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Freitag, 21. August 2026

Gotland: Von Furillen nach Hall

Ostseeradler schwimmt im See

Zurück auf der Insel Gotland fuhr ich wieder an der schmalen Bucht hinauf. Da entdeckte ich direkt über der Straße die nächste Ladung Rauken, diesmal sogar mit einem malerischen Raukentor namens Lergravsporten. Der natürliche Durchgang sieht aus jeder Blickrichtung einfach toll aus. Die linke Seite war dick und massiv, die dünne Stütze rechts dagegen wirkte geradezu zerbrechlich. Diese seltsame Asymmetrie entspricht so gar dem typischen Bild der Felsentore, die in Filmen zu sehen sind.

Nach ein paar Laubwäldern erreichte ich auch schon die unauffällige Stadt Fårösund, die weitgehend um die Straße zum Fähranleger herum aufgebaut ist. Hier legen die Fähren nach Fårö und die Ausflugsfahrten zur Insel Gotska Sanddön ab. Neben dem Hafen versteckt sich ein weiteres Kastal in den Bäumen, diesmal mit einem opulenten Räucherschornstein oder so obendrauf (hinten rechts).

Nachdem ich die Insel Fårö umrundet hatte, ging es weiter auf einer schnurgeraden Landstraße gen Norden. Ich kam zuerst vorbei an einem kleinen Steinbruch, in dem vor 7000 Jahren die ersten Jäger und Fischer von Gotland lebten, schon damals stilrecht mit Reetdach. Vermutet man jedenfalls. Das Reet ist natürlich längst weggegammelt, nur die Essensreste und Werkzeuge wurden ausgebuddelt. Was hätten die Jäger und Fischer wohl gesagt, als später über ihren einstigen Häusern eine Eisenbahn gebaut wurde, um den Kalkstein für die Industrie nach Norrland abzutransportieren?
Als ich ein Foto von diesem Steinbruch machen wollte, war auf dem Bild absolut nichts zu erkennen außer Weiß. Ja, schon klar, da ist Gegenlicht, aber so schlimm? Ach, nein, Mist, was ist da denn passiert? Das Gewitter auf Fårö war in die Kamera eingedrungen und beschlug die Linse von innen mit feinen Tröpfchen. Deshalb sehen die nächsten Bilder leider aus wie durch Nebel fotografiert, sogar bei strahlendem Sonnenschein.
Langsam trocknete die Linse. Hier kann man zumindest schon mal die Ostsee erkennen, und das Ortsschild, das offenbar von einem kurz angebundenen Piraten verfasst wurde.

Heute habe ich nicht in der Ostsee gebadet, sondern in den Badeseen. Davon hat die Insel so einige, viele sind aus alten Kalksteinbrüchen entstanden. Der Reiseführer, der auf der Fähre auslag, listet sie alle in verschiedenen Kategorien auf. Die Texte klangen zwar verdächtig nach KI, dennoch wollte ich auch ein paar davon ausprobieren. Und jetzt fuhr ich endlich mal zwischen gleich zwei der Seen durch.
Der Bästeträsk ist ... nun, ob er der wirklich der bäste See der Insel ist, bleibt wohl Geschmackssache, auf jeden Fall ist er der größte und richtig schön. Nadelbäume warfen ihren Schatten auf das steinige Ufer. Die spitzen Steine waren jetzt nicht gerade der angenehmste Barfußpfad aller Zeiten, aber das Wasser ist tipptopp - aus der Nähe kristallklar, aus der Ferne kristallblau. Irgendwo da draußen verbergen sich zwei Inselchen.

Blauer, außergewöhnlicher und fußfreundlicher ist aber die Blå Lagun gegenüber auf der anderen Straßenseite, nur ein kurzes Stück den Feldweg runter. Während der Bästeträsk noch mehr oder weniger nach einem normalen Natursee aussieht, tendiert die Blaue Lagune in Richtung exotisch bis unwirklich. Das liegt sicherlich an dem Ufer, das nur aus kleinen felsigen Kanten, einzelnen Nadelhecken und angenehmen Kieselsteinen besteht. Die Lagune ist zwar ein paar Nummern kleiner, aber ich war trotz des Wetters quasi allein dort, darum störte mich die Größe überhaupt nicht. Im Gegenteil, so hatte ich wenigstens eine Chance, bis zum anderen Ufer zu schwimmen und dort die Felskante zu besteigen.
Danke, wechselhaftes Wetter, dass du an diesem Punkt der Reise die Sonne bereitgestellt hast, das wäre sonst ein Jammer gewesen.
Das Wasser war natürlich trotzdem saukalt.

Als nächstes habe ich eine große, spitze Bucht umrundet. Die brachte viele Extrakilometer, aber auch viel Wasserblick. Auf dem steilen, steinigen Abhang zum Meer wuchsen die Bäume erst so weit unten, dass ich die Ostsee sehen konnte. Dafür gab es aber auch keinen Schatten.

An der Spitze der Bucht steht die Steinindustrie im Meer und am Meer. Linné beobachtete damals fasziniert, wie der Kalkstein im Ofen gebrannt wurde. Nach zwei Tagen Feuer waren die oberen Steinschichten transparent und blaue Flämmchen tänzelten darauf. Dann konnte man ihn abkühlen und nach Deutschland und Dänemark verschiffen. Plötzlich verschwand die Sonne und Linné war in dichten Seenebel gehüllt, fast wie Rauch - das wechselhafte Wetter machte also auch ihm zu schaffen.
Die dazugehörige Stadt Kappelshamn liegt auf der Westseite der Bucht. Auch hier gab es keinen Rast- oder Schattenplatz zwischen den roten Häuschen. Also lieber gleich weiter in den schattigen Wald.

