In Giruliai verschanzen sich die Bahngleise hinter einer monströsen
Schallschutzwand. Sie haben noch die sowjetische Spurweite, was heißt,
dass sie a) sich nicht mit dem mitteleuropäischen Netz verbinden lassen
und b) ihre Lücken für westliche Radfahrer ein regelrechter Abgrund sind
- uiuiui, hoffentlich rutscht der Reifen da nicht rein. Die Schienen
führen nach Norden, man sollte also meinen, dass sie wie ich
schnurstracks Lettland anstreben – aber laut Onlinekarte enden Sie genau
auf der Grenze. Traurig, aber wahr: Es gibt keine einzige
Bahnverbindung zwischen Litauen und Lettland.
Warum
zum Geier schreibe ich so viel über diesen Automaten? Weil dieser ab
hier quasi das Maskottchen des Ostseeradwegs darstellt! Nach wenigen
Kilometern tauchte der nächste auf, dann noch einer, und irgendwann
hatten die Litauer an jeder einzelnen Kreuzung, auch mitten in der
Wildnis, einen platziert.
Aber das ist nicht einzige
Großartige: Der litauische Ostseeradweg ist ein Traum. In perfektem
Zustand zieht sich die Asphaltlinie durch die Dünen, Wälder und die
Ginsterheide. (So gut scheint es sich nicht überall in Litauen zu
radeln: Als ich später gegenüber anderen Radlern Litauen in den Himmel
lobte, hielten sie das für Ironie.)
Auch
Litauens Landschaft scheint es mir ganz und gar nicht übelzunehmen,
dass ich mit der Kurischen Nehrung ihren berühmtesten Teil weggelassen
habe. Stattdessen will sie mir zeigen, dass sie auch sonst superviel zu
bieten hat. Ein Steg zweigt direkt zum Highlight ab. Noch ist der Wald
in blaues Dämmerlicht getaucht. Die Sonne ging bereits auf und schickte
erste orangefarbene Strahlen durch die Stämme - aber nicht über der
Ostsee, sondern auf der gegenüberliegenden Seite, im Osten.
Luisa, die Königin von Preußen, ging hier gerne spazieren, 24 Meter über dem Meer, an einer d
Dann fuhr ich in
Karklė ein
bisschen in die Irre und begegnete dabei einem Bach und einer sehr
enthusiastischen Katze, die zwar unbedingt gestreichelt werden wollte,
jedoch nicht die dafür nötige Geduld aufbrachte, länger als eine Sekunde
stillzustehen und nicht durch die Gegend zu springen.
Der
Radweg ging an der Straße weiter und präsentierte mir als nächstes
Highlight: Einen Wasserhahn. Super, ich fülle direkt meine leere Flasche
auf. Oder auch nicht, denn das Ding war mit Kabelbindern so blockiert,
dass sich der Knopf nicht drücken ließ. Tja, für die Touristinfo im Haus
dahinter hat wohl einfach noch nicht die Wasserhahnsaison begonnen.
(Und zwar, wie ich bald feststellen sollte, völlig zu recht.)
Ebenfalls nicht trinkbar, aber deutlich schöner: Der Blick auf die Sümpfe.
Eine Enttäuschung waren dagegen die Ruine der evangelischen Kirche von
Karklė. Ein Haufen Drahtgitterkörbe mit Steinen drin? Nee, sorry, so begrenzen Deutsche hässliche Gärten.
Ganz nett wiederum: Die Aussichtsplattform am Plocis-See.
Noch netter: Der Blick über die Heide und ganz hinten das Meer.
Diese
Landschaft gehört zu Nemirseta. Das Dorf besteht nur noch aus zwei
Häusern und war bis 1920 die nördlichste Spitze des Deutschen Reiches,
bekannt als "Nimmersatt, wo das Reich sein Ende hat". Laut Reiseführer
handelt es sich dabei um eine kolonialistische Verballhornung und nicht
um etwa um eine Anspielung auf eine berühmte hungrige Raupe.
