Freitag, 3. Mai 2024

Von Koovi nach Emmaste

Am nächsten Morgen erblickte ich mit Schrecken eine einstellige Zahl. Es war der Akkustand meines Handys. Was, warum hat es über Nacht nicht geladen?
Ganz einfach: Weil der Akkustand meiner Powerbank sogar noch einstelliger war, um nicht zu sagen: nullstellig. Wie, ich habe sie doch gestern noch im Restaurant geladen? Das Teil ist wohl schon in jungen Jahren altersschwach geworden. Oje, wie sehr klagen wir doch alle, wie abhängig wir sind von diesem kleinen Rechteck voller Technik! Wie werde ich dann wohl ohne es in der Fremde klarkommen?
Erst mal ganz gut. Zu Fotografieren gab es eh nix, ich kürzte die Westküste, an der man eh nichts vom Meer sieht, ein bisschen ab, und nahm eine direkte Strichelstraße in Richtung Norden. Der Weg war auch mit einer Papierkarte im Maßstab 1:120 000 kinderleicht zu finden. (Je weiter ich auf der Ostsee komme, umso kleiner macht Bikeline die Maßstäbe. Aber irgendwie fühlt sich eine Seite trotzdem noch gleich lang an - das Wunder des Nicht-Abbiegens halt.)

Dennoch wollte ich das Problem lösen und steuerte den nächsten geöffneten Supermarkt in Kihelkonna an. Vielleicht verkaufte er ja vollgeladene Powerbanks? Nein, überhaupt kein Handyzubehör, dafür zig Arten von Taschenlampen. Als ich hilflos mit Kabel und Handy wedelte, führte mich Verkäuferin1 freundlicherweise zu einer Steckdose. Die ich aber nur wenige Minuten nutzen konnte, bis Verkäuferin2 eine Tiefkühltruhe herbeischob und sie dort anschließen wollte. Naja, immerhin fünf Extraprozent habe ich hier herausbekommen.


Die waren wieder futsch, als ich an einer Stelle ankam, die ich wirklich fotografieren wollte. Ausgerechnet an der zweitschönsten Stelle des Tages, und einem der wenigen Orte, wo man durch den Wald zum Wasser kommt. Das nachfolgende Foto habe ich daher von Google Maps genommen - das Wetter kommt ungefähr hin.
Was am Festland begonnen hat, geht auf den Insel einfach weiter: Die Finger. Sie wachsen immer mehr, und hier an Saaremaas Nordküste haben sie eine so stattliche Größe erreicht, dass man sie per Rad umrunden kann, ohne in eine Sackgasse zu geraten. Zumindest so halb, nicht bis ganz zur Spitze. Und eben das macht der Ostseeradweg. Auf den Fingern wächst Wald, aber er sieht unterschiedlich aus. An der Seite ist ist er trocken und steil. In Vaigu bildet er eine richtige kleine Steilküste, wo die Nadelbäume direkt aus dem steilen Schotterbett zu wachsen scheinen. Damit dort niemand eine Lawine auslöst, wurde ein Holztreppe draufgesetzt. Auf Nordsaaremaa ist das alles andere als selbstverständlich, wie ich bald erfahren werde.

An den Enden der Buchten, zwischen den Fingern, wird der Wald dagegen flach und sumpfig. Birkenalarm!

In Mustjala fand ich dann einen Tante-Emma-Laden mit einem Schreibtisch in der Ecke. Tante Emma hatte rein gar nichts dagegen, dass ich das Handy dort für eine Stunde anstöpselte und neben ihre Papiere legte. Also ist dann jetzt wohl Mittagspause. Die Rastbank am Dorfteich hatte schon eine fröhliche Großfamilie besetzt, aber auch an der Bushaltestelle konnte ich kochen.

Guter Dinge bog ich nach dem Mittagessen ab zu einer Straße direkt an der nächsten Steinernen Küste. Die Küste hat hier zur Abwechslung mal keinen Finger, dafür aber ein Highlight, für das ich einen kleinen Ausflug mache.

Die Straße endet an einem Parkplatz mit mehreren Dixiklos. Hinter dem Holzzaun erstreckt sich eine Wiese - die abrupt endet und den Blick freigibt auf eine blaue Fläche.
Die Sonnenuhr zeigte an, dass der Nachmittag bereits hereingebrochen war, aber egal, hier musste ich mir Zeit nehmen.

Denn als ich an die Kante trat, entpuppte sich das abrupte Ende der Wiese als die schönste Stelle der estnischen Ostsee. Auf den ersten Metern rutschen nur Kieselsteine eine schräge Geröllhalde runter. Aber dann wird die Schräge plötzlich senkrecht, und hellgrau, im Sonnenlicht fast schon weiß, fallen schroffe Platten aus Kalkstein in Richtung Meer.
Nordsaaremaa hat viele Klippen, aber das hier ist die höchste (21 Meter), längste (3 Kilometer) und die einzige in vernünftiger Entfernung zur Radroute.

Dies sind die Klippen von Panga Pank (Pank bedeutet auch so viel wie Klippe). Hoch über ihnen ragt ein Grenzturm auf, der jetzt rot angemalt wurde und das Wetter misst. Das Messergebnis ist eindeutig: Heute war ideales Wetter für die Klippen. Sie wirkten auf mich genauso simpel, klar und gradlinig wie die Wiese, der Himmel und das Meer.

Die Wiese wurde aber bald von einem Wald abgelöst, der nicht ganz so simpel ist. Hier gibt es mehrere Pfade, und eine zweite Stufe aus Kalkstein fällt schon ein gutes Stück vom Meer entfernt steil nach unten. Also gut überlegen, ob ich oben oder unten weiterlaufe! Denn zwischen den Etagen des Waldes gibt es nur noch steile Pfade, auf denen ich hinter langsamen, dicken Touristen hinterherklettern musste.

