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Donnerstag, 2. Juli 2026

Ålternative: Von Mossala nach Hummelvik

Die nächste Fähre ist komisch. Anscheinend wurde an der Seite ein Container mit Snack- und Getränkeautomaten angeschraubt. Dieser Verpflegungsraum hat keinerlei Sitzgelegenheiten. An der Seite hat die Fähre einen kurzen, schmalen Raum mit Bank, in dem ich kaum die Beine ausstrecken konnte. Und dann ist da noch dieser sehr vertrauenerweckende Kellerschacht in die Passenger Lounge.

Dort gab es dann wirklich mehr Bänke, das Ambiente zwischen dicken Stahlrohren ohne Tageslicht hatte ungefähr so viel mit einer Lounge gemeinsam wie meine Fahrradtasche mit einer Markenhandtasche. Mit 12 Euro pro Radfahrer war es die teuerste Fähre zwischen den Schären, zusammen mit der Fähre Hanka-Nauvo, die genau dasselbe kostet.
Auf der Fähre sprach mich ein sportlicher Wochenendradler aus Turku an, ob ich auch die nächste Abfahrt der nächsten Fähre schaffen wollte. Ja, das wollte ich. Kaum waren wir runter vom Schiff runter, hatte er mich überholt.

Schäre Nr. 13: Iniö/Hinnskär

ist wieder etwas mehr besiedelt, zumindest war das Örtchen Iniö größer als alles auf den letzten Kilometern. Der historische Kaufmannsladen Lanthandel von 1921 war noch geschlossen. Aufgefallen ist mir einer dieser dreifache Maibaum, mit dem wahrscheinlich die Mittsommernacht gefeiert wurde. Um die Spitze kreisen kleine Segelschiffe.

Die Briefkästen sind mit Gurten festgezurrt gegen die gefürchteten Zustellungsstürme.

Die nächste Kabelfähre transportierte mich auf die flache

Schäre Nr. 14: Jumo

Hier wachsen die ganze Zeit Wilderdbeeren am Straßenrand. Die Pflanze ist auch typisch für das restliche Schärenmeer und das angrenzende Festland. Die Dinger sind in der Natur fast so winzig wie Johannisbeeren und erinnern die Vorbeifahrenden auf unbequeme Weise daran, wie geisteskrank hochgezüchtet ihre Verwandten im Supermarkt sind.

"You made it!", rief der Turku-Radler für meinen Geschmack etwas zu überrascht, als ich die nächste Fähre planmäßig erreichte. Ich hatte sogar noch ordentlich Puffer.
"Willst du auch nach Turku?"
"Nein, nach Åland!", rief ich über den Schiffslärm hinweg und zeigte mit der Hand nach links in die grobe Richtung.
"Ah, dann kommen aber noch viele weitere Fähren."
"Jup."

Unsere Wege trennten sich somit auf

Schäre Nr. 15: Kivimaa/Hinnskär

Hier geht der Schärenrundweg wieder nach rechts in Richtung Turku. Markiert ist er übrigens mit diesem braunen Schild und einem Sonnenuntergang. Auch ich hatte jetzt fast eine komplette Inselrunde gedreht und könnte die Reise auf dem Festland fortsetzen. Aber diese Reise muss für ein andermal warten.

Ich bog nach links ab, folgte roten Zäunen und ließ mich von Plüschhasen und Puppen beobachten. Was für ein kurioser Vorgarten, eine Kombination aus Fahr- und Spinnrad habe ich auch noch nie gesehen. (Vielleicht sollte mal jemand wirklich beides verbinden, mit Dynamo anstelle der Spindel. Klingt zwar bescheuert, aber andererseits hatte der Saugbläser Heinzelmann ja auch ein reales Vorbild.)

Die Inselhauptstadt Kustavi/Gustavs zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der finnische und der schwedische Name ausnahmsweise mal eine erkennbare Ähnlichkeit aufweisen. Die Stadt ist einsprachig finnisch, wurde aber trotzdem nach dem schwedischen König Gustav III. benannt, weil sie dem ihre Kirche verdankt. Am Radweg stehen Eisstände und Blumentöpfe.

Das wahre Markenzeichen der Schärentour sind nicht irgendwelche Wegweiser oder Sonnenuntergangs-Piktogramme, sondern dieses Schild. Und das Wort Lossi gehört auch immer dazu. Dabei handelt es sich entweder um das finnische Wort für Fähre oder um eine Gebrauchsanweisung für die Handbremse in der im Piktogramm dargestellten Situation. ("Lossi lieber angezogen!")

Diese Kabelfähre ist wiederum weiß und besonders groß, mit vier besonders breiten Fahrspuren. Wie so oft zeigen Ampeln am Land und am Schiff an, auf welche Spuren man gerade rauffahren soll und auf welche nicht. Sorgsam dirigiert der ferne Fährmann in seinem Turm mit ihrer Hilfe den Verkehr, damit sein Schiff nicht umkippt: Zuerst werden Spur 1 und 4 an den Außenseiten gefüllt, dann Spur 2 und 3 in der Mitte. Bei diesen Automassen hatte ich anfangs Zweifel, ob wirklich alle raufpassen, denn es strömten immer noch neue die Straße runter. Aber es passte, auf den mittleren Spuren blieb sogar noch etwas Platz.