Deutschland
war hier also zu Ende, aber Litauen ist es noch nicht - jetzt kommt die
zweite litauische Küstenstadt. Denn als einziges baltisches Land konnte
sich Litauen gegen den Deutschen Ritterorden wehren, indem es sich mit
Polen zusammentat. Sie eroberten Palanga 1435, noch bevor sich das
Gebiet des Deutschen Ordens in Preußen und irgendwann in das Deutsche
Reich verwandelte.
Palanga ist viel schöner und
radelfreundlicher. Während nämlich Klaipėda die Rolle der Handels- und
Hafenstadt übernimmt, ist Palanga die Strand- und Urlaubsstadt. Da darf
natürlich auch die Fußgängerzone voller Strandshops nicht fehlen, die
sich an einem kleinen Flüsschen erstreckt.

Und auch eine Seebrücke muss her!
Es handelt sich um eine Haiku-Seebrücke.
Äh
ja, ich versteh zwar nix, aber fünf, sieben und fünf Silben sind
vorhanden. Zumindest, wenn man es so ausspricht, wie ich nicht dachte,
dass man es ausspricht. Das Geländer hängt voller solcher Gedichte, nur
die großen weißen Platten ganz am Ende werden ausschließlich von
hingeschmierten Tags und Unterschriften verschönert.
Im
Prinzip ist die ganze Stadt ein Park, an einer Stelle sogar ein
Skulpturenpark. Soll das ein Fahrrad nach einem Unfall darstellen?
(Nein, es soll mein Fahrrad darstellen. In naher Zukunft.)
Mit
dem Rad bin ich überall bequem hingekommen, mit einer Ausnahme: Im
Schlosspark sind keine Räder erlaubt. Und genau in dessen Mitte befand
sich der Ort in Palanga, den ich besuchen wollte.
Tja, dann
werde ich jetzt ein Stückchen laufen müssen. Ich spazierte durch
Springbrunnen und gestutzte Hecken, bis ich bei einem weißen Palast
ankam. Wann macht er endlich auf?
Graf
Feliks Tyszkiewicz bewohnte diese Luxusresidenz von 1897 mit seiner
Frau Antonia, entworfen hat sie der Berliner Architekt Franz Schwechten.
Die Familie war bekannt für ihre Wissenschaftler und Kunstsammler. Ein
paar Räume im Erdgeschoss sind auch immer noch so eingerichtet wie bei
denen. Aber hauptsächlich dreht sich das Museum um etwas anderes.

Vor
50 Millionen Jahren standen auf dem subtropischen Kontinent
Fennoscandia jede Menge Bäume, Vorfahren der Pinien. Es war subtropisch
heiß, und die Bäume schwitzten. Eigentlich war es viel zu heiß für die
Urpinien, sie schwitzten sich zu Tode und starben aus - aber wenigstens
produzierten sie vorher noch ordentlich Schmuck. Ihr Harz landete auf
dem Boden, wurde von den Weichselgletschern zusammengepresst und
schließlich zum Symbol einer Nation, die sehr viel später auf diesem
Boden entstehen sollte. Ein Symbol, dem Palanga ein komplettes Museum
geweiht hat. Wie wird es sich wohl schlagen im Vergleich zum
Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten?
Verdammt gut.
Denn
während sich Ribnitz vor allem auf Kunstobjekte aus Bernstein
konzentriert, arbeitet Palanga praktisch alle Facetten der orangen
Steinchen ab. Zuerst, wie genau der entsteht und welche Arten es gibt,
je nachdem, wie genau das Harz die Rinde runtertropft. Dann eine
einzigartige Sammlung von eingeschlossenen Tieren, sortiert nach kleinen
Säugetieren, Vögeln (also eigentlich Kolibris und sonst nur einzelne
Federn), Amphibien, Reptilien, Spinnen und Insekten (die so viel Platz
einnehmen, dass sie in zig Unterkategorien unterteilt werden). Manche
kann man unter Vergrößerungsgläsern bestaunen. Kein Vergrößerungsglas
braucht man für den Sonnenstein, der wiegt 3,5 Kilo und ist der größte
Bernstein des Landes.
