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Mittwoch, 1. Juli 2026

Ålternative: Von Meripirrti nach Mossala

Die folgende Strecke ist eine inoffizielle Abkürzung oder Variante zum Ostseeradweg über die Turku-Schären und Åland-Inseln. Es handelt sich nicht um eine ausgewiesene Radroute, die Betreiber der Seite touren-wegweiser.de haben sie zusammengepuzzelt aus mehreren regionalen finnischen Radrouten, die nicht besonders gut beschildert sind. Das macht aber nichts, meistens ist die Strecke leicht zu finden - mit wenigen Ausnahmen. Auf einem Abschnitt musste ich sogar herausfinden, dass die Route gar nicht mehr fahrbar ist, dazu an entsprechender Stelle mehr.

Die Seite spricht von den Turku-Schären, um Verwechslungen zu vermeiden. In Skandinavien heißt das Gebiet aber traditionell einfach nur Saaristomeri/Skärgårdshavet/Schärenmeer, obwohl es ja nun jede Menge andere Schärenmeere gibt, eigentlich ist die komplette finnische Küste eins. Das deutet darauf hin, dass etwas an diesen Schären einzigartig ist. Nämlich: Es sind viele. Richtig viele. Das größte Archipel der Welt - und da sind die Åland-Inseln noch nicht mal einberechnet. Obwohl es aus meiner Sicht durchaus Sinn ergäbe, beide Inselgruppen (geographisch, nicht politisch) als Einheit zu sehen. Gemeinsam blockieren sie wie ein zerbröselter Haken an der südwestlichen Ecke Finnlands die Einfahrt in den Bottnischen Meerbusen.

Die ersten Turku-Schären

Schäre Nr. 1: Raumakari
Schäre Nr. 2: Luonnonmaa
Schäre Nr. 3: Särkka
 

sind noch auf der Hauptroute des Ostseeradwegs mit dabei. Die Ålternative zweigt erst auf

Schäre Nr. 4: Otava 

nach Süden ab. Otava ist eine der größeren Inseln, die Hauptstraße schlängelt sich lange um schlichte, gerade Felswände. Die Straßen verlaufen fast immer in der Inselmitte, die Ostsee war also nur zu sehen, wenn ich von Insel zu Insel wechselte oder wenn eine stille Bucht in die Insel reinragte. Es war noch relativ hügelig, auch wenn das Festland stärkere Anstiege hatte.

In der Inselhauptstadt Rymättylä stand der erste von vielen Sale-Supermärkten, in dem ich mich mit frischem Futter eindeckte, denn wer weiß, wie die Versorgungssituation nachher wird (so schlimm wurde sie nicht). Ansonsten blieb der Ort eher unauffällig und versteckt.

Während ein kleiner Junge angelte, brachte mich ein niedriger Damm in die Wälder der

Schäre Nr. 5: Nimetön 

und eine viel höhere Brücke dann gleich auf

Schäre Nr. 6: Airismaa 

Die Insellandschaft versteckte sich noch im Dunst, aber die Sonne arbeitete schon hart daran, durch die Wolkendecke durchzubrechen.

Airismaa ist wieder etwas offener und hat schräge Felswände mit bunten Moosen.

Jetzt hatte ich mich weit genug von der Großstadt entfernt, dass Brücken keine Selbstverständlichkeit mehr waren.

Schäre Nr. 7: Aaslaluoto

ist nur per Schiff zu erreichen. Die kleine gelbe Fähre sieht aus wie etwas, das in Deutschland die Weser überquert: Alle Fahrzeuge rauf auf die Fahrspuren, Klappe hoch und rüber, wenige Minuten später ist es erledigt. Oben im Turm über den Fahrgästen sitzt ein Fährmann, der nie runterkommen muss, denn die kurzen gelben Fähren sind im Schärenmeer für alle kostenlos.
Der Motor brummte die ganze Zeit vor sich hin, es handelt sich also nicht um eine dieser Gierseilfähren, die die Strömung ausnutzen. Kein Wunder, es gibt hier ja gar keine eindeutige Strömung in eine bestimmte Richtung. Aber an einem Stahlseil hängen diese Fähren trotzdem. Das verraten nicht zuletzt die riesigen gelben Schilder am Ufer, die alle anderen Boote vor dem KABEL warnen.

Am Straßenrand stand ein Weigweiser mit der Aufschrift The Archipelago live. Was soll das denn sein? Ich war gut in der Zeit und beschloss, mir auf der Insel Aaslaluoto etwas mehr Zeit zu nehmen.
Das Schild führte in eine private Einfahrt, wo an einem Steg ein silbriges, achteckiges Häuschen im Wasser schaukelte. Anscheinend kann man da drin mit Inselpanorama übernachten, denn von innen ist das Ding weitgehend durchsichtig.

Auf Aaslaluoto wird etwas mehr Landwirtschaft betrieben, braune Kühe glotzten mich träge an und widmeten sich dann ihrem Festmahl an Gräsern und Blumen, die um sie herum in die Höhe geschossen waren, gut gegossen vom Regen der letzten Tage.

Nach dem Bauernhof folgte eine absolut traumhafte Strecke, auf der die Felsen von einem violetten Gras bewachsen waren, das an Heide erinnerte. Meine Lieblingsinsel bisher steht fest.

Dann will ich sie mir auch mal von oben ansehen. Ich ließ das Rad stehen und stieg auf felsigen und hölzernen Stufen einen Berg rauf. (Übrigens ist nichts davon Naturschutzgebiet, einen Nationalpark gibt es erst auf den noch kleineren Inseln weit im Süden, wo ich gar nicht langgekommen bin.)