So, noch ein Stück die Straße hoch, hier geht's ordentlich bergauf. Gleich zweigt der Waldweg ab, da mache ich dann Pause.
Dann zweigte der Waldweg ab. Ich hielt an, um Pause zu machen. Und fuhr sofort wieder weiter. Mit mir fuhren als blinde Passagiere etwa 17 Mücken, die sich während der einminütigen Pause sofort auf mir niedergelassen hatten.
Das Naturschutzgebiet Hall-Hangvar besteht aus mehr Arten von Landschaft, als eigentlich reinpassen sollten. Hauptsächlich wachsen dort Kiefern und Weiden, andere Bäume wurden selektiv abgeholzt. Gleichzeitig sind da auch ganz dünner Boden und magere Felsflächen, trotzdem schafft es irgendwie genug Grundwasser durch, um auch Kaltwassermoore zu bilden. Eine hiesige Blume heißt Gotland-Sonnenwende.
Immer tiefer schimmerte das Meer unter mir. Schließlich öffnete sich der Wald und ich konnte sehen, wie hoch ich mich wirklich befand. Direkt neben mir fielen im Abendlicht Klippen aus Kalk 30 Meter abwärts. Kein Geländer trennte sie vom Weg, nur ein paar Warnschilder baten, doch bitte nicht komplett ranzugehen. Ein bisschen bröckelig sah das ganze schon aus. Hervorragend, hier mache ich die Pause, diesmal wirklich.
Das hier ist das Ende der Bucht und der nördlichste Bereich Gotlands. Allerdings ist es keine so markante Spitze wie im Süden. Vorhin bei den Badeseen, auf der anderen Seite der Bucht, war ich fast genauso weit im Norden.

Schlafenszeit! Wo übernachte ich heute?
Eigentlich ganz einfach, denn hier im Nordwesten bei Hall sollte es das einzige klassische Shelter auf Gotland geben (also eine hölzerne Übernachtungshütte wie die, mit denen Öland übersät war). Die Sonne berührte schon den Horizont, aber ich war zuversichtlich, es noch bei halbwegs akzeptablen Lichtverhältnissen zu schaffen. Womöglich hätte ich das auch, wenn denn die Wege zu diesem Shelter tatsächlich existiert hätten. Bei einem Bauernhof mit Windrädern bog ich ab und machte einen kräftigen Umweg. So, jetzt hinter diesem Stall muss ich hier auf diesen Waldweg - hm, nee, der existiert nicht, komplett zugewachsen. Dann eben der nächste - ah, nope, da ist ein Gattertor davor, und anders als die zahllosen anderen Gattertore auf Europas Radwegen war dieses hier nicht zu öffnen, dafür sorgte eine Kette mit Vorhängeschloss.
Vielleicht kann man als Wanderer dieses Shelter erreichen, wenn man auf dem Pfad direkt am Meer wandert (sofern der denn existiert), Radfahrer können diese Hütte aber komplett vergessen.
Mist, dann mal lieber zurück zur Straße.
Natürlich musste an besagter Straße ausgerechnet jetzt eine Kette von Dörfchen und Gehöften kommen, ohne richtige Natur dazwischen. In der Dunkelheit fand ich hinter dem letzten Dorf eine Alvar-Fläche mit rosaroten Gräsern. Zum Liegen war es bequem genug, nur das Zelt hätte ich in diese Steine ungern reingehämmert.
Dem Himmel sei Dank war für diese Nacht kein Regen angesagt. Auf Gotland muss man das wirklich dringend am Abend vorher prüfen, bevor man sich aufs Geratewohl unter den launenhaften Himmel legt. 


Mittwoch, 19. August 2026

Gotland: Von Hoburg nach Ljugarn

Ostseeradler geht zelten

Während ich die Halbinsel wieder verließ, blieben die Hügel noch hübsch felsig.

Außerdem lernte ich eine neues typisch gotländisches Bauwerk kennen: Das Kastal. Nirgendwo sonst in Schweden sind so viele dieser mittelalterlichen Wachtürme erhalten wie in Gotland, und auf keiner Gotland-Tagesetappe habe ich so viele gesehen wie auf dieser. Die runden Türme bewachten strategisch wichtige Häfen, Handelsplätze oder - wie hier - Kirchen. Das Sundre kastal besteht ausnahmsweise mal nicht Kalk, sondern aus Sandstein.
Dann wollen wir doch mal schauen, ob ich da reinkomme.

Ja, die Tür öffnete sich. Ich ließ sie lieber offen, sonst wäre der Aufstieg eine finstere Angelegenheit geworden. Wieder empfing mich in dem rekonstruierten Bauwerk erst mal ein kahler Kiesboden.
Früher war der einzige Eingang im dritten von drei Stockwerken. Diese Stockwerke waren innen durch Holzböden abgetrennt, die nicht mehr drin sind. Die Holztreppe wird auf den letzten Metern zu einer engen Steintreppe, und in einer Mauerritze stand ein Vogelnest, dessen Bewohner ausgeflogen waren. Also, wenn die direkt in Griffweite der Besucher nisten, dann kommt hier anscheinend nicht allzu oft jemand hoch.

Andere Kastale nur noch angefressene Ruinen, aber immerhin gut erkennbar.

Von den benachbarten Ruinen der Befestigung Fidelinjen war weniger zu erkennen, da brauchte es  Fantasie. Gut, im Prinzip war das auch einfach nur ein unbemanntes Mäuerchen mit Schutzbunkern. Wenn ein Feind auf der Halbinsel im Süden landete, dann sollte die Mauer fix bemannt und dem Gegner hier an der Engstelle den Weg nach Gotland abschnitten werden. Gegen die dänischen Soldaten von Valdemar Atterdag funktionierte diese Strategie null, Gotland erlitt eine blutige Niederlage. Die Grundidee fanden die Gotländer trotzdem gut und hielten die Fidelinjen auch im Zweiten Welt- und Kalten Krieg instand, sogar mit Atomschutzbunker.

Die Bushaltestelle im selben Dorf trug die Beschriftung Fide Hauptbahnhof, genau mein Humor.