Aber ich wollte noch ein bisschen weiter. Schließlich stand auf dem Plan vorhin, dass es hier irgendwo einen Weg die Klippe runter, wahrscheinlich eine Treppe, geben soll, und ich hatte schon echt Lust, mir das Ganze noch einmal von unten anzusehen. Dann erreichte ich die Stelle und... es war keine Treppe.
Nur zwei Seile.

Beim tourist rope wollte irgendwer richtig Geld sparen. Oder die dicken Touristen ins Schwitzen bringen. Einfach ein paar Knoten zum Festhalten reinmachen, das Ganze fest an einem Baum verknoten und fertig. Das war mal eine andere Herausforderung als die Holztreppen vom Kap Arkona oder Møns Klint. Auf geht's! Nach wenigen Metern stellte ich fest, dass das erste Seil zu Ende war. Keine Ahnung, was das zweite dann überhaupt soll, eins reicht eigentlich auch.
Der staubige Boden blieb fest und rutschte nicht, wenn ich meine Füße dagegenstemmte, und so steil, wie es von oben aussah, ist die Stelle auch nicht - das Seil wurde in einen Einschnitt den Klippen reingehängt, oder der Einschnitt ist unter vielen Touristenfüßen entstanden, keine Ahnung. Ich seilte mich Knoten um Knoten ab, und dann stand ich auch schon am Strand.

Von unten sind die Klippen viel besser zu erkennen, weil die Geröllschräge nicht im Weg ist. Angeblich steckt da viel Dolomitgestein drin, also dasselbe Zeug, das auch der Meteorit von Kaali freigelegt hat. Warum ist es dann so viel heller? Weil noch Kalk mit versteinerten Moostierchen drin beigemixt wurde.
Und was mir oben schon aufgefallen ist, wird hier noch deutlicher - die Ostsee ist erstaunlich klar! Liegt vielleicht daran, dass nur Steine und kein Sand den Meeresboden bedecken. Unter Wasser versteckt sich noch eine dritte Klippe, die man höchstens anhand der Wellenformen erahnen kann. Alle drei Klippen sind etwa 430 Millionen Jahre alt. Geologen nennen diese Zeit Silur und sagen, von hier bis zum schwedischen Gotland geht die Silurische Küste. Aber halt größtenteils unter Wasser, deshalb kann ich diese Küste nicht mit dem Rad abfahren.
Dieses Bild könnte glatt vom Mittelmeer stammen.

Die Sowjets bauten auf die Klippen, Sie erraten es bestimmt schon, eine Militäranlage oder ein Kordon, wie man in Estland sagt. Insgesamt schluckten diese Militärareale 1,9 Prozent von Estlands Fläche. Auf dem Panga Pak gab es nie irgendwelche anderen Siedlungen, also ist klar, dass all die Mauern im Wald aus dem Kalten Krieg stammen. Das hier war zum Beispiel ein Lager für Treibstoff und Munition. Erst 2022 wurden daneben zwei alte Panzerprojektile im Boden entdeckt.
Die Soldaten fuhren mit diesem Treibstoff herum und suchten Grenzverletzer, stellten die Genehmigungen für Fischer aus, die tagsüber aufs Meer schippern wollten, und gelegentlich auch für Geologen und Geographen, die die Klippen erforschen wollten. Durch ihren Berufsalltag kannten die Fischer zwangsläufig die Nummern und Positionen mancher Kordons, aber es war ihnen streng verboten, diese Infos zu veröffentlichen. Alle paar Kilometer stand ein Telefonmast an der Küste, mit dem die Soldaten das nächstbeste Kordon anrufen konnten.
Nachts durfte hier niemand unterwegs sein, und um das zu kontrollieren, drehte sich hier ein dicker Scheinwerfer automatisch im Keis, und radioaktive Isotope befeuerten ein Leuchtfeuer.
In der estnischen Sowjetrepublik wurden nur loyale Genossen mit abgeschlossener Ausbildung in die Grenztruppen aufgenommen, anfangs für vier Jahre, später nur für eins. Wer Verwandte im Ausland hatte, kam schon mal gar nicht in Frage. Das war in der DDR anders, wo die eine solche Masse an Grenztruppen brauchten, dass sie es sich nicht leisten konnten, so stark auszusieben.

Auf der Kurischen Nehrung in Russland soll es einen tanzenden Wald mit lustigen schiefen Bäumen geben. Den konnte ich nun leider nicht sehen, aber auch in den baltischen Staaten sind mir hier und da tanzende Bäume begegnet. Keiner von denen geht dermaßen ab wie die tanzenden Bäume von Panga Pank.

Was ist mit den Bushaltestellen los? Gestern waren das noch bunt bemalte Betonblöcke, heute verwandeln sie sich mehr und mehr in kleine skandinavische Ferienhäuser! Darin befinden sich Tische Stühle, zum Teil sogar Bücherregale (aber ausgerechnet die Haltestelle auf meiner Mittagspause war einfach nur verdreckt)! Ob man darin übernachten kann? Nee, lieber nicht.
Ich fürchte leider, diese Haltestellen verraten eine Menge darüber, wie lange man hier durchschnittlich auf den nächsten Bus warten muss und welchem Wetter man dabei oft ausgesetzt ist. Aber hübsch sind sie trotzdem.

Farblich passen dazu diese gigantischen Marienkäfer aus Findlingen.

Der letzte richtige Ort auf Saaremaa ist Leisi. Hier versprach ein Schild kostenloses öffentliches WLAN. Das traf sich gut, ich sollte jetzt wirklich mal nach Fährzeiten und Unterkünften recherchieren. Aber das WLAN verlangte ein Passwort, und niemand konnte mir sagen, wie man es bekommt. Das mobile Netz ist wirklich besser als in Deutschland, aber die vielgelobten öffentlichen WLAN-Netze Estlands blieben mir oft verschlossen.