Von der Autokolonne trennte ich mich gleich wieder, denn

Schäre Nr. 16: Vartsala/Pieskeri

bietet wieder eine separate Radroute. Diesmal handelt es sich um ein asphaltiertes Sträßchen, das einen Bogen um die Hügelchen im Süden Vartsalas schlägt. Die Häuser stehen hier sogar etwas dichter beisammen als in den Inselstädtchen. Diesmal achtete ich sorgfältig darauf, nicht in irgendeine Bauernhof-Sackgasse abzubiegen, mit Erfolg. 

Das letzte Mal bin ich solch eine Schleife auf Storlandet gefahren und habe eine rote Minimühle gefunden, diesmal entdeckte ich sie in voller Größe. Die finnischen Mühlen ähneln den Windmühlen Estlands, haben aber ausnahmslos noch alle vier Flügel und sind in der Farbe eines schwedischen Ferienhauses angestrichen. Damit veranschaulichen sie perfekt den Übergang zwischen Baltikum und Skandinavien, zwischen Ost und West.

Die nächste Fähre heißt Onsäs - Åva und wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wo zum Geier ist Onsäs? Diesen Ort fand ich weder auf der Karte noch in der Realität.
Eine andere Frage: Warum müssen wir die Räder hinlegen? Aus demselben Grund, aus dem das Fahrzeugdeck hier komplett überdacht ist: Diese Fähre ist etwas länger und tuckert eine Stunde lang, naja, nicht direkt über die Hochsee, aber doch über ein etwas größeres Wassergebiet.

Der Seegang war trotzdem nicht stark und die Überfahrt eine sehr komfortable Sache. Für 5,6 Euro kann man da wirklich nicht meckern - und da ist sogar die nächste Fähre schon inkludiert! An Bord entdeckte ich eine kostenlose Karte der nächsten Inselgruppe.
Zum Glück.
Denn als ich die Karte studierte, fiel mir etwas auf. Eine entscheidende Information, ohne die ich mich heute Abend sehr geärgert hätte. 

Aber der Reihe nach. Ich verließ die bequeme Fähre auf dem breiten, aber leeren Fähranleger auf

Schäre Nr. 17: Bolmö

und betrat damit zum ersten Mal in meinem Leben ein autonomes Territorium. Die Åland-Inseln schienen mir dafür ein besserer Einstieg zu sein als Tschetschenien, Palästina oder (seufz) Grönland.
Es gibt natürlich viele Formen von Autonomie, und die der Åland-Inseln scheint auf den ersten Blick eher zur bescheidenen Sorte zu gehören. Zumindest hatte ich nicht das Gefühl, dass mir hier das Gefühl gegeben werden sollte, fast einen anderen Staat zu betreten. Sehr real ist aber folgender Unterschied: Ab hier ist Schwedisch die einzige Amtssprache, mit meinem Lehrbuchschwedisch komme ich genau so weit wie in Schweden.
Eine Menge Radfahrer sprintete vom Anleger weg. Wollen die etwa alle die nächste Fähre schaffen? Die geht schon in einer Stunde, für Autofahrer kein Problem, für Radler aber mehr als sportlich. Laut touren-wegweiser.de soll ich es ihnen auf keinen Fall nachmachen und durch den schönsten Abschnitt der Tour hetzen. Keine Sorge, 25 Kilometer in einer Stunde schaffe ich nicht.

Die 25 Kilometer lange Inselstraße heißt Brändövägen und wird geziert vom Wappen der Gemeinde Brändö, einem Vogel und einem Fisch. Ganz am Anfang hat die Straße einen kleinen Hügel mit Felswänden. Es ist der einzige auf den nächsten 25 Kilometern. Aber Bolmö ist ganz sicher nicht die einzige Insel auf den nächsten 25 Kilometern, sogleich folgt

Schäre Nr. 18: Åva/Nottholm

Wieder habe ich einen Insel-Übergang übersehen, laut Karte bestand er nur aus einem winzigen Graben und Sumpf. Zählt das wirklich als eigene Insel?

Die nächsten zählen eindeutig als eigene Inseln, auch wenn sie winzig klein sind. Ah, welch lieblicher Anblick, endlich gibt es mal wieder richtige Brücken! Seit Schäre Nr. 6 hatte ich keine mehr. Dabei sind die Abstände gar nicht größer als die schmalen Sunde, die seit Schäre Nr. 6 mit Kabelfähren überbrückt werden. Die Bewohner dieser einsamen Inselkette sind wohl besonders baufreudig. Oder es bedurfte hier nur besonders kurzer Brückenstücke, weil so viele Inselchen und Halbinseln in den Zwischenräumen liegen, zum Beispiel

Schäre Nr. 19: Hästklubben
Schäre Nr. 20: Söderholmen

Schäre Nr. 21: Rönnskärsgrundet

Diese Mini-Inseln werden gewerblich genutzt zum Erdbeerverkauf (Himmelsgåva - A taste of heaven from Ålandoder zur Fischerei, sind dementsprechend mit kleinen Schuppen und Häfen bebaut. Endlich konnte ich mir auch diese komischen Reusen oder Fischteich anschauen, die ich schon ein paarmal auf den Fähren in der Fährne gesehen habe. Jap, das sind eindeutig Netzringe, und eindeutig dazu da, um die Fische in ihrer Mitte drinnen zu halten. Die Frage ist nur, ob die Fische da drin gezüchtet werden oder ob sie irgendwo reinschwimmen und nicht wieder rauskommen.