Passend: Einer der Insektensteine sieht aus wie ein Fliegenfänger.
Die
Litauer fischen nach den Steinen seit... im Prinzip seit immer, selbst
der Römer Tacitus erwähnte nebenbei, dass sie als einziges Volk
Bernstein finden können. Dazu benutzten sie Netze oder brennende Fässer
als Lichtquelle. Die deutsche Regierung kaufte zwischendurch mal alle
Schürfrechte, weil ihr das profitabel erschien, was aber nicht so
richtig klappte.
Für
die Sowjetunion stellte sich nun folgende Frage: Was machen wir mit
diesem hübschen Zeug, das ein Symbol für Litauens nationale Identität
darstellt, wo wir diese Identität doch so ganz und gar nicht wollen?
Unterdrücken? Nein, lieber vereinnahmen! Die Sowjets puzzelten aus dem
Stein Lenin und russische Babuschkas zusammen, vor allem verarbeiteten
sie ihn aber zu billigem, identischem und sozialistischem Massenschmuck.
Mit Erfolg: Die richtigen Künstler fanden Bernstein uncool und
kitschig, sie wollten nicht mehr mit ihm arbeiten.
Einerseits
startete ein Professor schon vor der Wende eine Gegenbewegung (Make
Bernstein litauisch again!), andererseits wurde Bernstein 1998 von
Litauens Liste der Edelsteine gestrichen.
Heute
benutzen ihn die Künstler wieder, aber eher auf ironische Art:
Bernsteintoiletten, Lippenstifte und Asia-Nudel-Boxen aus Bernstein
sollen Schönheitsideale, die Immobilienblase, den Brexit oder den Erfolg
der litauischen Bauernpartei darstellen. Statt Lenin puzzeln sie aus
den Steinchen Prinzessin Diana und eine völlig verzerrte Fratze, bei der
es sich um Lukaschenko handeln soll, zusammen.
Von der Strandpromenade geht der litauische Traumradweg direkt weiter nach Norden.
Hier
habe ich die ersten Reste des Eisernen Vorhangs entdeckt: Einen
Vollpfosten und einen noch größeren, gestürzten Vollpfosten. Das
perfekte Symbol für die Wende.
Bevor das große Klaipėda an Litauen ging, musste das kleine Fischerdorf Šventoji die Rolle der einzigen Hafenstadt übernehmen.
Erinnern
Sie sich noch an die Legende der Jurata auf der polnischen Halbinsel
Hel? (Müssen Sie nicht, ich merke mir auch nicht den ganzen Quatsch, den
ich hier so aufschreibe.) Eigentlich ist das eine litauische Legende,
deshalb gibt es auch eine Version, in der das Ganze hier in Šventoji
spielt und die Protagonisten eine Menge litauischer Punkte und Striche
über ihren Namen haben.
In Šventoji habe ich
ein Flüsschen auf der Affenbrücke überquert, ein skurriles schmales
Brücklein in Gelb und Blau mit einem beunruhigenden Warnschild, das aber
kein bisschen erklärt, was zum Geier das Bauwerk mit Affen zu tun hat.
Der Fluss heißt auch Šventoji und war mal die Grenze der beiden
baltischen Länder. Eigentlich ist er es heute noch - zumindest aus
Radfahrersicht.
Ende
April war ich eine ziemlich auffällige Gestalt mit dem vollbepackten
Rad. Hinter der Brücke fragte mich ein Litauer aus, woher ich käme und
wohin die Reise ginge. (Sehr naheliegende Fragen, aber nach dem
fünfzehnten Dialog dieses Inhalts wünschte ich mir irgendwann doch, die
Fragesteller würden sich etwas Kreativeres ausdenken. Vor allem, weil
ich immer wieder erklären musste, dass, nein, ich wirklich nicht in
Deutschland mit dem Rad gestartet bin. Wieso gehen alle davon aus, dass
eine Radtour nur an der eigenen Haustür starten darf? Dann müsste man ja
jedes Mal ein Sabbatjahr nehmen, wenn man über die Nachbarländer des
eigenen Staats hinausfahren möchte.)