Ich radelte also durch eine Baustelle auf gut Glück zum Fährhafen Triigi. Und das Glück war mir definitiv hold. Mein Reiseführer hatte geschrieben: Eine Fähre fährt stündlich, die andere alle zwei Stunden, nur zu der hier machte er keine Angaben, aber ich dachte, dann wird sie ungefähr ähnlich oft kommen. Ein dummer Gedanke, wie mir jetzt auch klar ist, schließlich fährt sie nicht zum Festland, sondern nur zwischen zwei Inseln, und hat außerdem noch einen ganz anderen Betreiber.
Diese Fähre fährt zweimal täglich, 9 und 19 Uhr. Was für ein Glück, dass ich hier nicht mittags aufgekreuzt bin! So musste ich nur anderthalb Stunden warten.
Und es waren sehr komfortable anderthalb Stunden. Das Wartehäuschen erinnerte eher an ein Wohnzimmer. Ich chillte auf einem Sofa, lud mein Handy weiter auf und kaufte mir an einem modernen Touchscreen-Automaten schon mal die Fahrkarten. Oh, die Fähre scheint auch sehr modern zu sein - der Apparat verspricht WLAN, Snacks und Getränke.

Als ich dann irgendwann die Fähre bestieg, wurde mir mein Irrtum sehr schnell bewusst. Diese Fähre war ungefähr so modern wie ein Röhrenfernseher. Aus irgendeinem Grund befindet sich der große Aufenthaltsraum für die Fahrgäste hier unter dem Fahrzeugdeck - ist das nicht gefährlicher, als wenn man auf dem Fahrzeugdeck bleibt? Auf jeden Fall ist es lauter, denn die Maschinen liegen nur eine Wand entfernt und dröhnen durch den Saal. Die Snack-und-Getränke-Bar war eine nicht besetzte Theke mit insgesamt fünf Sorten abgepackten Lebensmitteln. Und als ich in den oberen Raum ging und einen Seemann nach dem WLAN-Passwort fragte, entgegnete er, das sei nur für die Crew.
Er erklärte aber auch, das hier sei nur ein Ersatzschiff, bis das andere repariert sei. Wollen wir's hoffen.

Nach einer Stunde errichte der olle Rumpelkahn Sõru (das õ ist übrigens ein ungerundeter halbgeschlossener Hinterzungenvokal und klingt somit wie ein leicht angeekeltes Ö) auf der dritten Moonsund-Insel mit dem Namen Hiiumaa (die Esten haben wirklich einen unerschöpflichen Vorrat an Vokalen).
Blickfang im Hafenbecken ist ein halbfertiges Holzschiff.

Früher muss hier mehr losgewesen sein als zwei Fähren am Tag, denn sogar eine Bahn dampfte hierher. Zumindest entdeckte ich gleich hinterm Hafen eine Bahntrasse, und als einziger baltischer Bahnradweg ist der hier sogar asphaltiert. Ich radelte durch die Rückseite der Dörfer an einer Ruine ohne Dach vorbei.

Die gehörte wahrscheinlich auch zum rosaweißen Gutshaus von Emmaste. Als das Ding 1779 gebaut wurde, mussten die Dorfbewohner erst mal alle umgesiedelt werden, damit Jakob Pontus Stenbock auf ihrem Gebiet einen großen Milchbauernhof gründen konnte. Später zog eine Schule in das Gebäude.

Ich haste nach Emmaste. Die Bahntrasse bringt mich genau auf den richtigen Umweg und mitten rein ins Dorf - ja, dieses Bild ist im Dorfzentrum entstanden, nicht im Dorfpark. (Kaum zu unterscheiden, oder?)
Für heute hatte ich das Akkuproblem gelöst, aber ich brauchte jetzt trotzdem unbedingt eine Nacht an einer Steckdose, und auch sonst war ein Bett keine schlechte Idee. Kurz vor Abfahrt der Fähre hatte ich mir ein wunderbares Ferienzimmer im Café Emmaste Teemaja gebucht. Das Café war noch im Winterschlaf, aber der Wasserkocher im Zimmer erwies sich (neben den Steckdosen) als großes Highlight. Ich nahm den Namen der Unterkunft sehr ernst und verbrachte den Abend mit vielen, vielen Tassen Tee.


Von Virtsu nach Koovi

Virtsu ist eigentlich nur als Ort um die Fähre entstanden, und das sieht man auch: Es gibt eine große Straße zum Check-In-Schalter, und auch sonst scheint einfach alles auf die Fähre zuzustreben. Inklusive mir.
An sich könnte ich auch auf dem Festland weiterfahren (wobei ich da keine Städte und nicht viel Meer sehen würde, weil ich einen großen Fjord weiträumig umfahren müsste). Aber alle, wirklich alle Quellen sind sich einig, dass die Ostseeradler jetzt über die Moonsund-Inseln weiterfahren sollen. Na, dann muss da ja was dran sein.
Ich machte mich also gleich morgens auf zur ersten Fähre, löste eine Fahrkarte und stand dann noch ein paar Minuten herum, während über dem Moonsund die Sonne aufging. Der Nebel verwirbelte ihr Licht zu fantastischen Formen.
An dieser Stelle kommt mein Bikeline mit der verrücktesten Wegbeschreibung um die Ecke, die ich jemals in einem Reiseführer gelesen habe: Wenn im Winter der Sund tief genug zugefroren ist, kann man die Insel über eine auf dem Eis markierte Trasse erreichen. Das Buch empfiehlt, im tiefsten Winter 25 Kilometer übers Eis zu radeln.
Dazu folgende Fragen:
1. What?!
2. Ist das wirklich noch aktuell, trotz globaler Erwärmung und so? Offenbar schon: Der Stadtführer in Tallinn meinte jedenfalls, auch heute noch würden die estnischen Eisbader jeden Winter Löcher ins Eis hacken. Es gibt ganze sieben Eisstraßen in Estland, und die hier ist die längste.
3. Wer zur Hölle würde denn um diese Jahreszeit eine Estland-Radreise machen? Ich wurde ja schon schräg angeschaut, weil ich im April gestartet bin. Und im Januar? Damit ich mir das antue, muss nicht der Moonsund gefrieren, sondern die Hölle.