Auf der Felsplatte oben wartete wie versprochen ein Turm namens Lottien ilmavalvontatorni. Dieser Turm besteht aus einer einfachen Holzhütte mit Tisch und Pritsche, darüber eine Aussichtsplattform mit Leitertreppe. Obwohl sie aus demselben Holz geschnitzt sind, scheinen beide Teile nicht so ganz zusammenzupassen. Das Teil ist aber kein reiner Aussichtsturm mit Schutzhütte, es heißt Großer Bär und ist auch ein Stück Geschichte.
Der Turm gehörte dem Lotta Svärd yhdistys. Dieser Verein patriotischer Frauen von 1921 war im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Teil der Heimatfront, damals gab es 80 000 "Lottas". Während die schwedischen Lottas laut Astrid Lindgren hauptsächlich Krach machen können, dienten die finnischen als Feldkrankenschwestern, betreuten Evakuierte und die Familien von Reservisten. Und sie übernahmen eben auf solchen Türmen die Luftüberwachung, nachdem sie einen Kurs in Radiotelegraphie gemacht hatten. Unten in der Hütte saß eine Lotta und wärmte sich eine Stunde lang auf, bis sie wieder mit der Lotta oben tauschen musste.

Die obere Lotta fror in der Kälte und beobachtete das Schärenmeer. Im Winter konnte sie einen Pelzmantel anziehen, den die Amerikaner gespendet hatten. (Ich vermute mal, bevor sich Finnland mit dem Dritten Reich verbündet hatte.)
Es verlief zwar keine Front an dieser Stelle, aber die Schiffsroute nach Turku war wichtig zur Versorgung. Überraschenderweise war vom Meer gar nicht so viel zu sehen. Hinter dem felsigen Gipfel kam noch jede Menge Wald, bis irgendwann das Meer ins Blickfeld geriet. Aaslaluoto ist größer als gedacht.

Gut, andererseits war die Insel kurz darauf zu Ende. An einer Wendeschleife mit zwei Dixiklos und einem Imbisswagen führt die Straße ins Wasser. Ist dies das Ende der Welt, oder zumindest vom radelbaren Teil des Schärenmeeres? Von wegen, jetzt geht die Schärenlandschaft erst richtig los.
Dieses Inselhopping ist anders als in Dänemark oder Estland. Über die Brücken und kurzen Fähren habe ich dermaßen viele Inseln überquert, dass ich mir die selber nicht alle merken konnte und jetzt beim Schreiben nachschauen muss. Aber dazwischen kam es immer wieder vor, dass eine dieser eng verbundenen Inselketten zu Ende war und ich eine größere Fähre nehmen musste. Die fahren nur ein paarmal am Tag, also sollte man am Vortag am besten schon einen oder zwei Blicke auf den Fahrplan geworfen haben. Das war mir bei der Fähre in Hanka sehr gut gelungen, denn ich erwischte gleich die erste 10:20-Fähre. Was heißt "erwischte"? Ich musste immer noch fast ne Stunde warten! Für kalte oder sehr heiße Tage steht unten am Anleger (nicht im Bild) auch ein Holzhäuschen mit skandinavischen Krimis, das architektonisch etwas an den Lottaturm erinnert, daneben eine Fahrradreparaturstation.

Endlich war es Zeit, jetzt sollte das Schiff bald... naja, nicht abfahren, aber zumindest mal ankommen. Und da war es auch schon.
Es war nicht ganz das, was ich erwartet hatte. Das sieht ja aus, als wäre eins der Museumsschiffe aus Turku abgehauen! Wo sollen da bitte Autos und Fahrräder reinfahren?
Dann drehte sich der schwarzweiße Kahn in einer doch erstaunlich schnellen Pirouette, und hinten befand sich tatsächlich eine flache Rampe.
Die Passagiere fuhren runter, doch als ich gerade zwischen die kühlen und schattigen Stahlwände fahren wollte, wurde die Rampe mit einem Seil versperrt. Erst einmal trat das Personal seine wohlverdiente Pause an. Ich öffnete wieder mein Buch. Etwa 20 Minuten später kam eine Frau aus der Fähre, machte aber immer noch keine Anstalten, die Fähre zu öffnen. Erst einmal kassierte sie bei allen Herumstehenden den Preis ab, eine Vorgehensweise, die mir neu war und wahrscheinlich nur bei einem Fahrplan mit derart großen Lücken möglich ist.
(Allerdings ist dieser Fahrplan immer noch okay im Vergleich zu den Fähren, die mit vielen Zwischenstopps die wirklich kleinen Inseln mit einer Handvoll Einwohner außerhalb der Hauptrouten ansteuern. Zum Glück musste ich auf die während meiner Tour nicht zurückgreifen. Die fahren dermaßen selten und kompliziert, bei jeder Fahrt mit einer anderen Kombination von Zwischenhalten - wie soll man auf diesen Inseln ohne ein privates Boot überleben?)

An Bord befand sich ein kleiner Imbiss und ein zum Teil sehr schmales Außendeck. Aber die Sonne brannte schon so stark, dass ich die Gelegenheit nutzte, mich drinnen bei einem Eis runterzukühlen und das Handy aufzuladen. Draußen war ich heute ohnehin genug.

Auf Seili macht die Fähre einen Zwischenstopp, und ein paar Radler stiegen aus für eine Runde um die kleine Insel. Eine Stunde dauerte die Fahrt durch das Meer, und mehr Inseln, als ich zählen wollte, zogen vorbei. Manche waren reine Felskuppen, die allein dem Zweck dienten, den Buchstaben A zu halten. Die meisten (so auch Seili) waren aber bewaldet und von der Größe her eher irgendwo zwischen den großen und den ganz kleinen Inseln der bisherigen Strecke, eher so wie die Göteborger Schären. Das Wasser war ein blaues Tuch mit minimalen Wellen.