Mir war heiß. Zu heiß, um auf den nächsten Badestrand zu warten. Diese Osteeküste hier mag nicht die idyllischste sein, aber das blaue Wasser war herrlich, und auch an Land entdeckte ich einen schönen Felsenplatz. Das KABEL-Schild irritierte mich kurz, weil hier doch ausnahmsweise mal keine Kabelfähre fuhr. Aber natürlich kann es auch andere Kabel in der Ostsee geben, denn die Bewohner der Brändö-Inselkette möchten natürlich auch gern Strom haben und nicht, dass ein unvorsichtiges Schiff sie völlig von der Welt abschneidet. Bei unvorsichtigen Schwimmern besteht da weniger Grund zur Besorgnis, die finden das Kabel sowieso nicht.

Schäre Nr. 22: Björnholma

lässt die Felswände allmählich gezackter und unregelmäßiger werden.

Anschließend führt ein Damm hinüber zur

Schäre Nr. 23: Nötö

und beweist unterwegs, dass eine Meerenge der Ostsee manchmal auch einfach aus zwei dicken schwarzen Plastikröhren bestehen kann (links unter der Straße).

Von

Schäre Nr. 24: Djurholm

führt die vorerst letzte Brücke dann zu einer einladenden Küstenstraße auf 

Schäre Nr. 25: Brändö

und ins Zentrum der Inselkette. Vor der Grundschule, Sporthalle (hinten) und Bibliothek steht die Värmecentral von Brändö (rechts) und liefert unter anderem den soeben erwähnten Gebäuden Wärme, indem sie pellets und flis (Hackschnitzel) verbrennt. Finanziert hat das unauffällige rote Holztürmchen zu 60 % die Kommune und zu 40 % die Landschaftsregierung der Åland-Inseln. Ja, sorry, es war das einzige Gebäude im Ortszentrum, an dem irgendwelche Informationen dranstanden!

Das einzige? Warte mal, der Wegweiser dort zeigt nach Brändö k:a, was entweder ein Eingeständnis sein könnte, dass dieser Teil von Brändö noch immer unerforscht ist, oder eine mir bis dahin unbekannte Abkürzung für kyrka. Ich bog einfach mal dorthin ab und kam vorbei an der sehr geschlossen aussehenden Andelsbanken för Åland und einem löchrigen Gewächshaus.
Früher ging an dieser Stelle die Poststraße entlang. Die Post ignorierte die heutigen Fährlinien und Straßen, sie hatte ihre eigene, ganz spezielle Route. Größtenteils führte sie übers Wasser, aber in Brändö mussten alle Reisenden und alles Postgut aussteigen und die Insel überqueren. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, beim Transport mitzuhelfen.

Dann geriet tatsächlich eine kyrka in Sicht. Sie sah zwar aus wie die Tapete in einer unerwartet günstigen Ferienwohnung, doch der Turm verriet die wahre Funktion des Gotteshauses.

Eigentlich sollte die Kirche schon geschlossen sein, doch ich konnte mich trotzdem kurz reinsetzen, weil jemand noch in der Nähe der Kirche arbeitete. Die niedrige Empore und grünblaue Farbe erinnerte mich an die Inselkirchen der Nordsee. Dann mal rein da, ah, gleich wird es herrlich...
...warm.
In dieser Kirche stand die Luft wie in einer nicht klimatisierten Kassler Straßenbahn. Die dünnen Holzwände konnten gegen die Sommerhitze rein gar nichts ausrichten, im Gegenteil, sie schienen sie noch zu verstärken. Hm. Ist das klug, wenn sich die Kirche ihrer letzten Funktion beraubt, überhitzten Touristen Abkühlung zu bieten? Aber vielleicht ist ja gerade das der Sinn dahinter: Es sollen nur wahre Gläubige in ihr sitzen und keine Ungläubigen, die nur hinter ihren nackten, kalten Steinwänden her sind. Oder es ist ganz einfach eine finnische Saunakirche.

Die wahre Sehenswürdigkeit der Insel bleiben wieder einmal die Landschaften. Die Felsplatten am Wegesrand sind jetzt von bunten Gräsern und Moosen bewachsen.

Es geht weiter auf

Schäre Nr. 26: Nötö

Auf dem Bild sieht es nur aus, als würden da erneut mehrere Miniinseln auf dem Weg liegen, aber diesmal sind das alles nur Dämme und Halbinseln.

In diesem Übergang befindet sich eine der wenigen Badestellen der Brändö-Inseln. Der Korsklobbsrevets Simstrand ist voll ausgestattet mit einem Klohäuschen, einem schmalen Sandstrand und sogar zwei Sprungbrettern von einer kleinen Klippe. Nur Rettungsschwimmer gibt es nicht, warnt das Schild, aber immerhin einen Rettungsring.
Naja, ich schätze, die meisten Einwohner und Gäste auf den Inseln haben sowieso ihre eigenen Zugänge zur Ostsee bei ihrem Haus bzw. Ferienhaus. Das ist wahrscheinlich die übliche Form, hier Urlaub zu machen. Oder man rast eben in einer Stunde durch zur nächsten Fähre. Dazwischen ist Stille, und ich.