Die Kirchen haben sich verändert: Sie sind jetzt nicht mehr weiß, sondern zeigen ihre nackten grauen Steinmauern. Und sie sind verschlossen. Jedenfalls die wenigen, bei denen ich es probiert habe. Ich wollte jetzt nicht bei jeder einzelnen absteigen, dafür waren es zu viele. Aber manchmal musste ich meine Flaschen nachfüllen, und wenn ich eh schon da war, konnte ich es ja versuchen.
Die Friedhöfe haben nämlich immer einen Wasser, an dem ein kurzer Gartenschlauchstummel hängt - gut geeignet nicht nur für Gießkannen, sondern auch für 1,5-Literflaschen. Ich hoffe mal, das ist wirklich Leitungswasser, vertragen habe ich es jedenfalls.
Auf einigen Friedhöfen hing Werbung für die App 100 Kyrkornas Ö (Insel der 100 Kirchen), mit der man alle gotländischen Kirchen auschecken kann.


Und auch das nächste freilichtmuseumsartige Bauernhaus lässt nicht auf sich warten: Direkt am Straßenrand begann der Museumsbauernhof Kattlunds. Das war mal der größte mittelalterliche Hof auf der Insel, und heute ist es der besterhaltene. Wobei es nicht immer so eindeutig ist, wo der eine Hof anfängt und der nächste aufhört: Das ganze Gelände wurde immer wieder geteilt, bis zu sechs Familien und 50 Menschen lebten hier, im Prinzip war der ganze Hof eher wie ein kleines Dorf. Der erste Besitzer, dessen Name bekannt ist, war ein vom Volk gewählter Richter namens Botulf Kattlund. Das war nach 1400, aber die ältesten Mauerstücke auf dem Hof sind noch 200 Jahre älter, und die ältesten Funde nochmal 700 Jahre älter.
Rund um die sattgrüne und penibel kurzgemähte Wiese standen verschiedene graue Häuser. Ich kam nicht richtig rein, außer in die Toilette, aber auch von außen war alles sauber beschriftet und erklärt. Das hier ist zum Beispiel ein Göpelhaus. Die Pferde drehten da drin das riesige Holzrad und trieben damit verschiedene Maschinen in der Scheune an, vielleicht auch eine, die ihr eigenes Futter produzierte: Zerkleinertes Getreide mit Wasser. Es gab 4000 Göpel auf Gotland, bis im 19. Jahrhundert andere Energiequellen als Getreidematsch erfunden wurden.

Auf den verwinkelten Nebenstraßen wechselten sich Wiesen, Nadelwälder und Ex-Nadelwälder ab. Stümpfe und Äste trockneten in der Sonne immer weiter aus. Ich eierte einigen unüberholbaren Pferdemädchen hinterher, deren Formation äußerst effektiv die Straße blockierte - eine viel bessere Verteidigungslinie als die Fidelinjen. Da wäre auch Valdemar Atterdag nicht so schnell durchgekommen.
Noch brauner als die Pferde und die Baumstümpfe waren die Schilder zu allen möglichen Hofläden. Aber ausgerechnet der Hof mit dem Schoko-Laden war natürlich geschlossen, auch wenn das Schild etwas anderes behauptete.
Was es mit den blauen Metro-Schildern auf sich hat, weiß ich nicht. Gotland hat vieles, aber bestimmt keine U-Bahn.

Für die Mittagspause bog ich zur Ostsee ab, die sich heute sehr bedeckt gehalten hatte. Das Dorf Hörte ist kaum mehr als eine Gehöftesammlung, hat aber auch einen kleinen Hafen (hinten im Bild) und Sandstrand (vorne im Bild). Klassische Ostseewellen schwappten gegen den Sand. Sie waren nicht sehr hoch, aber nach dem Baden kam ich trotzdem zum Schluss: Hier ist es zu windig zum Kochen. Gleich hinter der Düne lag ein Holzimbiss, der schon seit fünf Tagen oder so dichtgemacht hatte. Ausnahmsweise kam mir der frühe Saisonschluss auf den Inseln ganz gut gelegen, denn jetzt hatte ich einen Haufen robuster und halbwegs windgeschützter Holztische für mich. Ein paar Autos fuhren vorbei, aber niemand hat gemeckert.

Gotlands Flagge zeigt einen Schafbock mit eindrucksvollen Spiralhörnern und flattert im Wind. Eigentlich nicht überraschend, dass man sich auf so einer Insel in erster Linie mit der Insel identifiziert statt mit seinem Land oder der EU. Drei Stunden Fährfahrt sind nun mal eine erhebliche Abgrenzung.

Auch Gotland hat seine Groß

Ein niedliches Straßenschild warnte vor einer putzigen, dreiköpfigen Igelfamilie (alleinerziehendes Elternteil mit zwei Kindern), welche die Straße überqueren könnte. Die habe ich nicht gesehen, dafür aber andere Vertreter der Gotländer Tierwelt. Neben den omnipräsenten Kaninchen schwirrten auch immer wieder weiße Schmetterlinge paarweise durch die Gegend. Für die Balzzeit ist es ein bisschen spät, oder?

  

Nun müssen Schmetterlinge aber erst mal irgendwie entstehen. Und damit hat Gotland durchaus ein Problem. Einige Schilder warnen vor dem bösen Tallprocessionsspinnare, und ja, tall heißt Eiche. Die Raupen mit den schmerzhaft nesselnden Haaren treiben sich auch auf Gotland herum.
Und mitten auf der Terrasse des Campingplatzes kroch dann tatsächlich eine Raupe über den Teppich. Die sah im Prinzip aus wie ein anders gefärbter Eichenprozessionsspinner, orangebraun statt grüngrau. Anscheinend ist das ein Brauner Bär, und auch der kann schmerzhaft werden. Ich machte also jedes Mal auf dem Weg in die Küche einen großen Bogen und aß zur Sicherheit keinen Honig.

Gegen 15:30 Uhr war ich in der Strandstadt Ljugarn, die aus hölzernen Strandcafés und gelben Holzvillen besteht. Und ich überlegte, wie ich weitermache.