Im Schnitt ist das Schärenmeer 54 Meter tief, und das Seegras da unten kann mehr CO2 speichern als ein Wald auf derselben Fläche. Die Arten da drin leiden aber unter den landwirtschaftlichen Abwässern. Gerade die Vögel, die am Boden nisten, fallen oft auch eingewanderten Raubtieren wie Waschbären zum Opfer. Der Ostseeradweg nähert sich allmählich der totesten Zone der Ostsee, das Schärenmeer ist vielleicht der letzte Ort mit richtiger Biodiversität, auch wenn sie abnimmt.

Erholt und entspannt betrat ich

Schäre Nr. 7: Storlandet ("Großland")

Ach, guck an, sogar die vordere Spitze vom Schiff kann aufklappen. Genau genommen wird die hintere Rampe sogar ausschließlich im Hafen von Hanka genutzt, warum auch immer. Ich glaube, ich habe vorschnell über das Schiff geurteilt.

Im Hafen von Nagu/Nauvo kam sofort Urlaubsstimmung auf. Das umgeschlagene Wetter trug natürlich dazu bei, aber vor allem die viel, viel größeren Menschenmengen und die Tatsache, dass ich offensichtlich in einem Strandbadeort war. Rote Häuser verkauften jede Menge Strandkrams, aber keine Sonnencreme, dafür musste ich ernsthaft in den Supermarkt weiter hinten. Der warb intensiv mit seinen Gaskartuschen ("für den Grill, Wohnwagen, das Boot, das Ferienhaus..."), davon hatte ich aber noch genug.
Sehr dankbar nahm ich das Angebot eines Automaten an, der mir auf Knopfdruck eine kostenlose Karte der Turku-Schären ausspuckte.

Badestrände sind auf den Inseln gar nicht mal so häufig, und das hier ist so ziemlich der badestrandigste Badestrand, den man finden wird. Schattige Bäume, Bänke und ein Kinderspielplatz sind inkludiert. Der Sandstreifen ist zwar gar nicht mal so lang und grenzt direkt an die Stege mit den Segelbooten, das Wasser und der Sand sind aber fast perfekt. Was mich in einen Konflikt versetzte, denn ich wollte da einerseits dringend reinspringen, andererseits aber gern die nächste Fähre schaffen. Die Wahl fiel vernünftigerweise auf ersteres.

Wo kommen all diese Menschen her? Jedenfalls nicht von der Fähre aus Hanka. Ich befand mich nun auf dem Saariston Rengastie/Skärgårdens Ringväg. Dieser Rundweg durch das Schärenmeer wurde in den 90ern für alle Verkehrsteilnehmer eingerichtet, um den Tourismus anzukurbeln. Er startet und endet in Turku, aber die Stelle, an der man das Festland verlässt, liegt ein ordentliches Stück südöstlich von Turku. Wer also als Ostseeradler komplett auf den Saariston Rengastie ausweicht, schneidet sich damit die Stadt Turku ab. Es handelt sich eher um eine Route für Urlauber und Wochenendradler aus der Stadt, und von denen bin ich auch einigen begegnet. ("Ich wohne jetzt schon Jahre in Turku und bin die Strecke noch nie gefahren, jetzt war es endlich mal Zeit.")

Storlandet ist tatsächlich groß genug, dass die Radfahrer ausnahmsweise ihren eigenen Weg abseits der Autoroute bekommen. Den festen Erdweg musste ich nur mit wenigen Traktoren und Lieferwagen der Bauernhöfe teilen. Felsen sind immer noch da, aber: Das Tal selbst ist total flach, die finnischen Hügel sind fast weg.

Fast. Es sei denn, man will unbedingt auf einen der verbliebenen Hügel raufwandern. Das größte Hindernis ist in dem Fall aber nicht die Schwerkraft, sondern die Bauern, denn die haben entschieden, ihre Heuballen genau vor dem Eingang zum Wanderweg aufzustapeln.
Dort oben hat die Kartenapp ein Labyrinth namens Jungfrauentanz eingezeichnet. Mal sehen, was es damit auf sich hat.

Nun, verirren wird sich in diesem Labyrinth niemand, es wie hypnotisiert anstarren schon eher.
Auf die Felsplatte hat jemand Feldsteine in gewundenen Spiralen hingelegt. Die liegen einfach auf dem Boden, im Prinzip könnte die jeder entfernen, aber das traut sich niemand, und ich kann auch verstehen warum. Angespülte Tannennadeln folgen den Steinlinien und deuten an, wie alt das Ganze ist. So alt, dass niemand weiß, warum der Jungfrauentanz hier überhaupt liegt.
Theorie 1: Die Fischer haben die Steine abends nach der Arbeit hingelegt, um die Zeit totzuschlagen. Etwas einfallslos für so ein mystisches Muster, oder?
Theorie 2: Die Verlobten der Fischer kamen hier hoch, um zu schauen, ob ihr Liebster schon auf dem Heimweg angesegelt kam. Dabei platzierten sie die Steine und tanzten darin. Ich wünschte, ich könnte noch immer auf meinen Gunnar warten. Manchmal träume ich, wie er über die sieben Weltmeere und das Kap Hoorn segelt, während ich am Jungfrauentanz auf ihn warte. Oh nein, geht es der Verfasserin der Informationstafel gut? Vielleicht sollte mal jemand nach ihr schauen.

Ich hätte die frühere Fähre vielleicht sogar trotz dieser Abstecher geschafft, wäre ich dann nicht auf den völlig falschen Weg abgebogen. Das wurde mir erst viele Kilometer später klar, als jeder einzelne Weg an einem Privatgrundstück endete. Rund um die Sackgasse lagen Sümpfe und eine Bucht. Viele Häuser haben kleine rote Modellwindmühlen, und an eine rote Wand war eine Unmenge von Geweihen genagelt.