Schäre Nr. 27: Baggholma

ist laut der Wikipedia-Definition keine eigene Insel, denn von Nötö trennt sie an einer Stelle nur ein kleiner Graben, der eindeutig zu gerade ist, um natürlichen Ursprungs zu sein.
Ebenso unnatürlich, aber viel dekorativer sind die vielen Steinstapel, welche nun auf den Felsplatten der Schwerkraft trotzen.

Und nochmal eine Handvoll Mini-Brücken-Inseln:

Schäre Nr. 28: Oggholm

Ich habe das Gefühl, langsam gehen ihnen die Namen aus.

Schäre Nr. 29: Gäddören

ist eine kleine Felsmütze mit Bäumen drauf, während

Schäre Nr. 30: Killingholm 

wieder etwas größer ist, mich aber kurz darauf auch schon übergibt an

Schäre Nr. 31: Torsholma/Kyrkholm

womit ich auf der letzten großen Insel der Brändö-Kette wäre.

Der Brändövägen ist aus irgendeinem Grund sportplatzrot und wird immer noch röter und röter. Da muss irgendein rotes Mineral im Boden Ålands sein, aber eins, gegen das die Granitfelsen absolut resistent sind, denn die verfärben sich überhaupt nicht. 

Nicht mehr weit bis zur Fähre, allerdings fuhr die nächste erst um neun. Ich hatte noch massig Zeit und wollte etwas anderes auf Torsholma besichtigen. Und was bauen alle Inseln, die irgendeine schnell zu errichtende Sehenswürdigkeit für alle Zielgruppen bauen wollen? Richtig, einen Aussichtsturm.
Und wo ist der Turm von Torsholma? Hä, in die eine Richtung ist der Turm, in die andere die Informationen zum Turm?

Ich folgte einfach mal dem Info-Wegweiser, weil der mit meiner App übereinstimmte. Der Weg wurde dann sehr schnell abenteuerlich. Am Rande dieses Heufelds kam ich noch gut vorbei. Nur der Hochsitz Tiefsitz war dermaßen altersschwach, das ich den Versuch, da hochzusteigen, gleich wieder aufgab - ich hätte ihn garantiert umgeworfen.

Irgendwo auf einem Felsplateau waren dann aber kaum Pfade zu erkennen, beziehungsweise die Pfade bestanden einfach aus den Stellen, an denen keine Hecken die Felsen bedecken. Von diesen Felspfaden gab es dann aber doch mehr als einen, und natürlich geriet ich auf den falschen und irgendwie in einen schwarz verschlammten Sumpf in einer Schlucht zwischen zwei Felsplateaus. Als sich der Pfad in einen Bach verwandelte, prüfte ich meinen Standort und kehrte um. Was würde ich nur machen ohne das elektronische Rechteck in der Hosentasche, das sämtliches Wissen der Welt enthält?
Versinken. Wahrscheinlich immer noch versinken.
Oder trotzdem klarkommen wie in Helsinki, man weiß es nicht.

Auf dem korrekten Weg und dem korrekten Felsplateau geriet dann auch bald das hölzerne Türmchen in Sicht, das erfreulicherweise etwas stabiler und einladender aussah als der Hochsitz vorhin. Und die Aussicht über die felsigen Buchten gewinnt Platz 1 der Aussichtstürme der finnischen Schärenküste. Das ist nur fair, schließlich ist es auch der mit Abstand am schwersten erreichbare Turm.

 

Wie der Lotta-Turm auf Aaslaluoto hat auch dieser hier einen Vorläufer aus dem Zweiten Weltkrieg, diesmal war der aber eine Nummer größer. Insgesamt hatten die Brändö-Inseln vier Unteroffiziere und neuen Soldaten zu ihrer Verteidigung, davon 1 Unteroffizier und vier Zivile auf diesem Wachturm, der damals getarnt war. Die zivilen Helfer gehörten nicht zu den Lottas, sondern zur sogenannten Heimwehr. Wenn sie die russichen Bomber sahen, riefen sie ihre Kollegen in der Grundschule an, die dann wiederum die Küstenbewohner warnten. Sicher keine leichte Aufgabe, wenn alle so verteilt wohnen.

Das Zimmer in diesem Turm ist oben statt unten, und auf der Pritsche liegt sogar eine Isomatte, anscheinend ist das ausdrücklich auch als Notübernachtungsplatz vorgesehen. Und auf dem Tisch wartet ein Gästebuch darauf, beschrieben zu werden. Mal sehen, wer denn hier schon alles war... gut, Deutsche, das war eh klar. Aber auch Tschechen und Mecklenburger? Mit einem Mal kam ich mir doch nicht so abgelegen vor.

Damit habe ich die Brändö-Kette im Prinzip abgeschlossen, jetzt kommen nur noch zwei raue Steinhaufen an der Ostseite von Torsholma.