Heute Nacht könnte es wieder regnen, und ich wollte zumindest eine Nacht auf einem schwedischen Campingplatz verbringen. Wo ist denn hier einer? Hier in Ljugarn, hm. Dann nochmal in 20 Kilometern einer, aber der ist doppelt so teuer und wesentlich schlechter bewertet. Und den danach erreiche ich heute auf jeden Fall nicht mehr zu einer Uhrzeit, wo Rezeptionen geöffnet haben. Dann mache ich wohl jetzt Feierabend.
Ich stellte mich an der Rezeption vor, und endlich gelang es mir mal wieder, eine komplette Konversation problemlos auf Schwedisch zu führen. So langsam komme ich wieder rein. Ich konnte mir aussuchen, ob ich das Zelt auf die normalen Campingplatzwiesen oder auf der anderen Straßenseite an den Strand stelle. Ratet, was ich genommen habe.
Ljugarn hat eine richtig hübsche Strandlandschaft, die Dünen sind komplett flach, dafür wächst ein schlanker Streifen Nadelwald. Hier will ich hin! Auch wenn die Heringe manchmal aus der Sand-Nadel-Mischung wieder herausflutschten. Bis zum Wasser ist es doch noch ein kleiner Marsch, aber das hat auch sein Gutes, dann wird es weniger kalt. Inzwischen hatte sich das Wetter deutlich abgekühlt, darum sprang ich auch nur kurz in die Ostsee. Eigentlich wäre jetzt warmes Wasser ganz schön - dafür bin ich ja hauptsächlich hier.

In der Dusche ermahnte mich ein Aufkleber: Duschen Sie kurz. Eine Minute entspricht zwölf Litern Wasser. Jeder Tropfen zählt.
Eine Minute kostet 2 Kronen, und für jede neue Minute muss man die Duschkarte neu ans Lesegerät halten. An sich ein gutes Prinzip, um die Leute zum Wassersparen anzuhalten. Wäre da nicht ein Haken.
"Dann hätte ich gerne 10 Minuten", sagte ich an der Rezeption.
"Das geht leider nicht, 20 Minuten sind das Minimum."
Ja, auch dann, wenn man eine Nacht bleibt.
Euer Ernst? Dann beschwert euch nicht, wenn die Gäste ihre zwangsbezahlte Duschzeit auch nutzen wollen.

Der Tag war aber noch nicht vorbei, denn es gab auf jeden Fall eine Sache zu entdecken in Ljugarn. Ich fuhr die Straße noch ein bisschen weiter runter, vorbei an einem knallorangen Fahrradrikscha mit vier Sitzen und rekonstruierten Wikingerhäusern. Die Äste eines abgestorbenen Baumes bildeten das Rundungszeichen und zeigten mir so an, dass ungefähr hier das Naturreservat Folhammars beginnt. Auf den ersten Metern sah das noch nicht so aufregend aus. Am Wald stellte ich schließlich das Rad ab und folgte zu Fuß einem Pfad. Und fand mich wieder in einer ganz anderen Art von Wald.

Ein Säulenwald. Überall am Strand wachsen knollige Felstürmchen, bis zu sechs Meter hoch. Willkommen in den Rauken! Diese Landschaftsform ist das Markenzeichen Gotlands, und das erste von 25 Raukenfeldern der Insel war auch gleich mein Favorit.

Wie entsteht so was? Bei Hoburg waren die Felsen doch noch mehr oder weniger ein normaler Block. Die Antwort erklärt immer derselbe Text an jedem einzelnen Raukenfeld der Insel, aber meistens nur auf Schwedisch: Vor 430 Millionen Jahren, also im Silurzeitalter, war die Ostsee ein tropisches Meer und Gotland ein Korallenriff. Auf dem Riff lagerten sich zwei Sorten von Mineralien ab: Kalk und lehmiger Mergel. Als Gotland vor 10 000 Jahren wieder unter den geschmolzenen Gletschern zum Vorschein kam, konnte das Ex-Riff zum ersten Mal wieder Luft schnappen. Den Mergel spülte die Ostsee schnell ab, aber der Kalk dazwischen blieb stehen und imitiert bis heute die Form des Riffs und der Tiere darin.

Knirschend marschierte ich mitten hinein, über Pfade aus weißem Kies und grünem Gras, sogar ein Rast- und Grillplatz versteckte sich mittendrin.

 

Es braucht also keinerlei Fitness oder Bergsteigerkünste für eine "Raukensafari" (ja, so nennen das die Reiseführer). Aber wer trotzdem Lust auf Klettern hat und ca.10 Jahre alt ist, der wird hier wahrscheinlich seine helle Freude haben. Das Raukenfeld von Ljugarn erinnert an einen riesigen Abenteuerspielplatz, mehr noch als die anderen Rauken auf Gotland. Weiter hinten gibt es jede Menge versteckte Kessel und niedrige Kletterrauken, nichts ist scharfkantig, aber alles ist rau, sodass die Hände immer alles im Griff haben.

Nur auf die hohen Rauken direkt am Meer würde ich mein Kind nicht klettern lassen, aber ich glaube, da kommen die auch von selber drauf. Hier sind die fantasievollsten Formen zu finden. Manche Türmchen erinnern an Pilze, andere an rätselhafte Werkzeuge. Die zweite Rauke von rechts im Bild sieht je nach Blickwinkel aus wie ein hungriges, dickes Vogelbaby, wie ein Schraubenschlüssel oder wie Pacman.

Die andere Besonderheit am Ljugarner Raukenfeld ist: Es ist groß. Ich folgte dem Strand um einige Biegungen, und die Rauken hörten und hörten nicht auf. Irgendwann begannen sie kleiner zu werden, aber so ganz aufhören wollten sie nicht - obwohl der Anfang doch so abrupt gewesen war. An einer Stelle klammerte sich ein größtenteils umgestürzter, aber noch lebendiger Baum mit den Wurzeln an die Rauke, als weigere er sich, selbst schon zum Fossil zu werden.
Zur Wanderung gehört außerdem noch so eine Jungferntanz-Steinkreis wie auf der Insel Kyrklandet, hier aber deutlich lückenhafter.