Zurück auf der Straße folgte die nächste kostenlose Kabelfähre, diesmal keine gelbe, sondern eine irregulärerweiße.
Noch etwas hat sich verändert: Die Straße hat mehr Fahrspuren, Ampeln und ein Display, das nicht nur die Abfahrtszeiten hier anzeigt, sondern vor allem auch die nächste Abfahrt der nachfolgenden großen Fähre. Die Fähre von Hanka ist eindeutig der Außenseiter gewesen, sie hatte auch einen anderen Betreiber und eine andere Website. Bei den Fähren von Finnferries auf dem Saariston Rengastie ist alles etwas moderner, was aber nicht heißt, dass sie so viel öfter abfahren.

Schäre Nr. 8: Kyrklandet ("Kirchenland")

sah mir mehr nach einem Werftlandet aus. Am Hafen empfing ein Marin Service die Besucher, vor den großen Hallen wurden hölzerne Segelboote repariert. Ansonsten wurde es noch platter, die Felswände am Waldrand flachten ab und wurden wieder violett. Die Inselhauptstadt Korpo mit der mutmaßlich namensgebenden Kirche lag nicht an der Route.

Am nächsten Hafen hieß es wieder Warten in der prallen Sonne. Ich floh in den schattigen Shop, ohne etwas zu kaufen, und handelte mir dafür skeptische Blicke ein.
Hier fahren Fähren in verschiedene Richtungen ab, und der unkundige Reisende muss aufpassen. Die Schärenfähren geben als Fahrtziel meistens den Namen der Insel an, manchmal aber auch den Namen des kleinen Dörfchens direkt am Fähranleger oder den Namen der nächstgrößeren Stadt. Also am besten gleich alle drei Namen einprägen, wobei manchmal auch zwei davon identisch sein können.
Die Fähre selbst sah der letzten Kabelfähre erstaunlich ähnlich. Das Café oben auf der Brücke bot bei Weitem nicht genug Sitzplätze für alle, und so blieben die Leute in ihren Autos sitzen. Wer keins hatte, drängte sich auf den Balkons und Treppen zusammen, möglichst auf der Schattenseite. Die Fahrt dauert eine nicht übermäßig komfortable halbe Stunde. Laut einem Schild am Hafen ist die Fähre Teil der Pilgerroute von Turku nach Trondheim, was vielleicht einiges erklärt.
Dafür wurde ich aber auch nicht abkassiert, entweder ist das Ding kostenlos oder sie haben es vergessen.
Die Inseln sind in diesem Bereich etwas länger, und immer wieder ragen Seezeichen aus den Wäldern, die aus irgendeinem Grund die österreichische Flagge zeigen. Bin ich wirklich ins richtige Boot gestiegen?

Die Orientierung ist jetzt denkbar einfach. Die meisten Inseln haben alle nur eine schmale Hauptstraße, auf der immer genau dann viel Verkehr ist, wenn gerade eine der großen Fähren an der Inselkette angelegt hat. Nicht die Fähre, mit der ich gekommen bin, da haben mich ja eh alle gleich beim Fähranleger überholt, zumal die Radfahrer meistens eh als letzte rauf- und runterfahren sollen. Falls doch mal eine Kreuzung kommt, einfach dem blauen Wegweiser für Kraftfahrzeuge in Richtung der nächsten großen Fähre folgen, fertig.

Schäre Nr. 9: Härlot

ist landschaftlich vielleicht die normalste Schäre und die einzige, bei der ich glaubte, durch Mecklenburg-Vorpommern zu radeln. Seen sprenkeln die Insel, die spärlichen Felsen verzogen sich in ihre Nähe, ich umrundete sie großräumig über die Äcker. Die Insel hat einen Ruderklub, der um Mitglieder wirbt.

An der nächsten gelben Kabelfähre fiel mir ein gelber Briefkasten auf. Darin befindet sich ein roter Knopf, mit dem man die Fähre rufen kann, und eine Telefonnummer, falls der Knopf kaputt ist. Diese Kommunikationstechnologie ist aber recht verstaubt, was kein Wunder ist, selbst bei geringerem Andrang pendelt die Fähre ständig hin und her und zögert nicht, auch für ein einzelnes Fahrzeug wieder zurückzukehren.

Auf

Schäre Nr. 10: Kivimo/Lömsö

konnte ich endlich mal wieder an der Ostseeküste langfahren. Die Insel wird so schmal, dass die Straße lange in Sichtweite des Meeres verläuft. Anfangs so nah dran, dass ich die zusammengezimmerten Hütten und Badeplätze im Waldstreifen sehen konnte, später mit etwas mehr Abstand über die Wiesen hinweg.

Schäre Nr. 11: Björkö/Jäutmo

Moment, noch eine Insel, wo kommt die denn jetzt her? Anscheinend werden die beiden Stücke vor und nach der schmalen Stelle als zwei unterschiedliche Inseln gezählt. Laut Google Maps befindet sich zwischen beiden der extrem schmale Kare sund, laut mapy.cz haben sie dagegen eine Landverbindung. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dort nochmal über Wasser gefahren zu sein. Noch verwirrender wird es dadurch, dass beide Inseln auf beiden Kartendiensten auch unterschiedliche Namen haben.

Flohmärkte heißen hierzulande Loppistuppen und sind ein beliebter Zeitvertreib und Nebenerwerb. Auch auf der Insel Jäutmo gibt es einen, aber eben auf die Schärenart: Ein Schuppen, gefüllt mit Regalen voller Bücher und Krimskrams, sogar von der Decke hängt das Zeug. Wer etwas kaufen will, sollte sorgsam in die Mappe eintragen, was er nimmt und ob er per Mobilepay gezahlt hat. Die Sachen gehören nämlich unterschiedlichen Verkäufern und sind deshalb mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet. Da ist es natürlich wichtig, dass auch das richtige Geld bei der richtigen Person landet.