Schäre Nr. 32: Namenlos/Teil von Lilla Hummelholm

Schäre Nr. 33: Lilla Hummelholm 

Die Insel Lilla Hummelholm sieht auf der Karte aus, als würde es einzig und allein als Anlegestelle der Fähre dienen, weil Torsholma dafür zu flach ist. Dem ist aber nicht so. Vielmehr scheint Lilla Hummelholm einen nicht unbeträchtlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts der Brändö-Inseln zu erwirtschaften, schließlich drehte sich dort ein Windrad, ein Kiosk öffnete eine Weile vor Abfahrt der Fähre, und ein LKW wurde gerade mit Kies beladen, der hier anscheinend auch abgebaut wird - dann passt aber auf, dass noch genug von der Insel übrig bleibt, ohne Lilla Hummelholm könnte die Inselwirtschaft in eine gefährliche Schieflage geraten!
Wind- und wettergeschützt ist die Insel nicht wirklich. Es gibt zwar ein hölzernes Wartehäuschen, in das konnte ich mich aber erst verziehen, als ich trotz aller widrigen Winde mein Essen fertiggekocht hatte.

Nach langer Zeit legte die letzte Fähre des Tages an. Sie hat ein extra Krankenbett für Notfalltransporte auf die Hauptinsel.

Wieder diese Seezeichen, aber diesmal zeigten sie nicht die österreichische Flagge - sie hatten das Weiß durch Gelb ersetzt. Das gehört wohl zu den autonomen Vorrechten von Åland.

Und wohin jetzt? Ist eigentlich egal, mich hat niemand kontrolliert. Aber diese Fährlinie hat viele Zwischenstopps, da wäre es schon gut, wenn ich wüsste, wo ich aussteigen muss.
Laut touren-wegweiser.de soll ich auf der Insel Kumlinge (im Bild) aussteigen und von dort über Snäckö nach Överö weiterfahren. Als ich aber auf der letzten Fähre in die Inselkarte geschaut hatte, war die Fährlinie Snäckö - Överö gar nicht eingezeichnet gewesen! Es dauerte überraschend lange, bis meine Internetrecherche mir bestätigte, dass diese Linie tatsächlich nicht mehr existiert. Ålandstrafiken, ich verstehe ja, dass die euch die Einstellung peinlich ist, aber wenn ihr es verschweigt, irritiert ihr die Reisenden doch noch mehr! Zuerst stieß ich auf eine wütende englischsprachige Seite, laut der die sozialistische Landschaftsregierung von Åland die Fähre eingestellt hat mit dem Ziel, die Inselbewohner systematisch ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Das klang mir weniger seriös, und endlich fand ich einen normalen Zeitungsartikel, den mir KI übersetzte. Ja, die sogenannte Querlinie wurde im Januar 2026 eingestellt. Ålands Fähren fahren zwar alle unter dem Label von Ålandstrafiken, haben aber verschiedene private Betreiber. Und für die Ausschreibung der Querlinie hat sich einfach niemand gemeldet. Joa, klingt wirklich sehr sozialistisch.

Damit ist bis auf Weiteres jede der Wegvarianten, die touren-wegweiser.de beschreibt, unmöglich. Es gibt nur noch die Nordlinie (die beiden Fähren, mit denen ich heute ab Vartsala gefahren bin) und die Südlinie (so weit im Süden, da bin ich gar nicht langgekommen). Wäre ich ahnungslos auf Kumlinge ausgestiegen, hätte ich wahrscheinlich eine angenehme Nacht auf der Insel verbracht und mich dann morgen Vormittag an der Südspitze Snäckös tierisch geärgert. Ich könnte zwar Kumlinge umrunden und dann wieder in dieselbe Fähre steigen, aber wenn ich das bei allen Sackgassen-Inseln machen würde, wo die Fähre anhält, dann finde ich ja gar kein Ende.

Ich mache keine Inselrundfahrten, sondern Inselhopping - also nur über die Inseln, die ich überqueren und auf anderem Wege wieder verlassen kann. Eine sehr sinnvolle Eingrenzung bei einer derart unendlichen Inselgruppe. Die einzige Möglichkeit, weiterzukommen, bestand also darin, drei Stunden bis Mitternacht zur Endstation der Fähre durchzufahren, nämlich Hummelvik auf

Schäre Nr. 34: Vårdö

und dort in aller Eile einen Schlafplatz zu suchen. Damit werde ich die Hauptinsel morgen sehr viel früher und an einer komplett anderen Stelle erreichen.
Aber ich war einfach froh, dass ich die Streichung der Fähre noch rechtzeitig mitbekommen hatte. Die neue Strecke war mir ebenso recht, denn erstens kam ich dadurch an einigen der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Hauptinsel vorbei, zweitens hatte ich auf Kumlinge & Co. sowieso nichts Bestimmtes vor und drittens... guckt euch das Foto doch mal an! Hier ist es überall schön.

Samstag, 27. April 2024

Von Ventspils nach Melnsils

Dieser Tag war trübe und kalt. Ein vollbehangener Himmel, Nieselregen, Gegenwind und sogar ganz, ganz leichte Hügel lagen in meinem Weg. Und trotzdem war ich total froh. Weil es einfach nur ein stinknormaler Radtour-Tag war, ohne zerstörte Fahrräder und Schneestürme. Noch schneller als der Schnee sind jedoch meine zwei Tage Puffer weggeschmolzen. Ab jetzt darf nichts mehr schiefgehen.

Das Schmelzwasser hatte den Radweg überschwemmt, aber ein paar Bretter führten über die Pfützen. Zum Fahren sah mir das nicht vertrauenswürdig genug aus, dann doch lieber schieben.


