kam es, dass wir ebenso spät wie gestern losfuhren, aber immerhin schon ungewöhnlich früh unsere Hauptmahlzeit im Magen hatten. Hoffentlich geben uns die Kartoffeln ordentlich Energie!

Nun waren wir satt, aber gleichzeitig durstig. Das Kochen hatte viel Wasser verbraucht, und ausgerechnet hier fanden wir keine Möglichkeit, es nachzufüllen. Ein halber Liter für jeden von uns blieb noch, aber da wir nicht wussten, wo der nächste Wasserhahn auf uns wartete, benutzten wir den lieber sparsam. Je höher die Sonne stieg und uns aufheizte, desto schwerer fiel uns das.
Bald darauf war der brasilianisch-kalifornische Strandradweg zu Ende, wir wurden wieder ins Binnenland geschickt. An dieser Biegung stand irgendein gläsernes Museum oder Infozentrum oder Hotel oder was auch immer, leider verschlossen. Dahinter zwei Dixiklos, aber die sind ja nicht direkt für ihr frisches Trinkwasser bekannt.

Durstig durchquerten wir ein Dorf nach dem anderen, bis die Rettung nahte - zu unserer Überraschung jedoch nicht in Form von Wasser, sondern Milch. An einer Milchtankstelle kramten wir zwei Euro zusammen, warfen die Münzen in den brummenden Automaten und stellten eine Flasche unter ein dünnes Röhrchen. Auf Knopfdruck schoss ein weißer Strahl aus dem Milchautomaten zielstrebig in die Flasche. Nur wenige Spritzer gingen daneben, bis ich sie perfekt positioniert hatte. Aah, wie kalt die Milch ist! Der Automat hatte sie auf die ideale Temperatur gekühlt. Gierig ignorierten wir die Warnung, die der Milchautomat verkündete. Rohmilch vor dem Verzehr abkochen? Nö, dazu sind wir zu durstig! Wahrscheinlich habe ich nicht mehr so viel Milch am Stück getrunken, seit ich feste Nahrung zu mir nehmen kann.
Der Automat nebenan verkaufte Kakaotütchen, die waren uns aber ein bisschen zu überteuert.
(Unverträglichkeitshinweis: Wer unter starker Laktoseintoleranz leidet, sollte diesen Abschnitt des Ostseeküstenradwegs aus Sicherheitsgründen nicht fahren.)


Ein langer See erstreckte sich direkt neben der Ostsee, abgetrennt durch zwei Deiche, dazwischen verläuft die Straße. Als wir den Binnensee am Horizont erblickten, wussten wir, dass wir gleich wieder auf das Meer stoßen werden.

Diese Seestraße brachte uns ins Seebad Hohwacht. Das scheint in erster Linie ein beliebter Ort für Rentner-Spaziergänge zu sein. Trotzdem hat mir Hohwacht super gefallen, die betreffenden Rentner haben halt Geschmack.
Wir erreichen jetzt die Ostseeküste der fancy Seebrücken. Die Brücke in Hohwacht nennt sich Die Flunder, denn die hölzernen Stege haben ganz entfernt die Form eines Fischs, der aussieht, als hätte man ihn ein paarmal mit dem Schnitzelklopfer breitgeklopft.
Das typische Dekorationselement in Hohwacht sind blaue Stangen mit goldenen Kugeln obendrauf, eine dieser Kugeln erhebt sich auch über der Seebrücke. Ich weiß nicht, welcher Körperteil der Flunder das sein soll. Eventuell stellt es auch ein Segel oder die Sonne dar.

Hohwacht hatte nicht nur eine Strandtoilette, die uns mit frischem Wasser versorgte, sondern auch ein Café mit besonders gutgelaunten Kellnern. Drei Rentnerinnen saßen in der Ecke, redeten über so gut wie alles und gaben zwischendurch Feedback: Die Tasse sei zu klein, weshalb der Kaffee überschwappt. "Das habe ich meinem Chef auch schon gesagt, aber der ist zu geizig, um neue zu kaufen.", lautete die verblüffend ehrliche Antwort. Der weitere Dialog ließ den Verdacht aufkommen, dass besagter Chef unter seinen Mitarbeitern nicht so richtig viel Respekt genoss.