Vermutlich erwartet der eine oder andere jetzt noch ein paar Wortspiele mit dem Wort Rauke, aber das haben die Souvernirläden von Visby bereits gründlich erledigt. Ich sag nur: Sex, Drugs and Rauk'n Roll.

Samstag, 30. Oktober 2021

Bornholm: Von Sandvig nach Sose

Bornholm II: Die Ostküste

4:30 Ich erwache. Es ist einfach schon so hell.

4:57, Sandvig, Kilometer 25 Ich fahre erneut die Straße nach Sandvig herunter und finde zum Glück sehr schnell die richtige Abzweigung. Über der Doppelstadt Allinge-Sandvig fuhren einst Züge, deshalb verläuft dort nun ein Bahnradweg mit prächtiger Aussicht. Straßenlaternen beleuchten ihn. Gelegentlich taucht er in den Wald ein, doch oft kann ich über die privaten Hinterhöfe bis zum Meer sehen. Das ist mal ein Radweg, bei dem es mir wirklich so gar nichts ausmacht, dass er nicht direkt an der Ostsee verläuft.


5:01 Ein orangefarbener Streifen erscheint hinter den Schornsteinen der Räuchereien. Ein Original Bornholmer Sonnenaufgang muss schließlich auch geräuchert werden.


5:09 Direkt neben dem Weg sollen sich die Felsritzungen von Madsebakke befinden. Ich mache mich auf die Suche.


3500 v. Chr. In der Bronzezeit sind diese Felsplatten heilig. Deshalb graben die Bronzezeitmenschen Löcher, stellen Säulen auf, und vor allem hämmern und malen sie maritime Motive in den Fels, darunter 16 Mal ein Schiff. Kein gewöhnliches Schiff, sondern ein göttliches Sonnenschiff, dass jeden Tag einen Feuerball über den Himmel transportiert und mit dieser brandgefährlichen Ladung globale Beleuchtung ermöglicht.
Vielleicht sollen die Zeichnungen besondere Ereignisse wie Hochzeiten, den Aufbruch zu langen Reisen oder die bestandene praktische Fahrprüfung markieren.

1000 v. Chr. Der Felsen ist immer noch heilig. Die Menschen stellen einen Zaun auf und halten rituelle Mahlzeiten ab, wie Knochenreste verraten.

400 Der Felsen ist nicht mehr ganz so heilig, denn es steht ein Haus darauf. Wozu es diente, ist unbekannt.

5:12 Während meiner rituellen Frühstückspause finde ich das rote Schiff, das überall im Internet zu sehen ist. Die Farbe wurde vermutlich nachgemalt, ich bezweifle, dass die über 5000 Jahre durchgehalten hat. Daneben sind weitere Schiffe in ganz blassem Rot zu erkennen. Ohne das nachgegemalte Schiff hätte ich die nicht gesehen.


5:13 Ferner sollen hier noch Kreise, Räder, Fußabdrücke, Tassen-Abdrücke (?) und ein Kreuz aus Rädern mit einem Tassen-Abdruck drin zu finden sein.
Ich identifiziere allenfalls Formen, bei denen es sich eventuell um Fische handeln könnte, oder einfach irgendwelche Löcher. Wenn das Ritzungen sind, dann sind sie echt tief geritzt. Immerhin wächst da schon Gras drin. Die waren wohl wirklich entschlossen, dass ihre Werke Jahrtausende überdauern sollen.


5:35 Allinge, Kilometer 28 Die Bahntrasse ist zu Ende, ich muss wieder eine Etage runter.

5:57 Tejn, Kilometer 31 Jetzt fahre ich auf dem Radweg neben der Küstenstraße, und zwar fast durchgehend bis Morgen früh. Erstmal geht es steil aufwärts. Es folgt ein ganz besonderer Steilküstenabschnitt, auf dem es von Sehenswürdigkeiten nur so wimmelt.

7500-5500 v. Chr. Vergessliche Jäger der Jungsteinzeit lassen ihre Werkzeuge am Meer liegen.

1300-1100 v. Chr. Ein gläubiger Typ der Bronzezeit lässt sich zufällig an derselben Stelle bestatten. Mögliche Feuerstein-Äxte im Rücken stören ihn nicht.

0-400 Sechs gläubige Seeleute der Eisenzeit lassen sich direkt daneben bestatten. Sechs erstaunlich spitze Grabsteine bilden einen Kranz, der entfernt an ein Schiff erinnert. Das Ding heißt Stammershalle. So ein Schiffsgrab in Meernähe ist die traditionelle Bestattung für Menschen, die ihr Leben auf einem Schiff verbracht haben.


6:17 Die Ostsee sieht an der Ostküste total anders aus. Flach und friedlich schwappt sie gegen den Fels. Oder liegt es daran, dass der Wind über Nacht nachgelassen hat?
Auf jeden Fall wage ich nun ein Bad. Dazu benutze ich den Steg des gelben Badehotels Stammershalle. Es ist eisig und die Wellen sind von hier unten gesehen doch nicht so klein. Ich schwimme eine Weile auf die Landspitze mit der Stammershalle zu (hinten rechts). Diese Steinzacken sahen im Internet echt größer aus.


6:47 Ich entdecke die Mündung des Døn. Kaum zu glauben, aber dieses Bächlein führt tatsächlich Wasser. Sehr gut.


6:50 Ich schließe mein Rad an einem Parkplatz an und folge dem Wasser tief hinein in den Wald des Døndalen. Der Pfad verläuft nicht direkt am Bach.

6:56 Ich überqueren den Bach auf einem Steg. Immer noch Wasser. Sehr gut.