Als er hörte, dass ich nun nach Lettland rüberfahre, kündigte er an, der Weg sei gut.
Das war dann wohl der litauische Humor.
Genau das war nämlich der Punkt, an dem ich radwegmäßig vom Himmel in die Hölle wechselte.
Die
Wegweiser und meine App sagten, ich solle zur Autobahn wechseln. Aber
meine Karte sagte, direkt an der Küste ginge es auch, und zumindest bis
zur Grenze wollte ich schon gern am Meer bleiben.
Ich
quälte mich die letzten Kilometer durch den Sand der Dünen bis zur
Stelle, wo die Ostsee auf die nächste Staatsgrenze trifft.
Ein weißer Grenzpfosten markiert die Stelle, an der ich das Rad ziemlich kompliziert um einen Grenzbach herumwuchten musste.
Zusätzlich
wächst auf der Grenze eine von hundert Eichen, die Lettland umgeben
(vorne rechts). Laut Beschriftung soll der Baum ein Symbol der Stärke
Lettlands darstellen.
Äh, ja.
Bei
dem Anblick ist keine weitere Pointe nötig, aber ich möchte trotzdem
ergänzen: Die Stärke der lettischen Fahrradinfrastruktur spiegelt er
sehr akkurat wieder.
Und
jetzt beging ich einen bösen Fehler. Diese paar Kilometer grenzwertiges
Sandgeschiebe hätte ich noch irgendwie als kleines Abenteuer verbuchen
und dann zur Autobahn abbiegen können.
Aber meine App
behauptete, ab dem ersten lettischen Dorf Nida (nicht zu verwechseln mit
dem berühmten litauischen Nidda auf der kurischen Nehrung) sei wieder
eine Radroute vorhanden. Zwar kein Ostseeküstenradweg, aber immerhin
irgendwelche nationalen Radwege mit dreistelliger Nummer. Dann kann es
ja so schlimm nicht sein, oder?
Und wie es das kann! War der
Weg für ein paar Meter mal nicht ganz so sandig, sodass ich tatsächlich
fahren konnte, kam direkt eine breite Blockade-Pfütze. Die einzige
dreistellige Nummer, die dieser Weg verdient, ist die 666!
Heide,
Wald und Wiesen lösten sich am Wegesrand ab. Die Landschaft war ein
schöner Anblick, keine Frage. Aber diese Tortour war sie nicht wert. Ich
kann mir wirklich nicht vorstellen, wie dieser Sandstreifen vor einigen
Jahren noch so gut gewesen sein soll, dass Michael Cramer ihn ernsthaft
als Route eingetragen hat - diese Strecke ist der größte Fail einer
Bikeline-Karte, den ich jemals erlebt habe.
Aber
ja, irgendwann musste hier jemand irgendetwas gebaut haben, um
Touristen anzulocken. Zumindest führen ein paar zerbrochene Bretter zu
einem nicht sehr vertrauenerweckenden Aussichtsturm.
Wie
wird er sich wohl schlagen im Vergleich zum Hochheideturm in Willingen?
Architektonisch sehr schlecht, aber landschaftlich sehr gut.
Das
ist viel mehr Heide als in Willingen! Eigentlich hätte ich als Heidefan
begeistert sein sollen, aber in der Situation nahm mir der Anblick
allen Mut - oh Gott, das geht ja endlos weiter! Und erst irgendwo
dahinter ist der nächste Asphalt?
Wo bin ich hier nur reingeraten?
Dieselbe
Frage stellte ich mir auch in Nida und Pape, den ersten beiden
lettischen Dörfern. Hatte ich aus Versehen eine Zeitreise unternommen?
"Ah,
verstehe, in die Sowjetzeit", nickte ein Freund wissend, als ich ihm
wieder zu Hause von diesem Tag erzählte. Von wegen! Diese Häuser sahen
eher nach Bronzezeit aus.