So richtig konnte ich mir nicht vorstellen, wie das hier im Winter mit der Eisstraße aussehen muss. Wahrscheinlich fühlt man sich dann wie in einer ganz anderen Welt (der sogenannten Virtsual Reality).

Die Fähre fährt etwa einmal pro Stunde, aber nicht immer zur selben Zeit. Deswegen habe ich vorher online nachgeschaut. Dort gibt es eine Tabelle, in der einzelne Fahrten mit Symbolen markiert sind, zum Beispiel dem Radioaktiv-Zeichen (Gefahrguttransport), Prozentzeichen (teurer wegen Stoßzeit) und einer Schweineschnauze (Viehtransport - Achtung, es können typische Gerüche auftreten!) Äh, danke, ich nehme lieber eine ganz normale Fahrt.
Auf jeden Fall macht die Tabelle klar: Das hier ist kein Touristenboot, hier fahren echte Esten, und auf den Inseln leben und arbeiten wirklich Leute. Es sind schließlich die drei größten Inseln des Landes. Die Esten überlegen sogar, hier eine Brücke hinzubauen. Die Fähre ist ungefähr so mittelgroß wie die Langelandslinjen in Dänemark und so modern, dass ich während der 30 Minuten Überfahrt kaum die Zeit fand, all das zu tun, was ich vorhatte: Meine Trinkflaschen auffüllen, mein Handy an der Steckdose laden, im WLAN noch ein paar Sachen nachgucken und frühstücken. Die Fähre serviert müden LKW-Fahrern ein Frühstück aus, wie Terry Pratchett sagen würde, flugunfähigen Vogelembryonen, Fleisch von bestimmten Körperstellen von Schweinen und pflanzlichen Knollen, die in tierisches Fett getaucht wurden (Eier, Speck und Bratkartoffeln). Dieses Zeug bereiten sie auf eine bemerkenswerte Weise zu, die zwar den Magen ausstopft, aber trotzdem weder satt macht noch Energie verleiht. Schon klar, so ein Frühstück ist nicht das gesündeste - aber noch nie bin ich vom Tisch aufgestanden mit dem Gefühl, warmes Styropor gegessen zu haben.

Ansonsten war die Fähre aber tiptop und setzte mich pünktlich am Anleger von Kuivastu ab. Der schöne Sonnenaufgang war verschwunden, wir waren in einer grauen Wolke gelandet.
Und auf Muhu. Früher hieß die mal Moon oder Mohn. Obwohl sie die kleinste der drei Inseln auf meiner Route ist, hat sie dem Moonsund ihren Namen gegeben.

Kuivastu ist das Spodsbjerg Estlands: Nur eine Fähre und ein Grüppchen einsamer Einfamilienhäuser. Die meisten stehen am Wasser, ausgenommen diese römische Villa.

Die Insel Muhu würde ich dagegen eher mit dem dänsichen Tåsinge vergleichen. Ich hätte mittendurch auf der Straße fahren können, aber dann wäre ich die ganze Zeit im starken Verkehr und schnell wieder von der Insel runter gewesen, ohne viel gesehen zu haben. Außer ein einsames Kunstwerk von... einem Typen mit Schmetterlingsflügeln, der in einem riesigen Stelzenstuhl im Sumpf hockt? Was will uns der Autor damit sagen?
Vermutlich nicht gerade, dass seine Insel überbevölkert ist. Aber immerhin 2000 Menschen leben hier, mehr, als ich gedacht hätte.

Nein, da folge ich doch lieber der Karte auf einem Bogen durch die Südseite der Insel. Auf einmal zerfaserte die Nebelwolke, und strahlend blauer Himmel kam heraus. Ein erstaunlicher Übergang.

Nun ja, wirklich viel zu sehen gibt es hier auch nicht. Auf der Fähre hing eine bunt bemalte Karte, auf der die Sehenswürdigkeiten der beiden Inseln eingetragen waren. Und im Süden Muhus stand da eigentlich nur: Pädaste Mõis. Ein beigefarbenes altes Gutshaus, das nun als Hotel dient.

Immerhin: Den Pädaste-Park kann man von 12 bis 19 Uhr besuchen. Wenn man sich ordnungsgemäß bei Pförtner anmeldet, bezahlt und er die Schranke hochlässt. Na prima, und da steht noch nicht mal dran, was der Spaß kosten soll. Irgendwas muss es aber kosten, sonst wären da nicht die gut sichtbaren Aufkleber für Kreditkarten, die hier akzeptiert werden.
Da fand ich es nicht mehr schade, dass sich das ganze Mõis noch im Winterschlaf befand.

Sehr schade fand ich dagegen die folgenden Schlammwege, denn die waren unter aller Sau. Vielleicht hätte ich doch lieber im Norden Muhus langfahren sollen, dort soll es sogar Klippen geben.