An der letzten Kabelfähre des Tages stand ich allein, und zum ersten Mal heute befand sie sich auf der anderen Seite. Tja, es kann ja nicht immer klappen. Mal sehen, da steht was von Pausenzeiten, ach Mist, anscheinend hat gerade so eine Zeit begonnen.
Trotzdem kam die Fähre kurz darauf rübergefahren. Der anonyme, kaum erkennbare Fährmann oben im Turm hatte sich meiner erbarmt. Vielleicht, weil er ahnte, dass ich sowieso der letzte Fahrgast für heute sein würde, oder zumindest für die nächsten Stunden.

Schäre Nr. 12: Mossala

klingt irgendwie griechisch, besteht aber aus einer engen Laubwaldstraße mit ollen roten und grauen Scheunen. Damit hat sie mich erst einmal nicht umgehauen. Ein vorschnelles Urteil.

Bald darauf stand ich am nördlichen Ende von Mossala am Campingplatz und hatte jede Menge Zeit. In einem Verkaufsstand (diesmal mit offener Tür, sehr ungewöhnlich) erwarb ich einen Schoko-Espresso-Kuchen und kochte mir am Tisch daneben etwas zu essen. Dann wartete ich auf die nächste Fähre.
Sie kam. Aber etwas kam mir gleich seltsam vor. Die Seemänner und -frauen wollten sie mit einem Seil festmachen, aber das hatte sich irgendwo an der Außenseite der Bordwand verheddert. Sie hatten ihre Mühe, es mit einer großen Stange zu befreien. Ich nahm Augenkontakt auf und versuchte zu erfragen, ob ich schon rauffahren dürfte. Die Antwort war ein universell verständliches Nein in Form einer ausgestreckten Hand. Dann begannen sie das Deck mit frischem Wasser zu wischen, denn im Gegensatz zu mir standen sie nicht auf dem Schlauch.
Hä? Ich überprüfte den Fahrplan am Handy und entdeckte ein klitzekleines Sternchen an der 18:45-Fähre, das mir bisher entgangen war. Die Fußnote besagte: Only in July.
Der Juli begann morgen.
Das ist das Paradoxe am Schärenhopping: Die Fahrpläne bringen entweder Tempo oder völlige Gelassenheit. Und die größte Gelassenheit besteht darin, wenn man an diesem Tag definitiv nicht mehr weiterkommt, und auch morgen erst gegen 9 Uhr. Dann werde ich jetzt in diesem Campingplatz einchecken und den Abend auf Mossala genießen.

Falls man denn hier überhaupt eine einzelne Nacht im Zelt verbringen kann, bekanntlich keine Selbstverständlichkeit.
"It is possible", lautete das gnädige Urteil an der Rezeption, aber ich müsse dann auch auf den separaten Zeltbereich weiter hinten, keinesfalls zwischen die Wohnmobile oder auf dem Discgolf-Platz. Danke, ich wollte auch nicht, dass ständig Frisbees gegen mein Zelt fliegen. Die Zeltwiese war absolut herrlich, es waren nur wenige andere Zelter da. Ich hoffe für die Betreiber, dass die finnische Hochsaison noch nicht begonnen hat.
Als ich aber auf dem Weg dorthin den Wohnmobilbereich durchquerte, da fiel mir am Sanitärgebäude ein Schild mit der Aufschrift Sauna ins Auge. Stimmt, auf skandinavischen Campingplätzen gehören Saunas oft zum Standard, manchmal muss man sie aber kostenpflichtig dazumieten. Hier nicht. Hier muss man nur ein Wohnmobil besitzen. Mir fiel ein, dass die Rezeptionistin gegenüber dem Finnen vor mir das Wort "Sauna" erwähnt hatte, mir gegenüber hatte sie es nicht in den Mund genommen. Ich untersuchte das Sanitärgebäude für die Zelter, und das hatte in der Tat keine Sauna, im Gegenteil, die Rückseite grenzte an einen Haufen Schrott. Es war aber kein Problem, sich einfach zu den Wohnmobilern in die Sauna zu setzen, niemand kontrollierte am Eingang die Fahrzeugpapiere.

Auf alle anderen Sehenswürdigkeiten hatte mich die Rezeptionistin hingewiesen: Das Restaurant. Den angenehmen Badestrand, an dem ich nach dem Saunagang bis zur einer Schwimminsel, ach nee, nur einer rostigen und zugekoteten Plattform schwamm. Und den Forest Trail, der zwar keine Informationen über den Wald vermittelt, aber schöne Ausblicke auf Farne und Hasen.

Anfangs schlängelte sich der Pfad durch zugewachsenen Wald und ich fragte mich schon, ob das wirklich richtig war und wo jetzt das Meer sein sollte. Dann geriet es in Sicht. Überraschenderweise hatten sich sogar hierher ein paar der Löcher vom Discgolf-Park verirrt. Die Inselfinnen lieben diesen Sport, bei dem man eine Art Frisbee in diese Körbe mit Ketten reinwerfen muss. Aber von wo genau wollen sie denn in diesem Dickicht werfen?

Als der Pfad dann über die malerisch bewachsenen Felsplatten verlief, begann die Sonne zu versinken, eine perfekte Kombination. Damit die Gäste aber auch ganz genau wissen, was sie auf diesem schönen Wanderweg zu tun haben, sind einzelne Punkte beschriftet als Sunrise Spot, Sunset Spot und Yoga Spot. Der Campingplatz will auch ein Freizeitresort mit großem Angebot sein, letztendlich sind aber all die Spots nur umbenannte Teile der einen großen Sehenswürdigkeit - der Insel Mossala selbst.