Ist
das ein Museumsdorf? Nein, hier parkt ein Auto, dort hängt jemand
Wäsche auf, hier leben tatsächlich Menschen. Trotzdem war meine
Vermutung nicht völlig falsch - bald entdeckte ich Schilder, die genau
erklären, welche Elemente an den Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert
typisch für ein traditionelles Fischerhaus sind. Unentbehrlich ist dabei
auf jeden Fall das Reetdach mit Giebel. Die zwei Fischerdörfer stehen
unter Denkmalschutz, und die anderen Dörfer Lettlands sehen definitiv nicht so aus. Lettland mag zwar das abgewrackteste der drei baltischen Länder sein, aber soo schlimm ist es nun auch wieder nicht.
Oder?
Auf
jeden Fall haben erschreckend viele Dörfer noch keine Asphaltstraße,
sondern nur eine hässliche Piste. Der stabile Staub an sich wäre ja
nicht das Problem, aber obendrauf liegen haufenweise Steine. Kein Kies,
sondern zum Teil richtig dicke Brocken. Wenn ich Gas gab und diese
Dinger von meinen Reifen durch die Luft geschleudert wurden, wurde mir
doch etwas unwohl und ich war dankbar für meinen Helm. Leider scheinen
es eben diese Steine zu sein, die den Staub stabil machen, damit er sich
nicht in so einen unsäglichen Sandweg wie vorhin verwandelt. Zumindest
schält jedes Fahrzeug eine neue Schicht dieser blöden Brocken aus dem
grauen Puder, damit auch diese Steine eine Weile locker obendrauf
liegen, bis sie irgendwann fröhlich in den Straßengraben fliegen oder
jemandem die Birne einschlagen, Schicht um Schicht, so lange, bis die
ganze elende Piste eines Tages abgetragen ist und Lettland hoffentlich
endlich Geld für eine richtige Straße klarmacht.
Asphalt ist hier so selten, dass es ein eigenes Warnschild gibt, das extra sagt, wann er anfängt und aufhört!
Es
reicht! Ich tue, was ich schon im letzten Land hätte tun sollen - ich
biege ab auf die A11! Zwar ist die Straße eine Hauptverkehrsverbindung
zwischen beiden Staaten, auf der LKW um PKW vorbeirast, trotzdem ist sie
von der Größe her eher eine Bundesstraße. An einer Bushaltestelle
kochte ich mir ein Mittagsmahl und wagte mich dann in den Verkehr, der
mich kaum störte - endlich vorankommen!
Hm, naja, irgendwann störte er dann doch, und ich gab den Dörfern wieder eine Chance. Und tatsächlich, ab
Jūrmalciems waren die Dorfstraßen dann doch asphaltiert.Das
Dorf hatte mich noch aus einem anderen Grund interessiert: Außer eine
Windmühle stand hier auch ein Grenzturm in den Dünen. Die Sowjetunion
baute ihre Türme wieder anders als Polen oder die DDR: Ein breites
Stahlgerüst mit Stahlkammer obendrauf. Ähnliche Türme sind öfter an der
baltischen Küste zu sehen, mal alt, mal restauriert, mal schmaler, mal
etwas breiter - aber immer endet die Treppe deutlich über dem Erdboden
oder ist versperrt, damit niemand hochklettert.
Ein paar Tage
später erfuhr ich von einer Tafel auch den Rest: Der Strand war hier mit
Stacheldraht versperrt, später kamen auch Scheinwerfer dazu. Jeden
Abend suchte eine Patrouille nach Grenzgängern. Baden durfte man nur an
bestimmten Stellen, und Fischen war streng reguliert. Es gab
Küstenbewohner, die nach der Wende zum ersten Mal in ihrem Leben das
Meer sahen. Entweder die Balten waren viel fluchtwilliger als die Polen,
oder sie haben dieses Thema einfach nicht vergessen.