6:57 Am Wegesrand wurden ein paar exotische Bäume gepflanzt. Nun ja, exotisch für Bornholm. Die Ægte kastanje zum Beispiel. Die steht bei mir zu Hause und fast überall in Europa ganz normal herum, aber hier oben ist das ein exotischer Baum.

7:03 Ich muss über einige Steine kraxeln, um endlich mein Ziel zu finden. Der Døndalen-Wasserfall ist mit 20 Metern der größte Wasserfall Dänemarks und Bornholms. Und der einzige, bei dem überhaupt Wasser fällt. Vermute ich mal. Denn selbst in diesen Fall fällt nur ein schmales Rinnsal. Es verbirgt sich in einer Art Dschungel inmitten von Felsbrocken, gefallenen Bäumen und algengrünen Steinen. Das wäre sicher eine nette Kulisse, wenn hier mehr als ein paar zarte Tröpfchen runterrieseln würden. Die Wasserfälle und die Stammershalle sind das einzige auf Bornholm, was meine Erwartungen nicht übertroffen hat.


7:29 Das Kunstmuseum präsentiert in seinem Park ganz schön schweinische Skulpturen.


7:36 Ich folge einem Schild zu den Heligdomsklipperne. Hinterm Kunstmuseum entdecke ich eine Treppe und steige abwärts. Leichter Regen hält mich nicht auf. Vielmehr scheine ich den Regen aufzuhalten, denn der Niederschlag hört sofort wieder auf.


Mittelalter, Johannisnacht Pilger wandern zur Heiligen Quelle der Rø Kijijla am Fuße der Klippen. Mehr weiß ich auch nicht.

7:37 Die Heiligtumsklippen fallen 22 Meter steil und eckig ab. Sie sind weitgehend frei von Schlingpflanzen und anderem Schnickschnack. Die sollen heilig sein? Während auf den Klippen der gegenüberliegenden Seite der Missionar Jon gepredigt hat, könnte ich mir an diesen nackten Klippen eher vorstellen, wie ein Philosoph der Aufklärung seine rationale Weltsicht erklärt hat. Auch sie sind eindrucksvoll, aber eben ganz anders als Jons Kapel.
Die Treppe setzt ihren Weg durch einen makellos rechteckigen Einschnitt im Felsen fort, der entweder auf natürliche Weise oder unter Zuhilfenahme von etwas Sprengstoff entstand. Es folgt ein Steg.


7:41 Dann endet der Weg in Form einer Leiter in einer steinigen Grube. Das verwirrt mich. Wozu diese Leiter? Was soll ich jetzt hier unten machen? In dieser Steinpfütze baden? Die Aussicht auf die Steinwand genießen? Oder diese sehr schmale Höhle betreten? Letzteres lasse ich lieber, denn die Höhle besteht im Grunde nur aus sehr großen, übereinanderliegenden Steinen.


7:55 Eine ausgehängt Karte verrät, dass es noch mehr Klippen gibt, die Namen wie Libertsklippen und Capriklippen tragen. Die anderen Felsen haben keine derart sicheren, seltsamen Sackgassentreppen, sondern nur wilde Pfade. Einem davon folge ich, bis es steil wird und weitergehen mir zu riskant erscheint. Da ich nicht auf der Suche nach dem perfekten Insta-Poträt oder sonst was bin, sehe ich keine Veranlassung, mir auf dem Weg bis zur Felsspitze den Hals zu brechen.


8:22 Der Radweg wird zu einem schmalen Seitenstreifen. Der Grund dafür ist möglicherweise Platzmangel, denn die letzten Ausläufer der Heiligtumsklippen erstrecken sich bis an die Straße.


8:26, Gudhjem, Kilometer 42 Eine weiße Windmühle verkündet, das ab hier die spektakuläre Klippenküste vorbei ist, die Radwege breiter werden und regelmäßig Städte folgen. Wie auf Rügen ist die Ostküste nämlich dichter besiedelt.


9:10 Warum liegt hier eigentlich Stroh? Weil die hiesigen Mähdrescher es bis auf den Fahrradweg spucken.


9:24 Für einen Kilometer ist der Radweg sogar doppelt vorhanden.


10:06 Ich mache einen Abstecher ins hügelige Hinterland, wo Getreide, orangefarbenen Blumen und Hügelgräber wachsen.


10:30 Mein Zwischenziel ist der Brændesgårdshaven (hoffentlich habe ich den Namen richtig abgetippt). In Deutschland käme niemand auf die Idee, einen derart sperrigen Namen für einen Freizeitpark zu wählen.
Pünktlich zur Öffnung komme ich an. Da bin ich nicht der einzige. Ich bin nicht mal der einzige, der morgens bei der Saukälte baden gehen will. Vier andere wagen sich auch ins Wasser. (Allerdings bin ich wohl der einzige Bekloppte, der morgens vorher noch fix vier andere Sehenswürdigkeiten der Insel besucht hat.)
Der Park ist im Grunde eine Kombi aus Zoo und Freibad, die zusammen bezahlt werden.
Der Zoo-Teil besteht vor allem aus Hängebauchschweinen und mehreren kleineren Affenarten, eben Tierarten, die bei Kindern besonders gut ankommen und zugleich besonders leicht zu halten sind.
Der Freibad-Teil besteht aus vier hubbeligen Wasserrutschen, die sich einen Hügel runterschlängeln und im selben eiskalten Becken landen. Entsprechend zeigt das Logo des Parks einen Lemuren auf einer Rutsche.
Ich lasse mich ein paarmal schockfrosten und beobachte die Lemuren bei ihren hyperaktiven Kunststücken und die Hängebauchschweine beim... hängen. Die machen eigentlich nix.


12:07, Svaneke, Kilometer 57 Der Brændesgårdshavnen gehört zur westlichsten Stadt Bornholms. Sie begrüßt ihre Besucher mit einer grauen Windmühle und einem eigenartigen pyramidenförmigen Aussichtsturm.
Ob man da wohl hochsteigen kann? Ich suche den Turm hinter irgendwelchen Gärten und Hecken. Nö, die Wendeltreppe ist versperrt. Schade.