Mitten im Forest Trail liegt auch noch ein Berg mit einem hölzernen Aussichtsturm drauf, zu dem ein eigener Pfad raufführt. Dort oben führte ein Finne ein offenbar sehr wichtiges Telefongespräch, das ihn vom Genuss der Aussicht abhielt.
Von diesem Berg ist endlich mal richtig viel Meer zu sehen, und natürlich: Inseln, Inseln, Inseln.
Die Insel Mossala wird mir auf jeden Fall in besonderer Erinnerung bleiben. Es ist wohl kein Zufall, dass das vor allem bei den Inseln der Fall ist, auf denen ich länger auf eine Fähre warten musste (außer Kyrklandet). Ob dasselbe wohl auch auf den anderen Inseln passiert wäre, durch die ich einfach durchgerast bin?

Obwohl die Wiese so kurzgemäht war, kreisten am nächsten Morgen Unmengen von Fliegen und Insekten unter meinem Innenzelt, und ich musste aufpassen, dass ich keine davon versehentlich einpackte und auf die nächste Insel mitnahm. An der Zeltstange hatte sich bereits ein grünes Vieh breitgemacht, das sich nach sorgsamer Beinzählung als Spinne und nicht als vollgesaugte Zecke herausstellte und daher am Leben bleiben durfte - solange es auf Mossala blieb. Für einen Reisebegleiter war es mir dann doch nicht hübsch genug.


Samstag, 27. April 2024

Von Ventspils nach Melnsils

Dieser Tag war trübe und kalt. Ein vollbehangener Himmel, Nieselregen, Gegenwind und sogar ganz, ganz leichte Hügel lagen in meinem Weg. Und trotzdem war ich total froh. Weil es einfach nur ein stinknormaler Radtour-Tag war, ohne zerstörte Fahrräder und Schneestürme. Noch schneller als der Schnee sind jedoch meine zwei Tage Puffer weggeschmolzen. Ab jetzt darf nichts mehr schiefgehen.

Das Schmelzwasser hatte den Radweg überschwemmt, aber ein paar Bretter führten über die Pfützen. Zum Fahren sah mir das nicht vertrauenswürdig genug aus, dann doch lieber schieben.


Im sumpfigen Wald liegt ein Badesee, und ein einsames Bahngleis reißt ab. Es kündigt an: Heute begegne ich spärlichen Spuren des armen lettischen Bahnnetzes.

Wenig überraschend: Der Radweg hört ein paar Kilometer hinter der Stadt auf.
Ebenfalls wenig überraschend, weil es der Fahrradmechaniker in Ventspils angekündigt hat: Baustellen.
Als die Ampel auf Grün schaltete, holperte ich durch eine lange braune Erdwüste und hatte meine liebe Mühe, in nur einer Grünphase das Ende zu erreichen. Dieser Vorgang wiederholte sich dreimal.
Aber sonst war die Strecke heute die bisher beste in Lettland. Immer dieselbe Straße, fast ohne Abbiegen, und diesmal mit so wenig Verkehr, dass ein Radweg echt nicht nötig wäre. Die Straße wird "großzügigster Radweg Lettlands" genannt.

Fast ohne Abbiegen? Nicht ganz - ein paarmal bin ich freiwillig abgebogen. Zum Beispiel auf den ersten Kolonnenweg im Baltikum, der mich ins nächste Lost Place brachte. Hinter den Nadelbäumen erschienen dunkle Kästen mit leeren Augen.  Das heißt, eigentlich sind sie aus weißen Steinen gemauert, aber in der Masse wirkten sie trotzdem grau. Block um Block ragte über der Betonstraße auf und starrte mich aus tausenden bröckelnden Fenstern finster an.
An der innerdeutschen Grenze stehen solche Kasernen einzeln verteilt, im Baltikum dagegen konzentrieren sie sich in großen Militärstädten, welche die drei annektierten Sowjetrepubliken unter Kontrolle halten sollten. Diese Städte gab es sogar schon, als Lettland zum ersten Mal unabhängig war: Die Sowjetunion bedrohte die baltischen Staaten, bis sie nachgaben und der Roten Armee erlaubten, 25 000 Soldaten zu stationieren. Natürlich nuur, um sich gemeinsam vor den Nazis zu schützen (mit denen die Sowjets eigentlich dank Hitler-Stalin-Pakt gerade gut Freund waren), und auf keinen Fall, um eine spätere Invasion leichter zu machen.
Große Sperrgebiete umgaben die Militärstädte und blockierten einen nicht unerheblichen Teil des Landes. Die Menschen wanderten ab, und Panzer trainierten in den leeren Dörfern. In anderen Dörfern engagierten sich die Soldaten aber auch im Gemeindeleben oder trainierten die Dorfjungen als Nachwuchs-Grenzsoldaten. Und die Mädchen? It happened often that the fate of young soldiers and local girls were linked together. Joa, so kann man es natürlich auch formulieren.
Ventspils hatte zumindest mehr Glück als Liepāja: Die Stadt selbst gehörte nicht zu Sperrzone, denn die Militärstadt stand ein gutes Stück außerhalb in Irbene. Außerdem hinterließen die Sowjets das größte Radioteloskop in Nordeuropa (auch wenn sie es beim Abzug mit Absicht kaputtmachten). Heute steht in Irbene ein Forschungszentrum für Radioastronomie.

Ausgerechnet an diesem beunruhigenden Ort rollten auf einmal zwei Fahrräder vorbei - und an ihren Gepäckträgern hingen dick gefüllte Taschen! Diese Damen waren die allerersten Tourenradler, die ich auf dieser Reise gesehen habe. Und noch viel mehr hardcore drauf als ich, denn sie waren Wochen vor mir in Lübeck gestartet. Und natürlich Deutsche. (Muss ich das extra erwähnen?) Und sie hatten bereits von mir gehört - in Ventspils hatten sie dieselbe Fahrradwerkstatt besucht, wo bereits die Geschichte vom dämlichen Deutschen, der mit einem Schrottrad startete, die Runde machte.