Eine extrabreite, extraflache Treppe verbindet die oberen Hotels mit den unteren Strandcafés. (Selbst die Infrastruktur ist für spazierengehende Rentner ausgelegt. Fehlt nur noch der Treppenlift.) Dazwischen ragt eine Steilküste auf. Sie besteht aus normaler dunkelbrauner Erde, in der Laubbäume wachsen. Doch für Radfahrer ist diese Steilküste eine kleine Besonderheit.

Für gewöhnlich treten Steilküsten auf dem Ostseeradweg eher unvermittelt auf. Nur in flachen Gebieten dürfen wir Radler direkt ans Meer, aber sobald es hügelig wird, entfernen wir uns im Bogen von der Küste, bis wir plötzlich, zack, auf den steilen Abgrund stoßen.
Doch in Hohwacht konnten wir zum ersten Mal auf zwei Rädern erleben und spüren, wie eine Steilküste immer weiter heranwächst. Durch die Bäume sahen wir gut, dass es nebenan immer tiefer abwärts ging. Gleichzeitig fühlten wir in den Füßen, wie der Weg immer steiler aufwärts führte. Dafür nehme ich eine Steigung doch gern in Kauf (zumal es insgesamt gar nicht mal so steil war).

Diese Route ist zwar nicht der offizielle Ostseeradweg, denn der geht hintenrum durchs Ortszentrum, vermutlich, damit der tolle Weg nicht verstopft. Radfahren ist hier aber trotzdem erlaubt, und in der Nebensaison ist diese Route gar nicht voll und bedenkenlos zu empfehlen!
Am höchsten Punkt bietet eine Aussichtsplattform einen Blick auf - noch mehr steile Ufer. Auch diese Plattform ist wieder mit der mysteriösen goldenen Kugel ausgestattet. Das am Horizont ist die Sehlendorfer Steilküste, die mit 17 Metern noch ein gutes Stück höher ist und ganz anders aussieht, ein bisschen wie im Western - braun, weitgehend unbewachsen und für Radfahrer nicht zugänglich.

Anschließend brachte uns der Kiesweg in eckigen Serpentinen wieder abwärts, was sogar noch mehr Spaß machte als bergauf.

Zwischen den beiden Steilküsten durchquerten wir eine flache Zone mit Kuhweiden und einem Naturschutzgebiet.
Mehrere Viehsperren, eine lange Holzbrücke und ein paar hübsche flache Seen inmitten von Schilf machen den Weg etwas abenteuerlich. So richtig schnell kamen wir da auch nicht voran, dafür konnten wir die Aussicht besser genießen.

Der Rest der Etappe eignet sich eher, um schnell durchzufahren, ohne sich viel umzuschauen. Vor der Sehlendorfer Steilküste verließen wir das Meer und verbachten den Rest des Tages auf straßenbegleitenden Radwegen. Das Interessanteste, an dem wir noch vorbeikamen, waren die mittelschönen Bauklötze im Ferienresort Weißenhäuser Strand und eine Betonpanzerpiste hinterm Zaun in einem militärischen Sperrgebiet. Diese Sperrzone war zum Teil auch der Grund, warum wir nicht mehr ans Meer durften.

Im Abendlicht überquerten wir zweimal die A1 und radelten vorbei an den reetgedeckten Häusern des Burgwall-Museums. Der Burgwall gehört zur Oldenburg von Oldenburg, aber die Oldenburg befindet sich laut Stadtplan ganz woanders in Oldenburg, also enthält das Burgwall-Museum gar nicht den Burgwall. Oder so. Ich verstehe Oldenburg nicht ganz.
Zuerst hat ein slawischer Fürst hier eine Burg hingebaut, und später der Graf Adolf von Schauenburg, aber beide wurden bis auf den Wall komplett zerstört. Scheint kein günstiger Standort zu sein.
Oldenburg in Holstein ist wesentlich kleiner als das niedersächsische Oldenburg. In dieser Region werden gern Städteamen aus anderen Teilen Deutschlands abgeschrieben und mit dem Zusatz in Holstein versehen, um Verwechslungen sowie urheberrechtliche Klagen zu vermeiden.