1816 Die Svaneker bauen einen neuen Hafen. Er ist halb so groß, aber auf magische Weise viel effizienter, sodass statt 8 bis zu 40 Schiffe gleichzeitig anlegen können. Dadurch wird Svaneke eine erfolgreiche Handelsstadt, die Kaffee, Zucker und Kohle durch ganz Europa verschifft. An guten Tagen werden in der Werft vier Segelschiffe gleichzeitig zusammengezimmert.

1870 Der Svanen (Schwan) wird gebaut. Es ist das letzte große Segelschiff der Stadt, anschließend vollziehen die Werften den Segelausstieg zugunsten der neumodischen Dampfmaschinentechnologie. Zum Gedenken an diese bedeutende Verkehrswende steht das Grundgerüst des Svanen nachgebaut im Hafen herum.

 

12:14 Die Betonbadestelle im Hafen von Svaneke ist mit einem Sprungturm ausgestattet. So richtig einladend sieht das trotzdem nicht aus. Ich war ja heute schon baden.

12:20 Ich habe Hunger. Aber wenn ich auf dieser teuren Insel was esse, dann will ich auch den berühmten Bornholmer Hering probieren. Am Hafen entdecke ich ein Restaurant, das den Schornstein einer Räucherei aufweist. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. In der Speisekarte suche ich nach dem Wort sild und bestelle schließlich sol over Gudhjem. Das wurde nach der Stadt benannt, die ich gerade durchquert habe, wie cool! Ich denke deshalb, es handelt sich um eine regionale Spezialität, dabei ist das in ganz Dänemark bekannt.

12:25 Der Hering liegt auf geröstetem Brot, und dazu gibts Eigelb, Schnittlauch und Radieschen. Das wird tatsächlich eher als belegtes Brot und nicht als Hauptgericht gesehen, schmeckt und sättigt aber deutlich mehr als nur ein irgendein Brot. Auf dem Bild sieht das irgendwie kleiner aus, als es ist.


13:29, Årsdale, Kilometer 60 Im Hafen der nächsten Stadt ist der Übergang vom Norden in den Süden der Insel perfekt zu erkennen. Die Felsen werden immer flacher und spärlicher, bis der Sandstrand sie vollständig ablöst.


13:43 Bevor ich mich ganz vom Granit verabschiede, mache ich eine ausgiebigen Ausflug ins Binnenland. Ich suche eine besonders schöne Landschaft namens Paradisbakkerne (Paradieshügel).

14:08 Keuchend tauche ich in einen Wald ein. Hügel gibts hier auf jeden Fall genug, aber so richtig paradiesisch sieht das noch nicht aus. Ich fotografiere ein paar detaillierte Wanderkarten ab, schließe mein Fahrrad an der Straße an und suche das Paradies. Offenbar wurde es abgeholzt.


11700 v. Chr. Die letzte Eiszeit hinterlässt in einem schönen Wurzelwald einen Wackelstein, auf dänisch Rokkestenen. Seitdem wackelt der, wenn man ihn richtig rüttelt. Obwohl ich vermute, dass es anfangs noch nicht so viele Touristen gab, die das probiert haben.

1960-2000 Der Rokkestenen wackelt infolge von Vandalismus nicht. Wie auch immer die Vandalen das angestellt haben.

14:17 Der Rokkestenen wackelt angeblich wieder. Dazu soll man mit beiden Händen kurze, schnelle Stöße ausführen, und zwar am spitzen Ende. Da wird es schon schwierig: Beide Enden sehen aus dem richtigen Blickwinkel spitz aus. Ich probiere es auf beiden Seiten, erziele jedoch keinen Erfolg.


14:41 Auf dem Rückweg wähle ich eine andere Route durch eine spezielle Schlucht namens Kodal. Das sieht schon deutlich schöner aus. In der Mitte schlängelt sich ein Bächlein durch sumpfigen Boden, während auf beiden Seiten schroffe Felswände abfallen. Dieses Tal ist wortwörtlich, wie Herbert Grönemeyer sagen würde, außen hart und innen ganz weich. Oder wie es die Hinweistafel formuliert: Sehr hübscher, charakteristischer Senkungsgraben.


14:50 Aber so richtig zufrieden bin ich mit den Paradisbakkerne noch nicht. Hier sollte es doch auch Heide geben, oder? Ich fahre auf der Straße ein paar Meter weiter und wähle einen anderen Einstieg in die Natur.

15:01 Dort finde ich mehr als genug Heide. Sie wächst auf dem steinigen Gipfel des Midterpilten. Mit 113 Metern ist das der höchste Punkt des Gebiets. Die Paradisbakkerne haben wirklich schöne Ecken, man muss sie nur suchen. Aber weil die Entfernungen viel kürzer sind, als sie auf der Karte aussehen, ist das kein Problem. Nicht mal für mich, obwohl ich heute noch nebenbei die ganze Ostküste umrunde.



15:28, Neksø, Kilometer 66 Nach dieser ausgiebigen Wanderung sause ich runter in die nächste Stadt.


15:30 Die Windmühle von Nexø erstrahlt in dänischem Gelb und passt damit optimal zu den Hafenanlagen. Haben sich die Städte irgendwie abgesprochen, damit ihre Mühlen auf keinen Fall dieselbe Farbe haben?


15:39 Dort beginnt der einzige Abschnitt seit Allinge, wo der Radweg nicht direkt neben der Küstenstraße verläuft. Wie beim letzten Mal liegt das daran, dass es sich um einen Bahnradweg handelt. Schnurgeradeaus lässt er die letzten Häuser der Stadt hinter sich. Als das Meer einen Schlenker nach links macht, lässt er sich nicht davon beeinflussen und taucht geradeaus in den Wald ein.