Ich
kam endlich ungehindert voran, doch aus den Hügeln ragte ein Bunker und
erinnerte mich daran, dass es im Kalten Krieg umgekehrt war: Hier
hätten die Hindernisse erst so richtig begonnen. Ich hätte mich schon
viele Kilometer vor der großen Militärstadt ausweisen und meine
Genehmigung zeigen müssen.
Am Eingang nach Liepāja wies mich
das erste lettische Eurovelo-Schild auf den ersten lettischen Radweg.
Wahnsinn. Ich habe heute doch noch die erste lettische Stadt erreicht,
trotz... nun ja, Lettland.
Als wollte er alles wiedergutmachen, umschlingt der Radweg Liepāja (früher Liebau) in einer großzügigen grünen Schleife zwischen Wald, Dünen und Wohnblocks. Und als wollte er auch den Mangel
an Heißgetränken seit der Grenze kompensieren, brummen gleich drei
Automaten unterschiedlicher Hersteller nebeneinander. So beendete ich
den Tag, wie er begann: mit einem Getränk von Lavazza. Wahnsinn,
Lettland kann es also doch. Zumindest in den Großstädten.

Enge mittelalterliche Gässchen sucht man auch in Liepāja vergebens,
es ist eher eine großzügige Stadt mit breiten Straßen im Jugendstil,
auf deren Fassaden unbedingt eine weiße Linie zeigen muss, wo das
nächste Stockwerk beginnt. Die Kurgäste aus dem Osten sind wegen der
Visapflicht verschwunden, und die Touristen aus dem Westen haben die
Stadt noch nicht so richtig entdeckt. Ist aber auch kein Wunder bei der
dämlichen Anbindung: Von Riga kommt nur einmal am Tag ein Zug, und zwar
immer genau so, dass man gerade die Check-In-Zeit für die tägliche Fähre
nach Lübeck verpasst. Und das in der drittgrößten Stadt des Landes...
Aber die Liepājer schaffen es auch allein, ihre Stadt zu beleben: Abends
warteten junge Partymenschen auf die Straßenbahn nach Hause, und ich
fühlte mich endlich wieder richtig in der Gegenwart angekommen. Auch
wenn manche Häuser noch immer aus sichtlich angeschrabbeltem Stein oder
groben Holzplanken im Nida-Stil bestehen.

Ein
ähnlich angeschrabbelter sowie angetrunken Typ sprach mich an. Meine
Antwort, dass ich kein Lettisch spräche, empörte ihn zutiefst, denn was
hätte ich denn dann eigentlich in Lettland zu suchen?
Zum
Verstummen brachte ihn zuerst meine Frage, wie viele Fremdsprachen er
denn spreche (dabei sprach er ja durchaus gutes Englisch, aber das
schien er in dem Moment selber vergessen zu haben), und dann die
Erkenntnis, dass ich Tourist aus Deutschland war und kein illegaler
Zuwanderer, und so wünschten wir uns dann doch recht freundlich einen
guten Abend.
Doch die Wettervorhersage
versprach eine klare Nacht, und ich fühlte mich absolut in der Lage, sie
wieder in der Wildnis zu verbringen.
Die einzige drehbare
Klappbrücke Lettlands brachte mich in die nördliche Stadt, zu weiteren
Wohnblocks und schließlich in den nächsten Wald.
Der offenbar nicht weit genug von der Stadt entfernt war.
Ich
erwachte, weil ich Schritte und Stimmen hörte. Dann leuchtete mir eine
Lampe ins Gesicht. Es war halb drei, und jemand sprach Lettisch.
Ich fragte, ob er auch Englisch sprach.
Der Polizist bejahte dies und fragte, was ich hier tue und ob alles in Ordnung sei.
Hätte
ich doch nur in jeder Lebenslage das Selbstbewusstsein und die
Lässigkeit, über die ich plötzlich im müden Zustand in Liepaja verfügte. Völlig aus dem Schlaf gerissen antworte ich der
Polizeitruppe: Ja, natürlich, ich sei doch
nur auf einem Campingtrip. Sie zogen sich sofort zurück, merkten nur
noch an, dies sei "not a good place", aber ich könne hier schlafen.
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