Egal, die nächste Insel wartete schon. Eine befremdliche Verbindung führt hinüber: Auf den ersten Metern gibt es noch einen separaten Damm für Radler, nur um mich dann einfach auf die Hauptstraße auszuspucken. Hö, soll ich hier jetzt auf dem Standstreifen der Gegenrichtung als Radweg weiterfahren, oder wie ist das gedacht?
Auf kleinen Halbinseln kann man sich von dem dämlichen Damm erholen und unter Strommasten rasten, welche Muhu mit Elektrizität versorgen.

Statt Leitplanken, Geländer oder dergleichen setzt dieser Damm einfach auf ein niedriges Seil. Aber das Ding ist halt auch schon ziemlich alt. Seit dem 17. Jahrhundert fuhren spezielle flache Fähren, man nannte sie skate of the strait, und im Winter Pferdeschlitten auf dem Eis. Weil das nicht reichte, begannen1894 die Bauarbeiten. Einer der größten Damm-Enthusiasten war ein Lehrer und Kantor namens Carl Wilhelm Freundlich, der sich für den Bau engagiert hatte, ohne ihn noch zu erleben. Das Zarenreich stellte 14 250 Rubel zur Verfügung. Von dem Geld wurden erst mal Zweige ins Wasser gelegt, damit der Damm nicht im sandigen Meeresboden versinkt. Dann wurde das gemacht, was schon bei den Molen von Ainaži und Pärnu gut geklappt hatte: Lasst die Bauern Steine von ihren Feldern hertragen und bezahlt sie pro Stein, um den Mindestlohn zu umgehen sie zu motivieren, möglichst viele pro Tag zu bringen. Für 3 Meter Damm gab es 50 Rubel (das entsprach vier Milchkühen oder sechs AfD-Abgeordneten). Dafür mussten sie dann später auch jedes Mal fünf Kopeken abdrücken, um den Damm zu überqueren. Es gab auch mal ein Gasthaus am Brückenrand, das im Ersten Weltkrieg zu Bruch ging. Und erst in den 60ern kam Asphalt obendrauf.
Auf den Zweigen von 1894, den Steinen der Bauern und dem Asphalt der 60er erreichte ich also Estlands größte Insel: Saaremaa.

Und sollte dann direkt in Saaremaas zweitgrößten Ort abbiegen: Orissaare. (Als Gott die Vokale verteilte, war er in Estland zu großzügig und hatte dann keine mehr für Polen und Tschechien übrig.)
Mitten in Orissaare liegt ein Fußballplatz, und mitten auf diesem Platz steht eine Eiche, die mächtiger ist als die Sowjetunion. 1951 versuchten die Arbeiter und Bauern, sie zu fällen, und scheiterten an den dicken Wurzeln. Also haben sich die Fußballspieler einfach dran gewöhnt.
Dazu ein Rathaus vor einer Wiese, ein paar alte Industriegebäude und ein nagelneuer Coop-Supermarkt.

Auch auf Saaremaa macht die Route einen Bogen nach Süden, auf dem man jede Menge Gutshäuser, aber kaum etwas vom Meer sieht. Dafür aber eine der ersten Steinkirchen in ganz Estland, in Pöide (im Bild).
Ganz anders das Dorf Sakla (nicht im Bild), das als eins der ersten Dörfer seine Landwirtschaft kollektivieren musste - dementsprechend ist es aus der Ferne an seinen grauen Plattenbauten zu erkennen.

Lajmala dagegen ist besonders stolz auf seine Wiesen und seine Dichterin: Die Menschen haben ihre komplette Bushaltestelle zu einem bunten Botanik-Lehrbuch angemalt und der Poetin Debora Vaarandi eine Statue aufgestellt.
Ihre Familie zog von Pöide nach Tallinn nach Lajmala. In den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg kauften sie einen kleinen Bauernhof hinter dem Gutshaus und lebten die ersten Winter mit einem nichtfunktionierenden Herd im Keller des Guts. Trotz der harten Zeit glorifizierte sie die Heufelder von Saaremaa in ihren Gedichten (vielleicht, weil ihr Erwachsenenleben später mit Tuberkulose und Scheidungen auch nicht gerade leichter wurde).
Der Platz war knapp, vor allem, als ihr Bruder auch noch seine Verlobte dazuholte. Also bauten die Eltern einfach eine Sauna, in der sie dann auch schliefen. Wie in Skandinavien scheinen Saunen im Baltikum kein Luxus, sondern allgegenwärtiger Teil der Kultur und eine Waffe gegen die Kälte zu sein. Die Eltern gründeten auch die Dorfbibliothek, und ihre Kinder wurden die besten Stammkunden.
Einer von Debora Vaarandis bekanntesten Sätze ist übrigens: "Lennart, du wirst jedes Jahr mehr und mehr wie das Kamel von Viiralt." Der wurde zum geflügelten Wort. Das ist dann wohl estnischer Humor.

Saaremaas ganz spezielle Blumenböden heißen Alvar. Sie entstehen, wenn der Boden sehr nährstoffreich, aber dünn und im Sommer komplett getrocknet ist. So was gibt es nur auf den Ostseeinseln und in wenigen Gebieten von Südschweden, Westestland und bei St. Petersburg. Wie bei der Heide müssen ab und zu junge Bäume abrasiert werden, damit die Fläche so bleibt. 1994 wurden auf einem Quadratmeter Alvar 49 verschiedene Pflanzenarten entdeckt. Na, dann bin ich mal gespannt, wie viele ich sehe.
Und was soll ich sagen? Endlich mal etwas, wofür ich genau zur richtigen Jahreszeit hier bin! Saaremaa lebte und blühte in einem farbenfrohen Teppich aus weiß, gelb und grün. Das sind die schönsten Straßengräben der Ostsee! Ich dachte, ich wüsste, wie man in den Frühling hineinradelt, seit wir in den Osterferien an der Donau von den ersten kleinen Schneeresten zu warmem Sommerwetter fuhren. Aber diese Baltikumsreise war die Extremversion davon!
Auf Saaremaa leben drei Prozent aller estnischen Menschen und schätzungsweise 99 Prozent aller estnischen Wiesel. Wieder und wieder huschten die kleinen braunen Tiere wie von einem Bogen abgeschossen über die Straße - viel zu schnell, um sich überfahren zu lassen (und damit eine angenehme Abwechslung zu den doofen, endlos auf dem Weg Haken schlagenden Kaninchen, die auf vielen Inseln grassieren).