Unter der Straße zog still und träge ein Fluss durch sein grüngelbes Tälchen. Die Irbe fließt lange Zeit parallel zur Ostseeküste, weshalb man dort angeblich beim Paddeln auf weiten Strecken das Meeresrauschen hören soll - unser Pastor hatte mal überlegt, dort eine Paddelreise zu veranstalten.
Der nächste Fluss ist dann auch schon die Grenze zum Slītere-Nationalpark. Der besteht aus Wald und Feuchtgebieten, nur auf 4 Prozent der Fläche wird Landwirtschaft betrieben. Geologisch am ältesten sind die Blue Hills, die ehemalige Küste eines Eissees. Am jüngsten sind die Kangari, das sind lange, parallele Dünen. Im Frühling und Herbst ziehen hier zehntausende Vögel pro Stunde (vö/h) durch, die zwischen Ostsee und Weißem Meer pendeln.
Erste Waldstücke wurden zwar schon 1921 geschützt, aber am meisten zu ihrem Schutz trug versehentlich die Militärstadt Irbene mit ihrem Sperrgebiet bei. Von Ventspils bis Mērsrags (also noch deutlich weiter als der Bereich des Nationalparks) durfte niemand ins Küstengebiet, außer er hatte eine Einladung von einem Bewohner und brachte sie zur Polizeiwache, um einen Besuch zu beantragen.

Im Nationalpark habe ich die Straße zweimal verlassen - das zweite Mal war definitiv ein Muss, das erste Mal, naja, war nicht ganz so definitiv ein Muss. In der neusten Bikeline-Auflage (schon überraschend, dass ein Reiseführer, der auch durch Russland geht, überhaupt noch neu aufgelegt wird) wurde als Alternative ein Bahntrassenradweg eingezeichnet. Der ist etwas näher an der Küste und gehört zu einem 30 Kilometer langen Rundweg durch den Nationalpark. Aber schon der Einstieg war unauffindbar: Wo sich laut analoger und digitaler Karte der Waldweg befinden sollte, war viel Wald, aber null Weg. Erst an der nächsten Dorfstraße konnte ich auf die Bahntrasse rüberwechseln. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet im Nationalpark mal eine Bahn fuhr?
Es gab sogar ein Fahrradschild.
Aber nicht sonderlich viel Fahrradweg. 

Stellen Sie sich das bitte nicht vor wie einen Bahnradweg in Deutschland - im Baltikum sind Bahntrassenwege nicht asphaltiert und eher schlechter als normale Radwege. Es war zwar keine Vollkatastrophe wie der Sandgrenzweg ab Šventoji, aber ein paar schlammige Stücke haben schon genervt. Immerhin war ich nah dran an der Natur - endlich mal keine Straße, die mit ihren Kiesstreifen und Wassergräben Abstand zu den Bäumen hält. Links und rechts schluckten schwarze Tümpel das spärliche Sonnenlicht. Nadelbäume und Birken tauchen diesen düsteren Sumpf in Schatten. Bei diesem Wetter war die Landschaft eher bedrückend als beglückend.

Zum Schluss muss die Trasse noch einen Bach überqueren. Keine Ahnung, wie die Bahn das damals gemacht hat, aber wahrscheinlich nicht mithilfe einer von der EU geförderten Holzbrücke, bei der zwei Bretter zerbrochen sind und eins in der Mitte fehlt. Aber gut, die Brücke ist auch von 2013, da entspricht das wohl der üblichen Halbwertzeit von Holzbrücken.
Ein kleines Schild sagt, die Brücke sei Teil der Förderung des Green Belt - und präsentiert ein Logo zum Grünen Band, das ich in ähnlicher Form sonst nur in der Gegend um Salzwedel gesehen habe. Wahrscheinlich war die Brücke für den Wanderweg am Grünen Band gedacht, denn der Hauptradweg verläuft immer noch nebenan auf der Straße.

Auf diese Straße bin ich dann auch zurückgekehrt. Die ehemalige Bahntrasse knickt hier ab und entfernt sich in völlig unbegehbarer Form von der Küste. Die Alternativroute geht zwar noch weiter, aber viel gezackter und unbahntrassiger. Nee, nee, mein Bedürfnis nach wilden Wege war vorerst gestillt.

Die Straße endete schließlich an einem Kreisverkehr. Ich wollte all seine Ausfahrten der Reihe nach erforschen.
Die linke Ausfahrt brachte mich zu einem Strandzugang mit einer kleinen Heidefläche und einem sehr hohen Aussichtsturm. Aber die Bäume wuchsen so dicht und hoch, dass der Blick trotzdem nur bis zum nächstbesten Strandstück reichte. Das könnte einfach irgendeine Stelle an Lettlands Westküste sein. Warum es das eben nicht ist, lässt sich noch nicht erkennen.

Die mittlere Ausfahrt dagegen lässt gleich durchblicken, dass hier irgendwas Besonderes abgeht: Ein großer Parkplatz, ein Imbisshaus, eine Touristinfo und der erste lettische Lavazza-Kaffeeautomat außerhalb einer Großstadt. Natürlich noch alles geschlossen - bis auf den Automaten.
Ein windzerzauster Nadelwald wächst auf den Dünen. Ein Sandweg brachte mich zu einem steinernen Tor...

...und dann ein paar Stufen runter zum Strand. Aus dem Nebel schält sich ein Funkturm. (Lettland ist voll von Funktürmen, manchmal gleich zwei nebeneinander. Irgendwo muss das berühmte gute Internet ja herkommen.)
Es herrschte Stille, nur das Meer gab seine rhythmischen Geräusche von sich. Ich hatte den Touristen-Hotspot ganz und gar für mich und spazierte allein an die Spitze einer Nation. Das ist ein bisschen Nebel und Niesel ja wohl wert.
Die Höhe der Düne ist jetzt nicht gerade rekordverdächtig, aber es muss ja nicht immer eine Steilküste sein. Auch ein 1-Meter-Abgrund genügt anscheinend, um große Bäume zu Fall zu bringen. Außerdem ist dieser Ort sowieso für etwas anderes bekannt.