Im sumpfigen Wald liegt ein Badesee, und ein einsames Bahngleis reißt ab. Es kündigt an: Heute begegne ich spärlichen Spuren des armen lettischen Bahnnetzes.

Wenig überraschend: Der Radweg hört ein paar Kilometer hinter der Stadt auf.
Ebenfalls wenig überraschend, weil es der Fahrradmechaniker in Ventspils angekündigt hat: Baustellen.
Als die Ampel auf Grün schaltete, holperte ich durch eine lange braune Erdwüste und hatte meine liebe Mühe, in nur einer Grünphase das Ende zu erreichen. Dieser Vorgang wiederholte sich dreimal.
Aber sonst war die Strecke heute die bisher beste in Lettland. Immer dieselbe Straße, fast ohne Abbiegen, und diesmal mit so wenig Verkehr, dass ein Radweg echt nicht nötig wäre. Die Straße wird "großzügigster Radweg Lettlands" genannt.

Fast ohne Abbiegen? Nicht ganz - ein paarmal bin ich freiwillig abgebogen. Zum Beispiel auf den ersten Kolonnenweg im Baltikum, der mich ins nächste Lost Place brachte. Hinter den Nadelbäumen erschienen dunkle Kästen mit leeren Augen.  Das heißt, eigentlich sind sie aus weißen Steinen gemauert, aber in der Masse wirkten sie trotzdem grau. Block um Block ragte über der Betonstraße auf und starrte mich aus tausenden bröckelnden Fenstern finster an.
An der innerdeutschen Grenze stehen solche Kasernen einzeln verteilt, im Baltikum dagegen konzentrieren sie sich in großen Militärstädten, welche die drei annektierten Sowjetrepubliken unter Kontrolle halten sollten. Diese Städte gab es sogar schon, als Lettland zum ersten Mal unabhängig war: Die Sowjetunion bedrohte die baltischen Staaten, bis sie nachgaben und der Roten Armee erlaubten, 25 000 Soldaten zu stationieren. Natürlich nuur, um sich gemeinsam vor den Nazis zu schützen (mit denen die Sowjets eigentlich dank Hitler-Stalin-Pakt gerade gut Freund waren), und auf keinen Fall, um eine spätere Invasion leichter zu machen.
Große Sperrgebiete umgaben die Militärstädte und blockierten einen nicht unerheblichen Teil des Landes. Die Menschen wanderten ab, und Panzer trainierten in den leeren Dörfern. In anderen Dörfern engagierten sich die Soldaten aber auch im Gemeindeleben oder trainierten die Dorfjungen als Nachwuchs-Grenzsoldaten. Und die Mädchen? It happened often that the fate of young soldiers and local girls were linked together. Joa, so kann man es natürlich auch formulieren.
Ventspils hatte zumindest mehr Glück als Liepāja: Die Stadt selbst gehörte nicht zu Sperrzone, denn die Militärstadt stand ein gutes Stück außerhalb in Irbene. Außerdem hinterließen die Sowjets das größte Radioteloskop in Nordeuropa (auch wenn sie es beim Abzug mit Absicht kaputtmachten). Heute steht in Irbene ein Forschungszentrum für Radioastronomie.

Ausgerechnet an diesem beunruhigenden Ort rollten auf einmal zwei Fahrräder vorbei - und an ihren Gepäckträgern hingen dick gefüllte Taschen! Diese Damen waren die allerersten Tourenradler, die ich auf dieser Reise gesehen habe. Und noch viel mehr hardcore drauf als ich, denn sie waren Wochen vor mir in Lübeck gestartet. Und natürlich Deutsche. (Muss ich das extra erwähnen?) Und sie hatten bereits von mir gehört - in Ventspils hatten sie dieselbe Fahrradwerkstatt besucht, wo bereits die Geschichte vom dämlichen Deutschen, der mit einem Schrottrad startete, die Runde machte.

Unter der Straße zog still und träge ein Fluss durch sein grüngelbes Tälchen. Die Irbe fließt lange Zeit parallel zur Ostseeküste, weshalb man dort angeblich beim Paddeln auf weiten Strecken das Meeresrauschen hören soll - unser Pastor hatte mal überlegt, dort eine Paddelreise zu veranstalten.
Der nächste Fluss ist dann auch schon die Grenze zum Slītere-Nationalpark. Der besteht aus Wald und Feuchtgebieten, nur auf 4 Prozent der Fläche wird Landwirtschaft betrieben. Geologisch am ältesten sind die Blue Hills, die ehemalige Küste eines Eissees. Am jüngsten sind die Kangari, das sind lange, parallele Dünen. Im Frühling und Herbst ziehen hier zehntausende Vögel pro Stunde (vö/h) durch, die zwischen Ostsee und Weißem Meer pendeln.
Erste Waldstücke wurden zwar schon 1921 geschützt, aber am meisten zu ihrem Schutz trug versehentlich die Militärstadt Irbene mit ihrem Sperrgebiet bei. Von Ventspils bis Mērsrags (also noch deutlich weiter als der Bereich des Nationalparks) durfte niemand ins Küstengebiet, außer er hatte eine Einladung von einem Bewohner und brachte sie zur Polizeiwache, um einen Besuch zu beantragen.