So, nachdem ich nun an zig geschlossenen Heimatmuseen vorbeigefahren bin, möchte ich aber doch mal irgendetwas auf den Inseln intensiver und am besten auch von innen besichtigen. Selbst, wenn ich dafür einen Umweg von sechs Kilometern einschieben muss. Auf nach Kaali!
Dieses Dorf wirkt gleich auf den ersten Blick ein bisschen anders. Es ist gemauert aus hellbraunen Steinen, die eine seltsame Kälte ausstrahlen. Im Herrenhaus befindet sich ein geöffneter Laden, und vor der Tür stand eine einsame Estin hinter einem Karren und verkaufte Souvenirs aus geschliffenem Stein.
"Guten Tag, ich würde gern das Museum besuchen.", bat ich im Geschäft. Und tatsächlich: Kaum hatte ich 2,50 Euro bezahlt, führte man mich in den Nachbarraum und knipste das Licht an.

"Yeah, this is the museum...", meinte die Kassiererin beinahe entschuldigend, weil es ja nur ein Raum war. Ach was - als ob ich bei 2,50 das Ozeaneum Stralsund erwartet hätte! Nee, bei dem Preis war mit genau so was zu rechnen: Ein Raum voller dichtbeschriebener Texttafeln und ein paar Gesteinsproben. Seltsam ist nur dieser allgegenwärtige kalte Stein, aus dem obskure Formen gemeißelt und ringsherum die Gesteinsproben platziert wurden. Das Museum zeigte mit einem bunt zusammengepuzzelten Steinrelief, aus welchen Mineralien Saaremaa so besteht, und gab mir Tipps, welche Klippen ich morgen auf der Nordseite besuchen soll.

Aber eigentlich geht es im Museum um einen rätselhaften Erdwall, der nur einen kurzen Spaziergang entfernt, hinter der Schule, aufragt. Schöne Spazierwege und Treppen führen rund um den Wall und auf und ab. Das ganze Ding ist 16 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 110 Metern. In der Mitte dümpelt ein grünlicher Teich mit erstaunlich klarem Wasser. Nach all dem Flachland hatte ich keine besonderen Erwartungen, und so traf mich unvermittelt die besondere Atmosphäre dieses Ortes wie ein Schlag. So riesig hatte ich mir das nicht vorgestellt! Als ich den ersten Schritt die Treppe hinunter machte, umfing mich die Stille, als würde ich in eine andere Zeit hinabsteigen.
Was mag das sein? Vielleicht ein Burgwall, der heiliges Wasser beschützen sollte? (Ja, aber der wurde erst später obendrauf gemauert.) Ein Vulkanausbruch? Eine aufgelöste Salzschicht (wahrscheinlich Kaali-Salze, höhö)? Gas? Wasserdampfexplosionen? Die Menschen rätselten jahrhundertelang.
Und lagen falsch.

Denn als das Ding entstand, lebte noch kein einziger Mensch auf Saaremaa. Und schon gar keiner mit einer funktionierenden Handykamera, der es hätte aufnehmen können. Schade eigentlich.
Vor 4000 Jahren stürzte ein Meteorit vom Himmel. Er brachte 20 bis 80 Tonnen auf die Waage, wenn es derart belastbare Waagen gäbe, und wäre mit 15 bis 45 Kilometern pro Sekunde geblitzt worden, wenn es derart schnelle Blitzer gäbe. Wäre ich ein Meteorit, könnte ich eine Tagesetappe in etwa drei Sekunden erledigen.
Als er auf unsere Atmosphäre knallte, zerbrach er in acht Stücke. Alle Stücke blieben noch ganz kurz zusammen und landeten genau auf diesem Bild.

Dabei wühlten sie die Erde auf, zerrten versteckte Dolomitenfelsen aus 50 Meter Tiefe empor und zerrissen sie zu schartigen Fetzen. Noch heute ragen sie krumm und schief aus dem Erdwall auf, in skurrilen Formen, die ich so nicht mal in den italienischen Dolomiten gesehen habe.
Das ist eigentlich auch der Grund, warum Geologen den Meteoritenkrater von Kaali so spannend finden - nicht wegen irgendwelcher außerirdischer Mineralien, sondern weil sie dadurch überhaupt erstmal gucken konnten, was denn so im Planeten Erde drinsteckt.
Denn vom Meteoriten selbst ist überhaupt nichts mehr drin.

Beim Aufprall beschlossen die acht Bruchstücke, sich zu trennen, schossen aus dem Hauptkrater heraus und produzierten auf auf dem nächsten Quadratkilometer nochmal acht Nebenkrater, die zwischen 15 und 40 Meter breit sind. Krater Nummer 4 liegt gleich neben der Straße nach Kaali, hat kein Wasser und eine kleine Treppe. Dort runterzusteigen fühlt sich eher an, wie in ein merkwürdiges Loch im Wald zu klettern - ich konnte sogar über den Rand gucken.
Andere Nebenkrater liegen versteckt auf Bauernhöfen hinter Haufen aus Mist. Zumindest, wenn ich der Karte am Museum korrekt gefolgt bin.
Und erst in diesen Nebenkratern fand 1927 der Bergbauingenieur I. A. Reinwald komische Spuren von Eisen, in dem Iridium drinsteckte - und mehr als drei Prozent Nickel! So eine Kombi gibt es auf dem Planeten Erde nie, sondern nur im Weltall. Damit war das Rätsel um den Krater von Kaali endlich gelöst - kein Wunder, wenn sich das außerirdische Metall so gut versteckt! Wobei der Krater natürlich auch Raum genug für Verschwörungstheorien bieten würde, die seine Entstehung ganz anders erklären, aber ich habe nicht den Eindruck, dass Esten auf so was stehen. Nein, sie erfinden lieber Sagen dazu - Verschwörungstheorien mit Stil.