Rund um Oldenburg gab es keinen geeigneten Schlafplatz, also blieb uns nichts anderes übrig, als in die Dämmerung hineinzufahren. Jetzt kommt noch Kröß, dann ein paar Hügel, dann noch Wandelwitz, wieder Hügel, dann kommt Neuteschendorf und dahinter ist der nächste Campingplatz! Wenn mir derartige Gedanken immer wieder durch den Kopf kreisen, ist das ein klares Zeichen, dass die Kraft und Motivation nachlässt.
Wir erreichten den Campingplatz Blank Eck um halb acht, also eigentlich gar nicht so spät. Eine heruntergelassene Schranke begrüßte uns, daneben das dunkle Fenster der Rezeption, die schon seit 18 Uhr verschlossen war. Unangemeldete Spätanreiser werden nicht geduldet - oh Mann, an so was hatte ich gar nicht gedacht. In Dänemark hätte man sich hier einfach hinstellen können (außer auf dem Schickimicki-Platz in Assens, da hatte die Rezeption aber auch bis 21 Uhr geöffnet). Sämtliche Wälder und potentielle Wildcamping-Spots in der Nähe gehörten entweder zum Gelände des Campingplatzes oder zum militärischen Sperrgebiet gleich nebenan. Ich wählte die Notfall-Nummer an der Rezeption, auch wenn der Hinweis bezüglich der Spätanreisenden kaum Erfolg versprach. Eine Frau meldete sich mit ihrem Namen.
"Bin ich hier richtig beim Campingplatz?", fragte ich verunsichert.
Stille.
"Der Campingplatz ist geschlossen.", lautete die mürrische Antwort. Oh Mist, war sie etwa schon im Bett? Da würde ich vermutlich auch so genervt klingen.
Ich versuchte es trotzdem noch einmal: "Wir wollten übernachten, wenn es noch geht."
"Einen Augenblick, ich komme runter."
Auch das gehört zu Deutschland: Unpraktische Regeln aufstellen, am Ende aber trotzdem, wenn auch etwas unwillig, ein Auge zudrücken.

"Sie können auf Platz 254 schlafen oder an der Steilküste.", erklärte sie uns bald darauf in der Rezeption. Noch eine Steilküste? Immer her damit!
Die Wiese mit dem Namen Steilküste I war bereits vollständig besetzt. Wir stellten uns also ein Stück weiter hinten auf die Steilküste II, was auch super war. Neben uns standen nicht nur Wohnmobile, sondern auch ein anderes Paar im Zelt (mit Auto) und ein paar Ferienhütten. Eine davon war nicht besetzt, also konnten wir deren Terrasse benutzen. Dort bot sich uns eine wunderbare Aussicht über ein Meer von Wohnmobilen, in dem die Sonne unterging.

Nur wenige Meter entfernt lag die Steilküste I. Hier hatten sich dicht an dicht Wohnmobile direkt an die Abbruchkante gestellt. Wer hätte gedacht, dass sich hinter der abweisenden Schranke solch ein phantastischer Schlafplatz verbirgt? So haben wir heute sogar noch eine nackte, braune Steilküste aus der Nähe gesehen. Ein Pfad brachte uns zielstrebig hinunter zum steinigen Strand, doch der Strandspaziergang endet nach wenigen Metern an einem Zaun. Die Militär-Sperrzone grenzt direkt an den Zeltplatz. Das ist irgendwie seltsam. Andererseits hat der Platz dadurch eine gewisse Monopolstellung: Wer diese Steilküste sehen will, muss auf diesem Platz übernachten, ringsherum ist alles unzugänglich.