Im Nationalpark habe ich die Straße zweimal verlassen - das zweite Mal war definitiv ein Muss, das erste Mal, naja, war nicht ganz so definitiv ein Muss. In der neusten Bikeline-Auflage (schon überraschend, dass ein Reiseführer, der auch durch Russland geht, überhaupt noch neu aufgelegt wird) wurde als Alternative ein Bahntrassenradweg eingezeichnet. Der ist etwas näher an der Küste und gehört zu einem 30 Kilometer langen Rundweg durch den Nationalpark. Aber schon der Einstieg war unauffindbar: Wo sich laut analoger und digitaler Karte der Waldweg befinden sollte, war viel Wald, aber null Weg. Erst an der nächsten Dorfstraße konnte ich auf die Bahntrasse rüberwechseln. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet im Nationalpark mal eine Bahn fuhr?
Es gab sogar ein Fahrradschild.
Aber nicht sonderlich viel Fahrradweg. 

Stellen Sie sich das bitte nicht vor wie einen Bahnradweg in Deutschland - im Baltikum sind Bahntrassenwege nicht asphaltiert und eher schlechter als normale Radwege. Es war zwar keine Vollkatastrophe wie der Sandgrenzweg ab Šventoji, aber ein paar schlammige Stücke haben schon genervt. Immerhin war ich nah dran an der Natur - endlich mal keine Straße, die mit ihren Kiesstreifen und Wassergräben Abstand zu den Bäumen hält. Links und rechts schluckten schwarze Tümpel das spärliche Sonnenlicht. Nadelbäume und Birken tauchen diesen düsteren Sumpf in Schatten. Bei diesem Wetter war die Landschaft eher bedrückend als beglückend.

Zum Schluss muss die Trasse noch einen Bach überqueren. Keine Ahnung, wie die Bahn das damals gemacht hat, aber wahrscheinlich nicht mithilfe einer von der EU geförderten Holzbrücke, bei der zwei Bretter zerbrochen sind und eins in der Mitte fehlt. Aber gut, die Brücke ist auch von 2013, da entspricht das wohl der üblichen Halbwertzeit von Holzbrücken.
Ein kleines Schild sagt, die Brücke sei Teil der Förderung des Green Belt - und präsentiert ein Logo zum Grünen Band, das ich in ähnlicher Form sonst nur in der Gegend um Salzwedel gesehen habe. Wahrscheinlich war die Brücke für den Wanderweg am Grünen Band gedacht, denn der Hauptradweg verläuft immer noch nebenan auf der Straße.

Auf diese Straße bin ich dann auch zurückgekehrt. Die ehemalige Bahntrasse knickt hier ab und entfernt sich in völlig unbegehbarer Form von der Küste. Die Alternativroute geht zwar noch weiter, aber viel gezackter und unbahntrassiger. Nee, nee, mein Bedürfnis nach wilden Wege war vorerst gestillt.

Die Straße endete schließlich an einem Kreisverkehr. Ich wollte all seine Ausfahrten der Reihe nach erforschen.
Die linke Ausfahrt brachte mich zu einem Strandzugang mit einer kleinen Heidefläche und einem sehr hohen Aussichtsturm. Aber die Bäume wuchsen so dicht und hoch, dass der Blick trotzdem nur bis zum nächstbesten Strandstück reichte. Das könnte einfach irgendeine Stelle an Lettlands Westküste sein. Warum es das eben nicht ist, lässt sich noch nicht erkennen.

Die mittlere Ausfahrt dagegen lässt gleich durchblicken, dass hier irgendwas Besonderes abgeht: Ein großer Parkplatz, ein Imbisshaus, eine Touristinfo und der erste lettische Lavazza-Kaffeeautomat außerhalb einer Großstadt. Natürlich noch alles geschlossen - bis auf den Automaten.
Ein windzerzauster Nadelwald wächst auf den Dünen. Ein Sandweg brachte mich zu einem steinernen Tor...

...und dann ein paar Stufen runter zum Strand. Aus dem Nebel schält sich ein Funkturm. (Lettland ist voll von Funktürmen, manchmal gleich zwei nebeneinander. Irgendwo muss das berühmte gute Internet ja herkommen.)
Es herrschte Stille, nur das Meer gab seine rhythmischen Geräusche von sich. Ich hatte den Touristen-Hotspot ganz und gar für mich und spazierte allein an die Spitze einer Nation. Das ist ein bisschen Nebel und Niesel ja wohl wert.
Die Höhe der Düne ist jetzt nicht gerade rekordverdächtig, aber es muss ja nicht immer eine Steilküste sein. Auch ein 1-Meter-Abgrund genügt anscheinend, um große Bäume zu Fall zu bringen. Außerdem ist dieser Ort sowieso für etwas anderes bekannt.