Und zwar für folgendes:
Der Strand bildet eine Spitze und knickt plötzlich nach Süden ab. Ein paar Meter draußen im Wasser ragt noch ein schiefer Haufen wellenbrechender Steine aus dem Meer. Wellen aus zwei Richtungen zogen heran, trafen zusammen und schwappten dann kreuz und quer durcheinander, völlig verwirrt, wo es denn jetzt hier weitergeht. Nach Süden geht es weiter, jedenfalls für mich! Denn das hier ist Kap Kolka.
Hier trifft die zentrale Ostsee auf die Rigaer Bucht (okay, aber ist ja beides eigentlich Ostsee), und die Spitze ist der nördlichste Punkt von Kurland (okay, also nicht mal von ganz Lettland). Die geographischen Rekorde klingen zwar nicht übermäßig beeindruckend, trotzdem ist das Kap sehr bekannt: Wenn man sich Lettlands Umriss auf einer Landkarte anguckt, ist das so ziemlich der auffälligste Punkt.
Eigentlich gehört an so eine Spitze ein Leuchtturm, ich habe aber keinen gesehen: Der alte soll eine Ruine sein, der neue versteckt sich irgendwo draußen im Nebel auf einer Insel.
Jetzt fahre ich also an der Rigaer Bucht, oder, wie eine Texttafel schreibt, an der Little Wave Sea statt der Big Wave Sea. So anders sieht die aber noch nicht aus, eher wie eine Same Height Wave Sea.

Die rechte Ausfahrt im Kreisverkehr brachte mich wieder auf den rechten Ostseeradweg, und erst einmal ins Dorf namens Kolka. Es hat gleich drei Kirchen. Die Protestanten haben wie üblich nordisch-bescheiden gebaut, mit Feldsteinen in einem Rahmen aus Backstein.

Den Orthodoxen standen dieselben Materialien zur Verfügung, aber sie waren trotzdem bemüht, einen Hauch von Moskau darin anklingen zu lassen.

Die Katholiken aber haben, großer Plottwist, die bescheidenste Kirche der drei - einen Holzschuppen mit Türmchen im Wikingerlook!
Und auch ihre Geschichte zeugt von ungewöhnlichen Pragmatismus: In Kolka gab es eine katholische Gemeinde ohne Kirche, in einem anderen Dorf eine katholische Kirche ohne Gemeinde. Also genehmigte der Bischof, das komplette Bauwerk auseinanderzubauen und zu transportieren.

Vor 8000 Jahren stand das alles hier unter Wasser, die Ostseeküste lag 3 bis 7 Kilometer weiter drin im Land. Dann spülte das Meer langsam eine Insel aus Sand an, die einen Teil des Meeres abschnitt. Eine Lagune war geboren. Als nächstes sank der Meeresspiegel um 1,5 Meter, und die Lagune war wieder gestorben. Von ihr blieben nur ein paar kleine Angelseen und Naturschutzgebiete, und die lockten dann wiederum Menschen (hauptsächlich Angler) an. Die meisten Seen habe ich nicht besucht, nur der kleine Zēņu dīķis mit seinen Holzbrückchen lag ohne Umweg direkt zwischen Straße und Ostsee.

Auch eine anständige Steilküste gibt es noch, und zwar in Ēvaži. Bis auf einen Sandstreifen ist sie von Bäumen und farbenfrohen Moosen bewachsen, und ziemlich hoch. Die Rigaer Bucht sieht inzwischen doch anders aus, das Wasser wird ruhiger und transparenter. Joa, Little Wave Sea passt. Mit diesem schönen Ausblick verabschiedete ich mich aus dem Slītere-Nationalpark.

Mein Ziel war ein Campingplatz, dessen guter Ruf ihm ebenso vorauseilt wie mir mein Pannen-Ruf. Nicht nur ich hatte auf einem anderen Ostseeblog Gutes von ihm gehört, auch die anderen beiden Radfahrerinnen von heute Vormittag und sogar Störche. Auf dem Platz stehen jede Menge Holzhütten und sogar ein fünf Meter hoher Holzleuchtturm, der wohl allenfalls für Papierschiffe einen nützlichen Orientierungspunkt darstellt.
Etwas ernüchtert war ich dann aber doch, als ich hörte, dass die Saison eigentlich erst morgen startet und wir nur ausnahmsweise schon mal Zelte aufstellen dürfen. Auf der Website hatte es so ausgesehen, als würde der Platz den ganzen Winter hindurch laufen. Der geheizte Bar-Raum war noch zu, und die angeblich inkludierte Sauna nicht in Betrieb, es hätte 25 Euro gekostet, sie anzufeuern.

Dafür juckte es absolut niemanden, wo ich mein Zelt hinstelle. Na denn, dachte ich, und stellte es kurz vor den Strand, gleich neben die Bänke eines Bungalows. Und stellte dann überrascht fest, dass es erst 16 Uhr war. Wat mache ich jetzt mit dem Rest des Tages?
Tee. Viel Tee. Schließlich steht im halboffenen Kochhäuschen ein Wasserkocher. Eine warme Mahlzeit hatte ich mir schon am Kap Kolka gemacht. Also verbrachte ich den Abend damit, beim Rauschen des Meeres Käseschnecken zu essen, Tee zu trinken und Hans Fallada zu lesen. (Als meine Familie fragte, wie es mir denn ginge, schickte ich einfach dieses Foto mitsamt meiner Abendplanung - die Probleme der letzten Tage gab ich nur stark verkürzt wieder.)
Die Nähe zum Wasser hatte aber auch einen Nachteil - es war kälter als bei den Nächten unter freiem Himmel. Trotzdem hat mir der entspannte Nachmittag anscheinend jede Menge Kraft gegeben für das, was ich am nächsten Tag schaffen sollte.