Bis hierhin war der Meteoritenkrater für mich ein Motivationskrater gewesen. Aber als ich ihn hinter mir gelassen hatte, hatte ich auf einmal auch alle Energie hinter mir gelassen. Unvermittelt traf mich das, was man einen Durchhänger nennt. Ich musste nur noch bis zur Inselhauptstadt Kuressaare, um im Zeitplan zu bleiben - eigentlich ein Klacks. Morgen würde ich dann immer noch auf Saaremaa fahren, und erst übermorgen die Insel wechseln...
Aber irgendwie war mir die Lust an den ewigen Dorfstraßen vergangen, und ich hielt direkt auf der großen Hauptstraße auf die neuntgrößte Stadt Estlands zu. Am Ortseingang kam mir erstmal ein Minigolfplatz entgegen, auf dem einige Gebäude Saaremaas eher lieblos nachgebaut wurden. Soweit ich gesehen habe, ist das leider das einzige im Baltikum, das einem Modellpark irgendwie nahekam.

Die Stadt ist dagegen wirklich schön und besteht aus Holzvillen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Wie in Ventspils ist das Zentrum eher breit und niedrig - kein Wunder, auf der Insel ist genug Platz.
Ich wollte erstmal dem Durchhänger auf den Grund gehen und rausfinden, was mir fehlte. Vielleicht sind das die psychologischen Auswirkungen, wenn man warmes Styropor frühstückt? Eine anständige Mahlzeit muss her! Neben dem Restaurant dort standen Fahrräder mit dicken Taschen! Ich interpretierte das einfach mal als gute Bewertung und stieg hinab ins Kellergewölbe.

Dort bestellte ich erstmal die Vorspeise der baltischen Staaten: Knoblauchbrot. Ich habe es auf dieser Reise in allen Formen probiert: Trocken in der Plastikdose aus dem Supermarkt, als warmer Imbiss auf der Fähre von Kiel und (am besten) in der schicken Restaurant-Variante, frisch geröstet mit Käse drauf und Knoblauchsauce aus der Sauciere. Ein Snack und zugleich eine Nahkampfwaffe, wenn man jemanden danach anhaucht!
Und auch das Hauptgericht gab es richtig oft in den baltischen Staaten: Schnitzel mit Käse und Milchsauce drauf.

Als Kuressaare noch Arensburg hieß, herrschte in der (Sie erraten es sicher schon) Arensburg der (Sie erraten es sicher schon) Deutsche Orden. Die Burg steht hier seit 1380 und ist die am besten erhaltene mittelalterliche Burg im Baltikum. Und sie gehört zu den Burgen, bei denen man durch 80 verschiedene Wälle, Tore, Zugbrücken und Gräben marschiert, bis man dann eventuell irgendwann mal in der eigentlich richtigen Burg ist. Mit einem Fahrrad geht das zum Glück deutlich schneller! Die Holzvilla im äußeren Burgring wird als Hotel genutzt.

Aber irgendwo in der Mitte liegt ein 29 Meter hoher Turm namens Pikk Hermann a.k.a. Langer Hermann. Das Museum in der eigentlichen Burg verschloss gerade seine Pforten.

Macht ja nichts, draußen auf den Verteidigungswällen durfte ich kostenlos herumschlendern. Die haben die Schweden im 17. Jahrhundert dazugebaut. Sogar ein Windmühlchen steht auf den Kasematten, wahrscheinlich fürchteten die Schweden einen Angriff von Don Quichote. Diese hölzernen Mini-Mühlen sind in Estland an vielen Stellen zu finden, aber meistens versteckt am Dorfrand und nicht so prominent mitten in der Stadt.

Und da ist ja auch endlich wieder die Ostsee! Hinter den Burgwällen blinkt sie in der Sonne.
Ich bin jetzt mehr oder weniger gegenüber vom Kap Kolka; an der engsten Stelle der Irbestraße sind es nur 30 Kilometer rüber nach Lettland. Tja, für mich war die Strecke ein bisschen länger. Was bei einer Radreise sogar erwünscht ist, ist für Leute aus der Region natürlich eher frustrierend. Bis 2009 gab es eine Fähre von Virtsu nach Ventspils, jetzt wird diskutiert, ob es stattdessen eine ab Saaremaa geben soll.

Für ein kurzes Stück gibt es in Kuressaare sogar einen Uferweg direkt am Wasser.
Die Rigaer Bucht geht jetzt wieder in die normale Ostsee über. Nur dass sie hier nicht mehr Ostsee heißt, sondern Läänemeri. Das bedeutet: Westsee. Ich bin inzwischen so weit gefahren, dass das Meer den komplett entgegengesetzten Namen hat. Ergibt Sinn, hier liegt die Ostsee halt im Westen (aber auch viel im Norden und Süden). Wenn ich so darüber nachdenke, ist es echt nicht die schlauste Idee, ein Meer nach der Himmelsrichtung zu benennen, in der es für einen selbst liegt, das fordert doch Missverständnisse geradezu heraus. (Die Nordsee hieß zum Beispiel früher in Deutschland auch Westsee.)
Da haben es die Lateiner, Slawen und Briten mit Baltisches Meer schon besser gemacht. Oder? Was bedeutet eigentlich dieses balt, mit dem mein Meer und die drei Staaten auf dieser Tour immer wieder bezeichnet werden? Da gibt es drei Theorien: Entweder kommt es vom Wort Belt (Gürtel), weil die Ostsee so langgestreckt ist, oder vom litauischen baltas (weiß) oder von der sagenhaften Bernsteininsel Baltia, von der angeblich alles Bernstein in der Ostsee kommt und mit der die antiken Geschichtsschreiber vielleicht das dänische Seeland oder... Saaremaa gemeint haben! Puh, da bin ich aber froh, dass ich nach dieser Abschweifung wieder den Bogen zurück auf die aktuelle Insel schlagen kann.