Und zwar für folgendes:
Der Strand bildet eine Spitze und knickt plötzlich nach Süden ab. Ein paar Meter draußen im Wasser ragt noch ein schiefer Haufen wellenbrechender Steine aus dem Meer. Wellen aus zwei Richtungen zogen heran, trafen zusammen und schwappten dann kreuz und quer durcheinander, völlig verwirrt, wo es denn jetzt hier weitergeht. Nach Süden geht es weiter, jedenfalls für mich! Denn das hier ist Kap Kolka.
Hier trifft die zentrale Ostsee auf die Rigaer Bucht (okay, aber ist ja beides eigentlich Ostsee), und die Spitze ist der nördlichste Punkt von Kurland (okay, also nicht mal von ganz Lettland). Die geographischen Rekorde klingen zwar nicht übermäßig beeindruckend, trotzdem ist das Kap sehr bekannt: Wenn man sich Lettlands Umriss auf einer Landkarte anguckt, ist das so ziemlich der auffälligste Punkt.
Eigentlich gehört an so eine Spitze ein Leuchtturm, ich habe aber keinen gesehen: Der alte soll eine Ruine sein, der neue versteckt sich irgendwo draußen im Nebel auf einer Insel.
Jetzt fahre ich also an der Rigaer Bucht, oder, wie eine Texttafel schreibt, an der Little Wave Sea statt der Big Wave Sea. So anders sieht die aber noch nicht aus, eher wie eine Same Height Wave Sea.

Die rechte Ausfahrt im Kreisverkehr brachte mich wieder auf den rechten Ostseeradweg, und erst einmal ins Dorf namens Kolka. Es hat gleich drei Kirchen. Die Protestanten haben wie üblich nordisch-bescheiden gebaut, mit Feldsteinen in einem Rahmen aus Backstein.

Den Orthodoxen standen dieselben Materialien zur Verfügung, aber sie waren trotzdem bemüht, einen Hauch von Moskau darin anklingen zu lassen.

Die Katholiken aber haben, großer Plottwist, die bescheidenste Kirche der drei - einen Holzschuppen mit Türmchen im Wikingerlook!
Und auch ihre Geschichte zeugt von ungewöhnlichen Pragmatismus: In Kolka gab es eine katholische Gemeinde ohne Kirche, in einem anderen Dorf eine katholische Kirche ohne Gemeinde. Also genehmigte der Bischof, das komplette Bauwerk auseinanderzubauen und zu transportieren.

Vor 8000 Jahren stand das alles hier unter Wasser, die Ostseeküste lag 3 bis 7 Kilometer weiter drin im Land. Dann spülte das Meer langsam eine Insel aus Sand an, die einen Teil des Meeres abschnitt. Eine Lagune war geboren. Als nächstes sank der Meeresspiegel um 1,5 Meter, und die Lagune war wieder gestorben. Von ihr blieben nur ein paar kleine Angelseen und Naturschutzgebiete, und die lockten dann wiederum Menschen (hauptsächlich Angler) an. Die meisten Seen habe ich nicht besucht, nur der kleine Zēņu dīķis mit seinen Holzbrückchen lag ohne Umweg direkt zwischen Straße und Ostsee.

Auch eine anständige Steilküste gibt es noch, und zwar in Ēvaži. Bis auf einen Sandstreifen ist sie von Bäumen und farbenfrohen Moosen bewachsen, und ziemlich hoch. Die Rigaer Bucht sieht inzwischen doch anders aus, das Wasser wird ruhiger und transparenter. Joa, Little Wave Sea passt. Mit diesem schönen Ausblick verabschiedete ich mich aus dem Slītere-Nationalpark.

Mein Ziel war ein Campingplatz, dessen guter Ruf ihm ebenso vorauseilt wie mir mein Pannen-Ruf. Nicht nur ich hatte auf einem anderen Ostseeblog Gutes von ihm gehört, auch die anderen beiden Radfahrerinnen von heute Vormittag und sogar Störche. Auf dem Platz stehen jede Menge Holzhütten und sogar ein fünf Meter hoher Holzleuchtturm, der wohl allenfalls für Papierschiffe einen nützlichen Orientierungspunkt darstellt.
Etwas ernüchtert war ich dann aber doch, als ich hörte, dass die Saison eigentlich erst morgen startet und wir nur ausnahmsweise schon mal Zelte aufstellen dürfen. Auf der Website hatte es so ausgesehen, als würde der Platz den ganzen Winter hindurch laufen. Der geheizte Bar-Raum war noch zu, und die angeblich inkludierte Sauna nicht in Betrieb, es hätte 25 Euro gekostet, sie anzufeuern.

Dafür juckte es absolut niemanden, wo ich mein Zelt hinstelle. Na denn, dachte ich, und stellte es kurz vor den Strand, gleich neben die Bänke eines Bungalows. Und stellte dann überrascht fest, dass es erst 16 Uhr war. Wat mache ich jetzt mit dem Rest des Tages?
Tee. Viel Tee. Schließlich steht im halboffenen Kochhäuschen ein Wasserkocher. Eine warme Mahlzeit hatte ich mir schon am Kap Kolka gemacht. Also verbrachte ich den Abend damit, beim Rauschen des Meeres Käseschnecken zu essen, Tee zu trinken und Hans Fallada zu lesen. (Als meine Familie fragte, wie es mir denn ginge, schickte ich einfach dieses Foto mitsamt meiner Abendplanung - die Probleme der letzten Tage gab ich nur stark verkürzt wieder.)
Die Nähe zum Wasser hatte aber auch einen Nachteil - es war kälter als bei den Nächten unter freiem Himmel. Trotzdem hat mir der entspannte Nachmittag anscheinend jede Menge Kraft gegeben für das, was ich am nächsten Tag schaffen sollte.