15:47 Direkt am Meer verläuft ein Kiesweg. Ich erkunde ihn ein Stück und besteige einen Vogelbeobachtungsturm. Auch in Dänemark ist es üblich, in solche Türme vergilbte Schilder mit Vogelbildern zu nageln, damit die ornithologisch Unbedarften identifizieren können, was da flattert. Ich erkenne immerhin die sølvmåge (Heringsmöwe).


16:03 Da ich mir Sorgen mache, ob mich dieser Weg nicht in die Irre führt, ob er gut passierbar ist, und weil ich Bahnradwege mag, kehre ich dann doch wieder auf den Waldweg zurück. Er belohnt mich mit einer richtig großen Heidefläche, die ich beim Fahren ausgiebig bestaunen kann.


16:20, Snogebæk, Kilometer 72 Ich entdecke einen hochseetauglichen Vorgarten mit Schiffsschraube.


16:39, Dueodde, Kilometer 76 Ein alter, sehr hoher Radarturm beinhaltet eine Cold War Exhibition. Beworben wird sie mit dem dramatischen Slogan Russerne kommer! Davor fürchten sich die Bornholmer angesichts ihrer Lage und Geschichte sicher mehr als andere Dänen.
Ob man im Museum irgendwie den Turm raufkommt? Schade, scheint eh schon alles geschlossen zu sein.


16:50 Stattdessen biege ich ab in den Fyrvej (Feuerweg), der direkt an den Sirenevej grenzt. Hier gehts zum beliebtesten Strand der Insel, doch der Weg dahin ist lang. Zunächst versperrt eine Barriere aus Eisdielen den Weg. Eine davon hat ihre eigene Wassermühle. Da bleibt mir leider keine andere Wahl, als ein Eis zu essen.


1861 Die Ostsee hat ein 12 Kilometer langes sogenanntes Sandtreiben angespült. Es gehört König Frederik VII., aber der kann damit nicht viel anfangen. Die einzigen, die überhaupt was damit anfangen können, sind genügsame Schafe, doch zufälligerweise ist der dänische König kein genügsames Schaf. Also verkauft er das Land an die umliegenden Bauernhöfe. Aber nur unter der Auflage, dass sie da Wald anpflanzen. Frederik VII. hatte offenbar mit Anakin Skywalker gemeinsam, dass er keinen Sand mochte.

1930 Die Waldanpflanzung läuft gut. Etwas zu gut, denn die schönen Dünen sind fast weg. Der Rest wird unter Naturschutz gestellt. Nur ein paar spezielle Gebiete für Ferienhäuser bleiben außen vor.

16:54 Hinter den Eisdielen verwandelt sich die Straße in einen Holzweg. Der ist richtig lang. Wer hier vom Parkplatz zum Strand läuft, passiert unterwegs gefühlt mehrere Klima- und Zeitzonen. Klingt nervig, ist aber toll.
Zuerst laufe ich durch knorrigen Küstenwald mit Sand.


16:56 Dann durch eine Wüste. Hier rutschen Kinder mit ihren Sandboards die Dünen runter. Dafür muss man nicht in die Sahara fahren.

 

16:58 Dann durch eine Heide.


17:00 Dann durch einen sumpfigen Wald mit dicken Hecken und dichten Stacheln.

17:02 Dann erreiche ich endlich den Strand. Am südlichsten Punkt von Bornholm schwimme ich noch eine Runde. Hier lässt es sich wirklich gut baden, die Menschen verteilen sich (anders als die Mülleimer) gleichmäßig über die Fläche. Doch das wirklich Einzigartige ist der Weg zum Strand.


18:55, Pederskirke, Kilometer 85 Mehr Meer sehe ich an der Südspitze der Insel nicht. Der Radweg folgt wieder der Straße im Binnenland. Oha, da steht ja ein Weingut! Mir war nicht klar, dass ich so weit nach Süden gefahren bin.


19:14 Die letzte Mühle des Tages ähnelt einem Geist, der seinen Kopf unterm Arm trägt.


20:15, Sose, Kilometer 93 Ich biege ab zum Naturlagerplatz am Meer. Eine kleine Straße bringt mich zu einem Strandparkplatz mit Klo, doch ein Schild verbietet das Campen. Ich muss noch weiter nach hinten.

20:21 Ein Netz dünner Sandwege durchzieht die Dünen. Ein kleines grünes Schild verbietet das Campen.

20:22 Campen verboten. Bin ich hier wirklich richtig?

20:23 Campen ist immer noch verboten, doch immerhin weist ein zweites Schild den Weg zum Lagerplatz, wo campen eventuell erlaubt sein könnte.


20:24 Campen erlaubt, na endlich. Der Lagerplatz besteht aus einer kleinen Wiese, die komplett von Bäumen eingeschlossen wird. Die Bäume bilden fast schon einen richtigen Unterstand, der jede Sicht auf Dünen oder Meer versperrt und das vorhandene Abendlicht halbiert, dafür aber vor Regen schützt. Ein anderes Zelt steht da schon drin.

20:27 Ich gehe erstmal runter zum Sandstrand von Sose Odde und kühle mich im Wasser ab. In der Ferne stehen zwei Leute auf einer Düne, vermutlich die Bewohner des Zelts. Ich winke ihnen zu, um mich schon mal mit den Nachbarn für heute Nacht gutzustellen.


21:02 Ich sitze auf einem Baumstamm und esse eine Suppe vom Campingkocher. Die anderen Radfahrer kommen dazu und trinken Wein. Sie haben gerade erst mit ihrer Bornholm-Tour angefangen und fragen mich nach Tipps. Das war möglicherweise ein Fehler. Ich texte sie so lange zu, bis sie überfordert sind. Zur Belohnung schenken sie mir eine Karte. Sie zeigt die restlichen Paar Kilometer bis Rønne, die sie heute schon abgefahren haben. Bei der Touristinfo haben sie gratis einen Satz solcher Karten bekommen, welche die komplette Insel abdecken. Mist, die hätte ich auch gebrauchen können.