Um wieder richtig auf die Spur zu kommen, war ich in Kuressaare auch noch in der Sauna. Obwohl das Saunieren hier fast so beliebt ist wie in Skandinavien, muss ich leider sagen, dass alle drei baltischen Staaten von Saunabarbaren bewohnt sind: Sie legen kein Handtuch unter und setzen sich direkt aufs Holz in den Schweiß ihres Vorgängers. Entsprechend sieht das Holz zum Teil aus.
Die kleine Therme im Hotel in Kuressaare stach da zumindest ein bisschen positiv hervor: Überall in den Regalen liegen kleine eingerollte Handtücher, die man kostenlos benutzen kann. Es benutzt sie zwar nur die Hälfte der Gäste, und die Dinger sind auch kaum größer als ein Waschlappen, aber für die baltischen Staaten ist sogar das ein rekordverdächtiger Grad an Handtuchabdeckung.

Wie auch immer, trotzdem kam ich da gut erholt raus. Der Moment, in dem ich meinen Durchhänger endgültig überwand, war aber der, als mir klar wurde, dass ich, wenn ich jetzt noch ein bisschen durchziehe, doch noch weit genug kommen könnte, um morgen schon mit der Insel fertigzuwerden. Vergessen Sie Essen, Entspannung und Ostseeblick - was mir gefehlt hat, war ein halb unrealistisches, ehrgeiziges Ziel, das mich antreibt! Und die Aussicht, irgendwann auch wieder von der schier endlosen Insel runterzukommen.
Dass der Weg dann erst mal so aussah, war natürlich auch hilfreich - ein schnurgerader Radweg an der schnurgeraden Straße durch den schönen Küstenwald.

Den ich dann leider verlassen musste. Die Wegweiser schickten mich zwar weiter auf eine Schleife über die extralange Halbinsel Sõrve - aber meine Karte sagte, ich solle die Halbinsel ignorieren und auf einer kleinen Straße abkürzen. Ach, deswegen stand auf dem Wegweiser vorhin eine viel höhere Kilometerzahl! Tja, ich hatte die Tour mit der Kilometerzahl der Karte geplant, und spontan so viel Strecke obendrauf zu packen, war mir dann doch zu heikel.
Auf der Rückseite von Sõrve entdeckte ich die Ruine der orthodoxen Kirche von Tiirimetsa. Kein überraschender Anblick, denn auf Sõrve gab es 1944 eine schlimme Schlacht. Deutschland hatte ganz Saaremaa, das auf Deutsch den öden Namen Ösel trug, gleich zu Beginn des Russlandfeldzugs erobert, denn hier konnten sie russische Schiffe auf dem Weg in die offene Ostsee blockieren. Bis die Sowjetunion wieder vorrückte.
Das Verrückte ist nun, dass ich genau in diesem Moment den Bericht eines Zeitzeugen erhielt. Und zwar per Whatsapp aus Deutschland. Meine Mutter wusste nur, dass ich mich irgendwo auf Saaremaa befand. Und sie wählte ausgerechnet diesen Zeitpunkt, um mir einen Auszug aus dem Lebensbericht eines Senioren zu schicken, mit dem sie gesprochen hatte. Der Mann hatte keine guten Erinnerungen an die Insel und wirkte keinesfalls verstimmt darüber, dass sie nun zu Estland gehört. Er ging mit 70 Männern in die Hölle und kam mit sieben wieder heraus. Diese sieben waren die letzten, die nachts am Leuchtturm von Sõrve von deutschen Piloten abgeholt wurden, danach gehörte Saaremaa wieder der Sowjetunion.

Die machte aus der Insel eine komplette Sperrzone, auf die man nur mit Genehmigung kam. Auf Sõrve errichtete sie eine Militärstadt, den Zwilling vom lettischen Irbene. Gemeinsam bewachten die beiden die Einfahrt in die Rigaer Bucht. Durch Krieg und Deportationen zweier Regime verlor die Insel 30 Prozent der Einwohner. Immerhin blieb der Anteil an Esten hier sehr hoch, denn es wurden kaum Russen angesiedelt - wahrscheinlich wollte man ihnen zusätzlich zu der großen Entfernung zur Heimat nicht auch noch die Sperrzone und Fährüberfahrt zumuten.

Damit wäre ich nun an der Westküste angekommen, und im Sonnenuntergang bog ich nach Norden auf eine einsame Landstraße ein, die ich fast für mich hatte.
Nur noch wenige Kilometer, dann reicht es, und ich kann Saaremaa morgen fertigkriegen.

Bei diesem Ding hier handelt es sich laut Schild um ein Sepa Suurkivi. Damit sollten ja wohl alle Fragen abschließend beantwortet sein. Nicht? Na gut, dann frage ich mal Google Übersetzer. Es bedeutet Großer Stein des Schmieds.

Die estnischen Ortsnamen sind mitunter recht befremdlich.

Nein danke, lieber noch ein Dorf weiter... ah ja, Koovi klingt in Ordnung. Solange ich mich da nicht mit Koovid anstecke.